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CHICAGO 

Natural History 
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MONATSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 



Aus dem Jahre 1870. 



Mit 13 Tafeln. 






BERLIN 1871. 

BUCHDHUCKEKEI DER KGL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (G. VOGT) 
CNIVERSITÄTSSTR. 8. 



IN COMMISSION IN FERD. DUMMLER S VERLAGS-BUCHHANDLUNG. 
HARRWITZ UND GOSSMANN. 




15&767 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

Januar 1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr Kummer. 



3. Januar. Sitzung der philosophisch-historischen 
Klasse. 

Hr. Mommsen las über einige bei Ässuan aufgefundene rö- 
mische Inschriften. 



6. Januar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Riefs las über die Theorie der neuesten Elek- 
trophormaschine und der überzähligen Conductoren. 

Bei der Beurtheilung von Influenzmaschinen herrscht noch 
grofse Verwirrung. Während im Laufe der letzten Jahre :#ei oder 
vier Influenzmaschinen als wesentlich neue beschrieben wurden, in 
welchen leicht alte Apparate zu erkennen sind^, ist die neueste 
Elektrophormaschine vom Erfinder, dem Dr. Holt z, als .eine alte 
Maschine in neuer Gestalt eingeführt worden, 1 ) obgleich sie mir 
wesentlich neu erscheint. — Das von mir vor drei Jahren ange- 
wandte Princip zur Unterscheidung solcher Maschinen besteht 
darin, 2 ) dafs man die durch Influenz erregten Elektricitäten in 



x ) Poggend. Annalen 136. 171. 
3 ) Akad. Monatsb. 1867 203. 



[1870] 



2 Gesammtsitzung 

Betracht zieht, und die Maschinen nach den Combinationen dieser 
Elektricitäten ordnet, welche sie benutzen. Eine Maschine also 
von noch so ungewöhnlichem Aussehn, welche eine bereits be- 
nutzte Combination der Influenzelektricitäten anwendet, ist als we- 
sentlich alte, und eine Maschine, einer bekannten im Aussehn noch 
so ähnlich, ist als wesentlich neue Maschine anzusehn, wenn sie 
eine Combination benutzt, die noch keine Anwendung gefunden 
hat. In diesem Sinne habe ich meine Meinung über die neueste 
Elektrophormaschine zu begründen. 

Die Elektrophormaschinen zeigen im Allgemeinen einen Pa- 
pierkuchen, davor einen Metallconductor, der mit einem Metall- 
kamm endigt, und eine Glasscheibe, die zwischen beiden rotirt. 
Nachdem der Papierkuchen elektrisirt worden, kommen durch Dop- 
pel-Influenz drei nachweisbare Portionen von Elektricität zum 
Vorschein: im Conductor die Menge -f- m 9 auf der (dem Kuchen 
zugewandten) Vorderfläche der Glasscheibe die Menge — £>, auf 
ihrer Hinterfläche die Menge — m. Ich erinnere daran, dafs m 
und p ächte Brüche sind, wenn der erregende Kuchen die Elek- 
tricitätsmenge 1 besitzt und dafs hier die Vorzeichen die Elek- 
tricitätsart in Bezug auf die der Kuchen angeben. Vom positiv 
elektrischen Kuchen erregt, bezeichnet -+- m positive — m und — p 
negative Elektricität, vom negativen Kuchen erregt, — m und — p 
positive, -+■ m negative Elektricität. 

Die vor drei Jahren bekannten drei Elektrophormaschinen 
mit Doppel-Influenz habe ich am angeführten Orte folgendermaafsen 
geordnet, wobei ich hier noch äufsere Kennzeichen hinzusetze: 

Töplers Maschine benutzt die Elektricitätsmenge — m und 
besitzt in einfachster Einrichtung drei drehbare Glasscheiben. 

Holtz erste Maschine benutzt die Combination der Mengen 
(H- m) ( — m) ( — p) und besitzt nur Eine drehbare Scheibe. 

Holtz zweite Maschine benutzt die Combination (-(- m) ( — m) 
und besitzt zwei Scheiben, die in entgegengesetzter Richtung ge- 
dreht werden und abwechselnd die Rolle der Papierkuchen über- 
nehmen. 

Als zu neuen Maschinen brauchbar hatte ich die Combi- 
nationen (-\-m) ( — p) und ( — m) ( — p) bezeichnet. 

Die neueste von Holtz construirte Elektrophormaschine, deren 
Theorie hier folgt, gebraucht neben der Combination, (•+■ m) ( — m) 
( — p) die Combination ( — m) (— p) und besitzt Eine drehbare 



vom 6. Januar 1870. 3 

Scheibe. Ich will diese Maschine, des leichteren Verständnisses 
wegen, zuerst in der einfachen Form beschreiben, in der ich sie 
benutzt habe, bei welcher nur ( — m) ( — p) zur Anwendung kommt, 
und dann die Einrichtung anführen, die ihr Holtz gegeben hat. 

Eine vertikale drehbare Glasscheibe von 15 Zoll Durchmesser 
befindet sich zwischen einer ihr parallelen ruhenden mit 2 Aus- 
schnitten versehenen Glasscheibe und 2 horizontalen, der Mitte der 
Ausschnitte gegenüberliegenden Metallkämmen, deren Stiele in ge- 
wöhnlicher Weise mit 2 verschiebbaren Metallstäben, den Elek- 
troden, verbunden sind. An der freien Fläche der ruhenden Scheibe, 
entfernt von den Ausschnitten, ist in einem gegen den Horizont 
geneigten Durchmesser, über und unter der Ebene der Kämme, 
ein etwa 4 Zoll langes f Zoll breites Papierstück (der Kuchen) 
befestigt, von welchem ein 1^ Linie breiter, nahe 5 Zoll langer 
Papierstreifen zum nächsten Ausschnitte geht und mit einer in den 
Ausschnitt hineinragenden Cartonspitze endigt. Jede Cartonspitze 
tritt etwa 1 Zoll vor den Metallkamm ihrer Seite hervor. Den beiden 
Papierkuchen stehen zwei Metallkämme (zur Unterscheidung die 
schrägen genannt) gegenüber, die dauernd mit einander metallisch 
verbunden sind. Die Scheibe wird, wie an der alten Maschine, 
in der Richtung von einer Cartonspitze zu dem mit ihr verbun- 
denen Kuchen schnell umgedreht. Zur bequemen Darstellung der 
Figur denke man sich, wie es Hr. Bertin gethan hat, 1 ) statt 
der beiden Glasscheiben einen hohlen Glascylinder um seine Axe 
drehbar, in einen ruhenden Cylinder gesteckt, und zeichne deren Quer- 
schnitt. Die Metallkämme kommen dann in der Bildebene zu liegen. 
Fig. 1. „--- «<< 



n ) Annal, de chimie (4) 13. 190, 



4 Gesammtsitzmg 

Der innere Kreis entspricht der rottenden, der äufsere punk- 
tirte der ruhenden Glasscheibe der Maschine. Die schrägen mit 
einander verbundenen Metallkämme sind bei h und 8, die horizon- 
talen Kämme mit den zum Experimente dienenden Elektroden bei 
e und e deutlich, die Papierkuchen bei a und b nebst ihren Ver- 
längerungen bis zu den Ausschnitten der ruhenden Scheibe, vor 
welche die Cartonspitzen m und n hervortreten. 

An der alten (ersten) II oltz 'sehen Maschine sind nur zwei 
Metallkämme mit gegenüberliegenden horizontalen Papierkuchen vor- 
handen, und jeder Kamm hat eine zwiefache Bestimmung: er em- 
pfängt Elektricität von der gedrehten Scheibe durch sogenannte 
Einsaugung 1 ) zur Abgabe an die mit ihm verbundene Elektrode 
und er elektrisirt die Scheibe mit entgegengesetzter Art. Diese 
Elektrisirung ist abhängig von der Elektricität, welche die Elektrode 
bereits besitzt, nimmt mit zunehmender Menge dieser Elektricität 
schnell ab und hört bald auf. Die sogenannte Einsaugung von 
El. durch den Metallkamm nimmt zwar gleichfalls ab mit steigen- 
der Elektrisirung der Elektroden, aber bei Weitem langsamer, weil 
die elektrische Glasfläche dem Kamme näher steht, als die elektrische 
Papierfläche. Entfernt man die Stelle der Elektrisirung der Scheibe 
von der Stelle der Einsaugung, so läfst sich eine gröfsere Dichtigkeit 
in den Elektroden erlangen. Diese Trennung der beiden Stellen 
ist bereits in Töpler's Maschine und in Holtz' zweiter Maschine 
vorgenommen und jetzt in der hier betrachteten Elektrophorma- 
schine. Die horizontalen Kämme e dienen als Einsauger, während 
die schrägen Kämme h die Glasscheibe mit Elektricität versehen, 
also mit den ihnen gegenüberstehenden Papierkuchen die Rolle der 
Reibzeuge an der gewöhnlichen Elektrisirmaschine übernehmen. 



i) Einsaugung bezeichnet den Erfolg der Erregung eines Metallstückes 
durch Influenz, die sich von der gewöhnlichen Erregung dadurch unterschei- 
det, dafs dabei die erregende Elektricität zerstört wird. Der Metallkamm 
der Maschine wird von der Elektricität der rottenden Scheibe ebenso in- 
fluencirt wie von dem elektrischen Papierkuchen, aber die Elektricität des 
Kuchens bleibt erhalten, während die der Scheibe durch die vom Kamme 
elektrisirte Luft vernichtet wird. In beiden Fällen erhält der mit dem Kamme 
verbundene Metallstab Elektricität derselben Art, die der erregenden gleich- 
namig ist, aber bei der Erregung durch den Papierkuchen wird nebenbei die 
Glasscheibe mit der ausströmenden (ungleichnamigen) Ei. geladen. 



vom 6'. Januar 1870. 5 

Da diese schrägen Kämme mit einander verbunden sind, so kön- 
nen, während die Maschine in Gang gesetzt wird, die Elektroden 
unverbunden bleiben. Dies ist auch bei Holtz' zweiter Maschine 
der Fall, während an seiner ersten Maschine die Elektroden in 
Berührung sein müssen. 

Die neue Maschine wirkt in folgender Weise. Es sei der 
Papierkuchen b negativ el. gemacht; der ihm gegenüberstehende 
.Metallkamm h erhält durch Influenz negative El., die aber sogleich 
verschwindet, weil jener mit dem diametralen Kamme verbunden 
ist. Die Glasscheibe vor dem Kamme wird auf beiden Flächen 
positiv elektrisch und, in der Richtung des Pfeiles rotirend, zu der 
Cartonspitze m des zweiten Kuchens geführt, den die Vorderfläche 
der Scheibe mit positiver Elektricität versieht, wonach der hori- 
zontale Kamm e-f- die Elektricität der Hinterfläche aufnimmt. Der 
Papierkuchen a ist nun positiv elektrisch, er erregt in seinem 
Metallkamme positive Elektricität, die wiederum verschwindet, und 
versieht beide Flächen der vor ihm befindlichen Glasscheibe mit 
negativer EL, die zur weiteren Elektrisirung des Kuchens b und 
zur Verstärkung der El. der Elektrode e — verwendet wird. Diese 
Verstärkung wird länger fortdauern, als an der alten Maschine, 
weil die Doppel-Influenz stets an den nicht elektrischen Kämmen h 
wirkt. Der die Kämme verbindende Metallstab erhält nämlich von 
den Kämmen ziemlich gleiche Mengen entgegengesetzter El. und 
soll neutral bleiben; man kann ihn mit Vortheil zur Erde ableiten. 
Es wird sich daher an dieser Maschine eine Flasche zu höherer 
Dichtigkeit laden, ein längerer Entladungsfunke erhalten lassen. 

Eine alte (erste) Holtz 'sehe Maschine ist in wenigen Minuten 
in die hier beschriebene zu verwandeln, indem man die ruhende 
Glasscheibe durch eine mit andern Papierbelegungen versehene er- 
setzt, und zwei schräge mit einander metallisch verbundene Metall- 
kämme anbringt. Zu einer Zeit, als meine alte Maschine Funken 
von nur 2^ Zoll Länge lieferte, gab sie nach Verwandlung in die 
neue Maschine, bei Anwendung derselben rotirenden Scheibe, der- 
selben Ladeflaschen und Elektrodenendigungen (Kugeln von 8-f Lin. 
Durchmesser) Funken von 5^ Zoll Länge. 

Vergleicht man in dieser Weise die erste Holtz'sche Maschine 
mit der neuen und erzeugt Funken gleicher Länge, so findet man 
den Funkenstrom der alten Maschine ungleich dichter als an der 
neuen, eine Folge davon, dafs an der ersten Maschine jede Elek- 



6 Gesammtsitzung 

trode zwei Portionen Elektricität, an der letzten nur Eine davon 
empfängt. Die in der Elektrode selbst erregte Elektricität fügt sich 
in der alten Maschine zu der durch die el. Glasfläche erregten EL, 
während in der neuen der Funke nur von der letzten Erregung 
herrührt. Auch tritt an der neuen Maschine ein Polwechsel häu- 
figer ein, als an der alten, weil den Elektroden keine Kuchen ge- 
genüberliegen, die mit ihnen die gleiche Elektricitätsart besitzen und 
dadurch das Austreten der in den Elektroden angesammelten El. 
erschweren. 

Beide Mängel hat Holtz vermieden, indem er an dem Rande 
jedes Auschnittes (bei m und n der Figur) einen horizontalen Pa- 
pierkuchen angebracht hat, welcher die Cartonspitze trägt 1 ). So 
habe ich die Maschine ausgeführt gesehen, die also 2 Ausschnitte, 
2 Paare von Metallkämmen und ihnen gegenüber 2 Paare von Pa- 
pierkuchen besitzt und als die Verbindung der alten Elektrophor- 
maschine, welche die Combination (-hm) ( — m) ( — p) mit der 
neuen, die nur ( — m) ( — p) benutzt, anzusehen ist. Das Spiel 
dieser zusammengesetzten Maschine zeigt bei geöffneten Elektroden 
drei Phasen. 

So lange die von einander entfernten Elektroden nicht oder 
schwach elektrisch sind, geht die Doppel -Influenz von den horizon- 
talen Papierkuchen aus, und jede Elektrode erhält Influenzelektri- 
cität sowol durch die auf ihrem Kuchen, wie durch die auf der 
rotirenden Glasscheibe befindliche Elektricität, oder, wie man be- 
quemer sagt, jeder 'Elektrodenkamm wird durch seinen Kuchen 
elektrisirt und saugt die El. der Scheibe ein (siehe Anmerk. S. 4). 
Aber nicht alle der Scheibe mitgetheilte Elektricität wird eingesaugt. 
Weil nämlich die Scheibe, ehe sie an einen Elektrodenkamm tritt, 
einem schrägen Kamme vorbeigeht und diesem näher steht, als der 
auf der ruhenden Scheibe befindliche Kuchen, so wirkt die Elek- 
tricität der rotirenden Scheibe stärker auf den schrägen Kamm, 
als die ihr entgegengesetzte Elektricität des Kuchens, und in Folge 
davon wird ein Theil der Elektricität der Scheibe vernichtet. Mit 



1 ) In der Abbildung der Maschine, Poggd. Annalen Bd. 136 Taf. 5 
obere Figur, hangen die beiden Papierkuchen jeder Seite nicht durch einen 
schmalen Papierstreifen, sondern in ganzer Breite zusammen, eine spätere 
unwesentliche Änderung. 



vom 6. Januar 1870. 7 

steigender Ladung der Elektroden tritt die zweite Phase ein: die 
Doppel -Influenz der horizontalen Kuchen nimmt ab, auf die roti- 
rende Scheibe strömt vom Elektrodenkamme weniger Elektricität, 
die Doppel-Influenz der schrägen Kuchen wird merklich, vermehrt 
die El. der Scheibe und nimmt so lange zu, bis sie zuletzt, wenn 
die Elektroden nicht mehr erregbar sind, allein vorhanden ist. In 
dieser, dritten Phase wirken die horizontalen Kämme nur als Ein- 
sauger, die schrägen nur als Erreger. 

Ist der Funke ausgebrochen, die Elektroden demnach nur 
schwach elektrisch, so beginnt das Spiel von Neuem. Man sieht, 
dafs die Maschine sowol bei offenen wie geschlossenen Elektroden 
erregt werden kann, und dafs sie bei geschlossenen oder abgelei- 
teten Elektroden bei der ersten Phase stehen bleibt und weniger 
El. zum Gebrauche liefert, als die alte Maschine, welche die Com- 
bination (-{- in) ( — m) ( — p) allein benutzt, hingegen bei geöffneten 
Elektroden mehr El. liefert, wenn sie die zu den drei Phasen nö- 
thige Zeit hindurch wirkt. Im Finstern wird das beschriebene 
Spiel der Maschine dadurch sichtbar, dafs je zwei einander nächste 
Kämme (zusammenhängenden Kuchen zugehörig) bei weit geöffne- 
ten Elektroden die gleiche Lichterscheinung zeigen, bei geschlosse- 
nen Elektroden die entgegengesetzte (Garben und Sterne). 

Der Vorzug der neuen zusammengesetzten Maschine vor der 
neuen einfachen besteht nicht nur darin, dafs sie, wie oben erörtert 
wurde, an Elektricität ergiebiger und dafs bei ihr der Polwechsel 
erschwert ist, sondern auch darin, dafs sie eine gröfsere Ansamm- 
lung von El. erlaubt. Die horizontalen Papierkuchen unterstützen 
nämlich die Einsaugung der El. der Scheibe durch die Elektroden- 
kämme; wenn die Kämme der einfachen Maschine so stark elek- 
trisch sind, dafs sie von der Scheibe keine El. mehr aufnehmen, 
so werden sie es an der zusammengesetzten Maschine thun, weil 
die ihnen gegenüberliegenden Kuchen El. derselben Art besitzen, 
von der die aufzunehmende El. ist. Da nun die Länge der Fun- 
ken von der Dichtigkeit der angesammelten El. abhängt, so wird 
die zuletzt beschriebene Maschine die längsten Funken liefern. An 
meiner nicht dazu gebauten sondern nur eingerichteten Maschine, 
deren rotirende Scheibe 15 Zoll breit ist, erhielt ich Funken von 
6 Zoll, und an einer eigens für lange Funken gebauten Maschine 
mit 14 zölliger Scheibe habe ich Funken von nahe 7 Zoll Länge 
gesehen. 



8 Gesammisitzung 

Ein Polwechsel der Maschine wird in den häufigsten Fällen 
dadurch herbeigeführt, dafs die Elektrodenkämme bei zu grofser el. 
Dichtigkeit ihre Elektricität auf die rotirende Scheibe ausströmen. 
Die von einer Elektrode mit ihrer El. geladene Scheibe geht dem 
zur Elektrode gehörigen Kuchen nahe vorbei, der Elektricität der- 
selben Art besitzt, und in Folge davon diese Elektricität durch die 
Cartonspitze auf die von der Elektrode abgewandte Scheibenfläche 
strömen läfst. Die Scheibe bringt bei der Rotation an die Carton- 
spitze des diametralen Kuchens die entgegengesetzte Elektricität 
von der, die sie ihm früher zugeführt hatte und entladet ihn. Um 
ein Beispiel zu geben: die negative Elektrode ströme negative Elek- 
tricität auf die ihr zugewandte Sclieibenfläche, diese geht an dem 
negativen Kuchen vorbei, der in Folge davon negative El. auf die 
abo-ewandte Scheibenfläche strömen läfst; die erste Fläche verliert 
ihre Elektricität am schrägen Kamine, die zweite bringt ihre ne- 
gative El. zur Cartonspitze des positiven Kuchens, der dadurch 
entladen wird. Besitzen beide Kuchen Elektricität in nahe gleicher 
Menge, so werden sie entladen, die Maschine erlischt; sind die 
Menden ungleich, so behält Ein Kuchen die ihm zugeführte Elek- 
tricitätsart und die Maschine kommt mit vertauschten Polen wieder 
in Wirksamkeit. Aufser dieser Veranlassung des Polwechsels tritt 
noch eine andere ein, wenn die Elektroden eine starke el. Dichtig- 
keit plötzlich verlieren. Dies zeigt ein auffallender Versuch. Man 
errege die Maschine bei geschlossenen Elektroden; sie wird, so 
lange die Scheibe gedreht wird, ohne Polwechsel in Thätigkeit 
bleiben. Öffnet man aber die Elektroden, nimmt eine Anzahl langer 
Funken, schliefst die Elektroden oder bringt ihre Enden einander 
nahe und setzt die Drehung der Scheibe fort, so erlischt (unter 
Umständen) die Maschine oder wechselt ihre Pole. Bei schlechter 
(leitender) Beschaffenheit der rotirenden Scheibe geschieht Dies 
.immer, bei guter Beschaffenheit zuweilen, aber auch bei dem befs- 
ten Glase habe ich es eintreten sehen, wenn die Luft sehr feucht 
war. Der Versuch ist ein gutes Prüfungsmittel für die rotirende 
Scheibe. Die Ursache dieser Erscheinung ist, wie früher, das 
.Ausströmen der Elektricität der Papierkuchen auf die rotirende 
Scheibe. Früher Avurde es durch die von den Elektroden ausge- 
strömte Elektricität veranlafst, hier dadurch, dafs die Elektroden- 
kämme, so lange sie stark elektrisch sind, das Ausströmen der 
gleichnamigen Elektricität aus den ihnen nahestehenden Carton- 



vom 



6. Januar 1870. 9 



spitzen hindern, und dafs diese Hinderung aufhört, wenn die 
Kämme unelektrisch werden. Natürlich erfolgt die Ausströmung 
um so leichter, je dichtere Elektricität der Kuchen besitzt und je 
besser leitend die ihr naheliegende Glasfläche ist. 

Je längere Funken von einer Elektrophormaschine genommen 
werden, desto mehr Gelegenheit wird zu einem Polwechsel gegeben. 
Die Elektroden und die mit ihnen verbundenen Flaschen müssen 
zu grofser Dichtigkeit geladen werden, leicht strömt, vor dem 
Ausbruche eines Funkens, die Elektricität der Flaschen und danach 
die der Kuchen auf die Scheibe, oder nach dem Ausbruche des- 
selben, der die Elektroden schwach elektrisch zurückläfst, die 
Elektricität der Kuchen allein, und in jedem von beiden Fällen 
erfolgt das Erlöschen oder der Polwechsel der Maschine. Die 
gröfste Länge, bis zu welcher man die Funken ohne diese Störung 
bringen kann, ist nicht nur nach der Maschine verschieden, die 
man benutzt, sondern auch bei derselben Maschine nach dem Zu- 
stande der Luft. Zur Erlangung einer Reihe von Funken gleicher 
Richtung und bedeutender Länge wird daher die Elektrisirmaschine 
ein besseres Mittel bleiben als die Elektrophormaschine. 

Die überzähligen Conductoren. 

Das erörterte Spiel der Maschine mit zwei Paaren von Papier- 
kuchen gibt Rechenschaft über den bisher unerklärten Nutzen 
der überzähligen Conductoren an der ersten Holtz'schen 
Maschine. So werden von Holtz zwei diametral gestellte Metall- 
kämme vor der rotirenden Glasscheibe genannt, unbelegten Stellen 
der ruhenden Scheibe gegenüber. Jeder Kamm ist entweder mit 
der ihm in der Richtung der Drehung folgenden Elektrode ver- 
bunden, oder beide Kämme sind mit einander verbunden. 1 ) Hat 
die Maschine lange geruht, so verhindern die überzähligen Con- 
ductoren ihre Erregung, ist sie aber kurz zuvor längere Zeit in 
Gang gewesen, so wirkt die Maschine weiter fort und die Conduc- 
toren erschweren die Umkehrung der Polarität der Elektroden. 
Diese Wirkung ist folgendermaafsen abzuleiten. 

Die rotirende Scheibe wird, wie ich bei der Beschreibung der 
alten Maschine gezeigt habe, durch ihren horizontalen Durchmesser 



) Poggd. Annal. 127. 



10 



Gesammtsitzung 



in entgegengesetzt elektrische Hälften getheilt. ') Die obere Hälfte 
der rotirenden Scheibe Fig. 2 sei auf beiden Flächen negativ, die 
untere positiv, es seien die überzähligen Conductoren a und b 
nicht vorhanden. Bei der gebotenen Richtung der Drehung der 
Scheibe erhält die Elektrode wie der Papierkuchen zur rechteu 
Hand negative El., die zur linken positive. Nun seien die Elek- 
troden so stark elektrisch geworden, dafs sie durch ihre Papier- 
kuchen nicht mehr erregt werden. Die rotirende Scheibe tritt 
unelektrisch an die Elektroden; es strömt von jeder Elektrode die 
auf ihr angesammelte El. und in Folge davon, wie oben angegeben 
wurde, auch die El. der Kuchen auf die Scheibe. Durch die Ro- 
tation wird positive El. znm negativen Kuchen gebracht, negative 
zum positiven, und die Maschine erlischt oder wirkt mit verwech- 
selten Polen weiter fort. Dies wird erschwert durch Anbringung 
der überzähligen Conductoren a und b, von welchen jeder mit der 
in der Drehungsrichtung der Scheibe folgenden Elektrode metal- 
lisch verbunden ist. 
Fig. 2. 




"Wie ich nämlich am angeführten Orte angegeben habe, liegt der 
negativ elektrischen Hälfte der rotirenden Scheibe die durch Influenz 
positiv gewordene Hälfte der ruhenden Scheibe parallel nahe, und 
der positiven Hälfte die negativ gewordene. 2 ) Indem die elektrisch 



J ) Akad. Monatsber. 1867. 198. 

2 ) Es ist ein bekannter Versuch dafs wenn die Maschine (auch ohne 
überzählige Conductoren) längere Zeit gewirkt hat, und die ruhende Scheibe, 
der Drehungsrichtung der beweglichen entgegen, so weit verschoben wird, dafs 
die Elektrodenkämme unbelegten Stellen der ruhenden Scheibe gegenüber- 



vom 6. Januar 1870. 11 

gewordene ruhende Scheibe auf die überzähligen Conductoren er- 
regend wirkt, verhindert sie, dafs die rotirende Scheibe unelek- 
trisch an die Elektrodenkämme tritt, hebt also diesen Grund des 
Polwechsels der Maschine auf. Indem z. B. die linke Seite der 
rotirenden Scheibe an den überzähligen Conductor a tritt, wird sie 
auf beiden Flächen negativ elektrisch und theilt dem negativen 
Kuchen und der Elektrode e — negative El. mit. Wenn nämlich 
die Elektrode e + so stark positiv elektrisch ist, dafs sie vom 
positiven Kuchen nicht mehr erregt wird, so kann die positiv 
elektrische ruhende Scheibe dennoch den Conductor a erregen, weil 
dieser negativ elektrisch ist. Die Elektrode e — erhält aber hier- 
durch keine Verstärkung ihrer Elektricität. Der Conductor a kann 
nämlich, nach dem Grundgesetze der Influenz, auf die Scheibe nur 
gerade so viel negative Elektricität strömen lassen, als er selbst 
positive El. zurückbehält, und diese Elektricität gibt er der mit 
ihm verbundenen Elektrode e — , zerstört also die zugeführte ne- 
gative El. 

So lange die Elektrodenkämme noch erregbar sind und die 
Scheibe mit El. versehen, wird diese Elektricität nutzbar, da ein 
Theil derselben von je einem Conductor aufgenommen zu einer der 
Elektroden geführt, das Übrige von der Elektrode direkt aufge- 
nommen wird. Die elektrische Dichtigkeit in den Elektroden wird 
durch die Conductoren theils dadurch verstärkt, dafs diese die 
Ausdehnung der mit ihnen verbundenen Elektroden vergröfsern, 
die Zeit also verlängern, während welcher die Elektroden erregbar 
bleiben, theils dadurch, dafs durch sie die Kuchen stärker elek- 
trisirt werden, die nun länger auf die Elektroden zu wirken ver- 
mögen. Die Figur macht nebenbei deutlich, weshalb die Conduc- 
toren die Erregung der Maschine verhindern. Es sei der positive 
Kuchen elektrisch; die rotirende Scheibe gibt ihre ganze negative 
El. an den Conductor a ab, weil die ruhende Scheibe noch nicht 



stehn, die Maschine kürzere oder längere Zeit fortwirkt, ganz so, nur mit 
geringerer Elektricitätsmenge, als ob die Papierkuchen den Kämmen gegen- 
überständen. Daraus folgt, dafs die ruhende Scheibe unterhalb des nega- 
tiven Kuchens in der Figur negativ, und oberhalb des positiven Kuchens po- 
sitiv elektrisch ist. Diese Elektricität der ruhenden Scheibe unterstützt die 
Aufnahme der El. der rotirenden Scheibe durch die Elektrodenkämme. 



|2 Gesammtsitzwig 

elektrisch geworden ist, die rotirende Scheibe tritt unelektrisch an 
den Kuchen der Elektrode e — und kann ihn nicht elektrisiren. 
Ist der Conductor a kurz und nicht mit der Elektrode e — ver- 
bunden, so nimmt er nur wenig Elektricität von der Scheibe auf 
und läfst so viel davon zurück, um die Maschine in Gang zu 

setzen. 

Die in den überzähligen Conductoren erregte Elektricität wird 
fortgeschafft, wenn man ihre Verbindung mit den Elektroden (nach 
Holtz: Seitenverbindung) aufhebt und beide Conductoren durch 
einen Metall-Drath oder Stab mit einander verbindet (direkte Ver- 
bindung) 1 ); dann gleichen sich die beiden entgegengesetzten Elek- 
tricitäten der Conductoren aus, die von ihnen auf die Scheibe aus- 
geströmte Elektricität gelangt nutzbar in die Elektroden, und diese 
können zu höherer Dichtigkeit geladen werden, weil die Erregung 
der Conductorenkämme unabhängig von der Elektricitätsmenge ist, 
^Yelche die Elektroden besitzen. Es entsteht aber der Nachtheil, 
dafs in gleicher Zeit eine viel geringere Elektricitätsmenge von der 
Maschine geliefert wird, als früher. Wenn die Conductoren fehlen 
oder mit den Elektroden verbunden sind, so tritt die von jeder 
Elektrode der Scheibe mitgetheilte El. (abgesehn von der Zer- 
streuung in die Luft) vollständig in die diametrale Elektrode ein, 
bei unter einander verbundenen Conductoren nur zum Theil. Um 
ein Beispiel zu geben: Wenn die Conductoren a und b in Fig. 2 
mit einander verbunden sind, so geht von der negativen EL, welche 
die Elektrode e + der Scheibe mittheilt, ein grofser Theil auf den 
Conductor a über, weil die ruhende Scheibe, a gegenüber, not- 
wendig weniger dichte positive Elektricität besitzt, als der positive 
Papierkuchen. Die von a aufgenommene negative Elektricität gleicht 
sich im Verbindungstabe mit der vom Conductor b aufgenommenen 
positiven El. aus und geht für den Effekt verloren. Erst wenn 
die Elektroden aufgehört haben, erregt zu werden, verstärken die 
Conductoren die El. der Elektroden, erlauben also längere Funken 
und erschweren den Polwechsel der Maschine. Weniger Elek- 
tricität wird durch die Conductoren vernichtet, die Maschine wird 



J ) Dafs behufs langer Funken die direkte Verbindung vorteilhafter ist, 
als die Seitenverbindung, hat Poggendorff gezeigt, und dabei die über- 
zähligen Conductoren nicht normal, sondern schräg gegen die Verbindungs- 
linie der Elektroden gestellt. Pogg. Annal. 136. 171. 



vom 6. Januar 1870. 13 

ergiebiger, wenn man die den Conductoren gegenüberliegenden 
Stellender ruhenden Scheibe ebenso stark elektrisch macht, wie 
die Kuchen es sind, was geschieht, wenn man auf der ruhenden 
Scheibe, jedem Conductor gegenüber, ein Papierstück anbringt und 
durch einen Papierstreifen mit dem in der Drehungsrichtung vor- 
angehenden Kuchen der Maschine verbindet, in andern Worten: 
indem man die neue Maschine herstellt, die oben betrachtet wurde. 
Dies ist, nach meiner Erfahrung, stets gerathen, wenn man lange 
Funken erhalten will. Die überzähligen Conductoren allein sind 
von unsicherm Gebrauche, da ihre Wirksamkeit verlangt, dafs die 
ruhende Scheibe stark elektrisch sei, was erst nach längerer Thä- 
tigkeit der Maschine, nicht bei jeder rotirenden Scheibe und bei 
derselben Scheibe nicht zu jeder Zeit in gleichem Maafse der Fall 
ist. Die beschriebene neue Elektrophormaschine mit zwei Kuchen- 
paaren ist dagegen stets leicht und sicher aus der alten Maschine 
mit zwei Kuchen herzustellen 1 ) und sogleich erregbar. 



Hr. Mommsen legte die von den Herren Bormann, Hen- 
zen, Hübner und Renier erstatteten Berichte über den Fortgang 
der Arbeiten am Corpus inscriptionum Latinarum während des 
Arbeitsjahrs 1. Nov. 1868 — 31. Oct. 1869 nebst seinem eigenen 
Berichte vor. 

Hr. Henzen zeigt an, dafs der erste Theil des Manuscripts 
der urbanae, den grösseren Theil der sacrae umfassend, zum Ab- 
druck nach Berlin abgesendet und das übrige für den ersten Band 
der urbanae erforderliche Material ebenfalls im Wesentlichen druck- 
fertig sei. In Folge dessen ist sofort das nach Berlin gesandte 
Manuscript hier durch Hrn. Henzens bisherigen Gehülfen bei der 
Ausarbeitung dieser Abtheilung, Hrn. Bormann, einer schliefs- 
lichen Druckrevision unterzogen und unter dessen Leitung der 
Druck derselben — der sechsten des ganzen Werkes — in Angriff 
genommen worden. — Hr. Hübner hat den Druck des zweiten 
Bandes, der Spanien und Portugal umfafst, beendigt und ist der- 



l ) Es genügt, die schrägen Papier-Kuchen und -Streifen an der ruhen- 
den Scheibe mit Wachs zu befestigen. 



14 Gesammtsitzung 

selbe zu Michaelis 1869 erschienen. Die Vorarbeiten für die sie- 
bente, Britannien, Gallien und Germanien umfassende Abtheilung 
sind so weit vorgeschritten, dafs zu Anfang des J. 1870 mit dem 
Druck der britannischen Inschriften begonnen werden kann. — 
Hr. Renier hat im Herbst 1869 einen grofsen Theil derjenigen Pro- 
vinzen des mittleren Frankreichs besucht, die noch nicht von ihm 
durchforscht worden waren, und denkt im Laufe des nächsten Jahres 
diese Reisen abschliefsen zu können, während gleichzeitig die littera- 
rischen Vorarbeiten für Frankeich von ihm energisch gefördert werden. 
Der Druck der französischen Inschriften wird sich also an den der 
englischen und deutschen ohne Unterbrechung anschliefsen können. 
Gleichzeitig hat Hr. Renier seine Collectaneen für Africa nicht 
blos durch Einreihung alles neu Gefundenen ergänzt, sondern auch 
für die bisher von ihm nur unvollkommen durchforschte Provinz 
Oran neue und werthvolle Grundlagen gewonnen. — Der Druck 
der von Hrn. Mommsen bearbeiteten Bände ist in Band III von 
S. 456 bis S. 640, in Band V von S. 88 bis S. 168 vorgeschritten; 
es ist ferner theils durch eine Reise des Hrn. G. Wilmanns, jetzt 
Professors in Dorpat, eine für Steiermark gebliebene Lücke aus- 
gefüllt, theils durch eine Reise Hrn. Mommsens das für Piemont 
und den östlichen Theil der Lombardei noch mangelnde Material 
herbeigeschafft und gesichtet worden. — Der Druck des von Hrn. 
Zangemeister übernommenen vierten Bandes, die pompeianischen 
Wand- und Griffelinschriften enthaltend, ist in diesem Jahr nicht 
vorgeschritten. — Die finanzielle Lage des Unternehmens konnte 
als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Ob durch den Über- 
gang des Drucks auf eine andere mit gröfseren Räumlichkeiten 
versehene Officin die angestrebte raschere Förderung des Erschei- 
nens erreicht werden wird, läfst sich zur Zeit noch nicht sagen, 
da der Wechsel erst in den Sommermonaten ausgeführt worden ist. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden vor- 
gelegt: 

Bartolomeo Borghesi, Oeuvres completes. Vol. 5. 6. Paris 1868. 1869. 4. 
Catalogue of scientific Papers. Vol. III. London 1869. 4. 
Recueil des ordonnances de la principaute de Liege. Deuxieme Serie. 
Vol, 1. Bruxelles 1869, 4 f Mit Rescript vom 23, Dec. 1869, 



vom 13, Januar 1870. 15 

F. de Botella, Descripcion geologico-minera de las provincias de Murcia 

y Albacete. Madrid 1869. fol. 
Greenwich Observations in the year 1867. London 1869. 4. 
Bulletin of the Museum of Comparative Zoology. no. 9 — 13. Cambridge 

1869. 8. 
Schriften der südslavischen Akademie. Heft 9. Agram 1869. 8. 
Hugueny, Le coup de foudre de Vile du Rhin. Strasbourg 1869. 4. 
Peters, Die Burgkapelle zu Iben. Bonn 1869. 4. 
Naphegyi, The grand review of the dead. (Poem.) New York 1869. 8. 



13. Januar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Pertz las über den 21sten Band der Scriptoren der mo- 
numenta Germaniae und die Octavausgaben des Helmold, Arnold, 
Monumenta Welfica und Gisleberti chronicon Hannoviae. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Abhandlungen der Senckenbergischen naturforschenden Gesellschaft. 7. Bd. 

1. u. 2. Heft. Frankfurt a. M. 1869. 4. 
Berliner Astronomisches Jahrbuch für 1872. Berlin 1870. 8. 
Atti della societa italiana delle scienze naturali. Vol. XII, 1. Milano 

1869. 8. 
Annales academici, 1864—1865. Lugd. Bat. 1869. 4. 



17. Januar. Sitzung der physikalisch -mathemati- 
schen Klasse. 

Hr. W. Peters las über den Ductus pneumaticus des 
Unterkiefers bei den Crocodilen. 

Eine der wichtigsten Aufgaben der wissenschaftlichen Zoologie 
ist die Erforschung der homologen oder genetisch gleichen Organe 
bei den Thieren desselben Typus. Die äufserst mannichfaltige Form 
und Entwickelung der bei den verschiedenen Thieren vorkommen- 
den identischen Theile, ihre wechselnden mehr oder weniger inni* 



IG Gesammtsitzung 

gen Beziehungen zu den sie umgebenden Theilen und die Modifi- 
cationen dieser letzteren machen solche Untersuchungen oft äufserst 
schwierig und führen bei den verschiedenen Forschern zu den ver- 
schiedensten Resultaten. 

In der Geschichte der Wirbelthiere finden wir in dieser Hin- 
sicht nichts, was zu der Aufstellung so verschiedener Ansichten 
Veranlassung gegeben hätte, Avie das Bestreben, die den Gehör- 
knöchelchen der Säugethiere homologen Theile bei den anderen 
Wirbelthieren und das diesen zukommende Quadratbein bei den 
Säugethieren aufzufinden. Ich selbst bin angeregt worden, der 
Akademie mehrere auf diesen höchst interessanten Punkt bezüg- 
liche Mittheilungen zu übergeben 1 ) und hatte geglaubt, das für 
diesen Gegenstand mir vorliegende sparsame Material erschöpft zu 

haben. 

Eine neuere Abhandlung von Hrn. Huxley über denselben 
Gegenstand 2 ) hat mich indessen veranlafst, meine Untersuchungen 
noch einmal sorgfältig zu wiederholen. Wenn ich dabei auch nicht 
zu einem anderen Endresultat habe gelangen können, so habe ich 
doch einige Berichtigungen und Erläuterungen hinzuzufügen, wel- 
che zur Vervollständigung meiner früheren Mittheilungen nicht un- 
wichtig sein dürften. 

Hr. Huxley hat an einem jungen Crocodüus biporcatus die 
Beobachtung gemacht, dafs das Quadratbein zwei grofse Luftzellen 
enthält, welche durch einen ganz kurzen pneumatischen Gang (den er 
für ganz identisch mit dem von Stannius beobachteten hält) mit 
dem Gelenktheil des Unterkiefers unmittelbar hinter und über dem 
Gelenk in Verbindung gesetzt werden und hiervon eine bildliche 
Darstellung gegeben. 3 ) Er hat ferner einen nicht mit dem Ham- 
mer in Verbindung stehenden länglich dreieckigen Knorpel gefun- 
den, welcher zwischen jenem und dem Ductus pneumaticus gele- 
gen ist und er hat keine Grenze (kein Gelenk und keinen Zwi- 
schenknorpel) zwischen Hammer und Columella finden können und 
schliefst nun, dafs überhaupt keine ursprüngliche Knorpelverbindung 
zwischen dem Hammer und dem Meckelschen Knorpel des Unter- 



i) Monatsberichte. 1867 p. 725 u. 779; 1868 p. 592; 1869 p. 5. 

2 ) Proceed. Zoolog. Society. Lond. 1869. p. 391. 

3 ) 1. c. p. 394 Fig. 1. 



vom 17. Januar 1870. 17 

kiefers existire, sowie, vorzüglich nach dem Verhalten dieser Theile 
bei Sphenodon, 1 ) dafs der von mir als Hammer (identisch mit dem 
von Breschet bei Vögeln entdeckten) gedeutete grofse Knorpel 
ein doppelter Auswuchs des Stapes (Columella) sei, den er mit 
dem Ambos der Säugethiere vergleicht, während er als Homologon 
des Hammers nun nicht mehr den Gelenktheil des Unterkiefers, 
sondern das Quadratbein betrachtet. 

Dafs diese von Hrn. Huxley durchgeführte Deutung meiner 
Vorstellung nicht fern lag, ehe ich an die Untersuchung des Cro- 
codils ging, wird man leicht aus meiner ersten 2 ) und zweiten 3 ) 
Mittheilung ersehen und ich kann hinzufügen , dafs mein Freund, 
Hr. Flow er, in der mit ihm über diesen Gegenstand geführten Cor- 
respondenz schon am IL December 1867 die Vermuthung aussprach, 
es wäre vielleicht der Hammer allein das Quadratbein. Es dürfte dar- 
aus hervorgehen, dafs wenn ich bei der Untersuchung des Croco- 
dils und der Vögel schliefslich zu einem ganz anderen Resultat 
kam, dieses nicht die Folge einer vorgefafsten Meinung war, son- 
dern trotz der letzteren geschah. 

Vielleicht würde es mir ebenso ergangen sein mit Hrn. Hux- 
ley's Arbeit, wie es ihm mit der meinigen ergangen ist, wenn ich 
nicht glücklicherweise neuerdings Crocodilfötus (merkwürdigerweise 
in den meisten europäischen Sammlungen eine grofse Seltenheit!) 
erhalten hätte, die ungefähr in demselben Alter stehen, wie der 
von Hrn. Huxley untersuchte. Ich fand sogleich ohne Schwie- 
rigkeit den von ihm dargestellten Gang zwischen dem Gelenktheil 
des Unterkiefers und dem Quadratbein so wie letzteres ganz pneu- 
matisch und oben offen mit der Trommelhöhle communicirend. 
Von dem hinteren Ende des äufseren beilförmigen Hammerfort- 



J ) Ich mufs mich jeder Vermuthung über eine anderweitige Deutung 
der in Rede stehenden Theile bei Sphenodon enthalten, da es mir nicht ge- 
lungen ist, ungeachtet vieljähriger Bemühungen ein Exemplar dieses neusee- 
ländischen Sauriers zu erhalten. 

2 ) Monatsbericht. 1867. p. 729. „Es ist möglich und erscheint mir sogar 
wahrscheinlich, dafs der Hammer bei den Vögeln mit zur Bildung des Qua- 
dratbeins beiträgt.* 

3 ) Ibid. p. 780. „Auffallend ist ferner die aufserordentliche Grofse des 
langen Hammerfortsatzes, der im Verhältnifs zu der Grofse des ganzen Thie- 
res eine so riesige Entwickelung zeigt, wie bei keinem anderen Säugethier. " 

[1870] 2 



18 Sitzung der iilnjsikalisch-matliematischen Iüasse 

Satzes geht ein gekrümmter dünner Knovpelfaden aus, der bald et- 
was dicker und platter (Stylohyoid-Knorpel Huxley's) wird 
und dann sich zuspitzend fadenförmig dünn in der Richtung nach 
dem Foramen pneumaticum des Unterkiefers hin sich verliert. 
Eine Continuität der Columclla und des Hammerknorpels an den 
mir vorliegenden Exemplaren verschiedenen Alters mufs ich dage- 
gen entschieden bestreiten, denn derselbe (der extrastapedial und 
suprastapedial cartilage Huxley's zusammen) setzt sich mit seiner 
kurzen Basis durch eine regelmäfsige Convexität gegen das verschie- 
den aussehende äufsere Columellen-Ende ab, 1 ) dessen Deutung als 
rudimentären Ambos ich aber längst aufgegeben habe, nachdem ich 
mich wiederholt von dem Mangel desselben bei den Vögeln über- 
zeugt habe. Aber dafs ein Organ, welches, wie der Ambos, bei 
den Säugethieren gradatim von den höheren zu den niederen all- 
mählig abnimmt, indem es bei Tachyglossus 2 ) zu einer kleinen plat- 
tenförmigen Epiphyse des Hammers wird, bei den Vögeln aber 
spurlos verschwunden ist, nun auf einmal bei den noch niedriger 
stehenden Crocodilen in Form einer grofsen, wenigstens 8 bis 10 
Millim. langen und breiten Platte aufs Neue auftreten sollte, dürfte 
wenig Wahrscheinlichkeit für sich haben. Hr. Huxley hat bei 
dem Taclnjglossus ebenfalls den grofsen Hammermuskel beschrie- 
ben und die interessante Beobachtung gemacht,' dafs der Muse, sta- 
pedius bei den Schnabelthieren ganz fehlt. Trotzdem nun das 
Aufgehen des Amboses in den Hammer bei dem Taclnjglossus die eng- 
sten Beziehungen dieser beiden Gehörknöchelchen zu einander noch 
mehr beweist, hebt Hr. Huxley im Gegentheil die Beziehungen zwi- 
schen Ambos und Stapes als engere hervor und trotzdem der Sta- 
pediusmuskel bei den Schnabelthieren bereits ganz verschwindet, 
ist ihm der bei den Crocodilen auftretende Muskel 3 ) nicht der 
Hammermuskel, sondern der Stapedius oder vielmehr, da er den 



!) Bei den Vögeln liegt der bereits von Breschet „Hammer" genannte 
entsprechende Knorpel anfangs lose vor der Columella, während von dem 
äufsern Ende dieser letzteren ein Fortsatz ausgeht {Monatsher. 1868. pag. 598 
Taf. 1 Fig. 4 u. 4a), welcher sich mit dem Zungenbeinhogen verbindet. 

2) Echidna ist ein viel früher von Forster an eine Aalgattung ver- 
gebener Name. 

3) Dieser Huxley'sche Muskel ist übrigens ganz verschieden von dem 
von mir beschriebenen M. malleus. 



vom 17. Januar 1870. 19 

grofsen von mir als Hammer gedeuteten Knorpel als den aus 
dem Stapes hervorsprossenden Ambos betrachtet, ein ganz 
neuer Ambosmuskel. 

Ich hatte bisher nur jüngere Embryonen in "Weingeist und 
allerdings für die Untersuchung leicht täuschende Schädel gröfserer 
Exemplare zur Disposition. 

Bei dem ganz jungen Embryo des von mir abgebildeten 1 ) 
Crocodilus biporcatus bin ich durch die grofse Ähnlichkeit, die das 
knorpelige Quadratbein in diesem Stadium mit dem Hammerknor- 
pel hat, und aus zu grofser Schonung für das seltene Object zu 
einer Verwechselung beider verleitet worden und so in denselben 
Fehler verfallen, auf den ich früher selbst 2 ) ebenso wie Hr. Hux- 
ley jetzt 3 ) aufmerksam gemacht haben. Wenn dieses auch an dem 
ganzen Sachverhalt nichts ändert, so bin ich doch gern bereit, einen 
Irrthum einzugestehen, auf den ich durch die belehrende Abhand- 
lung des Hrn. Huxley aufmerksam gemacht worden bin. 

In diesem Stadium nun ist der Meckelsche Knorpel bis zu 
seinem hinteren in dem Articulare gelegenen Theile ganz solide. 
Die nächstfolgenden Stadien fehlen mir und es wäre sehr erwünscht, 
wenn die Naturforscher in den krokodilreichen Gegenden Suiten 
von Crocodilembryonen für diese so wichtigen Untersuchungen sam- 
meln wollten. In einem bedeutend älteren Embryo von Crocodilus 
vulgaris, ebenfalls bereits von mir in natürlicher Gröfse abgebil- 
det/) der aber jünger als der von Hrn. Huxley abgebildete von 



x ) Monatsber. 1868.p. 598. Taf. 1 Fig. 1. 

2 ) Monatsber. 1867. p. 727. „Ohne namentlich auf diesen letzten Um- 
stand Rücksicht zu nehmen, ist aus der Ähnlichkeit, welche zwei aus dem 
Meckelschen Fortsatz hervorgehende oder mit demselben zusammenhängende 
Theile, der Gelenktheil des Unterkiefers der Vögel und Amphibien und der 
hinter dem Unterkiefer liegende Hammer der Säugethiere zu einer gewissen 
Entwickelungszeit mit einander haben, auf die Homologie dieser Theile ein 
Schlufs gemacht u. s. w. a 

3 ) 1. c. p.403. „and as the ineus and the malleus ossify, no- 
thing can seem closer than the resemblance which they bear to the quadratum 
and the articulare respectively. Hence Eeichert coneeived that the quadratum 
was the homologue of the ineus, and the malleus that of the articulare, and 
I have fallowed him. But the study of Sphenodon and of the Crocodile has 
led me to believe that we have fallen into an error." 

4 ) Monatsber. 1868. p. 598 Taf. 1. Fig. 2. 

2* 



20 Sitzung der pty&ikatöstti'-mätnetoGtischen Klasse 

Cr. hip>orcaUis ist, bildet der Knorpel des Articulare noch ein Con- 
tinuum mit dem vorderen Ende des Meckelsehen Knorpels. Er bil- 
det aber auch bereits eine Höhle und diese Höhle hängt durch 
einen ganz kurzen Gang, der noch kürzer ist als in dem Huxley- 
schen Falle, mit dem ganz hohlen Os quadratum zusammen. Die- 
sen letzteren habe ich nun in Verfolgung des dünnen Knorpelstrangs, 
welcher Hammer und Articulare verbindet, übersehen, indem ich, 
wie man sehen wird, nur die Richtung des bleibenden Ductus pneu- 
maticus und nicht die des von Hrn. Huxley beschriebenen provi- 
sorischen (das Endstück des bleibenden) vor Augen hatte. 

Zur Orientirung über diesen Gegenstand möge das isolirte 
Quadratbein (Taf.IFig.l) eines, 50 Centimeter langen, gespreng- 
ten Schädels von Crocodilus porosus Schneider (Cr. biporcatus 
Cuv.) dienen, also von derselben Art, an welcher Hr. Huxley 
seine Untersuchung gemacht hat. 

Durch den an der oberen inneren Seite des Quadratbeins ge- 
legenen Luftcanal (dp.) ist zuerst eine Sonde hindurchgeführt. 
Darauf ist derselbe in der Art aufgemeifselt worden, dafs der An- 
fang und das Ende, an welches letztere sich der fibröse Ductus 
pneumaticus anschliefst, so wie zwei mittlere kleine Brücken ste- 
hen geblieben sind, um ein deutliches Bild von dem Verlaufe und 
von dem Durchmesser der verschiedenen Gegenden des Canals zu 
haben. Von keiner Stelle dieses Canals geht irgend ein Neben- 
canal ab in das Innere des Knochens und auch an anderen Schä- 
deln, wo das hintere Ende des Canals blosgelegt ist, findet sich 
keine Spur eines in das Innere des Quadratbeins eindringenden 
Canals. Auch ist hierzu um so weniger irgend eine Veranlassung, 
als die inneren Luftzellen des fötalen Quadratbeins, wie mitten 
durch diesen Knochen in verschiedener Richtung geführte Schnitte 
lehren, nun verschwunden sind und an deren Stelle sich nur mehr 
oder minder grofse ringsum geschlossene Markzellen finden. Auch 
das Os articulare ist bei demselben Exemplare von Croc. porosus 
nun fast ganz solide und der feine Luftcanal ist äufserst eng und 
führt durch ein langes nach innen, unten und vorn gerichtetes Ca- 
nälchen in eine dreizellige Knochenhöhle. 

Es dürfte hieraus hervorgehen, dafs der von Hrn. Huxley 
beschriebene provisorische Luftkanal zwischen dem Articulare und 
Quadratbein sehr verschieden ist von dem hier beschriebenen blei- 
benden Luftcanal, welcher das Articulare direct mit der Trom- 




Druck v. G-ebr.Delius 



featsber dBerl Akad. d.WIss 1870 j>2 




$riick"v '-.' "v.".- 



vom 17. Januar 1870. 21 

melhukle in Verbindung setzt und welcher auch von Stannius 
offenbar nicht seinem ganzen Verlauf nach verfolgt worden ist. 1 ) 
Dieser bleibende Luftcanal hat in den früheren Entwickelungssta- 
dien dieselbe Richtung wie der embryologische Knorpelfaden, von 
dem der von Hrn. Huxley beschriebene „Stylohyoidknorpel" ein Ru- 
diment ist. Der Canal für den Knorpelstrang liegt aber oberfläch- 
licher und fällt nachher mit dem für den Nervus facialis zusam- 
men, wird daher verhältnifsmäfsig immer kürzer und der Knorpel in 
seinem Endtheile nur durch einen Bindegewebsstrang repräsentirt, 
während jener Luftkanal an Länge mit dem Wachsthum des Schä- 
dels immer zunimmt. 

Die Entwickelungsstadien zu verfolgen, welche zwischen die- 
sen verschiedenen Bildungen (der vollkommenen Pneumaticität des 
Quadratbeins und der Reduction auf den feinen Luftcanal) liegen, 
dazu werden ganze Reihen von Exemplaren erforderlich sein. Die 
vorliegenden Mittheilungen dürften jedoch genügen, um zu zeigen, 
wie viel uns noch fehlt an einer erschöpfenden Kenntnifs der bekann- 
testen Thiere und wie fern wir daher noch sind von einer Erkennt 
nifs der für das Thierreich allgemein gültigen Gesetze. 



1 ) Er würde sonst (Handbuch der Zootomie. 1856. II. p. 58) nicht gesagt 
haben, dafs die Unterkieferzellen durch den Canal mit „den Luftzellen 
der Schädelknochen" communiciren. 



Erklärung der Abbildungen. # 

Taf. I. Fig. 1. Quadratbein von einem 50 Centimeter langen Schädel 
des Crocodilus porosus Schneider, durchsägt, von oben gesehen, c/p. Luft- 
canal; c. c. Markzellen. In natürlicher Gröfse. 

Fig. 2. Os articulare desselben, durchsägt, dp. Luftcanal; cp. Luftzel- 
len. In natürlicher Gröfse. 

Taf. IL Fig. 1. Meckelscher Knorpel (/,/), geöffnete Höhle desselben 
(cav.), knorpeliger Verbindungsstrang (x, x) mit dem Hammer (;«) von Cr. 
vulgaris, dessen Kopf Monatsberichte 1868 p. 598 Taf. 1 Fig. 2 in natürlicher 
Gröfse abgebildet ist. dp. Luftgang; q. Quadratbein; md. Unterkieferknochen. 
Viermal vergröfsert. 

Fig. 2. Längsdurchschnitt des Quadratbeins und der angrenzenden Theile 
von Alligator lucius* (total 82 Centim., Kopf 14| Cent, lang), um den Verlauf 
des Ductus pneumaticus und die Lage des (auf Huxley 's Stylohyoid- 
Knorpel) reducirten, zu dem Zungenbeine beziehungslosen, Knorpelstranges 
mit dem umgebenden Sehnengewebe von der Seite zu zeigen, o. Auge; 



22 Gesammtsitzwtg vom 20. Januar 1870. 

m Hammer; t. Membran tympani ; e. Columella; x. Rest des knorpeligen 
Verbindungsstranges zwischen Hammer und Meckelschem Knorpel; x. seimig 
«^wordener Theil des Verbindungsstranges; /. Meekelseher Knorpel; md. Un- 
terkiefer; sm. Oberkiefer; q. Quadratbein; oc. Occipitale laterale; ms. Kau- 
muskel. In natürlicher Gröfse. 

Fi-. 3. Obere Ansicht von denselben Theilen nach Abtragung eines 
Theils des Quadratbeins. Bezeichnung wie in Fig. 2. In natürlicher Gröfse. 
Fig. 4 — 7. Hammer und Knorpelstrang in verschiedenen Stadien; Be- 
zeichnung wie in Fig. 1 ü. 2. 

Fi-. 4. Seitliche Ansicht dieser Theile von einem 35 Mm. langen Kopi 
eines Crocod. acutus, an welchem der -Knorpelstrang an einer kleinen Stelle 
bereits sehnig geworden ist. Sechsmal vergröfsert. 

Fi- 4a. Dasselbe von oben und hinten gesehen. 

Fi-. 5. Seitliche Ansicht derselben Theile von dem 43 Mm. langen Schädel 
eines örocodilus acutus, wo der Knorpelstrang sich vom Hammer abzulösen 
be-innt und der untere Theil ganz sehnig geworden ist. Fünfmal vergrößert. 
° Fi- 6. Dasselbe von einem 8 Centim. langen Schädel von Alligator lu- 
cius, an welchem der Verbindungsstrang deutlich vom Hammer getrennt ist 
und in den unteren | sehnig geworden ist. Dreimal vergröfsert. 

Fi- 7. Dasselbe von einem U\ Centimeter langen Schädel eines Alli- 
gator Lins, bei welchem nur ein kleiner von dem Hammer entfernt liegen- 
der Knorpel (Huxley'sStylohyoidknorpel) von dem knorpeligen Verbmdungs- 
stran-e übrig geblieben ist. Anderthalbmal vergröfsert. 

Fi- 8. Columella mit einem Theil des Hammers von einem 39 Milhm. 
langen Schädel des Crocodites acutus, um den Gelenkkopf des Hammers s« 
zeigen. Bezeichnung wie oben; i. Knorpeliges, noch nicht verknöchertes 
Stück der Columella. Achtmal vergröfsert. 

Fi- 9. Columella des auf Taf. 1 abgebildeten Croc. porosus, um die 
Gdenk-rube derselben an ihrem äufsern Ende zu zeigen. In doppelter Grosse. 
Die Fig. 2 bis 8 sind nach Präparaten und Zeichnungen des Hrn. Dr. 
Max Für bringer abgebildet worden. 



20. Januar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Trendelenburg las zur Geschichte des Wortes Person. 

An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
H. Gradl, Lieder und Sprüche der beiden Meister * Spervogel. Prag 

1869. 8. _ '„ , , 

Mittheilungen der K. K. Central- Commission für Erforschung der Baudenk- 
male. XV. Jahrg. Jan.-Febr. Wien 1870. 4. 



Öffentliche Sitzung vom 27. Januar 1870. 23 

Nova Acta Reg. Soc. Sc. Upsaliensis. Ser. III. Vol. VII. Fase. I. 

Upsala 1869. 3. 
Upsala Universitets Arsskrift for 1868. Upsala 1869. 8. 
Rapports de la commission hydrometrique. Armee 24. 25. Lyon 1867. 

1868. 8. 

Palombo, Della proprieta e degli ordinamenti sociali Studi. Napoli 

1869. 8. 



27. Januar. Öffentliche Sitzung der Akademie zur 
Gedächtnifsfeier Friedrichs IL 

Ihre Majestät die Königin und Seine Königliche Hoheit der 
Kronprinz geruhten der Sitzung beizuwohnen. 

Zur Einleitung las Hr. Curtius folgenden Vortrag des per- 
sönlich verhinderten Secretars Hrn. Trendelen bürg: 

Aus Friederichs des Grofsen politischen 
Vermächtnissen. 
Friederich der Grofse schrieb im Jahre 1752, also in jenem 
Jahrzehnt erfolgreichen Schaffens, das zwischen den Dresdener 
Frieden und den Anfang des 7jährigen Krieges fällt, das Schrift- 
stück , an das wir heute in dankbarer Erinnerung einige Betrach- 
tungen anknüpfen. Es war die Zeit, da er im Frieden sein durch 
Siege neu befestigtes Land anbaute, da er der deutschen Welt das 
Beispiel der ersten Justizreform gegeben hatte, da er für den freien 
Handel der Neutralen im Seekrieg gegen das mächtige England 
stritt und das Recht der Vernunft gegen die Willkühr der alten 
Seerechte wahrte; es war die Zeit, da er eben seine „Kunst des 
Krieges" und andere Gedichte und seine Geschichte des Hauses Bran- 
denburg unter dem Titel der Werke des Philosophen von Sanssouci 
veröffentlicht hatte. In dieser Zeit schrieb er, die Gegenwart und die 
Zukunft seines Staates bedenkend, ein „politisches Testament" (testa- 
ment politique), das er mit dem Datum des 27. August 1752 versah 
und in das Archiv niederlegte. In einer späteren Zeit seines Le- 
bens kam der König auf dies Vermächtnifs zurück. Nach dem 
siebenjährigen Kriege, da die Weltstellung verändert war, schrieb 
er ein zweites politisches Testament und datirte es vom 7. No- 
vember 1768. In den Grundgedanken ist es mit dem ersten das- 



24 Öffentliche Sitzung 

selbe, in allgemeinen Betrachtungen sparsamer, in den Einzelheiten 
von Nachrichten und Entwürfen reicher. 

Um dieselbe Zeit schrieb der König, wie jene politischen Testa- 
mente, mit eigener Hand einen letzten Willen, vom 8. Januar 1769 
datirt, in welchem er über seinen gesammten Nachlaß verfügte; 
er schrieb diese letzte Verfügung, die Geldeswerth und Eigenthum 
betraf, nach den Landesgesetzen auf einen Stempelbogen, wie zum 
letzten Zeichen, dafs er die kleinsten Gesetze des Staates, wie die 
gröfsten gleich achte. 

Dieses sogenannte Privattestament ist in die Ausgabe der Werke 
Friederichs des Grofsen, welche die Akademie der Wissenschaften 
leitete, aufgenommen 1 ); jedoch nicht jene ersten. 

Andere Befehle, welche der König für den Fall seines Todes 
erliefs, haben mehr eine Bedeutung für den Augenblick; sie fassen 
die Wechselfälle des Krieges ins Auge, wie z. B. der Brtef an den 
Prinzen von Preußen, seinen Bruder, vom 8. April 1741, den er 
zwei Tage vor dem Zusammenstofs bei Mollwitz schrieb 2 ), jene 
^geheime" Anweisung" (Instruction secrete), die der König unter 
dem 10. Januar 1757 seinem Minister, dem Grafen Fink von 
Finkenstein gab, oder der Befehl, den er 3 Tage vor der Schlacht 
von Zorndorf unter dem 22. Aug. 1758 erliefs 3 ) und mit den Worten 
überschrieb: Ordre an meine Generale dieser Armee, wie sie sich 
im Fall zu verhalten haben, wenn ich sollte todt geschossen wer- 
den, und in dem sich, nach der Anordnung des sofort seinem Neffen 
zu leistenden neuen Eides und der Bestellung des Prinzen Heinrich 
zum Vormund, die ergreifenden Worte finden: „Ich will, dafs nach 
meinem Tode keine Umstände mit mir gemacht werden"; ein Jahr 
später nach der Niederlage bei Kunersdorf, da der König den Ver- 
lust des Vaterlandes nicht glaubte zu überleben, die Instruction 
vom Tage der Schlacht, 12. Aug. 1759, für den General -Lieute- 
nant von Fink 4 ), in welchem die Worte: - indessen, was mein 
Bruder befehlen wird, das mufs geschehen; an Meinen Neveu mufs 
die Armee schwören. Diese Befehle versetzen uns in die Lage 



i) Werke Ausg. 1846. ff. VI, p. 215 f. 

2) Werke XXVI, p. 85. 

3 ) Werke XXVI, p. 533 f. 

*) Werke XXVII, 2, p. 305, vgl. Brief an den Prinzen Heinrieh vom 
16. August 1759. XXVI, p. 199. 



vom 27. Januar 1870. 25 

des Augenblickes, der sie entsprangen, und bewegen unsere Mit- 
empfindung für die entschlossene Hand, die sie schrieb. 

Jene politischen Testamente, aus denen bereits Leopold von 
Ranke's neun Bücher Preufs. Geschichte charakteristische Züge mit- 
getheilt haben *), sind so vielseitig, wie die weise und kluge Kunst 
zu regieren, die sie behandeln. 

Bei der mir gestatteten Durchsicht fiel mein Blick auf die 
bleibenden Gedanken, die nach Friederichs des Grofsen Anschauung 
seinem Staate zum Grunde liegen und darum seine Zukunft bedingen. 
Ein Historiker wird andere Seiten finden, namentlich wird es ihn 
anziehen, wie Friederich die politische Lage Preufsens im Jahre 
1752 und im Jahre 1768 ansah; denn ungeachtet der weit aus- 
sehenden Gedanken, in welche die Zukunft eines strebenden Staates 
führt, ist in dem politischen Vermächtnifs die Sorge für den näch- 
sten Tag und das nächste Jahr sichtbar. 

Es mag mir erlaubt sein, die bezeichneten Seiten, auf die ich 
achtete, herauszuscheiden. Wir werden darin keinen neuen Ge- 
danken begegnen, keinen Gedanken, die nicht Friederich der Grofse 
in seinen Abhandlungen und in seinen Denkwürdigkeiten oder in 
seinen Briefen ansgesprochen hätte. Aber es hat vielleicht einen 
Reiz zu sehen, wie er sie auf seinen Staat anwendet und sie in 
ihm als Grundsätze fortzupflanzen wänscht. 

Während des Aufenthaltes auf dem Schlosse zu Rheinsberg 
hatte sich der König als Kronprinz in edler Vorbereitung auf sein 
königliches Amt mit den Grundsätzen der Staatsweisheit beschäf- 
tigt. Von Machiavell hatte er die nüchterne Klugheit gelernt, die 
dem Mann der Geschäfte nöthig ist, aber von dem Unedeln in den 
Maximen, die Machiavell in dem Musterbilde seines Fürsten zeichnet, 
zurückgestofsen, hatte er eine Widerlegung von Machiavells Fürsten 
geschrieben. Gedanken, die er in dieser Schrift, seinem Antima- 
chiavell, ausspricht, leiten ihn sein Leben hindurch. In Rheins- 
berg, hatte er (1738) seine Betrachtungen über den gegenwärtigen 
Zustand des Staatenkörpers von Europa geschrieben und darin je- 
nen politischen Blick und Überblick geübt, mit dem er später um 
die Mitte der vierziger Jahre des Jahrhunderts das bewunderungs- 
würdige erste Kapitel in der „Geschichte seiner Zeit" entwarf, das 
einleitende Kapitel, in dem er den Zustand Preufsens und Europa's 



J ) z. B. Bd. III, p. 476, 402, 419. 



26 Öffentliche Sitzung 

zur Zeit seiner Thronbesteigung, die Charaktere der Fürsten Euro- 
pas, ihre Minister und Feldherrn, die gegenseitige Machtstellung 
der Staaten, in die er eingetreten, zusammenfassend darstellte. In 
den Denkwürdigkeiten des Hauses Brandenburg, die der König im 
Jahre 1747 und 1748 durch Darget, seinen Privatsecretair, einen 
wissenschaftlichen Mann aus seinem vertrauteren Kreise, in dieser 
Akademie lesen liefs, hatte er den grofsen Kurfürsten in grofsen 
Zügen gezeichnet, und man sah darin ein Vorbild, dem er nach- 
eiferte, dagegen hatte er die Regierung des ersten Königs mit offe- 
nem Freimuth und unverhaltener Schärfe beurtheilt, und man er- 
kannte darin das Gegentheil dessen, was er wollte und erstrebte. 
In dem Geiste dieser Schriften schrieb Friederich der Grofse seine 
politischen Vermächtnisse, mitten in den Zuständen und Bedürf- 
nissen Preufsens seine Stellung nehmend. 

Der König will mittheilen, was ihn als Steuermann des Staats 
die Erfahrung gelehrt hat. Ohne in das Kleine des Besonderen 
einzugehen will er die Dinge im Grofsen fassen. Darnach be- 
trachtet er die vier Hauptpunkte, mit welchen die Regierung zu 
thun hat, die Rechtspflege, den klugen Haushalt der Finanzen, 
die kräftige Erhaltung der militärischen Zucht und endlich die 
Kunst, die richtigsten Mafsregeln zur Förderung der politischen 
Interessen zu ergreifen. Wie in den Denkwürdigkeiten des Hauses 
Brandenburg 1 ) fafst er dabei den Fürsten als den ersten Diener 
und die erste Obrigkeit des Staates auf. 

Vor Allem will der König seinen Staat in Gerechtigkeit ver- 
fafst wissen. Mit Befriedigung sieht er auf die Reform der Ge- 
setze und des Prozefsvcrfahrens, die er eingeleitet hat, und wie in 
dem Eingang zu seiner Geschichte des siebenjährigen Krieges 2 ) 
erwähnt er dankbar der Verdienste des Grofskanzlers Cocceji, der 
sich mit Kraft und Einsicht der mühevollen Arbeit der Rechtsver- 
besserung unterzogen habe. Wenn es im Testament aus dem Jahre 
1768 so scheint, als habe der König schon wahrgenommen, dafs 
es mit der Justizreform Cocceji's nach dessen Tode zurückgegangen, 
so beharrt er doch in derselben Richtung. Für sich selbst betont 
er den Grundsatz, dafs es dem Fürsten nicht zieme, zur Entschei- 
dung der Prozesse sein Ansehn ins Mittel zu legen. Es müssen, 

i) Werke I, p. 123. 

2) Werke IV, p. 1 f., vgl. IX, p. 30 f., IX, p. 232. 



vom 27. Januar 1870. 27 

sagt er, die Gesetze allein regieren, und die Pflicht des Fürsten 
beschränkt sich auf ihren Schutz. 

Friederich der Grofse hat ein Gefühl für das, was in dem 
Staate, dem der grofse Kurfürst seine Wege wies und dem sein 
Vater die Mittel der Macht zusammenhielt, an Bedingungen der 
Zukunft angelegt ist, und wiederum für das, was ihm fehlt, um, 
ein Staat unter Staaten, diese Anlage zu erfüllen. Er fühlt den 
Widerspruch zwischen dem Staat, der erstehen soll und seinen 
beschränkten Mitteln sammt seiner ungünstigen gefährlichen Lage, 
zwischen dem Beruf, den jeder wirkliche Staat in sich trägt, und 
der drohenden hemmenden Macht der Nachbaren, die den gesunden 
Keim zu ersticken trachten. An der Lösung dieses Widerspruchs, 
an der Bewältigung dieses Widerstreites, arbeitet sein ganzes Leben. 

Als die Grundbedingung eines Staates, der Staat ist, erkann- 
ten die alten Philosophen die Zulänglichkeit, das Wort im edelsten 
Sinne genommen. Der Staat, führten sie aus, müsse zulänglich 
und dadurch in sich selbst gegründet sein: zulänglich an Macht, 
um die Gesetze zu schützen, zulänglich in den rechten Quellen 
aller Kraft, in den Erzeugnissen des Landes, in der Erziehung 
eines gesunden Nachwuchses, in der Bildung guter und tapferer 
Bürger, zulänglich nach aufsen in genügender Macht zur Abwehr 
des Angriffs, zur Hut seiner Freiheit, zur Wahrung seiner unab- 
hängigen Bewegungen. Wir dürfen diesen alten Begriff anwenden 
und mit ihm sagen, dafs Friederich der Grofse auf eine solche 
sittlich gedachte Autarkie seines Staates alle Gedanken und alle 
Fürsorge richtete; und er weifs, dafs er sie nirgends schöpfen kann, 
als aus der Kraft seines Landes und der Tugend seines Volks und 
der Weisheit seiner Regenten. Dies Gefühl geht ausgesprochen 
und unausgesprochen durch seine Schriften wie durch seine beiden 
politischen Vermächtnisse und, was mehr ist, durch seine Thaten. 

In diesem Sinne bedenkt er in seinem politischen Testament 
den Mangel an Hilfsquellen im eigenen Lande, die zerrissene geo- 
graphische Lage, die bedrohten langen Grenzen, die Eifersucht der 
europäischen Mächte, und denkt auf Mittel ihnen zu begegnen. 

In diesem Sinne nennt er sein Land arm, das ungeachtet dreier 
zwischenliegender Regierungen, ungeachtet des Friedens während 
einer derselben noch die Spuren der Verwüstung aus dem ver- 
heerenden 30jährigen Kriege an sich trage. Er sucht die Mittel 
auf, das Land zu heben, und führt mit Befriedigung an, was in 



28 Öffentliche Sitzung 

dieser Richtung schon von ihm gethan sei, die Entwässerungen 
von Landstrichen, die Einführung des Seidenbaues, die Förderung 
von Wollenspinnereien, von Seiden- und Wollen -Manufacturen, die 
asiatische Handelsgesellschaft zu Emden, die Seeverbindung von 
Emden und Stettin, die Hebung des Stettiner Handels u. s. w. Der 
König sieht in dem Geschehenen nur die Anfänge zum Anbau des 
Landes; er empfielt einen weiteren Plan, der durch alle Provinzen 
geht; und was er im Jahre 1752 in seinem Vermächtnifs als nützlich 
empfielt, das hat er später die Freude gehabt, zu einem grofsen Theil 
selbst auszuführen und ausgeführt zu sehen, wie die Urbarmachung 
der Oderbrüche noch vor dem siebenjährigen Kriege und nach dem- 
selben die Urbarmachungen in Hinterpommern, die Austrocknungen 
auf Usedom. So hat er sich früh in grofsem Plan die Unternehmun- 
gen zum Besten des Landes vorgezeichnet. Derselbe Scharfblick, 
der das Grofse erspähte, sah in das Kleine. So bemerkt er, was 
an Manufacturen seinem Lande noch fehle; es bedarf mehr Messer- 
schmiede, als sich in Neustadt -Eberswalde angesiedelt haben, mehr 
Knopfmacher, mehr Handschuhfabriken, mehr Buchdruckereien. 
„Wenn er bis in die kleinsten Dinge herabstieg«, sagt einmal der 
König 1 ) von seinem Vater, „so that er es, weil er überzeugt war, 
dafs das Vielfache des Kleinen die grofsen Dinge bilde." Den 
Geist des Details, den Friederich an seinem Vater hochhält, hat 
er von ihm geerbt, aber immer spiegelt sich ihm in dem Kleinen 
das Grofse. So macht er, um eine Kleinigkeit hervorzuheben, im 
Blick auf das erworbene Ostfriesland, darauf aufmerksam, dafs die 
Friesen ihre Lumpen zur Papierfabrication nach Holland verkaufen; 
es müsse dafür gesorgt werden, dafe sie künftig über Stettin nach 
einer in Pommern anzulegenden Papiermühle gehen. Es ist ein 
Zug, wie der König, wo es immer angeht, die getrennte neue Pro- 
vinz mit den alten, die ihm den Körper des Landes bilden, zu 
verknüpfen bedacht ist, und wie er im Sinne jener Zulänglichkeit 
nicht will, dafs selbst das Geringste aus dem Lande gehe, was 
dem Lande selbst zu Gute kommen kann. Friederich der Grofse 
sagt in einer Abhandlung 2 ), die er schon im Jahre 1749 in der 
Akademie lesen liefs, von der vorangehenden Verwaltung: „Unser 



i) In den Denkwürdigkeiten des Hauses Brandenburg. Werke I, p. 125. 
'4 Über die Sitten und Gebräuche unter der Dynastie der Hohenzollern. 
Werke I, p. 236. 



vom 27. Januar 1870. 29 

Handel war noch nicht geboren; die Regierung erstickte ihn in 
Folge von Grundsätzen, welche seinen Fortschritt geradezu hinder- 
ten." So will er in seinem politischen Vermächtnifs den Zwischen- 
handel fremder Völker vermieden wissen und empfielt directen 
Handelsverkehr einzuleiten; er will durch Eingangszölle auf aus- 
ländische Erzeugnisse und durch Befreiung von Auflagen und durch 
zweckmäfsige indirecte Steuern den Gewerbfleifs des Landes heben 
und zugleich die Einnahmen des Staates mehren. Der König kennt 
in dieser Richtung das Eigentümliche der einzelnen Provinzen und 
will darnach die Verwaltung für jede eigenthümlich. So sagt er 
im Vermächtnifs von Schlesien: „der Handel mit Leinen und Tuch, 
welches diese schöne Provinz erzeugt, verdient von den Fürsten 
ermuntert zu werden. Das Leinen bringt Schlesien fast ebenso 
viel ein, als Peru dem König von Spanien einträgt." 

Indem Friederich der Grofse die Anleitung giebt, das Land 
anzubauen, wird ihm die Volkswirthschaft zur Staatswirthschaft, 
der zulängliche Erwerb im Volk zum Mittel für die zulänglichen 
Finanzen des Staats. In ihnen sieht er die Bedingung politischer 
Selbstständigkeit; und der bürgerliche Grundsatz der Sparsamkeit, 
auf dem der Einzelne sein Haus sicher bauet, ist ihm, wie dem 
grofsen Kurfürsten und seinem Vater, ein Grundgesetz des Staates. 
Das Urtheil, das er in den Denkwürdigkeiten des Hauses Branden- 
burg über den prachtliebenden König Friederich I gefällt hatte, hat 
dieselbe Wurzel. 

In die Beispiele der Geschichte blickend schreibt der König 
im politischen Vermächtnifs von 1752: „Soll das Land glücklich, 
will der Fürst geachtet sein, so mufs er nothwendig Ordnung in 
seinen Finanzen halten. Niemals hat sich eine arme Regierung 
Ansehn erworben. Enropa lachte über die Unternehmungen des 
Kaisers Maximilian; denn dieser Fürst, zwar begierig Schätze zu- 
sammenzubringen, aber in seinen Ausgaben verschwenderisch, hatte, 
wenn es darauf ankam einzusetzen, nie Geld; die Italiener, die ihn 
kannten, nannten ihn den Maximilian ohne Heller (Maximiliano 
senza denari). "Wir haben erlebt, dafs die Zerrüttung, in der Kaiser 
Karl VI seine Finanzen hinterliefs, die Königin von Ungarn nö- 
thigte, von England Hülfsgelder zu nehmen, was sie in Abhängig- 
keit von König Georg brachte und ihr einige schöne Provinzen 
kostete, die sie theils uns, theils dem Könige von Sardinien abtrat. 
Diese weise Fürstin, die es erfahren, wie sehr der Mangel an baa- 



p,o Öffentliche Sitzung 

rem Gelde ihrer Sache Eintrag gethan, arbeitet mit unablässigem 
Fleifse die gestörte Ordnung herzustellen. Wären die Finanzen 
Sachsens wohl verwaltet gewesen, so hätte es in dem Kriege, der 
1740 begann, eine Rolle spielen können, aber da es verschuldet 
war, gab es sich den Meistbietenden hin und hatte nach allen 
Seiten Unglück. August gewann nichts an unserer und der Fran- 
zosen Seite; und er wurde vernichtet, als die englischen Hülfs- 
gelder ihn gegen Preufsen kehrten. Hätte er seine Koffer voll 
gehabt, so brauchte er seine Interessen nicht für so mäfsige Sum- 
men zu verkaufen. Dasselbe Holland, welches das Joch seiner 
Zwingherrn abschüttelte und früher bis nach dem Erbfolgekriege 
eine so grofse Rolle in Europa spielte, dieser selbe Freistaat wird 
heute kaum unter die grofsen Mächte gezählt, und zwar weil seine 
Regierung mit Schulden belastet, und, was schlimmer, ohne Credit 
ist. Wenn Frankreich fortfährt schlecht zu wirtschaften, wie es 
heilte thut, so wird es trotz seiner grofsen Macht von seiner Höhe 
sinken und seinen Nebenbuhlern ein Gegenstand der Verachtung 

werden können." 

In derselben Beziehung sagt der König im Vermächtnifs des 

Jahres 1768 von Preufsen: 

„Wir haben weder ein Mexico noch ein Peru und keine solche 
auswärtige Niederlassung, deren Handel die Besitzer bereichert. 
Preufsen hat seine Hülfsquellen nur in sich selbst, ziemlich un- 
fruchtbaren Boden, arme Einwohner. Dessenungeachtet ist dieses 
Land durch grofse Ordnung und Gewerbfleifs im Stande gewesen, 
einen harten verderblichen Krieg gegen die gröfsten Monarchen 
Europa's zu führen; und nach sieben Jahren der Unruhe fanden 
sich Österreich, Frankreich und England von Schulden belastet, 
während wir keine hatten, und uns noch Mittel genug blieben, die 
zerstörten und halb verödeten Provinzen wieder herzustellen." 

So darf der König mit seltener Befriedigung die eigene Er- 
fahrung Preufsens zum Zeugen nehmen und durch sie den Grund- 
satz des Haushalts seinem Staate einprägen und der Verwaltung 
und den Ausgaben die Richtung vorzeichnen. 

Wie in den Finanzen, so hat Friederich der Grofse nach allen 
Seiten im Auge, dafs der Staat auf Macht als auf seine Grundfeste 
o-egründet ist. Da sich die Macht in der Wechselwirkung der 
Staaten mifst und erprobt, so führt dies auf die Lage des Landes 
unter den andern Ländern. 



vom 27. Januar 1870. 31 

Friederich der Grofse betrachtete die Landkarte, auf welcher 
seinem Lande die Bedingungen zu einem zulänglichen, in sich ab- 
geschlossenen, in sich selbst gegründeten Staate nicht gegönnt wa- 
ren, mit nüchternem Blicke. 

Ähnlich wie in dem einleitenden Kapitel zur „Geschichte seiner 
Zeit" i ), sagt der König im politischen Testament vom Jahre 1752: 

„Die Provinzen der preufsischen Monarchie sind fast alle von 
einander getrennt. Der Körper des Staates, in dem seine Kraft 
ihren Sitz hat, ist das Kurfürstenthum, Pommern, Magdeburg, Hal- 
berstadt und Schlesien. Diese Provinzen, das Herz des König- 
reichs, verdienen hauptsächlich die Aufmerksamkeit des Fürsten, 
weil man hier sowol für das Innere wie für die Vertheidigung dieser 
Provinzen sichere Anordnungen treffen kann. Preufsen, durch das 
polnische Preufsen von Pommern getrennt, ist mit Polen und mit 
Rufsland benachbart, dessen Kaiserin in Curland allmächtig ist. 
Das Herzogthum Cleve und Friesland berühren Holland. Schlesien 
grenzt an Böhmen, Mähren und sogar an Ungarn. Das Kurfürsten- 
thum und das Gebiet von Magdeburg liegen um Sachsen herum. 
Pommern ist nur durch die Peene von den deutschen Besitzungen 
des Königs von Schweden getrennt, und das Fürstenthum Minden 
ist mit Land von Hannover, Münster, Kassel, Hildesheim und Braun- 
schweig untermischt." 

„Ihr seht, dafs wir durch diese geographische Lage Nachbaren 
der gröfsten Fürsten Europa's sind; alle diese Nachbaren sind 
ebenso viele eifersüchtige oder ebenso viele geheime Feinde unserer 
Macht. Die örtliche Lage ihrer Länder, ihr Ehrgeiz, ihre Inter- 
essen, alle diese verschiedenen Verbindungen bilden die Grundlage 
ihrer mehr oder weniger versteckten Politik je nach Zeit und Um- 
ständen." 

In diesen Zügen empfinden war die Unmöglichkeit, die der 
König überkommen hatte, die Lage zu lassen, wie sie war. Ent- 
weder mufste der Staat des grofsen Kurfürsten mit seinen Keimen 
sich selbst aufgeben, oder er mufste vorwärtsdringen und sich nach 
aufsen wie nach innen fester gründen. Zwischen beiden gab es 
für Friederich den Grofsen keine Wahl. Er weifs, was er wol^ 
len mufs. 



') Werke II, p. 47. 



32 Öffentliche Sitzung 

Bezeichnend schreibt der König in dem Vermächtnifs: 
„Machiavell sagt, dafs eine uneigennützige Macht, welche sich 
mitten zwischen ehrgeizigen Mächten befände, zuletzt unfehlbar 
untergehen würde. Es thut mir sehr leid, aber ich mufs einge- 
stehen, dafs Machiavell Recht hat. Daher müssen die Fürsten 
nothwendig Ehrgeiz haben, aber er mufs weise, gemäfsigt und von 
Vernunft durchleuchtet sein." Der Ehrgeiz Friederichs ist die Macht 
und die Wohlfahrt seines Staats, die in ihm, dem Könige, bewufst 
und zur Springfeder alles Strebens werden. 

Wenn die Eichel, die den mächtigen Baum in sich trägt, in 
dürrem Erdreich der Bedingungen entbehrt, dafs sich entwickele, 
was in ihr liegt: so strebt sie, ehe sie sich in ihren Untergang fügt, 
zu erreichen, was ihr fehlt; keimend streckt sie darnach ihre Wur- 
zeln und treibt sie ihre Schossen. So arbeitet der Same im Kampf 
um das Dasein. In ähnlicher Arbeit steht der Staat Friederichs 
des Grofsen nach aufsen und nach innen. Je edler der Keim ist, 
der in ihm liegt, desto edler ist sein Kampf um das Dasein, sein 
Kampf um die Bedingungen seiner Entwicklung. 

In diesem Sinne stellt der König der Politik des Fürsten die 
Aufgabe, neben der Verwaltung des Innern und der Förderung der 
Interessen und neben der Handhabung und Aufrechthaltung des 
Regierungssystems die Sicherheit des Staats zu befestigen und so 
weit es geht, auf üblichem und erlaubtem Wege die Besitzungen 
und die Macht und das Ansehen der Fürsten auszudehnen. 

Für den Staat, der zwar einen Körper hatte, aber Theile von 
dem Körper getrennt und in die Ferne hinausgeworfen, war es ein 
natürlicher Trieb, diese Theile zu wirklichen Gliedern zu machen; 
es war daher eine Bedingung der Sicherheit gegen Angriffe und 
eine Bedingung zur gegenseitigen Hülfe und zum Austausch der 
Kräfte, die zerstückten Theile des Landes mit dem Ganzen zu 
einigen, und daher das Gebiet abzurunden und in seinen offenen 
Seiten zu schützen. Friederich der Grofse ist, so weit es an ihm 
liegt, in dieser Richtung unablässig thätig, wie z. B. in den Mitteln, 
das Land zu sichern, Festungen zu bauen, oder, wo er noch nicht 
zu bauen im Stande ist, den Plan zum Bau zu entwerfen. An- 
deres hat er nicht in seiner Gewalt und mufs die Erfüllung des 
notwendigen Bedürfnisses der Geschichte überlassen. In dieser 
Richtung bewegen sich des Königs Wünsche, die er seinen poli- 
tischen Traum nennt. Einige sah er selbst erfüllt, andere seine 



vom 27. Januar 1870. 33 

Nachkommen. Es ist im Vermächtnifs von 1752 sein Wunsch, dafs 
sich einst der stetige Zusammenhang von Pommern und Preufsen, 
der durch das zwischenliegende polnische Preufsen unterbrochen 
war, zur innigem Verbindung mit dem Hauptlande herstellen lasse. 
Es erschien ihm für den Staat nothwendig und dieser Gedanke 
leitete seine spätere Politik in den Wirren Polens, welche die 
Theilung herbeiführten. 

In der gefährlichen Lage, in der Friederich seinen Staat wufste, 
ist es für seine Weisheit und seinen Willen bezeichnend, dafs er 
die schwierige Aufgabe allein auf die Kraft seines Staates stellt, 
einem tapfern geschulten Heere, der Bereitschaft der ersparten Mittel 
und der Treue und dem Geiste seines Volkes vertrauend. 

„Hütet euch wohl," sagt er, „euer Vertrauen auf die Zahl 
und die Treue euerer Verbündeten zu setzen; zählet nur auf euch 
selbst." 

Und ebenso sagt er an einer andern Stelle, im Vergleich mit 
deutschen Fürsten und Städten, die sich in fremde politische Ab- 
hängigkeit verkauft haben, mit Befriedigung: „wir (wir Branden- 
burger) haben niemals von irgend jemanden Hülfsgelder empfangen" 
und streng tadelt er, wie in den Denkwürdigkeiten des Hauses 
Brandenburg, den ersten König, der im spanischen Erbfolgekrieg 
anders verfahren war. Wer Subsidien nimmt, findet sich die Hände 
und spielt nur eine zweite Rolle. 

Der König verliefs wenige Jahre später diesen Grundsatz. 
Zwei Tage vor der Schlacht bei Kunersdorf, in der er mit Leib 
und Leben um das Dasein kämpfte, gegen das halb Europa sich 
erhoben hatte, am 10. Aug. 1758 schreibt er, ungewifs was ihm 
selbst zustofsen könne, vorsorgend an seinen Bruder den Prinzen 
Heinrich 1 ): „Was die Finanzen betrifft, so glaube ich Euch unter- 
richten zu müssen, dafs mich alle die Verlegenheiten, die uns zu- 
letzt trafen, und vornehmlich die, welche ich noch voraussehe, ge- 
nöthigt haben die englischen Hülfsgelder anzunehmen, die indessen 
erst im Monat October zahlbar sein werden." Man hört es den 
Worten an, wie ungern der König sich dazu entschlossen hatte. 
Aber in Wahrheit hatte er den Grundsatz nicht gebrochen. Es 
war keine Gefahr in Englands Abhängigkeit zu gerathen; es galt 
vielmehr der Unabhängigkeit Preufsens. Die Feinde sogen damals 

J ) Werke XXVI, p. 180. 
[1870] 3 



34 Öffentliche Sitzung 

Preufsen und Westphalen aus. In dieser Noth mufste der König 
Geldhülfe annehmen und er nahm sie von dem für den Helden- 
könig begeisterten England. Es waren heifsere Tage, als die Tage 
des Königs Friederichs I., den Friederich der Grofse angeklagt 
hatte 1 ), dafs er mit dem Blut seiner Völker Handel getrieben habe 
in Verträgen mit den Holländern und Engländern. 

In der Lage des Landes, das Feinde ringsum und selbst zwischen 
seinen Grenzen hatte, legt der König das gröfste Gewicht auf ein 
geschultes, schlagfertiges, tapferes Heer. Immer hat er den Krieg, 
der ausbrechen kann, im Auge. Für ihn hält er die Mittel bereit. 
Die Kriegskasse mufs immer einen Fonds von 680000 Thlrn. hinter 
der Hand haben, um dem Heere, wenn es ins Feld rücken soll, 
den Sold eines Monats vorstrecken zu können, und dieser Fonds, 
sagt der König, mufs unantastbar sein. 

Dafs sein Adlerblick schon im Jahre 1752 die Möglichkeit 
eines langen Krieges voraussah, beweist eine Stelle seines Ver- 
mächtnisses. Nachdem er gezeigt hat, wie der Fürst in den Aus- 
gaben zugleich sparsam und grofsmüthig sein solle, fährt er fort: 
Wir brauchen ungefähr 5 Millionen zu einem Feldzug, also 20 Mil- 
lionen geben vier. Diese 20 Millionen zu sammeln und die andern 
Kassen zu füllen, ist eine Pflicht des Monarchen; es ist eine Sorge, die 
er sich nicht erlassen darf und die das Volk ihm Dank weifs, wenn 
es sich in Kriegszeiten von keinen neuen Auflagen gedrückt sieht. » 
Da der König die Erfahrung des siebenjährigen Krieges hinter 
sich hat, da er die Wahrscheinlichkeit bedenkt, dafs sich noch ein- 
mal die Kräfte von Österreich und Rufsland, von Frankreich und 
Schweden, gegen ihn vereinigen können und dann mit äufserster 
Anstrengung den Krieg führen werden, sagt er in seinem Testa- 
ment vom Jahre 1768: „wenn ich noch einige Jahre lebe, werde 
ich die Zahl des Heeres auf 166000 Mann bringen können.« Da 
aber die Feinde mehr Truppen aufbringen können, so will er, dafs 
die preufsischen durch Tüchtigkeit mehr vermögen. 

Den Geist und die Zucht des Heeres, in dem der Fürst sein 
eigener Kronfeldherr sein soll, stellt der König in erste Linie; die 
Verdienste des Adels im Heere hält er hoch und bedauert es im- 
mer wieder, für tapfere Offiziere und Soldaten nicht Belohnungen 
genug zu haben. Er will den eigenen Adel zum Heeresdienst, 

i) Werke I, p. 121. 



vom 27. Januar 1870. 35 

keinen fremden; denn die Fremden, sagt er, gehen leicht in andere 
Dienste über und bereichern dann die Fremden mit unsern Kennt- 
nissen. 

In der Geschichte sieht der König mit dem Verlust der Dis- 
ciplin den Staat sinken. So in Schweden, so in Holland. 

„Das zweite Beispiel, das ich erlebt habe," sagt der König im 
Vermächtnifs von 1752, „betrifft die Holländer. Ihre Truppen 
waren unter dem Fürsten von Oranien das Vorbild der europäi- 
schen Landwehr; und die Preufsen haben von ihnen die Ordnung 
und die Kunst des Krieges gelernt. Nach dem Tode des Königs 
Wilhelm regierten die Kaufleute von Amsterdam, mit den Titeln 
von Stadtschreibern, Rathspensionären und Generalstaaten geziert, 
den Staat. Sie machten ihre Ladendiener zu Offizieren, und ver- 
achteten die Vertheidiger des Freistaats. Alter und Tod nahmen 
ihnen ihre guten Offiziere. Die Obersten wurden die Pächter ihrer 
Regimenter; die Subalternen verweichlichten sich; die Hefe des 
Volks, der Auswurf der Nation ergriff das Kriegshandwerk und 
wegen Mangels an Mannschaft warb man Söldner an. Niemand 
hatte das Auge auf die Truppen. Der Krieg überkam sie und 
der verächtliche Haufe dieser republikanischen Miliz wurde gefan- 
gen genommen. Man bedeckte sich durch Feigheit mit Schmach. 
Flandern wurde von den Franzosen genommen und Holland fiel 
auf Gnade und Ungnade in Ludwigs XV. Hand, wenn er seine 
Vortheile benutzen wollte oder konnte." „Ihr seht also, wie wich- 
tig es für jedes Reich ist, besonders aber für eine heranwachsende 
Macht, dafs der Fürst sein Feldherr sei, auf die Strenge der Zucht 
seine Hand halte, und dafs ihn dabei auch das Kleinliche in den 
Einzelheiten nicht verdriefse." „Ich bin", schliefst er, „von Kind 
auf im Heere aufgezogen." 

Wie die Strategie des Krieges, denkt sich der König die 
Klugheit der äufsern Politik. Daher verlangt er in ihr, verschwie- 
gen zu sein, sich selbst zu beobachten, der eigenen Affecte Herr 
zu sein, seine Absichten zu verdecken, seinen Charakter zu ver- 
hüllen und nichts sehen zu lassen, als eine gemessene und durch 
die Gerechtigkeit gemilderte Entschlossenheit. l ) Und wie Polybius 
von dem Feldherrn verlangt, dafs er die Affecte in dem Charakter 
seines Gegners kenne und in die Berechnung seines Planes auf- 



l ) une fermete mesuree et temperee par la justice. 



3G 



Öffentliche Sitzung 



nehme: so will Friederich der Grofse, dafs in den äufsern \er- 
l,andlnngen die Staatskunst es verstehe, die fremden Affecte wie 
die Eitelkeit, Eigenliehe, richtig zu benutzen. Es ist überhaupt, 
als ob zwischen den Staaten mitten im Frieden die Listen des 
Krieges gelten sollen. Friederich hat in der nach seinem Tode 
,1788) herausgegebenen Geschichte des siebenjährigen Krieges ) 
von dieser dunkeln Seite seines Verfahrens kein Hehl gehabt. Es 
m a« sein, dafs die Staatsknnst zwischen Staaten erst offener wer- 
den wird, wenn mehr und mehr friedliche Bande, durch die Ver- 
schlingung der Interessen in gegenseitigen Verträgen befestigt, die 
Völker mit einander verketten. _ 

Der König hat immer wachsam seine Gegner im Auge und 
bezeichnet die politische Lage der Staaten in ähnlicher Weise, 
W ie im 2. Kapitel seiner Geschichte des siebenjährigen Krieges, 
nur nackter, und die Linien gehen immer zu dem Augenpunkt hin, 
der in Preufsen seinen Standort hat. 

Dabei ist sein Urtheil gerecht und entbehrt der offenen An- 
erkennung für den Gegner nicht, das Zeichen des freien, in der 
Wahrheit gegründeten Charakters. 

So schreibt der König in dem Vermächtnis von 1708: 
Die Macht Österreichs verdient hesondere Beachtung. Dies 
Hans" der Cäsaren hatte sich seit der Zeit Karls V mehr und 
mehr geschwächt. Unter der Regierung Karls VI hob es sich 
wieder! aber nach dem Tode dieses Kaisers und dem Erloschen 
des Mannsstammes glaubte Europa, es sei verloren Eine Iran 
erhob es wieder und behauptete es mit Festigkeit. Sie wurde der 
Abgott eines vor Kurzem noch aufrührerischen Volkes, das sie ur 
ihr! Sache in den Kampf führte. Diese Frau regiert noch jetzt. 
Wenn sie die verlorenen Provinzen noch nicht durch andere er- 
oberte ersetzt hat, so hat sie doch, ihre Finanzen ordnend, Schatze 
«fanden, nnd ihre Einkünfte belaufen sich so hoch, wie die des 
Kaisers Karl VI. selbst zn der Zeit, da er Neapel besaf. Man 
berechnet ihre jährlichen Einkünfte auf 26 Millionen. Wirklich 
unterhält sie 140000 Mann und kann diese Zahl wenn Ze.t und 
Umstände es erfordern, auf 200000 steigern. Ihre Macht wurde 
noch furchtbarer sein, wenn sie nicht jährlich 8 Millionen 1ha er 
abrechnen müfste, theils um die Dividende zu zahlen, the.ls für 



) Werke IV. S. 34 f. S. 83. 



vom 27. Januar 1870. 37 

einen Fonds zur Tilgung der während des letzten Krieges gemachten 
Schulden. Sie hat die Kunst verstanden fähige Minister zu finden 
und zu wählen ; und ihr Ministerrath ist durch Weisheit und syste- 
matisches Verfahren dem aller andern Könige überlegen; sie han- 
delt aus sich selbst. Ihr Sohn läfst sich von ihr in den Geschäften 
belehren und folgt ihren Antrieben." „Die Königin von Ungarn," 
sagt Friederich an einer andern Stelle ehrend, „gehört zu den we- 
nigen Fürsten, die sich über die schlechte Erziehung ihrer Jugend 
erhoben haben. Ihr Geist hat über diese triumphirt." „Der Fürst 
Kaunitz und Hatzfeld," fährt der König in jenem Zusammenhang 
fort, „sind ihre besten Minister. Die Generale, die den gröfsten 
Namen haben, sind Lasci und Loudon; wenn sie diese verlöre, 
würde es ihr schwer werden, unter der grofsen Zahl der übrigen 
ihres Gleichen zu finden. Indessen ist bis jetzt die österreichische 
Kavallerie schlecht, die Infanterie taugt mehr, besonders als Posten; 
und ihr Korps der Artillerie ist so gut als möglich. Prägt es 
euch wohl ein, dafs es keinen grofsen Fürsten giebt, der nicht den 
Gedanken mit sich herumtrüge, seine Herrschaft zu erweitern. 
Die Kaiserin -Königin hat ohne Zweifel ihr Eckchen Ehrgeiz, wie 
die andern. Die Politik verlangt, dafs solche Vorhaben mit un- 
durchdringlichem Schleier verhüllt bleiben und dafs man die Aus- 
führung verschiebt, weil die Mittel zum Erfolge fehlen. Man darf 
also das System des Friedens, welches der Wiener Hof zur Schau 
trägt, nur den 180 Millionen Thalern, die er schuldet, zuschreiben. 
Sie würden ihn, wenn ein Krieg zustiefse, ehe er einen ansehn- 
lichen Theil dieser Summe getilgt hätte, zu einem Bankerott nö- 
thigen." l ) 

So sehr auch der König auf den Krieg gerichtet und gerüstet 
ist und seinem Staat gebietet, immer auf dem Wachtposten zu sein, 
so wenig will er den Krieg als solchen. „Ein Fürst," sagt er in 
dem Vermächtnifs von 1768, „der aus Unruhe, aus Leichtsinn, aus 
schlechtem Ehrgeiz 2 ) Krieg beginnt, ist so verwerflich, wie ein 
Richter, der sich des Schwertes des Gesetzes bedient, um einen 
Unschuldigen zu verderben. Dann ist der Krieg ein guter Krieg, 
wenn man ihn unternimmt, um das Ansehn eines Staates aufrecht 
zu halten, um seinen Verbündeten zu Hülfe zu kommen, um die 



!) Vgl. Werke IV, p. 8 f. 
2 ) une ambition desordonnee. 



33 Öffentliche Sitzung 

Entwürfe eines ehrgeizigen Fürsten, der unseren Interessen schäd- 
liche Eroberungen vor hat, im Zaum zu halten." 

Wie Friederich seihst ein ritterlicher Konig ist, so will er 
sein Heer mit edler Gesinnung erfüllen. „Die Ehre," schreibt er 
(17G8) „das Verlangen nach Ruhm, das Beste des Vaterlandes, 
müssen alle die beseelen, welche sich den Waffen widmen und 
keine niedrige Leidenschaft darf so edle Gesinnungen beflecken. 
Der Fürst, der mitten im Heere steht, soll ihm mit seinem Bei- 
spiel diese Empfindungen einflöfsen. Denn „alle Welt," sagt Fr.ede- 
rich, „hat in monarchischen Staaten ihre Augen auf den Monarchen. 
Die öffentliche Meinung folgt seinem Geschmack nnd scheint be- 
reit, die Eindrücke, die er giebt, in sich aufzunehmen." In dem 
Adel siebt der König den Träger des militärischen Geistes. ,2* 
ist nöthig," schreibt er im Vermächtnifs von 1752, „zn verhindern, 
dafs der Adel in fremde Dienste trete, und seine., Sinn für Ge- 
meinschaft nnd Vaterland zu wecken. Daran habe ich gearbeitet 
und im Laufe des ersten Krieges habe ich alles Mögliche gethan, 
„m den Namen Preufsen durchzuführen, und um die Offiziere zn 
lehren, dafs sie alle, aus welcher Provinz sie seien, als Preufsen 
gelten nnd dafs alle Provinzen, wenn auch zerschnitten, zusammen 
Einen Körper bilden." So pflanzt damals der König durch das 
Heer das Gefühl des Einen Ganzen in das Volk, schmilzt die 
spröde Gaugesinnnng in Vaterlandsliebe nnd pflegt das Bewußt- 
sein des zusammengehörigen Ganzen in den Einzelnen Dem sich 
aufopfernden Mathe giebt er dadurch einen gröfseren Gegenstand 
und dem in die Heimat zurückkehrenden Soldaten eine Bedeutung 
für die Empfindung im Volk. _ 

Friederich der Grofse kennt den Vorzug der Monarchie, der 
es leichter wird, Jeden an die Stelle zu bringen, für die er am 
fähigsten ist. „Wenige Menschen," sagt er, „sind ganz ohne la- 
tent geboren. Jeden nun an seine Stelle setzen, das he.fst, aus 
allen zusammen einen doppelten Vortheil ziehen; es helfet, sich in 
keinem täuschen und dem Ganzen der Regierung mehr Kraft und 
Nachdruck geben, weil Alles dient und Alles im Stande .st, nutz- 

lieh zu dienen." 

Die strenge Pünktlichkeit in der Pflichterfüllung, die er vom 
Militair fordert, fordert er ebenso von den Beamten. Die Offiziere 
hält er zum Dienst im Staat geschickt, weil sie es verstehen, zu 
gehorchen und sich selbst Gehorsam zu verschaffen, über die Staats- 



vom 27. Januar 1870. 39 

diener ist er wachsam, besonders im auswärtigen Amte; „denn," 
sagt er in seiner dustern Anschauung, „das Mifstrauen ist die Mutter 
der .Sicherheit und nur der, der die Menschen nicht kennt, darf 
ihnen trauen (1768). Treue Dienste behält er in dankbarem An- 
denken, wie z. B. den Eifer und die Anhänglichkeit der märkischen 
„Landschaft," die ihm im Feldzuge von 1744 auf ihren Credit 
Summen vorgestreckt, um den Krieg weiter führen zu können, 
Summen, ohne welche er aus gänzlichem Mangel an baarem Gelde 
verloren gewesen wäre. Wiederholt spricht der König die Hoch- 
achtung für sein Volk aus, dergestalt, dafs er sich es zur Ehre 
rechnet, ein solches zu regieren 1 ). „In diesem Staate," schreibt 
er, „sind weder Parteiungen noch Empöruugen zu fürchten. Man 
braucht in der Regierung nur Milde anzuwenden und keinen Ver- 
dacht zu hegen, als etwa gegen einige verschuldete oder unzufrie- 
dene Edelleute oder einige Domherrn oder Mönche in Schlesien, 
welche jedoch, weit entfernt, sich offen zu erklären, ihre schlechten 
Umtriebe darauf beschränken, sich zu Kundschaftern unserer Feinde 
herzugeben." „Ich habe gesagt und wiederhole es," schreibt der 
König an einer andern Stelle, „in diesem Lande kommt man mehr 
in Verlegenheit hinreichende Belohnungen für die guten Handlungen 
zu finden, als dafs man genöthigt wäre, böse zu bestrafen. Man 
kann nicht genug die Tugend schätzen und die, welche sie üben, 
ermuntern. Es ist das Interesse des Staats, dafs sich seine Bürger 
alle zu ihr bekennen. Darum mufs man sie hervorheben, ja die 
guten Handlungen selbst gröfser erscheinen lassen, um ihnen, wo 
möglich, gröfseren Glanz zu verleihen und edeln empfänglichen 
Seelen Nacheiferung einzuhauchen. Gesetzt auch, dafs ein Mann, 
der von Natur nicht die Erhebung der Seele hätte, welche den 
höher angelegten Geistern eigen ist, eine gute Handlung aus Hunger 
nach Ehre und Belohnungen thäte, so ist damit doch viel gewon- 
nen; und obschon der Beweggrund der Handlung an sich niedrig 
wäre, so ist die schöne Handlung darum doch dem Gemeinwohle 
nicht weniger nützlich. Die nützlichsten Tugenden des Bürgers 
sind : Menschlichkeit, Billigkeit Tapferkeit, Wachsamkeit und Liebe 
zur Arbeit. Diese bilden nützliche Menschen, sei es für die bürger- 
lichen Geschäfte oder den Dienst im Heere." 



J ) S. das Testament über den Nachlafs in den Werken VI, p. 215. 



40 Öffentliche Sitzung 

Wenn Friederich der Grofse in diesen und andern Stellen 
die Springfeder des Ehrgeizes in Bewegung setzt, und die aus Ehr- 
geiz vollzogene Tugend um ihres Nutzens willen lohnt: so vergifst 
er das Wort eines ihm wohlbekannten alten Geschichtsschreibers, 
der, den Ehrgeiz der Römer betrachtend, ihn einen Fehler nennt, 
wenn auch einen Fehler in der Nähe der Tugend. Friederich der 
Grofse selbst ist von der Tugend, die ihre Lust in sich hat und 
nicht von Ehre und Lohn abhängt, beseelt. Von dem Edelsinn 
im Geben sagt er an der Stelle, wo er von dem Fürsten beides 
fordert, Sparsamkeit und Grofsmuth: „Die grofsmüthige Freigebig- 
keit ist eine hellsehende Tugend, weil sie mit Kenntnifs der Ur- 
sache handelt. Wenn dieser Edelsinn aufrichtig ist, so ist er be- 
scheiden, sanft, fordert keine Erkenntlichkeit und ist nicht bemüht 
den Ruf seiner Wohlthaten zu verbreiten. " 

Man hat oft Friederichs des Grofsen Bestreben, der seinem 
Volke die Strenge der Pflicht einprägte, mit Kants Lehre verglichen, 
der gleichzeitig die Pflicht zum Mittelpunkt der Sittenlehre machte, 
aber doch nicht die Pflicht um der Ehre, sondern die Pflicht um 
der Pflicht willen. 

In unserm gemeinsamen Leben liegt die Quelle einer solchen 
Gesinnung, die dem Menschen an sich Werth und Würde giebt, 
in der Religion, die das Gute um Gottes willen, oder, was un- 
gefähr denselben Sinn hat, das Gute um Christi willen zu wollen 
und zu thun gebietet. > 

Friederich der Grofse setzt in seinem Vermächtnifs diese Seite 
des menschlichen Lebens hintan, obgleich er sich der Rechts- 
pflichten gegen die Kirchen bewufst ist. „Ich bin neutral," sagt 
er, „zwischen Rom und Genf. Will Rom in Genf eingreifen, so 
zieht es den Kürzern; will Genf Rom unterdrücken, so wird Genf 
verurtheilt. Auf diese Weise kann ich den Religionshafs mindern, 
indem ich allen Theilen Mäfsigung predige und versuche sie zu 
vereinigen, indem ich ihnen vorhalte, dafs sie alle Bürger Eines 
Staates" sind, und dafs man einen Menschen ebenso lieben kann, 
der einen rothen, als einen andern/ der einen grauen Rock tragt. 
Ich habe versucht mit dem Papst gute Freundschaft zu halten, 
um dadurch die Katholiken zu gewinnen und ihnen begreiflich zu 
machen, dafs die Politik der Fürsten dieselbe ist, mag auch die 
Religion, nach der sie genannt werden, verschieden sein. 



vom 



27. Januar 1870. 41 



Der Gedanke an die Zukunft seines Staates verbindet sich 
dem Könige mit dem Gedanken an die Zukunft seiner Regenten. 
„Die Königreiche," sagt er, „sind von den Männern abhängig, die 
sie regieren. Erinnert euch, dafs England unter Cromwell geachtet, 
unter Karl IL verachtet wurde." 

Indem der König nach dieser Seite die Geschicke der Staaten 
überdenkt, beunruhigt ihn der Gedanke an eine Minderjährigkeit, 
die im Laufe der Zeit eintreten könne. „Wenn die Gottheit," 
schreibt er, „sich um das menschliche Elend kümmert, wenn die 
schwache Stimme des Menschen bis zu ihr gelangen kann, so darf 
ich dieses unbekannte und allmächtige Wesen anrufen, es wolle 
diesen Staat vor der Geifsel einer Minderjährigkeit bewahren. Es 
giebt kein Beispiel, dafs die Regierung eines Vormundes eine glück- 
liche gewesen wäre. Alle Beispiele, von denen uns die Geschichte 
berichtet, sind durch die Mifsgeschicke des Volkes, durch Spal- 
tungen und oft durch äufsere und innere Kriege bezeichnet. Nicht 
Bürgerkriege hat Preufsen während einer Minderjährigkeit zu fürch- 
ten, aber eine schwache Regierung, schlechte Verwaltung der Fi- 
nanzen, eine schwankende Politik, eine Erschlaffung der militai- 
rischen Zucht und den Verfall in der Ordnung der Truppen, welche 
sie bis jetzt unbesiegbar gemacht hat. Was wir besonders in die- 
ser Zeit der Schwäche zu fürchten hätten, wäre ein Krieg." 

Es ist an uns, an dieser Stelle nicht schweigend vorüberzu- 
gehen, sondern dankbar zu gedenken, dafs die Fügung, die in 
keines Menschen Hand steht, bis dahin unserm Vaterlande ge- 
währte, was Friederich der Grofse hier für seinen Staat von der 
Vorsehung erbittet; — wolle Gott, dafs das unschätzbare Gut, das 
in der durch keine Minderjährigkeit unterbrochenen Kette starker, 
selbst denkender, selbst wollender Fürsten liegt, bis in die fernsten 
Zeiten sein Erbtheil sei. 

Friederich dem Grofsen trat alsbald, da nach wenigen Jahren 
sein Bruder, der Prinz von Preufsen, unerwartet starb, die Sorge 
näher, die diese Stelle ausspricht. Man sieht es aus dem Briefe 
voll Liebe, den er aus dem Felde nach der empfangenen Nachricht 
unter dem 25. Juni 1758 an seinen Bruder, den Prinzen Heinrich 
schrieb 1 ). Ähnliche Gedanken liegen in seiner Seele, da zu einer 
Zeit, in welcher der Mannsstamm des königlichen Hauses auf we- 



l ) Werke XXVI, p. 172 f. 



4 2 Öffentliche Sitzung 

nigen Augen stand, 20 Jahre alt, der blühende Prinz Friederich 
Heinrieh, der zweite Sohn des verstorbenen Prinzen von Preufsen, 
durch den Tod dahin gerafft wurde, und der König an seinen 
Bruder, den Prinzen Heinrich, unter dem 27. oder 28. Mai 1767 
einen Brief schrieb, auf den seine Thräne fiel. „Ich habe dies 
Kind, wie meinen eigenen Sohn geliebt; der Staat verliert an ihm 
viel; meine Hoffnungen schwinden mit ihm" 1 )- 

Für den Fall der Minderjährigkeit empfiehlt der König in dem 
Vermächtnifs den nächsten Verwandten und keine Frau zum Vor- 
mund einzusetzen, und ihm allein die volle Macht in die Hand zu 
geben ohne seine Beschlüsse an die Genehmigung eines ihn um- 
gebenden Raths zu binden. „So wenig es Newton möglich gewesen 
wäre " fügt er hinzu, „sein System der Anziehung zu gestalten, 
wenn er im Verein mit Leibniz und Descartes gearbeitet hätte, 
ebensowenig kann ein System der Politik gebildet und durchge- 
führt werden, wenn es nicht aus Einem Kopfe entspringt." 

Der König, der in dem Regenten die Zukunft des Landes 
sieht, befielt vor Allem Sorgfalt der Erziehung, und während einer 
Minderjährigkeit fürchtet er vornehmlich Schmeichler, die das junge 
Gemüth verderben. Er vertrauet den richtigen Einwirkungen, wie 
in seiner spätem Abhandlung über die Erziehung. Er will die 
Erziehung der Fürstensöhne ebenso weit von Härte als von 
Schmeichelei entfernt wissen. Schon im Antimachiavell hat er das 
Gift der Schmeichelei geschildert, welche sophistisch Mängel be- 
schönige und verkleinere, und die Fehler mit dem Schein von Tu- 
genden umkleide, indem sie Rauhheit und Rohheit Strenge der 
Gerechtigkeit, Verschwendung Freigebigkeit nenne und Ausschwei- 
fungen mit dem Schleier des Vergnügens umhülle. Vor Allem will 
der König eine richtige Gewöhnung zur Pflicht. „Die Gewohn- 
heit," sagt er, „hat eine herrschende Gewalt über die Menschen; 
sie kann°sie zum Guten führen, wie zum Bösen; und es ist ein 
vorzügliches Verdienst einer weise geleiteten Erziehung, dafs die 
Kinde°r in der Gewohnheit ihrer Pflichten aufwachsen. Man kann 
hierdurch dem Mangel der natürlichen Anlagen nachhelfen." Wie- 
derum fordert er, dafs man den Fürstensohn an ein arbeitsames, 
thätiges und mäfsiges Leben gewöhne und in ihm den Samen der 
Tu-enden, welche die Natur ihm zugetheilt hat, pflege." Damit 



) XXVI p. 307. Vgl. memoires de 17G3 iusqu ä 1775 VI, p. 



23. 



vom 27. Januar 1870. 43 

er sie eigenthümlich entwickele, will der König ihm Freiheit ge- 
währen; er soll die Menschen selbst kennen lernen, selbst hören, 
selbst urtheilen. Indem der König die Tugenden von Geschlecht 
zu Geschlecht fortpflanzen möchte, die sein eignes Wesen sind, 
lenkt er die Erziehung besonders auf die Menschlichkeit hin, die 
Humanität, die menschlich heifse, weil sie in unserer Natur liege 
und jedem Sterblichen gleichsam ^innewohne, das Mitgefühl des 
Menschen mit dem Menschen. 

Wie in dem Fürstensohn, liegen ihm die Sitten des Volks am 
Herzen. Da er nach dem siebenjährigen Kriege einen gröfseren 
Luxus bemerkt hat, warnt er dagegen in seinem Yermächtnifs vom 
Jahre 1768. Wo er einreifse, wolle keiner dem andern in Aus- 
gaben etwas nachgeben und die Ausgaben gelten als Mafs des An- 
sehens. So sei es in Frankreich und England, in Rufsland und 
selbst in Österreich. „Halten wir uns", sagt er, „an Einfachheit; 
bewahren wir unsern Adel und unsere guten Eigenschaften, oder, 
wenn ihr wollt, unsere deutschen Tugenden. Ahmen wir nach, 
was die Nachbarn Gutes haben, und hüten wir uns ihre Fehler 
nachzuahmen." 

So möchte Friederich die Fürstensöhne und das Volk, den 
Adel und das Heer durch Bildung und Tugenden für die Zukunft 
seines Staates erzogen wissen; und im Sinne eines solchen Ver- 
mächtnisses hofft er, dafs sein Preufsen einst eine der angesehen- 
sten Mächte Europa' s werde. 

Friederich der Grofse schliefst das Testament über seinen 
Nachlafs mit den Worten: „In dem Augenblick, wo ich das Leben 
aushauchen werde, sollen meine letzten Wünsche für die Wohl- 
fahrt dieses Reiches sein. Möge es immer mit Weisheit, Gerech- 
tigkeit und Kraft regiert werden, der glücklichste der Staaten durch 
die Milde des Gesetzes sein, der in billigster Gleichheit verwaltete 
in Bezug auf die Finanzen, der am tapfersten vertheidigte durch 
ein Heer, das nur Ehre und edlen Ruhm athmet, und möge es 
dauern und blühen bis an das Ende der Zeiten." 

Wir danken Allen, die auf dem so gelegten Grunde während 
des inzwischen verflossenen Jahrhunderts in guten und schweren 
Tagen treu dafür gearbeitet, dafs sich bis dahin mit Gottes Hülfe 
des grofsen Königs letzter Wunsch erfüllte. 



44 Öffentliche Sitzung 

Hr. Haupt, Secretar der philosophisch-historischen Klasse, 
gab hierauf Bericht über die seit dem 28. Januar voriges Jahres, 
als dem Tage der vorjährigen öffentlichen Sitzung zum Andenken 
Friedrichs des Grofsen vorgekommenen Veränderungen im Perso- 
nalstande der Akademie. 

Derselbe verkündigte sodann das Folgende. 
Die durch das Allerhöchste Patent vom 18. Juni 1844 ange- 
ordnete Commission, welche Seiner Majestät dem Könige das beste 
in den Jahren 1863 bis Ende 1867 erschienene Werk über deut- 
sche Geschichte behufs Ertheilung des zum Andenken an den Ver- 
trag von Verdun gestifteten Preises zu bezeichnen hatte, ist, nach- 
dem von deren Einberufung im Jahre 1868 mit Allerhöchster Ge- 
nehmigung Abstand genommen war, nach erfolgter Ernennung der 
Mitglieder im vorigen Jahre vorschriftsmäfsig zusammengetreten. 
Dieselbe hat zufolge Berichtes vom 24. November v. J. dem 
Werke von Dumm ler, Professor zu Halle, "Geschichte des 
Ostfränkischen Reichs, 2 Theile, Berlin 1862. 1865" den Preis 
zuerkannt. Seine Majestät der König haben geruht diesen Beschlufs 
der Commission mittels Allerhöchsten Erlasses vom 29. v. M. und 
J. Allergnädigst zu bestätigen und dem Professor Dümmler für 
das gedachte Werk den stiftungsmäfsigen Preis von Eintausend 
Thalern Gold nebst einer goldenen Denkmünze auf den Vertrag 
von Verdun zu ertheilen. 

Auf Grund der Bestimmung in der Allerhöchsten Ordre vom 
22. Dccember 1862 wird dies durch die Akademie hiermit öffent- 
lich bekannt gemacht. 



Hierauf las Hr. du Bois-Reymond, als Vorsitzender des 
Curatoriums der Humboldt-Stiftung für Naturforschung und Reisen, 
folgenden Bericht, zu dessen Erläuterung Hr. Kiepert eine Wand- 
karte der Länder zwischen Chartum und dem Äquator angefertigt 



hatte 



Das Curatorium der Humboldt-Stiftung für Naturforschung 
und Reisen erstattet statutenmäfsig Bericht über die Wirksamkeit 
der Stiftung im verflossenen Jahre. 

Die bei Gelegenheit der Säcularfeier der Geburt Alexan- 
ders von Humboldt am. 14. September v. J. neuerwachte Theil- 



vom 27. Januar 1870. 45 

nähme für dessen Andenken ist auch der Stiftung zu Gute ge- 
kommen. Es sind der Stiftung zugegangen: 1) Von Hrn. Pri- 
vatdocenten Dr. Kny hierselbst 80 Thlr.; 2) Von Hrn. Dr. Hei- 
depriem in Cöthen 82 Thlr. 7 Sgr. als Ertrag einer an der 
landwirthschaftlich- chemischen Versuchsstation für das Herzogthum 
Anhalt- Cöthen veranstalteten Sammlung; 3) von Hrn. Professor 
Dr. H. Knoblauch in Halle 110 Thlr. als Ertrag einer dort ver- 
anstalteten Sammlung; 4) von Hrn. Professor Dr. Ed. Grube in 
Breslau 312 Thlr. als ein Theil des Kassenbestandes des ehema- 
ligen akademischen Zirkels daselbst, der bei seiner Auflösung 
diese Verwendung jener Summe beschlofs. Das Capital der Stiftung 
ist. somit seit vorigem Bericht um 584 Thlr. 7 Sgr. gewachsen. 

Hrn. Dr. Rein hold He n sei sind für das Jahr 1869 500 Thlr. 
zum Zweck der weiteren Bearbeitung des von seiner Reise mitge- 
brachten, die Wirbelthiere betreffenden Materiales ausgezahlt wor- 
den. Diese Bearbeitung schreitet stetig vor, und liefert viele 
werthvolle Ergebnisse, welche sich aber ihrer Natur nach nicht zu 
einer Zusammenfassung an dieser Stelle eignen. 

Die laut vorigem Bericht im Jahr 1869 zu Stiftungszwecken 
verwendbare Summe von 2500 Thlrn. ist auf Beschlufs der Aka- 
demie Hrn. Dr. Georg Schweinfurt h aus Riga, zur Fortset- 
zung seiner mit den Mitteln der Stiftung begonnenen botanischen 
Reise in den südwestlichen Nilländern, überwiesen worden. 

Die letzten Nachrichten, welche der vorige Bericht über 
Hrn. Dr. Schweinfurth gab, waren aus Chartum vom 10. De- 
cember 1868. Sie zeigten den Reisenden im Begriff mit einer 
Handelsexpedition des dortigen koptischen Grofshändlers Ghat- 
tas nach dem oberen weifsen Nil aufzubrechen, und rühmten 
die wohlwollende und energische Unterstützung, welche Seine 
Excellenz der Vicekönigliche General- Gouverneur des Sudans, 
Ds chi äff er Pascha, Hrn. Dr. Schweinfurth hatte angedeihen 
lassen. 

Das Curatorium hat in Verbindung mit der Akademie die An- 
wesenheit Seiner Hoheit des Khedive in Berlin während des 
vorigen Sommers dazu benutzt, um Höchstdemselben eine Dank- 
adresse für die von ihm Ds chi äff er Pascha gnädigst ertheilten 
Weisungen zu überreichen und Seine Hoheit um die Erlaubnis 
zu bitten, auch Ds chi äff er Pascha ein Dankschreiben über- 
senden zu dürfen. 



4ß Öffentliche Sitzung 

Die nächsten seit vorigem Beriebt eingetroffenen Briefe des 
Reisenden waren von Faschoda (Denab), dem äufsersten ägyp- 
tischen Militärposten am Bahr el Abiad, am 2. «nd 3. Februar 
-schrieben, und am 5. April hier eingetroffen. Sie geben ein 
lebendiges Bild der dreiwöchentlichen Nilfahrt bis Faschoda. Die 
Barke des Gl. attas, in welcher der Reisende Chartnm am 5. Januar 
verliefe, trug aufser ihm, seinen 6 Dienern und einer zur Besorgung 
der Küche angekauften schwarzen Sklavin noch 15 dem Gh attas ge- 
hörige sogenannte Soldaten, d. h. mit Büchsen bewaffnete Nub.er, 
8 Schiffer nnd eine Köchin für diesen Theil der Gesellschaft. Der 
weite« Nil nietet durch ein weites Flachland; grasreiche Steppen oder 
Buschwald bilden die Ufer, erst südlicher tritt stellenweise üppiger 
Urwald auf. Unzählige Zebuheerden, der Reichthum der Anwohner, 
beleben das Land, Schaaren von Wasservögeln, darunter ganze 
Flottillen von Pelikanen, bevölkern den Strom; Krokodil und Mit- 
pferd werden immer häufiger. Am 5. Tage der Fahrt kommt 
westliefe das durch Kotschy den Botanikern bekannte Felsenge- 
bir~e Araschkol in Sicht. Am 6. Tage gelangt man oberhalb el F,s 
in "das inselreiche Gebiet der Schilluks, eines kräftigen Neger- 
stammes, der sich, nur hie und da durch die Baggara-Araber un- 
terbrochen, bis Faschoda erstreckt. Hier trat zuerst das in den 
oberen Gegenden immer reichlichere Schwimmholz Amlatsoh, (Her- 
miniera elaphroxylon) auf, ein im Strome wurzelndes Holzgewächs 
mit zartgefiederten Blättern und groteen hoehdottergelben Schmetter- 
lingsblüthen, aus dessen überaus leichtem Holze Flösse gezimmert 
werden, die acht Mann über Wasser halten und leicht von E.nem 

getragen werden. 

Am 24. Januar landete die Barke in Faschoda. Hier, am 
Halteplatz aller Chartumer Handelsschiffe, mutete die Ankunft der 
von Chartern nachfolgenden Barken erwartet werden, da am oberen 
weiften Nil einzelne Fahrzeuge Überfällen ausgesetzt sind Die 
Rastzeit wurde zur Verpackung der bis dahin gemachten Samm- 
lungen benutzt. Bei dem ägyptischen Gouverneur, den Hr Dr. 
Schweinfurth am 1. Februar in seinem Lager oberhalb Faschoda 
aufsuchte, fand er eine sehr zuvorkommende Aufnahme, und lernte 
er den König der Schilluks kennen. 

Nach Eingang dieser Nachrichten, welche zu den besten Hofi- 
„ungen für den Fortgang des Unternehmens berechtigten blieb 
acht Monate (vom 5. April bis 6. December) jede Kunde vom 



vom 27. Januar 1870. 47 

Reisenden aus, und die Besorgnifs um ihn wurde gesteigert durch 
ein im October eingetroffenes Schreiben des um die Schweinfurth'- 
sche Reise sehr verdienten norddeutschen Viceconsuls in Chartum, 
Hrn. Duisberg, wonach in Folge der durch Sir Samuel Baker 's 
Expedition unter den Negerstämmen verbreiteten Aufregung ein An- 
griff auf Factoreien der Chartumer Händler erfolgt sei und mit deren 
Vernichtung geendet habe. Glücklicherweise war diese Besorgnifs 
unbegründet, und das Ausbleiben der Briefe erklärte sich dadurch, 
dafs die Handelsbarken des Ghattas, zum Theil, wie es scheint, 
allerdings wegen jener Unruhen, die Rückkehr nach Chartum unge- 
wöhnlich spät angetreten hatten. Eine Reihe von Briefen des 
Reisenden, vom 24. März bis 31. August reichend, gelangte so 
erst am 23. October nach Chartum und am 6. December nach 
Berlin. 

"Wir ersehen aus diesen Briefen, dafs auch der zweite Theil 
der Stromfahrt in der Zeit vom 5. bis 22. Februar glücklich zu- 
rückgelegt wurde. Es ist dieser Theil der Fahrt der beschwer- 
lichere wegen der oberhalb der Sobat-Mündung beginnenden sumpf- 
artigen Ausbreitung des Stromes und seines durch eine üppige Vege- 
tation gehemmten labyrinthartigen Laufes. Hier, wo stellenweise die 
Barken durch die Sumpfpflanzen hindurchgeschleppt werden müssen, 
ist die wahre Heimath des Papyrus, der mit seinen 15 Fufs hohen 
Halmen und riesigen Dolden undurchdringliche Dickichte bildet. 
Eine von dem Reisenden angelegte Sammlung von Dolden, Halmen 
und Wurzelstöcken wird die Entscheidung des Streites ermögli- 
chen, ob der einst in Ägypten gebaute Papyrus des oberen 
Nils einerlei sei mit dem syrischen und sicilianischen oder nicht. 
Zuletzt führte die Fahrt durch den an dem Zusammenflufs des 
weifsen Nils, der oberhalb von hier Bahr el Djebel heifst, mit dem 
Bahr el Ghasäl gelegenen See No, den Bahr el Ghasäl hinauf 
nach der Meschra el Req (auf älteren Karten Port Req), dem 
Hafenplatze für die Barken aller Handelsunternehmungen in den 
Ländern südlich vom Bahr el Ghasäl. 

In der Meschra verweilte der Reisende einen Monat (vom 
22. Februar bis 25. März), theils um seine Sammlungen zu ver- 
packen, theils um die Ankunft der Träger zu erwarten, die von 
der grofsen Seriba des Ghattas zum Abholen des Gepäckes ver- 
tragsmäfsig gesandt werden mufsten. Die Umgegend zeigte sich 
minder ergiebig für Botanik als für Zoologie, es wurden nament- 



48 öffentliche Sitzimg 

lieh viele Wasservögel erlegt, auch interessante Menschenschädel 
erbeutet. Bei der dortigen Bevölkerung war Fräulein Tinne, die 
1863 nicht weit von hier ihre Mutter durch den Tod verlor, und 
seitdem selber dem Martyrologium der Afrika -Reisenden ihren 
Namen hinzugefügt hat, noch in lebhaftem Andenken. 

Nach anstrengender sechstägiger Landreise kam Hr. Dr. 
Schweinfurth mit seiner Dienerschaft, 70 ihm entgegengesand- 
ten Trägern und zwei Eseln am 31. März wohlbehalten auf der 
grofsen Seriba des Ghattas an, wo dessen Hauptagent, der seine 
sämmtlichen Seriben befehligt, ihn auf das Freundlichste aufnahm. 
Die grofse Seriba liegt ziemlich unter 7° N. B., zwischen dem 
Dschur- und Tondiflusse, von welchen der erste für den haupt- 
sächlichsten unter den vielen Flüssen gilt, die in der Ge- 
gend der Meschra sich zum Bahr el Ghasäl verbinden. Die 
Seriba zählt etwa 2000 Bewohner, von denen 200 Soldaten sind. 
Sie leben sämmtlich in dicht gedrängten, korbähnlichen, aus Bambus 
erbauten und mit Stroh gedeckten Hütten. Hr. Dr. Schwein- 
furth liefs sich in zwei eigens für ihn erbauten Hütten häuslich 
nieder, indem er sich aus mitgebrachten Brettern Tische und an- 
deres Hausgeräth verfertigte. Ein Hühnerhaus und eine Schaaf- 
hürde vervollständigten die wirtschaftliche Einrichtung. 

Die Umgegend der Seriba wird als ein leicht ansteigendes 
Hügelland beschrieben, hie und da von Felsreihen aus einem rothen 
porösen Thoneisenstein unterbrochen. Steppen und Grasniede- 
rungen von mannshohen Gräsern wechseln mit Buschwald, Hoch- 
wald und Bambushorsten; auch Sümpfe und Regenteiche fehlen 
nicht Die Flora ist sehr reich und im Allgemeinen auffallend 
verschieden von der des ägyptischen Sudans und der abessinischen 
Tiefländer, während sie mit der westafrikanischen entschiedene 
Ähnlichkeit zeigt. Besonders zahlreich sind die Gattungen der 
Bäume, von denen viele efsbare Früchte tragen; zu den ansehn- 
lichsten gehören die äthiopische Fächerpalme Beleb (Borassus 
Aethiopum), die Ölpalme, die Mimosengattung Parkeria, der Butter- 
baum (Butyrospermum), der afrikanische Fieberrindenbaum (Crosso- 
pteryx) und mehrere breitkronige Ficus-Arten. Der Milchsaft von 
Carpodinus, einem Baum aus der Familie der Apocyneen, im 
frischen Zustande klebrig, und zu einer der Guttapercha ähnlichen 
wasserdichten Masse eintrocknend, bot dem Reisenden em will- 



vom 27. Januar 1870. 49 

kommenes Mittel, um Pakete getrockneter Pflanzen vor Regen und 
Insecten zu schützen. 

In gegenseitigen Entfernungen von 4 bis 6 Stunden liegen am 
Dschur- und Tondiilusse zahlreiche kleinere Seriben zerstreut, von 
denen der Reisende schon viele besucht hat, wobei er stets gut auf- 
genommen wurde. Ohne jede Gefahr konnte er in Begleitung we- 
niger Bewaffneter mehrtägige Ausflüge von seinem Wohnort aus 
unternehmen. Ungeachtet der Regenzeit, deren grösseren Theil er 
bei Absendung der letzten Briefe bereits überstanden hatte, war 
seine Gesundheit stets gut, während seine Diener ab und zu von 
Fieber litten. 

Aueh äufsere Gefahren, die ihn zuweilen bedrohten, gingen 
glücklich an ihm vorüber. So am 14. Januar, wo bei Landung 
auf einer der Schillukinseln ein im Röhricht aufgescheuchter Büf- 
fel in seiner unmittelbaren Nähe einen Diener erheblieh ver- 
letzte; am 22. Januar, wo ein Schwärm grofser Bienen seine 
Barke überfiel, vor deren furchtbaren Stichen er und die Mann- 
schaft sich nur dadurch retteten, dafs sie sich mit Tüchern 
und Fellen bedeckt mehrere Stunden lang auf dem Boden der 
Barke niederlegten; endlich am 22. Mai in der Seriba, wo der 
Blitz in eine von der seinigen nur wenige Schritt entfernte 
Hütte einschlug, sechs Menschen tödtete, und die Hütte in Brand 
steckte. 

Die Briefe des Hrn. Dr. Schweinfurt h sind in der Zeit- 
schrift der hiesigen geographischen Gesellschaft und in Hrn. Pe- 
termann's „Mittheilungen" abgedruckt. Mit den jüngsten Briefen 
sind auch wissenschaftliche Manuscripte angelangt: geographische 
von einer Karte begleitete Mittheilungen, die nach des Reisenden 
Wunsch Hrn. Professor Kon er übergeben wurden, meteorolo- 
gische Aufzeichnungen und eine Handschrift botanischen Inhalts, 
welche nach dem Leben entworfene Beschreibungen der in den 
Ländern südlich vom Bahr el Ghasäl bis zum 7. Grade N. B. 
beobachteten neuen oder zweifelhaften Pflanzen enthält. Die Zahl 
der in diesem Bereiche vom Mai bis Juli aufgefundenen Pflanzen- 
arten beträgt 660, die Zahl der auf der ganzen Reise bisher ge- 
sammelten Arten 2322. 

Von den Sammlungen des Reisenden sind schon zwei Ab- 
theilungen, die erste im April vorigen Jahres, die zweite im Laufe 
dieses Monats angelangt; sie enthalten die auf der Reise bis Fa- 
ll 870] 4 



50 Öffentliche Sitzung rom 27. Januar 1870. 

sehoda gesammelten Naturalien, „nd sind in den betreffenden Ko- 

" igU 1v.: 5T^1SÄ,*> eitere P.ane betrifft, so haben 
die bisi r gütigen Erfolge seiner Reise nnd das gute Em- 

Hr Dr. Schweinfurth gegenwärtig begriffen tst, war anf 4-6 

Monate veranschlagt. „ D 

Ist aneh keinen Augenblick zu vergessen, dafs Hr. Dr. 
Schein" rth in einer Gegend weilt, die auf d,e Lange s.ch 
noc jedem weifsen Eindringling in der -en oder anderen A 

j H- 1. ^wies so darf man andererseits behaupten, dafs so 
verderblch e,„es so dar ^ n 

acclimat.s.rten und doch ^ Verwegenheit so besonnen 



reservirt Werden, ordnungsmäfsig abgerundet auf 2200 Thlr. 



Sitzung der phäosoph.-histor, Klasse vom 31. Januar 1870. 51 

31. Januar. Sitzung der philosophisch-historischen 
Klasse. 

Hr. Kirchhoff las: über eine jungst publicirte, ver- 
muthlich lakonische Urkunde. 

Unser Vorrat!] griechischer archaischer Inschriften auf Bronze 
ist in der letzten Zeit durch zwei Cabinetstücke vermehrt worden, 
eine lokrische gröfseren Umfanges und eine weniger umfangreiche 
von Tegea, welche man zunächst für arkadisch halten sollte. 
Was mich veranlagst, hier einige Bemerkungen über die letztere 
mitzutheilen, ist lediglich der Umstand, dafs die Erklärung des 
Denkmals durch die im Übrigen durchaus sachgemäfse und ein- 
sichtige Besprechung des ersten Herausgebers, Hrn. Eustratiades 
(^Eipwegig ao</cctG?.oytxy l N. F. n. 410, Tf. 50a, &), noch nicht so 
weit gefördert erscheint als es möglich und nothwendig ist, um 
die Bedeutung der Urkunde für unsere Kenntnifs in ihrem ganzen 
Umfange erkennen zu lassen. 

Ich constatire zunächst, dafs das Alphabet der Inschrift aller- 
dings in allen Punkten genau der Vorstellung entspricht, welche 
auf Grund der wenigen bisher bekannten altarkadischen Inschriften 
von dem Character des Alphabets dieser Gegend sich hatte bilden 
lassen. Dagegen bieten die sprachlichen Formen der Urkunde eine 
Reihe von Abweichungen von denen einer bekannten jüngeren Te- 
geatischen Steinschrift (Jahrb. f. Phil. u. Pädag. 1861. S. 585 ff.), 
auf welche wir bisher für die Erkenntnifs der Eigentümlichkeiten 
des arkadischen Dialektes wenn nicht ausschliefslich , doch vor- 
nehmlich angewiesen waren. Ich gebe im Folgenden eine Zu- 
sammenstellung dieser Abweichungen. 

1. Die Bronze schreibt im Anlaut der "Worte das Vau, wo 
es erwartet werden darf, die Steinschrift bietet keine Spur 
desselben, auch da, wo man es erwarten sollte. 

2. Der Verbalendung -vn, wie sie die Bronze hat, steht auf 
der Steinschrift -ucrt gegenüber. Desgleichen lauten die 
Zahlwörter von Hundert bis Neunhundert auf jener auf 
-urtoi, auf dieser auf -änoi aus. Im Zusammenhang da- 
mit steht auch, dafs die Präposition, deren attische Form 
TTfog ist, auf der Steinschrift nog lautet, während der Dia- 
lekt der Bronze ttctI festgehalten zu haben scheint (jvq^~ 
ikqvtzq). 

4* 



I Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

3. Der Nominativ des Artikels im Plural lautet auf der Bronze 
roi rat (ja), auf der Steinschrift o\ (ai rd). 

4. Gegen uito der Bronze steht «vv der Steinschrift. 

5. In der dritten Person des Singulars im Medium und Pas- 
sivum bietet die Bronze in der Endung -r«Y, die Stein- 
schrift regelmäfsig -rot. 

G. Die Partikel ei wird auf der einen (Vorder-) Seite der 
Bronze consequent ttl, auf der anderen (Rück-) Seite fünf- 
mal et und nur einmal noch ctl geschrieben. Die Stein- 
schrift hat durchgängig st. 

7. Der Infinitiv des Verbum Substantivum lautet auf der 
Bronze y^sv, auf der Steinschrift ryau 

8. Vergleicht man mediale Imperativformen, wie ätivio>&& 
(Sing.) und s7rs?xcrds^Mu (Plural) der Steinschrift mit dv- 
£ ?i T cw (Sing.) und av*kor&w (welches viermal begegnet 
und dem Zusammenhange nach in allen diesen Fällen die 
dritte Person Plnr. des Imperativs sein mufs, obwohl es 
als solche noch ungelöste Schwierigkeiten darbietet) der 
Bronze, so zeigt sich auch in diesen Bildungen eine nicht 
unerhebliche Divergenz. 

9. Die Bronze bedient sich ausschliefslich der Partikel act 
in den Verbindungen ett (et) y.cc und iitet xa , die Stein- 
schrift hat ebenso regelmäfsig au in der Verbindung sl- au 
und den conjunetivischen Relativsätzen: ro\ ra dit; ort ortvt 
cw; ora du, so Avie in dem räthselhaften \At-" d\: In be- 
stimmten Fällen erscheint vereinzelt EIKAN, was man sich 
st y.av zu lesen gewöhnt hat, das aber wohl richtiger als 
et y.dv d. h. et ücci du zu deuten ist. 
Es liegt auf der Hand, dafs mit Ausnahme etwa von n. 3. 
8. 9, in allen übrigen Fällen die Formen der Bronze entweder die 
ursprünglichen sind, aus welchen die der jüngeren Urkunde sich 
entwickelt haben, oder wenigstens jenen näher stehen, als die letzte- 
ren, und dafs, da beide Denkmäler zeitlich weit von einander ab- 
liegen, die Möglichkeit nicht bestritten werden kann, dafs beide dem- 
selben Dialekte angehören, wenn sie auch verschiedene Entwicke- 
lungsstadien desselben vertreten müfsten; n. 6 zeigt sogar den Über- 
gang bereits in der Epoche des älteren Denkmales in Vollzug be- 
griffen. Dagegen ist es ebensowohl möglich, ja in Anbetracht der 
oben ausgeschiedenen Fälle sogar wahrscheinlich, dafs wir Denk- 



vom 31. Januar 1870. 



53 



mäler verschiedener Dialekte vor uns haben, also das Idiom der 
Bronze nicht das von Tegea ist. Weder der Fundort, wie sich 
zeigen wird, noch das Alphabet, welches in dieser Gestalt nicht 
etwa blos in Arkadien, sondern im ganzen Peloponnes, mit Aus- 
nahme von Argos, Korinth und der Insel Ägina, das gemeinübliche 
war, sind geeignet die Frage endgültig zu entscheiden. Ich komme 
auf diesen Punkt weiter unten zurück. 

Zu bedauern ist, dafs der Graveur seine Arbeit sehr nach- 
lässig gethan, und sich mehrfach Buchstabenversetzungen und Aus- 
lassungen hat zu Schulden kommen lassen. Die meisten dieser 
Fehler sind von dem Herausgeber berichtigt worden, auch seine 
Lesung verdient im Allgemeinen Billigung, obwohl an einzelnen 
Stellen eine Änderung nöthig scheint. Ich setze daher den Text 
der Urkunde her, wie ich glaube, dafs er gelesen werden mufs, 
bemerke darunter die Fehler des Originals und begründe die mir 
nothwendig scheinenden Abweichungen von der Lesung des Heraus- 
gebers in der Kürze. 



1 EovSia tuj $*A«%a/ou Sta- 

2 xctTi\cci \xvai, 

3 ai y.a c£vsXzt\3-U), 

dl OZ H Ct7T0ZJCtUY\ t TWI/ TcX- 

I ? ■> ) t t 

4 VUJV I YifJ.SU, Z7TSI 'AU 7TZUTS Fz- 

5 tsu | Yjßwurt. 

6 dl OZ y.a fJ.Y t yZUYfCUy 7TZUTS 

7 FSTÜÜU, ZTtlhtXCiTQU Y/fXZU' | BlCC- 

yuujfj.su Bs Tu)g Tsysccra^o] j 

8 KttTcu Ss&jxoyJ 

frei. 



b. 

A0v3"lC£ 7TCC()X.Ct3 , Y i X.CC TW 
<$<?.«%« | t U) TST DUKUT IUI 

fxucti a/oyvoiui. 

sl fj\zu y.a £u)Y[, ctvrog ctu- 
f^'eo-S'öü, ai $s x\et {a.yj £u)Y it rot 
vioi ccusApa-^Tu} toi yuY t \Ttoi, znst 
y.a YjßaorujuTt irzyrs Fz~s\a. 

St Bz HU fJYj £uluTt t Tai S"V- 

yaTzgsQ | ctusXooSu) Tai yuY t - 
o~iai. 

sl §s na fjYj j £[uf\uTt 3 TOI 



vo&oi ausXoc 


-Sw. 


sl Bz y.a 


1 (J.Y) UoS~Ot £u)UTt 3 


TOI UTOricrTU 7T0<7lH0UT\sg au- 


sXojS'ui. 




sl Bz y 


aucf)i?^zyujuTi 3 t\oi 


TsysaTai B 


tayuouTU) yaTou | 


SzS'fj.ou. 






frei. 



12 



54 



Sitzung der philosoiihisch-historischen Klasse 



a 2 in der Lücke vTOrrilTO || G. PETNETON || b. 2. TIE 
TPAKATIAI || 9-10.TOI£ACISTAPOOIK|ES || 10^-4*. AN0IAE- 

CONT|OI. f , 

In der zweiten Zeile der Seite a liest der Herausgeber fei x 
ftftfe [tfr r£ (oder 7o) Artia&ifc Weder jj im Sinne des sonst 
auf der Bronze durchweg gebrauchten §M N wahrscheinlich, noch 
das Adverbium tu? oder gar *l für rovro glaublich; dazu kommt, 
dafs unter allen Umständen «fette falsch bezogen erscheint. Die 
Schrift ist auf dieser Seite der Platte absichtlich getilgt und darum 
schwer zu lesen; ich glaube, dafs eine nochmalige genaue Prüfung 
der Stelle ergeben wird, dafs auch hier nichts Anderes gestanden 
hat, als was die analoge der anderen Seite erwarten läfst, nämlich 
cti y.a §tk)Yj, ctvTcg aw/iiCo;. 

In der sechsten Zeile hat sich der Herausgeber damit begnügt 
das verschriebene ttstvsTöv in kfor" M> zu ändern. Da die Bronze 
aber wiederholt »&M schreibt, so war ein weitergreifender Fehler 

anzunehmen. * > * •, 

In derselben Zeile liest der Herausgeber toüiHKtwv r^sv und 
versteht unter Imblncrot die Verwandten, welche in Ermangelung 
yon Kindern Erbansprüche erheben konnten. Dies würde sich hören 
lassen, wenn das Wort seiner Bildung nach aktiven Sinn haben 
könnte, was nicht der Fall ist. Die Lesung, welche ich vorschlage, 
bedarf keiner Rechtfertigung; höchstens bleibt zweifelhaft, ob auch 
hier wieder ein Irrthum des Graveurs anzunehmen und irc^arrov 
herzustellen ist; &***&> neben fcr#*#« wüfst* ich wenigstens 
sonsther nicht zu belegen. Jedenfalls ist der Sinn: Sind keine 
Kinder am Leben, so soll Epidikasie verstattet sein, natürlich für 
diejenigen, welche auf Grund ihrer Verwandtschaft mit dem De- 
ponenten glauben Ansprüche auf das Depositum geltend machen 

zu können. 

In der ersten Zeile der anderen Seite accentmrt Hr. Lustra- 
tiades 7rc< § yJ$Y,xcc als Verbalform und wundert sich mit Recht, 
dafs der somit in erster Person von sich redende Deponent nicht 
bei Namen genannt sei, da Xuthias dann notwendig -als die Person 
zu betrachten wäre, bei der das Depositum hinterlegt wurde. Es 
«renügt zu bemerken, dafs die Unterdrückung des Augmentes, welche 
diese Lesung voraussetzt, ganz unzulässig ist. Vielmehr ist mit 
anderem Accente *«^S>fa als Substantivum zu nehmen und 



vom 31 Januar 1870. 55 

Xuthias dann die Person, in deren Interesse das Depositum hinter- 
legt worden ist, d. h. der Deponent selbst. 

Die Bronze war auf beiden Seiten beschrieben; jede Seite 
enthält eine besondere selbstständige Urkunde über die geschehene 
Hinterlegung eines Depositums von resp. 200 und 400 Minen Silbers. 
Zweifellos sind Minen äginäischen Fufses zu verstehen, so dafs 
jene Ziffern die ansehnlichen Beträge von etwa 7250 und 14500 
Thalern repräsentiren. Der Deponent ist in beiden Fällen dieselbe 
Person, Xuthias, des Philachäos Sohn, die Urkunden liegen also 
zeitlich höchstens um einige Decennien auseinander, worauf ohne- 
dem die Gleichartigkeit des Schriftcharakters hinweist. Auf der- 
jenigen Seite, welche die Urkunde über 200 Minen enthält, ist die 
Schrift absichtlich, wenn auch nicht bis zu völliger Unieserlichkeit, 
getilgt, woraus, wie der Herausgeber richtig bemerkt, zu schliefsen 
ist, dafs diese Seite zuerst beschrieben war: als später Xuthias 
das Depositum um weitere 200 Mine vermehrte und auf die Höhe 
von 400 brachte, wurde die ältere Urkunde kassirt, und eine neue 
über 400 Minen auf der anderen Seite ausgestellt. Hierzu stimmt 
es, dafs auf a noch regelmäfsig ul, auf b bereits überwiegend d 
geschrieben ist. Beiden Urkunden sind Bestimmungen über die 
eventuelle Aushändigung des Depositum an den Deponenten oder, 
nach dessen Tode, an seine Erben angehängt; diese Bestimmungen 
sind in beiden dem Wesen nach identisch, auf der jüngeren Ur- 
kunde nur genauer detaillirt, als auf der älteren, welche sich mit 
einer mehr summarischen Fassung begnügt. Neu ist in jener nur 
die durchaus nicht selbstverständliche Verfügung, dafs in Erman- 
gelung ehelicher Kinder die etwa vorhandenen unehelichen vor 
den ayyjr-iiQ zur Erhebung des Depositums berechtigt sein, also 
in Bezug auf dieses Erbenqualität besitzen sollen. 

An dieser Verordnung hat der Herausgeber mit Recht An- 
stofs genommen, da sie mit einem bekannten Grundsatz des helle- 
nischen Familienrechtes unvereinbar ist und die 400 Minen doch 
auch nicht als vcSiia betrachtet werden können, weil im Falle des 
Vorhandenseins einer ehelichen Descendenz letztere vor den uoS-ct 
ausdrücklich zu Erben berufen wird. Eine Lösung dieser Schwie- 
rigkeit ist nicht versucht worden; vielleicht wird es den folgenden 
Erwägungen gelingen darzuthun, dafs sie nur scheinbar ist. 

Auf den ersten Blick wird Mancher geneigt sein, in dem De- 
ponenten Xuthias des Philachäos Sohn einen Bürger von Tegea 



56 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

vorauszusetzen. Allein die gleichlautende Schlufsbestimmung bei- 
der Urkunden, der zufolge in auf das Depositum bezüglichen Rechts- 
händeln 'die Tegeaten nach dem Gesetz' d. h. Tegeatische Richter 
nach dem in Tegea geltenden Rechte entscheiden sollen, beweist 
unwiderleglich, dafs Xuthias ein Ausländer war, weil nur in diesem 
Falle ihre Hinzufügung nothwendig, im anderen, weil selbstver- 
ständlich, rein überflüssig sein mufste. Durch Unterbringung sei- 
nes Vermögens, soweit es in baarem Gelde bestand, oder eines 
Theiles desselbrn im Auslande hatte er nun das Depositum der 
Einwirkung des heimischen Rechtes und der Entscheidung der 
richterlichen Behörden seiner Heimath, deren Urtheile für das Aus- 
land wirkungslos waren, entzogen und sich völlig freie und will- 
kürliche Disposition über dasselbe gesichert; der Modus der Aus- 
händigung wurde durch ein Privatabkommen mit der Stelle, bei 
welcher deponirt worden war, geregelt und letztere an die Bestim- 
mungen desselben gebunden. Dieses Übereinkommen war für die 
Erben des Deponenten unanfechtbar, weil der Depositar die Ent- 
scheidungen ausländischer Gerichte nicht zu respectiren hatte, die 
Gerichte von Tegea aber in Sachen der Erben als Ausländer nicht 
competent waren, aufser in den Fällen, in denen sie das Über- 
einkommen selbst als competent anerkannte und dadurch auch die 
Erben nöthigte, sich ihrer Entscheidung zu unterwerfen, weil der 
Depositar vertragsmäfsig nur der Entscheidung tegeatischer Richter 
Folge zu geben gehalten war. Bei dieser Lage der Sachen begreift 
es sich vollkommen, wie der Deponent Verfügungen über einen 
Theil seines Vermögens zu treffen im Stande war, durch welche 
die d r/ jTrf t <; in ihren Rechten benachteiligt wurden, ohne be- 
fürchtet zu müssen, dafs die Vollstreckung seines Willens durch 
deren Einspruch werde behindert werden. Die Motive, welche ihn 
dazu veranlagt haben, vermögen wir natürlich nicht zu beurtheilen, 
allein die faktische Möglichkeit von etwas der rechtlichen Theorie 
nach Unmöglichen ist darum nicht minder erwiesen. 

Es kann auffallen, dafs der Depositar, dessen Wohnsitz zu 
Tegea gewesen sein mufs, in keiner der beiden Urkunden genannt 
oder bezeichnet wird. Es folgt daraus aber eben nur, dafs der- 
selbe nicht ein Privatmann gewesen kein kann, weil in diesem Falle 
die Urkunde ihn unbedingt zu nennen gehabt hätte; für den Fall aber, 
der dann als allein möglich noch übrig bleibt, war eine Nennung 
oder Bezeichnung des Depositars überflüssig. Wir wissen, dafs 



vom 



31. Januar 1870. 57 



die Hellenen ihre Tempel, sowohl die der engeren, wie der wei- 
teren Heimath, im letzteren Falle namentlich die von ausgebrei- 
tetem Rufe und Einflüsse, wie den delphischen u. a. als Depositen- 
banken zu benutzen pflegten, und dafs dies ebensowohl von Staaten 
als von Privatleuten geschah. Die auf solche Depositionen be- 
züglichen Urkunden wurden natürlich in den Tempeln selbst auf- 
bewahrt und ausgehängt, und dieser Umstand machte auf ihnen 
eine besondere Angabe über den Depositar oder den Ort der De- 
position entbehrlich, wenn er sie auch nicht unbedingt ausschlofs. 
Jedenfalls deutet das Fehlen einer solchen Angabe auf den vor 
liegenden Urkunden darauf hin, dafs Xuthias sein Capital bei einem 
Tempel in Tegea hinterlegt hatte, der zugleich die Urkunde darüber 
bewahrte. Ohne Zweifel war es der berühmte, im ganzen Pelo- 
ponnes und auch über die Grenzen desselben hinaus hochange- 
sehene Tempel der Athene Alea, dessen Asylschutz selbst von 
spartanischen Flüchtlingen wiederholt in Anspruch genommen und 
auch von dem Vororte des peloponnesischen Bundes stets respectirt 
worden ist. Bekanntlich wurde der alte Tempel Ol. 96, 2 durch 
eine Feuersbrunst zerstört und dann durch den Neubau des Skopas 
ersetzt (Pausanias 8, 45. 4); allein es können durch diesen Unfall 
nicht alle Urkunden und Weihgeschenke, die der alte Tempel barg, 
verloren gegangen sein. Wenigstens waren die Fesseln der Lake- 
dämonier, welche Herodot (1, 66) im alten Tempel sah, im neuen 
noch zu Pausanias Zeiten (8, 47. 2) vorhanden, wenn auch vom 
Rost zerfressen; auch das bronzene Pallasidol, welches in Tegea 
gefunden sein soll und sich jetzt in Athen befindet {Bulletino delV 
inst. arch. 1865. p. 131), und dessen Basis die Aufschrift trägt: 

./ . . . 

ANE0EKENTA0ENAIAI 

mufs aus dem Inventar des alten Tempels stammen, da die Buch- 
stabenformen der Widmung auf die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts 
v. Chr. hinweisen 1 ). Unsere Bronze wäre das dritte nachweisbare 
Beispiel dieser Art; ein viertes bietet eine weiter unten zu berüh- 
rende Steinschrift, welche wenigstens im Temenos des Tempels vor 
Ol. 96, 2 aufgestellt gewesen sein mufs. 



!) Ti&Yjpttfo nöthigt zu der Annahme, dafs der Stifter des Weihgeschenkes 
ein Athener war. 



58 Sitzwig der phiioSophisüh-khtori&ehen Klasse 

Man wird den Umstand, dafs die Nationalität des Xuthias 
in den Urkunden keine ausdrückliche Bezeichnung gefunden hat, 
nicht gegen die ohen verfochtene Annahme geltend machen wollen, 
dafs er nicht von Tegea, sondern ein Ausländer war; aber nicht 
unerwünscht wäre es, zu wissen, in Avelcher Gegend von Hellas 
seine Heimath zu suchen ist. Posidonios bei Athenaeos 6, 233 
berichtet, dafs die Spartaner, um das Verbot des Privatbesitzes 
von Gold oder Silber zu umgehen, gewohnt gewesen seien, ihre 
Baarschaften bei den benachbarten Arkadern zu deponiren: A«*s- 
Saifxovtoi b'CTro rtZu t&*)V wXvqxsi'Ot ht^'-dsiv sig Trfi> ^ttcc^tyv, te? o 
aCrog trto^et Uorstb'j'viog, keti y.rar^at ccayvoou km y^jrcv IxtZvtq 
\x\v cCbh> r—ov, TraDCcy.an-lS-svro Sl ro7g ofxoocig 'Afxurtv, 
und ich halte es auch aus andern Gründen für sehr wahrschein- 
lich, dafs Xuthias ein Spartiate war. Das Alter der Bronze, welche 
nach dem allgemeinen Charakter der Schrift unzweifelhaft der ersten 
Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. angehört, steht einer solchen 
Annahme nicht entgegen; denn wenn man auch der Überlieferung, 
wonach jenes Verbot des Besitzes von Gold und Silber bereits 
von Lykurgos erlassen sein soll, keinen Glauben schenkt, so wird 
man doch auch nach der andern Seite die entgegengesetzte An- 
gabe, der Besitz von Gold und Silber sei in Sparta den Privaten 
kurz nach dem Ende des peloponnesischen Krieges bei Todesstrafe 
verboten worden, nicht so verstehen dürfen, als habe vor dieser 
Zeit ein solches Verbot überhaupt nicht existirt; vielmehr ist an- 
zunehmen, dafs um diese Zeit auf die bekannte Veranlassung hin 
das ältere Verbot nur von Neuem eingeschärft und die Strafe der 
Übertreter erhöht worden ist. Auch die Schrift der Bronze kann 
ebensowohl lakonisch als arkadisch sein, da die Alphabete beider 
Gegenden vollkommen identisch waren. Entscheidend aber scheint 
mir die Sprache der Urkunden zu sein. 

Denn war, wie bemerkt, Xuthias ein Ausländer, so fällt da- 
durch auf die oben besprochenen dialektischen Abweichungen der 
Bronze von den sonst bekannten Formen des tegeatischen Idioms 
ein neues Licht und es läfst sich die Vermuthung nicht leicht ab- 
weisen, dafs zwischen jener Thatsache und diesen Erscheinungen 
ein ursächlicher Zusammenhang Statt finde. Es scheint zwar 
natürlich, anzunehmen, dafs dergleichen Urkunden von der Behörde 
des Tempels, bei welchem deponirt worden war, ausgestellt wur- 
den; dafs dies aber thatsächlich wenigstens nicht immer der Fall 



vom 31. Januar 1870. 59 

war, beweist unwiderleglich eine Steinschrift gerade derselben 
Fundstätte. Das an der Stelle des alten Tegea gefundene Frag- 
ment C. I. G. 1511, welches den Anfängen des peloponnesischen 
Krieges angehören mufs, enthält ein Verzeichnifs von Beiträgen in 
Gold und Silber, welche von verschiedenen Staaten und Privaten 
an die Lakedämonier zu Kriegszwecken gezahlt worden waren; 
die Aufstellung der Urkunde in Tegea kann aus keinem andern 
Grunde erfolgt sein, als weil die auf ihr verzeichneten Summen 
eben an diesem Orte hinterlegt waren, aller Wahrscheinlichkeit 
nach gleichfalls beim Tempel der Athene Alea, wie wir denn 
wissen, dafs die Spartaner Staatsgelder z. B. beim Tempel zu 
Delphi zu deponiren pflegten; in den Zeiten des peloponnesischen 
Krieges bedingten die Verhältnisse die Notwendigkeit, einen näher 
gelegenen Ort zu wählen, und eignete sich für die Aufbewahrung 
von Geldern, welche für Zwecke des peloponesischen Bundes ver- 
wendet zu werden bestimmt waren, kaum ein anderer Tempel 
mehr, als der im ganzen Bereiche des Bundesgebietes angesehene 
tegeatische. Ohne ZAveifel war auch diese Urkunde im Temenos 
des Tempels aufgestellt. Gleichwohl weicht auch ihre Sprache 
von der jener tegeatischen Steinschrift in folgenden Punkten ab: 

1) Das Vau ist im Anlaute verschiedener Worte noch le- 
bendig. 

2) Die Namen der Zahlwörter von zweihundert an endigen 
auf -ü-tot, nicht -acrioi; dem koq der tegeatischen Urkunde steht 
hier 7:o-\ gegenüber; vgl. das häufige 7toto\ oder 7to--o\x 7rc7.sy.ov. 

3) Die männliche Form des Artikels im Plural lautet rol> 
nicht ci. 

4) Der Genetiv der Einheit von männlichen Stämmen der 
ersten Declination zeigt die gemeindorische, durch Contraction aus 
-cco entstandene Endung -a (in Ät [*]«$» vio\), während tegeatische 
Inschriften (C. I. G. 1513. 1514) ihn auf -av endigen lassen 
(EvijiY/.iSirj, \\7roX}.üüinScxv), ja diese Endung sogar auf die weib- 
lichen Stämme derselben Declinationsklasse übertragen; vgl. §ctfXt;<tä>, 
sgywvtaVy ItSoxccv der mehr erwähnten Steinschrift. 

Von dieseu Abweichungen lassen sich 1, 2 und vielleicht auch 
noch 3 unter der Voraussetzung erklären, dafs der Dialekt der 
Inschrift nichtsdestoweniger der von Tegea sei, allein Nr. 4 schliefst 
diese Möglichkeit aus; denn von dem aus cco entstandenen « der 
älteren Urkunde ist zu dem «u der jüngeren tegeatischen In- 



GO Sitzung der philosophiscli-liistorischen Klasse 

Schriften kein Übergang denkbar. Mit Recht hat daher Ahrens 
geleugnet, dafs der Dialekt unserer Urkunde der tegeatische sein 
könne, und die Behauptung aufgestellt, welche, wenn jene Fol- 
gerung zugegeben wird, unausweichlich wird, .dafs er als lakonisch 
in Anspruch zu nehmen sei; auch ich habe daher seiner Zeit kein 
Bedenken getragen, die Inschrift als einen Beleg lakonischer Schreib- 
weise zu verwenden. Ist dem aber so, und es kann nicht anders 
sein, so ist auch erwiesen, dafs die Urkunde nicht von dem De- 
positar, der Tempelbehörde zu Tegea, sondern den Deponenten, 
den Lakedämoniern, ausgestellt worden ist. 

Das Gleiche für unsere Bronze anzunehmen, unterliegt also 
gar keinem Bedenken. Dann aber dürfte es auch schwerlich zu- 
fallig sein, dafs, abgesehen von den Fällen, in denen eine Yer- 
gleicliung nach der Lage der Überlieferung nicht möglich ist, die 
Bronze und die als lakonisch erkannte Steinschrift in dialektischen 
Eigenheiten überall da übereinstimmen, wo beide vom tegeatischen 
Idiom, so weit es uns bekannt ist, abweichen, wovon sich zu 
überzeugen ich den Lesern überlassen kann 1 ). Ich wage also die 
Behauptung aufrecht zu erhalten, nicht nur, dafs Xuthias ein Spar- 
tiate war, sondern auch, dafs die ihn betreffenden Urkunden von 
ihm und in seinem, d. h. dem lakonischen Dialekte ausgestellt 
sind. Was dagegen bei oberflächlicher Betrachtung vom sprach- 
lichen Standpunkte etwa noch vorgebracht werden könnte, dient 
bei genauerer Prüfung meiner Annahme nur zu weiterer Unter- 
stützung. 

1) Nach der gemeinen Überlieferung setzte der lakonische 
Dialekt er für 3 im An- wie im Inlaute; unsere Bronze schreibt 
dagegen Zw&l* (bis), im^d^. $'*%*& (bis), v&wfrfat fvpx*ps* 
votot (bis), iroS'tHovTBc, der verschiedenen <WJx3w und ävs&Q?&W 
gar nicht zu gedenken. Allein nicht nur die Tafeln von Heraklea 
kennen kein <r für 3, sondern auch alle altlakonischen, im nationalen 
Alphabet geschriebenen Inschriften ohne Ausnahme halten das 3 
fest und schreiben xuBaiguv, äv^ns (öfter), 'A^avala, ts3^Wj, 



i) Die Vergleichung mit anderen lakonischen Sprachdenkmälern ergiebt, 
dafs aufserdem die Verbalendungen Mi- -tm, die Infinitivform tykir, die Form 
der Präposition änS, die Partikeln al und xa dem lakonischen Sprachgebrauche 
gemäfs sind; ebenso die Endung des Imperativs in tmyvüm} welche freilich 
auch arkadisch und gemeindorisch ist. 



vom 31. Januar 1870. 61 

GrtArtTTtW, S[V]<p, 'ASavcuot, KogtvS'tot) TtgvvStot, Ostth^V, KvSvtot; 
keine einzige von ihnen bietet ein <r für S - . Letztere Schreibart 
gehört den Zeiten nach dem Ende des peloponnesischen Krieges 
an und kann nur für sie urkundlich belegt werden. Wenn daher 
die Überlieferung des Textes der Alkmanischen Fragmente und der 
lakonischen Stellen bei Aristophanes und Thukydides diese Ortho- 
graphie befolgt, so mufs geurtheilt werden, dafs hierin die Ein- 
wirkung einer grammatischen Recension zu erkennen ist, welche 
die Schreibweise einer späteren Zeit zum Mafsstabe nahm. 

2) Die Bronze schreibt rßdrowTi, bewahrt also inlautendes t 
zwischen Vokalen, welches doch nach der Überlieferung der Gram- 
matiker im lakonischen Dialekte in den Spiritus asper überzugehen 
pflegte. Und in der That bieten die altlakonischen Inschriften in 
Übereinstimmung damit Formen wie Itto/ijI, iviy.uz, vinctag, c A7 r'ir-gcc-og 
und sogar UoctBävog. Aber keine von denen, auf welchen sich 
diese Schreibung findet, kann über den Anfang des peloponnesischen 
Krieges hinaufgerückt werden und die lakonischen Stellen bei 
Aristophanes, in denen die Überlieferung sie gleichfalls (wenn 
auch ohne Consequenz) bietet, sind eben auch nicht älter. Da- 
gegen zeigen nicht nur die Tafeln von Heraklea, sondern auch die 
Fragmente des Alkman durchaus keine Spur dieses Überganges, 
sondern bewahren regelmäfsig das <r. Es folgt hieraus, dafs die 
Verflüchtigung des er zwischen Vokalen erst in der Zeit zwischen 
dem Ende des 7. Jahrhunderts und den Anfängen des peloponnesi- 
schen Krieges in den Dialekt einzudringen begonnen haben kann, 
und dafs auf Urkunden, welche diesem Zeitraum angehören, nicht 
ohne Weiteres der Spiritus statt des <r erwartet oder gar verlangt 
werden darf. Vielmehr ist aus den Urkunden wo möglich zu 
lernen, bis zu welchem Zeitpunkte sich das 0- behauptet hat. Nun 
schreibt das platäische Weihgeschenk, aus der Zeit unmittelbar 
nach den Perserkriegen, welches als eine lakonische Urkunde zu 
betrachten ich das Recht zu haben glaube, noch $?.siotriot; bis 
wenigstens in diese Zeit also war das 0- zwischen Vokalen fest 
geblieben. Kann also die Bronze als dem platäischen Weihge- 
schenke gleichaltrig oder gar als älter betrachtet werden, so ist 
eine Schreibung wie rßciruji'-i auf ihr nicht nur unanstöfsig, son- 
dern sogar die allein mögliche und darum zu erwartende. In der 
That stammt sie aus derselben Zeit wie jenes. Um dies zu erwei- 
sen, wird es vollkommen genügen, die Buchstabenformen beider 



G2 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Urkunden einander gegenüber zu stellen; ich füge die Varianten 
der übrigen lakonischen Inschriften hinzu und bemerke nur noch, 
dafs die Richtung der Schrift auf beiden wie auf den meisten der 
übrigen rechtsläufig ist, während die wenigen älteren meist ent- 
weder linksläufig oder in furchenförmig geordneten Zeilen geschrie- 
ben sind. 



Das 


Platäischc 




Die Bronze: 


Wei 


i g e s c h e n k : 




er. 


b. 


1. 


A A 




A 


A 


2. 


, 




& 


& 


3. 


c 




C 


C 


4. 


D 










5. 


E 




E 


EPE 


6. 


F 




F 


F 


7. 


I 




. 


I 


8. 


. 




B 


. 


9. 


® © 




© 


© 


10. 


1 




1 


1 


11. 


K 




K 


k 


12. 


A 




A 


A A 


13. 


M 




M 


M 


14. 


N 




N 


N 


15. 


O 




O 


O 


16. 


P 




P 


P 


17. 


P 




. 


fr R 


18. 


£ 




£ 


£ 


19. 


T 




T 


T 


20. 


V 




V 


V 


21. 


© 




© 


© 


22. 


x(0 




+ (ö 


+ (ö 


23. 


V(%) 




V(%) 


V (%) 


1. Später 


A I! 2. Auf 


anderen Inschriften 


& || 3. Auf einer 


älteren Urkunde < 5. Auf älteren 


£* || 6. Auf älteren f || 8. Auf 


anderen bis 


in den Anfang des 


peloponnesischen Krieges, später 



vom 31. Januar 1870. 63 

geöffnet H. Das Weihgeschenk schreibt 'EguiovYjg, wie die Bronze 
YßaTüovn || 9. Später, doch noch neben Q, in vereinfachter Form 
O || 12. Später A || 17. Auch eckig R und auf anderen die ein- 
fachere Form P || 18. Auf den älteren Urkunden dreistrichig 5 || 
20. Auf anderen auch Y || 23 Auf anderen auch Y || 

Die Übereinstimmung kann nicht gröfser sein. Ich glaube 
daher an meiner Annahme, dafs Xuthias ein Spartiat war und die 
von ihm ausgefertigten Urkunden, obwohl in Tegea aufgestellt, nach 
Sprache und Schrift als lakonisch zu betrachten sind, so wie, dafs 
sie aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. herrühren, 
unbedenklich festhalten zu können. 

Aber, wird man fragen, wie kam ein Spartiat dazu r Achäer- 
freund' zu heifsen x ), da doch das Verhältnifs der herrschenden 
Spartiaten zu ihren Unterthanen und Leibeigenen achäischer Ab- 
kunft notorisch zu allen Zeiten ein keineswegs freundliches war? 
Ich erwidere darauf, dafs auch diese Regel ihre Ausnahme hatte 
und dafs nachweislich diejenigen Elemente im Schoofse der spar- 
tanischen Bürgerschaft, welche sich in Opposition zu den beste- 
henden Zuständen befanden, im Besonderen die Glieder der beiden 
Königsfamilien, es mitunter nicht verschmähten sich auf die Sym- 
pathien der achäischen Unterthanenschaft zu stützen und als Ver- 
treter ihrer Interessen ßu. geriren; wollte doch König Kleomenes I. 
lieber als Achäer, denn als Dorer gelten (Herodot 5, 72), woraus 
meiner Ansicht nach noch keineswegs folgt, dafs die Königsfamilie 
der Agiaden wirklich achäischer Abkunft war, wie man wohl an- 
zunehmen pflegt. Wem indessen diese Auskunft nicht genügt, mag 
meinetwegen annehmen, dafs Xuthias nicht Spartiat, sondern La- 
kedämonier, d. h. achäischer Periöke war. 

Ich füge zum Schlufs noch eine Bemerkung hinzu. Wenn in 
beiden Urkunden übereinstimmend verordnet wird, dafs die Söhne 
des Deponenten nach dessen Tode zur Erhebung des Depositums 
berechtigt sein sollen, sobald sie das fünfte Jahr vom Beginn der 
vß^ zurückgelegt, so ist damit offenbar der Zeitpunkt bezeichnet, 
mit welchem nach dem in der Heimath des Deponenten geltenden 



l ) Dafs der Name des Sohnes, Xuthias, Venvandschaft mit dem des 
Vaters des mythischen Achaeos, Xuthos, zu verrathen scheint, ist wohl nur 
zufällig zu nennen. 



64 Sitzung der i^tihsnphisch-historischen Klasse 

Rechte sie befähigt wurden, die selbstständige Verwaltung ihres 
ererbten Vermögens anzutreten. Ist, wie es allen Anschein hat, 
einer Angabe, welche sich unter den Herodotischen Glossen findet, 
zu trauen, so dauerte in Sparta das Alter der Ephebie vom 14. 
bis zum 20. Jahre: tyrßivsi Sl rrao civrolg o ttcTk; cctto hon> iS ps$pi 
y.ct\ y.. War also Xuthias, wie ich annehme, Spartiat, so erläutert 
sich jene Bestimmung dahin, dafs seine Söhne mit dem vollendeten 
18. Jahr, d. h. um die Zeit, zu der sie in die Altersklasse der so- 
genannten ititäipiH eintreten würden, den Besitz des deponirten 
Vermögens antreten sollten, und würde dadurch unter den ange- 
deuteten Voraussetzungen der Zeitpunkt des Eintritts der civilrecht- 
lichen Mündigkeit in Sparta für uns bestimmt sein. 



Hierauf kam zum Vortrage der folgende 
Bericht über die Handschriften von Arborea. 

Hie Frage über die Authenticität der in Oristano auf der 
Insel Sardinien in den letzten Decennien zum Vorschein gekom- 
menen, unter dem Namen der Handschriften von Arborea bekann- 
ten Pergament- und Papierhandschriften ist seit dem Jahre 1846, 
wo das erste derartige Document veröffentlicht wurde, vielfältig 
verhandelt worden, ohne dafs doch, wenigstens in Deutschland, 
viel mehr dafür geschehen wäre, als dafs man sich, ohne weiteres 
Eingehen in die Sache, theils dafür, theils und häufiger dagegen 
entschied. Auch die grofse mit einer Reihe sorgfältiger Tafeln 
ausgestattete Gesammtpublication derselben durch Hrn. Pietro 
Martini 1 ) rief keine genauere Untersuchung der Echtheitsfrage 
hervor. Hiedur ch veranlafst sprach Hr. Baudi di Vesme, Mit- 
glied der Akademie der Wissenschaften von Turin und, wie auf 
anderen wissenschaftlichen Gebieten, so auch auf dem der sardini- 
schen Geschichte und Sprache seit längerer Zeit thätig, gegen den 
mitunterzeichneten Hrn. Mommsen bei dessen Anwesenheit in Turin 



x ) Pergamene, codici e fogli cartacei di Arborea. Cagliari 1863. 4. 
pp. 544. Dazu Appendice 1865. pp. 250. 



vom 31. Januar 1870. 65 

im März v. J. den Wunsch aus, dafs die hiesige K. Akademie 
die Frage einer sorgfältigen Prüfung unterziehen möge, und erbot 
sich zu diesem Ende die Übersendung einer genügenden Anzahl 
dieser jetzt sämmtlich in der öffentlichen Bibliothek von Cagliari 
aufbewahrten Handschriften nach Berlin zu veranlassen. Die phi- 
losophisch-historische Klasse der Akademie, von dieser Aufforderung 
in Kenntnifs gesetzt, verkannte nicht die ernstliehen Bedenken, 
welche der Übernahme einer solchen Prüfung sich entgegenstellten, 
glaubte aber dennoch ein für den Auffordernden selbst sowohl wie 
für die Akademie gleichmäfsig ehrenvolles Vertrauen nicht anders 
erwiedern zu dürfen als durch Annahme des Auftrags. Selbst- 
verständlich konnte nicht davon die Rede sein eine wissenschaft- 
liche Frage durch einen akademischen Beschlufs entscheiden zu 
wollen; es lag der Klasse nur ob diejenigen ihrer Mitglieder, die 
für die verschiedenen hiebei in Betracht kommenden Fragen die 
fachkundigsten erschienen und die zugleich zu der Übernahme 
dieses Auftrages sich bereit fanden, zu einer solchen Prüfung zu 
veranlassen und deren Ergebnisse, welcher Art sie immer sein 
mochten, als Beitrag zur Klärung der keineswegs unwichtigen 
Frage der Öffentlichkeit zu übergeben. In diesem Sinne wurden 
in der Klassensitzung vom 7. Juni v. J. die Unterzeichneten mit 
der Prüfung der sardinischen Handschriften beauftragt und die- 
selben zugleich ermächtigt andere geeignete Gelehrte, die nicht 
der Akademie angehören, bei dieser Prüfung mit zuzuziehen. 
Nachdem Hr. Vesme von diesem Beschlufs in Kenntnifs gesetzt 
war, übersandte er versprochener Mafsen sechs dieser Documente 
im Original 1 ), woneben andere in photographischen Nachbildungen 
oder in den Martinischen Stichen ebenfalls zur Beurtheilung vor- 
lagen. Die Beschreibung jener sechs Handschriften gab Hr. Vesme 
in dem folgenden, an den mitunterzeichneten Hrn. Mommsen ge- 
richteten Schreiben. 

Quod tibi ante paucos menses versanti in hac nostra civitate 
sum pollicitus, impetraturum a Rectoribus Athenaei Caralitani, ut 
selectas quasdam e chartis manuscriptis Arboreensibus, de quibus 
magna inter doctos contentio est, concederent, ad vestram Scientia- 



1 ) Nachträglich kam zu diesen noch ein siebentes hinzu. 
[1870] 



fi(j Sitzung der philosophisch-historischem Klasse 

rum Academiam transmittendas, vestroque examini subjiciendas, id 
prospere successit. Chartas eas a nie aeeepisti; jam eas tu ipse 
et nonnulli e collegis tuis, aliique docti viri, manibus traetaverunt; 
si quas insuper desideratis, eas ine, ut priores illas, impetraturum 
confido. Ipse quidem e magna chartarum Arboreensium copia eas 
delegi, quas ad Judicium de ipsarum palaeographica sinceritate fe- 
rendum utiliores futuras existimavi, et vobis argumenti ratione ac- 
ceptiores; tum quas, ipsa rerum de quibus agerent novitate aut 
gravitate, magis dubias, atque ideo examine vestro digniores exi- 
stimavi. 

En nunc chartarum quas misi enumerationem; cui interseram 
adnotationes quasdam meas; rationes insuper afferam, quibus ad- 
duetus singulas quasque potissimum delegerim. 

I. Membrana palimpsesta, cujus vetustior scriptura est sae- 

culi VIII ineuntis. Qui primus lianc membranam, et plerasque e 

chartis Arboreensibus edidit, vir clarissimus et honestissimus, idem- 

que dum viveret mihi amicissimus, nunc jam ferme ante triennium 

patriae et amicis immaturo fato ereptus, Petrus Martini, opinatus 

est, vetustiore scriptura exhiberi fragmentum chronici de Sarrace- 

norum ineursionibus, aliisque rebus Sardicis, ineunte saeculo VIII. 

Mihi alia sententia est: habere nos prae manibus fragmentum auto- 

graphum epistolae Caralitani cujuspiam, enarrantis ea quae notatu 

digniora aeeiderant in sua civitate et finitimis locis, nee temporis 

nee locorum servato ordine, sed ut epistolam scribenti singula 

quaeque se offerebant. De anno etiam quo litterae conscriptae 

sint, dubitari vix potest; cum enim duodeeim anni elapsi dicantur 

a prima Arabum invasione, hanc autem esse ad annum DCCX re- 

ferendam jam satis constet, scripta epistola dicenda erit anno 

DCCXX1I; quo nempe ipso anno saneti Augustini Hipponensis 

episcopi corpus redemptum fuit a Luitprando Langobardorum rege, 

et in Italiam advectum. 

Ad vetustiorem elutam et evanidam scripturam resuscitandum 
Petrus Martini, seu verius Ignatius Pillito, a quo universae hae 
Arboreenses chartae primum leetae et transscriptae sunt, usus fue- 
rat galla diluta; sed parum prospero successu, ita ut ejus editio 
multis adhuc lacunis hiet. Postea, antecessore quodam Caralitano 
docente, Ignatius Pillito atque ipse ego usi sumus parte una aeidi 
gallici cum novem partibus aquae distillataej cujus efiicacioris re- 



vom 31. Januar 1870. G7 

medii ope, et quod membranam non corrumpit ac vix foedat, la- 
cunae aliquot suppletae sunt; reliquae etiam, ni fallor, suppleri 
possunt. 

Recentior scriptura, quam ad priorem saeculi XV partem re- 
ferendam esse, mihi sententia est, exhibet fragmentum, principio 
tarnen et fine mutilum, pervenustae narrationis, antiquissimo italico 
nostro idiomate, amorum Helenae filiae Gonnarii Judicis Arbore- 
ensis, cum Constantino Judice Gallurensi; cui etiam ode inest, sive 
ipsius Constantini, sive, quod verius existimo, ejus nomine, qua 
obduratum Helenae animum flectere conatur. — De aetate et auc- 
tore narrationis et carminis videndus Martini, Pergamene d'Arborea, 
ecc. pag. 114; tum quae ipse disserui in Commentatione Di Gherardo 
da Firenze e di Aldobrando da Siena, poeti del secolo XII, e delle 
örigini del volgare illustre italiano, §. 39. 

Hanc autem membranam vestro examini subjiciendam delegi, 
primum quia omnium antiquissima, post unam eam paucis annis 
antiquiorem, sed jam et accurate editam, et Academiae nostrae 
Taurinensis judicio comprobatam, quae Deletonis hymnum de Ja- 
leto servavit; vide Memoria della R. Accademia delle Scienze di To- 
rino, Serie II, Vol. XV, Parte II, pag. 305 e seguenü. Quin et eo 
ipso quod sit palimpsesta, non una ratione conferre ad sincerum 
de hisce chartis ferendum Judicium videbatur. Accedit, quod Lac 
una membrana duo, et argumento, et longo temporis intervallo in 
ter se dissita, antiqua monumenta uno intuitu vestris oculis sub- 
jiciuntur. Me movit etiam rerum, quae tum vetustiore tum recen- 
tiore scriptura exhibentur, gravitas et praestantia. Epistolae enim 
fragmentum multa habet notatu digna de Caralitanae civitatis anti- 
quis monumentis et historia; et Jalus seu Jaletus ibi memoratur; 
ut sie quae priore membrana traduntur, haec quoque jam sua auc- 
toritate confirmet: tum saneti Ignatii, veteris illius Ecclesiae Pa- 
tris, patriam fuisse Noram Sardiniae („quod ejus coeives Nuran."); 
cf. Martini, Pergamene ecc. d'Arborea, pag. 531 e 540. — Recentior 
autem scriptura servavit insigne antiquitate et praestantia, et vel 
nunc post alias plures cognitas Chartas Arboreenses unicum soluta 
oratione, si minuta quaedam excipias, speeimen nascentis tunc ita- 
licae linguae. Sed de hujusmodi antiquissimis italici sermonis re- 
liquiis pauca infra adnotabo oportuniore loco. 

II. Membrana saeculi XIII, exhibens partem epistolae viri 
inter Sardos aetatis suae longe doctissimi Georgii de Lacono ne- 

5* 



GS Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

poti suo (puto fratris filio) Petro de Lacono. De hac membrana 
Luferendus Petras Martini, Kuoce Perlene d'Arlorea CagUart, 
S Zn 1849, pag. 101 e teguenU; et Per g a,nene ecc. d'Arhorea, pag. 
m-m e 530-534. Membrana inferiore parte muüla est; supe- 
riore parte non quidem mutila, „t priori Editori visum, sed quod 
"elo Ltenus animadvertit, snperstiti bnie a.iam ******** 
suturae vestigia manifeste produnt. Gravius est ad rem nost.am, 
„noa meo quidem judicio, non hoc est epistolae Georgn de Laeopo 
exenplum serius confectum, sed ipsa epistola nepott Petro m.ssa, 
72 eo cum aliis chartis quampluribus ad histonam Sard.cam 
pertinentibus (vide Mar**, Pergamene ecc W'^'-fffJJ^J 
Lamm maximam partem proeul dubio .p.e Georgia collegerat 
H51 asservata. Non tarnen esse hoc ipsum Georgn de Lacono 
" oCaphum ea significatione contendo, quasi integram membranam 
JsTufmanu perscrlptam affirmem; fieri enim facile potmt, ut quae 
fpsT in- scbedis digessisset, et forte diutcrno studio retrat = se, 
amanuensi describenda in hac membrana »«f^f^^ 
ejus mann sunt verba quaedam passim pestmodum adjecta qnae 
„in sunt scribae corrigentis si quae per incunam erraverat sed 
Ipsius auctoris, quae pries scripserat aecuratms **«*£* 
„antis. Confer Martini, Pergamene ecc. S Arhorea,pag.53i, hnult 
-532, lin. 7; pag. 532, lin. 11; Un. 26-27; lin. 31-32; pag. 539, 

^'^ripltnSm est epistola vivo adbnc et regnante Comita Ju- 
dice Aboreae, atque ideo inte, annum MCCXXXVIII et MCCLIII. 
Z titinm ejus regm scriptam puto; Comita enim extrem, regnt 
sui annis „bonis initiis malos eventus babmt . 

Delegi Academiae vestrae mittendam hanc membranam, pnmum 

nuia sinceritatem suam ipso adspectu proditura mm, vulebatur; 

In ob ea quae versu uono leguntur de Tigellio: „sms nob* 

transmissis poesibus, qnas autem voraus tempus ««»gg 

panllatim confecit«; unde apparet, quod neuüquam nure s T.geUn 

Lmina diu in Sardinia lectitata fuisse, et saeculo XIII meunte 

TondÜm prorsus interiisse. Movit etian., quod huic ep.sto ae : urser tae 

"int quinqne stanüae cantloräs (ita cum Dante appellabo) poetae 

Clin- Bruni de Tboro; ita ut ejus carminum an .qmtas e 

sinceritas quae se carmina ipsa legent. jam satis prodit novo 

SST hujul tnembranae et Georgii de Dacono -—00,, 

firmetur. Exemplar photographicum maxtmae partas bujus mem 



vom 31. Januar 1870. 69 

branae, mea cura ante aliquot annos perfectum (vide Martini, 
Pergamene ecc, pag. 530) ad vos nuper misit Michael Martini, 
Petri frater. 

Ad membranas Arboreenses notandum, omnes, una excepta 
quinta (nam membranae lacinia quam sub numero VIII edidit 
Martini, Pergamene ecc, pag. 217—218 e 539 — 540, non est 
Arboreensis, sed Polae a Pillito reperta, suturae veteris cujusdam 
libri firmandae apposita), in usum tegendorum librorum adhibitas 
fuisse; quod uti mutilandarum causa fuit, ita earum saltem partem 
ab interitu vindicavit. 

III. Codex chartaceus, saeculi XV ante medium, integer, 
foliorum 158; exhibet vitas illustrium Sardorum collectas a Sertonio 
Phausaniensi saeculo IV, sed refectas et corruptas, primum exeunte 
saeculo VII aut ineunte VIII, a Deletone et Narcisso jussu Jaleti 
regis; dein iterum ab Antonio, ut videtur, episcopo Ploacensi sub 
finem saeculi XIII; prae ceteris pristinam formam servare mihi 
videtur vita Tigellii. Occasione alicujus personae aut loci in 
singulis vitis memorati, adjecta passim sunt excerpta nonnulla ex 
aliis Sardis scriptoribus , a vitarum per Sertonium collectarum 
corpore prorsus aliena. 

De hoc codice videnda quae primus tradidi in Bollettino Archeo- 
logico Sardo, Vol. X (1864), pag. 99; tum quae Martini, Äppendice 
alla Raccolta delle Pergamene ecc. oV Arborea, pag. 3e seguenti. 

Eum examini vestro commendat rerum quae exhibet novitas 
et gravitas, et ipsarum veritas detectis longo demum tempore post 
scriptum codicem monumentis confirmata. 

IV. Codex chartaceus ejusdem aetatis, foliorum 24, integer; 
quo exhibetur Contio habita ab oratoribus quarumdam Sardiniae 
civitatum coram Stephano novo Praeside, imperante Constantinopoli 
Constantino Pogonato; adjectae sunt, et praecipuam codicis partem 
constituunt, amplae ac maximi ad historiam momenti Notae seu 
explanationes, Severino adscriptae, Caralitano, monacho et trivii 
magistro; cujus inter Chartas Arboreenses superest etiam breve 
Chronicon eorum, quae memorabilia in Sardinia acciderunt ab 
anno DCCLXXVIII ad annum DCCCXIII, quod editum primum, 
uti et haec ipsa Contio cum suis Adnotationibus, a Salvatore De 
Castro (Nuovi Codici d" Arlorea, publicati dal Canonico cav. Salvator 
Angelo De-Castro; Cagliari, 1860, pag. 59—79), et denuo a Petro 



70 



Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 



Martini, Pergamene ecc cVArborea, pagi 244-261. De hoc codice 
videndus Martini, Pergamene ecc, vag. 221 e seguenti. 

V. Codex chartaceus, ejusdem aetatis, foliorum item 24; utrum 
integer sit an fme mutilus, affirmare non ausim; vide quae hac de 
re tradidi in Commentatione Di Gherardo da Firenze ecc, §.15, 
sub finem. Descriptum videre est apud Martini, Appendice alla 
Baccolta delle Pergamene ecc, pag. 138 segg.; et a memet ipso in 
Commentatione Di Gherardo da Firenze ecc, §. 11 — 15. Exhibet 
excerpta carmina poetarum saeculi XII Brnni de Thoro Carahtam, 
et Aldobrandi Senensis, tnm breve fragmentum Gherardi Florentini; 
demum quaedam carmina Sardoa ejnsdem Bruni. Ex his maximam 
partem unus hie codex servavit; sunt tarnen quaedam Bruni, quae 
prostant etiam in membrana Arboreensi auetori coaeva (judicio 
etiam Caroli Milanesi, Palaeographiae olim Professoris, quem ea 
potissimum inspeeta movit, ut de sinceritate harum reliqmarum 
nascentis tunc italicae linguae omnem dubitationem abjiceret), de 
qua videndus Martini, Pergamene ecc, 130 segg., et Appendice alla 
Baccolta ecc, pag. 149-153; tum Vesme, Di Gherardo ecc, §.21; 
ac praeterea, ut supra monuimus, quinque stantiae cantioms Bruni 
ad Pretiosam leguntur in membrana saeculi XIII, quam supra 
descripsi sub numero IL At praeterea carminum Aldobrandi 
Senensis quae hoc codice habentur pars servata est duplici alio 
manuscripto codice, supparis aetatis, Florentino altero, altero Senensi, 
utrisque ex Panormo transmissis. Senensis codicis Berolinum misi 
paginam photographice expressam. Et sane Aldobrandi nomen 
et aetas primum innotuere non e chartis Arboreensibus, sed per 
Adolphum Bartoli e codice Florentino; sed tum invento fides non 
stetit Qua de re videndi Martini, Appendice alla Baccolta delle 
Pergamene ecc, V ag. 142-144; et Vesme Di Gherardo da Firenze 

ecc, §■ 3. 

VI. Ejusdem ferme aetatis folia undeeim, quorum duo dimidiata 
(pauca praeterea alia adhuc sunt apud iuventores) avulsa e codice 
item chartaceo; quorum prioribus continentur carmina ital.ca, cetens 
Sardoa carmina: illa quidem saeculi XII, Brnni et Gherardi; haec 
vero diversorum poetarum et aetatum. Egi de hoc manusenpto 
codice in Commentatione Di Gherardo da Firenze ecc., §. 16 et 75, 
tum in Nuove Notizie interna a Gherardo ecc. Si perpauca exc.p.as 
quae ipse edidi, ea quae his foliis continentur nondum in lucera 
prodierunt; imo carmina italica, ob scripturae difficultatem, nondum 



vom 31. Januar 1870. 71 

exscripta sunt. E Sardois carminibus nonnulla sunt codici ipsi 
coaeva, et ea quidem tum maximi momenti ad historiam Sardiniae 
illustrandam, tum ad hanc ipsam quaestionem de chartarum Arbore- 
ensium origine et sinceritate. 

Nobis Italis vix quidpiam majus et insperatius in re litteraria 
accidere poterat, quam ut Italici scriptores in lucem prodirent, 
tum iis qui pro antiquissimis in hanc diem habiti sunt, integro 
saeculo antiquiores, tum non uno respectu praestantiores. Hinc 
quam vis nunc Italorum plerique aut otio torpentes (pudet dicere!) 
aut aliis districti curis bona studia passim negligant, non defuere 
tarnen, qui magni momenti quaestionem agitarent. Inter eos qui, 
veteris nostrae italicae linguae studio insignes, inspectis codicibus, 
et poesibus perpensis, earum sinceritatem propugnarunt, principem 
procul dubio locum tenet Caesar Guasti, in Archivio Centrali 
Florentino a supremo Rectore Francisco Bonaini secundus, Aca- 
demiae quam della Crusca vocant Socius, et editis operibus de 
antiquis nostris scriptoribus clarus; cujus sententiae accessere plures 
docti viri, inter quos memorasse sufficiat Fransciscum Zambrini, 
Bononiensem, et Lucianum Banchi, Senensem. Adhuc aversantur 
nonnulli, inter quos insignis sane vir Alexander D'Ancona, Ante- 
cessor Pisis, et Adolfus Borgognoni, Ravennae; neque id mirum; 
nee enim quae teneris ab unguiculis quispiam didicit ac pro veris 
et certissimis habuit, facile rejiciat, ut novis atque ob id ipsum 
suspectis fidem aecommodet. Quibus vero nitantur argumentis, 
qui inter Italos antiquissimorum carminum quae nuper in lucem 
prodierunt sinceritatem respuunt, et quaenam Ulis de origine ac 
aetate chartarum Arboreensium, tum codicum Florentini et Senensis, 
sententia sit, nee ipsi nee alius quispiam adhuc prodidit; omnes 
tarnen fatentur, non hujusmodi esse quaestionem quae silentio et 
contemptu solvi possit, quo uno litterariae fraudes plerumque 
corruunt, sed validis argumentis et diligenti ipsorum monumentorum 
examine. — Mihi ea sententia est, praeter rei novitatem et ipsam, 
si ita loqui fas sit, ejus molem, nulluni alieujus momenti argumentum 
contra harum chartarum fidem et antiquitatem posse afferri; sed 
ob hanc ipsam rei novitatem et inventi praestantiam non defuturos 
e coaevis nostris, qui in eis rejiciendis aut saltem pro dubiis 
habendis perdurent, vel si, ut mihi fert animus, earum sinceritas 
Academiae vestrae et aliorum qui eas perpenderint doctorum virorum 
judicio firmetur; tanta est longae et inveteratae opinionis vis, et 



72 Sitzung der j)Mosophlsch'historischen Klasse 

mutandae sententiae difficultas! Credent et recipient, nullo jam 
adversante, filü nostri; et temporis lapsu, qui fraudes et spuna 
monumenta quamplurima in dies contemptui et obliviom tradit, 
sinceris hisce veritas fidem adstruet, ac, quem in re nova ac nuper 
inaudita frustra speres, diu cognita consensum faciet. 

Sed antequam longae huic epistolae finem faciam, unum hoc 
monitos adhuc velim te et reliquos vestrae Academiae Socios: nie, 
chartarum Arboreensium sinceritatem propugnantem, de sola palaeo- 
graphica earum fide loqui. Rerum quae chartis ipsis exhibentur 
auctoritas longiore disputatione tractanda est tunc demum, cum 
ipsa manuscriptorum sinceritas sit extra dubitationem posita; et 
de singulis quae in iis libris narrantur, non de tota simul, tum 
aetate, tum origine, tum ipsa rerum indole haudquaquam pari, 
chartarum Arboreensium congerie ferendum erit Judicium. 

Scribebam Taurini, pridie nonas novembres, anno MDCCCLXIX. 

Die Unterzeichneten fanden es angemessen, die HH. Alfred 
Dove, Philipp Jaffe und Adolf Tobler um ihre Mitwirkung 
bei de'r Prüfung der Handschriften zu ersuchen, die demgemäfs 
bereitwillig gewährt ward. 

Die paläographische Untersuchung erschien der Commission 
als die hauptsächliche, insbesondere deshalb, weil die Verteidiger 
der Fragmente sich stets vorzugsweise auf die Autopsie der Ori- 
ginale gestützt hatten und weil ja überhaupt die Intervention der 
Akademie zunächst für diese Prüfung angerufen worden war, da 
über die anderen einschlagenden Fragen auch auf Grund der Mar- 
tini'schen Publication hin jeder Sachverständige im Stande war zu 
nrtheilen. Das unter A angeschlossene Gutachten des Hrn. Jaffe 
erledigt diese Frage in definitiver Weise, indem es in den ersten 
14 Zeilen der oben mit II. und den ersten zwei Seiten der 
oben mit III. bezeichneten Handschrift eine wohl selbst im Ge- 
biet der Fälschungen bisher unerhörte Reihe von paläographi- 
schen Unmöglichkeiten aufweist. Die Commission hielt es für 
angemessen die förmliche Motivirung des Urtheils auf diese wenigen 
Abschnitte zu beschränken, da die Fortsetzung der gleichen undank- 
baren Arbeit zu nichts geführt haben würde; während andererseits 
die sämmtlichen Documente von Arborea sachlich in dem Grade 
unter einander connex und correlat sind, dafs schon aus diesem 
Grunde die nachgewiesene Fälschung eines derselben den Nach- 



vom 31. Januar 1870. 73 

weis für alle in sich trägt. Die Commission erklärt aber aus- 
drücklich, dafs unter allen Stücken, die im Original oder in Ab- 
bildung ihr vorgelegen haben, nicht ein einziges sich befindet, 
dessen Echtheit irgend einem ihrer Mitglieder auch nur -wahr- 
scheinlich erschienen wäre, und dafs, nach der gewissenhaften 
Überzeugung der Unterzeichneten, die gesammte Masse der soge- 
nannten Fragmente von Arborea, bei aller ihrer Verschiedenheit 
unter einander, dennoch von einem Fälscher oder mindestens einer 
Fälschergruppe angefertigt worden ist. 

Obwohl hiermit die Commission die ihr gestellte Aufgabe zunächst 
als erfüllt ansah, erschien es ihr doch angemessen, die Prüfung 
nicht auf die Paläographie der Documente zu beschränken, sondern 
die naheliegende Frage, wie die Documente von Arborea in sprach- 
licher wie in sachlicher Hinsicht zu den sonstigen wissenschaftlich 
gesicherten Thatsachen sich verhalten, wenigstens in einer Anzahl 
von Beispielen zu erörtern. Denn es leuchtet ein, dafs diese 
mannichfaltigen und inhaltreichen Urkunden durch die Beschaffen- 
heit des in ihnen gebrauchten Lateinischen und Altitalienischen, 
durch ihr Verhältnifs zu dem, was anderweitig über die ältere und 
neuere Geschichte der Insel Sardinien und Italiens überhaupt fest- 
steht, ebenso sehr, wenn sie echt waren, vielfältige und deutliche 
Beweise der Echtheit in sich tragen mufsten, wie im umgekehrten 
Fall ebenso vielfältige und ebenso deutliche Beweise der Unecht- 
heit. Aus diesen Erwägungen sind die weiteren, diesem Bericht 
unter B. C. D beigefügten Specialuntersuchungen hervorgegangen. 
Sie haben, jede unabhängig angestellt, durchaus zu demselben 
Ergebnifs geführt wie die paläographische des Hrn. Jaffe: so- 
wohl diejenige des Hrn. Adolf Tob ler über die in dem Alt- 
italienischen dieser Documente auftretenden sprachlichen Eigen- 
tümlichkeiten (Anl. B), wie diejenige des Hrn. Alfred Dove 
über das Verhältnifs derselben zu den gesicherten Thatsachen 
der mittelalterlichen Geschichte (Anlage C), wie endlich die- 
jenige des mitunterzeichneten Hrn. Mommsen über die von dem 
Urheber dieser Documente mitgetheilten oder benutzten römischen 
Inschriften (Anl. D). Alle diese Untersuchungen ergaben zugleich 
sichere Anzeichen dafür, dafs hier eine Fälschung neuesten Datums 
vorliegt, angefertigt mit Benutzung von Büchern und Inschriften, 
die erst in den letzten Decennien veröffentlicht worden sind. 

Das Ergebnifs der Untersuchung ist also dahin zusammen zu 



74 Sitzung der plülosophisch-historischsn Klasse 

fassen, dafs die sämmtliclien unter dem Namen der Documenta 
von Arborea publicirten Urkunden falsch sind und dafs gegen die- 
selben, ebenso wie gegen die ligorisclien Inschriften oder die 
simonideischen Handschriften, die Vertreter des ganzen einschlagen- 
den philologisch -historischen Forschungsgebiets gleichmäßig Ein- 
spruch erheben. Haupt. Mommsen. 



Anlage A . 
Von den zahlreichen, in Arborea zum Vorschein gekommenen 
und zumeist durch Pietro Martini stattlich edirten Handschriften, 
deren Echtheit aus inneren Gründen angefochten und aus äufseren 
in Schutz genommen wird, haben mir zur Prüfung ihres paläogra- 
phischen Charakters im Ganzen sieben Stücke vorgelegen: zwei 
Membranen (eine gröfsere und eine kleinere) und fünf Papier- 
codices. 

Eine vorläufige Betrachtung zeigte, dafs die Schriftart der 
gröfsern Membran 1 ) dem 13ten Jahrhundert angehört und, indem 
ich an der kleinern 2 ), die einen Palimpsest darstellt, die primäre 
— in jüngerer römischer Cursive gehaltene — Schrift aufser Acht 
liefs, dafs ebensowohl ihre seeundären Züge wie die Formen der 
übrigen Handschriften etwa dem löten Jahrhundert zuzurechnen seien. 
Nachdem dann die Untersuchung, von der anfänglich verwir- 
renden Mannigfaltigkeit der Stücke und ihrer Schriftsorten unbeirrt, 
den Erzeugnissen einzeln und mit schärferer Aufmerksamkeit sich 
zugewandt hatte, gewährte ihr Gesammtergebnifs mir die volle 
Überzeugung, dafs mit diesen Handschriften der gelehrten Welt 
ein Betrug gespielt worden ist. 

Am augenfälligsten ist die Unechtheit in der scheinbar dem 
13ten Jahrhundert angehörenden Schrift der gröfsern, 104 Zeilen 
enthaltenden Membran, von welcher auch ein Facsimile hier ein- 
getroffen ist und deren Inhalt Pietro Martini herausgegeben hat, 
Pergamene codici e fogli cartacei di Arborea p. 139—157. 

Schon die Grundstriche der einzelnen Buchstaben verrathen 
den modernen Schreiber, der von der eigenthümlichen und unver- 

i) Sie ist in dem oben abgedruckten Brief Vesmes mit II bezeichnet. 
2 ) Vesmes n. I. 



vom 31. Januar 1870. 75 

rückbaren Federhaltung einer mittelalterlichen Hand keine sichere 
Kenntnifs besafs. Sie entbehren daher der Gleichmäfsigkeit nicht 
allein in verschiedenen Buchstaben, sondern verlaufen auch einzeln 
genommen ungleichmäfsig. Hierdurch erhält das Document ein 
höchst verdächtiges Aussehen, wie es unter gewissen Verhältnissen 
ausreichen müfste, die Glaubwürdigkeit einer Urkunde zu er- 
schüttern. 

Allein diese allgemeine Wahrnehmung — welche, für sich 
hingestellt, natürlich Gegner gefunden hätte — wird noch von an- 
deren Merkmalen mehr als unterstützt. 

Bekanntermafsen ist der Consonant i im Mittelalter durch das- 
selbe Zeichen sichtlich gemacht worden wie der Vocal i. Man 
kannte zwar ein nach unten verlängertes i ? jedoch nicht als Conso- 
nanten, nicht als Jod. Der Fälscher aber vermag sich dieses mo- 
dernen Buchstabens nicht zu erwehren, wie/ die folgenden Beispiele 
zeigen, denen ich die Nummern der sie enthaltenden Zeilen in 
Klammern hinzufüge: 

fij9 = huias (3. 24), juuenili, juvenis (5), jactabatur, deje- 
cit (7), judicem (8), major (10), jucunde (ll), jocunditatem, 
cujus (12), jus (19), ejusque (24) u. s. w. 

Entscheidender als diese unmittelalterliche Verwendung des 
Jod fallen gegen den Schreiber seine Abbreviaturen ins Gewicht, 
durch die wir belehrt werden, dafs er nicht einmal die Anfangs- 
gründe der Paläographie inne hatte. Schon die ersten 14 Zeilen 
dieses umfassenden Stücks — auf die ich mich beschränken will — 
gewähren in dieser Beziehung hinlängliche Proben. 

Das Jedem wohlbekannte unten durchstrichene p\ das p ver- 
wendet er zwar einigemal richtig für per, zugleich aber auch wider 
alles Herkommen und wider die allgemeine Regel, dafs jeder Ab- 
kürzung ein feststehender Werth zukommt, für prae, pri, prih, pru 
und pur. 

1) für prae: pcepta = praecepta (3); pditus = praeditus (omni 

virtute) (5); pstans = praestans (5); pbedi = prae- 
bendi (l). 

2) für pri und prin: pmus = primus (12); ppes = principes (6). 

3) für pru: pdetiam = prudentiam (6). 

4) für pur: expg^e = expurgare (13). 



76 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Ebenso wenig hatte er eine Ahnung davon, dafs das über- 
strichene p, p oder }> unabänderlich die Bedeutung prae hatte. 
Ihm gilt es auch für par, per und por: 

1) für par: pi = pari (3). 

2) für per: psöa = persona (3); recupavit = recuperavit (3); 

despans = desperans (5); opa = opem (6); excepunt 
= exceperunt (6). 

3) für por: lepibs = leporibus (ll). 

Er verwendet zum Überstreichen des i? eine nach unten ge- 
öffnete Schleife. Eine Bildung, die ihm noch wider allen und je- 
den Brauch in vielen anderen Fällen hilft. Denn die übergesetzte 
Schleife heifst ihm ar, er, ir, or, ori, ra, re, ri, ro und ur. 

n an c*mibs == carminibus (4); b A bar9 == barbarus (14). 

2) er: smoe = sermorce (l); flfewosa = flfenero«« (2); 2?a£ = Va- 

ter (2). 

3) ?> : utute == mrJtffe (5). 

4) or: rob*ati = roborati (2); lab^es ^ labores (2); Am == 

m^m (5); Aiaw == ejjoniare (5); / Ä ^s ac lepibs = 
floribus ac leporibus (ll). 

5) on: memam = memoriam (4). 

6) ra: mt*ri = «twi (l); ^'« — ravia ( 2 )5 § to = rata ^ 

tns = trans (6); fter = f rater (7). 

7) re: tnsftavit == iransfretavit (6). 

8) W: 2?a?ä == #a*nÄ (l); p9 = £>nws (14). 

9) ro: co*nam = coronam (l); mÄi == introduci (5). 
10) wr: expositus = expositurus (4); caw* === cwr<m* (13). 

Wie ü nwTic heifst und *c tone, so wurde für to im Mittel- 
alter ft? geschrieben. Jedem, der schreiben gelernt hatte, war 
diese Kategorie geläufig. Der Falsarius kennt sie so wenig, dafs 
er hc einige Male für haec setzt (3. 4), dann wieder für hac (7) 
und drittens für hoc (10). Dagegen erfand er sich für hunc eine 
eigene Abkürzung, die im Mittelalter Niemand kannte: hnc (9. 12). 



vom 31. Januar 1870. 77 

Mit diesen Beispielen ist die Fluth paläograpliischen Wider- 
sinns, der schon die erwähnten ersten 14 Zeilen des Schriftstücks 
überströmt, lange nicht erschöpft. Da kommen noch Abbreviatu- 
ren vor wie: mhi = mihi (l. 3); fbi — tibi (4. 9); maga = magna (3); 
pt — praeter (4); pst — post (5); quü = quum (l. 2); aliq = ali- 
quod (l); glriam = gloriam (4) und vieles Andere noch, das die 
Unwissenheit des Schreibers auf Schritt und Tritt zu erkennen 
giebt. 

Nachdem die ganze Armseligkeit des Unternehmens an dem 
einen Stück zur Evidenz gelangt war, erstaunte ich nicht, als in 
der einen Papierhandschrift 1 ) (edirt von Martini, Appendice alla 
raccolta delle pergamene, dei codici e fogli cartacei di Arborea, 
Cagliari 1865) genau derselbe Schreiber sich kundthat. Schon die 
ersten zwei Seiten — die ich ausschliefslich berücksichtige — lehr- 
ten das zur Genüge. 

Da erscheint wieder jene vielbedeutende Schleife als ar, e?; 
or, ra, rae, re. 

1) als ar: cmta = carmina; bab^e = barbare (vergleiche oben 

Seite 76 Zeile 13). 

2) als er: pat = pater; integrima = integerrima; potu^unt = po- 

tuerunt. 

3) als or: memie = memorie. 

4; als ra: yt = contra; guati = gravati; ilustuit = ilustravit. 
5) als rae und re: gco = graeco; frat = fratre. 

Ein ähnlicher Wirrwarr wie von der Schleife wird hier auch 
von dem überschriebenen i erzeugt. Da heifst p wohl einmal rich- 
tig pri aber auch schon zweimal auf der ersten Seite fast unglaub- 
licher Weise post; glo'osa heifst gloriosa; m'a = mira; m'acula = 
miracula; sat'is = satiris; cli'sma = clarissima; plu'es = pluries. 

Daneben wuchern auch hier allerorten noch besondere Selten- 
heiten, wie cäa — causa; süs = suis; archppo = archiepiscopo; mago 
— magno; retult = retulit; esst — esset; alls = aliis; idm = idem; 
■ fidm — fidem; eadm = eadem; orbaim — orbatam. 



') Vesmes n. III. 



73 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

So wenig also jene Membran im 13ten Jahrhundert beschrie- 
ben worden Ist, ebensowenig gehört diese Papierhandschrift ins 
löte Jahrhundert. Das heifst, die Schriftstücke sind damals nicht 
entstanden, als die Kunst zu lesen und zu schreiben gleicherweise 
auf der Kenntnifs der Abbreviatur beruhte wie auf der des Alpha- 
bets. Sie sind Erzeugnisse einer Zeit, da — wie in unseren Ta- 
gen __ die Abkürzungen nicht mehr dem Lehrkreis der Schulen 
angehörten, und stammen von einem Autodidakten, der von den 
Geletzen, die auf dem Felde der mittelalterlichen Abkürzungen 
herrschen, sich falsche Begriffe gebildet hatte. 

Schwerlich aber mit Erfolg dürfte man die Behauptung wa- 
gen, in Sardinien sei das Schreibwesen so eigenthümlich entwickelt 
worden, dafs in jenen Abbreviaturen sich nur ein besonderes, der 
Insel ausschließlich angehöriges System geltend mache 1 ). Denn 
was wir da wahrnehmen, ist überhaupt nicht System sondern Con- 

fusion. 

Es ist nicht denkbar, dafs in den Sardinischen Schulen gelehrt 
worden wäre, das unten durchstochene p: f könne man setzen für 
per, prae, prin und pur, das überstrichene p: p dürfe benutzt wer- 
den' für prae, par, per, por, man könne eine und dieselbe Schleife 
anwenden für ar, er, ir, or, ori, ra, re, ri, ro und ur u. s. w. 
Eine solche Lehre würde ungefähr dieselbe Wirkung gehabt haben, 
wie wenn gestattet worden wäre, dafs man das Schriftzeichen b 
auch setzen dürfe für c, *, r, u und t und zu gleicher Zeit auch 
den Buchstaben c zur Bezeichnung von d\ f, g, Je, l, m u. s. w. 

Der Zweck des Schreibens ist, den Gedanken lesbar machen; 
mit jenem Durcheinander von Abkürzungen wäre erreicht worden, 
dafs der Sardinische Priester in einem aus Rom kommenden Mis- 
sale sich nicht zurecht gefunden hätte, dafs ein Brief aus Arborea 
in Pisa räthselhaft erschienen wäre, dafs in Sardinien weder eine 
unzweideutige Rechts Urkunde aufgesetzt noch überhaupt von einem 
Menschen des Nachbars Schrift sicher hätte verstanden werden 
können. Diese Folge wäre eingetreten, wenn man — um einige 



i'j Wenn aus einem nachträglich von Baudi de Yesme eingeschickten 
Document erhellt, dafs in sardinischen Schriftstücken des 16. und 17. Jahr- 
hunderts das j als Consonant auftritt, so beweist dies nur, dafs man m Sar- 
dinien an der allgemeinen Entwicklung der Schrift theilgenommen hat; denn 
in jenen Jahrhunderten war der Buchstabe überall in Geltung. 



vom 31. Januar 1870. 79 

Beispiele zu geben — beim Schreiben nicht unterschieden hätte 
parco, praeco und porco; prius und purus; princeps und praeceps; 
portio und pretio; permittere und praemittere; pergere und pur gare; 
carminis, criminis und cur minis; dare, dire, dure und de re; Tro- 
ianus, Traianus, Turianus, ter lanus und tori anus; flore, flare und 
flere; frater, fratri und fratre u. s. w. 

Nicht die eigenen Städtenamen Sardiniens hätte man bei sol- 
chem Schreiben vor Mifsdeutungen bewahrt. Denn ^-b^ea hätte al- 
lerdings gelesen werden können Arborea, aber auch orba rea, ro- 
borea, robur ea und urbi rea. Und calis konnte man zwar lesen: 

Caralis., zugleich jedoch auch cera lis, cura lis, coralis. Ebenso 

ä 
konnte tris heifsen Turris, aber auch terris und torris. 

Welcher Sardinier aber wird zugeben wollen, seine Vorfahren 
seien so thöricht gewesen, wie zu eigener Verunehrung eine beson- 
dere Methode zu erfinden und zu üben, vermittelst deren man sdus 
beliebig lesen konnte: Sardus oder surdus; absdis: ab Sardis oder 
absurdis; sdi: Sardi oder sordi; sdidiuini: Sardi divini oder sor- 
didi vini; sdi dati: Sardi dati oder sordidati? — 

Zu den voranstehenden Bemerkungen sind die ersten 14 Zei- 
len der einen Membran und die ersten zwei Seiten einer der Pa- 
pierhandschriften herangezogen worden. Bedarf es noch eines Wei- 
teren? Wäre es nöthig, für dasselbe Resultat auch aus den an- 
deren hierhergelangten Handschriften die Beweise aufzuhäufen, oder 
gar alle übrigen Stücke zu durchforschen, die in den letzten 
24 Jahren in Sardinien ans Tageslicht gebracht wurden, die in 
der Bibliothek zu Cagliari aufbewahrt werden und die allesammt 
so harmonisch zusammenwirken, die Geschichte Sardiniens durch 
Thatsachen, Helden und Dichter zu beleben, und zu gleicher Zeit 
seine Literatur mit Inschriften, Annalen, Historien und Gesängen 
zu bereichern ? 

Würde es ferner der Mühe lohnen, mit vielen Worten darzu- 
stellen, was bei einer unmittelbaren Betrachtung mit wenigen Fin- 
gerzeigen erwiesen werden kann: in wie augenfällig artificieller 
Weise das schmutzige Ansehen erzeugt ist, welches neben den er- 
borgten Schriftzügen die Bestimmung hat, die jungen Werke alt 
erscheinen zu lassen? wie die Blätter ganz oder nur ihre Ränder 
in mannigfache Flüssigkeiten eingetaucht, wie über gröfsere und 
kleinere Partieen fliefsender oder zäher Schmutz sei's ergossen, sei's 



80 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

angespritzt, sei's auf- und niedergestricben worden ist? Diese 
Merkmale fügen zu den paläographischen Kriterien der Fälschung 
„ur noch einige sehr äufserliche Momente, die hier erwähnt zu 

haben genügen mag. 

Philipp Jatte. 



Anlage B. 
Dafs die romanischen Sprachen, in bewufstem Unterschiede 
von der lateinischen, schon in früherer Zeit bestanden haben als 
diejenige ist, in welche die ältesten bis jetzt bekannten zusammen- 
hängenden Denkmäler hinaufreichen, wird Niemand bezweifeln, und 
so ist denn auch nicht ohne Weiteres auf die Aussicht zu verzichten, 
es werde der Wissenschaft noch der eine oder andere Fund vor- 
behalten sein, welcher altromanische Sprache noch vor dem 9. Jahr- 
hundert, in mehr als ein Wort oder eine Phrase umfassender Aus- 
dehnung durch die Schrift festgehalten, der Gegenwart zur Kennt- 
nifs bringe. Dafs gerade die Insel Sardinien die Heimat solcher 
Aufzeichnungen sein würde, war dagegen nicht eben wahrscheinlich; 
wir erwarten sie eher aus denjenigen Theilen des romanischen 
Gebietes, wo schon in früher Zeit die Volkssprache hinsichtlich 
ihres lautlichen Verhaltens so bedeutende Verschiedenheit von der 
lat. Sprache der Kirche, des Gesetzes, der Schule zeigt, dafs das 
Verständnis dieser Letzteren dem Ungeschulten nicht mehr zuzu- 
muten ist; und erwarten sie zuletzt aus solchen Theilen des Ge- 
bietes, deren Sprache noch heute, wie die sardinische Mundart es 
thut, mit verhältnifsmäfsig viel gröberer Treue als die Schwester- 
idiome an Sylbenzahl, vocalischen und consonantischen Lauten der 
lateinischen Wörter fest gehalten hat. Diese Verhältnisse sind 
freilich nicht das allein Entscheidende; es kommt dazu, dals die 
gesammte Culturlage, politische Ordnung, geistige Bildung u. s. w. 
Aufzeichnungen in der Landessprache begünstigen, und dafs anderer- 
seits die Erhaltung des Niedergeschriebenen durch eine gewisse Sta- 
tigkeit der Interessen erleichtert werde. Auch in dieser Beziehung 
schien Sardinien zum mindesten in nicht günstigerer Lage als irgend 
ein Theil des romanischen Gebietes, die Donaufürstenthümer etwa 
ausgenommen. 



vom 31. Januar 1870. 81 

Indefs liegen nun einmal Denkmäler der besprochenen Art 
von sardinischer Herkunft vor; allerdings nicht blofs solche, die 
über alle bis jetzt bekannten romanischen Aufzeichnungen hinauf- 
steigen, sondern auch, aber nicht weniger erwünscht, solche, die 
blofs für die Geschichte der italiänischen Literatur und Sprache 
von Bedeutung sind; aber von nicht geringer; denn ganze Jahr- 
hunderte literarischer Verwendung sowohl der italiänischen Sprache 
als der sardinischen Mundart, kunstliebende Fürsten, dichterisch 
thätige Kreise sind der Forschung gewonnen, und, was Italien be- 
sonders erfreuen mufs, dieses älteste literarische Treiben ist gleich- 
zeitig mit dem der Provenzalen oder reicht über dasselbe hinauf, und 
da die zahlreichen biographischen Notizen, welche die Denkmäler 
begleiten, keinerlei Hinweisung auf pro venzalische Vorbilder enthalten, 
so ist der italiänischen Dichtung einheimischer^ Ursprung erwiesen. 
Aber gerade die Massenhaftigkeit und das Gewicht des so 
plötzlich und so durchaus unvermuthet Gefundenen erregt Besorg- 
nifs und mahnt, zu untersuchen, ob die Ächtheit der Denkmäler 
anzunehmen sei, oder ob man in den sämmtlichen Schriftstücken 
ein Werk der Fälschung zu sehen habe. Im Folgenden soll dar- 
gelegt werden, was dem Unterzeichneten die Denkmäler hinsicht- 
lich der in denselben vorliegenden Sprache und ihres Inhaltes, so- 
weit er die Literaturgeschichte interessirt, als unächt erscheinen 
läfst. — Was die Herkunft derselben betrifft, so mag hier zuerst 
der Umstand berührt werden, dafs der ganze Schatz, so sehr ge- 
wisse Theile desselben literarisches Eigenthum der Halbinsel sind 
und in Toscana bekannt gewesen und gelesen worden sein müssten, 
in dem Einen Arborea gehoben ist, mit alleiniger Ausnahme einiger 
(4) Blätter, die im Florentiner Staatsarchiv liegen und über deren 
früheren Standort nichts mitgetheilt wird; denn ein zweites, in 
Siena befindliches Manuscript von 22 Blättern, kann nicht in Be- 
tracht kommen, da es erst 1862 durch Schenkung eines anonym 
gebliebenen Palermitaners dahin gekommen ist. Auch der That- 
sache ist gleich hier zu gedenken, dafs die Documente zum gröfsten 
Theile im Allgemeinen den Charakter der Schrift des 15. Jahr- 
hunderts zeigen, während sie im 12. oder im 13. Jahrhundert ver- 
fafst sein sollen, und dafs schwerlich ein einziger Abschreiber des 
15. Jahrh. der Urheber der für das Werk einer unverstellten Hand 
unter sich doch allzu verschiedenen Züge auf sehr mannigfach 
markirtem Papiere ist. Es würde dieser Umstand auf ein in jener 
[1870] 6 



82 Sitetroff der philosophisch-historischen Klasse 

Zeit iW gewordenes Interesse (mindestens Eines Sammlers, tvahr- 
ifehdSfc aber verschiedener Liebhaber) für die ältesten btera- 
nschen Denkmäler der engeren und der weiteren He.mat «»- 
weisen, welches mit der Thatsnche der vollständigen Versehollen- 
heit je^er Schriften sich nicht leicht vereinigen läfst. Insbesondre 
ist schwer zu begreifen die Art, wie der Hirtenbrief eu.es B.scho s 
ih sardinischer Prosa vom Jahre 740 anf uns gekommen seil, soll, 
dieses Doeument (Pergam. 184) von keineswegs sehr wichtigen. 
Inhalte - ein Bischof ermahnt seinen Clerus nnd vielle.cht auch 
die Laien seines Sprcngels znm Beharren im Glauben und nenn 
am Schlnfs ein paar Prälaten, mit denen er in nac hstcr Zeit 
kommen werde nm seinen Bruder zu weihen, «*£«•* Wta 
des Felix, der in einem Kriege erfo.gt sei, darin loOO Sarazenen 
nnd 80 Sarden in Einer Nacht den Tod gefunden hätten - war 
schon znr Zeit des judex Saltaro, dessen Regierung 1079 begonnen 
haben soll, in dem nämlichen trostlosen Znstande, in welchem es 
Jetzt vorliegt, d.h. so voller Locken, dafs es weder "gend wem 
zur Erbauung gereichen, noch als Beweismittel in irgend welchen 
Rechtsfällen dienen konnte; gleichwohl liefs Saltaro es anf loh 
167 einer Ansammlung eintragen, die er veranstaltet hatte, nnd 
sein Notar fügte der Abschrift ein Zeugnife bei des Inhaltes, das 
Original habe sich in einem solchen Zustande der Zernagung be- 
funden, dafs nichts als das abschriftlich Mitgetheilte Am zu ent- 
nehmen gewesen sei. Die Lücken der Abschrift zeigt™ verschie- 
dene Länge, ohne Zweifel in genauer Wiedergabe der Vorlage. 
Jene Ansammlung kam im 14. Jahrhundert in die Hände eines 
Torbeno, der seinem Halbbruder, dem judex Manano IV .von d r- 
selben eine sehr genaue Beschreibung nebst Auszügen ^erte, dm 
Foliozahlen zu jedem Stücke angab, die Lucken bezeichnete und 
dabei eine Sorgfalt an den Tag legte, die zwar mm alle Ehre 
macht, die aber in diesem Falle ebenso wenig zu begreifen ist, 
w ie das Interesse, welches die ganze Mittheiluug fnr Manano 
haben konnte. Seinen Brief copirte 1385 ein Unbekannter aus un- 
bekannten Gründen, und diese Abschrift ist in Arborea gefunden; 
es ist eine Handschriftbeschreibung, wie man sie heutzutage etwa 
in einer gelehrten Zeitschrift zum Abdrucke bringt. 

Nicht minder nnglaublichen Umständen verdanken wmd.e 
Erhaltung einer Reihe altitaliänischcr Sprachproben, (Append 115), 
welche an Vollständigkeit für die verschiedenen Jahrhunderte und 



vom 31. Januar 1870. 83 

an genauer Datirung der einzelnen Bestandteile wenig zu wün- 
schen läfst. Im Jahre 1271 wurde ein sardinischer Kaufmann von 
einem Römer seiner Sprache wegen angegriffen; da er sich dem 
Gegner nicht gewachsen fühlte, wandte er sich an einen gelehrten 
Landsmann, Comita de Orru, und der setzte für ihn eine Denk- 
schrift auf, deren Inhalt sich der Gekränkte nur einzuprägen 
brauchte, um Argumente in Menge zur Verfügung zu haben, welche 
geeignet waren, den Römer zur Achtung vor der sardinischen 
Sprache zu zwingen. Comita brauchte sich das Material für seine 
Schrift nicht erst zu sammeln; ihm lag, von dem Neffen des Ver- 
fassers geborgt, ein leider seither verschwundenes Werk vor, das 
alles Nöthige in bester Ordnung und Vollständigkeit bot, die „Ge- 
schichte der sardinischen Sprache" von Giorgio von Lacon (geb. 
1177, gest. 1267). Unter diesem Titel (historia' de ssa lingua sar- 
desca) hatte der gelehrte Verfasser der ebenfalls noch nicht wieder 
gefundenen „Mater Sardinia cognita" ein Werk geschrieben, in wel- 
chem er, gestützt auf zahlreiche selbstgesammelte sprachgeschicht- 
liche Documente, Inschriften, Briefe, Gedichte u. s. w. und auf 
Beobachtungen, die er, zu diesem Zwecke kostspielige Reisen 
nicht scheuend, in Italien, Frankreich und Spanien gemacht hatte, 
über die Identität der sardinischen Sprache mit der rustiken Sprache 
der Römer und über ihr Verhältnifs zur italiänischen, spanischen, 
französischen und provenzalischen allen wünschbaren Aufschlufs gab. 
Aus dieser Fundgrube zog Comita soviel ihm nothwendig schien, und 
da auch von seiner Denkschrift im 15. Jahrhundert eine Copie an- 
gefertigt wurde, die nach Arborea gelangt ist, so besitzen nun auch 
wir nicht blofs den Kern von Giorgio's sprachgeschichtlichem Wissen, 
welches Martini den Ausruf thun läfst: Bello ravvicinamento delle opi- 
nioni d'un dottissimo Sardo del XIII secolo con quelle dei grandi filo- 
logi del XIX!, sondern auch wenigstens einen Theil der von ihm ge- 
sammelten Materialien. So viel als Beispiel, auf wie wunderlichen 
Wegen die alten Sprachproben zu uns gelangt sein sollen. 

Fassen wir nun die Sprache der ältesten aus Arborea gewon 
nenen Denkmäler ins Auge, so befremdet bei fast allen die geringe 
Verschiedenheit des Sprachzustandes von demjenigen, welcher in 
den früher bekannten ältesten Denkmälern, die doch um Jahrhun- 
derte jünger sind, sich kund gibt. Nirgends z. B. zeigt sich die 
geringste Spur einer Unterscheidung des Nominativs der Nomina 

6* 



84 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

vom Casus obliquus in den sardinischen Denkmälern des 8. Jahr- 
hunderts, während die beiden romanischen Sprachen Galliens bis 
ins 14. Jahrhundert diesen Rest der lat. Nominalflexion festge- 
halten haben; und doch wäre gerade im Sardinischen, welches das 
auslaut. s sonst duldet und in der Verbalflexion bis auf den heu- 
tigen Tag aufweist, ein ähnliches Festhalten am lat. Vorbilde 
durch kein lautliches Hindernifs unmöglich gemacht worden, wie 
etwa im Italiänischen. Spuren der Erhaltung des auslaut. m in 
tonlosen Endungen zeigen sich freilich in dem Liebesliede des 
Schäfers Gitilinus vom Jahre 800 (Pergam. 4G6); aber einmal er- 
scheint dieses »1 in zahlreichen Wörtern des nämlichen Denkmals, 
welche es nach Analogie ebenfalls haben müssten, nicht, so dafs 
man annehmen mufs, es danke sein Vorkommen in einzelnen Fällen 
nur einer Gewöhnung des Schreibers an lat. Texte, um so mehr, 
als der früher erwähnte Hirtenbrief von 740 dasselbe auch nicht 
kennt; sodann ist gerade das auslautende m derjenige lateinische 
Laut, der in tonlosen Sylben in keiner romanischen Sprache eine 
Spur hinterlassen hat. Dafs vielfach ipsu geschrieben ist, hat 
ebenfalls kein Gewicht, denn die Formen mit assimilntem p und 
die gekürzten ohne i, wie sie die Mundart Sardiniens jetzt ver- 
wendet, stehn überall gleichberechtigt daneben. In einer Beziehung 
stehn die ältesten sardinischen Denkmäler aus Arborea der jetzigen 
Mundart sogar näher als dasjenige, welches bisher für das älteste 
gehalten wurde und dessen Ächtheit aufser Zweifel steht, die Sta- 
tuten von Sassari aus dem Jahre 1316 (Hist. Patr. Monum. X). 
Das alte Perfectum des Indicativs (1. conj. cantdi, dsti, dit; da- 
neben andre, die lat. Formen getreu wiederholende Perfecta, wie 
fechit, fuit, deit u. dgl.) ist das in jenen Statuten allein vor- 
kommende; von den in der gegenwärtigen Mundart dafür einge- 
tretenen Formen cantesi, cantesti, cantesit; factesit und dgl. zeigt 
sich dort noch keine Spur; aber gerade diese Formen treten nun 
in den Pergamene als älteste auf, naresint im Hirtenbrief, moresit 
ebenda- auch Comita de Orru in seiner linguistischen Denkschrift 
von 1271 sagt eunservesit, cantesit, ponesit und dgl. und schreibt 
doch wie er selbst sagt, die alte Mundart der Berggegenden 
(App 120); er untermischt dann allerdings diese Formen mit citarit, 
usarit, furit und dgl., welche aber ebenfalls denen der Statuten an 
Alterthümlichkeit nachstehn und nach Analogie der Pluralformen 
auf arunt gebildet scheinen. 



vom 31. Januar 1870. 85 

Auch die neugefundenen Denkmäler der eigentlichen italieni- 
sch en Sprache, wie sie, in Toscana ursprünglich heimisch, von alten 
Florentinern, Senesen, aber auch Genuesen und Sarden in literari- 
schen Werken verwendet erscheint, zeigen eine bei ihrem hohen Alter 
überraschende Übereinstimmung mit denjenigen, welche man bisher 
für die ältesten gehalten hat. Kaum eine Form findet sich, die 
nicht bei Guittone ihre Parallele hätte. Der altit. Conditionalis auf 
ara, era, ira (ruhend auf dem lat. Plsqpf. Ind.), den man in neuster 
Zeit bei Vincenzo d'Alcamo und schon früher auch bei zahlreichen 
Dichtern aus anderen Gegenden Italiens nachgewiesen hat (Nan- 
nucci, Verbi, 1843 p. 323), tritt hier sogar nur sehr selten auf. Auch 
gewisse Wörter, welche bei den altitaliänischen Dichtern auffallen, 
weil sie eine den ital. Lautgesetzen zuwiderlaufende Behandlung 
der lat. Laute zeigen, welche aber bei diesen notorischen Nach- 
ahmern der provenzalischen Trobadors ihre Erklärung in dem Um- 
stände finden, dafs die Nachahmung des dichterischen Verfahrens 
eines fremden Volkes auch in der Einführung nicht nationaler Wörter 
sich kund zu geben pflegt, begegnen schon bei dem neuentdeckten 
alten Gherardo da Firenze und seinen Schülern, die mit den älte- 
sten Trobadors gleichzeitig gelebt haben und bei denen sonst 
keinerlei Bekanntschaft mit provenzalischer Dichtung bezeugt ist; 
sie brauchen lausor, zambra, ciera, bealtate (pr. lauzor, fz. chambre, 
chere, beaute) u. dgl., welche alle nur im prov. und im französ. 
Sprachgebiete heimisch, in Italien nur Fremdwörter sein können. 
Hier und da erscheinen dagegen allerdings Wörter, welche sonst 
noch kein romanisches Denkmal aufgewiesen hat und die man 
daher unter die von der Volkssprache früh aufgegebenen zu zählen 
gewohnt gewesen ist; so ore der Mund, more die Sitte, (dieses 
wenigstens im Französischen seit lange, aber nur im Plural, vor- 
handen); conquerere sich beklagen, (dieses allen romanischen Spra- 
chen unbekannt und schon darum nicht recht passend, weil conqueri 
oder romanisch conquerere mit con-qucerere, das aufser Italien an die 
Stelle von conquirere trat, zusammenfallen musste); andere wagen 
(ebenfalls überall aufgegeben, vermuthlich, weil es von audire sich 
kaum unterschied, und durch ausare ersetzt). Die beiden letzt- 
genannten Wörter hat man freilich auch an je einer Stelle des 
Guittone gefunden; aber diejenige, wo das Erstere vorzukommen 
scheinen möchte, ist kaum zu verstehn, immer aber noch eher, 
wenn man concherere gleich dem fz. conquerir oder prov. conquerer 



gß Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

setzt; diejenige wo Guittone aude = audet vielleicht verwendet - 
verständlich ist auch sie nicht - und die des G. Guimcelli, wel- 
chem Guittone auf die nämlichen Reime antwortet, und der es un- 
zweifelhaft = lat. audet verwendet, gehören überkünstlichen Reime- 
reien an, deren Anlage einen Latinismus erlaubt scheinen läfst, 
während die Pergamene (122) die Form in Prosa und im Munde 
einer Amme vorführen. 

Bei andern Wörtern erheben sich Bedenken anderer Art: da 
bege-net z. B. oft plusor; das Wort ist allerdings altit. oft ver- 
wendet, nie aber anders als adjeetivisch, wie das ihm entsprechende 
prov. plusor und fz. plusieurs; hier nun steht es ohne Weiteres 
wie das it. Adverbium piü, auch bei Verben. Sollte hier eine 
zu sorglose Benutzung der Commentare zu altitaliänischen Dich- 
tern, in welchen allerdings plusor durch piü erklärt werden n.ufste, 
da die ital. Sprache jetzt zur Wiedergabe des alten Adjectivs kein 
anderes Wort mehr hat als dieses Adverbium, an einem Falscher 
sich rächen? Aehnlich scheint es sich mit ad es so zu verhalten. 
Dieses Wort heifst altit. nicht blofs Jetzt«, sondern, gleichwie 
prov und afz. ades, ganz gemäfs seiner Herkunft von ad ipsum, 
auch „zugleich, alsbald«; es ist daher mehrfach von Commentatoren 
mit „allora" erklärt worden, so namentlich oft von Salvini zu 
Guittone, (dessen Sprachgebrauch überhaupt dem Leser der arbor. 
Denkmäler in Versen und in Prosa so oft in Erinnerung ge- 
bracht wird). Nun zeigt sich aber mehrfach in den arbor. Denk- 
mälern adesso da verwendet, wo zwar allora ganz gut stehen 
würde, adesso aber gar nicht gesagt werden kann, z. B. ne m 
rimarrä adesso (d. h. wann ihr einmal alt und verblüht sein wer- 
det) lo voito conforto u. s. f., Pergam. 120. - Cantö unapoesta ein 
Gedicht« lesen wir in einem Prosa-Roman, der dem 12. Janrh. 
angehören soll (ebenda 122); barbaro wird ein Gärtner ebenda 
genannt, der sich weigert, eine Blume herzugeben, so lange sie 
noch frisch ist; dasselbe Prosa -Werk braucht in einer Weise, die 
sicher nie statthaft gewesen ist, den Ausdruck mischiatamente 
etwa für „qua e \ä% in der Verbindung nämlich: „es wird Euch 
dann keine Freude mehr gewähren di correre mischiatamente mfra. 
le zambre a vostri mirador« (zu Einer Person gesagt). 

Auffallender noch sind einige Erscheinungen der Syntax der 
arbor. Denkmäler: Es war bekannt, dafs Vergleichungssätze, die 
sich an einen Comparativ, d. h. ein von piü oder meno begleitetes 



vom 31. Januar 1870. 87 

Adjectiv anschliefsen, des einleitenden che entrathen, dafs sie gleich 
mit dem non beginnen können, welches in solchen Sätzen das 
Verbum zu begleiten pflegt (Diez III, 384); es war nicht auffal- 
lend, wenn das Gleiche hinter den einfachen Comparativen (maggiore, 
minore, piü, meno, peggiore u. dgl.) sich zeigte, wenn z. B. Guit- 
tone I, 16 sagte: maggio (= majus) e cominciare, non e seguire, oder 
II, 98: tu paghi piü, non fa quello u. dgl.; aber dafs auch hinter 
Adjectiven oder Adverbien im Positiv gleich gestaltete Vergleichungs- 
sätze in gleichem Sinne möglich seien, war bisher unerhört; 
die Denkmäler von Arborea bevorzugen diese Construction, von 
der man nicht recht begreift, wie sie verstanden werden konnte: 
la bocca pande (d. h. si apre) a dolci e piacenti canti, non furon 
delle Sirene, Pergam. 119; amador[i] forte allurnati dai suoi raggi, 
non fere vetro, ebend.; la pelle (einer Frau) piana e lucente, non 
e il piano del mare, u luna fere, 120 (auch stylistisch bemerkens- 
wert]!!), und so unzählige Male. — Es war bekannt, dafs auch 
im Italiänischen unter Umständen (ähnlich wie im Englischen) das 
Relativpronomen entbehrlich ist, wie denn Guittone II, 37 sagt: 
non vive alcun uom, dicesse che in voi manca alcuna cosa u. dgl., 
ebenso, dafs die Alten blofses che (== quod) brauchen, wo jetzt cid 
che gesagt werden mufs; dafs man aber sowohl cid als che, nicht 
blofs das Relativpronomen, sondern auch das, worauf sich der 
Relativsatz bezieht , streichen und dem Leser zumuthen kann, 
gleichwohl zu verstehn, zeigen wohl ganz allein die Dichter von 
Arborea; hier lesen wir: voi sta catun desia, und das heifst: in voi 
sta cid che ciascun desidera, 490b. Es werden nämlich auch 
Präpositionen in fast unbeschränkter Ausdehnung nach Belieben 
oder Bedürfnifs gesetzt oder unterdrückt. Da altfrz. und prov. der 
Unterdrückung der Präposition a (= ad) vor einem Nomen, das 
eine Person bezeichnet, nichts im Wege steht, wofern das Nomen 
die Stellung eines lat. Dativobjectes einnimmt und nicht etwa 
zur Bestimmung des Zieles dient, da ferner auch altitaliänisch, 
wenigstens beim betonten Personalpronomen, die nämliche Er- 
scheinung vorkommt, wie der Herausgeber des Guittone fast auf 
jeder Seite seines Dichters besonders notirt, so kann das häufige 
Vorkommen der nämlichen Unterdrückung der Präposition a in 
den arbor. Denkmälern keinen Anstofs erregen. Man wird aber 
sich schAver entschliefsen zu glauben, es sei zu irgend einer Zeit 
möglich gewesen zu sagen: Poi legate stanno || Voi vertu statt 



88 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

legale a voi, Pergam. 491«, oder: menan vita, se morenti für menan 
a vita, ebend. 119, oder vollends: prodezza di proe guerrier pugnate 
in ver Comono für prodezza di prode g. colla quäle pugnate, 
ebend 491«. Wer wurde dergleichen je verstanden haben! l<rei- 
lich Gherardo ans Florenz, das Hanpt der Dichterscbnle, welcher w.r 
die Mehrzahl der poetischen Erzeugnisse aus Arborea zuschreiben 
sollen, muthet seinen Lesern, denn an Hörer kann da nicht gedacht 
werden, ein Mafs des Scharfsinns zu, mit welchem ausgerüstet man 
der Präpositionen und der Relativpronomina nicht mehr bedurfte; 
er erlaubt sich - doch wohl in der Voraussetzung, irgend wer 
werde ihn verstehn - Inversionen in der Art der folgenden: 
Scolar nesciente di mio sento punto || X»« te für 
Nesciente di mio punto sento scolar da te, d. h. ^ 

Ungewifs über mein Lebensende gedenke ich zu scheiden von d,r. 
Das Verständnifs auch dieser Stelle verdankt man Herrn Pill.to. 

Einige der Thatsachen, welche sich aus der Ächtheit der 
Denkmäler von Arborea ergeben würden und sich für die Heraus- 
geber auch wirklich ergeben haben, mögen zum Schlüsse noch 
angeführt sein, jedoch ohne dafs weitere Erörterungen daran ge- 

knüpft werden. 

Im 7. Jahrhundert hat der König Jaletus die Verwendung 
der auf Mi beruhenden Formen des bestimmten Artikels in Sar- 
dinien eingeführt, nachdem bis dahin (wie in den andern romani- 
schen Ländern) auf ille zurückgehende Formen in solcher Stellung 
gebraucht worden waren. 

Im 13. Jahrhundert arbeitet ein Sarde eine Geschichte seiner 
Sprache aus, nachdem er, um sich dafür zu befähigen lange und 
kostspielige Reisen auf dem Continente gemacht und Sprachdenk- 
mäler gesammelt hat, die er unter Angabe des Jahres ihrer Ab- 
fassung seinem Werke einverleibt; er spricht darin die Ansicht aus, 
die italiänische, die französische, die provenzalische und die spa- 
nische Sprache seien mit der sardinischen Eines Lrsprungs und 
im Grunde Eins mit der römischen lingua rusUca. 

Zu Anfang des 12. Jahrhnnderts hat in Florenz eine Schule 
der Kunstdichtung bestanden, ans welcher ^^^"*J^ 
vorgegangen sind; ein Sarde unter ihnen hat abwechselnd in _ der 
Sprache seines Meisters und in derjenigen seiner Heimat gedichtet, 
ein sehr gelehrter, d. h. mit dem Alterthum vertrauter Senese, der 



vom 31. Januar 1870. 89 

ebenfalls der Schule angehört, hat „amore exarsus ob suam linguam 
italicam" und „carmina latina spernens" sich ausschliefslich der ital. 
Dichtung gewidmet; namentlich er hat in formvollendeten, kunst- 
reichen, an Kraft des Ausdrucks und Bedeutung der Gedanken bis 
auf Dante nicht erreichten Gedichten eine glühende Liebe zum 
italiänischen Gesammtvaterlande, einen tiefen Schmerz über die 
odii ver cittadi germane niedergelegt, zur Verbrüderung gegenüber der 
Fremdherrschaft aufgerufen. Weder von ihm jedoch, noch von der 
ganzen Dichterschule hat bis 1847 irgend ein Mensch das Geringste 
gewufst mit Ausnahme jener Liebhaber des 15. Jahrhunderts, 
welche schweigend abschrieben, was damals noch aufzutreiben war. 
Es ist namentlich Dante die Existenz jener Dichterschule durchaus 
unbekannt geblieben, ihm, der so eifrig nach ^llem forschte, was 
an Kunstdichtung in romanischer Zunge vor ihm geschaffen wor- 
den war, der das Gedicht des Vincenzo d'Alcamo, der die Werke 
der sicilischen Schule, die der bolognesischen Dichter, der die 
Mundarten aller Landestheile kannte und mit stolzer Freude hin- 
wies auf die vor ihm oder neben ihm gemachten Versuche, eine 
Sprache italiänischer Kunstdichtung zu pflegen. Wenn indessen 
Dante jener treffliehen Vorgänger nicht ausdrücklich gedenkt 
und keine Stelle ihrer Werke anführt, so soll er nach der Ansicht 
der Herausgeber, welche sich die Beredsamkeit seines Schweigens 
nicht zu verhehlen scheinen, dieselben doch im Sinne gehabt haben, 
wenn er Vita Nova c. 25 sagt, weiter als 150 Jahre aufwärts 
könne man die Spur der Dichtung in lingua volgare nicht ver- 
folgen. Da nun von den bisher bekannten ital. Gedichten keines 
um 150 Jahre älter sei als die Vita Nova von 1291, so müsse Dante 
beim Niederschreiben dieser Worte an jene älteste, erst jetzt wie- 
der bekannt gewordene Dichterschule seiner Heimat gedacht haben. 
Der Dante'sche Satz: noi non troviamo cose dette anzi il presente 
tempo per CL anni, darf jedoch nicht ohne seinen Vordersatz citirt 
werden, welcher lautet: se volemo cercare in lingua d'oco e in 
lingua di st, und welcher ihm die ganze ihm zugeschriebene Be- 
weiskraft nimmt. 

Das Vorstehende dürfte genügen, um die Verwerfung der 
arbor. Denkmäler vom Standpunkte der Sprachbetrachtung und der 
literar- historischen Erwägungen zu rechtfertigen. Dafs die Sar- 
dinier sich in diesen Zeugnissen ihrer Cultur als ein Volk dar- 
stellen, welches Interessen hegt, für die dem gesarnmten übrigen 



90 



Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 



Abcndlande in der nämliche.. Zeit jeder Sinn abgeht, als e.n Volk, 
welches andererseits unberührt geblieben ist von dem, was d.e 
übrigen Völker des Mittelalters erfüllt, dafs nirgends eine na.ve 
Anscl.auim«, vorherrschend moderne Gedanken in künstlich unge- 
lenkem Ausdruck sich darin wahrnehmen lassen, würde ...cht 
schwierig darzuthun sein, würde aber mehr Zeit und e.ne ausfuhr- 
lichere Darlegung erheischen, als man solchen. Gegenstande gern 
zuwendet. dolf Tob , 



ler. 



Anlage C. 
Wenn es leicht erscheint, den Inhalt der sogenannten „Perga- 
n,ente und Papiere von Arborea", was die Geschichte Sardiniens 
■ m Mittelalter anlangt, als einen einzigen grofsen Anachronismus 
» erkennen, durch welchen der Insel ein vormaliger Kulturzustand 
beigelegt wird, wie er selbst beute höchstens als Ziel patnobscher 
Wünsche vorbanden ist, so fällt es doch schwer, die Erdichtungen 
i,n Einzelnen als solche zu erweisen. An eigentlichen Urkunden 
«cbricbt es in dem Eunde; gleichzeitige, wol.ldat.rte, sich ur 
authentisch gebende Aufzeichnungen sind überhaupt selten; das 
auswärtige Element der sardischen Geschichte, wo e.ne Kontrole 
bald ausführbar wäre, tritt völlig in Schatten gegen das e.nhe.m.sche 
Wer aber den bisher so lückenhaften Zustand des letzteren kennt, 
wird einräumen, dafs es einer positiven Gesammtdarstelluug des 
historisch Echten bedürfte, um das Falsche nachhalt.g zu ver- 
drängen. Zudem ist, wie Freund und Feind bekennen mufs, d.e 
Stellung der Papiere, von Arborea eine solche, dafs, wenn s.e e.ne 
Fälschung sind," dieselbe nur auf Grund von Manne 's stor.a^ 
Sardeana und der früher schon bekannten, zum The, 1 aber erst 
letzt in Tola's Codex diplomaticus abgedruckten Urkundenschatze 
von Cagliari gemacht sein kann. Wie oft heb, nicht der fleifs.ge 
und durchaus ehrlich für seine pergamene begeisterte Herausgeber 
Pie.ro Martini die Übereinstimmung derselben sogar mit Manne s 
blofsen Vermuthungen freudig hervor! Meine Aufgabe soll es h.er 
sein die Unechtheit der Documente, die ja bekanntl.ch mit eman- 
der stehen und fallen, an einem auffallenden Beispiele da.zuthun, 
an einem andern aber den Grad der von dem Verfasser bei Be- 



vom 31. Januar 1870. 91 

nutzung seiner modernen Materialien angewandten Kritik aufzu- 
zeigen. Ich greife in die Zeit der Saracenenkriege des 11. Jahr- 
hunderts, weil eben für diese neuerdings durch die Publicationen 
Amari's von arabischer und Bonaini's von pisanischer Seite her 
neues, von Manno ungeahntes Licht gewonnen ist. 

Unter den auf die Saracenenkämpfe nach dem Jahre 1000 
bezüglichen Stücken macht, aufser der sardischen Marseillaise des 
Ilfredico vom Jahre 1001, Anspruch auf Gleichzeitigkeit dem In- 
halte nach nur die Instruktion seines Bruders Umberto, Erzbischofs 
von Cagliari, für seinen Gesandten nach Genua und Rom (Per- 
gamene p. 475), ein um so interessanteres Document, als dadurch 
beiläufig die Abstammung des Hauses Savoyen von den alten Kö- 
nigen Italiens uns offenbart worden. Die Datirung desselben durch 
Martini auf circa 1020 ist nach dem Gesammtinhalt der pergamene 
unwiderleglich: es mufs den ersten Lustren des 11. Jahrhunderts 
angehören; die Entzifferung der unerhörten Abbreviaturen durch 
den gewandten Pillitu ist ebenso überzeugend wie überraschend. 
Leider findet sich jedoch unter den wenigen für Jedermann les- 
haren Stellen der Passus: reliquis vero consulibus distincte salutem 
die cum amoris vineulo, woraus sich gleichzeitig für das vorauf- 
gehende Co. Baineum unzweifelhaft die Lösung consulem Rainerium 
ergiebt. Mit einem Worte: die Consularverfassung, deren Entstehung 
in Genua bekanntlich in die letzten Jahre des 11. Jahrhunderts 
fällt, ist hier um 70 Jahre vorausdatirt. Ich beziehe mich neben 
dem 5. Abschnitt, Bd. II, von Hegel's Geschichte der Städtever- 
fassung besonders auf die neuere Arbeit von Ad. Pawinski: „Zur 
Entstehungsgeschichte des Consulats in den Communen Nord- und 
Mittel- Italiens" (Berlin 1867), wo gerade die genuesischen Ver- 
hältnisse sorgfältig erörtert sind und insbesondere auch die Irr- 
thümer Raggio's in den Anmerkungen zu den Statuta Consulatus 
von 1143 (Mon. Bist. Patr. Leg. Mump. T. I, p. 254, 262, 263, 
289) ihre Erledigung finden. Vielleicht hat eben der Vorgang 
Raggio's unseren Schreiber von Arborea sicher gemacht; denn, 
gab man einmal für 1039 Consuln in Genua zu, so kam es auf 
20 Jahre früher auch nicht an; oder er folgte dem Beispiele des 
Breviar. Pisan. histor. (Muratori SS. VI, p. 167), das ihm auch 
sonst unverfänglich erschienen ist und das sich hier ebenfalls bei 
der Anführung pisanischer Consuln und des Bischofs Lambert 
unter 1017 um 70 Jahre vergriffen hat. 



92 Sitzimg der philosophisch-historischen Klasse 

Wenn dies Beispiel ein falsum darthut, welches doch auch 
dem 15. Jahrhundert zugesprochen werden könnte, so wird die 
folgende Kritik der Geschichte des Königs Museto, wie sie aus 
den Papieren von Arborea hervorgeht, die Zeit ihrer Abfassung 
näher bestimmen lassen. Ich befinde und befand mich hierbei last 
in völliger Übereinstimmung mit Amari, noch ehe seine treffliche 
Darstellung zuerst in der Nuova Äntologia, Maggio 1866, erschien; 
zugleich mache ich im Folgenden Gebrauch von brieflichen Mit- 
theilnngen des rühmlich bekannten Kenners pisanischer Geschichte, 
Herrn °Theodor Wüstenfeld in Göttingen. Leider mufs ich weit 
ausholen, um zum Ziele zu treffen. 

Dafs Fälschungen in der Geschichte Mogehid-ibn-Abd-Allah s, 
Herrn von Denia, des den Italienern als König Museto bekannten 
Eroberers von Sardinien, sehon seit der Mitte des 12. Jahrhunderts 
sich finden, dafs sie nachher von Jahrhundert zu Jahrhundert in's 
Enorme wachsen, ist natürlich: seine Vertreibung von dort durch 
Pisaner und Genuesen 1015-16 legte den Grund zu dem rivali- 
sirenden Streben beider Communen nach der Herrschaft über die 
Insel. Mit dem wachsenden Kampfe beider darüber mufste patrio- 
tische Tradition und patriotischer Betrug immer emsiger jene grund- 
legende That auszuschmücken, deren Verdienst sich allein beizu- 
messen, die vorwiegende oder ausschliefsliche Berechtigung der 
Vaterstadt daraus abzuleiten suchen. Eine vergleichende Betrach- 
tung der pisanischen Quellen, wie sie erst jetzt durch Bonaim s 
Editionen (Archiv, stör. VI.) möglich ist, thut das überzeugend dar. 
Die ältesten beiden Quellen, Lorenzo Vernese's Gedicht von 
cc 11U und Marangone's Chronik aus der zweiten Hälfte des 
12 Jahrhunderts sind durch eine weite Kluft von den späteren 
«retrennt. Jener schrieb über König Musetus gerade ein Jahrhun- 
dert später aus mündlichen pisanischen und sardischen Traditionen; 
Marangone nahm seine Notizen für die ältere Zeit, wie sich auf 
den ersten Blick ergiebt, aus älteren, vor 1135 verfafsten Auf- 
zeichnungen. Wer aber die Jahre 1004-1136 bei ihm mit den 
bei Baluze MisceU, I, 130 und bei Muratori VI, 107 abgedruckten 
Chroniken vergleicht, wird gewifs mit Wüstenfeld, was sich dort 
übereinstimmend über Pisa selbst für die Jahre bis 1099 findet 
auf gleichzeitige, authentische, überall pisanisch datirte, um 1099 
abgeschlossene Aufzeichnungen zurückführen, welche dann mit einer 
Reihe von Kaisern und irgend einer beneventanischen Chronik in 



vom 31. Januar 1870. 93 

eine Art Annalen verarbeitet, einmal von einem Kanonikus in Lucca 
abgeschrieben und dort deponirt (daher Baluze), ein andermal in 
Pisa selbst durch Notizen bis 1135 erweitert worden (daher Mura- 

tori). Demnach dürfen wir also Marangone's Daten von 1004 99 

als älteste, sicher dem 11. Jahrhundert selber angehörige Nach- 
richten ansprechen. 

Nun finden sich aber Lorenzo's Gedicht wie Marangone in 
Bezug auf die beiden Kriegszüge Pisa's nach Sardinien g f egen Mo- 
gehid von Denia von 1015 u. 16 (denn dafs Lorenzo diese Jahre 
meint, hat nie Jemand bestritten) mit den arabischen Quellen über 
dieselben Ereignisse, die uns Amari kennen gelehrt, vornehmlich 
mit Ibn-el-Athir, in einer Harmonie, wie man sie bei gegnerischen 
Schreibern zu finden erstaunen mufs. Wie sollte man ihnen da 
nicht auch darin Glauben schenken, dafs nach 1016 weder ein 
fernerer Kampf mit Mogehid, noch überhaupt ein Saracenenkrieg 
auf und um Sardinien stattgefunden hat? Marangone zwar schweigt 
nur, aber sein Schweigen ist gewichtig, da er sowohl jene Züge 
von 1015 u. 16 wie die späteren Exkursionen nach Afrika und 
Spanien von 1035, 1087, 1113— 14 treulich berichtet. Ibn-el-Athir 
jedoch läfst nicht nur, wie seine Landsleute alle, Mogehid in Spa- 
nien weiter leben und sterben, sondern versichert kurz und bündig, 
dafs seit 1016 Sardinien niemals wieder von Saracenen angegriffen 
worden sei. Zum selben Resultate führt uns Lorenzo, wenn er 
von jenem Kampfe die Sicherheit der Sarden und die Unterthänig- 
keit ihrer Könige unter Pisa datirt und wenn er andrerseits die 
Rückgabe des gefangenen jungen Ali an den Vater und das von 
daher durch Generationen fortlebende höchst freundschaftliche Ver- 
hältnifs zwischen den Albizoni von Pisa und Mogehid sammt sei- 
nem Hause beschreibt. Dies ist so gewifs wie irgend ein Theil 
der Darstellung Lorenzo's, denn hiervon geht er aus; die ganze 
Geschichte Mogehid's dient nur zur Erläuterung der eben jetzt 
1113 dem Pietro Albizoni seitens des Herrschers von Majorka ge- 
machten Eröffnung. Doch genug: aus der Vergleichung unserer 
drei trefflichen Quellen ergiebt sich für Jedermann mit Sicherheit, 
dafs 1016 der letzte Streit um Sardinien mit Mogehid ausgefochten 
ist. Was andererseits die Ereignisse vor 1015 betrifft, wo Maran- 
gone zu 1004 (ich vulgarisire stets die era pisana) lakonisch die 
Einnahme Pisa's durch Saracenen, und zu 1011 die Zerstörung 
der Stadt durch einen spanischen Heereszug erwähnt, so könnte 



94 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

sich hier frage», ob nicht diese Unthaten, besonders die letztere 
dem nändichen Mogehid zur Last zu legen, nnd ob ».cht auch 
Sardinien dabei berührt wurde» sei? Beides ,.t ebenso waht- 
scheinlich, als eine persönliche Theilnahme Mogelnd s daran »„er- 
weislich, während eine wirkliche Eroberung der Insel m jenen 
Jahren ans unseren drei Gewährsleuten entschieden vernemt wer- 

de " Dal^llte Jahrhundert über befand sich Pisa im wenig bestrit- 
tenen Besitze des sardinische» Handelsmonopols (denn von andrer 
Herrschaft kann damals keine Rede sein); erst m,t dem Begmne 
des 12*0» »ri*t ernste Concurrenz von Seiten des aufblühenden 
Genua ein. Was man sich erkämpfen wollte, suchte man s.eh 
auch historisch zn vindiciren; daher die erste ruhmred,ge Luge der 
Genuesen gegen Barbarossa 1164 über die Gefangennahme Muse- 
tSSZSLmm Ganz andere tendenziöse Erdichtungen ent- 
hält dann schon das von Michael de Vico 1371 ^Brt"*£ 
Vis bist., das jedoch seinem Inhalte nach, da es vor 12,0 abbneht, 
1 m Sten Viertel des 13ten Jahrhunderts, einer Zeft erneuten 
heftigen Streits um Sardinien angehört. In welchem Smne h,er 
d e L Grunde liegende Text Marangone's gefälscht ,st leuchtet 
e n, wenn man die Jahre 1015 u. 16 betrachtet. We Schenkung 
der Insel an Pisa durch Papst Benedikt ist eine sehr »»gluckhehe 
Nachbildung der geistlichen Unterwerfung Sardiniens unter das P - 
säuische Bisthum durch ürban IL, die Kreuzpred.gt auf Gehe.fs 
Benedikts ist nach der echten des Paschalis von 1113 ersonnen; 
der imaginirten Consuln und des Bischofs Lambert .st sc on oben 
a acht worden. Dafs die Genuesen 1016 den Streit begonnen 
faben nimmt dann nicht Wunder zu lesen. Wenn so d,e w.rk.ch 
laubigte Unternehmung jener Jahre verunstaltet ist so nebte 
sieh die Wiederkehr und abermalige Vertretung Mogelnd s 1020 
und die zweite Bückkehr und Gefangennahme desse ben Man es 
der doch in Wahrheit 1044 in Spanien starb, im Jahre 1049 tt* 
"bst 1 baares Märchen. Es ist einfache Multiplikatton , wie 
denn - 1049 auch noch einer neuen päpstlichen Schenkung ge- 
dacht wird, während den Genuesen zu 1020 ^sm^Habsucbt an 
2 ehä»gt wird, vermöge deren sie sieh vorher den Schatz des lern 

ES££» * * «* •*** D -; s aU c s a x:i a bi 2 

von den Pisanern bekämpften Araberzug über C£ta £*J » 
Rom von 1001 wird der Urteilsfähige, d.e echten Quellen im 



vom 3L Januar 1870. 95 

Auge, nicht etwa für halb wahre, anderweit entlehnte Kunde, son- 
dern für freie Dichtung oder bewufste Erschleichung halten müssen. 
Ich mufs es mir versagen, den von Jahrhundert zu Jahrhun- 
dert vergrößerten und vergröberten Mythos vom Könige Museto 
weiter durch Ranieri Sardo und Benvenuto da Imola bis zu Ron- 
cioni und Tronci oder bis zu Lorenzo Bonincontro zu verfolgen; 
es ist eine der prächtigsten historischen Staublawinen, die man 
fallen sehen kann, bis denn am Ende die Wahrheit ganz verdun- 
kelt, ein halbes Jahrhundert von 1000—1050 mit dem Namen 
Mogehid's erfüllt, durch das in's Ungeheure verzerrte Bild zweier 
kurzer Sommerfeldzüge bedeckt wird. 

Heut freilich nach Bonaini's Publikationen, nach Amari's Ar- 
beiten, durchschauen wir die Sache leicht; früher aber war es an- 
ders. Bewundern mufs man hier wie überall Muratori, der ohne 
unsere Hülfsmittel in seinen Annali schon hie und da seine Be- 
denken über die Wiederholungen des Breviarium äufsert, das für 
ihn doch noch fast originalen Werth besitzen mufste. Auch Manno 
verfährt nicht ohne Vorsicht, allein er schwankt doch unentschie- 
den zwischen Glauben und Zweifeln dahin; das Verhältnifs seiner 
Quellen zu studiren hat er unterlassen. Und auf dem Standpunkte 
blieben dann die sardischen Gelehrten so ziemlich stehen. Was 
sie nach Muratori's und Manno's Vorgang eifrig und glücklich be- 
kämpften, waren die Theorieen Benvenuto's u. Andrer über den 
pisanischen Ursprung der Judikate und die damit eng zusammen- 
hangende Vorstellung einer vorhergehenden längeren Araberherr- 
schaft etwa vom 9ten bis ins Ute Jhdt. ; überhaupt ermäfsigten 
sie die Überschätzung der pisanischen Oberhoheit mit Erfolg. In 
Bezug auf die Saracenenkämpfe aber verfährt noch 1861 Tola im 
Codex p. 139 ganz eklektisch, arglos Tronci und Folieta neben 
den alten Chroniken citirend. Und so vertheidigt auch im selben 
Jahre Martini in seiner storia delle invasioni degli Arabi den Inhalt 
der pergamene d'Arborea mit unbefangenem Gleichmuth aus Bonin- 
contro wie aus Marangone, aus Tronci und Roncioni nicht minder 
als aus Ibn-el-Athir; jeden Beleg begrüfst er mit gleicher Freude 
jeden Widerspruch mit der Quelle ersten oder letzten Grades hält 
er für gleich unerheblich. Kein Wunder denn also, dafs mit glei- 
cher Naivetät wie der hochverdiente aber verblendete Vertheidlger 
auch der unbekannte Verfertiger der 1845 — 64 hervorgezogenen 
pergamene verfahren ist. Ein Dokument wird hinreichen, das zu 



96 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

erhärten; *ir wählen die „ZW 'Moria de su ree Musetu in ssa 
Africa* (cd. cart. 5). Sie ist angeblich ein Auszug aus dem be- 
rühmten Geschichtswerk Mater Sardinia cognita des Jorgm de La- 
con, welches dieser in der zweiten Hälfte des 13ten Jhdts und 
zwar ans sardisehen gleichzeitigen Chroniken nnd andern Anrech- 
nungen zusammengestellt hatte. 

"Schon die Überschrift erregt unser Erstaunen. Wie? Muse to 
König in Afrika? In der That wird er auch in der Geschichte 
selber als Afrikaner behandelt. Die gleichzeitigen Sarden lebten 
also alle im Irrthum über die Heimath ihres Drängers! Mit vor- 
sorglicher Angst sahen sie zwar mehrere Male richtig semer Wie- 
derkehr entgegen, von wannen er aber wiederkommen «A bin* 
ihnen verboten' Lorenzo Vernese giebt völlig genau d>e He.math 
Museto's als Denia und die Balearen an; die sardisehen Fürsten 
die 1113-H mit den Ihrigen den pisamschen Zug A*.*? 
Balearen mitmachten, mufsten da so gut wie Lorenzo die Wahr- 
heit erfahren, mufsten sie daheim mittheilen - sie war wichtig 
g „„ _ mindestens einige der vielen sardisehen Chromken, welche 
Jorgfu de Lacon durchstudirte, mufsten sie aufnehmen. Doch wozu 
einWeiteres? Die Sache liegt einfach: Marangone ; schon ™ 
überhaupt die kurzen pisanischen Noten lassen Mogehid 1016 nach 
Af ka fliehen. Gewifs ein Irrthum, aber zum Afrikaner ward er 
so doch noch nicht, das geschah erst dadurch, dafs sein Name v» 
einigen später mit dem Zuge der Pisaner von 1035 gegen das 
afrikanische Bona in Verbindung gebracht ward Vor > Sardo £* 
bis auf Manno, ja bis Tola blieben die Neueren be, dem Iirthume, 
nur Roncioni entnahm aus seinem Lorenzo Vernese dm wahre 
HTima h Mnseto's nnd vor Amari wies schon 1845 Wenrich (Bes 

ablabibus gestae) nach den Balearen. Diesen kannte der Ver- 
ao aramvu* </ y . h ftn ge]nen 

fasser der pergamene wohl nicht, oder er n 
Manno nnd verachtete selbst die Autontat Lorenzo s So tat e 
durch eigenen verzeihlichen Irrthum Semem angeblichen Autor 
Jnen »„verzeihlichen in die Schuh geschoben. Doch weiter über 
Tnlnhalt kann ich mich sehr kurz ^^£*** 
«ehid's in Sardinien werden aufgezählt, 1000, 1002, -1012, IUI/, 
1022 1050-52 (?), fünf Mal wird er verjagt, das sechste gefangen. 
We P saner sind bei den fünf letzten Feldzügen bethe.ligt, die 
Genu! n nur beim vierten und fünften; anno 1000 kämpfen die 
fa sehen Heroen allein, beim letzten Straufs dagegen auch sogar 






vom 31. Januar 1870. 97 

christliche Spanier, die wir sogleich näher untersuchen wollen. 
Rachezüge gegen Pisa unternimmt Mogellid nach 1002 und nach 
1012; der Papst (immer ungenannt) fordert zum dritten, vierten 
und sechsten Zuge auf. Während es nach der von uns gewonnenen 
Anschauung der Quellen keinen Augenblick zweifelhaft ist, dafs 
wir es mit einer Compilation verschiedener pisanisch datirter Ereig- 
nisse zu thun haben, welche aus Zeiten bereits hoch entwickelter 
Museto- Fabel stammt, müssen wir jedoch gleich bemerken, dafs 
nichts von päpstlichen Privilegien für Pisa bei unserem Autor zu 
lesen ist und dafs bei aller Anerkennung pisanischer Hilfsleistung 
doch die Thaten und Leiden der Insulaner den Hauptstoff der 
Erzählung bilden und natürlich darunter viel bisher aus auswär- 
tigen Quellen gänzlich Unbekanntes zum Vorschein kommt. Wenn 
Jorgiu de Lacon hierin Farbe bekennt, so erscheint doch die Auf- 
nahme eines Zuges rein pisanischer Überlieferung in die sardische 
Erzählung als höchst ungereimt, ich meine die des Vertrages zwi- 
schen Pisanern und Genuesen wegen Theilung der Beute. Im 
Breviarium steht zuerst die Nachricht, dafs die Genuesen den 
Schatz des Königs erhalten, weil sie anders nicht hätten mitziehen 
wollen; offenbar sind sie hier als habsüchtig gebrandmarkt gegen- 
über den Pisanern, die ohne Beutegier in den heiligen Kampf 
gehen. Bei Sardo und Benvenuto ist diese Geschichte so umge- 
wandelt w r orden, dafs die Städte vorher einen Vertrag schliefsen, 
wonach Genua die bewegliche Beute, Pisa der Besitz des Landes 
selber zufallen sollte. Diese Anekdote des 14. Jahrhunderts, die 
besonders bei Benvenuto vortrefflich zu der von ihm erzählten 
sofortigen Besitznahme und Eintheilung des Landes durch die Pi- 
saner pafst, steht mit den erlogenen päpstlichen Schenkungen völlig 
auf einer Linie, nur dafs sie zugleich thörichter und boshafter 
ausgedacht ist. Es gewährt eine deutliche Vorstellung von der 
kritischen Gabe des Erzählers von Arborea, wenn er die Vertrags- 
fiktion ebenso ausführlich seinem Fabrikate eingeflochten, wie er 
die päpstlichen Schenkungen daraus ferngehalten hat. Das Motiv 
jedoch leuchtet ein: die letzteren thaten der Idee der sardischen 
Unabhängigkeit Eintrag, auch sind sie längst ernstlich bestritten 
worden; der Vertrag schien weniger bedenklich, ja durch eine neue 
Motivirung, welche die pisanische, von den Genuesen niemals aner- 
kannte Fabel zum genuesischen Produkt umstempeln müfste, wird 
sogar Anlafs gegeben, die sardische Tapferkeit und ihren Ruf zu 
[1870] 7 



08 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

verherrlichen. Der Vertrag wäre danach eine pfiffige List der 
Genuesen, um Pisa in gefährlichen Krieg mit den Sarden zu stür- 
zen und so ganz leer ausgehen zu lassen. 

Doch ich eile zum Schlüsse. Der sechste Einfall Mogehid s 
aus der Mitte des 11. Jahrhunderts (1050 oder 51) soll mir dienen, 
unserm Fälscher noch mehr in die Karten zu sehen. Die Erzählung, 
die er hier giebt, basirt durchaus auf der des sogenannten Lorenzo 
Bonincontro, eines angeblichen Schriftstellers des 15. Jahrhunderts, 
den Gaietani zuerst 1638 bekannt machte; wir finden den betreuen- 
den Passus dann wieder abgedruckt bei Muratori SS. III, 1, p.401. 
Bonincontro erzählt den zuerst im Breviarium auftauchenden Museto- 
Krieg von 1049 (50 oder 51) in origineller Weise: nicht der Staat 
Pisa, sondern eine Anzahl pisanischer Nobili unternehmen wegen 
Ermittung der Gemeinde auf Privatfaust den Zug und theilen nach 
dem Siege die Insel unter sich und ihre Genossen von Genua etc.; 
die Einteilung wird genau verzeichnet. Schon Manno wies auf 
die viel, zum Theil Jahrhunderte spätere Festsetzung der einzelnen 
edlen Häupter in den bezeichneten Distrikten hin. Das ganze 
Machwerk ist interessant, weil das Prinzip, späteren Besitz durch 
erdichtete historische Rechtsansprüche zu bekräftigen, das man so 
lange für den Staat Pisa hatte walten lassen, hier auf die einzelnen 
Familien übertragen ist. Unser Chronikant hat sich, durch Manno 
gewarnt, vor der Wiedergabe der ihm ohnehin fatalen phänischen 
Familien-Legenden gehütet, alles Andere aber nimmt er ruhig von 
Bonincontro herüber, begeht dabei aber böse Fehler. Der 90jährige 
Musettus, seine Gefangennahme und sein Tod im Kerker zu Pisa 
macht ihm keine Sorgen, weil er die arabische Notiz von Mogehid s 
Tode 1044 nicht kannte. Wenn aber Bonincontro sagt: Musettus 
Africae rex ingenti navium apparatu ex Bispania movens, so erkennen 
W it darin eine schlechte Combination der wahren spanischen Hei- 
math und der falschen afrikanischen des Saracenen. Was macht 
der Arborese daraus? Ihm ist Museto zweifellos Afrikaner, er 
verändert daher den Aufbruch von Spanien in Hülfsleistung spani- 
scher Mauren. Aber noch mehr: unter den erlauchten Theilnehmern 
an der Eroberung und Theilung Sardiniens erscheint bei Lorenzo 
ein Bernardus Centilius Comes Modicae Hispani generis, der nach- 
her in dem Theile Sardiniens juxta Saxerim angesiedelt wird. 
Christliche Grafen von Modica im Val di Noto gab es 1050 lange 
vor der normannischen Eroberung überhaupt nicht; eine spanische 



vom 31. Januar 1870. 99 

Familie kann die sicilische Grafschaft erst unter den Aragonesen 
erhalten haben. Im 15. Jahrhundert wird dann unter der arago- 
nischen Herrschaft über Sardinien das ehemals spanische Grafen- 
geschlecht von Modica Grundbesitz in der Gegend von Sassari 
erworben haben. Dem zu Ehren ist dann sein Ahn Bernardo 
Centilio neben die der Gherardeschi, Malaspina u. s. w. in's Jahr 
1050 hineingedichtet worden, Seine Person erschien unserm Fäl- 
scher weniger bedenklich, als die Nobili Pisa's und Genua's. Aber 
die spanische Abstammung des sicilischen Grafen verdreht er aus 
Willkür oder gar aus Unkenntnifs der Lage Modica's so, dafs 
Graf Bernhard ein wirklich spanischer Graf wird und mit Ispaniolos 
bemannte Schiffe herbeiführt, mit denen er auf die Saracenenjagd 
ausgezogen war. / 

Ein frappantes Zeugnifs für die Benutzung Manno's legt end- 
lich, um anderer zu geschweigen, die Schlufsnote ab, die unserer 
historia de su ree Musetu angehängt ist. Manno hatte besonders 
gegen den Zug von 1050 überhaupt die stärksten Zweifel nicht 
unterdrückt; die 50jährige Dauer der Raubzüge Mogehid's schon 
allein entlockte ihm dann wenigstens die zaghafte und freilich sehr 
unglückliche Vermuthung, dafs hier von einem andern Museto die 
Rede sei, Sohn oder Enkel, wie auch Martini meinte (vgl. storia 
delle invas. pag. 154). Hätte Manno damals die echten Quellen 
der Geschichte des Königs gekannt, die uns vorliegen, er würde 
freilich um der Erklärung eines Märchens willen keine Conjektur 
gemacht haben. Unser Arborese nun adoptirt beides, die Zweifel 
wie die Ausflucht Manno's; in der Anmerkung aus dem 15. Jahr- 
hundert legt er dem sardischen Historiker Ferdinandus de Fönte, 
einer unbekannten Figur vielleicht des 14. Jahrhunderts, den Zweifel 
in den Mund, einer gelehrten arboresischen „comissio deputata 
super transuwjitis clironacarum" aber aus dem 15. Jahrhundert die 
Verteidigung des 90jährigen Museto, der im Texte figurirt; zu- 
gleich aber hat die Commission auch die Frage wegen eines zweiten 
Museto ventilirt, ist aber so wenig wie 500 Jahre später Manno 
zur Entscheidung gekommen. 

Wenn man diese wenigen Bemerkungen über die historia de 
su ree Musetu zusammenfafst, ergiebt sich klar, dafs dieselbe ein 
ganz modernes Machwerk ist, das ohne Kritik die nun durch 
neuere Forschungen weit überholten Ansichten Manno's zur Grund- 
lage hat, zum Theil aber auch, wie in der Benutzung einzelner 

7» 



100 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

spätpisanischer Erdichtungen, die Besonnenheit des verdienten sar- 
dischen Historikers ganz aufser Acht läfst, hierbei aber mit mehr 
oder weniger Geschick die pisanischen Elemente der Fabel durch 
nationale zu ersetzen sucht; eine Tendenz, welche die gesummten 
pergamene et Arter ea gleichmäfsig beherrscht, auf Kosten der con- 
tinentalen Eroberer Römer, Germanen, Byzantiner, Araber, Italiener, 
Aragonesen den sardischen Ruhm zu verherrlichen. 

Alfred Dove. 



Anlage D. 
Die Unechtheit der Inschriften, welche Martini aus den 
angeblichen Notizbüchern eines im J. 1510 verstorbenen Notars 
Michael Gilj S. 429 fg. abgedruckt hat, ist schon von dem er- 
sten Herausgeber derselben, dem verdienten Alberto la Marmora, 
späterhin zugegeben und ebenso von mehreren anderen der ein- 
sichtigsten Turiner Gelehrten, unter denen ich Domenico Promis 
nenne (das. S. 521), ausdrücklich anerkannt worden. Dafs spätere 
Funde den Inhalt derselben bestätigten und weiter ausführten, so 
Martinis Papierhandschrift N. 4 die Inschrift N. 3 (Martini S. 434) 
und Martinis Papierhandschrift N. 3 die Inschrift N. 6 (Martini 
S 436), kann nur auf diese Papierhandschriften selbst ein ungün- 
stiges Licht werfen; an der Thatsache der Fälschung selbst wird 
dadurch nichts geändert. Dieselbe steht sachlich und sprachlich 
vollständig fest. Namenbildungen wie Marcus Florus Sem. /., 
Marcus Restitutus - dieser ein Statthalter von Sardinien! -, 
AtÜius Lud f., welcher zugleich ein Freigelassener des Servius 
Secundus ist; eine Orthographie wie moerentes; Redewendungen 
wie orator Cornensis, qui in Tonalum Turr(itanum) oratio(nem) 
hab(uit); wie suae uxoris cineribus se iunxit; cuius erat libert{us) ac 
in suis (soll heifsen eius) negot(iis) gerenidis) fidus proc(urator); 
praeci(bus) suae sponsae Nerinae chri[sti]anae in rest[itutio]ne temph 
[Fo]rtunae dic[ati o]peram suam praesta[re rec]usans zeigen auf das 
Evidenteste, nicht blofs dafs dies moderne Fabricate sind, sondern 
auch, dafs sie von einem Fälscher herrühren, der von römischer 
Sitte und römischer Sprache nicht das geringste Verständmfs hatte 
-_ charakteristisch dafür ist insbesondere das durchaus nach dem 



vom 31. Januar 1870. 101 

modernen Italienisch angewandte Possessivum. — Sind sie aber 
falsch, so können sie nicht vor dem J. 1820 verfertigt sein. Denn 
obwohl wenigstens diejenigen Steine, die aus römischer Zeit sein 
sollen, so vollständig verkehrt sind, dafs im Ganzen genommen 
bei diesem Falsar nicht einmal von echten Mustern die Rede sein 
kann, so ist doch evident, dafs der Statilius von Turres, der auf 
Bitten seiner frommen sposa Nerina sich weigerte bei dem Wieder- 
aufbau des Fortunatempels mit Hand anzulegen, gefälscht ist in 
Veranlassung der bekannten Turritaner Inschrift über den Wieder- 
aufbau des templum Fortunae cum basilicis et columnis durch den 
Statthalter von Sardinien unter den Philippi M. Ulpius Victor. 
Diese Inschrift aber (della Marmora voy. en Sard. 2,479 n. 34) 
wurde zuerst bald nach ihrer Auffindung von I^aille im J. 1820 in 
den Schriften der Turiner Akademie bekannt gemacht. Dafs der 
im J. 1510 verstorbene Notar Gilj bereits Gelegenheit gehabt hat 
sie zu lesen und sie für seine schlechten Scherze auszubeuten, ist 
schwer zu glauben. 

Noch in einer andern Hinsicht ist die Epigraphik bei den 
Handschriften von Arborea betheiligt. Die ehemals Garnerische 
als Anhang zu seiner Gesammtpublication von Martini im Jahre 
1865 herausgegebene Handschrift enthält acht der zwölf Biographien 
berühmter Sarden, welche angeblich Sertoni us aus Phausanias (so!), 
der im Jahre 441 n. Chr. achtzigjährig starb, verfafst hat, die dann 
wieder aufgefunden wurden unter dem König Jaletus von Sardinien 
zu Anfang des achten Jahrhunderts und uns erhalten sind in einer 
Abschrift des fünfzehnten. Die Masse der Ungereimtheiten und 
Unmöglichkeiten aller Art auseinander zu setzen, welche dieser 
sardinische Suetonius enthält, würde zu nichts führen, um so mehr, 
da die Ausrede ja vorgesehen ist, dafs hier am Ende des 5. Jahr- 
hunderts aus dem Volksmunde gemachte Aufzeichnungen vorliegen. 
Aber das Verhältnifs dieses Products zu den Inschriften neuester 
Findung darf nicht übergangen werden. Unter zahlreichen bisher 
unbekannten römischen Statthaltern Sardiniens, von denen die meisten 
schon durch die gänzlich unrömischen Namen (z. B. Marcus Elio, 
Jurgius Susinius, Gaius Nestor) sich hinreichend charakterisiren, 
treten hier auch verschiedene bereits bekannte auf, insbesondere 
in der Biographie des Siphilio, eines dem Sertonius zufolge sehr 
berühmten sardinischen Philosophen, Vipsanius Laenas, der nach 
Tacitus (ann. 13,30) im Jahre 56 n. Chr. wegen Erpressungen in 



102 Sitzung der phdosopliisch-historischen Kiasse 

der Provinz Sardinien vernrtheilt ward; Es heifst hier von ihm 
also (p. 25): habetur de Siphilione, quod ea tempestate, qua popularis 
tumultus Karali excitatus fuit, causa avaritie cuiusdam Mpsani Lene 
(Genetiv!) presidis ipse, iuvenis licet annorum XXXVII, atamen suorum 
concicium animos sedavit, spondens se ad consulem Quintum Volusianum 
amicum suum rescripturum — Dies ist Q. Volusius, Consul aller- 
dings in demselben Jahr nach Angabe desselben Tacitus 13,25. 
Nee spem fefellit eventus, fährt Sertoni us fort, iiam ut Nero reseivit, 
exilio Vipsanium damnarit, worauf dann Siphilio einen Tractat 
schrieb unter dem eleganten Titel de modo quo iniurie reparande. 
Als Nachfolger dieses Vipsanius wird weiter genannt C. Caesius 
Arpius, und zwar in folgender Randnote: quod (die genannte Schrift) 
C. Cesio Arpio iustissimo ac onestissimo Sardinie proconsule, qui balnea 
portus itinera teatra ac similia edia restauravit ac auxit teste Marcobo 
ac Melchiade, dieavit. Ohne Zweifel ist kein anderer gemeint als 
C. Caesius Aper, der nach Inschriften im Jahre 60 Cohortenpräfect 
und später kaiserlicher Statthalter (ler/atus pro praetore) von Sar- 
dinien gewesen ist. Dies wies Borghesi im Bullett. delV Instituto 
1856 S. 140 f. nach, wo die Inschrift von Sestinum, aus der Apers 
Statthalterschaft von Sardinien uns .bekannt ist, zum ersten Male 
gedruckt ward; Borghesis Aufsatz wurde bald darauf von dem 
verdienten Spano Bull, archeol. sardo IV (1858) p. 181 wieder- 
holt. — So liegt der Thatbestand, auf den man sich häufig berufen 
hat zum Beweise dafür, dafs positive Angaben der Handschriften 
von Arborea durch später gefundene Inschriften bestätigt worden 
sind 1 ). Es kommt dabei nur darauf an, dafs man sich über das 
'später gefunden verständigt. Allerdings ist die Inschrift unstreitig 
um Jahrhunderte später gefunden, als die fragliche Handschrift nach 
Angabe ihrer Vertreter geschrieben ist, das heifst als das fünfzehnte 
Jahrhundert. Indefs ist dies eben diejenige Handschrift — Vesmes 
n. III — , deren paläographische Beschaffenheit Hr. Jaffe oben S. 77 
gewürdigt hat; und ebenso unstreitig mangelt jeder Beweis dafür, dafs 
die fragliche Randbemerkung vor dem Jahre 1856 von irgend einem 
glaubwürdigen Mann gesehen worden ist. Zwar sagt Vesme 2 ): fino 



!) Zunächst hierauf geht die defsfällige Äußerung Vesmes (oben 
S. 69). 

-) Nuove nutizie intorno a Gherardo da Firenze. Bologna 18G9 S. 10. 



vom 31. Januar 1870. 103 

dal 1850 era noto, e stato visto da parecchi, quel codice, che, acquistato 
poco dopo dal Signor Cesare Garner i, fu poscia da lui donato alla 
Biblioteca di Cagliari. Es ist in hohem Grade zu bedauern, dafs 
in einem solchen Fall, wo es sich um eine Fälschung handelt und 
dieselbe gewissenhafte Genauigkeit und strenge Feststellung der 
Thatsachen, wie sie im Criminalprozefs erfordert wird, auch von 
den an einer solchen literarischen Fehde Betheiligten gefordert 
werden darf und mufs, die Vertheidiger der Pergamente über die 
wichtigsten Daten sich auf so allgemeine und so oberflächliche 
Angaben beschränken, wie beispielsweise dies 'visto da parecchi ist. 
Indefs dies ist ein Versehen mehr in der Form als im Wesen der 
Sache; in die Thatsache selbst setze ich keinen Zweifel und bin 
überzeugt, dafs der — allerdings erforderliche -t Beweis nachgeholt 
werden kann. Aber auch die Thatsache als vollständig bewiesen 
angenommen, so wird ihr jede Beweiskraft dadurch entzogen, dafs 
der fragliche Satz am Rande der Handschrift steht und von dem 
gewissenhaften Herausgeber selbst ausdrücklich als späterer Nach- 
trag bezeichnet wird. Nun steht aber keineswegs fest, dafs, wenn 
auch die Handschrift bereits 1850 vorhanden war, nicht noch nach- 
her es dem Fälscher möglich gewesen ist einzelne Blätter dersel- 
ben zu vertauschen oder wenigstens Nachträge an den Rand zu 
schreiben. Die wie fast alle diese Documente schwer zu lesende 
Handschrift hat sich längere Zeit in den Händen von Abschrei- 
bern befunden; wer bürgt uns dafür, dafs nicht einer von diesen 
der Fälscher ist oder mit dem Falscher in Verbindung stand? 
und was beweist die Existenz der Handschrift im Jahre 1850 
dafür, dafs damals auch schon jene Randbemerkung in derselben 
stand? Wenn am Rande eines Kaufbriefes ein ähnlicher Zusatz 
sich vorfände, welches Gericht würde darauf hin entscheiden? — 
Notorisch ist nur, dafs die Inschrift zuerst 1856, die handschrift- 
liche Notiz zuerst 1865 gedruckt worden ist und der Urheber der 
letzteren also gar wohl im Stande gewesen sein kann von jener 
Gebrauch zu machen. — Es wird hienach kaum noch erforderlich 
sein darauf hinzuweisen, dafs, wie schon aus Martinis Vorrede 
append. p. 14. 15 hervorgeht, dem Verfertiger des Garnerischen 
Codex auch noch zwei andere echte Inschriften neuester Findung 
vorgelegen haben, die des Isis- und Serapis-Tempels von Sulci (della 
Marmora 2, 479, Nr. 33), zuerst herausgegeben von Gazzera 1830, 
und die der Cornelia Tibullesia, zuerst herausgegeben von della 



104 Sitzung der phys.-hist. Klasse vom 31. Januar 1870. 

Marmora 1840 (a. a. O. p. 492 Nr. 63). Für mich ist das Ergebnifs 
dieser Untersuchung, dafs die Garnerische Handschrift nach dem 
Jahre 1840 verfertigt und nach dem Jahre 1856 von ihrem Verfer- 
tiger mit Nachträgen versehen worden ist. 

Th. Mommsen. 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
Februar 1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr Kumm 



er. 



3. Februar. Gesammtsitzmig der Akademie. 

Hr. Lepsius las über die altägyptischen Jahreszeiten und 
Monate. 



Hr. Curtius überreichte der Akademie im Auftrage des Ver- 
fassers die Historische Topographie von Akragas in Sicilien von 
Dr. Julius Schubring (Leipzig bei Engelmann 1870) und machte 
auf den, günstigen Umstand aufmerksam, dafs den von der Aka- 
demie unterstützten Untersuchungen Schubring's die neue Aufnahme 
der Terrains durch den Italianischen Generalstab in hohem Grade 
zu Gute gekommen sei. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Correspondenzblatt des zoologisch - mineralogischen Vereins in Regensburg. 
23. Jahrg. Regensburg 1869. 8. 

E. J. Bonsdorff, Kritik der allgemein angenommenen Deutung der Fur- 
cula bei den Vögeln. Helsingfors 1869. 4. 

Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft zu Berlin. 2. Jahrg. Ber- 
lin 1869. 8. 

[1870] 8 



1() ß Gesammtsitzung 

AM delC accademia di scienze morali e politivhe. Vol. 4. Napolil869. 4. 
Archivio per la zoologia. Serie II, Vol. 1. Torino 1869. 8. 
Baumhauer, Arehivees neerlanduises. Tome 4. La Haye 1869 8 
Annuaire de t academie de Bruxelles. Annee 36. Bruxelles 1870. B. 
Xyt Magazin for Naturvidenskaberne. Vol. 16. Chnsüania 1869. 8. 
Diplomatarium norvegicum. XIV. Christiania 1869. 8. 
Norwegische Statistik. Christiania 1868-69. 4. 20 Hefte. 
Flateyjarbok. III, 2. ib. 1868. 8. 

Botten-Hansen, ia Norvege literaire. Christiania 1868 8. 
Zfea« &V* Erkibyskvps. E/ter gamle Haandskrifter vdgwen af C. /,. 
Unqer. Christiania 1869. 8. , 

FMiinger i Yidenskahs-Sdskaoet i Christiania aar 1868. Chns.ia.na 

MJfcüp!* ATor«te F&4*hn Müi* ftf < ** 19de Aar '""'- 

drede V, 2. Throndhjem 1868. 8. 
E. Sparano, Vorigines ed il progresso delle nazionu Caserta 1869. 8. 
Giolo, Avvertimenti dt agricoltoh. Rbvigo 1864. 8. 
Garcin de Tassy, Histoire de la Uterature hindouie et Mndoustame. Ed. 

II. Tome 1. Paris 1870. 8. 



10. Februar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr W. Peters las eine Abhandlung über die afrikani- 
schen AVarneidechs en, Monetäres, und ihre geographi- 
sche Verbreitung, von welcher im Folgenden ein Auszug mit- 
getheilt wird. 

Die Monitoren sind unter allen Eidechsen durch ihre Gröfee 
ausgezeichnet, indem einzelne Arten eine Länge von 2| Meter 
(7 Fnfs) erreichen. Sie stehen in dieser Hinsicht nur den Croco- 
dilcn nach, mit denen sie seit den ältesten Zeiten von Redenden 
verwechselt worden sind. Indessen finden wir sie schon bei den 
alten griechischen Schriftstellern unter dem Namen der Landcroco- 
dile von den Flufscrocodilen oder eigentlichen Crocod.len unter- 
schieden, indem z. B. Hcrodot unter den Thieren der libyschen 
Wüste der Landcrocodile j&oÄ*» %'?™°0 von mehr als i luils 
Länge erwähnt. 



vom 10. Februar 1870. 107 

Cuvier hat zuerst und zwar im Jahre 1817 2 ) die hierher ge- 
hörigen Arten in eine Untergattung, welche er Monitor nannte, zu- 
sammengefafst und die äufseren Merkmale angegeben, welche sie von 
anderen verwandten den heifsen Gegeuden Amerikas angehörigen 
Gattungen unterscheiden, mit denen sie sowohl vor als nach ihm 
von verschiedenen Autoren unrichtigerweise vereinigt worden sind. 
Man kennt jetzt an zwanzig Arten, welche sämmtlich der östlichen 
Hemisphäre angehören und in Africa, Asien und Australien ver- 
breitet sind. 

Sie sind von Fitzinger, Wag ler und Gray in verschiedene 
Gattungen vertheilt worden, während Dumeril und Bibron in 
ihrem grofsen Werke über die Reptilien dieselben in eine einzige 
Gattung vereinigt haben, für welche sie den tyamen Varanus an- 
genommen, unter welchem diese Thiere von Merrem im Jahre 
1820 2 ) aufgeführt worden sind. 

Es sind die einzigen Eidechsen der östlichen Hemisphäre, wel- 
che, wie die Schlangen, eine schmale, tiefgespaltene, in eine Scheide 
zurückziehbare Zunge haben. Ein ganz ähnlicher Zungenbau fin- 
det sich aufserdem nur bei den amerikanischen Eidechsengattungen 
Tejus und Ameiva und das hat früher Veranlassung gegeben, sie 
mit diesen in eine einzige Gattung zu vereinigen. Aber schon die 
ganz verschiedene Pholidosis, namentlich die grofsen regelmäfsigen 
Kopfschilder der letzteren im Gegensatz zu der aus kleinen Schup- 
pen bestehenden Kopfbedeckung der Monitoren unterscheidet diese 
auf den ersten Blick. Die aus gröfseren länglichen, ringförmig von 
Körnchenschuppen umgebenen und in regelmäfsigen Querreihen ge- 
ordneten Tuberkeln bestehende Bekleidung der obern Seite des 
Körpers, die an der innern Seite der Kiefer sichtbare verbreiterte 
Basis ihrer Zähne sind fernere Merkmale, welche diesen Eidechsen 
ausschliefslich zukommen. Alle haben vier wohl entwickelte fünf- 
zehige Extremitäten mit fünf Krallen und keine Schenkelporen. 
Die Merkmale, nach welchen die Cuvier 'sehe Gattung Monitor 
in mehrere Gattungen zersplittert worden ist, sind hergenommen 
von der mehr oder weniger zusammengedrückten Form des Schwan- 
zes, der mehr rundlichen oder ovalen Form und der geringeren 



1 ) Regne animal. II. p. 24. 

2 ) Versuch eines Systems der Amphibien. 1820. p. 58. 



108 Gesammtsitzung 

oder grüfseren Entfernung der Nasenlöcher von den Augen und der 
Form der Zähne. Mit Recht haben aber schon Dumeril und 
Bibron darauf aufmerksam gemacht, wie diese Merkmale an Werth 
verlieren, theils dadurch, dafs sich, wenn man alle bekannten Ar- 
ten betrachtet, ein allmähliger Übergang zwischen den extremen 
Formen beobachten läfst, theils dadurch, dafs bei verschiedenen 
Arten je nach- dem verschiedenen Lebensalter die Zähne eine sehr 
verschiedene Gestalt annehmen. Auch ich kann mich nur ihrer 
Ansicht anschliefsen, dafs, so lange uns nicht andere wichtigere 
Merkmale zur Unterscheidung vorliegen, die Verkeilung sämmt- 
licher Arten in eine einzige Gattung, vielleicht mit mehreren Un- 
tergattungen, naturgemäfser ist. 

Es dürfte auffallend erscheinen, dafs bei der Grofse dieser 
Thiere, deren einzelne Arten in den verschiedenen Welttheilen mei- 
stens eine sehr weite Verbreitung haben, die Unterscheidung der 
Arten noch nicht zu einem Abschlufs gekommen ist, was doch 
grade für die geographische Verbreitung, an welche sich die Lö- 
sung so vieler allgemeiner Fragen anknüpft, eine so grofse "Wich- 
tigkeit hat. 

Das Material, welches mir zu Gebote steht, ist nicht hinrei- 
chend, um diese Frage hier ganz zu lösen. Nur in Bezug auf die 
afrikanischen Arten liegt mir ein solches vor, wie es vielleicht in 
keiner anderen Sammlung vorhanden sein dürfte. Aus Nord- und 
Nordostafrika besitzen wir Exemplare aus der Sammlung der Hrn. 
Ehrenberg und Hemprich, aus dem Caplande von Krebs, aus 
Süd-Ostafrika von dem Baron Carl von der Decken, aus mei- 
ner eigenen Sammlung und aus den sehr wichtigen Sammlungen 
von Säugethieren und Amphibien, welche unser Museum der hiesi- 
gen Mission durch Hrn. Grützner verdankt, und von der West- 
küste haben wir mehrere Exemplare durch Hrn. Halleur, Ungar, 
Dr. F in seh und Dr. Hartlaub erhalten. 

1 . Monitor niloticus Hasselquist. 
Diese Art, welche mit der folgenden von den meisten Autoren 
vereinigt worden ist, unterscheidet sich durch das stets viel dunk- 
lere Colorit und vorzüglich dadurch, dafs die Nackenschuppen klei- 
ner als die Rückenschuppen sind, während das Umgekehrte^ bei al- 
len übrigen afrikanischen Monitoren der Fall ist. Sie scheint aus- 
schliefslich dem Nil gebiete anzugehören. 



vom 10. Februar 1870. 109 

2. Monitor saurus Laurenti. 

Lacerta capensis Sparrmann. 

Tupinambis stellatus Daudin. 

Varanus niloticus, Dumeril et Bibron ex parle. 
Eine im Osten von Zanzibar bis nach dem Caplande und an 
der Westküste in Guinea verbreitete Art, welche die vorige in die- 
sen Gegenden vertritt. Sie hält sich wie jene in der Nähe des 
Wassers auf und kann auch an Baumstämmen hinaufklettern. So 
traf ich im Lupatagebirge ein Exemplar, welches sich einen Ruhe- 
platz auf einem circa 3 Meter hohen Baumstamm zwischen den 
Asten ausgewählt hatte, von dem es sich bei meiner Annäherung 
herabstürzte, um ins Wasser zu fliehen. 

3. Monitor albogularis D slu din. / 

Tupinambis albogularis Daudin. 

Varanus albogularis Dumeril et Bibron. 

Varanus albogularis A. Smith. 
Eine Art, welche bisher mit Bestimmtheit nur in dem südöst- 
lichen Theile Afrikas, vom 15 bis 27° S. Br. gefunden worden ist, 
sich durch die kleineren Schuppen leicht von den beiden folgenden 
Arten unterscheiden läfst. 

4. Monitor ocellatus Rüppell. 

Aus Abessinien und Kordofan. Mit der vorhergehenden 
Art durch die unmittelbar vor den Augen befindlichen Nasenlöcher, 
mit der folgenden durch die, besonders am Nacken, grofsen Schup- 
pen übereinstimmend. 

5. Monitor exanthematicus B o sc. 

Lacerta exanthematica Bo sc, Act. Soc. ä ' hist. nat. Paris. 1792. 

Taf. 5. Fig. 3. 
Tupinambis exanthematicus Daudin. III. p. 80. 
Varanus ocellatus D u m. B i br. III. p. 496. 
Regenia ocellata Gray Catal. Liz. p. 9. 
Von den beiden vorhergehenden verschieden durch die Entfer- 
nung der Nasenlöcher von den Augen, die reichlich halb so grofs 
ist, wie ihre Entfernung von der Schnauzen spitze. 

Sie ist bis jetzt ausschliefslich an der Westküste Afrikas, 
vom Senegal bis Angola gefunden worden. 

6 . Monitor griseus Daudin. 

Tupinambis griseus Daudin. VIII. p. 352. 
Tupinambis, arenarius Geoffroy. 



HO Gesammtsitzung 

Varanus seinem Merrem. 
Varanus arenarius Dum. Bibr. 
Aus dem nördlichen Africa (Ägypten, Tripoli, Algerien), 
Arabien (durch Ehrenberg) und Persien. 



Hr. W. Peters gab ferner einen Beitrag zur Kenntnifs 
der herpetologischen Fauna von Südafrika. 

Hr. Dr. H. Meyer, welcher sich mehrere Jahre in Hantam 
(Calviniadistrict, Oorlogsrivier, S. W. Africa) aufgehalten, hat eine 
in der dortigen Gegend gemachte Sammlung von Arthropoden und 
Amphibien mitgebracht, über welche letztere ich mir eine Mitthei- 
lung vorzulegen erlaube, da sie aufser mehreren seltenen unserem 
Museum noch fehlenden Arten eine neue Gattung von Geckonen 
enthält, und die Kenntnifs des Fundorts für die geographische Ver- 
breitung von Interesse sein dürfte. Ich verbinde damit die Vorlage 
von zwei mir von Hrn. Sundevall zur Ansicht mitgetheilten eigen- 
tümlichen Batrachiern, welche Hr. Wahlberg im Kafferlande 
entdeckt hat und von denen A. Smith in seinen Illusfrations of 
the Herpetologie of South Africa eine kurze Beschreibung lieferte. 

Saurii. 

1. Chamaeleo pumilus Latreille. — Hantam. 

2. Chamaeleo namaquensis Smith. — Hantam und Oranger!- 
vier. 1 ) 

3. Pachydactylus Bibronii Smith. — Hantam. 

4. Pachydactylus capensis Smith. — Hantam. 

5. Pachydactylus mariquensis Smith. — Hantam. 

Chondrodactylus nov. gen. 2 ) 
Differt a Stenodactylo unguium defectu f, pholidosi notaei hete- 
rogenea). 



i) Da Merrem bereits, wenn auch nur nach einer Seba'schen Abbil- 
dung, einen Ch. calcaratus aufführt, habe ich den Namen der von mir so 
benannten und beschriebenen Art (Monatsbericht. 1869. p.445) in Gh. calcarifer 
umgeändert. 

2 ) X° v ^?°'> granum, ^axtvXoq. 



vom 10. Februar 1870. 111 

6. Chi anguli/er n. sp. (Taf. Fig. 1). 

Ch. supra cinereofuscus, fasciis fusco-nigris latis angulatis or- 
natus. 
Im Habitus ähnlich dem Stenodactylus guttatus, aber mit kür- 
zerer Schnauze und mit kurzen Stummelzehen. Kopf um ■} brei- 
ter als hoch. Schnauze £ länger als das Auge, welches genau in 
der Mitte zwischen der Schnauzenspitze und der Ohröffnung liegt. 
Nasenlöcher zwischen drei convexen Schildchen gelegen, von denen 
das gröfste innere mit dem der anderen Seite zusammenstöfst. 
Schnauze mit convexen Schuppen bedeckt, welche sich bis zum 
Hinterhaupte hinaufziehen, von wo an viele runde gekielte Tuber- 
keln zwischen der feineren Granulation des Rückens hervorragen, 
welche nach den Körperseiten hin an Gröfse abnehmen. Das obere 
rudimentäre Augenlid ist mit einer Reihe platter Schuppen bedeckt, 
während das untere feine Körnchen zeigt, welche sich vor dem 
Auge, nach den Supralabialia hin, allmählig gröfser werdend, hin- 
ziehen. Die Ohröffnung bildet eine mäfsig grofse schiefe, am vor- 
dem Rande grade, am hintern Rande convexe Spalte. Supralabialia 
10 bis 11; Infralabialia 11 bis 13. Der hintere bogenförmige Theil 
der Lippen ist mit kleinen Körnchen gerändert. Das Rostrale ist 
breiter als das Mentale, welches länger als breit und hinten abge- 
stumpft ist. Die untern Theile der Körperseiten sind mit convexen 
Schuppen bekleidet, welche viel gröfser sind als die feinen Granula 
des Rückens. Die Kehle und Submentalgegend ist sehr fein ge- 
körnt, wobei die kleinen convexen Schüppchen nach der Lippe hin 
allmählig gröfser werden. Brust und Bauch sind mit kleinen dach- 
ziegelförmig gelagerten glatten Schuppen bekleidet. Auf dem 
Schwänze stehen die gröfseren stärker gekielten Tuberkeln in 
Querreihen und die Unterseite desselben ist mit flachen Schuppen 
bekleidet, welche merklich gröfser sind als die der Ventralgegend. 
Die vordere Extremität ragt nach vorn gelegt mit dem läng- 
sten Finger eben über das Auge hinaus, während die hintere bis 
an die Achselgrube reicht. Die Innenseite des Ober- und Unter- 
arms ist fein granulirt, die Aufsenseite mit convexen Schuppen be- 
kleidet, unter denen einige auf dem Unterarm tuberkelförmig her- 
vorragen. Alle Finger sind kurz, der 1. ein wenig länger als der 
5., dann folgt der 2., 4. und 3.; Hand und Finger sind oben mit 
glatten Schuppen bekleidet; Hand- und Fingersohlen fein granulirt 
und zwar stehen die Granula unter den Fingern in 10 bis 12 Längs- 



112 Gesammtsitzung 

reihen. An der Basis der Hand und jedes Fingers tritt die Haut 
wulstartig hervor. Der Oberschenkel ist unten und hinten fein 
granulirt, vorn mehr oder weniger dachziegelförmig beschuppt, oben 
mit Tuberkeln versehen. Der Unterschenkel ist an der innern 
Seite mit convexen Schuppen an der äufsern mit Tuberkeln und 
feinen Körnchen bekleidet. Die Zehen nehmen von der 1. bis 4. 
progressiv an Länge zu, die 5. steht der Länge nach in der Mitte 
zwischen der 2. und 3. Die Beschuppung des Fufses und der 
Zehen ist ganz ähnlich wie die der Hand und Finger. Nirgends 
kann ich die Spur eines Nagels entdecken. 

Oberseite des Kopfes dunkelbraun mit undeutlichen dunkleren 
Längsstreifen zwischen den Augen. Auf jeder Schläfe ein dunkler 
Fleck, welcher sich nach oben, hinten und innen auf die Seite des 
Hinterhaupts ausdehnt. Auf der Mitte des Hinterhaupts ein dunk- 
ler Fleck, welcher sich in einen mittlem Längsstreifen fortsetzt, 
der sich mit einer breiten winkligen schwarzgeränderten Querbinde 
über der Schultergegend vereinigt. Eine zweite breite Querbinde 
auf der Körpermitte, eine dritte (zuweilen fehlende) vor und eine 
vierte auf der Sacralgegend. Die dunklern Ränder dieser Quer- 
binden werden jederseits entweder durch einen hellem Saum oder 
durch helle Flecken hervorgehoben. An den Körper Seiten runde 
helle Flecke auf der dunklern netzförmigen Grundfarbe. Schwarz 
mit vier breiten schwärzlichen Querbinden, welche durch schmale 
gelblichweifse Zwischenräume getrennt werden. Die ganze Unter- 
seite bräunlichgrau. 
Totallänge 
Kopflänge 
Kopfbreite 
Kopfhöhe 
Schwanz 



0™085 Yord. Extremität . . 0™023 

0™0185 Hand mit 3. Finger . 0™0065 

0™0142 Hint. Extremität . . 0™027 

0'?011 Fufs mit 4. Zehe . . 0™0085 
0™032 



Fünf Exemplare aus dem Calviniadistrict, Oorlogsrivier. 

7. Agama hispida L i n n e. 

Lacerta hispida Linne, Syst. nat. ed.X. p.205. 

! Agama hispida G r a v e n h o r s t , Nov. Act. Acad. C. L. Nat. Cur. XVI. 

2. Taf. 64. Fig. 1—8. 
Agama aculeata Merrem, Syst. Amphib. p. 53. 
Trapelus hispidus Kaup, Isis. 1827. p.616. Taf. 7. 
Agama aculeata et spinosa DumeriletBibron, Erp. gen. IV. p. 499 
&502. 



vom 10. Februar 1870. 113 

Ich kann die Merkmale, welche Dumeril und Bibron zur 
Unterscheidung von A. aculeata und hispida angeführt haben, nur 
für individuelle und sexuelle halten. Der schlankere Körper und 
längere Schwanz (Seba. IL Taf. 8. Fig. 6) kommt den Männchen, der 
breitere Körper und der kürzere Schwanz (Seba. I. Taf. 83. Fig 1.2, 
Taf. 109. Fig. 6; IL Taf. 8. Fig. 7) den Weibchen zu. Die Original- 
exemplare von Gravenhorst's A. hispida habe ich durch Hrn. 
Grube 's gütige Vermittelung untersuchen können und zeigen die- 
selben, wenn auch schwach, deutliche Kiele der Bauchschuppen. 
Die mehr oder weniger stachlige Beschaffenheit der Schuppen um 
das Occipitale und auf den Gliedmafsen hängt aller Wahrschein- 
lichkeit nach eben so wie die geringere oder stärkere Entwickelung 
der Kiele der Bauchschuppen von der Jahreszeit ab. Übrigens 
erlaube ich mir noch zu bemerken, dafs die von Seba IL Taf. 8 
Fig. 6 abgebildete Art die dritte Zehe länger als die vierte hat, 
nach der diagnostischen Tabelle von Dumeril et Bibron das Ge- 
gentheil stattfinden soll, während in der Beschreibung von A. acu- 
lenta nichts über diesen Punct erwähnt ist. Auf der anderen Seite 
zeigt dieselbe Figur verlängerte Stachel schuppen auf dem Kopfe 
und den Extremitäten, welche nach ihrer Beschreibung A. aculeata 
nicht haben soll. — Calvinia-District. 

8. Agama atra D a u d i n. 

! Agama aculeata Merrem, Beitr. Gesch. Aniph. III. p. 9 1. Taf. 5. 

Agama atra Dumeril et Bibron, 1. c. IV. p. 403. 

Agama atra et capensis (aculeata) Gray, Cat. Liz. 256. 257. 

Wir besitzen das Originalexemplar aus der Sammlung des Gra- 
fen von Borcke (Nr. 750. Mus. Berol.), nach welchem Merrem 
seine A. aculeata abgebildet und beschrieben hat und ich weifs 
nicht, aus welchem Grunde Dumeril et Bibron angenommen ha- 
ben, dafs nur die Abbildung und nicht die Beschreibung Merrems 
auf diese Art zu beziehen sei. Die Seitenfalten des Rückens sind 
bald vorhanden, bald fehlen sie und eben so sind zwar in den 
meisten Fällen hervorspringende Schuppen mit längern Spitzen 
und von etwas beträchtlicherer Gröfse unter den seitlichen Rücken- 
schuppen bemerkbar, während bei einzelnen Exemplaren die Be- 
schuppung hier ganz homogen ist. — H an tarn. 

9. Agama armata Ptrs. 

Ein einziges sehr grofses Exemplar, ausgezeichnet durch die 
gröfsere Zahl der Supralabialia, 15 anstatt 12 oder 11, von dem 
Orangerivier. 



114 Gesammtsitzung 

10. Eremias Knoxii Edwards. — H an tarn. 

11. Eremias capensis (et laticeps) Smith. 

Von dieser Art liegen gegen 20 Exemplare vor, die nicht al- 
lein in der Farbe, sondern auch in der Pholidosis so variiren, dafs 
ich es für mehr als zweifelhaft halten mufs, ob E. laticeps davon zu 
trennen sei. Einige haben ganz dieselbe schwarze Grundfarbe mit 
fünf goldgelben Linien, wie eine Varietät von E. lugubris (Smith 
I.e. Taf.46. Fig.2 = E. lugubris et dorsalis Dumeril et Bibron), 
andere zeigen gelbweifse Puncte zwischen diesen Linien, bei andern 
werden die Linien undeutlich und es tritt statt deren eine netzför- 
mige Zeichnung auf und bei zwei Exemplaren sind die hellen Li- 
nie^ ganz verschwunden und die Zeichnung ist ähnlich wie bei 
Smith auf Taf. 4. 5. Fig. 2. Bei einigen stofsen die beiden Supra- 
orbitalschilder mit ihrem ganzen innern Rande an das Frontale, 
bei anderen tritt vorn eine Reihe kleiner Schuppen dazwischen 
und bei anderen sind sie vollständig durch eine solche Reihe von 
dem Frontale getrennt, ohne dafs die verschiedene Färbung dieser 
verschiedenen Beschuppung entspräche. Es finden sich 4, 5, G oder 
7 Supralabialia vor dem an den Lippenrand tretenden Infraoculare. 

— Hantam. 

12. Eremias lineo-ocellata Smith. — Hantam. 

13. Lacerta Delalandii Edwards. — Hantam. 

14. Euprepes trilineatus Schneider. — Hantam. 

15. Euprepes vittatus Olivier, var. occidentalis Ptrs. — Hantam. 

Euprepes Olwierii Smith, Illustr. S. Afr. Rept. Taf. 31. Fig. 3. 4. 5. ^ 
Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit zu bemerken, dafs die 
von mir zu dieser Art gezogenen Exemplare (E. varius Ptrs., Mo- 
natsberichte. 1867. p. 20) nicht zu der von Smith abgebildeten Art 
gehören, wie ich angenommen hatte. 

16. Typlüosaur us ccecus Cu vier. — Hantam. 

Acontias ccecus Cuvier, Regne animal. 1817. II. p.60. 
Typhlosaurus ccecus Wieg mann, Herpetologia mexicana p. 54. 

Ophidii. 

17. OmjchocepJialus Lalandii Schlegel. — Hantam. 

18. Coronella cana Li n n e. — Calvinia-District. 

19. Psammophis sibilans L in ne. — Hantam. 

20. Philothamnus semwariegatus Smith.— O r a n g e r l v l e r. 

21. Poecilophis lacteus Li nne. — Hantam. 

22. Aspidelaps lubricus Lau renti. — Hantam. 



Monafsberä (kad.dMssenscli.Berlin 1810 p. 115 









l.Ctadrodactjlüsangnlifer_21ptMepfis¥ahtoü. 
3 %erolmstuberiliRöuis 

G.E Schmidt, Qezuliili. 



vom 10. Februar 1870. 115 

23. Naja Äa/eLaurenti. — Hantam. 

24. Vipera cornuta Daudin. — Calvinia- District und Oran- 
gerivier. 

Batrachia. 

1. Arthroleptis Wahlbergii Smith. (Taf. Fig. 2.) 

Arthroleptis Wahlbergii Smith, Illustr. Zool. S. Afr. Rept. App. p. 24. 

Diese Art ist, wie ich mich durch directe Vergleichung habe 
überzeugen können, durch die längere und spitzere Schnauze, das 
kleinere Trommelfell, etwas andere Proportionen der Extremitäten 
und die Färbung leicht zu unterscheiden von A. pwcilonotus , von 
der ich eine ausführliche Beschreibung gegeben habe (Monatsbericht. 
1863. p.446). 

Von J. Wahlberg im Kafferlande entdeckt. 

2. Ilyperolius tuberilinguis Sundevall. (Taf. Fig. 3.) 

Hyperolius tuberilinguis Sundevall, Smith 1. c. p. 26. 

Der Smith'schen Beschreibung dieser durch ihre Zungenbil- 
dung ausgezeichneten Art habe ich noch hinzuzufügen, dafs das 
Trommelfell versteckt ist. 

Ebenfalls von Wahlberg im Kafferlande entdeckt. Aufser 
dem mir vorliegenden Exemplare waren nach Hrn. Sunde valls 
Mittheilung noch zwei andere Exemplare mit derselben Zungenbil- 
dung an Hrn. A. Smith zur Untersuchung gesandt worden, die 
verloren gegangen zu sein scheinen. Um so willkommener dürfte 
daher eine Abbildung des noch übrig gebliebenen Exemplars sein, 
welches dem Museum zu Stockholm angehört. 1 ) 



l ) Ich erlaube mir bei dieser Gelegenheit den Namen von Hemidactylus 
variegatus P trs. (Monatsberichte 1868 p.449; C. v. d. Decken Reisen. III. p. 13. 
Amphib.-Taf. II ; non Dumeril et Bibron) in H. picturatus umzuändern. 



Erklärung der Abbildungen. 

Fig. 1. Chondro dactylus angulifer Ptrs., in natürlicher Grofse; Fig. la. Un- 
terseite der rechten Hand 5mal vergröfsert. 

Fig. 2. Arthroleptis Wahlbergii Smith, in natürlicher Grofse; Fig. 2a. auf- 
gesperrtes Maul einmal vergröfsert. 

Fig. 3. Hyperolius tuberilinguis Sundevall, in natürlicher Grofse; Fig. 3a. 
aufgesperrtes Maul in doppelter Grofse. 



116 Gesammtsitzung 

Hr. Weierstrafs legte eine Abhandlung des Hrn. Kostka 
zu Elbing 

Über die Auffindung der ellipsol dischen Gleichge- 
wichtsfiguren einer homogenen, um eine feste Axe 
rotirenden Flüssigkeitsmasse, wenn deren Dichtig- 
keit und Umlaufszeit bekannt sind. 

vor 1 ). 

Es sei D die Dichtigkeit, T die Umlaufszeit einer um eine 
feste Axe rotirenden Flüssigkeitsmasse, / der Proportionalitätsfak- 
tor des Newtonschen Gravitationsgesetzes: dann giebt es bekannt- 



*) Hr. Riehelot, Correspondent der Akademie, der diese Arbeit ein- 
gesandt hat, schreibt darüber Folgendes: 

„So viel ich weifs, ist keine geeignete und sichere Methode bis jetzt be- 
kannt gemacht, die Axenverhältnisse des dreiaxigen Gleichgewkhtsellipsoids 
zu berechnen. 

Dies veranlafste mich am Anfange des Jahres 1868 meinem oben ge- 
nannten, talentvollen Schüler, nachdem er während seiner Universitätsstudien 
in diese Untersuchungen und in die Theorie der elliptischen Funktionen von 
mir eingeführt war, die Aufgabe zu stellen, eine solche Näherungsmethode zu 
suchen und an demjenigen Resultat namentlich zu prüfen, welches von dem 
ausgezeichneten Schüler Jacob i's, dessen Namen in diesen Untersuchungen 
rühmlichst bekannt ist, gewifsermafsen noch unter den Auspizien seines un- 
sterblichen Lehrers gefunden und später von allen Geometern als richtig an- 
genommen war. Ich meine die Axenverhältnisse bei der Umdrehungsgeschwin- 
digkeit unserer Erde, die Hr. Prof. 0. Meyer im 24. Bande des Crelleschen 
Journals zuerst angegeben hat, ohne die Art der Berechnung anzuführen. 
Ohne letztere zu kennen, hegte ich doch seit längerer Zeit Bedenken gegen 
die mir von Ja cobi und Meyer darüber angedeutete Art der Berechnung 
und hielt die Resultate für unrichtig. 

Hr. Kostka hat in jeder Beziehung meine Erwartungen vollkommen 
gerechtfertigt. Seine von ihm ausgedachte, in demselben Jahr mir mitgetheilte 
Näherungsmethode fand ich sicher und geeignet; aber sie gab völlig abwei- 
chende Zahlenresultate für das genannte Beispiel. 

Die Wichtigkeit des Gegenstandes, sowie die Eigenthümlichkeit seines 
Verfahrens veranlafste mich, Hrn. Kostka vorzuschlagen, die Resultate noch 
auf andere Weise zu prüfen. In Folge dessen fand er eine andere, einfachere 
Methode. Es ist dieselbe, welche ich Ihnen in einem das Wesentlichste ent- 
haltenden Auszuge, den ich der Akademie vorzulegen bitte, mittheile. 

Königsberg, den 30. Januar 1870. 

F. Richelot," 



vom 10. Februar 1870. 117 



lieh für jeden Werth der Zahl V == ^ Jfrr2 zwischen und 0,18711 



27T 

dJt % 

zwei Rotationsellipsoide und ein dreiaxiges als Gleichgewichtsfigu- 
ren, zwischen V= 0,18711 und V— 0,2246 nur zwei Rotations- 
ellipsoide. Die Frage, wie zu jedem gegebenen Werthe von V die 
zugehörigen ellipsoidischen Gleichgewichtsfiguren zu ermitteln sind, 
wird im Folgenden für den Fall eines sehr kleinen V behandelt, 
der hauptsächlich bei physikalischen Problemen Anwendung findet. 
Hierfür ist, wenn A, B, C die drei Axen, C die Drehungsaxe: 



' Rotationsellipsoid, 



-r = — nahe 1 für das eine 
A B 

C C 

~ = — nahe für das andere 

A B 

C C 

— nahe 0, — nahe 1 für das dreiaxige Ellipsoid. 



1. 

Ö C 
Die beiden Rotationsellipsoide sind, falls — =— = cos et 

gesetzt, also sin« die Excentricität ist, durch die Gleichung be- 
stimmt: 

n v— ^( 3 + t g 2f — 3t g« 

; • * t g 3 « 

Um den Werth « nahe zu finden , entwickele ich nach Potenzen 
von tgrc, wodurch: 



F=4S„(-l) 



tt-1 



i (271 + l)(2 7i-f- 3) 

Dieser Gleichung kann man die Form geben: 
tg 2 « lbV tg 6 « ' 



1 H- 


ftg 2 « 


4 49 


U,Ui5dt) Tg 


u -> 


aher 


ist ein 


Näherungswerth 


bei kleinem 
15 V 


Vi 


2) • 


• 


+cr 2 v 


4 




tg et 

1 - 


6 15F 

7 ' 4 





U3 Gesammtsitzung 

Setzt man dies in die rechte Seite der vorigen Gleichung ein, so 
erhält man noch genauer: 

Diese Formel liefert noch für F = 0,009 den Werth von tg 2 « bis zur 
7. Dezimale richtig; denn hierfür ist tf .•« = (^< 0,00000005. 
Das Axenverhältnifs ist dann: 

2b) . . 5=c = ( 1+t g rt ) = 14_ ^ T" + 16 128 g 

Für den der Erde zukommenden Werth: 

F == 0,0022997 

ergiebt sich tg 2 « = 0,008688144 und 

A B 

_ = - = 1,00433467 . 
C G 

Um den Werth « nahe - zu finden, entwickele ich 1) nach Po- 
tenzen von cotgrc, wodurch: 

V 8 8 °° ncotg 2 "« 

VL = cotg« cotg 2 « + 3cotg 3 « — - i n (— 1 ) W (2n _ 3 )(2n — 1) ' 

Hieraus läfst sich ableiten: 

?Z = (l — i^) cotg« — 3,485 cotg 3 « + 6 cotg 4 « — 4cotg 5 r< , 

woraus der Näherungswertn : 

TT 8 27 

3) . . tg«= —---3,485—. 

Weil tg« sehr groCs, genügt die Kenntnifs der 4. Dezimale; die 
Formel 3) liefert diese noch richtig für F= 0,01, wofür das fol- 



vom 10. Februar 1870. 119 

(2F\ 3 
— - j < 0,000045 wird. Das Axenverhältnifs 

ist: 

_ . AB cotg« TT 8 2V 

3a) . . - == - = tg« + — f- = — 2,485 — 

CG 2 2 V 7T TT 

Hieraus ergiebt sich für V= 0,0022997: 

A B 

- = — = 680,4939. 

2. 

C C 

Das dreiaxige Ellipsoid ist, — = cos« , — = cos/3 gesetzt, 

A B 

durch die Gleichungen bestimmt: 

4a) V= cos 2 « cos 2 /3 f - Z(l + Ü ; dz 

J Y(l+z)(l+z cos 2 «) (lH-^cos 2 /3) ' 



dz. 
]/(i 4-z)(l -t-.zcos 2 «)(i -f-£cos 2 /3) 



Dieselben sollen mit Hülfe der 3v- Funktionen entwickelt werden. 
Man setze daher: 

— — • = P und cc = ampl (u, k) , 

wodurch 

/3 = ampl (K — u, k) , 

dann ist für diejenige aus 4) abgeleitete Gleichung, welche F nicht 
enthält, der Ausdruck in elliptischen Funktionen: 

— kl Zu — Z(u^K)—k 2 (~~ — c 2 u\ B(u -f- iT) , 

2ÜT £?,* 2Ä" zl S' 3 tf 2Ä" S' 2 # 

wo — Zw = TT— , — Z(m + ä) = 7 , — B(u-hK) = 7^—. 

TT iwT # 7T r^ 3 ß TT C^ ß 



120 Gesammtsitzung 

Ferner lautet diejenige Gleichung, aus welcher das Integral der 
zweiten Gattung eliminirt ist: 



V( 1 1 « A 2 m V « cuAwf 1 1 1 

Beide Gleichungen enthalten nur Potenzen von q 2 ; da $ = wird 
für F== o,18711, sind in der Nähe dieses Werthes die Entwick- 
lungen nach q zu benutzen. Es zeigt sich aber, dafs q sehr schnell 
wächst, so dafs für die meisten Werthe von V es passender ist, 

die Entwicklungen nach q x = e **» zunehmen. Namentlich sind 
dieselben in der Nähe von V = zu wählen, weil q x mit F zu- 
gleich der Null sich nähert. 

Setzt man also u = iv, so gehen die beiden eben erwähnten 
Gleichungen in folgende über: 

+ k\ fi, fy + K\) +Z^» + /m) + *f (ßr- v - J-) Z, (,) = o 

2 \ d\\> c\v J 

= i; ( 1 + et v + -y- ) • 

Hier sollen mittelst der bekannten Relationen zwischen elliptischen 
und S- Funktionen die Argumente 



K 

— 1f 



7TU , ~ li K l 

Xl = —- und q x = e 

eingeführt werden. Dabei werde ich aber sogleich mehrere Ver- 
nachlässigungen eintreten lassen. 

Weil- stets zwischen 1 und 0, liegt u stets zwischen und 

~, also u zwischen und K\ daher ist ^ e*' = e Kl für jeden 
Werth von V ein echter Bruch. Die Division der Gleichungen 4) 
zeigt ferner, dafs: 



vom 10. Februar 1870. 121 

cotgam(w, k) < k x tgam(w, Je) . 

Haben wir aber irgeud zwei reelle Argumente u und v, so wird 

stets : 

cotg am (u , k) = k t tg am (v , &) sein, 
je nachdem m ■+- v = K ist. 

Daher ist für unsern Fall 2u > K \mdL^q x e 2x i stets ein unech- 
ter Bruch. Es ergiebt sich also die Reihenfolge : 

< e~ 2x i < q x < e~*i < ^ e*i < l und q\ e 2x \ > q l . 

Es scheint ferner bei flüchtiger Überlegung, q x e x i werde 1 für 

F= 0, weil a = — , & = 1 wird; aber, sobald q x so klein ist, 

dafs es vernachläfsigt werden kann, werden die Axenverhältnisse 
unseres Ellipsoids: 

-4 l-4-e-*i ' jB 1 + i^i.' 

woraus folgt, dafs q x e x i =0 ist für V— 0. 

Es sei nun T 7 so klein, dafs q x e x i < 0,005, so ist q x <0,000025 
und q\e x i < 0,000000125. Vernachlässigen wir also im Folgenden 
qle 2x i , q x e~ x i , e _3ir i , welche alle noch kleiner sind als qle x i, 
dagegen vorläufig keine Potenz von q x e x i selbst: dann können die 
beiden in v und k x ausgedrückten Gleichungen auf die Form ge- 
bracht werden : 

5) . . 2(07, — 3)e-*i 

q x e x i — 10 q x — 24 e~ 2x i 
1+ ±q x e x i -f- q\e 2x i -\-2e~ x i -i-2q x — 4e~ 2x i -\-±q\e x i 

6) . . (x 1 — Z)e-*i 

-{l+q 2 x e 2x i—4:e- x i-{-8q x -{-9e- 2x i-h24:qle x i}—12e- 2x i—Gq 2 e x i 
l-h4e _a? i +2<r 2 *i — 12q 2 x e x i — g£e 4il 'i 

Eine erste Näherung werden wir erhalten, wenn wir Alles aufser 
q x e x i vernachlässigen. Dies giebt: 

[1870] 9 



122 Gesamr&tsiizung 

V V 

J ll 2(1 — 2T) v 4 

Es ist also eine transcendente Gleichung von der Form 



zu lösen. 



Dieselbe hat, falls m ein positiver echter Bruch < — ist, 



zwei reelle positive Wurzeln 



eine Bedingung, die — e z erfüllt, 

für z, die eine zwischen und 1, die andere zwischen 1 und cv> ; 
letztere ist hier zu wählen, weil im Grenzfalle (V = 0) x x , also 
auch z = X\ — 3 unendlich grofs wird. Ein Näherungswerth für 
diese Wurzel wird wol am besten aus der Form: 



log- 



log m -h z log e 



gefunden^ kennt man einen solchen = z , so ist: 

z n — me z o 



me : o — 1 



falls (z — z ) 2 vernachlässigt werden kann. 

Es seien nun die Näherungswerthe q{ , x\ gefunden: man be- 
rechne mit denselben die rechte Seite in 5) und 6), setze q i e x ^ 
= q\e r i -h £, so läfst sich £, und dann, indem man 3S t = %\-{-v} 
setzt, dieses r, durch einfache Formeln bestimmen. Wenn man 
(q 1 e x i) 5 vernachläfsigt, werden diese Formeln der zweiten Nähe- 
rung in ihrer einfachsten Gestalt: 



8) 






2« 



H-4^ 1 e T i-i-(^ 1 e- r i) : 



ac 1 = x] H 



3 — u e 3 



^e^i — 1 



Durch 7) und 8) sind die Wurzelwerthe q x und # l5 welche unsern 
beiden simultanen transcendenten Gleichungen genügen, unter der 
Annahme bestimmt, dafs q x e x i < 0,005, also dafs alle vernachläs- 



vom 10. Februar 1870. in 

sigten Gröfsen (#1 e* 1 ) 5 , gifT*-V, e~ dx i, qle 2x i erst in der achten 
Dezimale einen Werth haben. Diese Annahme aber ist gewifs 
richtig für V < 0,009 , so dafs hierfür durch 7) und 8) die Wur- 
zeln direkt zu finden sind. Die Axenverhältnisse werden dann: 

I A e% 

I ^ = y{i+ ?1 ^i+^i+( ?1 ^i) 2 - qi+iqi^y+Cqi?*.))*} 

- = i_ h2(?ie r 1 _ h2 ^ i ^ 1 )2_ 4 ^ i _ S qle x i-^2(q 1 e x iy 

+ 2( qi e*iy. 



9) 



3. 

Die Anwendung der soeben entwickelten Formeln habe ich für 
den Werth von V gemacht, welcher der Erde zukommt, also 
V = 0,0022997. 

Man findet aus 7) : 

q\<?\ = 0,001155163 
x\ = 9,302164 , 

woraus 

q\ == 0,0000001054 . 

Die zweite Näherung liefern dann die Gleichungen 8): 

q\ e x i ■=£ 0,001155588 
*, == 9,303238 
q 1 = 0,0000001054 . 

Die Gleichungen 9) liefern endlich: 

A 

- = 52,4425 


B 

- = 1,0023134 , 



also wesentlich verschieden von den Zahlen, welche Meyer in 

A 
C 



Crelle's Journal Bd. 24 angegeben hat, nehmlich - = 19,57 und 



75 

— = 1,018. Doch hatte ich schon im Sommer 1868 auf ganz an- 




1 24 Gesammtsitzwng 

derem, sehr viel weitläufigerem Wege, als dem hier verfolgten, 

gefunden: ~ = 52,36214 , j, = 1,0023015. 

Um aber meine Zahlen noch in anderer Weise zu prüfen, habe 
ich die Gleichungen 4) nach Potenzen von tg 2 ß entwickelt, wo- 
durch man folgende, in unserm Falle stark konvergirende Reihen 
erhält: 

4a) T ^sTn^co^3 7'' ( ^ ~ 2n.(2n-2)...2 

\J n+i cotg 2n a - J n+2 cotg 2n+2 «} 

4b ) T ''sllÄä? 1 ^ 2».(2n-2)...2 ö 

{/ Jl+3 cotg 2 ^ 2 «-/ n+3 cotg 2 « +4 «} 

wo K 2w + 1 )--' 3 r t= °— ! gesetzt ist. Die J's erhält man ent- 
2n... 2 I 



weder durch die Formel 



, ( 2^-l)(2n-3)^ L (jr±E*°\ - sin «] 
(271 — 2) (2n — 4). ..2 l VJ 1 — Sin«y J 



J n—( l T (271 — 2) (271 — 4).. .2 



tg« 2 "" 1 271— 1 tg«' w 



l 2n — 



2n — 3 



2 271 — 2 271 — 4 

+ ^~" lj (271— 2) (2n— 4).. .4 2 J 
oder, für unsern Zweck bequemer, successive durch die Gleichungen: 

/Jl + silirA 

/. = Z ( 1/ : — Sin« 

1 \J 1 — sin«/ 

(2n - 2) / M + (2 7i - 1) J^i === tg« 2 "" 1 . cos« . 

Man findet für die oben berechneten Werthe von ^ = — unü 

5 = 1 

C cos/2 



vom 10. Februar 1870. 125 

Ji — J% cotg 2 « = 3,1549209 
J 2 COtg 2 a — J z cotg 4 « == 0,2481793 
J 3 cotg* « — «7" 4 cotg 6 « = 0,0832064 . 

Die rechte Seite von 4a) wird: 

0,00230087 — 0,00000126 = 0,00229961 , 

die rechte Seite von 4b) wird: 

0,00230503 — 0,00000537 = 0,00229966 

anstatt 0,0022997. Die Differenz ist also eine 1 in der siebenten 
Stelle; jene oben gefundenen Zahlen sind dadurch wol genügend 
bestätigt. Berechnet man diese Ausdrücke mit den Mey ersehen 
Werthen, so wird die rechte Seite von 4a) = 0,01155 und die von 
4b) wird 0,0175 anstatt 0,0022997. 

Die Gleichungen 2), 3), 7), 8), 9) liefern also die Axenver- 
hältnisse aller drei ellipsoidischen Gleichgewichtsfiguren mit hin- 
reichender Genauigkeit für V< 0,009. Für gröfsere Werthe von 
V werden sie immerhin noch sehr brauchbare Näherungswerthe 
geben. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Transactions of the Cambridge Phüosophical Society. Vol. XI, Part 2. 

Cambridge 1869. 4. 
Bijdragen tot de Taal- Land- en Volkunde. IV, 2. 3. 

Gravenhage 1870. 8. 
Notiser ur Sallskapets pro Fauna et Flora fennica Förhandlingar. Fase. 10. 

Helsingfors 1870. 8. 
Sülimaris Journal of science and arts. no, 144. New Haven 1869. 8. 
A. Peyron, La prima tavola di Eraclea. Torino 1869. 4. 



1-26 Sitzung 



der physikalisch-mathematischen Klasse 



14. Februar. Sitzung der physikalisch -mathemati- 
schen Klasse. 

Hr Dove las über die Compensatio« der in Europa im Ja- 
„ uar 1870 beobachteten Kalte dureb eine nngewühnhche Erhobung 
der Temperatur in Amerika. 



Hr Ehrenberg maehte vorläufige Mittheilung über die 
Bacillavien-Bänke im Hochlande California».. 

Durch eine sehr glückliche Thätigkeit der gcolog.schen Ge- 
lehrten der Vereinigten Staaten Nord-Amerikas sind so bemerkens- 

he Erweiterungen unserer Kenntnifs der aus m.kroskop.schen 
Lebensformen bestehenden kieselerdigen Gebirgsmassen ganz neuer- 
S enUvTcWt und meiner eigenen Beurtheilung zngäng heb ge- 
„ach w rden, dafs ich für angemessen halte der MW* 
S eine vorläufige Mittheilung darüber vorzulegen. Schon 184o und 
' S wurden mir durch die Vermittlung des seitdem verstorbenen 
ProLsor Bailev die von Professor James Dana vom unteren 
Professor B J mitgeb rachten Proben von Geb.rgs- 

V Sn au kUsele dfgen Baclllarien - Schaalen bestehend, zur 
K— s'na^e un e I specfeileren Analyse übersandt, welche in den 

S«53fS2£ ÄsSÄhlansfebp Gc 
birgsfeh chten entdeckte Kapitain E r e m o n t bei seme, > kühnen « d 
fliehen Untersuchungen des *$£*£& 'fflSfigL 

:ll2fr^%rkr,^^on gehaltene, Gebirgssch.hten fand 
t ber diese mir ebenfalls übersandten Proben habe xch, t. J. 1849 ) 
^L^Mittheilungen vorgelegt. Es war %££#££ 
ans beiden Gebirgsscbichten zusammeu 146 verseh.edene 
arten als ihre Hauptelemente namentlich darzulegen. Beides, beson 
ts Sr d ie letztere Masse ausschließlich , hatte den Chattet 



Monatsbericht d. Ak. 1849 p. 76. 



vom 14. Februar 1870. 127 

von Süfswasserbildungen, nur 3 vereinzelte Formen des ersteren spra- 
chen als Meeresgebilde an. Die unerhörte Mächtigkeit und Lage- 
rung als 500 Fufs hohe Felswände von Bacillarien sind bisher 
ohne Gleichen geblieben und überbieten auch die im vorigen Jahre 
mitgetheilten Verhältnisse der mexikanischen Hochgebirge bei 
Weitem. 

Seit 1849, seit nun 20 Jahren, sind keine weiteren Erläute- 
rungen aus jenen unwirthlichen Gegenden des californischen Hoch- 
landes erreichbar gewesen. Die Epoche machende grofse industrielle 
Unternehmung der Eisenbahn vom Mississippi nach dem Stillen 
Ocean hat erst neuerlich Aufschlüsse der merkwürdigsten Art aus 
den zu durchbrechenden Hochgebirgen zu gewinnen erlaubt. Der 
Staatsgeolog der Vereinigten Staaten Nord - Amerikas Professor 
Whitney in Cambridge hat umfassende Untersuchungen der Ver- 
breitung und Mächtigkeit der californischen Bacillarien-Biolithe an- 
gestellt und über dieselben einen ausführlichen Bericht in den 
Schriften der Akademie der Wissenschaften zu San Francisco ver- 
öffentlicht. 

Nachdem mir bereits zu Anfang des vorigen Jahres eine sehr 
sauber verpackte und etikettirte Reihe von 35 Proben verschiede- 
ner biolithischer Gebirgsarten durch Hrn. Baron von Gerolt, den 
Gesandten des norddeutschen Bundes in Washington, zur Kenntnifs- 
nahme und Analyse zugesandt worden waren, sind mir auch neu- 
erlich auf demselben Wege Proben jener Porzellanerden- oder 
Kaolin-artigen, zuweilen auch Brennthon (Fireclay) und Pfei- 
fenthon, auch sogar von verschiedenen Reisenden Magnesia genann- 
ten, zum Erstaunen hohen Gebirgsschichten übermittelt worden, 
und der Professor Hague in Cambridge hat aus eigener Anschauung 
Erläuterungen specieller Art hinzugefügt. Nach den Berichten des 
Professor Whitney finden sich diese mächtigen Lager poly gastri- 
scher Infusorien, welche von mir als Bacillarien bezeichnet worden 
sind, aufser in Oregon auch in dem californischen Hochlande zwi- 
schen der Sierra Nevada und den Rocky Mountains, dem sogenann- 
ten „Great Basin", in ganz unerwarteter Ausdehnung und hier und 
da in einer Mächtigkeit, welche jene 500 Fufs am Fallriver um 
das Doppelte übersteigt. Die beiden viele Tausende von Quadrat- 
meilen umfassenden Territorien Nevada und Utah enthalten an vie- 
len Punkten grofse Bänke solcher Infusorienerden, welche durch tief 
eingerissene Thäler oft im Profil gesehen werden, zuweilen mit 



128 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Bimsteinstaub, Geröll und Basalttuff abwechselnde ««j*?**«* 
mger dicke Schichten bildend. Die Mächt ;gk e,t derselben Jt zu 
weilen, wie nach Hrn. Professor Hague m Hun.bc dt-T> ale m 
schroffen Abfall so stark erkennbar, dafs ne sich arf 1000 IM 
er treckt/) Oft sind sie auch hier wie in Oregon oberhalb m, 
enem Basaltlager überdeckt. Im Nevada-Territorinm ist besonders 
Tr Humboldt-District, Humboldt Valley, mit *^£*£ 
Gebirgswänden versehen, und auch an den Umgebungen des Salz 
seTs finden sich solche Gehirgsmassen. Hie mm zugekommenen 
pToben, welche speciell diese Verhältnisse zu erläutern besfmm 
Mndb treffen 5 örtlichkeiten, 2 vom Nevada-Territormm (Truckee 
SSrW Humboldt Valley) und 3 vom Salzsee des Mormonen 
Tandes im Territorium Utah. Ich habe mir nicht versagen können 
nnd bereits angelegen sein lassen einige Übersicht d.ese* C -hoch* 
merkwürdigen ehemaligen Lehensverhältnisse zu gewmnen und hoffe 
Tenn auch langsam, durch gleichartige Behandlung eme den schon 
vorhandenen Kenntnissen vergleichbare Erläuterung *-"**£ 
Standes herbeiführen zu können. Für jetzt möge es genügen, fol 
gende Thatsachen dieser Erscheinung zu berühren. 
S Ans den Mittheilungen des verdienstvollen Geologen Profe or 
Whitney geht hervor, dafs ungeheure ehemalige Seen de cah- 
Irni ch n Hochbassins staunenswerthe Ablagerungen im Thalboden 
bewkt haben, welche beim allmäligen Abniefsen -er Gewässer n 
tiefer gelegene Thäler und Schluchten, oft selbst Berge büdend ich 
l 1 etreitetlaben. Dabei ist allerdings kaum ein £*«* ^zu- 
stellen, bis zu welcher Mächtigkeit diese Lager » Bereiche 

^WrineZHr.Srs-or Whitney die Meinung ausspricht 
als sei dies im Widerspruch mit früheren Erstellungen n da 
habe ich solche Massen für Auswürflinge ans der Tiefe der Vul 
kane gehalten, so möchte ich bemerken, dafs diese Ansmh niemals 
die meTnige geVesen ist, dafs ich sie vielmehr bekämpft habe. Seit- 
f.'Tfii un d die Asche des Imbabnru -Vulkans m Quito 
r 2 «anisener Auswurfstoff durch verkohlte Bilanzen- 
reste nachgewiesen, ist aneb die Vorstellung von graphitartiger 

" & Jn ^ region of the Humboldt desert there are beds, stratified and 
con JJbte wH^the tertiary roc.s, wbieb Judgm| «h *. outcross of the 
strata mnst be from 500 to 1000 feet thick. 



vom 14. Februar 1870. 129 

Urkohle aus dem Innern der Erde als dortige torfartige Erschei- 
nung unmöglich geworden. Wohl aber ist das durch eingestürzte 
thätige Vulkankegel zerrissene und verkohlte Oberflächenverhält- 
nifs mit seiner Pflanzendecke als deutlichster, wahrer, aber sekun- 
därer Auswurfstoff nicht in Zweifel zu ziehen. Bei manchen hierzu 
gehörigen Tuffen sind die feinen organischen Theile durch Hitze 
verändert oft sehr unkenntlich geworden und darauf besonders 
habe ich meine Aufmerksamkeit gelenkt. Dafs jene Phytolitharien- 
massen als Grastheile bei Mexiko nicht in Seen gebildet sein konn- 
ten, dürfte ebenfalls unbezweifelt bleiben. 

Ganz besonders bemerkenswerth ist bei den californischen Bio- 
lithen der Umstand, dafs sie doch wohl in Höhen von 4 — 5000 Fufs 
über dem Meere, also denen von Mexiko fast ähnlich, abgelagert 
sind. Allein sie sind den mexikanischen Gebirgsschichten dieser 
Art dadurch ganz unähnlich, dafs sie nicht blofse Süfswasserge- 
bilde, sondern auch nicht wenige entschiedene Meeres- oder Salz- 
formen unter sich führen. Die Gattungen : Cosci?iodiscus, Diploneis, 
Craspedodiscus, Grammatophora (und Biddulphia am Columbia River) 
sind meinen in der Mikrogeologie mitgetheilten und anschaulich 
gemachten Erfahrungen zufolge niemals im reinen Süfswasser, aber 
regelmäfsig als Meeresgebilde vorgekommen. Nur einige Male sind 
Fragmente eines Coscinodiscus?, wie in Bilin (Mikrogeologie Tab. XI. 
Fig. 4) anschaulich geworden, deren Natur aber auch anderen Süfs- 
wasserbildungen nahe steht; z. B. Coscinopliaena Discoplea (Mikro- 
geologie Tab. XXXVA. XIII A. Fig. 1). Es gehören auch mehrere 
Formen der Spongoiithen der californischen Gebirge wohl kaum 
zu den Süfswasser-Spongillen. Wenn man sich also Süfswasser- 
Bassins im californischen Hochlande denken soll, so fehlt ihnen 
jener reine Süfswasser-Charakter der mexikanischen Gebirgsschich- 
ten. Dagegen ist die noch vorhandene Existenz des grofsen Salz- 
sees in Utah ein deutlicher Hinweis, dafs auch in frühesten Zeiten 
salzige Gewässer alle Seen des Hochlandes dort erfüllt haben könn- 
ten. Nur ist dann der Umstand schwierig zu erläutern, dafs doch 
die Hauptmassen jener ungeheuren Lebensablagerungen sich als 
Süfswasserformen weit vorherrschend zu erkennen geben. 

Dafs die vulkanischen Feuer jener Länder, wie es auch in Me- 
xiko der Fall ist, auf diese Massen, etwa Hebung ausgenommen, gar 
keinen Eimiufs ausgeübt haben, ergiebt sich mit voller Deutlichkeit 
aus der schönen Erhaltung aller Formen, die, ohne Spuren von Ein- 



130 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Wirkung vulkanischer Hitze, zun. grofsen Theil ganz geblieben oder 
nur einfach zerbrochen sind. Nicht unwesentlich scheint das mir 
gelungene Auffinden von Cjtfm-artigen Kalkschalenformen, w.e in 
Mexiko, deren Gestalt jedoch eigenthümlich ist. 

Das Massenverhältnifs der Formen in den fünf geprüften Ge- 
birgsproben hat ergeben, dafs die Masse am Truckee River fast 
ausschließlich aus Gallionella granulata und G. sculpta besteht mit 
zahlreichen Coscinodiscus -Fragmenten. Im Ganzen wurden bisher 
24 Pol vgastern-Arten, 15 Phytolitharien, darunter 6 Spongohthen da- 
selbst beobachtet. Hierunter ist Coscinodiscus radiatus Meeresform, 
die übrigen alle sind Süfswassergebilde. 

Von den Massen am Humboldts-Flufs (Humboldt Valley) bil- 
den die Hauptelemente wieder Gallionella granulata und G. sculpta 
mit besonders auffälligen zahlreichen, zum Theil unbekannten Spon- 
golithen, von denen 4-5 Arten sich ebenfalls als Meeresgebilde an- 
sprechen lassen, wozu auch Fragmeute des Coscinodiscus radiatus 
und C. subtilis sich gesellen. Im Ganzen sind hierin bis jetzt 9 
Arten Polygastern, 18 Arten Phytolitharien, darunter 14 Spongo- 
lithen hervorgetreten. 

Die drei Proben vom Salzsee in Utah sind zwar unter sich 
in der Mischung etwas verschieden, haben aber den gemeinsamen 
Charakter, abweichend von den Nevada-Gebirgen, dafs ihre Mas- 
sen aus Amphora libyea, Synedra speetabilis, Fragilaria rhabdosama 
und F. pinnata, sowie aus Surirella Testudo, Eunotia Argus, Gram- 
n ,atophora strieta, sammt Navicula bohemica überwiegend gebildet 
sind Im Ganzen haben sich 84 Arten Polygastern, 6 Phytolitha- 
rien 4 Geolithien und 1 Art kalkschaliger Cypris darin verzeich- 
nen 'lassen. Unter diesen Formen sind 6 entschiedene Meeresfor- 
men oder Salzwasserformen. Alle aufser den genannten Haupt- 
massenformen, besonders die Meeresformen, sind mehr oder weni- 
ger vereinzelt in diese Masse eingestreut. In diesen letzteren Ort- 
licbkeiten macht sich auch eine Beimischung von feinen Sandtheil- 
chen bemerklich, welche zum Theil doppelt lichtbrechend sind. 
Auffallend bei allen diesen Verhältnissen ist es, dafs nur sehr sel- 
tene Spuren von Grasphytolitharien vorhanden sind und dafs in 
auffälliger Weise Campylodiscus Clypeus mit Navicula bohemica, w.e 
in Mexiko und Böhmen, vorkommen. 

Ich schliefse diese vorläufigen Bemerkungen damit, dam die 
hier zur Kenntnil's gekommenen 134 Arten organischer Elemente 



vom 14. Februar 1870, 131 

(97Polygastern, 31Phytolitharien, 4Geolithien und 1 Cypris) mit den 
früher am Columbia River und am Fallriver in Oregon analysirten 
Gebirgsschichten 223 Arten betragen, die aber die sämmtlichen 
Elemente noch bei Weitem nicht darstellen können, welche weite- 
rer Analysen bedürfen. Es sind in der Mikrogeologie auf Tafel 
XXXIII und XXXVII 48 dieser Formen im Jahre 1854 abgebildet 
worden. 

Da der Mormonenstaat von Utah am Salzsee bereits so viele 
industrielle Kräfte besitzt und wahrscheinlich mit Trinkwasser nicht 
sehr begünstigt ist, so dürften artesische Brunnen wie in Mexiko 
dort leicht und zahlreich ausgeführt und weiter ausführbar sein, 
deren Bohrerden zu überwachen und zu sammeln ein ansehnliches 
Interesse hat. Ebenso sehr ist es aber auch wünschenswerth, dafs 
die neuesten Ablagerungen und lebenden Spongillen als Oberflächen- 
schlamm und Gebilde des Salzsees der mikroskopischen Prüfung 
zugänglich werden. Sollten sich die Meeresformen in diesem Salz- 
see nicht lebend finden, so würden die grofsen Lager jener Bio- 
lithe als einer früheren Bildungszeit zugehörig durch ihre Elemente 
bezeichnet sein, sowie auch Professor Hague in seinem beigefüg- 
ten ausführlichen Schreiben dieselben als Tertiärbildung aufgefafst 
hat, während sie Professor Whitney der neuesten Erdbildung mit 
überweist. Das ursprüngliche Zustandekommen brackischer Bacil- 
larien- und Spongolithen-Lager auf Hochgebirgen dürfte einer wei- 
teren Erläuterung sehr würdig sein. 

Eine technische Verwendung dieser Bacillarien-Tripel soll zur 
Abschwächung der gefahrvollen zufälligen Explosion des „Dyna- 
mit" genannten gewaltigen Sprengmittels des Nitro-Glycerin viel- 
fach jetzt stattfinden. 

Überblickt man die bisher bekannt gewordenen, nur durch 
künstlich verstärkte Sehkraft erkennbaren fossilen Überreste des 
feinen Lebens, so tritt die seit 1830 hier vorgetragene Polythala- 
mien-Kalkbildung durch kalkschalige Elemente, gewöhnlich Schreib- 
kreide genannt, in meist 800 bis 1000 Fufs Erhebung, den Boden 
vieler grofser Länder bildend, am meisten hervor. Diesen zur 
Seite ist seit 1844 eine bis 1100 Fufs mächtige kieselerdige Poly- 
cystinen - Mergelbildung der Insel Barbados und auch der Nico- 
baren - Inseln nachweisbar geworden. Neben vielen weniger ho- 
hen Gebirgsschichten tritt nun hiermit das organische Kieselelement 
in den Hochländern Californiens als bis 1000 Fufs mächtige und 



132 Sitzung der physikalisch-?nathematischen Klasse 

in der Verbreitung auch das mexikanische Gebirge weit überragende 
Erscheinung zu Tage. So wachsen denn die Erscheinungen eines 
unsichtbaren und doch mächtig wirkenden Lebens zu erfreulicher 
Genugthuung ruhiger Forschung in grofsem Maafsstabe weiter. 



Hr. Weierstrafs machte folgende Mittheilung des Hrn. Ket- 
teier in Bonn: 

Über den Einflufs der ponderablen Moleküle auf die 

Dispersion des Lichtes und über die Bedeutung der 

Constanten der Dispersionsformeln. 

Während die in letzter Zeit von Mascart 1 ) veröffentlichten 
Messungen des ultravioletten Spektrums sowie die von mir 2 ) un- 
ternommene Untersuchung der Dispersionsverhältnisse der Gase 
bereits einen ziemlich weiten Überblick gestatten über den Verlauf 
der Dispersionscurve als einer Funktion von Wellenlänge und 
Dichtigkeit, währenddefs hat auch die Theorie insbesondere durch 
die trefflichen Arbeiten Briot's 3 ) einen neuen Aufschwung ge- 
nommen und durchaus neue und fruchtbare Prinzipien aufge- 
stellt. 

Es liegt daher die Frage nahe, ob es nicht möglich sei, aus 
dem vielen vorliegenden Material mit Innehaltung eines streng kri- 
tischen, empirischen Standpunktes zu einer Formel zu gelangen, 
die einerseits bei der bis jetzt erzielten Genauigkeit der Versuche 
als die einzig zuläfsige und dabei als die dem heutigen Stande der 
Theorie einzig entsprechende erachtet werden müsse. 



a ) Mascart, Ann. de fecole normale, t. I. und Ann. de chim. 4 Serie, 
t. XIV. 

2 ) Ketteier, Beobachtungen über die Farbenzerstreuung der Gase, 
Bonn 1865. — Monatsberichte der Königl. Akademie, November 1864. — 
Sitzungsberichte der Niederrhein. Gesellschaft, Dec. 1868. 

3 ) Briot, Essais sur la theorie mathematique de la lumiere. Paris 
1864. 



vom 14. Februar 1870. 133 

Die Anforderungen, die man an eine rationelle Dispersions- 
formel zu stellen berechtigt ist, lassen sich meines Erachtens in 
die vier folgenden Punkte zusammenfassen: 

1. Eine rationelle Formel mufs bei einer bestimmten Dich- 
tigkeit des dispergirenden Mittels für den ganzen bekann- 
ten Umfang der prismatischen Strahlung die einzelnen Far- 
ben in richtiger räumlicher Aufeinanderfolge aus den 
Wellenlängen berechnen lassen. 

2. Ihren Constanten mufs, etwa in analoger Weise wie bei 
der bekannten Interpretation Christoffel's *) (bezüglich 
zweier Cauchy'schen Constanten) eine specifisch physika- 
lische Bedeutung untergelegt werden können. 

3. Bei Dichtigkeitsänderungen seitens der dispergirenden Sub- 
stanz müssen diese Constanten in einer einfachen, den Gas- 
versuchen entsprechenden Weise an den Änderungen der 
Molekular-Constitution participiren. Speciell also müssen 

4. an der Gränze der Verdünnung die Indices sämmtlicher 
Farben gleichzeitig den gleichen Gränzwerth 1 erreichen. 

Demnach wird eine Arbeit, die sich dieses Ziel gestellt hat, 
naturgemäfs in drei entsprechende Abschnitte zerfallen. Es sind 
zunächst die einzelnen vorgeschlagenen Ausdrücke auf dem Wege 
der Rechnung hinsichtlich ihres Baues und der Anzahl ihrer Glie- 
der nach dem Grade ihrer Leistungsfähigkeit zu beurtheilen. So- 
dann werden die mathematischen Charaktere der gewonnenen Con- 
stanten hervorgehoben, die Constanten also nach der formellen 
Seite interpretirt werden müssen. Endlich mufs jede derselben als 
Ausflufs der bei der Dispersion zur Mitwirkung kommenden Kräfte 
erklärbar sein und darnach definirt werden. 

Ich habe es versucht, die hier besprochene Aufgabe ihrer Lo- 
sung entgegenzuführen. 

Es wurden zu dem Ende in sehr mannigfacher Weise berech- 
net: die Messungen Mascart's, betreffend das ordinäre und extra- 
ordinäre Spektrum des Kalkspath und Quarz sowie das Spektrum 
eines stark zerstreuenden Flintglases, Messungen, die sich aufser 
auf die optischen auch auf einen mehr oder minder grofsen Theil 
der ultravioletten Strahlen erstrecken, — ferner die Indices des 
Wassers, die bei Anwendung der gebräuchlichen Formeln eine be- 



l ) Christoffcl, Monatsberichte der Königl. Akademie, Okt. 1861. 



134 Sitzung de)' physikalisch-mathematischen Klasse 

merkenswerte Anomalie zeigen, die Indices des schweren MeiV- 
schen Flintglases, für das van der Willigen 1 ) zwischen den 
Fraunhofer'schen Linien A und II nicht weniger als zweiund- 
fünfzig Linien berücksichtigt hat, sowie endlich das Spektrum des 
Schwefelkohlenstoff von Verdet 2 ) und die drei Hauptspektren des 
Arragonit von Rudberg. Dabei wurden die Constanten der zu 
vergleichenden Ausdrücke zum Theil aus einzelnen Beobachtungen, 
zum Theil mittelst Gruppirung sämmtlieher disponibler Gleichungen 
und zum Theil mittelst Anwendung der Methode der kleinsten Qua- 
drate berechnet. 

Zugleich war für die Abschätzung und Würdigung der mit 
einander concurrirenden Ausdrücke das Kriterium maafsgebend, dafs 
diejenige Reihe, resp. diejenige Combination von Reihen, welche 
bei gleicher Brauchbarkeit die kleinste Anzahl Constanten, also die 
stärkste Convergenz besitzt, vor allen übrigen den Vorzug ver- 
dient. 

Das Resultat dieses Theiles der Arbeit läfst sich dahin zu- 
sammenfassen, dafs: 

1) die reine Cauchy'sche Reihe, d. h. diejenige, deren Glieder 
fortschreiten nach Potenzen der reeiproken Quadrate der in- 
neren Wellenlänge (l = £j , der Erfahrung nicht genügt, 

dafs dieselbe 

2) durch ein das Quadrat der direkten Wellenlänge enthalten- 
tendes Glied ergänzt werden müsse, und dafs so im Gan- 
zen vier Glieder erforderlich sind und ausreichen, dafs man 
endlich auch 

3) die die Wellenlängen enthaltenden Glieder in einer gewis- 
sen abschliefsenden Weise zusammenfassen dürfe, ohne da- 
durch der empirischen Brauchbarkeit irgendwie Abbruch zu 

thun. 
Die so gewonnene Dispersionsformel hat vier Constanten, und 
da je zwei derselben sich als zusammengehöriger charakteristischer 
Index und charakteristische Wellenlänge entsprechen, so folgt, dafs 
jede dispergirende Substanz durch zwei bestimmte, ihr eigentüm- 
liche Strahlen physikalisch definirt ist. Von den beiden charakte- 



*) v. d. Willigen, Archives du Musee Teyler, t. I. 
2 ) Verdet, Ann. de chim. 3 serie, t. XIX. 



vom H. Februar 1870. 135 

ristischen Wellenlängen kann — wenigstens ideell oder auch prak- 
tisch — die eine unendlich grofs werden, so dafs dann die Anzahl 
der Constanten sich anf drei reducirt. Der eine der beiden ge- 
nannten Strahlen begränzt das Spektrum auf der ultravioletten 
Seite — ich nenne seine Elemente n ,l , >. — , der andere auf 
der ultrarothen Seite, und seine Elemente heifsen w 3 , J 2 , >. 2 . Zwi- 
schen beiden liegt dann noch ein dritter ausgezeichneter Strahl, 
dem im Allgemeinen auf der Dispersionscurve ein unbestimmter 
Punkt (n n Ziv>>j) entspricht. Nur in dem eben erw ahnten Spe- 
cialfall wird l x = l 2 == oo , und der Index wird ein asymptotischer 
Gränzindex (n, = n, = ?^) auf der ultrarothen Seite des Spek- 
trums. 

Fafst man die Abhängigkeit der eiuzelnen Glieder der Dis- 
persionsformel von der Dichtigkeit ins Auge, so ergibt sich, dafs 
dasjenige Glied, welches (in der ungeschlossenen Reihe) die direkte 
Wellenlänge enthält, bei Abnahme der Dichtigkeit rascher abnimmt 
als die übrigen, so dafs an der Gränze der Verdünnung die Zahl 
der merklichen Glieder und folglich die der Constanten sich stets 
auf drei reducirt. 

Ich definire dabei analog dem Begriffe der sogenannten brechen- 
den Kraft nl — l den Quotienten ?£Z±5i als dispergirende Kraft. 

71 1 
— Führt man zugleich in die Dispersionsformel diejenige Gröfse 
ein, die als Gränzwellenlänge (A ) an der Gränze der Verdünnung 
(d = 0) deflnirt werden mufs, so zeigt sich, dafs diese Gröfse bei 
Gasen von der Dichtigkeit unabhängig ist, dafs dasselbe wahr- 
scheinlich der Fall ist für den flüssigen Zustand, und dafs selbst 
die Einwirkung der Krystallisationskraft sie anscheinend nicht ver- 
ändert. 

Was schliefsHch die Beziehungen zur Theorie betrifft, so denke 
ich mir mit Briot die dispergirenden Medien als Aggregate aus 
ponderablen und Äthermolekülen und zwar derart, dafs jedes pon- 
derable Molekül mit einer Atmosphäre von verdichtetem Äther um- 
geben ist, und dafs innerhalb der so gebildeten intramolekularen 
Zellen die Dichtigkeit des Äthers von einer zur andern periodisch 
variirt, etwa wie momentan die Dichtigkeit der Luft zwischen den 
Dichtigkeitsmaximis einer longitudinalen Klangwelle. Es sind dann 
dreierlei Arten von Kräften in Betracht zu ziehen, Attraction zwi- 
schen den ponderablen Molekülen, Attraction zwischen ponderablen 



13G Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

und Äthermolekülen und Repulsion zwischen den Äthertheilchen. 
gl™ nun im Allgemeinen von der crsteren Mtt werden 
dal; «verbindet 1 die zweite mit der dritten zu emer Resul 
t 12 und zwar zeigt sieh die Attraetion zwischen ponderablen 
Zt^lS. eimnal als statische, die Anordnung des Äthers 
Idihcirende Kraft, dann aber auch als dynamische, dm Schwn, 
mineen des Äthers beeinflussende Kraft. 

§ °Dem entsprechend zeige ich, dafs die drei Arten von Gliedern, 
welche die Dispersionsformel enthält, auf drei besondere phvs.ka- 
sbe Kräfte zurückzufahren sind. Das constante, von der W f l- 
Le unabhängige Glied repräsentirt die Fortpflanzungsgeschw.n- 
dlit mit der sich in einem gleichförmig isotropen Medium von 
dergleichen mittleren Dichte (aber unendlich dünn gedacht) sammt- 
linliP Farben fortpflanzen würden. 

Das das Quadrat der directen Wellenlänge enthaltende Glied 
rttat te von der direkten, dynamischen Einwirkung der ponde- 
rablen Moleküle auf die schwingenden Äthertbeilchen und Wird für 
Gase zwar nicht vernichtet, aber doch unmerklich. 

Dil beiden übrigen, die ersten .uadratischenBotenzen £ *- 
ciproken Wellenlänge enthaltenden Glieder messen die Starke der 
Conceutration der Ätherhüllen um ihren ponderablen Kern und da- 
mit dTe Amplitude der periodischen Medikationen der Dichtheit 

d6S ztisln der Amplitude a und der zerstreuenden Kraft besteht 
die einfache Relation: 



a l 



und ich deflnire die Constante ± oder das Verhältnifs der zer- 
streuenden Kraft zur Amplitude' als das Zerstreuungsvermögen. 
Das Zerstreuungsvermögen eines dispergirenden Mittels m wesent- 
Hch be ngt durch den Charakter oder die Form der periodischen 
Ungleichheiten, diese letztere aber nur abhängig von der chemischen 
Substanz, dagegen unabhängig von der Dichtigkeit. 

Für Gase ist die Amplitude a der Quadratwurzel aus ihrer 

Dichtigkeit proportional. *;x«ii 

Endlich läfst sich rücksichtlich der Gröfse ?*W£»»* 

mit A ) noch der folgende Satz aussprechen: Wird d.e Dicht.gkeit 



vom 14. Februar 1870. 137 

einer dispergirenden Substanz, die wie Schwefelkohlenstoff seitens 
ihrer ponderablen Moleküle nur eine äufserst schwache direkte Ein- 
wirkung bethätigt, vom Gränzzustand (d = o) an continuirlich ge- 
steigert, so wird die zugehörige Curve der Dispersion einmal, bei 
einer ganz bestimmten Dichtigkeit, in eine Lage kommen, deren 
mathematischer Ausdruck die Christoffel'sche Formel ist; die 
dieser Dichtigkeit entsprechende Amplitude ist angenähert = a x . 
Für den gedachten Specialfall ist: 

]/2 ]/2 

Ebenso einfach ist die Beziehung, die auf der anderen Hälfte 
der Dispersionscurve den Gränzstrahl (n 2 , l 2 , xj) mit dem charak- 
teristischen Mittelstrahl verbindet. 

Nenne ich k' den Coefficienten des die direkte Wellenlänge 
enthaltenden Gliedes und setze k — n\k', so bestehen die Glei- 
chungen: * 

— — - 1 

,-, ~~ 1/2" j l ~ fzjc. ' 

Die erstere bleibt gültig für alle nicht zu grofsen Werthe von k, 

die zweite ersetzt sich für den Specialfall n °~ ni = _L ^j.^ ^ e 

n i 1/2 

Proportion: 

l 2 : l x = l x : A . 

Dem entsprechend wäre das Spektrum der Refraetion zwischen 
den Gränzen: 

n 1 — n 2 Y% 
n = 2n 2 

enthalten, den Chris toffel'schen Specialfall vorausgesetzt. 
Schreibt man w 2 = a^j/2, so ist: 

c/ 2 = nj/2 , 

[1870] 10 



138 Sitzung der phjs.-math. Iüasse vom 14. Februar 1870. 

unter Sl die Lichtgeschwindigkeit im freien Weltäther verstanden, 
die Gränzgeschwindigkeit, die in einem unendlich dünnen Gase von 
einer unendlich grofsen Welle höchstens erreicht wird. Diese Ge- 
schwindigkeit mufs aber angenähert schon in den gewöhnlichen 
Gasen endlichen Wellen von einer gewissen beträchtlichen Gröfse 
an zukommen. Sie fällt nahezu zusammen mit derjenigen Con- 
stanten 

c = 59320 Meilen, 

die von Kohlrausch und Weber definirt ist als diejenige rela- 
tive Geschwindigkeit zweier elektrischen Massen gegen einander, 
bei der sie nicht mehr auf einander einwirken. 

Auf eine Beziehung zum Leitungsvermögen für Elektricität 
deutet ferner das Verhalten des Coefficienten k. Ordnet man näm- 
lich die durchsichtigen Mittel je nach der Gröfse desselben in Grup- 
pen, so stellen sich anscheinend einerseits Wasser, Schwefelsäure 
und Chlorzinklösung, andererseits Schwefelkohlenstoff, Phosphor 
und Arragonit (7) als die extremen zusammen. 

Die Formel selbst, die sich mit Notwendigkeit aus der Er- 
fahrung zu ergeben schien, und von der ich wohl hinzufügen darf, 
dafs sie durch Briot's Theorie eine gewisse Bestätigung erhalten, 
hat die Form: 

A C 



,2 __ 



B—P^D— P 



wenn v die der inneren Wellenlänge l = v.T entsprechende Fort- 
pflanzungsgeschwindigkeit bedeutet. A, B, C, D sind Constanten, 
von denen B und D, reciprok genommen, wenigstens für die un- 
tersuchten optischen Mittel Gröfsen derselben Ordnung sind. 

Dem Gesagten zufolge wirkeu zur Hervorrufung der Disper- 
sion im Allgemeinen zwei wesentlich verschiedene, nicht parallel 
laufende Kräfte zusammen, und wie z. B. beim Schwefelkohlenstoff 
der Einflufs der einen stark zurücktritt, so mag es andere Mittel 
geben, in denen umgekehrt die periodische Modification des Äthers 
klein ist gegen die direkte Einwirkung der ponderablen Moleküle. 

Sollte nnn ein wohlbekannter Versuch von Quincke auf die Me- 
talle als diese letzteren hindeuten, so halten sich bei der Disper- 
sion des Wassers beide Arten von Kräften nahe das Gleichgewicht. 
Und wenn man annimmt, dafs bei Abnahme seiner Dichtigkeit eine 
jede derselben zwar regulär, aber ungleich schnell geschwächt 



Gesammtsitzung vom 17. Februar 1870. 139 

wird, so findet vielleicht auch die Anomalie, die seine Indices un- 
terhalb des Dichtigkeitsmaximums zeigen, eine naturgemäfse Er- 
klärung. 



Hr. Weierstrafs machte sodann — im Anschlufs an die am 
2. December v. J. gelesene Notiz — eine weitere Mittheilung aus 
seinen Untersuchungen über die 2 n fach periodischen Funktionen. 



17. Februar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Peter mann las über die Eroberung von Jerusalem durch 
Saladin und dessen weitere Thaten im Jahre 1187 n. Ch. nach 
Imäd el Ispahäni. 



Hr. Ehrenberg legte ein an ihn adressirtes arabisches Schrei- 
ben des ägyptischen Gouverneurs im Sudan, Djafer Pascha, vor, 
worin derselbe seinen Dank für die Anerkennung seiner Theil- 
nahme an den Bestrebungen des Naturforschers Hrn. Dr. Schwein- 
furth ausspricht und auch für die Zukunft seine den Absichten der 
Akademie entsprechende gröfste Bereitwilligkeit der Beförderung 
derselben anzeigt. 



Hr. Pertz legte den Ersten Band der von ihm veranstalteten 
Sammlung von Schrifttafeln zum Gebrauche bei diplo- 
matischen Vorlesungen — Hannover im Verlage der Harni- 
schen Hofbuchhandlung 1869, 97 Platten nebst 3 Bogen Inhaltsver- 
zeichnissen in Folio — vor, und erklärte sich darüber wie folgt: 

Als bei Entwerfung des Plans der Monumenta Germaniae die 
Ausstattung und Beglaubigung der Texte durch getreue Schrift- 

10* 



140 Gesammtsüzung 

muster beschlossen wurde, bedachte ich die Leichtigkeit, durch 
eine Zusammenstellung der einzelnen auf diese Weise im Laufe der 
Zeit zu gewinnenden Musterbilder den fühlbaren Mangel zweckma- 
fsiger und mannigfaltig nützlicher Hülfsmittel für das diplomatische 
Studium zu ersetzen. Es würden sich somit zwei verschiedene 
Theile einer für Bücher, der andere für Urkunden bilden lassen, 
wenn grundsätzlich auch bei Herausgabe der letzteren auf Nachbil- 
dung einer geeigneten Urkunde jedes Königs und Kaisers gehalten, 
und die Elemente einer deutschen Diplomatik in der Zeitfolge ge- 
wonnen wären. An diesen letztern Theil wird mit dem nahe bevor- 
stehenden Erscheinen der Kaiserurkunden gedacht werden. Die 
Erfordernisse des ersten sind allmälig mit dem Vorschreiten der 
Scriptoren und Leges zusammengekommen, indem der Herr Verle- 
ger der Monumenta meinem Wunsche durch Veranstaltung einer et- 
was erhöheten Zahl Abdrücke der für die Auflage der Monumenta 
erforderlichen Schrifttafeln entsprochen, und jetzt das Zusammenle- 
gen der in zehn Heften einzeln erschienenen Handschriftentafeln 
der vorliegenden 22 Bände veranstaltet hat. Die wissenschaftliche 
Vereinigung derselben ist durch Professor Dr. Karl Pertz ausge- 
führt, welcher dem Bande eine chronologische Übersicht der in den 
sämmtlichen Schrifttafeln enthaltenen Arten in folgender Ordnung 

vorgesetzt hat: 

I. Uncialschrift. II. Beneventanische Schrift. III. Angel- 
sächsische Schrift. IV. Karolingische Halbcursive. V. Mi- 
nuskelschrift nach ihrer Entwicklung in Folge der Jahr- 
hunderte, dem 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. unserer 
Zeitrechnung. 
Die beschränktere Zahl der Uncial - Proben wird durch die be- 
vorstehenden Mittheilungen aus den ältesten Handschriften der Me- 
rowinger, Langobarden, Gothen und Römer vervollständigt werden. 
Die Sammlung empfiehlt sich durch ihre Mannigfaltigkeit, die Treue, 
Gröfse und den Werth ihrer ausgewählten Bestandteile und ihre 
leichte Zugänglichkeit. 



vom 17, Februar 1870. 141 

Hierauf wurde der folgende Aufsatz des Hrn. Gerhardt in 
Eisleben mitgetheilt: 

Zur Geschichte der Algebra in Deutschland. 
Zweiter Theil. 

In dem ersten Theil (Monatsberichte 1867 S. 38 ff.) habe ich 
aus den bisher zugänglichen Druckschriften die Anfänge der Al- 
gebra in Deutschland dargestellt. Es blieben die Fragen zu erle- 
digen: aus welcher Grundlage haben die ersten deutschen Algebri- 
sten, Henricus Grammateus (Schreyber aus Erfurt) und Christoff 
Rudolff von Jauer geschöpft? haben sie sich an arabische oder 
italienische Schriftsteller angeschlossen? und was haben sie selbst- 
ständig geleistet? 

Hierzu war eine Durchmusterung der in den Bibliotheken von 
Wien, München, Nürnberg vorhandenen Manuscripte nöthig; ich 
habe sie im Sommer 1867 ausgeführt. Mein Plan, vor allem nach 
lateinischen Übersetzungen arabischer Schriftsteller über Algebra 
zu suchen, wie deren Libri (Hist. des mathemat. en Italie, Tom. I. 
p. 253) von der Algebra des Mohammed ben Musa als in der Kai- 
serlichen Bibliothek zu Paris vorhanden erwähnt, war für Wien 
wenigstens ohne Erfolg 1 ); in München dagegen fand ich in der 
Handschrift n. 14908, die aus der Benedictiner- Abtei St. Emmeran 
stammt und die das gesammte mathematische Wissen um die Mitte 
des 15. Jahrhunderts in Deutschland enthält 2 ), das Bruchstück 



*) Ich bemerke, dafs vielleicht noch manches, was mir entgangen, durch 
die begonnene genaue Catalogisirung der Manuscripte der Wiener Bibliothek 
zu Tage gefördert werden kann. Dasselbe gilt von der Bibliothek in 
München. 

2 ) Der Codex enthält: Modum reductionis minutiarum vulgarium atque 
physicarum dissimüium denominationum ad eandem denominationem commu- 
nem et reductionis integrorum ad minutias et e converso subjungere, aus dem 
Jahr 1457; es wird darin über die Additio, Subtraetio, Duplatio, Dimidiatio, 
Multiplicatio, Divisio in Brüchen gehandelt, ferner de radice quadrata in mi- 
nutiis, extractio radicis cubicae in minutiis, Regula fractionis fractionum ; dar- 
auf folgt in deutscher Sprache: von geraden und ungeraden Zahlen, von per- 
fecten Zahlen, Progressio; nach vielen Beispielen kommt die Regula falsi, 
alsdann Ampliatio Regulae Proportionum, De aurea Regula vel de tre (die 
beigebrachten Beispiele zum Theil deutsch, zum Theil lateinisch), Regula ligar 
(d. i. Mischungsrechnung), Regula positionis, Conversa regula de tre, Regula 



142 Gesammtsitzung 

eines Auszugs aus der Algebra des Mohammed ben Musa in deut- 
scher Sprache aus dem Jahre 1461. Dasselbe lautet: 

Machmet in dem puech algebra uii almalcobula hat gepruchet 
dise wort census, radix, numerus. Census ist ain yede zal die in 
sich selb multiplicirt wirt, das ist numerus quadratus. Radix ist 
die wurtz der zal oder des zins. Numerus ist ain zal für sich 
selb gemercket, nit alz sie ain zins oder ain wurtz ist. Aus den 
dingen merkt er 6 ding: das erst wann der census sich gelichet 
den wurtzen, daz ander so der census sich gelichet der zal, daz 
drit so sich dye zal gelichet den wurtzen, das 4 so sich der cen- 
sus vnd die wurtzen gelichent der zal, als ob man spreche, ain 
census vnd 10 warte gelichent sich 32. ') Daz fünft ist so sich 
der census vnd die zal gelichent den wurtzen, das sechst so sich 
die wurtzen vnd die zal gelichent dem census. 

Dar 2 ) vmb Sprech ainer: gib mir ain zensus vnd zuech dar- 
von sin wurtz vnd von dem daz vberbelyb an dem census zuech 
och aufs dye wurtz, die zwo wurtz tue zusamen daz 2 zal daraufs 
werden. So aber daz nit in der sechs regel ainer stat, so bring 



augmentationis, De societatibus aenigmata (Gesellsehaftsrechnung), De Mone- 
tibus, Divinari (d. i. Zahlen errathen). Hierauf folgt das oben voll« 
xnitgetheilte Bruchstuck der Algebra aus dem Jahr 1461. Ferner enthalt der 
Codex: Algorismus Proportionum Nicolai Orem (d.i. Nicolai Oresmn) ans 
dem Jahr 1456; Thomae Bradwardini geometria; Geometrica practica cum 
figuris; Nicolai de Cusa über de geometricis transmutationibus, Ejusdem Trac- 
tatus de mathematicis complementis. 

i) Soll heifsen 39, wie in der Algebra des Mohammed ben Musa steht. 

2) Das folgende Beispiel behandelt die Gleichung 
x + y x i — x = 2 . 
Der Gang der Auflösung läfst sich so darstellen: 

Yx? — x = 2 — x 
x <i —x = 4 — 4z 4- x* 
x i == 4 — ox -4- £ 2 
3a; = 4 



16 



Dies Beispiel findet sieh in der von Libri publieirtcn lateinisehen Übersetzung 
1. e. p. 296. 



vom 17. Februar 1870. 143 

es in ain regel also. Es sollen die zwo wurtz 2 numero gelich 
gesin, so kompt es in die dritten regel, darumb zuech ab von den 
2 numero die wurtzen dez census, so belyben 2 minder der wur- 
tzen defs zins, dafs selb belybend ist gelych der wurtzen defs dafs 
ain census überbelybt sein wurtz darvon gezogen wurt, daz du 
aber habest dez gelychnufs daz überbelybt, so multiplicir die 2 
dragmas minder ainer wurtzen in sich selb, so kommen 4 dragma 
vnd ain zins minder 4 wurtzen, daz wurt gelich dem daz überbe- 
lybt an dem census, wann sein wurtz darvon wart gezogen. Nun 
zuech darvon dye gemindert wurtz, so belybt 1 census vnd 4 drag- 
me gelich ain census vnd 3 wurtz. Nun tu baindenthalb den zins 
darvon, so beleybt dennocht (?) dafs übrig gelich, dafs ist 4 dragme 
sind gelych 3 wurtzen. So mufs ain wurtz 1^- sein, wann 3mal 1-J- 
macht 4, multiplicir 1^- in sich selb, so kompt ^ 6 , daz ist der 
census vnd sein wurtz ist 1£, vnd wann tue l\ tust von ^, so 
belyb £, die wurtz von f ist f, die § zu der wurtzen \f- } daz ist 
1£, macht 2 gantz. 

So weit zur Zeit bekannt, ist dies die erste Erwähnung der 
Algebra in Deutschland. 

In der Wiener Bibliothek gelang es mir das Manuscript auf- 
zufinden, das zum Theil wenigstens die Grundlage zu den Schrif- 
ten von Henr. Grammateus und Ch. Rudolff bildet. Es ist 
dasselbe Manuscript, das aus dem Nachlasse Stöber l's (Stiborius) 
in die Wiener Universitätsbibliothek kam (Monatsberichte 1867 
S. 46), und die Aufschrift hat: Regule, Cos$ vel Algobre/) Es 
enthält im Anfang eine übersichtliche Zusammenstellung der Re- 
geln über die algebraische Addition, Subtraction und Multiplication. 
Von der letztern geht es weiter zu den Potenzen und deren Be- 
zeichnung, so dafs hier die Regeln der Division ganz fehlen. Dar- 
auf folgen unter der Aufschtift: Incipit Algorithmus de integris 
que subsequuntur regulis deserviens, die Regeln über die Addition, 
Subtraction, Multiplication, Division von algebraischen Summen, 
wobei für jede Operation mehrere Beispiele beigebracht sind, deren 



1 ) Das Manuscript besteht aus 33 Blättern in folj und findet sich zu- 
gleich mit mehreren andern Manuscripten aus dem Nachlafs Stob er l's in 
einem Bande n. 5277. Da unter den darin aufgeführten algebraischen Auf- 
gaben eine ziemliche Anzahl in deutscher Sprache beigebracht wird, so 
dürfte die Abfassung desselben um die Mitte des 15. Jahrh. zu setzen sein. 



144 



Gesammtsitzung 



Resultate durch eine „Probatio« als richtig dargethan werden. Die 
Behandlung der Division algebraischer Summen ist äufserst man- 
gelhaft und undeutlich; es wird hierbei auf die später folgenden 
Gleichungen verwiesen. Nächstdem kommt Bruchrechnung und 
Regula de tri. Hieran schliefsen sich: Regule equationum Intro- 
ductorie in omnia que deinceps sequuntur dogmata (d. i. Beispiele). 
Diese Regeln, acht an der Zahl, beziehen sich auf die folgenden 
Formen von Gleichungen: 

2.x = 6 , 3x 2 = 12 , 2X* = 16 , 2x A = 32 , 
3a? s + 4 .r = 20 , ±x 2 + 8 == Ux , 4.r + 12 = bx 2 , 
2x A + bx 2 = 52 . 
Um von diesem Theil des Manuscripts eine Anschauung zu geben, 
soll der Anfang hier mitgetheilt werden: Quarum prima est quan- 
docunque due denominationes coequantur, quarum una natural! Se- 
rie aliam sequitur, tunc prima per secundam dividatur, et quotiens 
ostendit quesitum. 

Exempla. 



3^ 




f 6 (p 




*3 




8^ 




5 ce 


. sunt aequales - 


103 


. facit 1^.2(/> 


6 88 




12 ce 




7 alt 




14 38 




8 3 4- ce . 




16 alt 





Secunda regula 
facta relatione duarum denominationum quarum una non immediate 
sequitur aliam, sed una silentio pertransitur, tunc prior per poste- 
riorem dividatur, et quotientis radix quadrata docet optatum. 



Exempla. 



33 

4 ce 

5 33 

6 alt 

7 3 -f- ce 



sunt aequales 



12 (p 


16"^ 


203 


24 ce 


\ 28 33 



facit lV2<p 



vom 17. Februar 1870. 145 

Nachdem nun für eine jede dieser acht Hauptregeln eine An- 
zahl Beispiele, die Mehrzahl lateinisch, andere in deutscher Spra- 
che, mit ihren Lösungen beigebracht sind, folgen noch eine neunte 
und zehnte Regel, die des Folgenden wegen hier wörtlich angeführt 
werden sollen. Nona regula: Quum 3 assimilatur Z^ de Zc., punc- 
tus (sie!) de 2^ deleatur, 3 in se ducatur, et remanent adhuc inter 
se aequalia. — Decima regula: Quum $ assimilatur 2^ de 3, tunc 
punetus de 3 deleatur, 3 ex altera parte in se ducatur, et remanent 
adhuc inter se aequalia. — Das vorletzte Blatt des Manuscripts 
enthält ein Tableau unter der Aufschrift: Regule Cosse, in wel- 
chem die 24 Formen von Gleichungen 1 ) zusammengestellt sind, 
die von Adam Riese ebenfalls angegeben und auch von Ch. Ru- 
dolf f und Stifel erwähnt werden. Beide Angaben, die des in 
Rede stehenden Tableaus uud wie sie von Riese aufgezählt wer- 
den, folgen hier in der gegenwärtig üblichen Zeichensprache mit 
Weglassung der Coefficienten : 



l ) Ich habe sie in dem ersten Theil (Monatsberichte 1867 S. 49) mit 
dem nicht passenden Ausdruck „Rechnungsregeln" bezeichnet; es ist leicht zu 
sehen, dafs diese 24 Formen aus den 8 Hauptgleichungen specialisirt sind. 
Deshalb wurden sie auch später von Ch. Rudolf f, Riese, Stiefel ver- 
worfen. 



146 



Gesammtsitzung 



Formen des Tableaus 

l/'tl = * 

2. x = x 2 

3. x 2 = * 3 

4. £ 3 = * 4 

5. n = * 2 

6. sc =*= tf 3 

7. * 2 = x* 

8. n = £ 4 

9. n = je -+- .r 2 

10. * = * 2 -+-£ 3 

11. * 2 = * 3 + * 4 

12. x 2 =V-+- w 

13. # 3 = x 2 -i- x 

14. ^ = ^»-t-V 

15. x = x 2 -+-n 

16. # 2 = x 3 + x 

17. x 3 = * 4 + * 2 

18. n = tf 2 -f-# 4 

19. x * = £ 2 + w 

20. £ 2 = £ 4 + n 

21. 71 = x z 

22. a = # 4 

23. x 2 = x 

24. a; 2 = x 2 





Nac 


h Riese 


1. 


x = 


71 




2. 


n == 


# 


2 


3. 


x = 


# 


1 


4. 


?i = 


: # 


+ x 2 


5. 


x = 


: n 


~hx 2 


6. 


n + « 


= x 2 


7. 


tf 3 ■ 




x 2 


8. 


* 3 




X 


9. 


* 3 




n 


10. 


X 




x 2 4- x* 


11. 


* 2 


= 


x + x* 


12. 


x z 


= 


x 2 -+- # 


13. 


X* 


= 


* 3 


14. 


X* 


= 


x 2 


15. 


X* 


= 


X 


16. 


x 2 


= 


x z + x A 


17 


x z 


= 


x 2 + x* 


18 


X* 




x* -f- £ 2 


19 


. x 2 




Vx 


20 


. x 2 




Vx~ 2 


21 


. x A 




• 11 



22. 7i = «--*-*■ 

23. x 2 = n-f-tf 4 



24. « 



4 



»•.') 



.) Abgesehen von der Reihenfolge stimmen die Formen in beiden Auf- 
zählungen uberein, denn offenbar fehlen in den beiden letztem Formen des 
Tableaus die Wurzelzeichen, die in n. 19 nnd 20 nach Rtese erschien. 



vom 17. Februar 1870. 147 

Die folgende Seite des Manuscripts enthält verschiedene Bemer- 
kungen, Zusammenstellung von bereits Erwähntem, Beispiele u. s. w. 
Hiervon ist die erste Bemerkung besonders wichtig: Per punctum 
intellige radicem. 

Was das in Rede stehende Manuscript besonders eharakterisirt 
und wodurch es sich wesentlich von andern Handschriften und 
vielen ersten Druckwerken unterscheidet, ist die schematische Art 
des Ausdrucks: die Regeln, die sonst nur in Worten gegeben wer- 
den, sind hier auf kurze Weise möglichst durch Zeichen ausge- 
drückt. So lautet z. B. der Anfang : 

Conditiones circa -f- vel — in additione 

> facit ]]> addatur non sumendo respectiam quis nu- 
merus sit superior. 



>i fuerit { 

I— et 



> simpliciter subtrahatur minor numerus a 
majori et residuo sua ascribatur nota. 



Conditiones circa -{-et — in subtractione. 

Si fuerit -f- et -f- vel — et — , existente numero superiore ma- 
jore, fiat subtractio et relicto sua ascribatur nota. Si inferior ex- 
cesserit superiorem, fiat subtractio et residuo apponatur nota aliena. 

. r -f- et — 1 addatur absque ullo respectu superioris ( -+- 
bi tuerit | > et inferioris, quaesitum ad excessum pro- \ _ 

\ ' ductum habebit V 



Diese schematische Darstellung ist offenbar die Folge des Gebrauchs 
der Zeichen ■+- und — , die in Deutschland zuerst auftreten. Es 
konnte nun demjenigen, der nicht blofs mechanisch rechnete, dem 
es vielmehr um die Ausbildung der Wissenschaft zu thun war, 
nicht entgehen, dafs die Einführung anderer Zeichen für die übri- 
gen Operationen von gröfstem Nutzen sein müfste. In Bezug hier- 
auf ist hervorzuheben, was meines Wissens noch nicht geschehen 
ist, dafs die Einführung des Wurzelzeichens ebenfalls 
den deutschen Algebristen zu verdanken ist. Um dies 
deutlich auseinander zu setzen, mufs auf die indischen und arabi- 
schen Mathematiker zurückgegangen werden. 



!48 Gesammtsitzung 

Bekanntlich ist in dem Werk Bhascara's (12. Jahrh. n. Chr.) 
Lilawati genannt, eine Abhandlung über die Aritbmetik der Inder 
enthalten. Ich entnehme daraus die Ausziehung der Quadratwur- 
zel und zwar nach der Übersetzung Taylor's (Bombay 1816), 
die'das Verfahren und die Erläuterungen des Commentators Ga- 
nesa vollständiger giebt, als die Bearbeitung Colebrooke's Da 
die genannte Übersetzung äufserst selten ist, so will ich die btelle 
hier vollständig reproduciren. Bhascara's Vorschrift zur Aus- 
ziehung der Quadratwurzel lautet: 
Of the Square Root. 
Subtract from the last uneven period the greatest Square which 
it contains. Set down double the Square root in a separate line, 
and after dividing by it the next even period, subtract the Square 
of the quotient from the next uneven period, and also set down 
double this quotient in the line: Then divide the next even period 
by the number in the line, and on subtracting the Square of the 
quotient from the next uneven period, set down double this quo- 
tient in the line. Thus repeat the Operation thro' all the figures. 
The half of the separate or quotient line is the root. — 

Dazu giebt Taylor folgende Expiration, zugleich mit der 
Übersetzung des Commentars von Ganesa: 

The figures in the first, third, fifth etc. places, reckoning from the 
rio-ht, are called visama or uneven, and are marked by a perpendi- 
cular stroke. Those in the second, fourth, sixth etc. places, are cal- 
led sama or even, and are marked by a horizontal stroke. In the 
Operation the period receives its name from the denomination of the 
first figure on the right hand. When the first figure on the right is une- 
ven the periodis called uneven; whenthis first figure is even, thepenod 
is called even. Thus in the subsequent example of extracting the Squa- 
re root of 88209, the numbers 48, 122, 410, 49, are respectively na- 
med even, uneven, even, uneven. The details of ^Operation are 
thus given in the commentary, tacking for exemple 88209. „Make 
the marks even and uneven. Here the last uneven figure is 8; 
from this subtract 4 which is the Square of 2, and there remains 
of the Square number 48209: Then multiply the root of 4 by 2, 
the product is 4; set this down in a separate line, and by it di- 
vide te next even period 48; the quotient is 9, and there remains 



vom 17. Februar 187 0. 149 

of the Square 12209; subtract 81 which is the Square of the quo- 

i-i 
tient 9 from the next uneven period 122; there remains of the 

Square 4109: Then multiply the quotient 9 by 2; the product is 
18, which being put down in the separate line below 4, one place 
forward, the sum is 58: By this number divide the next even pe- 

riod 410; the quotient is 7, and there remains of the Square 49; 
from this uneven period subtract 49 which is the Square of 7; no 
remainder is lest: Then multiply the quotient 7 by 2, the product 
is 14; put this down in the separate line one place forward, and 
add together the different products in the separate line; their sum 
is 594, and the half of this is 297, which is the root of the 
Square 88209." 

Will man sich von der praktischen Ausführung des hier be- 
schriebenen Verfahrens eine Vorstellung machen, so mufs man wis- 
sen, dafs die Inder auf einer kleinen weifsen Tafel von 12 Zoll 
Länge und 8 Zoll Breite, die mit rothem Sand bedeckt war, rech- 
neten; mit einem Holzstift entfernten sie den Sand, so dafs die 
Ziffern auf dem weifsen Grund der Tafel sichtbar wurden. Leicht 
konnten die Ziffern, die nicht mehr gebraucht wurden, mit dem 
Finger ausgewischt werden, so dafs nur die Ziffern, die unmittel- 
bar bei der Rechnung in Betracht kamen, auf der Tafel vorhanden 
waren. 1 ) Demnach wird das obige Beispiel sich so darstellen: 



l-l-l 
88209 


2x2 = 4 


i-i-i 
48209 


9x2 = 18 


12209 


58 


-i-i 
4109 


7x2= 14 


-i 
49 


594 

2) onn 



297 

mit dem Unterschied, dafs die Zahlen 88209, 48209, 12209 u. s. w. 
nicht zusammen auf der Tafel vorhanden sind, sondern immer nur 
eine. Daraus erklärt sich denn auch die eigentümliche Bestim- 



l ) Taylor Lilawati, Introduction. 



150 



Gesammtsitziing 



m ung der Wurzel, dafs nämlich durch Halb.rung ^«> 
Producta, die man zur Bestimmung der Divisoren bildet die Wur- 
,el gefunden wird: es ist eben auf der Rechentafel zuletzt mchts 
weiter vorhanden, als jene Summe. _ 

Dies Verfahren der indischen Mathematiker in Betreff der 
Wurzelausziehung wurde von den Arabern aufgenommen; äufser- 
lich machten sie einige Abänderungen, sie liefsen z. B. bei der 
Eintheilung der Zahl die Horizontalstriche weg und setzten an dm 
Stelle der Verticalstriche Punkte, neben welchen die Ziffern der 
Wurzel ihre Stelle erhielten.') Am ausführlichsten beschreibt ein 
arabischer Mathematiker der spätesten Zeit (aus dem 15. Jahrb.) 
Abul Hasan Ali ben Mohammed Alkalsadi in se.ner Arithmetik 
die dabei befolgte Praxis: La') pratique de cette Operation con- 
siste ä compter les rangs du (nombre propose) en (disant alternative- 
ment) „racine, point de racine«, jusqu'ä la derniere place qui soit 
affectee de .racine- pnis ä chercher un nombre que vons poserez 



i) Ein Beispiel macht das Verfahren sofort deutlich: 

.3 -5 



r 



.0 



d.h. 



') Nach der Übersetzung von Woepcke. Rom. 1859. 



vom 17. Februar 1870. 151 

sous cette (derniere place), que vous multiplierez en lui-meme, et 
lequel alors fera evanouir ce (nombre) qui est place au-dessus de 
lui, ou en laisse un reste. Ensuite vous prenez le double du nom- 
bre qui avait ete multiplie en lui-meme, vous le faites reculer (de 
maniere qu'il se trouve) au-dessous de la place qui est affectee de 
„point de racine", et vous cherchez un nombre que vous poserez 
sous la (place) precedente affectee de „racine", et lequel, multiplie 
par le nombre redouble et par lui-meme, fasse evanouir ce (nom- 
bre) qui est place au-dessus de lui, ou en laisse un reste. Et 
ainsi de suite jusqu'ä la fin de 1' Operation. 1 ) 

Was hier sofort in die Augen springt, ist dafs der Punkt das 
Zeichen für die Wurzel geworden ist. Diese Auffassung wird 
nicht nur bestätigt durch die oben mitgetheilten, aus der Wiener 
Handschrift entlehnten Stellen, in welchen geradezu „punctum" für 
Wurzel gebraucht wird, sondern auch durch Adam Riese, in 
dessen Manuscript gebliebener Algebra die 19te Regel so lautet: 
Ist, so g vergleicht wird i? vom radix, sol man den g in sich mul- 
tipliciren vnnd das punct vor dem Radix aufsleschn. 

Gehen wir nun zu den ersten gedruckten algebraischen Schrif- 
ten von Hen. Grammateus und Ch. Rudolff über, so befolgt 
der erstere das Verfahren der arabischen Mathematiker in Betreff 
der Ausziehung der Quadratwurzel. Er giebt folgende Regel: 
Distinguere oder vorzaichen dein vorgelegte zahl mit puncten 
anzufahen von der rechten handt also das auff der ersten 
figurn stehe ain punkt, auff der dritten aber ein punct, und 
darnach auff der fünfften figurn auch ein punct, und also wei- 
ter allemal auff die nechsten dritten figurn ain punct, also 
werden allezeit die punctlein gesatzt auff die ungeraden stat, als 
auff die 1. 3. 5. 7. 9. 11 etc. stat, und wie viel punct sein, also 
viel komen figurn in die zal welches die würtzel ist u. s. w. Doch 
Grammateus bleibt hierbei stehen und bedient sich in der Be- 



J ) Das hier beschriebene Verfahren ist etwas anders als in dem obigen 
Beispiel; es stellt sich so dar: 

436 

13 3 2 2 5 
3 6 5 
6 
72 



J52 Gesammtsitzung 

handlang der algebraischen Aufgaben 2ten Grades stets des wört- 
lichen Ausdrucks „radix quadrata«. Anders Gh. Rudolff; im 7ten 
Capitel des ersten Theils seiner Algebra, worin er über den algo- 
rithmum de surdis quadratorum (d. i. über irrationale Quadratwur- 
zeln) handelt, bemerkt er: Zu mercken daz radix quadrata in di- 
sem algorithmo von kürtz wegen vermerckt wärt mitt solchem cha- 
racter •, als ^4 bedeutet radicem quadratam aufs 4; ferner im 
8ten Capitel, welches den algorithmum de surdis cubicorum ent- 
hält: Würt radix cubica in disem algorithmo bedeut durch solchen 
characterw/, als w^S ist zu versteen radix cubica aufs 8; dage- 
gen bezeichnet er die Wurzel des vierten Grades durch »/. Die 
Inconsequenz, die in der Bezeichnung der Wurzeln der verschiede- 
nen Grade hier sich zeigt, beseitigte Michael Stifel; er gebraucht 
sowohl in der Arithmetica integra als in der Cofs Oh. Rudolff s 
folgende Zeichen: ^ = j/, '<» = V, an welchen man noch se- 
hen kann, dafs sie aus dem Punct entstanden sind. Aus diesen 
Wurzelzeichen Stifel's ist im Lauf der Zeit das gegenwärtige 

y geworden. 

Demnach ist die bisherige Annahme, dafs das gegenwärtig ge- 
brauchte Wurzelzeichen aus », welches die italienischen Mathe- 
matiker als Abkürzung von Radix gebrauchen, hervorgegangen sei, 
durchaus unbegründet. 

Was nun die weitere Benutzung des Wiener Manuscnpts von 
Seiten der ersten deutschen algebraischen Schriftsteller, Henr. 
Grammateus und Ch. Rudolff, anlangt, so erscheint der al- 
gebraische Theil der Schrift des erstem nicht unmittelbar abhangig 
von demselben; der Verfasser bewegt sich durchaus freier als Ch. 
Rudolff, und hat offenbar noch andere Quellen gehabt. 1 ) Dage- 
gen hat Ch. Rudolff nach dem Wiener Manuscript gearbeitet 2 ); 



i) Hierauf scheinen die Worte in der Vorrede hinzudeuten: Als aber 
ich ain zeyt jn der kunst arithmetica vnd geometria etlich schöne vnd be- 
hende regeln jn villerlay Sachen dienstlich zusammen gezogen u. s. w. 

2) Damit stimmt das was Stifel in der Vorrede zu Kudolff's Cofs 
berichtet: Was aber dieser Christofe Rudolff bey etzlichen für Dank hab, 
will ich mich nicht jrren lassen. Ich höret auff ein zeit jm grewlich vnd 
vnchristlich fluchen, das er die Cofs hatte geschriben, vnd das beste (wie 
der flucher sagt) bette verschwigen, nemlich die Demonstrationen seyner Ke- 



vom 17. Februar 1870. 153 

wenigstens was die Theorie der algebraischen Gleichungen betrifft, 
so ist diese unmittelbar daraus entlehnt. Aber er beherrscht den 
ihm gebotenen Stoff selbstständig; er bleibt bei den acht Haupt- 
fällen der Gleichungen stehen und verwirft die daraus hervorge- 
gangenen 24 speciellen Fälle. Mehr aber als dieses ist hervorzu- 
heben, dafs Rudolff von der Überzeugung durchdrungen ist, dafs 
die Gestaltung der Wissenschaft von einer Zeichensprache abhängt. 1 ) 
Dadurch dafs er das Wurzelzeichen einführte und dafs er die Zei- 
chen 4- und — durchgehends anwandte, wurde er der Begründer 
der algebraischen Zeichensprache und errang so ein Übergewicht 
der deutschen Mathematiker über die Leistungen anderer, besonders 
italienischer Algebristen, was bereits Hutton und Chasles aner- 
kannt haben. 



An eingegangenen Sehriften wurden vorgelegt: 

Sechszehnter Bericht der Philomathie in Neisse. Neisse 1868. 8. 
Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 16. Jahrgang. 

Nürnberg 1869. 4. 
Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Heft XL VII 

u. XLVIII. Bonn 1869. 8. 
II nuovo Cimento. Dez. Pisa 1869. 8. 
A. Palle, Über Meningitis. Athen 1869. 8. 
Lacolonge, Recherches sur le ventilateur. Paris 1869. 8. 



geln. Vnd hette seine Exempla (wie er saget) aufs der librey zu Wien 
gestolen. 

2 ) Das bezeugen alte bücher nit vor wenig jaren von der cofs geschri- 
ben, in welchen die quantitetn, als dragma, res, substantia etc. nit durch 
character, sunder durch gantz geschribne wort dargegeben sein, vnd sunder- 
lich in practicirung eines yeden exempels die frag gesetzt, ein ding, mit sol- 
chen worten, ponatur vna res. — Aus der Vorrede zum zweiten Theil der 
Cofs Rudolff 's. 

[1870] n 



j 54 Gesammtsitzung 

24. Februar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. A. W. Hofmann las über die Darstellung der 
Äthylamine im Grossen. 

Seit es mir 1 ) gelungen war, die äthylirten Ammoniake mit Hülfe 
des Brom- oder Jodäthyls darzustellen, hat man mehrfach versucht, 
statt dieser Agentien andere anzuwenden. Der Gedanke lag nahe, 
die Brom- und Jodverbindung durch das Chlorid zu ersetzen und es 
schien für diesen Ersatz einmal die weit gröfsere Zugänghchkeit des 
Chlors zu sprechen, dann aber auch das viel niedrigere Atomgewicht 
des Chlors und schliefslich die gröfsere Unlöslichkeit des Chloram- 
moniums in Alkohol, verglichen mit der des entsprechenden Bro- 
mids und Jodids, welche eine leichtere und vollständigere Scheidung 
des Ammoniaks von seinen äthylirten Abkömmlingen versprach. 
Die ersten Versuche über die Einwirkung des Chloräthyls auf das 
Ammoniak sind von Hrn. Stas 2 ) angestellt worden. Dieser Che- 
miker beobachtete, dafs eine Lösung von Chloräthyl in mit Am- 
moniak gesättigtem Äther nach längerer Zeit schöne Krystalle von 
salzsaurem Äthylamin absetzte. Eingehender ist das Verhalten des 
Chloräthyls zum Ammoniak etwas später von Hrn. C. E. Groves ) 
in meinem Laboratorium untersucht worden. Derselbe fand, dafs 
sich bei sechs- bis siebenstündigem Erhitzen von Chloräthyl mit 
dem dreifachen Volum starker alkoholischer Ammoniaklösung auf 
100° vorzugsweise chlorwasserstoffsaures Äthylamin neben kleinen 
Mengen chlorwasserstoffsauren Diäthylamins und Triäthylammonium- 
chlorids bildet. Es mir nicht bekannt geworden, dafs diese Ver- 
suche von Andern wieder aufgenommen worden sind, auch lagen 
bisher keine Ermittelungen vor, welche die Chemiker hätten ver- 
anlassen können, dem Chloräthyl vor dem altbewährten Bromid 
und Jodid den Vorzug zu geben. 

In letzter Zeit war ich genöthigt, zur Fortsetzung meiner Ar- 
beit über das Äthylsenföl eine gröfsere Menge von Äthylamin zu 
bereiten. Ein eigenthümliches Zusammentreffen von Umstanden 
hat mich veranlafst, die Darstellung der Äthylbasen durch die Ein- 
wirkung des Chloräthyls auf Ammoniak von Neuem zu versuchen. 



!) Hofmann, Ann. Chem. Pharm. LXXII. 159. 

2 ) Stas, Kekule's Lehrbuch. Bd. I. S. 455. 

3 ) Groves, Chem. Soc. Qu. J. XIII., S. 341. 



vom 24. Februar 1870. 155 

Die interessanten Beobachtungen des Hrn. O. Liebreich über 
die physiologischen Wirkungen des Chloralhydrats haben schnell 
zu einer schwunghaften industriellen Gewinnung dieses merkwür- 
digen Körpers geführt. Mehrfach bereits ist die Chloralindustrie 
Gegenstand der Besprechung im Schoofse der chemischen Gesell- 
schaft gewesen, und es sind zumal die Mittheilungen der HH. Mar- 
tius und Mendelsohn-Bartoldy *), sowie der HH. Müller 
und Paul 2 ) hier zu erwähnen. Diese betreffen indessen nur die 
Eigenschaften und die Darstellung des Chlorals. Die gleichzeitig 
in dieser Fabrikation auftretenden Nebenproducte sind bis jetzt 
kaum beachtet worden. Ich wurde zuerst von Hrn. Gustav 
Krämer, der sich ebenfalls eingehend mit der Gewinnung des 
Chlorals beschäftigt hat, darauf aufmerksam gemacht, dafs sich bei 
der Darstellung dieses Körpers eine erhebliche Quantität von Ne- 
benproducten bildet, welche stets gröfsere Mengen von Chloräthyl 
enthalten. Von diesen Nebenproducten und zumal von dem flüch- 
tigeren Antheile derselben, waren während der letzten kalten Tage 
in der Fabrik des Hrn. E. Schering viele Kilogramme condensirt 
worden. Durch die Güte der HH. Schering und Krämer 
stand mir eine reichliche Menge dieses interessanten Productes zur 
Verfügung. Wie ich es erhielt, stellt dies Product eine farblose, 
durchsichtige, in Wasser unlösliche und untersinkende Flüssigkeit 
dar, von so niedrigem Siedepunkte, dafs sie schon bei der Berüh- 
rung mit der Hand ins Kochen kommt. Die reichlich entwickel- 
ten Dämpfe sind entzündlich und brennen mit rusender grünum- 
randeter Flamme. Mit eingesenktem Thermometer destillirt, beginnt 
die Flüssigkeit bei 17 — 18° zu sieden. Der Siedepunkt steigt lang- 
sam auf 30—32°, wo er einige Augenblicke constant wird, dann 
rasch bis auf 50°, bei welcher Temperatur fast alles übergegangen 
ist. Setzt man die Destillation noch weiter fort, so ist bei der 
Temperatur des siedenden Wassers nichts anderes als eine kleine 
Menge krystallisirter Substanz zurückgeblieben. 

Ich war begierig zu erfahren, in wie weit sich dieses Product 
für die Darstellung der Äthylbasen würde verwerthen lassen. Gleich 
die ersten Versuche, bei denen ich von Hrn. Fr. Hob reck er mit 
gewohntem Eifer und Geschick unterstützt worden bin, haben so 



*) Martius und Mendelsoh-Bar tholdy , Berichte 1869, S. 353. 
2 ) Müller und Paul, Berichte 1869, S. 541. 

11* 



256 Gesammtsitzung 

erfreuliche Resultate ergeben, dafs ich nicht umhin kann, die Aka- 
demie schon in der heutigen Sitzung auf diese fast unerschöpfliche 
Quelle von Material für die Darstellung der äthylirten Ammo- 
niake aufmerksam zu machen, obwohl verschiedene Versuche, wd- 
che durch die erwähnte Beobachtung angeregt wurden, noch nicht 
zum Abschlufs gekommen sind. ,.'..', 

Zur Erzeugung der Äthylbasen behandelt man die be, der 
Fabrikation des Chlorals entweichenden, durch geeignete Abkühlung 
condensirtcn flüchtigsten Nebenproducte mit einer starken Losung von 
Ammoniak in Alkohol, in geschlossenen Gefässen be, 100 . Ich 
habe die Digestion Anfangs in emaillirten Eisengefäfsen vorgenom- 
men, mich aber später, nachdem ich gefanden hatte, dafs das Eisen 
unter den gedachten Umständen kaum angegriffen wird, eines gros- 
sen nicht emaillirten schmiedeeisernen Digestors bedient, dessen 
Deckplatte aufgeschraubt war, so dafs die Flüssigkeiten durch eine 
kleine leicht verschraubbare Öffnung eingebracht wurden. Dieselbe 
Öffnung diente alsdann auch zur Entleerung der Digestionsproducte. 
Wässriges Ammoniak wirkt gleichfalls, nur langsamer; auch wer- 
den in diesem Falle die eisernen Gefässe stark angegriffen. Bei 
Anwendung der wässrigen Ammoniak -Lösung läfst sich stets die 
Bildung einer kleinen Menge Alkohols constatiren. Wahrschein- 
lich wird indessen auch bei Anwendung alkoholischer Losungen 
etwas Alkohol und vielleicht sogar Äther aus dem Chloräthyl er- 
zeugt Bei gewöhnlicher Temperatur wird das Gemenge von 
Chloriden sowohl von wässriger als auch von alkoholischer Am- 
moniaklösung nur äufserst langsam angegriffen. _ _• 

Nach mehreren Präliniinarversuchen zeigte es sich, dals die 
mir zur Verfügung stehende Mischung von Chloriden bei der Di- 
gestion mit dem dreifachen Volumen Alkohol von 95 pCt., der bei 
0° mit Ammoniak gesättigt war, befriedigende Ergebnisse lieferte. 
Der Digestor, dessen ich mich bediente, hat eine Capactat von o 
Litern; er wurde mit 500 Cub. Cent, der Chloride und der ent- 
sprechenden Menge alkoholischen Ammoniaks beschickt. Nach 
einstündigem Erhitzen im Wasserbade war die Reaction vollendet. 
Das noch immer stark ammoniakalische nur wenig gefärbte Reac- 
tions-Product wurde zunächst durch ein Filter von dem reichlich 
gebildeten Salmiak geschieden und alsdann im Wasserbade destil- 
lirt Aus den ersten Antheilen des alkoholischen Destillates schied 
sich auf Wasserzusatz eine nicht unbeträchtliche Menge einer 



vom 24. Februar 1870. 157 

schweren öligen Flüssigkeit, offenbar die höher chlorirten Chlor- 
äthyle enthaltend, von der ich für heute nur bemerken will, 
dafs sie, wie sich aus dem Siedepunkt alsbald ergab, kein Chlor- 
äthyl mehr enthält. Die späteren Antheile der Destillation sind 
schwaches alkoholisches Ammoniak, welches, um für eine zweite 
Operation verwendbar zu sein, nur wieder gesättigt zu werden 
braucht. Sobald die Destillation im Wasserbade erlahmt, wird die 
Flüssigkeit in einer offnen Schale zunächst auf dem Wasserbade 
und endlich bei höherer Temperatur erhitzt, bis die letzten Spuren 
Alkohol ausgetrieben sind. Beim Erkalten erstarrt die Flüssigkeit 
zu einer faserigen Krystallmasse der Chlorhydrate der äthylirten 
Ammoniake, denen nur aufserordentlich wenig Salmiak beige- 
mengt ist. 

Auf Zusatz von concentrirter Natronlauge zerlegen sich die 
Chlorhydrate der Aminbasen und ein Gemenge von Äthyl-, Diäthyl- 
und Triäthylamin steigt auf die Oberfläche der wäfsrigen Salzlö- 
sung, während eine kleine Menge Ammoniak entweicht. Die freien 
äthylirten Ammoniake brauchen nur noch mittelst eines Scheide- 
trichters abgehoben und eine Nacht über starres Natriumhydrat 
gestellt zu werden, damit sie alles Wasser verlieren. Bei der 
Destillation erweist sich die farblos durchsichtige Flüssigkeit als 
ein Gemenge von Äthylamin, Diäthylamin und Triäthylamin in etwa 
gleichen Theilen; die Flüssigkeit fängt bei etwa 20° an zu sieden; 
der Siedepunkt steigt dann auf 108°, allein schon bei 95° ist fast 
die ganze Menge der Flüssigkeit übergegangen. 

In den Versuchen, deren Ergebnisse ich der Akademie vorzu- 
legen die Ehre habe, wurden 5 Liter des bei der Fabrikation des 
Chlorais als Nebenproduct auftretenden Öles in Arbeit genommen. 
Die Operation war mit fünf oder sechs Digestionen vollendet und 
es wurden etwa 1-J Liter wasserfreier Basen erhalten. 

Leider hatte ich bei diesen Versuchen von Neuem Gelegenheit, 
die schon früher gemachte Erfahrung 1 ) zu bestätigen, dafs es hoff- 
nungslos ist, die drei Äthylbasen durch Destillation von einander 
scheiden zu wollen. Diese Erscheinung ist gewifs befremdlich, 
wenn man bedenkt, dafs zwischen den Siedepunkten sowohl des 
Äthyl- und Diäthylamins, als auch des Diäthyl- und Triäthylamins 
ein Temperaturintervall von nahezu 40° liegt. Man mufs um die 



l ) Hofmann, Lond. R. Soc. Proc. XL S. QG. 



158 Gesammtsitzung vom 24. Februar 1870. 

drei Basen von einander Z u scheiden, zu der früher 1 ) von mir be- 
schriebenen Trennungsmethode mit Oxalsäureäther seine Zuflucht 
nehmen. Möglich indessen, dafs das reichliche Material, welches 
jetzt zur Verfügung steht, einfachere Trennungsmethoden aufzufin- 
den gestatten wird. 

Die hier mitgeteilten Ergebnisse haben mich veranlafst, auch 
das Verhalten anderer Alkoholchloride und zumal des Chlormethyls 
zum Ammoniak einer eingehenderen Prüfung zu unterwerfen. In 
einer der nächsten Sitzungen hoffe ich, der Akademie über den 
Erfolg dieser Versuche berichten zu können. 

i) Hofmann, Lond. E. Soc. Proc. XL 66. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden vor- 
gelegt: 

Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft. 23. Bd. 4. Heft. Leip- 



Hedwigia. 'Ein Notizblatt für Tcryptogamische Studien. 8. Bd. Dresden 

Verhandlungen und Mittheilungen des siebenhur gischen Vereins für Natur- 
Wissenschaften in Hermannstadt. 12. Jahrg. Hermannstadt 1861 8. 

Abhandl. der Königl. Gesellschaft der Wissensch. zu Göttingen. 14. Band. 
Göttingen 1869. 4. . 

Carl Karpf, T<5 «' ?« sW. Die Idee Shakespeare und deren Verwirk- 
lichung. Hamburg 1869. 8. Mit Begleitschreiben des Verfassers d. d. 

Ruhethal 16. Febr. 1870. . 

* eg el, Sertu», petrovoMan™. Petersburg 1869. fol. Mit Begtatsehre- 

ben d. d. Petersburg 3. Dez. 1869. 
Bulletino meteorologico. Anno III. Torino 1868. 4. 
Atti della accademia delle scienze di Torino. Vol 4. , Tonne ^1869. 8. 
Duby, Choix de cryptogames exotigues. (Suite.) Geneve 1869. 4. 



Sitzung der philosoph.-histor. Klasse vom 28. Februar 1870. 159 

28. Februar. Sitzung der philosophisch-historischen 
Klasse. 

Hr. Curtius sprach über griechische Personennamen. 

Für kein Gebiet der klassischen Alterthumskunde ist in der 
letzten Zeit der Stoff so massenhaft angewachsen, wie für die 
Kenntnifs der griechischen Namen, deren wissenschaftliche Betrach- 
tung kein Sachkenner als eine unnütze Arbeit ansehen wird, und 
nachdem ich früher einen Abschnitt der geographischen Onomato- 
logie behandelt habe 1 ), um den Versuch zu machen, was sich auf 
diesem Gebiete erreichen lasse, um die Naturanschauung der Grie- 
chen und die wesentlichsten Gesichtspunkte ihrer Namengebung kla- 
rer zu machen, lege ich heute einige Studien über griechische Per- 
sonennamen vor, um darauf hinzuweisen, wie dieselben als Quel- 
len der Volksgeschichte zu benutzen sein möchten. 

Wenn Proklos zu Plato's Kratylos zwei Arten von Personen- 
namen unterscheidet, solche, welche Begriffe und solche, welche 
Individuen bezeichnen, so würden im eigentlichen Sinne nur die 
letzteren Eigennamen sein. Indessen sind auch diese, wie man 
schwerlich bezweifeln wird, ursprünglich appellativ und haben nur 
willkürlich eine rein individuelle Bezeichnung erhalten. Von den 
Griechen aber ist dieser Zusammenhang immer sehr lebhaft em- 
pfunden worden. Sie haben eine entschiedene Vorliebe für inhalt- 
volle Namen mit durchsichtiger Bedeutung, und wenn es unter den 
griechischen Namen manche giebt, welche wie inhaltleere Laut- 
gruppen aussehen und scheinbar ohne Zusammenhang dastehen, 
so liegt der Grund wohl darin, dafs die Eigennamen z. Th. sehr 
alten Sprachperioden angehören. Die Griechen betrachteten ihre 
Eigennamen als ein wesentliches Kennzeichen ihrer Nationalität 
und sahen es als etwas Entehrendes an, wenn Freigeborene unter 
ihnen ausländische Namen trugen. 

ccIt^cv yag ovo\xa (povyicxxov yvvcux s^/stv (Athen, p. 578). 
Ihr Sinn für das Schöne und Gute ist in ihren Namen wie in 
ihren Kunstwerken ausgeprägt. Sie vermeiden alle Namen von 
üblem Klange, mochte derselbe nur in den Lauten, oder auch in 
der Bedeutung liegen, also eine xaxtxfHavict oder eine Svo-fpYrfMcc sein, 



J ) Götting. Nachrichten 1861 Julius. 



160 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

und liebten es vielmehr die edelsten Richtungen des Volksgeistes 
sowie die am meisten gesehätzten Tugenden in ihren Eigennamen 
ausgeprägt zu sehen. Andererseits wufsten sie die gleichlautenden 
Begriffs- und Eigennamen in sehr bestimmter und praktischer Weise 
zu unterscheiden, und zwar nicht nur durch den Tonfall, sondern, 
wenn wir den alten Grammatikern glauben, auch durch den Hauch, 
indem bei componirten Eigennamen die Interaspiration gehört, bei 
den gleichlautenden Appellativen aber nicht gehört wurde. Man 
unterschied (pitimrog von ^iXinnog, afxfia^og von 'A/^/aAo?, und er- 
reichte für das Ohr, was in alten und neuen Sprachen nur durch 
Schriftweisen erzielt worden ist (Schol. Od. 8, 114. Lehrs Arist. 
ed. alt. p. 318). 

Die griechischen Personennamen sind aber nicht nur für das 
Volk im Ganzen ein Spiegel seiner Eigentümlichkeit und gleich- 
sam der Niederschlag seiner ethischen Vorstellungen, sondern auch 
für die Eigentümlichkeiten der einzelnen Volksstämme, Land- 
schaften und Städte. Man erkennt in ihnen die vorherrschenden 
Lokalkulte die reinere oder gemischtere Nationalität, die geringere 
oder höhere Idealität der Geistesrichtung, die Beziehungen zum 
Auslande sowie die innerhalb der Gemeinde vorherrschenden Be- 
schäftigungen. Dies sind die Ivö^arct ano tuv n§dpwv, wie Sie 
Apollodoros nach Athenaeus 172 F. zusammengestellt hat. Wenn 
man also in einer Gemeinde eine Reihe solcher Namen fand, wie 
'AgTvrlTociyog, 'EXeoSuryg, 'IxSvß&og, muxooos, so erkannte man so- 
fort, dafs hier ein Tempelinstitut das Centrum war, von dem die 
Gemeindeglieder ihren Erwerb, ihre Beschäftigungen und dann auch 
ihre Namen erhalten hatten, wie es in Delos der Fall war. Auch 
bei dem vielseitigst entfalteten Leben konnte man immer noch einen 
Lokalton der Eigennamen erkennen, und wenn die Athener ihren 
zum Export bestimmten Thongefäfsen den Character der Heimath 
recht deutlich aufdrücken wollten, so schmückten sie dieselben mit 
den bei ihnen landesüblichen Namen, und Jedermann nahm die Ge- 
fäfse als attisch hin. Wir haben nach und nach für Delphi, für 
Aetolien, für Böotien, auch für Thasos und Rhodos einen Über- 
blick der dort üblichen Namenreihen, und man wird nicht ver- 
kennen, dafs damit ein Material für Stamm- und Ortsgeschichte 
gewonnen ist, welches lange noch nicht genügend verwerthet ist. 
Die landschaftlichen Personennamen haben gleich den Landesmun- 
zen ihr charakteristisches Gepräge, aber es bildete sich allmählich 



vom 28. Februar 1870. 161 

auch in den Namen eine koivy. Beliebte Namen wie 'Agia-Tüov — 
daher das Sprichwort 7toXac« oi 'Agio-Twvsg — finden sich in Athen, 
Sparta, Korinth, Kyrene, und wir sind bei Weitem nicht so sicher, 
um z. B. wie es bei den Untersuchungen über das Vaterland des 
Tyrtaios geschehen ist, die auf ß$orog ausgehenden Eigennamen 
als unbedingt lakedämonisch in Anspruch zu nehmen. Die grie- 
chischen Namen aufserhalb des griechischen Volksgebiets, wie z. B. 
in Carthago, zeigen uns die Hellenen in der Diaspora; ungriechi- 
sche Namen in Griechenland das Eindringen fremder Elemente. 
Auch nach der Zeit lassen sich die Namen gruppiren und kleine 
Abweichungen genügen, um die klassische Zeit von der spätem 
zu unterscheiden, wie dies schon Meineke in dem an feinen ono- 
matologischen Beobachtungen reichen Vortrage über die Epidemien 
des Hippokrates gezeigt hat (Monatsbericht 1852). 

Endlich sind auch die Ständenamen von Wichtigkeit, weil sie 
uns den Bestand der Zünftigkeit erkennen lassen und uns zeigen, 
was die Alten bei den einzelnen Ständen der Gesellschaft, bei dem 
der Künstler, der Ärzte, der Priester als das Charakteristische an- 
sahen. Die Charakternamen bilden ein reiches Material, um den 
Witz des Volks und seine Lebensanschauungen kennen zu ler- 
nen. In die gemüthlichen Beziehungen des häuslichen Zusammen- 
lebens, welche sich sonst der geschichtlichen Betrachtung ganz ent- 
ziehen, führen uns die Sklavennamen, namentlich die der späteren 
Zeit; denn wir können auch hier gewisse Moden erkennen. In 
diesen Namen erging sich der Volksgeist ohne durch Herkommen 
beschränkt zu sein. Zur Zeit der delphischen Manumissionsurkun- 
den herrschte in der Namengebung schon eine gewisse sentimen- 
tale Tändelei (Uv^crrs^ci, Acfxctg, Koo-Tvcpoc, 'HSelu 1 ); wobei viel- 
leicht zu erwägen ist, dafs es besonders vertrauliche Verhältnisse 
waren, aus denen die Manumission hervorging. 

Ursprünglich haben die Sklaven, weil sie keine Personen sind, 
auch keine Personennamen, sondern nur ovL\xutu ano tuSu i&ȣfo 

Nach der Sitte, welche wir in Athen finden, benennt der Haus- 
herr unbedingt die freien wie die unfreien Mitglieder seines Haus- 
standes; er ist H-Joiog ov \xovov SzcrBcct cnv ccoyj^g Tcvvojxct^ aXXcc xui> 
7tcthiv J£a?.£?\//at ßovXüüVTcct, neu utiqky^Z^ui Dem. 1006. Es bedarf 

2 ) G. Curtius Berichte der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 
1864 S. 235. 



J62 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

also nur einer Anmeldung nnd einer Veröffentlichung durch die 
Ausrufer. Von Staatswegen geschieht nichts in Betreff der Namen- 
gebung, als dafs etwa zu Ehren einzelner Personen wie des Har- 
modios und Aristogeiton, die Verwendung ihrer Namen für Un- 
freie verboten wird. Der Staat hat ein »„verkennbares Interesse 
daran, dafs eine gewisse Ordnung in der Namensgebung .herrsche 
und den Unzuträglichkeiten vorgebeugt werde, welche aus Verwechs- 
lung der Personen entstehen. Aber auch hier mischt er sich un- 
gern ein und Mantitheos kann es nicht durchsetzen, dafs ihn die 
Lhter im alleinigen Besitze seines Namens schützen In der Ge- 
meinde selbst aber Wird das »fc*» kt «t0 0,0,^ als I flicht und 
eine Sache des AnStandes angesehen; willkürliche Namensanderun- 
gen zeugen von Unzuverlässigkeit, wie bei Aischmes. 

Die väterliche Willkür in Betreff der Namengebung wird durch 
die Tradition beschränkt. Die Familiennamen bilden den Faden 
welcher die einzelnen Glieder an einander reiht. Der Name ist 
etwas Heiliges, von dem auch das rf *<Ä gilt- Er bezeugt wie die 
Todtenspende, den Glauben an den das Grab überdauernden Zu- 
sammenhang der Hausglieder; er ist das Unter pfand für das Ge- 
dächtnifs der Verstorbenen und zugleich eine Weisung für die Nach- 
geborenen, der Haussitte treu zu sein; sie werden also gegeben, 
wie die Alten es ausdrücken, *f.« f*«fW ** *p* ^' ba - 

Eine weitere Beschränkung der Willkür lag in der auch aus- 
serhalb Athen, namentlich in Böotien (Keil Sylloge p. 531, ,557) 
„achgewiesenen Sitte, dem ältesten Sohne den Namen des Gro s- 
vaters väterlicher Seite als ehrende Mitgift zu verleihen, eine Sitte, 
welche im semitischen Morgenlande zu Hause ist (Luynes Num 
des Satr. p. 89) und ihre gute physiologische Begründung hat. 
Darauf beruht der Gebrauch zweier Familiennamen, welche alter- 
„iren, und es ist von Interesse, das Verhalten derselben zu einander 
in dJs Auge zu fassen, namentlich bei Compositen, welche schon 
des vollen Klangs wegen in den vornehmeren Familien besonders 
beliebt waren. Wir finden nämlich in der Eegel ein Nanien- 
thema, welches beiden gemeinschaftlich ist, während das andere 
wechselt. Also A bleibt und B ist das unwesentliche Element 
oder umgekehrt; dabei ist auch der Umstand zu erwähnen, dafs 
das unwesentliche Elemeut, mag es A oder B sein, auch in dem 
einen Namen ganz fehlen kann und in dem andern nur wie , ein 
erweiterndes Suffix eintritt (wie auch zuweilen nur durch alterm- 



vom 28. Februar 1870. 163 

rende Suffixe aus einem Stamme zwei Familiennamen gebildet wer- 
den, z. B. Tolmaios und Tolmides). Zu der ersten Klasse gehören 
Archeneos und Archemachos, Kallistratos und Kallikrates, Kriton 
und Kritobulos, Hermon und Hermokrates. Zu der zweiten Eupo- 
lis und Sosipolis, Apollodoros und Aiautodoros, Timokles und Po- 
lykles. Zuweilen ist es eine blofse Assonanz, welche die beiden 
Namen verbindet, wie Anytos und Anthemion, Krios und Polykri- 
tos. Auch kommt es vor, dafs A und B ihre Stellen tauschen, 
wie in Aristonikos und Nikophanes, Bularchos und Aristobulos. 
Endlich giebt es noch eine interessante Gruppe von Familienna- 
men, wo die Übereinstimmung im Sinne liegt, wie Atrometos und 
Aphobetos, Pythios und Apelles, Philumenos und Eros. Man er- 
kennt das Streben, die Namen paarweise zu verbinden und durch 
die Anwendung zweier Namen das fehlende gentilicium zu ersetzen. 
Ahnliches findet sich einzeln auch aufserhalb Athen und aufserhalb 
Griechenland, wie die Familiennamen Pharnakes und Pharnaba- 
zos beweisen. 

In Bezug auf die Namenthemata haben schon die Alten 
(Athen. 748) einen durchgreifenden Unterschied geltend gemacht, 
den der profanen Namen («3-e«) und den der BeoQog«, welche dem 
Siegelsteine gleich einen Gott als Zeichen an sich tragen, und den 
Anschlufs eines Hauses an einen bestimmten Cult erkennen lassen. 
Wenn ein Gott gewissermafsen zu den Familiengevattern gehörte, 
so fühlten sich die Mitglieder ihm verpflichtet. Davon zeugen z. B. 
die von der Mutter einer Demetrias für ihre Tochter der Demeter 
dargebrachten Weihgeschenke (C. 1. Gr. n. 2108). Der Name ist 
eine 3-ffa inUx^ng und kann, wie es C. 1. Gr. 6012 spielend ge- 
schieht, als ein Gottesgeschenk bezeichnet werden. Was durch 
solche Namen erzielt wird, nennt Plutarch (de def. or. c. 21) a-w- 
TeTa%&oci Ssw; sie lassen auf eine gewisse feierliche Verleihung 
schliefsen, nach Art der unter Auspicien stattfindenden Namenge- 
bung der Heroenzeit (Pind. Isthm. 5. 50) und auf priesterlichen 
Einflufs, ebenso wie die oben erwähnten delischen Namen, nur mit 
dem Unterschiede, dafs die letztern aus der Hierodulie erwachsen 
sind. Bei der andern Namensgattung verschwinden alle religiösen 
Einwirkungen und es treten ohne Einschränkung alle Lieblingsideen 
des Volks (vujUfr £o£<*, fß^yas, «fyj, ßovXr,, (Jid%Y„ ^fxog u. s. w.) 
als beliebteste Namenthemata auf. 



164 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Hat man sich die Beschränkung dentlich gemacht, welche durch 
erbliche Tradition der väterlichen Willkür gesetzt war, so ist .es 
andererseits von Interesse, die Abweichungen von der Tradition 
nach ihren verschiedenen Arten und Veranlassungen m das Auge 

ZU f TuTächst ist zu bedenken, dafs nur in Betreff des Stammhal- 
ters von einer Gebundenheit des Familienvaters die Rede Bern kaum 
Es ist also ganz verkehrt, wenn Gleichnamigkeit von Vater und 
Sohn als etwas griechischer Sitte Widersprechendes beze.chnet wird 
(Petersen Archäologie S. 91). Der Sohn der Aspasia erhielt zu 
seiner Legitimation den Namen Perikles. Starb der Erstgeborene 
im Vaterhause, so dürfen wir vielleicht annehmen, dafs der jüngere 
Bruder in seinen Namen einrückte, weil derselbe ein tgr/fe« war 
und mit Erstgeburtsrechten zusammenhing. Dafs auch Erstgeborene 
den Vaternamen tragen konnten, zeigen Demosthenes, der jüngere 

Meidias u. A. BnllÄ . 

Die Abweichungen von der Familientradition bestehen zunächst 
in Veränderungen des Erbnamens; das sind entweder Koseformen, 
welche den nrsprünglichen Namen verdrängen, wie ApTivWW iur 
rA^rW^fc ***** Kr l H ? Ä "W «* 'A^- f «o, und viel- 
leicht Zrigw für bu'S**» (Sauppe zu Protagon p. 318), oder 
was häufiger ist, nobilitirende Erweiterungen, namentl.ch durch 
patronymische Endung: ***»-, S**% M^« ?% o, M,^<V; 
der Einzelne erscheint dadurch als das Glied einer Reihe von Ge- 
schlechtsgenossen; es ist die antike Art des Baronisirens. Jede 
Verlängerung hat etwas dem Ohre Imponirendes und dient dazu, 
dem Namen statt des bürgerlichen Klanges ^ ™T> ^ 
hochtrabenden Anklang zu geben, der an den Kothurn de Buhne 
erinnerte; daher i*& r^J,. Der reich gewordene S ephanos 
nennt sich sofort ******■«« *»* V^«"* "J^ 19 (BrU "f 
Anal II 154) Von den amplificirenden Namensnfnxen , welche 
sich 'im Neugriechischen erhalten haben, habe ich in den Göttinger 
Nachrichten 1857 S. 307 gehandelt. 

Wirkliche nnd vollständige Namensänderungen oder Metono- 
masien finden statt, wenn die Person, welche mit der Namenge- 
Du „g zu einer solchen geworden war, ^«^™^2S£ 
also vor Allem wenn Menschen Heroen werden wie der Schaf hrt 
Pixodaros, der Entdecker der Steinbrüche bei Ephesos; it. statin, 
honores decrevernut ei et nomen mutaverunt, ut proPixodaro Euan- 



vom 28. Februar 1870. 165 

gelos nominaretur (Vitruv. p. 252 ed. Rose). So wurde, weil er 
einen Gott empfangen, Sophokles zum Dexion (nach Analogie von 
Eurygyes und Androgeos, Thyone und Semele), Oimus zum Dexa- 
menos. Nomen mutare ist Vergötterung; daher der Titel Mstuovo- 
fxctTiat, für das Buch des Nikanor bei Athen. 296 d. 

Eine wesentliche Veränderung der Persönlichkeit ist auch der 
Übertritt aus dem Privatleben in den Fürstenstand; so erhält 
Lyside als Fürstin von Korinth den Ehrennamen Melissa. Aus 
Aeropos wird ein Archelaos, aus Andreas Orthagoras, aus Athenion 
Aristion; die Identität von Iason und Prometheus ist sehr wahr- 
scheinlich (Gr. Gesch. III, 766). Ich bin überzeugt, dafs wir von den 
griechischen Tyrannen meistens nur den Dynastennamen kennen, 
Aristonymos, Polykrates, Leodokos, Periandros, Philokypros etc. 

Auch der Übertritt aus einer Nation in eine andere ist wie eine 
neue Geburt, daher wird aus der Gallischen Petta eine Aristoxena 
(Athen. 576); es ist ein Beispiel der Umnennungen, wie sie häufig 
in den Colonien vorkamen bei Verheirathung der Eingebornen 
mit Hellenen. Ferner der Übertritt aus dem profanen Leben in 
ein heiliges, ein ganz dem Gottesdienste gewidmetes. Da werden 
die Individuen geweiht und empfangen als oa-mSevTsg anstatt des 
Familiennamens, den sie ablegen, einen neuen Namen; sie werden 
erst avwvvjAQi und dann ls§wwßpt. Lucian. Lexiph. 10. 1 ) Im Cultus 
herrscht das Symbol. Daher soll auch der Name ein Symbol des 
Dienstes sein gleich den anderen Attributen desselben und das Auf- 
gehen der Persönlichkeit in den Dienst bezeichnen. Darum hiefs 
der Fackelträger auch Daduchos. Das Zusammengehen von nomen 
und omen, was die Griechen cps^uovviMce nennen, ist bei den Heilig- 
thümern zu Hause, wie die priesterlichen Namen Butes, Hieron, 
Hieronymus, Hierophantes, Athenion, Pyrphoros, Iw* ßuofXM u. s. w. 
zeigen. Vergleiche Böckh C. 1. Gr. I. p. 325 b. Hermogenes ist 



a ) Wie weit verbreitet diese Art der Metonomasie ist, die darin besteht, 
dafs der Anfang eines neuen Lebens durch einen neuen Namen bezeichnet 
wird, bedarf keines gelehrten Nachweises. Ich erinnere nur an die Be- 
nennung der Apostel bei Antritt ihres Amts, an die Taufnamen der Wieder- 
geborenen und an die Art, wie sich Einige der ersten Humanisten dadurch 
von den bürgerlichen Verhältnissen lossagten, dafs sie klassische Namen an- 
nahmen und z. B. aus einem Sanseverin zu einem Julius Pomponius Luetus 
wurde (Burckhart Cultur der Renaissance Aufl. 2. S. 195). 



166 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

der Namen eines Hermespriesters (Arist. Rhet. ed. Spengel II, 330). 
In Athen folgte der Gebrauch der Amtsnamen Basileus und Basi- 
lissa der Analogie der Hieronymie. 

Von den priesterlichen Amtsnamen sind diejenigen zu unter- 
scheiden, welche in den priesterlichen Geschlechtern als Erbnamen 
gebräuchlich waren, wie der Name Timotheos bei den Bt.molp.den 
(Rehdantz Vit. lph. p. 46). Es gab Priestergeschlechter in denen 
derselbe Name ohne Wechsel herrschte, wie die Inschrift aus My- 
tilene aeigt im C. 1. Gr. n. 2186, wo Euxenos in sechs Generationen 
wiederkehrt und die Abstammung nicht als Ergänzung des Perso- 
nennamens angeführt wird, sondern als Bezeichnung des pnester- 
lichen Erbadels; daher die Ausdrücke «A und itooy«*«. Die wirk- 
liche Descendenz wird hier hervorgehoben, weil die Geschlechter, die 
eiu erbliches Priesterthum hatten, sich durch Adoption ergänzten 
und sich so bis in späteste Zeit erhielten, wie die Iamiden in Olym- 
pia. Dafs nicht überall gleiche Namensitte herrschte, zeigen die 
Priesterkataloge aus Halikarnass C. 1. Gr. n. 2655. 

Der Vaternamen gehört nach gewöhnlichem Gebrauche zum 
Personennamen (daher der Ausdruck tattffrt*' ™«), indem be.de 
zusammen erst den vollen Namen bilden. Es ist also auch e.ne 
Metonomasie und eine ihrer Entstehung nach der Hieronymie ver- 
wandte, wenn der Vatername in der Weise verändert wird, nm 
dadurch anzudeuten, dafs Jemand aus seinem Geburtsstande heraus- 
und in andere Verhältnisse eingetreten sei, in welchen die angebo- 
renen als unwesentlich verschwinden. In dem Spielen mit dem 
Vaternamen zeigt sich die Natur der Griechen auf eine sehr be- 
zeichnende Weise, ihre Abneigung gegen trockene Überlieferung, 
ihr Streben, das geistig Znsammengehörige auch leiblich in Ver- 
bindung zu bringen, ihre Gewandheit, die Person durch fingirte Va- 
ternamen in witziger Weise zu charakterisiren, wofür d.e Komödie 
an Beispielen unerschöpflich ist. Von den gemachten Genealogien 
auf dem Gebiete der Literaturgeschichte hat A. Schöne in seinen 
Untersuchungen über das Leben der Sappho eine lehrreiche Über- 
sicht gegeben. Wissenschaft und Kunst absorbiren das natur- 
liche Leben. Nach Analogie von Aristoteles i WAr^m werden 
auch die bildenden Künstler nach dem Meister benannt; bei ihnen 
hat die Familientradition aber eine ganz andere Bedeutung und in 
unzähligen Fällen ist der Vater auch der Lehrer, und füiStnw beim 
Genetiv zu ergänzen, wie es in römischer Zeit bei Stephanos und 



vom 28. Februar 1870. 167 

Menelaos ausdrücklich beigeschrieben ist. Mit dieser Auffassung 
des Vaternamens hängt der eigenthümliche Gebrauch der patrony- 
mica zusammen, wenn z. B. EvgvxXslScei Leute bezeichnet, welche 
die Profession des Eurykles treiben. 

Andere Gründe zum Aufgeben der Familientradition liegen in 
persönlichen Beziehungen, aus denen Wahlverwandschaften hervor- 
gehen, welche sich in die Blutsverwandtschaft als gleichberechtigt 
einschieben; das sind die Namen xarci tpiXicch und £svtcti', wie Kle- 
archos seinen Erstgeborenen Timotheos nannte, wie in die Familie 
der Endios der Name Alkibiades aufgenommen wurde und durch 
den attischen Feldherrn der Name Phormion in Akarnanien lan- 
desüblich wurde. Ein besonderes Beispiel von diesem oi>o[jt.<xgstv im 
tu! ovofAcctl rtvoQ ist Eusebios, welcher seines Freundes Pamphilos 
Namen dem seinigen im Genetiv anfügte, um anzuzeigen, wie seine 
ganze Existenz von ihm abhängig und mit ihm verschmolzen sei. 
Ich weifs nicht anzugeben, wie weit ihm hiebei ältere Analogien 
vorlagen, aber wir sehen auch hier wieder, wie zwei Namen zusam- 
men gleichsam eine Firma bildeten, in welche Beziehungen der 
verschiedensten Art aufgenommen werden konnten. 

Die auf Gastfreundschaft beruhenden Namen — theils Perso- 
nennamen, theiJs Ethnika (Magnes, Eretrieus), theils Ortsnamen 
(Samos, Nikopolis) — sind von geschichtlichem Interesse, weil 
sie uns die versteckteren Beziehungen zwischen den verschiedenen 
Städten Griechenlands sowie zwischen hellenischen und ausländi- 
schen Staaten erkennen lassen. Syrakus und Theben finden sich 
durch Namen wie Thrasydaios und Boiotos verbunden (Urlichs 
Skopas S. 73 Anm.). Wir erkennen die Beziehungen der Tyran- 
nen zu den orientalischen Dynastien, wenn wir bei den Kypseliden 
die Namen Psammetichos und Gordios antreffen, am Hofe des Po- 
lykrates den Namen Smerdis (DunckerGesch.desAlt.il 3 S. 797). 
Hierher gehören auch der Neleidenname $gvytoc, der Name MjStog 
in Larisa (Xen. Hell. p. 89 das.), QzrcraXcs im Hause der Pisistra- 
tiden. Der Name Libys bei Lysanders Bruder läfst, mit andern 
Nachrichten vereinigt, keinen Zweifel darüber, dafs Lysandros 
mit Libyen und insbesondere mit dem Ammonion in Beziehun- 
gen stand, welche er zur Befriedigung seines Ehrgeizes ausbeuten 
wollte. Aiginetes, der Sohn des Königs Pompös (Paus. 8, 5. 8), 
bezeichnet durch seinen Namen, dafs diesem König, welcher das 
Binnenland zuerst mit der See in Verbindung gesetzt haben sollte, 



1G8 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

die Aegineten besonders hülfreieh gewesen sind. Aus der geschicht- 
lichen Zeit giebt es kein interessanteres Beispiel freigewählter Na- 
mengehung als die bekannte Namengruppe in der Fam.he K.mons, 
der seine Zwillinge Eleios nnd Lakedaimonios nannte und den drit- 
ten Thessalos. Diese Ethnika sind also nicht als aus Gastfreund- 
schaft erwachsene Namen anzusehen, aber als nach Analogie der- 
selben gemachte, dazu bestimmt, im Sinne des Hausherrn die Stel- 
lung der Familie zu den Parteifragen der Gegenwart zu charakte- 
risiren und den Kindern ihren Standpunkt anzuweisen; einem ein- 
seitigen Atticismus gegenüber waren sie als Träger solcher Namen 
z u Vertretern einer so zn sagen grofsgriechischen Richtung desigmrt. 
In ähnlicher Weise wurden auch Orts- und Landesnamen ge- 
braucht. Iason von Pherai nannte seine Tochter Thebe;_ als die 
Verbindung mit dieser Stadt ihm den Weg zu öffnen seinen, um 
seine Herrschaft zu sichern. Themistokles dienten die Namen se.ner 
Töchter als eine Art von Programm seiner auswärtigen Politik, 
indem er mit Italia, Asia, Sybaris theils in weiterem theils in 
engerem Sinne die Punkte andeutete, auf die sein Blick vorzugs- 
weise gerichtet war, um attischen Einflufs bis dahin geltend zu 
machen. Es waren also Namen ,ar ttoft. und bezeugen das 
kühne Selbstvertrauen des Mannes. Wir sehen also, wie in der 
Zeit grofeer Parteispannung die Onomatothesie einen politischen 
Charakter annahm und die Familiennamen zu politischen Parolen 
wurden. Auch Perikles schlofs sich dieser Sitte an, indem er sei- 
nen zweiten Sohn Paralos nannte. Dafs man zuweilen auch glor- 
reiche Ereignisse, welche mit der Geburt eines Kindes zusammen- 
trafen, im Namen desselben angedeutet habe, scheint aus der Er- 
klärung des Namens Enripides bei Priscian 1, 68, 3 Hertz hervor- 

^ Solche Wahlnamen dienten aber nicht nur, um die Richtung 
der Namengeber zu bezeichnen, sondern sie wurden auch im öffent- 
lichen Leben angewendet, wenn es darauf ankam, bei internationa- 
len Geschäften solche Staatsangehörige verwenden zu können, de- 
ren Namen dem Gelingen förderlich zu sein schien. 

Lakedaimonios wurde mit 10 Schiffen nach Kerkyra gesendet, 
nicht wie Stesimbrotos dem Perikles Schuld gab, um den Sohn 
des Kimon in Gefahr und Schande zu bringen, sondern um schon 
durch den Namen des Geschwaderführers zu bezeugen, dafi i man 
keine Feindseligkeit gegen Sparta im Sinn trage. Die Lakedamo- 



vom 28. Februar 1870. 163 

nier dagegen schickten, als sie ernstlich Frieden wollten, einen 
Athenaios als Commissar zu den schwierigen Verhandlungen an 
der thrakischen Küste. Eben so deutlich ist die Absicht, wenn 
die unglücklichen Platäer in letzter Stunde einen Mitbürger Namens 
Lakon zu ihrem Sprecher machen, um den Lakedämoniern in sei- 
ner Person die traulichen Beziehungen, welche durch das griechi- 
sche Volk hindurch gehen, noch einmal an das Herz zu legen, 
oder wenn Agesilaos, um bei seinem Abschiede die kleinasiatischen 
Städte zu beruhigen und sein Verhältnifs zu ihnen auszudrücken, 
einen Harmosten Euxenos bei ihnen zurückläfst. 

Nach solchen Analogien mufs man auch wohl zugeben, dafs 
es kein Zufall ist, wenn der Wortführer der Ol. 109, 4 von Athen an 
König Ochos abgeordneten Gesandtschaft Ephialtes hiefs, so schmäh- 
lich auch die Reminiseenz an den Verrath der Thermopylen war. 

Wir sehen, welcher Werth in öffentlichen Dingen auf den 
Namen gelegt wurde. Wir finden einen Dorieus als Führer der 
antiathenischen Partei in Thurioi, einen Athenagoras an der Spitze 
der Athenerfreunde in Syrakus, und wenn sich auch nicht nach- 
weisen läfst, dafs die Griechen in so ängstlicher und pedantischer 
Weise, wie die Römer, die im Namen liegende Vorbedeutung be- 
rücksichtigt haben, so sind die Grundanschauungen doch dieselben, 
und dies zeigt sich z. B., wenn bei Rückkehr in das von Thra- 
sybulos befreite Athen ein Aisimos Zugführer ist, wenn man einen 
Hermogenes zum Gesandten wählt, einen Polystratos zum ersten 
Söldnerhauptmann und einen Eukles zum Boten des marathonischen 
Siegs. 



[1870] 12 



Nachtrag. 



24. Februar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. A. "W. Hofmann las ferner Nachträgliche Bemer- 
kungen über die Entschwefelungsproducte des Diphe- 
nylsulfo Carbamids. 

In einer der Akademie vor einigen Monaten vorgelegten Mit- 
theilung habe ich gezeigt, dafs der diphenylirte Sulfoharnstoff bei 
der Entschwefelung mittelst Bleioxyds in alkoholischer Ammoniak- 
lösung eine schön krystallisirte Base von der Zusammensetzung 

C 13 H 13 N 3 

liefert. 1 ) Ich liefs es damals unentschieden, ob diese Base mit 
dem früher von mir erhaltenen Melanilin 2 ) identisch oder nur 
isomer sei. In letzter Zeit habe ich Gelegenheit gehabt, das durch 
Entschwefelung gebildete Product mit einem durch die Einwirkung 
des Chlorcyans auf Anilin erhaltenen schönen Präparate, welches 
Hr. Dr. Salkowski mit grofser Sorgfalt dargestellt hatte, zu ver- 
gleichen, und hege auf Grund dieser Vergleichung hin keinen Zwei- 
fel mehr, dafs hier Isomerie nicht Identität stattfindet. 

Um Irrthümer möglichst auszuschliefsen, wurden die beiden 
Basen in die schwerlöslichen, aber leichtkrystallisirbaren Nitrate 
verwandelt und aus diesen Salzen erst wieder abgeschieden, nach- 
dem dieselben vier bis fünf Mal umkrystallisirt worden waren. 
Die freien Basen wurden alsdann nochmals wiederholt als Alkohol 
umkrystallisirt. 



1 ) Hofmann, Monatsberichte 1869, 589. 

-) Hofmann, Ann. Ckeni. Pharm. LXVII. 129. 

12* 



17*2 Nachtrag. 

Eine bemerkenswerte Verschiedenheit zeigte sich alsbald in 
der Krystallisationsfahigkeit beider Snbstanzen. Die neue Base 
krystallisirt ungleich leichter, als die alte; auch sind die . Krystal e 
derselben, lange abgeplattete Nadeln, viel besser ausgebildet, als 
die verworrenen Krystallisationen des früher erhaltenen Korpers. 
Auch in der ungleichen Löslichkeit tritt diese Verschiedenheit m 
bestimmter Weise hervor: 100 Gew.-Th. Weingeist von 90 pCt 
lösen 18 Gew.-Th. des alten Melanilins und nur 9,6 Gew.-Th. des 
„euen Endlich läfst die Bestimmung des Schmelzpunktes der bei- 
den Basen keinen Zweifel. Das alte Melanilin, dessen Schmelz- 
punkt ich früher nur annähernd als zwischen 125 und 130 lie- 
gend angegeben hatte, schmilzt bei 131°, die neue Base erst bei 
147°. Die Versuche wurden zum Öfteren mit denselben Ergeb- 
nissen wiederholt. 

Ich schlage vor, den Namen Melnnilin ganz fallen zu las- 
sen «nd die beiden Basen als Diphenylguanidine, und zwar 
die durch Entschwefelung entstehende als «-, die mittelst Chlorcyan 
dargestellte als /3-Diphenylguanidin zu bezeichnen. Dieser 
Namentausch empfiehlt sich um so mehr, als die Bezeichnung Me- 
lanilin, welche an eine nahe Beziehung der so genannten Base 
mit dem von Liebig entdeckten Melamin erinnern sollte Are 
Bedeutung verloren hat, seit ich das wahre Melnnilin, d.h. das 
triphenylirte Melamin, über welches ich der Akademie in 
einer spätem Sitzung berichten werde, in diesen Tagen entdeckt 

habe 1 ) 

In welcher Weise immer man die Isomerie der beiden diphe- 
nylirten Guanidine erklären will, so viel ist gewifs, dafs sich die 
Atome in den Abkömmlingen beider Körper wieder g^hmafsig 
lagern. Durch die Einwirkung des Cyangases anf das /3-D,phenyl- 
guanidin entsteht der Körper, den ich mit dem Namen Dicyano- 
melanilin 2 ) bezeichnet habe, und letzterer verwandelt sich unter 
dem Einflüsse der Säuren zunächst in Melanoximid «nd schließ- 
lich in Diphenylparabansäure. 3 ) 

Alle diese Körper bilden sich mit der gröfsten Leichtigkeit 
auch ans dem «-Diphenylguanidin ; ich habe aber bei der eorgfal- 






*) Hofmann, Monatsberichte 1869, 791. 

>) Hofmann, Ann. Chem. Pharm. LXVII, 159 und LXXIV, 1. 

3 ) Hof mann, Royal Soc. Pro«. XI, 275. 



Nachtrag. I73 

tigen Vergleichung der aus der a- und /3-Varieteät entstehenden 
Verbindungen keine Verschiedenheit mehr wahrnehmen können; 
ich halte dieselben für identisch. Die auf beiden Wegen erhalte- 
nen Dicyanverbindungen schmelzen bei 154°; der Schmelzpunkt 
der Diphenylparabansäure, ob aus der «- und ß-Abart dargestellt 
liegt bei 204°. 

Die beschriebenen Versuche haben mich an einen dritten Kör- 
per erinnert, den ich vor einiger Zeit durch Behandlung des nor- 
malen Guanidins mit Anilin erhalten und dem ich irrthümlich eben- 
falls die Zusammensetzung des diphenylirten Guanidins (Melanilins) 
beigelegt habe 1 ). Wenn ein Guanidinsalz mit einem Überschusse 
von Anilin zum Siedepunkt der letzteren erhitzt wird, so entwickeln 
sich Ströme von Ammoniak und beim Erkalten erstarrt die Flüs- 
sigkeit zu einem Krvstallbrei , aus dem sich durch geeignete Be- 
handlung mit Wasser und Alkohol ein in schönen Nadeln krystalli- 
sirender Körper darstellen läfst. 

Indem ich die Reaction nach der Gleichung 

CH 7 N 3 + 2C 6 H 7 N = C 13 H 13 N 3 + H 2 + 2H 3 N 

interpretirte, glaubte ich in dem krystallisirten Producte ein diphe- 
nyhrtes Guanidin 

C 13 H 13 N 3 = CH 3 (C 6 H 5 ) 2 N 3 
zu erblicken. 

Die Auffindung des «-Diphenylguanidins, welches sich bei der 
Entschwefelung des diphenylirten Sulfoharnstoifs in Gegenwart von 
Ammoniak bildet, hat mich veranlafst, auch den phenylirten Guani- 
dinabkömmling nochmals darzustellen. Ich habe mich bei diesem 
Versuche, welcher in etwas gröfserem Maafstabe ausgeführt wurde 
überzeugt, dafs die Einwirkung des Anilins auf den Guanidin nicht 
in dem oben angegebenen Sinne, sondern nach der Gleichung 

CH 7 N 3 + 2C 6 H 7 N = C 13 H 12 N 2 + 3H 3 N 

verlauft, dafs mithin der unter den bezeichneten Bedingungen ge- 
bildete krystallisirte Körper nicht diphenylirtes Guanidin, sondern 
diphenyhrter Harnstoff ist. 



J ) Hof mann Monatsberichte 1868, 464. 



-.74 Nachtrag. 

C 13 H 12 N 2 = CH 2 (C 6 H 5 ) 2 N 2 0. 

Im Kohlenstoff- und Wasserstoffgehalt unterscheiden sich in der 
That beide Körper nur wenig. 

Diphenylguanidin Diphenylharnstoff 
Kohlenstoff 73.93 73.63 

Wasserstoff 6.16 5.66 

Zwei Verbrennungen hatten ergeben Kohlenstoff 74.00 und 
73 95, ferner Wasserstoff 6.27 aus 6.21, Zahlen, welche der Zusam- 
mensetzung des diphenylirten Guanidins noch näher kommen als 
des diphenylirten Harnstoffs. Leider war die Bestimmung des 
Stickstoffs unterblieben, welche die Natur des Körpers alsbald ent- 

hüllt haben würde. . 

Ieh habe jetzt den in Rede stehenden Körper durch ein genaue- 
res Studium seiner physikalischen Eigenschaften, namentlich durch 
dieBestimmung des Schmelzpunkts, welcher bei 232° ge fanden wurde 
mit dem auf gewöhnliche Weise dargestellten Diphenylsnlfoharnstofl 
identificirt. Die Bildung des diphenylirten Harnstoffs aus dem 
Guanidin hat nichts Befremdliches, wenn man bedenkt, mit wel- 
cher Leichtigkeit das Guanidin unter Ammoniakverlust in normalen 
Harnstoff übergeht. 

CH 7 N 3 = H 3 N -+- CH 4 N 2 0. 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung sind neuerdings 
folgende akademische Abhandlungen aus dem Jahrgang 1869 er- 
schienen : 

Ehrenberg, Über mächtige Gebirgsschichten vorherrschend aus mikroskopi- 
schen Bacillarien unter und bei der Stadt Mexiko. 

Preis: 1 Thlr. 15 Sgr. 
Lepsius, Über den chronologischen Werth der Assyrischen Eponymen und 
einige Berührungspunkte mit der Aegyrischen Chronologie. 

Preis: 15 Sgr. 
• Roth, Beiträge zur Petrographie der plutonischen Gesteine. 

Preis: 3 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf. 
Magnus, Über Emission, Absorption und Reflexion. 

Preis: 15 Sgr. 



In den Abhandlungen der Akademie sind in den Jahrgängen 1852, 
1853, 1862, 1864 keine Mathematischen Klassen enthalten. 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
März 1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr Kummer. 



3. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Homeyer las über Hausmarken und legte lithogra- 
phirte Tafeln zur Erläuterung vor. 

Er beabsichtige über die Geschichte, die Verbreitung und die 
Verwendung der sog. Haus- und Hofmarken im germanischen 
Europa eine gröfsere Arbeit zu veröffentlichen. Derselben werden 
nicht nur einzelne Figuren im Texte selber einverleibt, sondern 
auch vierundvierzig Tafeln als Anlagen beigegeben werden. Sie 
sollen die ungemeine Fülle der Erscheinungen zur weiteren An- 
schauung bringen. Sie sollen, indem sie die Marken massenweise 
für ganze Kreise, Ortschaften, Genossenschaften zusammenstellen, 
über die mancherlei Weisen belehren, durch welche die Unter- 
scheidbarkeit der Zeichen im Leben erreicht worden. Sie mögen 
endlich mittels der Fixirung eines gegenwärtigen Zustandes dazu 
verhelfen, die künftigen Änderungen und Schicksale der alten Sitte 
genauer zu verfolgen. 

Diese Beilagen sind vorweg lithographirt worden, um sie beim 
spätem Druck der Hauptarbeit selber bestimmter anziehen zu kön- 
nen. Ihre heutige Vorlage wurde mit Erklärungen begleitet. 
Hier folgt eine summarische Übersicht. 

Die Tafeln I bis XXXVII sind nach Ländern und Orten ge- 
ordnet. Sie beginnen mit Skandinavien, führen zu England zu 
[1870] 13 



276 Gesammtsitzung 

den Niederlanden, treten mit Oldenburg in Deutschland ein, folgen 
dem Rande der Ostsee bis in die Gegend von Dornig, gehen dann 
von dem Meere ab, gelangen zunächst durch das übnge Nord- 
deutschland von Ost nach West nach dem Rheine und schhefsen 
mit Süddeutschland und der Schweiz. 

I. Island. 

A 23 Marken aus Siegeln der Bischöfe und andrer Standes- 
personen von 1373 bis 1631, mitgetheilt von Hrn. Archivar Jon 
Sigurdsson zu Kopenhagen. B. Zeichen in Felshölen, vielleicht 
von deren Besuchern eingegraben, welche in das 12 te oder 13 te 
Jahrb. gesetzt werden. - Anhangsweise ein kleiner, mit Zeichen 
bedeckter Stein aus einem alten, im J. 1838 in Virginia entdeck- 
ten Grabe. 

II. Schweden. 

Zeichen aus einer Sammlung von 75 mit Löchern versehenen 
kleinen Holzscheiben (Blicken), die etwa den Rindern um die Hor- 
ner gehängt oder als Looshölzer, s. Germanisches Loosen b. M 
benutzt wurden. 

III — VII. England. 

Die dritte Tafel giebt A) Handzeichen von Landleuten aus 

Urkunden des 17 ten Jahrhunderts, B) die Marken, welche die 

Schwanhalter den Schnäbeln dieser Thiere auch noch gegenwärtig 

eingraben lassen u. a. die Marken der Königin Victoria und des 

Eton College. 

Die 300 Nummern der Tafeln 4 bis 7 gehören ««» 
Ewing in den Schriften der Norwicher Alterthumsgesellschaft 1850 
edirten, aus Siegeln, Unterschriften, Grabsteinen und allerlei Bau- 
liehkeiten des Uten bis zum 17 ten Jährt, entnommenen Samm 
lung an. Vgl. Monatsberichte der Akad. d. Wiss. zu Berlin, 1868 
S. 578. 

VIII. Niederlande. 
A. Grabzeichen des 17 ten Jahrhund, aus Delft. B. Hand- 
zeichen auf einer Schuldverschreibung von 1481 zu Leyden. 
C Zeichen auf einem alten Thurm des Tempelhofes zu Nieupoort. 



vom 3. März 1870. 177 

D. Handzeichen in einem „Venditiebook" von 1632 im Archive 
daselbst. 

IX, X. Oldenburg. 
Aus einer Mittheilung des Geh. Archivraths Leverkus stam- 
men 148 Zeichen hauptsächlich von Siegeln und Unterschriften des 
löten und 17ten Jahrh. 1) aus der Herrlichkeit Knyphausen, na- 
mentlich aus den Kirchspielen Sengewarden, Ackum, Fedderwarden, 
2) aus dem Jeverlande, Kirchspiel Wangeroge u. s. w. , 3) aus 
Stad- und Butjadinger Land, 4) aus der Grafschaft Oldenburg, 
Kirchspiele Edewecht, Westerstede, Varel, Zwischenahn, Bockhorn. 

XL 

A. Aus Mölln in Lauenburg Marken von Leichen steinen 1584 
bis 1768, von Kirchenstühlen der sog. Feuergraven, von den zehn 
Brauhäusern. B. Aus Schöneberg im Ratzeburgischen, Hand- 
zeichen unter einer Urkunde von 1622. 

XII — XVI. Lübeck. 

Die zwölfte Tafel giebt 62 Zeichen von den Grabsteinen der 
zu St. Jacobi von 1606 bis 1655 beerdigten Personen nach dem 
dortigen „Steinbuche". 

Die Tafeln 13 bis 16 liefern 364 Siegelmarken, von H. Ma- 
ler Milde zu Lübeck aus Urkunden theils Lübscher Einwohner, 
theils andrer Nationalen des europäischen Nordens von 1341 bis 
1519 alphabetisch zusammengestellt, 

XVII. Rostock. 
A. Abbildung eines 1831 im Schutt gefundenen mit Zeichen, 
Buchstaben und Zahlen u. a. 1606 bedeckten Stücks eines starken 
Hirschgeweihes. B. Die 56 Marken an dem Altarschranke eines 
früheren Nonnenchors der Klosterkirche zum H. Kreuz. 

XVIII. 

In dem Kirchspiel Rövershagen bei Rostock hat sich der 
Gebrauch der Hausmarken, namentlich auch zur Bezeichnung der 
Looskaveln lebendig erhalten. Die Tafel giebt deren 125 aus den 
Ortschaften Over - Mittel - Niederhagen, Hinrichshagen, Sandberg, 
Torfbrück, "Wiethagen, Sandhagen. 

13* 



173 Gesammtsitzung 

XIX. 

Proben der Zeichen auf den Kirclienplätzen zu Warn einfinde 

v. J. 1500, welche jetzt durch ein neues Gestühl ersetzt werden 
sollen, vgl. Monatsb. a. a. O. 578. 

XX. Rügen. 
A. Siegelmarken von Bauern aus dem löten Jahrhundert. 
B. Hand- und Hauszeichen von acht Halbbauern und Kossäten zu 
Gagern auf der Halbinsel Mönchgut unter einem Pachtcontract v. 
J. 1832. C. Zeichen, die noch an Gebäuden, Leichensteinen, Ge- 
räthen in verschiedenen Ortschaften der Halbinsel Wittow z. B. 
zu Vitte nahe bei Arcona vorkommen. D. Noch übliche Bauer- 
und Büdnermarken von Mönchgut. 

XXI. Greifswald. 
In den Gängen der dortigen Kirchen liegen noch zahlreiche 
Grabsteine mit den Zeichen der Beerdigten. Die hier unter G9 
Nummern nach Hrn. Prof. Böhlau mitgetheilten stammen aus der 
Marienkirche und gehören den J. 1363 bis 1734 an, vgl. Monats- 
bericht 577. 

XXII. 

Marken der zahlreichen Fischer der Pommerschen Oderstädte 
Greifenhagen (58) und Garz (47). Häufig aus I und X zu- 
sammengesetzt gelten sie doch nicht als Zahlen, sondern als Haus- 
marken mit Bezeichnung derselben als Kreuze und Kerben, vergl. 
M.-B. 580. 

XXIII — XXVIII. Provinz Preufsen. 

Die Marken dieser Tafeln haften sämmtlich an ländlichen Ge- 
höften und stehen noch in lebendigem Gebrauch. 

Nr. XXIII giebt die Hofmarken der Dörfer Praust, Zipplau, 
Rostau, Müggenhal auf der Danziger Höhe; XXIV der Ortschaf- 
ten Weslinke, Gottswalde, Reichenberg, Scharfenberg aus dem Dan- 
ziger Werder. Die übrigen Tafeln fallen auf den Marienbur- 
ger Werder, für den der Landrath Hr. Parey aus 83 Ortschaf- 
ten über 800 Marken zusammengebracht und zur Veröffentlichung 
mitgetheilt hat, M.-B. 579. 



vom 3. März 1870. 179 

XXIX. Polnische Adelswappen. 
Sie sind hier aufgenommen einmal um die Übereinstimmung 
mancher derselben mit Germanischen Hausmarken zu belegen, so- 
dann um zu veranschaulichen, wie zahlreiche einzelne Adelsge- 
schlechter einem grofsen Wappenverbande mit einem Gesammt- 
zeichen angehören, welches dann in den Wappen der besondern 
Familien als Grundform, wenn auch mit gewissen Beizeichen oder 
verschiedenen Tinkturen, wiederkehrt. Die Tafel giebt 67 solcher 
hausmarkenähnlicher Grundzeichen und bei einigen derselben auch 
die Variationen der einzelnen zum Verbände sich zählender Ge- 
schlechter an. 

XXX, XXXI. Mark Brandenburg. 

Die erste Tafel enthält noch übliche Hofzeichen aus ländlichen 
Ortschaften, A) von Jänickendorf im Kreise Lebus (M.-B. 579), 
B) von Pewesin, Roskow, Wachow, Gohlitz im Westhavellande. 

Die andre theilt die hundert auf einer Tafel in der St. Gott- 
hardskirche zu Brandenburg a. H. angebrachten Zeichen der Tuch- 
machergilde mit, die im J. 1623 die dortige Kanzel renoviren liefs, 
M.-B. 578. 

XXXII. Lüneburg. 
Auf die Saline (Sülze) daselbst beziehen sich A) 42 Zeichen 
der Corporation der Salzpächter vom J. 1584, B) 24 der zu den 
„Sülzhäusern" gehörigen Marken von 1785. 

XXXIII, XXXIV. Erfurt. 
Sie stellen unter 50 Nummern die von H. Major Böckner 
aus dortigen Siegeln, Grabsteinen, allerlei Baulichkeiten, Glasge- 
mälden u. s. w. gesammelten Zeichen in ihren Schilden dar, 
M.-B. 579. 

XXXV. Rheinpreufsen. 

A. Dreifsig zu Schwein schied bei Meisenheim noch jetzt 
in Gemeindeangelegenheiten benutzte „Familien und Hausmarken". 
B. 80 zu Masterhausen am Hunsrück im 1 8 ten Jahrhundert zu 
vielfachen Zwecken verwendete Zeichen dortiger Bürger. 



ISO Ge&ammtsitzwng 

XXXVI. Tyrol. 
Als Beispiele der hier üblichen, sehr einfachen, oft in Buch- 
staben übergehenden Formen sind die Zeichen der Orte Untermie- 
ming und Fiecht im Oberinnthal gegeben. 

XXXVII. Schweiz. 

1. Drei und dreifsig Marken an Gebäuden, Gerätschaften 
oder aus Siegeln Schwyzer Familien. 

2. Zwölf Zeichen von Milchlieferanten des Wirthes zum Al- 
penclub im Maderanerthal, Canton Uri, auf einer sog. Milchbeile 
(Kerbstock) eingegraben, M.-B. 581. 

3. Dreifsig von den 120 zu Münster im C. Wallis gebräuch- 
lichen Häuserzeichen, M.-B. ebd. 

4. Aus einer alten deutschen Niederlassung zu Alagna in 
Piemo'nt, südlich vom Monte Rosa, 39 noch übliche Marken, deren 
Eigner theils deutsche theils italienische Namen führen, M.-B. ebd. 

Die sieben noch übrigen Tafeln sind theils nach Personen- 
classen theils nach Gegenständen der Bezeichnung geordnet. 

XXXVIII, XXXIX. Steinmetzzeichen (vgl. M.-B. 582). 
Ältere Formen derselben, welche oft geradezu irgend ein Werk- 
zeug wiedergeben, sind mitgetheilt von der 1263 ff. erbaueten Hei- 
ligengeistkirche zu Mainz, von der Burg Landeck in Pfalzbaiern 
aus der Hohenstaufenzeit, vom deutschen Eck zu Coblenz 1275, 
von der Coblenzer Moselbrücke, unter denen die Nr. 1 bis 108 
dem J. 1340 ff., die Nr. 109 — 116 aber einer späteren Zeit an- 
gehören. 

Diese letzteren, ferner die dem Wolfenbüttl er Schlosse und 
die den sog. Heunensä.üen bei Miltenberg am Main entnommenen 
tragen die Stabform und begnügen sich mit einer blofsen Andeu- 
tung des Werkzeuges im Querstriche. 

XL. 

Die Tafel giebt A) 30 Zeichen von Buchführer n (Verlegern 
und Buchdruckern), B) 40 Zeichen von B aumeistern, unter ihnen 
die von 28 im J. 1658 zu Strafsburg versammelten Werkmeistern, 
welche dem Typus der Heunensäulen (XXXVIII) nahe stehen. 



vom 3. März 1870. 181. 



XLI. Künstlerzeichen. 



Proben von Zeichen A) der Maler, B) der Bildhauer, C) der 
Graveure, D. sonstiger Künstler, sämmtlich im Hausmarkentypus. 

XLII. Zeichen von Schiffsgütern und Schiffen. 

1. Auszug aus einer Pergamentrolle, welche die nach Thorn 
bestimmten Waaren eines im J. 1377 an der Jütischen Küste ge- 
strandeten Schiffes, behufs deren Wiedererlangung, mit ihren Eigen 
thümern und Marken verzeichnet. 2. Sieben Zeichen, welche im 
J. 1856 auf Helgoland von den Schalupen der dortigen Com- 
pagnien noch neben Bild und Namen geführt wurden. 

XLIII. Familienzeichen. 

Die Abwandelungen, welche ein Familienzeichen zur Unter- 
scheidung der einzelnen Gliederungen des Geschlechts erleidet; dar- 
gelegt in 49 Beispielen aus Danzig, Fehmarn, den Werdern bei 
Hamburg, Holland, Pommern, Rügen, Schleswig und der Schweiz. 

XLIV. Acker- und Holz marken. 

I. Von den einfachen, in Äcker oder Wiesen gepflügten oder 
geschnittenen Zeichen sind 16 aus England, 12 noch heute ge- 
bräuchliche aus dem Mansfelder Gebirgskreise mitgetheilt. 

II. Von den gleichfalls simpeln, in Holzstücke (Sägeklötze) 
meist durch die Axt einzuschlagenden Marken sind unter A) die 
durch ein gewisses System geordneten Zeichen der Glieder der 
Schiffer- und Flöfsergesellschaft im Murgthal gegeben; B) die 
ähnlichen aus dem Lechthal in Tyrol; C) die zu Gramais 
ebendaselbst im J. 1690 gebräuchlichen, welche zugleich zur Un- 
terschrift dienten. Unter D) endlich zehn der im Bayerschen 
Frankenwalde üblichen, den gewöhnlichen Hausmarken ähn- 
lichen, aus dem Flofszeichencataster zu Kronach mitgetheilten 
Marken. 



182 Gesammtsitzunrj 

An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt: 

Sitzungsberichte der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin im J, 
1869. Berlin 1870. 4. 

Publicationen des Litterarischen Vereins in Stuttgart. 9-6.-99. Publication. 

Tübingen 1869. 8. 

P. Gall Morel, Offenbarungen der Schwester Mechtild von Magdeburg ', 
oder das fließende Licht der Gottheit. Regensburg 1869. 8. Mit Be- 
gleitschreiben des Hrn. Verf. Einsiedeln 12. Febr. 1870. 

Schweizerische Meteorologisch Beobachtungen. Dech. 1868. Jan. u. Febr. 
1869. Bonn 1869. 4. 



10. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Petermann las den zweiten Theil seiner Abhandlang 
über die Eroberung von Jerusalem durch Saladin. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
Archives du Musee Teyler. Vol. II, 4. Harlem 1869. 8. 
Bulletin de la societe des naturalistes de Moscou. no. 2. Moseou 1869. 8. 
Archäologische Zeitung. Neue Folge. Bd. 2. Berlin 1869. 4. 
Bulletin de t academie de Petersbourg. Vol. 14, no. 1—3. Petersbourg 

1869. 4. 
Memoires de t academie de Petersbourg. Vol. 13. no. 8. Vol. 14, no. 1— 7. 

Petersbourg 1869. 4. 
Egg er, Vhellenisme en France. Vol. 1. 2. Paris 1869. 8. 



14. März. Sitzung der physikalisch- mathemati- 
schen Klasse. 

Hr. Dove las: 1) Über die Wärmeverbreitung im Polarmeer. 
2) Über die Kälte im gegenwärtigen Frühjahr (s. Nachtrag). 



vom 17. März 1870. 183 

17. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Buschmann las den Schlufs von Zusätzen zu der ersten 
Abtheilung seiner sonorischen Grammatik: dem Lautsystem. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Oversigt over det Kongl. Danske Videnslcabernes Selskabs Forhandlinger. 

1869, no. 3. Kjobnhavn 1869. 8. 
Mittheilungen aus dem Osterlande. 19, 1. 2. Altenburg 1869. 8. 
d'Arbois de Jubainville, Recherches sur t ' anneau sigillaire de Pott an. 

Paris 1869. 8. 

— Esus, Euzus. Paris 1869. 8. 

— Le Baron de Jaujoz. Paris 1869. 8. 



24. März. Öffentliche Sitzung der Akademie zur 
Feier des Geburtsfestes Sr. Majestät 
des Königs. 

Der Vorsitzende Sekretär Hr. Kummer eröffnete die Sitzung 
mit einer Rede, in welcher er die culturgeschichtliche Bedeutung 
der Thaten des Königs betrachtete und namentlich die durch die- 
selben gesicherte nationale Grundlage der ferneren Entwicklung 
deutscher Wissenschaft hervorhob. Derselbe gab hierauf einen Be- 
richt über die gröfseren Arbeiten und Unternehmungen der Akade- 
mie, nämlich die Herausgabe des Corpus Inscriptionum Latinarum, 
des Corpus Inscriptionum Graecarum und des Index zum Aristo- 
teles. Zum Schlufs hielt Hr. Petermann einen Vortrag über die 
Eroberung Jerusalems durch Saladin. 



28. März. Sitzung der philosophisch- historischen 
Klasse. 

Hr. Müllenhoff las Beiträge zur Geographie der Alten. 



jg^. Qcsammtsitzung 

31. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Weber las über das Edmdyana. 



Hierauf legte Hr. du Bois-Reymond folgenden Aufsatz vor: 

Neue Versuche über die Fortpflanzungsgeschwindigkeit 

der Reizung in den motorischen Nerven der Menschen, 

ausgeführt von N. B axt aus Petersburg. Mitgethe.lt von 

Hrn. H. Helmholt z, correspondirendem Mitghede der 

Akademie. 
In der Sitzung vom 29. April 1867 habe ich der Akademie 
Mittheilung gemacht über Versuche, welche Hr. N. Baxt in mei- 
nem Laboratorium unternommen hatte, um die Fortpflanzungsge- 
schwindigkeit der Reizung in den motorischen Nerven des leben- 
den Menschen nach einer Methode zu bestimmen, wöbe, d.e psy- 
chischen Thätigkeiten des Experimentirenden zur Erregung der 
motorischen Nerven nicht in Anspruch genommen werden Es 
wurde damals der Nervus n.edianus bald am Oberarm, bald am 
Handgelenk gereizt. Der Vorderarm und die Hand waren in eine 
Gyplrm »„verschieblich eingelegt, und die Zuckung der Muskeln 
des Daumenballens wurde durch einen hölzernen Stab auf den 
Schreibhebel des für die Versuche mit Froschmuskeln cons tru.rtcn 
Myographien übertragen. Übrigens wurden mit den genannten Ab- 
änderungen die Versuche wesentlich nach demselben Principe au - 
g emi"t wie die zur Bestimmung der Fortpflanzungsgeschwind.gke.t 
in den motorischen Nerven des Frosches. ,.„.'■•. •„ 

Es ergaben sich hierbei Fortpflanzungsgesehw.nd.gke.ten m 

. -, ai r,a aa aa un d 37.49 Meter für die 

drei Versuchsreihen von 31. o3, 6i. oJ unu o.. 

SeCU Bei der Wichtigkeit dieses Resultats und in der Hoffnung auch 
noch einige andere damit zusammenhängende Fragen entscheiden 
z „ können, beschlossen wir die Methode zu möglichster ^ Genauig- 
keit auszubilden, und ich liefs defshalb (nach einem schon früher 
von A. Fiek angegebenen Plane) ein Pendelmyograph.on bauen 
im Wesentlichen aus einem schweren und festen eisernen Pendel 



vom 31. März 1870. 185 

bestehend, dessen ganze Schwingung nahehin zwei Seeunden dauerte, 
und welches an seinem untern Ende eine rechteckige ebene Glas- 
tafel trägt, auf der die Zuckungscurven geschrieben werden. Das 
Pendel wird vor dem Versuche in schräger Lage durch einen Sperr- 
haken gehalten; sobald dieser gelöst wird, fällt es, löst in der 
Mitte seiner Bahn den Inductionsschlag aus, der den Nerven trifft, 
und wird schliefslich beim Rückschwünge vom Beobachter wieder 
aufgefangen und hinter den Sperrhaken gelegt. Somit dauert jeder 
Versuch nur zwei Seeunden, und man kann schnell hintereinander 
sehr viele Zuckungen zeichnen. Um dies zu können, läfst sich die 
Glasplatte mittels einer Schraube am Pendel auf- und abschieben. 
Eine gleiche Platte an der andern Seite des Pendels, welche die 
entgegengesetzte Bewegung macht, bewirkt, dafs die Schwingungs- 
dauer dabei nicht geändert wird- 

Die Zuckungscurven erhalten auf dem neuen Apparat viel be- 
trächtlichere Höhe (20 bis 40 Millim.) und Länge, so dafs auch 
ihre Entfernung von einander viel genauer gemessen werden konnte. 
Letzteres geschah mit dem Ophthalmometer. 

Unsere Hoffnung, genauere Resultate zu erhalten, erschien nach 
den ersten Versuchsreihen mit dem neuen Apparate zunächst fast 
ganz vereitelt zu sein. Bei den Versuchen Ende des Sommers 1868, 
im Winter 18f|- und Anfang des Sommers 1869 fanden sich ziem- 
lich ähnliche Werthe der Fortpflanzungsgeschwindigkeit für die Ner- 
venstrecke vom Ellenbogen zum Handgelenk, wie die früher mitge- 
theilten für die Strecke von einer obern Oberarmstelle (vom untern 
Ende des Deltoideus) zum Handgelenk, dazwischen aber auch viel 
gröfsere für die Nervenstrecke zwischen Deltoideus und Ellenbogen- 
gelenk. Die Werthe der Fortpflanzungsgeschwindigkeit für die 
Strecke vom Ellenbogen bis zum Handgelenk wurden ziemlich über- 
einstimmend erhalten, sowohl bei Reizung des N. medianus, wo- 
bei die Contractionen der Muskeln des Daumenballens verzeichnet 
wurden, als auch bei anderer Einrichtung der Gypsform und bei 
Reizung des N. ulnar is, wobei die Contractionen der Mm. ab- 
duetor indicis et adduetor pollicis verzeichnet wurden. 
Diese Werthe für die Strecke vom Ellenbogen zum Handgelenk 
waren : 

Reizung des N. medianus: 
30.3904 Meter als Mittel aus 9 Curvenpaaren, 



1§6 Gesammtsitzung 

Reizung des N. ulnaris: 
27.8081 Meter als Mittel aus 9 Curvenpaaren, 
32.8827 „ „ „ r, 8 „ 

29.5142 „ „ r> » 18 n 

also im Mittel 30.1488 Meter in der Secunde. 

Von Mitte des Sommers 1869 fanden sich aber ganz regel 
mäfsig gröfsere Werthe der Geschwindigkeit für die grofse Strecke 
vom untern Rande des Deltoideus bis zum Handgelenk, und zwar: 
62.1462 Meter als Mittehvertli aus 12 Curvenpaaren, 
64.2099 „ „ n » 9 » 

67.3272 „ „ » » 9 » 

also im Mittel 64.5611 Meter in der Secunde. 

Mancherlei Veränderungen in der Methode der Reizung und 
in den sonstigen Anordnungen der Versuche änderten nichts an 
diesen letzten Resultaten, bis endlich mit Anfang des Winters wie- 
der kleinere Zahlen auch für diese grofse Strecke erhalten werden 

konnten. 

Dieser Umstand schien anzuzeigen, dafs die Temperatur die 
Ursache dieser Schwankungen sein müsse, obgleich die Verände- 
rung der Temperatur der tiefer gelegenen Theile des menschlichen 
Körpers, der Muskeln und Nerven, so lange nieht gerade ein Ge- 
fühl des Unbehagens durch sie hervorgerufen wird, nach den bis 
her vorliegenden Beobachtungen nur sehr geringe Grofse haben kann. 
Diese Vermuthung hat sich vollständig bestätigt. Wir haben an 
demselben Versuchstage absichtlich hinter einander Veränderungen 
der Temperatur des zuckenden Armes hervorgebracht, und es ge- 
lang auf diese Weise abwechselnd bald, bei höherer Temperatur, 
gröfsere, bald, bei stärkerer Abkühlung, namentlich des Vorder- 
arms, kleinere Werthe der Fortpflanzungsgeschwindigkeit zu er- 
halten. . 

Versuchsreihe I. Das Handgelenk wurde durch eine Eis- 
blase gekühlt, während der Arm in der Gypsform lag. Die brauch- 
baren Curven der ersten Tafel gaben eine Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit von 41.2752 Meter, die einer zweiten Tafel, wobei die 
Abkühlung mehr eingewirkt haben wird, 36.4765 Meter in der Se- 
cunde. Darauf wurden die Gypsplatten etwas gewärmt und das 
Handgelenk mit einer Blase voll Wasser von 40° C. bedeckt. Die 
Curven der ersten Tafel gaben dabei eine Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit von 45.2332 Meter, die einer zweiten Tafel, wo die Er- 



vom 31. März 1870. 187 

wärmung mehr eingewirkt haben wird, eine Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit von 51.8016 Meter in der Secunde. Es ist zu bemerken, 
dafs auch bei dieser Erwärmung der Vorderarm zu einer behag- 
lichen warmen Temperatur nicht gekommen war. 

Versuchsreihe IL Der Arm wurde bei Winterkälte vor 
dem Versuche stark abgekühlt. Höhe der Zuckungen nur 15 bis 17 
Millim., deshalb die Bestimmung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit 
unsicher, etwa 47.22 Meter. Darauf wurde der Arm durch die 
erwärmten Gypsplatten und warme Bedeckung gewärmt. Die 
Zuckungshöhe steigt auf 26 Mm., die Fortpflanzungsgeschwindigkeit 
für die Curven der ersten Tafel auf 54.1755 Meter, für die der 
zweiten Tafel auf 56.7808 Meter. Endlich wird der untere Theil 
des Vorderarms wieder durch eine Eisblase gekühlt. Die erste 
Tafel ergiebt im Mittel 47.7276 Meter, die zweite Tafel 38.2331 
Meter Fortpflanzungsgeschwindigkeit; die Höhe der Zuckungscurven 
sinkt dabei wieder bis auf 14 Millim. 

Hinsichtlich des erwärmten Armes gilt übrigens auch hier, 
obgleich in geringerem Grade, dieselbe Bemerkung wie bei Ver- 
suchsreihe I. 

Versuchsreihe III. Um eine möglichst grofse Steigerung 
der Temperatur des Unterarms zu erreichen, wurde das Zimmer 
ziemlich stark geheizt, die Gypsform erwärmt und äufserlich mit 
erwärmten Sand umgeben. Im Anfang wurde die Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit für die Strecke zwischen Handgelenk und unterm 
Rande des Deltoideus bestimmt, und gleich 61.4185 Meter gefun- 
den (Mittel aus 10 Curvenpaaren). Dann wurden zwei Tafeln voll 
Curven gezeichnet, welche der Fortpflanzungsgeschwindigkeit zwi- 
schen unterm Ende des Oberarms und Handgelenks entsprechen; 
der Werth dieser Geschwindigkeit betrug 57.3400 Meter (Mittel 
aus 8 Curvenpaaren). Endlich wurden die Versuche für die län- 
gere Strecke noch einmal wiederholt und ergaben nun eine Fort- 
pflanzungsgeschwindigkeit von 89.4272 Meter (Mittel aus 10 Cur- 
venpaaren). Dabei war die Höhe der Zuckungen von 21.4 Mm., 
ihrem Mittelwerthe im Anfang, bis auf 30 Mm. gestiegen. 

Versuchsreihe IV. Ein Versuch den Oberarm durch eine 
Eisblase in einem ziemlich stark geheitzten Zimmer abzukühlen, 
so dafs der Unterarm warm blieb, brachte keine erhebliche Ände- 
rung hervor. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit ergab sich im 
Mittel aus 5 Versuchen 50.6262 Meter in 1 Secunde, ein Werth, 



jog Gesammtsiiziing 

der etwas kleiner ist, als er sich unter übrigens gleichen Umstän- 
den ohne die Eisblase ergeben haben würde. 



Es ist hierbei noch zu bemerken, dafs die Versuche mit ab- 
gekühltem Vorderarm immer nur wenige brauchbare Curvenpaare 
; eb eu, weil das Zuckuugsmaximum bei Reizung der Nerven am 
Handgelenk dann sehr geringe Höbe hat, und man stark abge- 
fchJchte Inductionsschlägc zur Reizung der obern Nervenste He 
anwenden mufs. Deren Wirkung ist aber ziemlich unregelmäßig, 
nnd es gelingt dann nur selten, zwei an Höhe wenigstens nahelnn 
gleiche Curven von den beiden Reizungsstellen neben emander zu 

ZeICh Wird der Vorderarm gewärmt, so wächst das Zuckungsmaxi- 
ra um der untern Nervenstelle stets erheblich, obgleich es uns bis- 
her doch nicht gelungen ist, es dem von der obern Stelle W der- 
selben Stärke des Inductionsschlags zu erhaltenden ganz gleich zu 
Lehen. Es ist dann aber viel leichter eine Stellung der Induc- 
Honsrollen zu finden, welche mit ziemlich grofser Regelmäfsigkei 
Zuckungen der verlangten Höhe auch von der obern NervensteH 
her Sieht, so dafs es unter solchen Umständen leicht ist schnell 
hinter einander eine grofse Anzahl brauchbarer Curvenpaare zu er- 

haU< Die Versuche über Fortpflanzungsgeschwindigkeit zwischen 
Ellenbogengelcnk und Handgelenk ergaben regelmäßig eine kleinere 
G chwindfgkeit als zwischen Deltoideus und Handgelenk, wie es 
at den zuerst angeführten Versuchen, die übrigens bei etwas nie- 
drigerer Temperatur als die zuletzt angeführten angestellt worden 
II und ebenso aus der Versuchsreihe III zu ersehen ist. Die 
Urs che davon kann in dem Umstände gesucht werden dafs 
die Nerven im Vorderarm regelmäfsig kälter sind als im Oberarm; 
e könnte dabei aber auch an eine ungleichförmige Geschwindtgkeit 
des Nervenreizes gedacht werden. In unsern Versuchen war eben 
selbst nach der eine Stunde lang fortgesetzten Erwirkung eines 
Lern warmen Mediums der erwähnte Unterschied tu der Fort- 
Pflanzung: nicht ganz verschwunden. 

"Andererseits ergaben einige, wegen Kleinheit der Strecke al- 
lerdings nicht sehr sichere Bestimmungen der Fortpflanzung zwi- 



vom 31. März 1870. 189 

sehen Deltoideus und Ellenbogengelenk grofse Werthe der Ge- 
schwindigkeit. Da es zweifelhaft erscheinen konnte, ob die geringe 
Geschwindigkeit bei kaltem Vorderarm nicht herrühre von einer 
langsamem Fortpflanzung schwächerer Reizungen, wie sie unter 
solchen Umständen an der obern Stelle angewendet wurden, so 
wurden die Ordinaten von Curven mit einander verglichen, welche 
von derselben Stelle aus mit verschiedener Stärke der Reizung 
hervorgebracht waren, aber gefunden, dafs sich ihre Ordinaten für 
gleiche Zeiten nach der Reizung fast genau in dem Verhältnifs der 
verminderten Gesammthöhe vermindern und keine Verzögerung der 
schwächern Zuckungen zu bemerken ist. 



Es sei noch erlaubt einige Resultate zu erwähnen, welche bei 
den Versuchen mit abgeänderten Reizungsmethoden gelegentlich er- 
halten wurden. 

Um vom Handgelenk aus Zuckungen von gröfserer Stärke zu 
erhalten, als sie ein einzelner Öffnungsinductionsschlag lieferte, 
versuchten wir zwei schnell hintereinander zu gebrauchen. Es 
zeigte sich dabei, dafs die Zeit, welche zwischen beiden Schlägen 
verfliefsen mufste, ehe der zweite Schlag im Stande war die maxi- 
male Wirkung des ersten ein wenig zu verstärken, -^ Secunde 
betrug. Bei einer Zwischenzeit von -g-fg- Secunde war die Verstär- 
kung schon bedeutend. In dieser Beziehung verhält sich also der 
menschliche Nerv denen des Frosches nahezu gleich. 

Zweitens versuchten wir auch constante Ströme zur Reizung 
zu verwenden, diese gaben aber am lebenden Menschen leicht Te- 
tanus, namentlich bei absteigender Stromesrichtung. Die Oscilla- 
tionen, welche man dabei im Muskel fühlt, konnten auch mit Hülfe 
des Myographions verzeichnet werden. Es ergaben sich für die 
ersten Oscillationen dieser Art unmittelbar nach Beginn des Stro- 
mes folgende Werthe: 



190 Gesammtsitzung 

Zeitdauer der Oscillationen in Secunden. 



Batterie 


1 


2 


3 


11 Groves 


0.0939 


0.0912 




Kleine 


0.0883 


0.0897 






0.090G 


0.0892 




15 Groves 


0.0927 


0.0876 




Kleine 


0.0925 


0.0860 






0.0962 


0.0856 


0.0859 




0.0907 


0.0863 


0.0828 




0.0901 


0.0854 


0.0840 



Die Vorzüge der bei den Versuchen über die Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit gebrauchten neuen Untersuchungsmethoden leuch- 
tet unter Anderem aus der Übereinstimmung der einzelnen Ver- 
suche einer jeden Versuchsreihe hervor. Um den Grad dieser 
Übereinstimmung zu zeigen, möge beispielweise folgende Zusam- 
menstellung nur einer Versuchsreihe dienen, wobei wegen der Be- 
deutung der einzelnen Buchstaben auf den Eingangs erwähnten Be- 
richt verwiesen werden mag. D ist nämlich das Mittel der ge- 
messenen Horizontalabstände eines einzelnen Curvenpaares, h — 
die Zuckungshöhe von der untern, h x - die von der obern Ner- 
venstelle, A + BQi,— Ä ) die aus der im angeführten Bericht 
angegebenen Interpolationsformel berechneten Werthe der Horizon- 
talabstände; in der letzten Verticalcolumne sind die Differenzen 
der gemessenen und berechneten Werthe der Horizontalabstände 
angegeben. 



vom 31. März 1870. 



191 





D 


7i 


h 


B(h x —h 2 ) 


Differenz 


1 


3.8537 


35.35 


36.1 


4.0182 


+0.1645 


2 


4.3975 


36.0 


35.8 


4.3392 


—0.0583 


3 


3.8274 


34.35 


35.7 


3.8013 


—0.0261 


4 


3.8069 


33.9 


34.7 


3.9897 


+0.1828 


5 


4.3177 


35.4 


35.2 


4.3402 


+0.0225 


6 


4.2577 


36.3 


36.7 


4.1406 


—0.1171 


7 


3.8526 


36.1 


37.0 


3.9736 


+0.1210 


8 


3.9614 


36.7 


38.3 


3.7498 


—0.2116 


9 


4.4304 


37.55 


37.3 


4.3523 


—0.0781 



Wie man sieht, stimmen sowohl die einzelnen gemessenen 
Horizontalabstände, als die gemessenen und berechneten Horizon- 
talabstände viel mehr unter einander, als die früher mitgetheilte 
Zusammenstellung. 

Nach Ausführung mancher noch mangelnden Versuche wird 
die ausführlichere Auseinandersetzung der Resultate dieser Unter- 
suchung von N. Baxt ausgearbeitet und veröffentlicht werden. 



Hr. A. W. Hofmann las über substituirte Melamine. 

Die Thatsachen, welche ich heute der Akademie vorzulegen 
mir erlaube, wurden bei der weiteren Ausführung von Versuchen 
ermittelt, über die ich bereits in einer früheren Sitzung berichtet 
habe. 1 ) 

In einem Aufsatze: Zur Geschichte der geschwefelten Harn- 
stoffe, habe ich gezeigt, dafs der monoäthylirte Sulfoharnstoff bei 
der Entschwefelung mit Blei- oder Quecksüberoxyd in eine Base 
übergeht, welche ich unter dem Namen Triäthylmelamin be- 
schrieben habe. 

3CH 3 (C 2 H 5 )N 2 S = 3H 2 S + C 3 H 3 (C 2 H 5 ) 3 N 6 . 



*) Hofmann, Monatsberichte 1869, 791. 
[1870] 



14 



292 Gesammtsitzung 

Bei der Fortsetzung dieser Versuche haV ich zunächst con- 
statirt, dafs der monomethylirte und der monoamylirte Harnstoff bei 
der Entschwefelung mit Bleioxyd das entsprechende trimethylirte 
und triamylirte Mclamin liefern. 

Das Trimethylmelamin krystallisirt aus Wasser sowohl 
als auch aus Alkohol in feinen farblosen Prismen, die eine stark 
alkalische Reaction besitzen und sich beim Erhitzen verflüchtigen 
ohne vorher zu schmelzen. Aus der mit möglichst wenig Chlor- 
wasserstoffsäure versetzten Lösung des Salzes scheiden sich auf 
Zusatz von Platinchlorid gut ausgebildete Blättchen eines in Was- 
ser und Alkohol ziemlich unlöslichen Platinsalzes aus, dessen Ana- 
lyse zu der Formel 

C 6 H 14 N 6 PtCl 6 = C 3 H s (CH s ) a N 6 , 2HC1, PtCl 4 
führt Das Trimethylmelamin wird, wie die entsprechende Äthyl- 
verbindung durch Salzsäure unter Abspaltung von Ammoniak zer- 
setzt. Es ist mir indessen nicht gelungen, das offenbar hier zu- 
nächst auftretende Trimethylammelin festzuhalten. Die Reaction 

geht alsbald weiter. 

Das aus dem wohlkrystallisirten Amylsulfoharnstoff, dessen 
Schmelzpunkt bei dieser Gelegenheit zu 93° gefunden wurde, dar- 
gestellte Triamylmelamin wird als ein stark alkalischer zäher 
Syrup erhalten, der selbst nach langem Stehen nicht fest^ wird. 
Er ist unlöslich in Wasser und wässeriger Salzsäure. Die Lö- 
sung des salzsauren Salzes in Alkohol liefert auf Zusatz von 
Platinchlorid ein Haufwerk von gelben Krystallen, welche löslich 
in Wasser, weniger löslich in Alkohol sind. Sie enthalten 
0^33^^^ = 03113(0,^)3^, 2HC1, PtCl 4 . 

Auch bei dem Triamylmelamin liefs sich beim Kochen mit 
Salzsäure ohne Schwierigkeit das Austreten von Ammoniak nach- 
weisen. Allein auch in dieser Reihe wollte es nicht gelingen, aus 
den Zersetzungsproducten das Substitute Ammeiin zu isoliren. 

Schon in meiner ersten Mittheilung über diese Klasse von 
Verbindungen hab' ich die Vermuthung ausgesprochen, dafs die 
substituirten Melamine nicht das directe Entschwefelungs-Product 
der geschwefelten Harnstoffe seien, 1 ) dafs ihrer Entstehung vielmehr 



l ) Hof mann, Monatsberichte 1869, 794. 



vom 31. März 1870. 193 

die Bildung der substituirten Cyanamide vorausgehe. Was ich da- 
mals vermuthete ist mir durch neue Versuche, die ich zumal in 
der Äthylreihe ausgeführt habe, zur Gewißheit geworden. Das 
directe Entschweflungsproduct des Monoäthylharnstoffs ist nicht 
alkalisch, krystallisirt nicht, liefert kein krystallinisches Platin- 
salz. Erst nach mehrmaligem Eindampfen auf dem Wasserbade 
wird das Product plötzlich alkalisch, krystallisirt alsdann bei der 
Berührung mit einem Glasstabe und liefert das charakteristische 
wawellitartig krystallisirende Platinsalz. 

Für die Richtigkeit der Interpretation, dafs sich hier zu- 
nächst Äthylcyanamid bilde, welches erst später in Triäthylamin 
übergehe, liefs sich noch ein weiterer Beweis in dem Verhal- 
ten des auf gewöhnliche Weise dargestellten Äthylcyanamids bei- 
bringen. Dieser Körper ist, ebenso wie das Methyl- und Phe- 
nylcyanamid, den Chemikern aus den schönen Untersuchungen 
von Cahours und Cloez bekannt, 1 ) welche diese Substanzen 
durch Behandlung der betreffenden Aminbasen mit gasförmigem 
Chlorcyan erhalten haben. Beim Einleiten von Chlorcyangas in 
eine ätherische Lösung von Äthylamin hab' ich in der That genau 
die Erscheinungen beobachtet, welche die genannten Chemiker be- 
schreiben. Die von dem ausgeschiedenen Äthylaminchlorhydrat 
abfiltrirte ätherische Lösung hinterliefs nach dem Verdampfen des 
Äthers das Äthylcyanamid als einen neutralen und unkrystallisir- 
baren Syrup, welcher mit Salzsäure und Platinchlorid kein kry- 
stallinisches Platinsalz lieferte, sich also gerade so verhielt wie das 
Entschwefelungsproduct des Monoäthylsulfoharnstoffs. Zwei- bis 
dreimal in Wasser gelöst und auf dem Wasserbade eingedampft 
lieferte dieser Syrup eine alkalische Flüssigkeit, aus der sich Kry- 
stalle absetzten, welche alle Eigenschaften des aus dem Sulfoharn- 
stoff dargestellten triäthylirten Melamins besafsen. 

Nach dieser Beobachtung nimmt denn auch die Umbildung 
durch die Wärme, welche Cahours und Cloez für das Äthyl- 
cyanamid angeben, eine einfachere Form an. Diese Chemiker 
fanden, dafs sich bei der Destillation des Äthylcyanamids eine bei 
190° siedende Flüssigkeit von der Formel 

C 5 H 10 N 2 == CN(C 2 H 5 ) 2 N 



l ) Cahours u. Cloez, Ann. Chem. Pharm. XC. 91. 

14 



194 Gesammtsttzung 

bildet, welche Cahours und Cloez als Diäthylcyanamid er- 
kannt haben, während gleichzeitig eine feste krystallinische Base 
entsteht, welche die Zusammensetzung 

C 4 H 8 N 4 =C 2 H 3 (C 2 H 5 )N 4 
besitzt, und die ich als Äthyldicyandiamid ansprechen möchte. 
Offenbar sind diese Verbindungen keine directen Zersetzungspro- 
ducte des Äthylcyanamids, sondern entstehen aus dem bereits poly- 
merisirten Körper, aus dem Triäthylmelamin. 

C 3 H 3 (C 2 H 5 ) 3 N 6 = CN(C 2 H 5 ) 2 N + C 2 H 3 (C 2 H 5 )N 4 
Die Zersetzungsproducte des Triäthylmelamins sind, wie schon 
die hier aufgeführte Umbildung durch die Wärme andeutet, in mehr 
als einer Beziehung interessant. Die Möglichkeit diesen Körper 
mittelst Chlorcyan auf eine einfachere und weniger kostspielige 
Weise darzustellen, als aus dem äthylirten Sulfoharnstoff, hat mich 
veranlafst, die Umwandlungen des triäthylirten Melamins etwas 
genauer zu untersuchen. Für heute will ich nur bemerken, dafs 
das Triäthylmelamin in der That, wie ich dies bereits früher 
vermuthet hatte, 1 ) durch längere Behandlung mit Säuren unter 
Ammoniakabspaltung und Aufnahme von Wasser in Cyanursäure- 
äthyläther übergeht. Beim einfachen Aufkochen mit Salzsäure 
verwandelt es sich, wie bereits früher gezeigt wurde, in Triäthyl- 
ammelin 

C 3 H 3 (C 2 H 5 ) 3 N 6 + H 2 = C 3 H 2 (C 2 H 5 ) 3 N 5 0+ H 3 N ; 
durch mehrstündige Digestion mit Salzsäure in geschlossener Röhre 
entsteht Cyanur säureäthyläther 

C 2 H 3 (C 2 H 5 ) 3 N 6 Hh3H 3 = C 3 (C 2 H 5 ) 3 N 3 3 + 3H 3 N, 
welcher durch seine physikalischen Eigenschaften, zumal durch sei- 
nen Schmelzpunkt (85°) und durch seine Zersetzungsproducte iden- 
tificirt wurde. Das zwischen dem Triäthylammelin und dem Cya- 
nursäureäthyläther in der Mitte liegende Triäthylammelid 

C 3 H(C 2 H 5 ) 3 N 4 2 
hab' ich bis jetzt trotz vieler Versuche nicht fassen können. 



[ ) Hofmann, Monatsberichte 1869, 797. 



vom 3L März 1870. 195 

Ich habe mir das Vergnügen nicht versagen wollen, das hier 
für die Äthylkörper Ermittelte schliefslich auch noch einmal in der 
Phenylreihe zu beobachten. 

Es wurde also zunächst der Monophenylharnstoff entschwefelt, 
den ich vor längerer Zeit bei der Einwirkung von Ammoniak auf 
Phenylsenföl erhalten hatte. 1 ) Wie nach den Ergebnissen in der 
Äthylreihe zu erwarten stand, liefert dieser Körper bei der Be- 
handlung mit Bleioxyd keinen sauerstoffhaltigen Harnstoff, sondern 
es entsteht zunächst Phenylcyanamid mit all' den Eigenschaf- 
ten, welche Cahours und Cloez dem durch die Einwirkung von 
Chlorcyan auf Anilin erhaltenen Körper beilegen. Die von dem 
Bleisulfid abfiltrirte alkoholische Lösung hinterläfst nach dem Ab- 
dampfen auf dem Wasserbade eine durchsichtige, spröde, colopho- 
niumartige Masse, welche keinerlei krystallinische Structur zeigt. 
Wird dieselbe aber in Alkohol wieder gelöst, und einige Stunden 
lang gelinde erwärmt, so beginnen sich beim Erkalten Krystalle 
auszuscheiden. Ähnliche Krystallbildung erfolgt auch nach mehr- 
tägigem Stehen in der Kälte. Es gelingt jedoch nicht leicht, die 
ganze Menge der colophoniumartigen Masse in Krystalle überzu- 
führen. 

Diese Krystalle sind in Alkohol und Äther aufserordentlich 
löslich; aus letzterem krystallisirt die Verbindung in zolllangen con- 
centrisch vereinigten Nadeln, in Wasser ist dieselbe schwer löslich. 
Die Krystalle schmelzen schon bei 36 bis 37°; einmal geschmol- 
zen, erstarren sie nur äufserst langsam, gewöhnlich erst bei der 
Berührung mit einem festen Körper. Auch in Salzsäure sind sie 
vollkommen unlöslich und es gelingt nicht, eine Platinverbindung 
aus denselben darzustellen. Die leicht schmelzbaren Krystalle sind 
nichts anderes als das Phenylcyanamid. 

Schon bei gewöhnlicher Temperatur verwandelt sich das Phe- 
nylcyanamid nach längerer Zeit in Triphenylmelamin, welches 
sich alsbald durch seine viel geringere Schmelzbarkeit von der ur- 
sprünglichen Verbindung unterscheidet. Der Übergang in die tri- 
moleculare Verbindung scheint um so leichter zu erfolgen, je rei- 
ner der monomoleculare Körper ist. Das auf dem Wasserbade 
geschmolzene vollkommen reine Amid erstarrt oft schon nach eini- 



J ) Hofmann, Lond. R. Soc. Proc. IX. 276. 



196 Gesammtsitzung 

gen Augenblicken zu dem bei weit höherer Temperatur als der 
Siedepunkt des Wassers schmelzenden Triphenylmelamin. 

Die polymerisirte Verbindung, behufs völliger Reinigung mehr- 
mals aus Alkohol umkrystallisirt, stellt wohl ausgebildete, pyrami- 
dal endende Prismen dar, welche in kaltem Wasser unlöslich, 
in siedendem sehr schwer löslich sind; in Alkohol und Äther, zu- 
mal in der Wärme, sind sie leicht löslich. Die kochend gesättigte, 
wäfsrige Lösung setzt den Körper beim Erkalten in haarfeinen Na- 
deln ab. Die Krystalle schmelzen, ohne eine Veränderung zu er- 
leiden, bei 162—163°. 

Die Analyse weist diesem Körper als einfachsten Ausdruck 

die Formel 

C 7 H 6 N 2 

an; allein die Untersuchung des Platinsalzes, welches als ein gel- 
ber gut krystallisirter Niederschlag fällt, zeigt unzweideutig, dafs 
hier die trimoleculare Verbindung vorliegt. Das Platinsalz hat 
nämlich die Formel: 

C 21 H 20 N 6 PtCl 6 = C 3 H 3 (C G H 5 ) 3 N 6 , 2HC1 , PtCl 4 . 

Die schwer schmelzbaren Krystalle stellen also das tripheny- 
lirte Melamin dar, welches aus dem durch Entschwellung des Mo- 
nophenylharnstoffs zunächst gebildeten Phenylcyanamid durch Po- 
lymerisation entstanden ist. 

Ich habe mich durch den Versuch überzeugt, dafs das nach 
dem Verfahren von Cahours und Cloez durch Behandlung von 
Anilin mit Chlorcyan erhaltene Phenylcyanamid beim längeren Er- 
wärmen gleichfalls in Triphenylmelamin übergeht, welches durch 
das Studium seiner Eigenschaften, zumal seines Schmelzpunktes 
und seiner Zersetzungsproducte, mit dem durch Entschweflung des 
Monophenylharnstoffs gewonnenen identificirt wurde. Bei der Dar- 
stellung des Phenylcyanamids durch Einwirkung von Chlorcyan 
auf Anilin wurde in einigen Operationen der gesuchte Körper beim 
Verdampfen des Äthers Anfangs gleichfalls in Gestalt einer zähen 
zu einer colophoniumartigen Substanz erstarrende Harzmasse er- 
halten, welche nur allmählig in den krystallinischen Zustand über- 
ging. Bei anderen Darstellungen, in denen frisch destilhrtes, voll- 
kommen farbloses Anilin angewendet worden war und das Chlor- 
cyangas im Übers chufs eingewirkt hatte, blieb das Phenylcyana- 
mid beim Verdampfen des Äthers im Zustande völlig reiner Kry- 



vom 31. März 1870, 197 

stalle vom Schmelzpunkt 36° zurück. Bei der so erhaltenen, voll- 
kommen reinen Substanz erfolgt der Übergang in die trimoleculare 
Verbindung mit besonderer Leichtigkeit. 

Nach den Erfahrungen, welche ich über die Veränderungen 
des Triäthylmelamins unter dem Einflüsse der Säuren eingesam- 
melt hatte, lag der Gedanke nahe, auch das Verhalten des Triphe- 
nylmelamins gegen Säuren zu studiren. Schon Aufkochen mit 
Chlorwasserstoffsäure ist hinreichend, um aus dem triphenylirten 
Melamin Ammoniak abzuspalten; allein wenn es mir schon bei der 
triäthylirten Base nicht gelungen ist, sämmtliche von der Theorie 
in Aussicht gestellten Verbindungen zu erhalten, so ist die Ausbeute 
bei dem Triphenylkörper noch unergiebiger gewesen. In der That 
ist es mir weder geglückt, ein triphenylirtes Ammeiin, noch ein 
triphenylirtes Ammelid darzustellen. Erhält man eine mit Salzsäure 
versetzte alkoholische Lösung von Triphenylmelamin kurze Zeit 
im Sieden, so scheiden sich beim Erkalten glänzende Prismen aus, 
welche nichts anderes sind, als cyanursaures Phenyl 

C 21 H 15 N 3 3 = C 3 (C 6 H 5 ) 3 N 3 3 , 

dessen Bildung der des Cyanursäureäthyläthers vollkommen ana- 
log ist: 

C 3 H 3 (C 6 H 5 ) 3 N 6 -f- 3H 2 = C 3 (C 6 H 5 ) 3 N 3 3 + 3N 3 N. 

Der Cyanursäurephenyläther setzt sich aus der salzsauren al- 
koholischen Lösung nur langsam ab. Man kürzt die Darstellung, 
indem man die saure Lösung mit Alkali abstumpft, zur Trockne 
verdampft und den durch Wasser von Salz befreiten Rückstand 
aus siedendem Alkohol umkrystallisirt. Man erhält auf diese Weise 
sehr schöne, wohl ausgebildete, farblose Prismen mit grader End- 
fläche, welche bei 264° schmelzen. Der cyanursaure Phenyläther 
ist in kaltem und siedendem Wasser unlöslich; in kaltem Alkohol 
ist er schwer, leichter in siedendem löslich; auch in Äther löst er 
sich auf. Vergeblich hatte ich gehofft, das cyanursaure Phenyl 
bei der Destillation geradezu in cyansaures Phenyl (Carbanil), 
dessen Darstellung noch immer die gröfste Schwierigkeit bietet, 
übergehen zu sehen. Der cyanursaure Phenyläther läfst sich zum 
grofsen Theile ohne Zersetzung verflüchtigen, obgleich der heftig 
riechende, thränenreizende Dampf, welcher sich entwickelt, die 
Spaltung eines Theiles des Cyanursäurephenyläthers nicht verken- 
nen läfst. 



198 Gesammtsitzung 

Das Phenylcyanurat, welches sieh aus dem Triphenylmelamin 
bildet, ist offenbar identisch mit dem Körper, welchen ich früher 1 ) 
durch Polymerisation des Phenylcyanats mittelst Triäthylphosphin 
erhalten habe. Leider besafs ich von dem so dargestellten Kör- 
per keine Probe mehr, um einen letzten Zweifel, der noch hätte 
bleiben können, durch den Versuch zu entfernen. Ich beabsichtige 
aber das Studium des Phenylcyanats wieder aufzunehmen und 
werde alsdann Gelegenheit haben, diese Beobachtung nachzutragen. 

Hrn. F. Hobrecker bin ich für die mir bei Anstellung der 
beschriebenen Versuche geleistete Hülfe zu bestem Danke ver- 
pflichtet. 



Hr. A. W. Hofmann las ferner über eine gemeinschaftlich 
mit Hrn. Otto Olshausen ausgeführte Arbeit: Über die Iso- 
meren der Cyanursäure-Ather. 

Schon vor längerer Zeit hat Hr. Cloez 2 ) unter dem Namen 
Cyanätholin einen merkwürdigen Körper beschrieben, welcher die 
Zusammensetzung des Cyansäureäthyläthers , aber keineswegs die 
Eigenschaften desselben besitzt. Von letzterem unterscheidet er 
sich namentlich in seinem Verhalten zu den Alkalien, welche nach 
den Beobachtungen von Cloez Ammoniak, nicht Äthylamin, aus 
demselben entwickeln. Mit den Säuren vereinigt sich das Cyan- 
ätholin nach Cloez zu krystallisirbaren Salzen, von denen indessen 
bis jetzt nicht ein einziges genauer untersucht worden ist. über- 
haupt ist es auffallend, wie wenig sich die Aufmerksamkeit der 
Chemiker diesem merkwürdigen Körper zugelenkt hat. Hr. Cloez 
hat sich mit der Entdeckung des Cyanätholins und der Feststellung 
seiner Zusammensetzung begnügt; er ist kaum mehr auf diesen 
Gegenstand zurückgekommen. Von Arbeiten anderer Chemiker, 
welche das Cyanätholin betreffen, sind uns nur einige wenige, aber 
nicht unwichtige Versuche von Hrn. Gal 3 ) bekannt geworden. 



i) Hof mann, Ann. Chem. Pharm. Sup. I. 57. 

2) Cloez, Compt. Rend. XLIV. 482 und Ann. Chem. Pharm. CIL 354. 

3 ) H. Gal, Compt. Rend. LXI. 527 und Ann. Chem.Pharm. CXXXVIL 127. 



vom 31. März 1870. 199 

Nach seinen Beobachtungen verwandelt sich das Cyanätholin bei 
der Behandlung mit Kalilauge in Kalium cyanat und Alkohol, bei 
der Einwirkung von Chlorwasserstoffsäure in Cyanursäure und 
Chloräthyl; und Gal und Cloez sprechen in Folge dieser Erfah- 
rungen die Ansicht aus, das Cyanätholin sei der wahre Äther der 
Cyansäure, welcher auf den Typus Wasser zu heziehen sei: 

während das schon früher bekannte Äthylcyanat des Hrn. Würtz 
dem Typus Ammoniak entspreche 

|}„ <co.|n %> <co, :jN . 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, wie vollkommen diese 
Auffassung durch die seit jener Zeit erfolgte Entdeckung der Iso- 
nitrile und der den Schwefelcyanwasserstoffsäureäthern isomeren 
Senföle bestätigt worden ist. 

Die Bildung des Cyanätholins, welches bekanntlich durch die 
Einwirkung des Chlorcyans auf Natriumäthylat erhalten wird, be- 
gründet eine nahe Beziehung dieses Körpers mit dem von den HH. 
Cahours und Cloez 1 ) entdeckten Äthylcyanamid , welches bei 
der Behandlung von Äthylamin mit Chlorcyan entsteht. Dasselbe 
Agens, auf äthylirtes Wasser und äthylirtes Ammoniak einwirkend, 
veranlafst die Bildung in dem einen Falle von Äthylcyanat, in dem 
andern von Äthylcyanamid. Wenn nun aber eine gewisse Analo- 
gie zwischen Cyanätholin und Äthylcyanamid, die sich vielleicht 
am besten in den Formeln 

CN(C 2 H 5 )0 und CN(C 2 H 5 )HN 

spiegelt, nicht zu verkennen ist, so mufsten die Beobachtungen 
über die leichte Polymerisation des Äthylcyamids, über welche der 
Eine von uns erst heute noch der Akademie Mittheilung gemacht 
hat, ganz naturgemäfs die Frage anregen, ob sich das Cyanätholin 
nicht in ähnlicher Weise werde polymerisiren lassen, wie das 
Äthylcyanamid, in anderen Worten, ob nicht auch eine Reihe von 



) Cahours und Cloez, Ann. Chem. Pharm. XC. 91. 



200 Gesammtsitzung 

Verbindungen existire, welche den bereits bekannten Cyanursäure- 

äthern isomer sind. 

Die zur Lösung dieser Frage unternommenen Versuche sind 
in der Methyl-, Äthyl-, Amyl- und Phenylreihe angestellt worden. 
Wir beginnen unsere Mittheilung mit der Beschreibung der 
Versuche in der Methylreihe, obwohl die ursprünglichen Unter- 
suchungen in der Äthylreihe ausgeführt worden sind, weil uns 
gerade die Methylkörper alsbald die befriedigendsten Aufschlüsse 
geliefert haben. 

Versuche in der Methylreihe, 
Leitet man einen Strom von Chlorcyangas in eine verdünnte 
methylalkoholische Lösung von Natriummethylat — wir haben in 
der Regel 20 Grm. Natrium in etwa 400 Grm. wasserfreien Me- 
thylalkohols aufgelöst - so scheidet sich eine reichliche Menge 
von Kochsalz aus. Fährt man mit dem Einleiten fort, bis die 
Flüssigkeit nach Chlorcyan riecht, und destillirt alsdann den über- 
schüssigen Methylalkohol ab, so bleibt ein braunes Öl zurück, 
demjenigen ähnlich, welches Cloez bei dem entsprechenden Ver- 
suche in der Äthylreihe erhalten und unter dem Namen Cyanätho- 
lin beschrieben hat. Dieses Öl bleibt oft lange flüssig; zum öfte- 
ren aber erstarrt es nach einiger Zeit. Häufig aber bildet sich 
entweder gar kein oder nur ganz wenig Öl und es bleibt alsbald 
nach dem Abdestilliren des Methylalkohols ein zu brauner Kry- 
stallmasse erstarrender Rückstand. Die Reinigung der Substanz 
bietet keine Schwierigkeit: ein- bis zweimaliges Umkrystallisiren 
aus siedendem Wasser, in dem die Krystalle leicht löslich sind, 
während sie sich in kaltem Wasser nur wenig lösen, und schliefs- 
lich Behandlung mit ein wenig Thierkohle entfernen den Farbstoff. 
Allein die nunmehr farblos gewordenen Krystalle erweisen sich 
unter dem Mikroskop alsbald als ein Gemenge zweier Verbindun- 
gen, von denen die eine, in feinen Nadeln anschiefsende, die leich 
ter lösliche ist, während die andere, in rhombischen Tafeln sich 
absetzende, sich schwerer löst. Man kann beide mit Aufopferung 
eines mittleren Mischproductes durch mehrfaches Umkrystallisiren 
aus heifsem Wasser in reinem Zustande erhalten. Man trennt sie 
aber besser durch ihre ganz aufserordentlich verschiedene Löslich- 
keit in Äther, welcher die Nadeln löst und die rhombischen Ta- 
feln ungelöst zurückläfst. 



vom 31. März 1870. 201 

Cyanursäure-Methyläther. Verdampft man den Äther, welchen 
man von dem Krystallgemische abgegossen hat, so bleibt eine kry- 
stallinische Masse, welche sich aus Alkohol, besser aber aus heis- 
sem Wasser umkrystallisiren läfst. Die so erhaltenen Nadeln be- 
sitzen die Charaktere einer reinen Substanz. Bei der Kohlenstoff-, 
Wasserstoff- und Stickstoff bestimmung, welch' letzteres Element 
sich mit Leichtigkeit in der Form von Ammoniak wiegen läfst, er- 
gab sich als einfachster Ausdruck die Formel 

C 2 H 3 NO; 
aber es bedarf nur einer näheren Prüfung des hier vorliegenden 
Productes, um zu erkennen, dafs dasselbe nicht das Methylcya- 
nat, sondern dasTrimethylcyanurat, nicht die monomoleculare, 
sondern die trimoleculare Verbindung ist. Der Schmelzpunkt der 
Krystalle liegt bei 132°, der Siedepunkt — wir waren nur im Be- 
sitz einer bescheidenen Menge — zwischen 160 und 170°. Diese 
Eigenschaften bezeichnen unzweideutig eine trimoleculare Verbin- 
dung, ein Cyanurat. 

Es würde gleichwohl geboten gewesen sein, in der Gasvolum- 
gewichtsbestimmung eine experimentale Bestätigung dieser Andeu- 
tungen zu suchen, wenn nicht der Versuch an einem eigenthüm- 
liehen Verhalten des neuen Körpers gescheitert wäre, welches in- 
dessen kaum minder bezeichnend für sein Moleculargewicht ist, als die 
Ermittelung seiner Dampfdichte gewesen sein würde. Wird das neue 
Cyanurat in einer Retorte erhitzt, so destillirt es über, ohne dafs ein 
bemerkenswerther Rückstand bleibt, und das Destillat erstarrt als- 
bald wieder zu einer weifsen Krystallmasse. Allein diese Krystalle 
sind nicht mehr der unveränderte Körper; der Schmelzpunkt der- 
selben ist von 132 auf 175° gestiegen, die Krystallform ist eine 
ganz andere geworden: an die Stelle der feinen Nadeln sind kurze 
dicke Prismen mit scharf entwickelten Endflächen getreten. Man 
erkennt ohne Schwierigkeit, dafs der neue Cyanursäureäther durch 
Atomwanderung im Molecule, welche man durch die Formeln 

( CN M _ ( C °)"} N 

andeuten könnte, in den alten längst bekannten Äther übergegan- 
gen ist. Wollte man sich auf die sorgfältige Untersuchung der 
physikalischen Eigenschaften nicht verlassen, so würde es hinrei- 



2Q2 Gesammtsitzung 

eben, das Verhalten des Körpers vor und nach der Destillation 
gegen Eeagentien zu vergleichen. Vor der Destillation mit Kai. 
erhitzt, liefert er Cyanursäure und Methylalkohol: 

S;)o, + »h,o^)o, + s ( c„,ho,. 

Wird er nach der Destillation derselben Behandlung unterworfen, 
so entsteht Methylamin und Kohlensäure: 

Die beschriebenen Versuche dürften hinreichen, um die Natur 
des neuen Cyanursäureäthers festzustellen. Weitere Anhaltspunkte 
für die Beurteilung dieses Körpers mufsten sich bei dem Studium 
der Veränderungen ergeben, welche die Einwirkung des Ammoniaks 
auf denselben in Aussicht stellte. 

Wenn der Äther einer einbasischen Säure bei der Behandlung 
m it Ammoniak durch Austausch des primären Alkoholfragmentes 
gegen das primäre Ammoniakfragment direct in das Amid über- 
geht der Äther einer zweibasischen Säure aber zunächst den Äther 
einer Amidosänre liefert, so mnfs dem eigentlichen Amide einer 
dreibasischen Säure die Bildung eines ersten und zweiten Am.do- 
säureäthers vorausgehen. Nach dieser Auffassung durfte man bei 
der Einwirkung des Ammoniaks auf den Cyanursäuremethylather 

<CH 3 

cA bfo 

die Entstehung der Körper 

f CH 3 (CH 3 fH 2 N 

C 3 N 3 {cH 3 C 3 N 3 {h 2 N C,N,(h,N 

erwarten, nicht der Möglichkeit zu gedenken, dafs die Alkohol- 
fragmente auch noch gleichzeitig gegen Wasserfragmente ausge- 
tauscht werden konnten. vn^L 
Wir sind bisher nur auf einen der hier verzeichneten Korper 

gestofsen, nämlich auf den 



vom 31. März 1870. 203 

Dimethyläther der Amidocyanur säure. Diese Verbindung bildet 
sich bei der Einwirkung des Ammoniaks auf den neuen Cyanur- 
säuremethyläther, allein es ist nicht ganz leicht, sie auf diese 
Weise rein zu erhalten, in der Regel geht die Reaction weiter und 
es entsteht ein Gemenge von Substanzen, deren Trennung uns bis 
jetzt nicht gelungen ist. Die fragliche Verbindung entsteht aber 
immer in mehr oder minder grofser Menge als Nebenproduct bei 
der Darstellung des Trimethylcyanurats ; es ist dies in der That 
der schon oben erwähnte, in Äther unlösliche Körper, und da aus- 
ser den beiden genannten Körpern kein weiteres Product gebildet 
wird, so ist es leicht, die dimethylirte Amidosäure rein zu er; 
halten. 

Die neue Verbindung krystallisirt aus heifsem "Wasser in schö- 
nen rhombischen Tafeln, geruch- und geschmacklos, erst bei 212° 
schmelzend. Sie ist in kaltem Wasser viel schwerer löslich, als 
der cyanursaure Äther; schwer löslich in kaltem, leichter löslich 
in heifsem Alkohol, fast unlöslich in kaltem Äther. 

Die Formel 

CH,0 



C 5 H 8 N 4 2 = C 3 



CH 3 
H N 



wurde durch Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Stickstoffbestimmung 
und überdies durch die Analyse eines in schönen Nadeln krystal- 
lisirenden Silbersalzes 

C 5 H 8 N 4 2 , AgNO-, 

festgestellt, welches auf Zusatz von Silbernitrat zu der salpeter- 
sauren Lösung des Amidoäthers und Umkrystallisiren des zunächst 
gebildeten Niederschlages gewonnen wird. 

Bei der Behandlung mit wäfsrigem Ammoniak in zugeschmol- 
zener Röhre werden dieselben Producte erhalten, welche in dem 
analogen Processe aus dem Äther entstehen. Sie sind noch nicht 
untersucht; es ist indessen festgestellt, dafs hierbei, wie dies nicht 
anders erwartet wurde, Methylalkohol austritt. 

Was schliefslich die Bildung des Amidoäthers bei der Einwir- 
kung des Chlorcyans auf das Natriummethylat anlangt, so entsteht 
derselbe offenbar in Folge von Spuren Wasser, welche bei dem 
Processe kaum ausgeschlossen sind. Das Wasser veranlafst zu- 
nächst die Bildung von Salzsäure und Cyansäure, welche letztere 



204 Gesammtsitzung 

in Kohlensäure und Ammoniak zerfällt. Ammoniak und Cyanur- 
säuremetlryläther in condicione nascendi zusammentreffend, liefern 
Methylalkohol und den Amidoäther. 

In der That ist dem in dem Processe ausgeschiedenen Koch- 
salz eine nicht unerhebliche Menge Cyanat und Carbonat beige- 
mengt. 

Versuche in der Äthylreihe. 

Unsere ersten Versuche wurden in dieser Reihe angestellt, und 
wir haben in ihr eigentlich mehr gearbeitet, als in der Methylgruppe. 
Wir sind gleichwohl bis jetzt nicht im Stande gewesen, den Cya- 
nursäuretriäthyläther im reinen Zustande zu erhalten; wir haben 
dagegen die Äther der beiden Amidosäuren fassen können. 

' Was zunächst die Erscheinungen bei der Einwirkung des 
Chlorcyans auf das Natrium äthylat betrifft, so gestalten sich die- 
selben genau wie bei der analogen Behandlung des Methylats, und 
wie sie überdies von Hrn. Cloez beschrieben worden sind. Wir 
haben indessen öfter schon in erster Instanz einen festen Körper 
erhalten; meist jedoch bildete sich nur ein Öl, und aus diesem 
setzten sich dann gewöhnlich nach einiger Zeit Krystalle an, deren 
Ausbeute in verschiedenen Darstellungen aufserordentlichen Schwan- 
kungen unterworfen war. Wir glaubten begreiflich zunächst, dafs 
hier die trimoleculare Modification des Cyanätholins vorliege; allein 
die Analyse zeigte, dafs diese Krystalle trotz ihrer Schönheit ein 
Gemenge sind, welches das gesuchte Cyanurat, wenn überhaupt, nur 
in geringer Menge enthält. Sie bestehen, wie vielfache Analysen 
darthaten, aus einem Gemenge der Äthyläther der beiden Amido- 
säuren, deren Trennung einige Schmerzen gekostet hat. 

Diäthißäther der Amidocyanursäure. Durch Behandlung mit 
Thierkohle und sehr häufiges Umkrystallisiren einer nicht unbe- 
trächtlichen Menge der aus dem rohen Cyanätholin abgesetzten 
Krystalle gelang es, zarte weifse Prismen zu erhalten, welche den 
Schmelzpunkt 97° zeigten; dieser Schmelzpunkt blieb auch nach 
mehrfachem Umkrystallisiren aus Wasser unveräudert, ein Verhal- 
ten, welches die Reinheit der Substanz erschliefsen liefs. Derselbe 
Körper wird erhalten, wenn das rohe Cyanätholin einige Stunden 
lang mit wäfsrigem Ammoniak in geschlossener Röhre erhitzt wird. 
Die Digestion darf aber nicht zu lange fortgesetzt werden , weil 



vom 31. März 1870. 205 

sonst andere Producte, zumal ein in Wasser fast unlöslicher amor- 
pher Körper, gebildet werden. 

Die Analyse der Krystalle, welche auch in Alkohol und selbst 
in Äther, besonders unter Mitwirkung der Wärme, löslich sind, 
hat gezeigt, dafs dieselben die dem Amidoäther der Methylreihe 
entsprechende äthylirte Verbindung sind, also die Zusammen- 
setzung 

rC 2 H 5 

C 7 H 12 N 4 2 = C 3 N 3 C 2 H 5 
l H 2 N 

besitzen. Die diäthylirte Amidocyanursäure verbindet sich in zwei 
Verhältnissen mit Silbernitrat. Je nachdem man die in Salpeter- 
säure gelöste Substanz oder Silbernitrat im Überschufs anwendet, 
erhält man die Verbindungen: 

2C 7 H 12 N 4 2 , AgN0 3 
oder C 7 H 12 N 4 2 , AgN0 3 

Beide Salze krystallisiren in Nadeln. Das letztere kann ohne 
bemerkenswerthe Zersetzung aus siedendem Wasser umkrystallisirt 
werden, das erstere zersetzt sich beim Umkrystallisiren, indem es 
allmählig in das zweite Salz übergeht. 

Aihyläther der Diamidocyanur säure. Aus einer Lösung der 
eben beschriebenen, jedoch noch nicht völlig gereinigten Verbindung, 
welche mit concentrirter Ammoniakflüssigkeit längere Zeit stehen 
geblieben war, hatten sich weifse Krystalle abgesetzt, welche zwi- 
schen 190 und 200° schmolzen und sich in Alkohol weit schwerer 
lösten. Bei der Analyse (Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Stickstoff- 
bestimmung) dieser Krystalle wurden Zahlen erhalten, welche sie 
als den Athyläther der Diamidocyanursäure, als 

r C 2 H 5 

C 5 H 9 N 5 = C,N 8 H 2 N 

{ H 2 N 

charakterisiren. Auch diese Verbindung liefert, in Salpetersäure 
gelöst und mit Silbernitrat versetzt, feine Krystallnadeln , welche 
jedoch noch nicht analysirt worden sind. 



= 



20G Gesammtsitzung 

Versuche in der Amylreihe. 
Wir haben in dieser Reihe bis jetzt nur qualitativ gearbeitet. 
Das Product der Einwirkung des Chloreyans auf das Amylcyanat 
ist ölförmig. Es destillirt bei etwa 200°, wie es scheint, nicht 
ohne tiefgreifende Zersetzung. Die letzten Destillationsantheile er- 
starren zu weifsen, seideglänzenden Krystallen, die sich durch Lö- 
sen und Umkrystallisiren leicht rein erhalten lassen. Wir sind 
geneigt, diese Substanz für das Amylcyanurat zu halten, allein es 
liegen bis jetzt keine Zahlen vor, auf welche sich diese Annahme 
stützt. 



Versuche in der Phenylreilie. 
Schließlich möge hier noch eines Versuches gedacht werden, 
welcher in der Phenylreihe ausgeführt wurde. Chlorcyan wirkt 
auf Natriumphenylat, welches in diesem Falle in absolutem Alko- 
hol aufgelöst wurde, mit derselben Energie, wie auf die andern 
Natriumverbindungen. Die von dem ausgeschiedenen Kochsalze 
abgegossene Flüssigkeit lieferte auf Zusatz von Wasser ein in Was- 
ser untersinkendes Öl, welches der Destillation unterworfen wurde. 
Was zunächst überging bestand aus fast reinem Phenol ; die Destil- 
lation wurde unterbrochen, sobald ein Tropfen des Rückstandes zu 
einer Krystallmasse erstarrte, welche sich in kaltem Alkohol als 
fast unlöslich erwies. Der Destillationsrückstand wurde alsdann 
mit Alkohol gemischt und auf einem Filter mit kaltem Alkohol 
ausgewaschen. Der bereits weifs gewordene Krystallbrei wurde 
alsdann aus einer grofsen Menge siedenden Alkohols umkrystalli- 
sirt. Beim langsamen Erkalten schieden sich lange feine Nadeln 
aus, welche in Wasser und Äther fast unlöslich sind, sich aber in 
Benzol auflösen. 

Die Analyse dieser Krystalle führte zu der Formel 

C 7 H 5 NO. 

Aus der Bildungsweise derselben, sowie aus ihrem ganzen Habitus 
aber schliefsen wir, dafs dieselben die trimoleculare Verbindung, 
das Phenylcyanurat 

fC 6 H 5 
C 21 H 15 N 3 3 = C 3 N 3 C 6 H s O 

10 6 H 5 U 



vom 31. März 1870. 207 

darstellen, welches der im Anfange dieser Note beschriebenen Me- 
thylverbindung entspricht. 

Der Schmelzpunkt der Krystalle wurde zu 224° gefunden, 
also wesentlich niedriger, als der der isomeren Verbindung (264°), 
über welche der Eine von uns 1 ) am heutigen Abend der Akademie 
berichtet hat. Von letzterer, welche man jetzt als Isocyanursäurephe- 
nyläther ansprechen mufs, unterscheidet sich das neue Cyanurat 
auch ganz unzweideutig, was Krystallform und Verhalten gegen 
Lösungsmittel anlangt. Ob auch die Phenyiverbindung, wie der 
Methylkörper, durch die Einwirkung der Wärme sich umlagert 
und in das schon bekannte Cyanurat übergeht, mufs noch ermittelt 
werden. 

Wir können diese Mittheilung nicht schliefsen, ohne den HH. 
R. Bensemann und K. Sarnow für die Bereitwilligkeit zu dan- 
ken, mit der sie uns bei der Ausführung der beschriebenen Ver- 
suche haben unterstützen wollen. 



Hr. W. Peters las über die Verwandtschaft der Cte- 
nodactyli mit den Chinchillen und anderen Gruppen der 
Nager. 

Als Resultat einer ausführlichen Untersuchung des Gesammt- 
baues der eigenthümlichen afrikanischen Nagethiergattungen Cteno- 
dactylus und Peclinator wurde mitgetheilt, dafs dieselben in allen 
wesentlichen Theilen von den Dipoda abweichen und hierin mit 
den Hystriciformes übereinstimmen, theils den Chinchillen, theils 
den Octodontes oder auch den Echinomyes sich anschliefsen, in ein- 
zelnen Punkten aber auch eine Hinneigung zu den Murinen zeigen. 



x ) Hofmann, Monatsberichte 1870, 197. 
[1870] 15 



208 Gesammtsitzung vom 31. März 1870. 

An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt : 

Neues Lausitzisches Magazin. 47. Bd. 1. Heft. Görlitz 1870. 8. 
Vierteljahresschrift der Astronomischen Gesellschaft in Leipzuj. 5. Jahrg. 

1. Heft. Leipzig 1870. 8. 
Zur Erinnerung an Willi. Wackernagel. Basel 1870. 8. 
Achtundzwanzigster Bericht über das Museum Francisco- Carolinum. Linz 

1869. 8. 
Glasnik. Vol. 8. 9. Belgrad 1869. 8. 
Almanaque nautico, para 1871. Cadiz 1871. 8. 
Jahrbücher der Gelehrten Gesellschaft in Krakau. 39. Bd. Krakau 1870. 

8 Mit Begleitschreiben d. d. Krakau 20. März 1870. 
Publications de la societe archeologiaue. Vol. 24. Luxembourg 1869. 4. 
Wild 's Repertorium für Meteorologie. 1. Bd. 1. Heft. Petersburg 1869. 4. 
Ed. de la Barre-Duparcq, Du nombre des tues dans les batadles. 

Paris 1870. 8. Mit Schreiben vom 20. März 1870. 



Nachtrag. 



14. März. Sitzimg der physikalisch -mathemati- 
schen Klasse. 

Hr. Dove las über die Temperaturvertheilung im 
Winter 1 8ff . 

Wenn von vornherein es unwahrscheinlich ist, dafs der Polar- 
und Äquatorialstrom, welche unsere Witterungsverhältnisse bestim- 
men, uferlos wie sie sind, je genau in denselben Betten fliefsen 
werden, welche sie einmal früher einnahmen, wenn also die in der 
jährlichen Periode identisch wiederkehrende Insolation eine nicht 
identische Atmosphäre vorfindet, auf welche sie wirkt, so darf doch 
die Hoffnung nicht aufgegeben werden, in dem scheinbar willkühr- 
lichen Wechsel des Verlaufs jener Ströme annähernd sichere An- 
haltspunkte zu gewinnen dafür, wie eine bestimmte anomale Tem- 
peraturvertheilung in die ihr folgende übergeht. Natürlich kann 
bei dem mächtigen Querschnitt dieser Ströme eine derartige Unter- 
suchung nur an die gleichzeitige Betrachtung einer grofsen Anzahl 
von Stationen sich anknüpfen, da das an einer bestimmten Stelle 
mit einem früheren Vorkommen identisch Erscheinende in weiter 
Entfernung von jener Stelle als ein durchaus Ungleichartiges sich 
herausstellen kann, indem dieselbe Temperatur an jener durch einen 
ganz anders gerichteten Luftstrom hervorgerufen werden kann. 
Aufserdem mufs, um zu wifsen, ob eine in einem bestimmten Jahre 
sich zeigende Aufeinanderfolge der Erscheinungen bereits früher in 
entsprechender Weise hervortrat, eine vieljährige Beobachtungsreihe 
vorliegen. Dies bestimmte mich in meinen seit 1838 ununterbro 
chen fortgesetzten Untersuchungen über die nicht periodischen Ver- 

15* 



210 Nachtrag. 

änderungen der Temperaturvertheilung auf der Oberfläche der Erde 
die Witterungsgeschichte der Vergangenheit, soweit Beobachtungen 
vorlagen, numerisch durch Abweichungen von normalen Werthen 
darzustellen. Ich habe diese Geschichte in dem zweiten Theile mei- 
ner klimatologischen Beiträge 1869 für monatliche Mittel und in 
den Abhandlungen der Berliner Akademie 1869 für fünftägige Mit- 
tel bis zur Gegenwart fortgesetzt. An dieses so zu einem Ab- 
schlufs gelangte Material knüpfen sich die nachfolgenden Bemer- 
kungen über den eben verflossenen Winter 18fJ. 

Dieser Winter war in Deutschland streng. Der Februar in 
Claussen bei Lyck entsprach der mittlem Wärme dieses Monats 
in Archangel, Catherinenburg und Orenburg, die Temperatur von 
Ratibor und Landeck war die von Smolensk. In Bunzlau glaubte 
man sich nach Moscau versetzt, Breslau war sogar kälter. Königs- 
berg und Conitz entsprachen Ufa, Tilsit war Novgorod geworden, 
Berlin hatte eine niedrigere Temperatur als Abo, Schwerin wurde 
Kiew. Frankfurt a. M. und Friedrichshafen am Bodensee wurden 
Memel, Trier entsprach Posen, Canstadt bei Stuttgard hatte sich 
in Bromberg verwandelt, Wiesbaden fürchtete seinen Ruf als deut- 
sches Montpellier zu verlieren, denn es war kälter als im vieljäh- 
rigen Mittel das ostpreufsische, kälter als Elbing. Da aber die 
Kälte erst nach der Mitte Januars beginnt, dessen Anfang unver- 
hältnifsmäfsig mild war, und nach der Mitte Februars die inten- 
sive Strenge des Winters gebrochen wurde, dadurch dafs am 21. 
Februar ein warmer das Barometer stark herab drückender SW das 
«ranze westliche und mittlere Europa überströmte, so geben die 
Monatsmittel nur eine annähernde Anschauung der eigentlichen Er- 
niedrigung unter die normale Wärme. Um diese deutlicher hervor- 
treten zu lassen, habe ich daher im Folgenden bestimmt, um wie 
viel der monatliche Zeitraum vom 21. Januar bis 19. Februar käl- 
ter war als ihm im Mittel zukommt (Grade Reaumur wie über- 
haupt). 

€laussen bei Lyck —8.01. 

Ratibor —7.58, Königsberg —7.45, Bromberg —7.44, Tilsit 
—7.34, Breslau —7.13. 

Zechen —6.85, Conitz —6.76, Landeck —6.70, Posen —6.64, 
Eichberg —6.35, Ulm —6.32, Memel —6.28, Grüllenburg 
—6.27, Frankfurt a. d. O. —6.09, Görlitz —6.01. 



Nachtrag. 211 

Gorisch —5.98, Wermsdorf — 5.95, Riesa —5.95, Dresden —5.93, 
Heia —5.80, Leipzig —5.69, Zittau —5.68, Erfurt —5.61. 
Regenwalde — 5.59, Reizenhain — 5.55, Zwickau — 5.53, Stet- 
tin — 5.52, Zwenkau — 5.49, Gorisch — 5.41, Freiberg — 5.39, 
Heilbronn — 5.39, Bautzen — 5.33, Elster — 5.32, Anna- 
berg — 5.23, Heidenheim — 5.17, Cöslin — 5.15, Berlin 
— 5.15, Hinrichshagen — 5.05, Hechingen — 5.05. 

Halle —4.99, Darmstadt —4.98, Rehefeld —4.94, Sehopfloch 
— 4.90, Sondershausen — 4.90, Friedrichshafen — 4.88, 
Heiligenstadt — 4.85, Wien — 4.85, Hannover — 4.68, Göt- 
tingen — 4.62, Mühlhausen — 4.60, Hohenzollern — 4.59, 
Hinterhermsdorf — 4.58, Frankfurt a. M. — 4.50, Issny 
— 4.48, Calw — 4.40, Kreuznach — 4.39, Freudenstadt 
— 4.33, Oberwiesenthal — 4.31, Schwerin — 4.20, Güters- 
loh — 4.19, Boppard — 4.08, Lüneburg — 4.07, Kirche 
Wang —4.07. 

Putbus —3.99, Schönberg —3.88, Birkenfeld —3.87, Rostock 
—3.82, Löningen —3.75, Lübeck —3.73, Stuttgard —3.70, 
Clausthal —3.66, Oldenburg —3.64, Olsberg —3.58, Wu- 
strow —3.55, Otterndorf —3.50, Trier —3.50, Cöln —3.44, 
Lingen —3.42, Crefeld —3.36, Eutin —3.34, Cleve —3.22, 
Münster —3.19, Emden 3.19, Brüssel —3.16, Jever 
—3.13. 

Paris —2.41. 

Rom —1.74. 

Lissabon — 0.65. 

Auf dem Plateau der masurischen Seeen fehlten also jedem 
Tage einen Monat lang 8 Grad. Das ist viel für ein ohnehin nicht 
begünstigtes Land. 

Klarer natürlich tritt die eigentliche Vertheilung in der Ab- 
weichung der fünftägigen Mittel von ihrem normalen Werthe her- 
vor. Sie ist die folgende. Die „Unterschied" überschriebene Co- 
lumne bezeichnet, um wie viel der Wärmeüberschufs am 6 — 10 
Januar die Erniedrigung von 5 — 9 Februar übertrifft. Beide ex- 
treme Abweichungen sind durch den Druck hervorgehoben. 



212 



Nachtrag. 



Memel 

Tilsit 

Claussen 

Königsberg 

Heia 

Conitz 

Bromberg 

Posen 

Zechen 

Breslau 

Eatibor 

Landeck 

Eicliberg 

Wang 

Görlitz 

Zittau 

Hinterbermsdorf 

Bautzen 

Dresden 

Grüllenburg 

Freiberg 

Rehfeld 

Eeizenhain 

Annaberg 

Oberwiesenthal 

Elster 

Zwickau 

Chemnitz 

"Wermsdorf 

Riesa 

Gorisch 
Torgau 
Leipzig- 
Zwenkau 
Halle 
Erfurt 
Sondershausen 



Januar 



10 



2.42 

2.89 
2.41 
2.92 
1.72 
1.99 
1.40 
2.20 
1.58 
2.29 

3.12 
2.14 
1.26 
4.89 
2.95 
2.12 
1.5.1 
2.50 
0.93 
4.21 

4.13 

2.50 
3.79 
4.76 

5.21 

1.67 
4.57 
3.86 
3.62 
2.44 

2.46 
2.57 
2.72 
4.11 
3.58 
4.99 
3.74 



11 — 15 



5.16 
5.54 
5.79 
5.37 
3.25 
5.09 
5.43 
5.G0 
5.29 
5.89 

5.47 
5.67 
7.35 
5.89 
5.26 
4.68 
4.53 
5.00 
4.86 
5.48 

4.39 
5.17 

5.48 
4.79 

4.00 

4.95 
6.06 
7.13 
5.06 
4.71 

5.62 
5.92 
5.09 
5.68 
5.88 
6.45 
6.17 



16 — 20 



3.66 
3.57 
2.96 
3.47 
1.71 
3.31 
3.67 
3.65 
3.43 
3.29 

3.14 
3.05 
3.71 
1.95 
2.90 
3.07 
2.64 
2.94 
2.80 
2.73 

2.22 
2.55 
2.75 
1.98 
0.87 
2.90 
3.16 
3.01 
2.73 
3.55 

3.23 
3.37 
3.10 
3.44 
3.58 
3.73 
3.85 



21—25 



-0.87 
-0.99 
-0.30 
-0.42 
0.62 

— 0.60 
0.34 
0.60 
0.55 
0.31 

1.22 

—0.20 
0,31 

—0.69 
0.00 

—0.14 

— 1.52 
—0.70 
—0.54 
—0.92 

— 1.32 

— 1.03 

— 1.16 

— 1.45 
-1.12 

0.16 
-0.54 
-0.26 
-0.31 
-1.04 

0.58 
0.64 
0.12 
0.06 
0.46 
-0.06 
-0.09 



26—30 



-0.90 
-1.93 
-1.74 
-1.44 
—0.56 

— 1.76 

— 1.80 

— 1.95 

— 2.10 

— 3.02 

— 1.80 

— 3.49 
—3.65 
—4.35 
—3.29 
—2.96 
—2.81 

— 3.06 

— 3.58 
—4.06 

—4.01 
—3.70 
—4.25 
—4.74 
—4.22 
—3.08 

— 3.90 

— 3.44 
—3.58 
—3.32 

—2.89 
—2.75 

— 3.35 
—3.45 
—2.91 
—3.42 
—3.50 



-4.49 
-6.45 
-8.21 
-5.59 
—2.81 
—2.24 

— 3.83 
—2.25 
—2.76 
—3.84 

—6.74 

— 5.33 
—4.64 
—4.24 
—3.17 
—2.49 
—2.04 
—3.32 
—3.51 
—3.73 



— 3.20 
—3.85 
—4.00 
—3.12 

— 3.90 
—3.61 
—3.15 
—3.30 
—2.86 

— 3.12 

— 2.51 
—2.76 
—2.93 

— 1.89 
—3.18 

— 1.82 



Nachtrag. 



213 







F e b 


r u a r 








31—4 


5—9 


10—14 


15 — 19 


20—24 


25—1 


Unterschied 


— 9.77 


-12.53 


— 9.23 


—0.60 


— 1.03 


1.40 


17.69 


—10.99 


-14.37 


— 9.53 


— 2.18 


— 0.51 


1.48 


19.91 


— 12.43 


-15.39 


— 7.38 


—3.77 


—0.87 


1.66 


21.10 


— 10.74 


-14.37 


— 10.11 


—3.01 


—0.89 


1.67 


19.74 


— 7.71 


-10.06 


— 8.36 


—3.05 


—2.79 


—0.37 


13.31 


— 9.80 


-14.58 


— 9.18 


—3.49 


— 1.27 


1.10 


19.67 


— 11.12 


-15.42 


— 8.52 


—4.07 


— 1.67 


1.43 


20.85 


— 9.62 


-14.98 


— 8.33 


—3.23 


— 1.46 


1.74 


20.58 


— 8.99 


-15.52 


— 8.77 


—3.59 


— 1.47 


1.50 


20.81 


— 9.03 


-16.04 


— 8.87 


— 3.62 


— 1.39 


1.70 


21.93 


— 9.74 


-17.36 


— 7.47 


—2.57 


— 1.60 


1.37 


22.83 


— 6.62 


-17.15 


— 6.46 


—3.12 


— 1.54 


1.79 


22.82 


— 7.65 


-12.66 


— 9.07 


— 3.01 


— 1.05 


2.33 


20.01 


— 1.08 


- 6.92 


— 6.10 


—3.68 


— 2.32 


4.31 


11.81 


— 4.77 


-13.65 


— 9.02 


—3.79 


— 1.69 


1.60 


18.91 


— 3.51 


-12.78 


— 9.12 


— 3.64 


— 2.52 


1.92 


17.46 


— 1.84 


- 9.25 


— 8.52 


— 3.25 


— 2.60 


0.78 


13.78 


— 4.27 


- 9.71 


— 9.26 


—4.15 


— 1.28 


0.47 


14.71 


— 4.48 


-10.32 


— 9.24 


—4.47 


— 2.09 


1.11 


15.18 


— 4.13 


-10.11 


-10.24 


—5.38 


—2.35 


1.21 


15.72 


— 2.76 


— 7.98 


- 9.16 


—4.74 


— 2.66 


1.19 


13.55 


— 4.14 


- 9.44 


— 6.86 


—2.31 


—2.29 


0.56 


14.61 


— 4.43 


-10.51 


— 6.82 


— 3.42 


—2.50 


0.61 


15.99 


— 2.72 


- 8.49 


— 7.35 


—4.07 


—2.93 


1.00 


13.28 


— 0.05 


- 9.59 


— 6.21 


— 2.67 


—2.88 


1.97 


14.80 


— 4.01 


- 9.52 


— 7.61 


— 3.83 


— 2.51 


1.01 


14.47 


— 3.62 


- 8.90 


— 8.32 


—4.82 


— 2.41 


1.92 


14.96 


— 2.62 


— 7.84 


- 7.90 


—4.15 


— 2.38 


1.50 


15.03 


— 3.22 


-11.36 


— 9.25 


— 5.00 


— 1.97 


1.40 


16.42 


— 4.39 


-11.64 


— 9.06 


—4.46 


— 2.54 


1.15 


16.35 


— 4.95 


-12.09 


— 9.19 


—4.65 


— 1.87 


3.24 


17.71 


— 3.47 


-11.42 


— 8.49 


—3.84 


— 1.79 


0.71 


17.34 


— 2.93 


-11.49 


— 8.95 


—4.66 


—2.13 


1.10 


16.58 


— 3.01 


- 9.56 


— 9.12 


—4.89 


— 1.77 


1.26 


15.24 


— 2.21 


-10.61 


— 8.30 


—4.00 


—1.87 


1.93 


15.99 


— 3.64 


-10.26 


— 8.45 


—4.74 


— 1.84 


1.94 


16.71 


— 2.15 


- 9.88 


— 7.88 


—4.19 


— 1.99 




16.05 



214 



Nachtrag. 







Januar 








1_5 i 6-10 1 


L1 _ 15 1 16-20 21—25 j 26-30 


Mühlhausen 


2.87 


6.61 


4.06 


0.35 


—2.82 


— 1.83 


Heiligenstadt 


4.62 


5.81 


3.23 


—0.45 


—3.92 


— 3.09 


"Wernigerode 


4.92 


3.58 


2.77 


— 1.35 


—5.07 


—2.55 


Clausthal 


3.90 


4.31 


1.66 


— 1.52 


—4.04 


— 2.22 


Göttingen 


4.08 


5.70 


2.98 


—0.28 


— 3.91 


— 3.28 


Copenhagen 


3.28 


4.65 


3.16 


1.43 


—0.70 


1.26 


Cöslin 
Kegenwaldc 
Stettin 
Putbus 


2.30 
2.53 
2.23 


5.21 
5.11 
4.35 


2.82 
3.20 
3.08 


0.54 
0.34 
0.56 


—0.93 

— 1.09 

— 1.41 


— 0.65 
—0.36 
—0.19 


2.09 


4.31 


2.82 


1.55 


— 1.14 


0.64 


Wustrow 


1.99 


4.29 


3.28 


1.19 


— 1.19 


0.78 


Rostock 

Schwerin 

Hinrichshagen 


2.32 
3.29 

3.28 


4.89 
5.53 
5.48 


3.25 
3.60 
3.51 


0.78 
0.50 
0.70 


— 1.38 
—2.17 

— 2.03 


0.54 
—0.22- 
—0.35 


Berlin 


2.50 


5.76 


3.56 


0.68 


—2.35 


—0.94 


Frankfurt 


1.89 


5.95 


3.55 


0.44 


—2.45 


— 1.74 


Schönberg 


3.23 


5.67 


3.85 


—0.06 


—2.82 


—0.88 


Lübeck 


3.15 


4.93 


3.74 


1.31 


—2.00 


0.22 


Eutin 


3.43 


5.43 


3.32 


1.35 


— 1.63 


—0.37 


Kiel 


3.74 


5.00 


3.24 


0.99 


— 1.61 


0.32 


Neumünster 


3.91 


5.37 


3.41 


1.24 


—2.02 


—0.14 


Altona 


4.43 


5.92 


3.80 


1.37 


—2.07 


—0.34 


Otterndorf 


4.20 


5.47 


3.53 


0.98 


— 1.61 


—0.16 


Lüneburg 


4.08 


5.60 


3.76 


0.94 


—2.49 


—0.45 


Hannover 


4.53 


5.58 


3.48 


0.20 


— 3.60 


—1.84 


Oldenburg 


4.29 


5.14 


3.26 


0.51 


— 1.98 


—1.45 


Jever 


3.23 


4.49 


3.13 


0.59 


—1.33 


— 0.75 


Emden 


2.98 


4.24 


2.74 


0.21 


—1.32 


— 1.25 


Lingen 


4.18 


4.53 


2.54 


—0.36 


— 2.65 


— 1.79 


Löningen 


4.42 


4.79 


2.98 


0.12 


—2.56 


—2.11 


Münster 


4.65 


5.06 


2.56 


0.13 


—2.88 


—2.41 


Gütersloh 


4.62 
5.92 


4.86 


2.39 


—0.25 


—3.83 


—3.62 


Olsberg 


5.49 


2.64 


—0.16 


— 3.45 


— 3.63 


Cleve 


4.40 


4.39 


2.20 


—0.31 


—2.93 


—2.18 


Crefeld 


4.6E 


4.93 


2.64 


—0.24 


—3.02 


—2.04 


Cöln 


4.04 


t 4.98 


2.27 


—0.15 


—3.31 


—1.71 


Boppard 


i 3.9* 


\ 1 5.49 


| 2.53 


—0.23 


—2.34 


—3.85 



Nachtrag. 



215 







F e b 


r u a r 








31—4 


5—9 


10—14 1 


15—19 1 


20—24 


25—1 


Unterschied 


—2.15 


- 9.20 


—7.99 


—3.61 


—1.43 


1.15 


15.81 


—0.94 


- 9.20 


—7.91 


—4.07 


—1.67 


2.18 


15.01 


1.25 


— 6.13 


-8.53 


—4.27 


— 2.52 


2.92 


12.84 


—0.79 


- 8.20 


— 7.46 


—4.10 


—1.75 


0.99 


13.90 


—0.29 


— 3.53 


-5.50 


—1.50 


—3.20 


—3.46 


10.15 


— 8.29 


-12.11 


—5.55 


—3.38 


—1.52 


0.81 


17.32 


—7.66 


-12.94 


—8.11 


—3.38 


—0.71 


1.01 


18.05 


—7.02 


-12.65 


—8.26 


—3.61 


—1.27 


1.07 


17.00 


—4.52 


-10.39 


— 5.52 


—3.03 


—1.45 


—0.42 


14.70 


—2.78 


- 9.91 


—4.75 


—3.47 


— 1.86 


0.40 


14.20 


—3.22 


-10.31 


—4.96 


—3.58 


—1.49 


1.12 


15.20 


—2.65 


-10.26 


—5.99 


—3.90 


—1.67 


1.08 


15.79 


—5.02 


-12.04 


—7.00 


—3.85 


—1.75 


1.52 


17.52 


—4.29 


-12.35 


—7.52 


—3.45 


—1.45 


1.25 


18.11 


—6.08 


-13.87 


—8.75 


—3.67 


— 1.56 


1.07 


19.82 


—2.02 


- 9.38 


—4.70 


—3.47 


—1.84 


1.57 


15.05 


—1.81 


- 9.49 


—4.84 


—3.89 


—1.74 


0.96 


14.42 


—1.51 


- 8.45 


—4.77 


—3.31 


— 1.52 


1.13 


13.88 


— 1.13 


- 7.82 


—5.57 


—3.42 


—1.47 


0.95 


12.82 


— 1.81 


- 9.74 


—5.81 


—3.79 


—2.06 


1.48 


15.12 


— 1.86 


- 9.95 


—5.03 


—3.69 


— 1.81 


0.88 


15.87 


—0.84 


- 8.93 


—5.57 


—3.79 


— 2.22 


1.79 


14.40 


—1.72 


- 9.47 


—7.08 


—3.24 


— 1.63 


2.47 


15.07 


— 1.03 


-10.10 


— 7.69 


— 3.82 


— 1.76 


2.26 


15.68 


0.00 


- 8.84 


— 6.15 


—3.42 


— 1.28 


1.77 


13.98 


0.14 


- 7.90 


—5.61 


—3.32 


— 1.11 


2.33 


12.39 


0.24 


- 7.69 


—5.72 


—3.37 


— 1.27 


1.18 


11.93 


1.36 


- 7.03 


—6.43 


—3.98 


—1.68 


2.28 


11.21 


0.40 


- 8.37 


—6.31 


—3.55 


— 1.39 


2.23 


13.16 


0.99 


— 5.20 


-6.50 


— 3.11 


— 1.72 


2.79 


12.16 


—0.39 


— 6.18 


-7.24 


— 3.88 


— 1.95 


2.32 


12.10 


1.04 


— 4.96 


-7.16 


—3.33 


— 1.64 


2.78 


13.08 


0.79 


— 4.30 


-6.89 


—3.82 


— 1.91 


3.09 


11.29 


0.54 


— 4.67 


-6.68 


—4.29 


— 1.68 


3.27 


11.61 


—0.17 


— 5.18 


-6.23 


—4.07 


—2.47 


1.48 


11.21 


— 1.19 


— 6.59 


-7.05 


—3.46 


—1.97 


1.81 


12.54 



21G 



Nachtrag. 



J a n a r 

!_ 5 I G-10 I 11-15 I 16-20 I 21-25 



Trier 


4.05 


5.41 


Brüssel 


3.79 


5.40 


Birkenfeld 


3.89 


5.42 


Kreuznach 


0.80 


5.60 


Frankfurt a. M. 


1.41 


5.0G 


Darmstadt 


2.50 


4.63 


Heilbronn 


0.G5 


4.86 


Stuttgart! 


2.59 


5.32 


Hechingen 


3.74 


5.87 


Hohenzollern 


5.04 


4.25 


Calw 


1.67 


4.24 


Freudenstadt 


4.26 


5.04 


Ulm 


0.01 


3.80 


Heidenheim 


—0.74 


3.93 


Schopfloch 


4.20 


4.30 


Issny 


2.98 


4.95 


Wien 


1.71 


3.08 


Friedrichshafen 


—0.41 


2.67 


Rom 


— 1.64 


1.92 


Lissabon 


0.72 


1.12 



2.55 

2.28 
2.56 
2.97 
2.02 
2.10 
3.02 

3.30 
3.19 
1.16 
2.90 
2.43 
2.41 
2.89 
2.00 
2.00 
2.62 

2.57 

— 1.83 

0.72 



0.56 
0.13 
0.54 
0.93 
0.50 
0.20 
0.57 

0.49 
—0.28 
— 1.78 

1.28 
—0.56 
—0.11 

0.96 
—0.92 
—0.17 

1.02 

—0.17 
— 1.32 
-^0.39 



•2.95 
-3.18 
-3.33 

-2.85 
-2.86 
-3.84 
-3.60 

-3.54 
-5.03 
-7.19 
-4.89 
-5.00 
-4.28 
-3.13 
-5.95 
-6.51 
-1.35 

-4.45 
-3.41 
-3.68 



-3.16 

-2.97 
-3.30 
-3.90 
-3.50 
—4.24 

— 5.66 

— 1.42 

— 6.51 

— 5.28 

— 6.69 

— 6.16 

— 6.82 
—4.47 
—5.26 
—5.58 
—4.34 

—5.55 
-6.04 
—3.28 



Durch Oberschlesien sind also innerhalb eines einzigen Mo- 
nats 22 Isothermen von 1° R. hindurchgegangen, durch Coln 
nur 11. 

Aus der Tafel geht entschieden hervor: 

1) dafs die Abkühlung auf dem Beobachtungsgebiet am 
stärksten an der Ostgrenze von Deutschland ist und 
nach West hin erheblich abnimmt, 

2) dafs die Meeresnähe (Heia, Wustrow) sie abstumpft, 

3) dafs sie auf den hochgelegenen Stationen (Kirche. Wang 
an der Sclmeekoppe) bedeutend geringer ist, was ich 
früher schon vielfach nachgewiesen habe, 



Nachtrag. 



217 







F e b 


r u a r 








31—4 


5—9 


10—14 


15—19 


20—24 1 


25—1 


Unterschied 


— 0.06 


— 4.88 


-6.91 


— 3.74 


—2.58 


1.93 


12.32 


2.27 


— 0.54 


-8.49 


—6.12 


—3.90 




13.89 


—0.75 


— 6.12 


-6.51 


— 3.19 


—2.29 


1.35 


11.93 


— 3.06 


- 7.05 


— 6.19 


—3.29 


— 1.61 


1.27 


12.65 


— 2.22 


— 7.21 


-7.38 


—3.83 


— 2.05 


1.66 


12.44 


—2.45 


- 7.84 


— 7.70 


—3.83 


—2.47 


1.78 


12.47 


—3.83 


- 8.47 


— 7.58 


—3.17 


— 2.62 


1.59 


12.83 


— 2.58 


- 6.96 


— 6.28 


— 1.45 


— 1.99 


3.29 


12.28 


—2.91 


— 6.65 


-7.70 


— 1.48 


— 1.97 


3.69 


13.57 


—1.03 


— 4.56 


-6.81 


—2.66 


— 2.73 


3.89 


10.85 


—2.32 


— 5.29 


-6.15 


—1.13 


— 1.64 


0.89 


10.39 


—0.92 


— 5.32 


-6.58 


—2.02 


—2.68 


2.43 


11.62 


— 8.11 


- 9.58 


— 7.02 


—2.09 


— 1.61 


0.40 


13.38 


—7.44 


- 8.60 


— 6.03 


— 1.34 


— 1.53 


—0.25 


12.53 


— 1.27 


- 7.88 


— 7.16 


— 1.88 


—2.72 


1.89 


12.18 


— 2.35 


- 6.88 


— 5.43 


—0.12 


—2.16 


—2.10 


11.83 


—4.60 


-10.76 


— 5.93 


—2.11 


— 1.88 




13.54 


—4.87 


- 6.82 


— 6.19 


—1.39 


—2,16 


—0.19 


9.49 


— 2.14 


— 1.98 


0.75 


2.46 


—0.72 




8.50 


0.10 


1.21 


1.08 


0.76 


1.33 




5.01 



4) dafs sie im westlichen Europa (Westphalen, Rhein, 
Belgien) später eintritt als im östlichen, dafs hingegen 
Süddeutschland sich an Osteuropa anschliefst. Das 
Fortrücken der Kälte erfolgt also von NO nach SW. 



Auch in den absoluten Extremen spricht sich, natürlich mit 
Berücksichtigung der geographischen Breite, das aus, was aus den 
Abweichungen hervorgeht. Die folgende Tafel enthält die mir bis 
jetzt zugegangenen gröfsten Kältegrade (R), welche mit Ausnahme 
von Spanien, Südfrankreich und Italien, wo sie Ende Januar ein- 
tritt, auf den Februar fällt. 



213 Nachtrag. 

Elverum in Norwegen —31.2. 

Haparanda —29.4. 

Hochwald in Mähren -28.2, Czernowitz -28.0, Dobrzechow 

in Galizien —28.0. 
Teschen —27.5. 
Claussen bei Lyck —26.8. 
Hermanstadt in Siebenbürgen -25.1, Moscau -25.0, Helsing- 

fors —25.0. 
Lemberg —24.4, Poronin —24.4, Landeck in Schlesien —24.0, 

Conitz —24.0, Petersburg —24.0. 
Ratibor —23.7, Königsberg —23.2, Krakau —23.2. 
Eichberg bei Hirschberg -22,9, Riga -22.3, Tilsit -22.2, 

Tröpolach in Kärnthen —22.0. 
Bromberg -21.6, Klagenfurt -21.4, Upsala -21.2, Memel 

—21.0. 
Breslau —20.7, Altenfurt —20.5, Lauenburg in Pommern —20.5, 

Seeshaupt am Starenberger See —20.0. 
Bunzlau -19.8, Yinkovee -19.7, Zechen bei Bojanowo -19, 

Posen 19.4, Obir —19.0. 
Cöslin -18.8, Mägdesprung -18.8, Dovre in Norwegen -18.8, 

Görlitz —18.5, Grube Meiseberg —18.2, Harzigerode 

—18.0. 
Regenwalde -17.6, Ischl -17.6, Debreczin -17.4, Chnstiania 

—17.4, Stettin —17.4, Promenhof in Böhmen —17.3, 

Kirche Wang —17.0. 
Hinrichshagen in Mecklenburg -16.9, Frankfurt a. O. -16.8, 

Grofsbreitenbach -16.6, Rohrbrunn im Spessart -16.6, 

Duschberg im bayerischen Wald —16.5, München —16.2, 

Wien -16.0, Wustrow -16.0, Heia -16.0, Sandösund 

— 16.0. 

Berlin— 15.8, Erfurt— 15.6, Szegedin —15.2, Schopfloch —15.2, 
Ebrach im Steigerwald -15.0, Torgau -15.0, Biberach 

— 15.0. 

Putbus -14.8, Halle -14.8, Clausthal -14.8, Heiligenstadt 

— 14.6, Sonderhausen— 14.6, Mühlhausen —14.6, Heiden- 
heim —14.5, Marnitz —14.3, Rostock —14.0. 

Agram -13.7, Bludenz -13.6, Johanniskreuz in Pfälzerwald 
-13.6, Tromsö -13.6, Schwerin -13.5, Neumünster 13.5, 
Hannover -13.4, Fulda -13.4, Vardö -13.3, Caleves 



Nachtrag. 219 

—13.2, le Puy —13.2, Altona —13.1, Marburg —13.0, 
Olsberg — 13.0, Lüneburg —13.0, Lübeck —13.0. 
Löningen —12.7, Göttingen —12.7, Benoile Veaux —12.6, 
Lingen— 12.5, Emden —12.5, Ulm —12.5, Cassel— 12.4, 
Oldesloe —12.3, Gram —12.3, Arnsberg —12.2, Schön- 
berg in Mecklenburg —12.2, Birkenfeld —12.1, Altmor- 
chen —12.0, Oldenburg —12.0, Aschaffenburg —12.0, 
Frankfurt a. M. —12.0, Hohenzollern —12.0, Segeberg 

— 12.0, Neustadt a. d. Ostsee —12.0, Husum —12.0. 
Hamburg —11.9, Issny —11.7, Hechingen —11.6, Abtei Laach 

— 11.6, Mergentheim — 11.5, Hanau — 11.5, Mandal in 
Norwegen —11.5, Wilhelmshafen —11.3, Cleve —11.2, 
Otterndorf —11.2, Darmstadt —11.2, Foix —11.2, Mün- 
ster —11.0, Heilbronn —11.0, Copenhagen — 11.0, Brönö 

— 11.0. 

Freudenstadt— 10.8, Canstadt — 10.7, Jever —10.7, Bodo —10.6, 
Leirdal —10.6, Hearth Content in Neufundland —10.6, 
Bourg —10.6, Meldorf —10.5, Tondern —10.5, Brüssel 

— 10.5, Lille— 10.4, Crefeld —10.4, Calw —10.3, Güters- 
loh —10,2, Metz —10.2, Trier 10.0, Stuttgard —10.0, 
Friedrich shafeu —10.0, Verdun —10.0, Weser-Leuchtthurm 

— 10.0, Appenrade —10.0, Hadersleben —10.0. 
Wiesbaden —9.8, Cappeln —9.8, Woltersmühle —9.7, Hohen- 

heim —9.6, Ichtrazheim —9.6, Chatillon —9.6, Flensburg 
—9,5, Boppard —9.4, Cöln —9.4, Paris —9.0, Rodez 
—9.0. 

Kreuznach — 8.9, Versailles —8.8, Soissons —8.8, Aubervilliers 
—8.8, Ronen —8.7, Corne —8.6, Poitiers —8.3, Vendome 
—8.2, Montargis —8.1, St. Maur —8.1, Blois —8.0, 
Aosta — 8.0. 

Cap Grinez —7.7, Bergen —7.6, Nantes —7.2, Tours —7.0. 

Skudesnes —6.7, Christiansund —6.6, Subiaco —6.6, Montpel- 
lier —6.5, Isle d'Aix —6.2, Mailand —6.0, Florenz —6.0. 

Lesina —5.9, Bozen —5.9, Constantinopel —5.9, Ferrara —5.9, 
Fecamp —5.8, Lavallade —5.6, Madrid —5.4, Smeaton 
—5.4, Bezieres —5.2, Lorient —5.0, Aalesund —5.0, 
Florö —5.0. 

Pola —4.8, Eallabus —4.7, Stonyhurst —4.2, Beyrie —4.0. 

Rom —3.8, Tivoli —3.8, Biariz —3.6, St. Matthieu —3.5. 



220 Nachtrag. 

Durazzo -2/9, Marseille -2.7, Civitavecchia -2.G, Murcia 
2.6, Larressore — 2.0. 

Santiago -1.9, Cannes -1.6, Aneona —1.0, Sicie 0.8. Bag- 
dad 0. 

le Grognon 0, Perpignan 0.2, Athen 0.9. 

Neapel 1.6, Palermo 1.6, Lissabon 1.4. 

Ponta Delgada (Azoren) G.0. 

Zur Vervollständigung des Bildes fehlen noch die Beobach- 
tungen der Systeme von Niederland, England, Schottland, Schwe- 
den! Rufsland, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien und Nordame- 
rika deren ausnahmsweise frühe Veröffentlichung äufserst wun- 
schenswerth wäre, ehe das Interesse für das eben Erlebte sich ver- 

w m o o t 

Die nach West hin stets abnehmende Abkühlung deutet schon 
darauf hin, wo wir den compensirenden warmen Strom zu suchen 
haben, dies ist in Amerika. „Juni im Januar" ist die Überschrift 
eines am 27. Januar in der New York Evening Post erschienenen 
Artikels. „Heute", heilst es in demselben, „ist ein Maitag oder 
richtiger zu sagen ein Junitag. Die Witterung ist die auffallend- 
ste seit vielen Jahren erlebte. Südliche Winde haben in einer ,n 
dieser Jahreszeit unerhörten Weise geherrscht. Wenn es stürmt, 
haben wir Kegen statt Schnee, jeder Sturm schlofs mit Warme 
der Boden ist frei von Frost wie sonst im Mai. Auf Lond Island 
stehen Blumen in voller Blüthe, die Knospen der Bäume sind fast 
im Aufbrechen. Bleibt das Wetter so, so wird man Erbsen auf 
den Markt bringen zu der Zeit, wo man sie sonst säet 

Der Januar von New York war 3H9 zn warm, die Tempe- 
ratur des Februar durch den im letzten Drittel des Monats eintre- 
tenden Polarstrom erniedrigt nahe normal, die Abweichung nämlich 
_0»23 Die westliche Grenze des Äquatorialstroms, welcher den 
inne'rn 'und atlantischen Staaten von Nordamerika diese warme und 
feuchte Witterung brachte, schreibt mir Dr. Blake aus San Fran- 
sen, fiel in das'xhal des Missisippi, denn in Califormen herrs< , te 
vom Oktober bis zum Februar ein Polarstrom, der nach Westen 
hin wiederum von einem Äquaterialstrom begrenzt war, denn alle 
nach San Francisco kommende Schiffscapitäne berichteten dafs sie 
besonders im December unfern der Küste auf dem stillen Ozean 
mit schwerem Wetter bei starkem SWwinden zu kämpfen gehabt 



Nachtrag. 221 

hätten. Erst am 7. Februar (zu derselben Zeit also, wo im öst- 
lichen Deutschland die Kälte ihre gröfste Intensität und das Baro- 
meter eine enorme Höhe erreichte), kündigte sich der Äquatorial- 
strom an, der am 9ten die Grundfläche der Atmosphäre berührte, 
nachdem er schon etwas früher in der 8000 Fufs hohen Virginia 
City sich gezeigt hatte. Am 21ten Februar traf die Ostseite des 
von den Küsten Californiens verdrängten Polarstromes die ameri- 
kanischen Küsten des atlantischen Ozeans, (an demselben Tage 
also, an welchem Europa von dem Äquatorialstrom überfluthet 
wurde, der am 21ten das Barometer zu einem erheblichen Minimum 
erniedrigend, schliefslich am 28. dieTemperatur auf unsern ganzen Be- 
obachtungsgebiete so erhöhte, dafs, freilich vorübergehend, überall 
Frühlingswärme an die Stelle der eisigen Winterkälte trat.) Ich 
glaube wohl hier die Bemerkung hinzufügen zu dürfen, dafs die in 
dem Abschnitt „Stürme durch seitliche Einwirkung entgegengesetz- 
ter Ströme auf einander" (Gesetz der Stürme 3. Aufl. p. 222 — 312) 
geltend gemachten Ansichten in diesem Beispiel eine Bestätigung 
finden, wie sie entscheidender nicht verlangt werden kann. 

Ich habe in frühern Abhandlungen durch Berechnung der ther- 
mischen Abweichungen (Abh. der Berl. Akad. 1858 p. 423) nach- 
gewiesen, dafs ein am nördlichen Ural beginnender Polarstrom, 
durch die Drehung der Erde bei seinem Fortschreiten eine nord- 
östliche Richtung annehmend, in sein Abkühlungsgebiet auch die 
Südspitzen Europas aufnimmt und dies in dem 1864 erschienenen 
Atlas der Monats- und Jahresisothermen in der Polarprojection 
durch den Entwurf der Isametralen z. B. für Januar 1850 veran- 
schaulicht. Fällt der Ursprung desselben hingegen an die nörd- 
lichen Ufer der Ostsee, wie z. B. 1814 in die Gegend von Peters- 
burg, so trifft diese Kälte vorzugsweise Frankreich und England, 
während die Linie normaler Temperatur nach Oberitalien fällt, so 
dafs Italien selbst nicht in das Kältegebiet aufgenommen ist. Ver- 
ändert sich nun der Strom in der Weise, dafs der erste Fall in 
den zweiten übergeht, d. h. breitet sich der Polarstrom schon an 
seinem Ursprünge seitlich nach Westen aus, indem dem durch die 
Verdichtung der intensiv kalten Luft gesteigerten Seitendruck die 
durch Wärme aufgelockerte Luft des westlich daneben fliefsenden 
Aquatorialstromes nur einen geringen Widerstand entgegenzustellen 
vermag, so wird die sich über Europa verbreitende Kälte zuerst 
im südöstlichen Europa auftreten, dann im mittleren und endlich 



222 Nachtrag. 

auch in das nordwestliche übergreifen. Dies war nun der Fall in 
dem eben verflossenen Winter. Der erste Einbruch des Polarstro- 
mes rief im Conflict mit südlichen Winden besonders in den öster- 
reichischen Gebirgen ungeheure allen Verkehr hemmende Schnee- 
fälle hervor, welche im December Kärnthen unter eine 3 bis 4 Fufs 
hohe Schneedecke begruben. Durch diesen Schneewall (analog der 
auf den Eisfeldern des Polarmeers von Scoresby beobachteten Er 
scheinung), gegen das Eindringen warmer feuchter Luft geschützt, 
erreichte die nördlich davon gelagerte wenig bewegte Luft einen 
auffallenden Grad der Trockenheit, so dafs bei vollkommen heite- 
rem Himmel die Ausstrahlung erheblich sich steigerte und dadurch 
besonders die Wärme der untern Luftschichten entschieden herab- 
drückte. Da in dieser Zeit über England nach Norwegen hinauf 
der Äquatorialstrom noch herrschte, trat in Ostpreufsen die Kälte 
Mitte Januar mit schwachem SOwinde ein, indem die ohnehin im 
Januar, wie ich gezeigt habe, im Mittel im nördlichen Deutschland 
nicht von Ost nach AVest, sondern von Nord nach Süd laufenden 
Isothermen aus den angegebenen Gründen Anfang Januar sogar 
nach Ost hin geneigte Scheitel erhielten. Auf diese Weise erklärt 
sich, dafs das barometrische Maximum in Ost- und Westpreufsen, 
Pommern, Mecklenburg, Dänemark, der Mark, Schlesien, Galizien, 
Österreich, Sachsen bis Kassel hin auf den 6 ten Januar, den Tag 
der gröfsten Kälte, fällt, und in Tilsit so bedeutend wird, dafs der 
Druck der Atmosphäre den mittleren um einen ganzen Zoll über- 
trifft, während hingegen in Oberitalien, Südfrankreich, Spanien, 
Schwaben, Hessen, der Rheinpfalz, von Boppard bis zum Boden- 
see der höchste Druck schon am 1 ten eintritt. Die lange Dauer 
der Kälte erklärt sich aber dadurch, dafs im Süden ein Stausturm 
den Abflufs verhindert. Secchi berichtet im Februarheft des Bul- 
letino, dafs in Subiaco am 13 ten Februar ein die Wärme der Luft auf 
14?4 erhöhender Südost wüthend einbrach, der mit einem die ganze 
Küste von Ligurien treffenden rothen Staubfall verbunden war, in 
Subiaco und Rom von wenig Regen, in Piemont von starkem 
Schneefall begleitet. Als eine Wirkung des Aufstauens könnte es 
angesehen werden, dafs das barometrische Maximum am Nieder- 
rhein zwischen dem lOten und 12ten eintritt, in Brüssel am Uten 
Abends, auch in England und Norwegen auf den 13ten und Uten 
fällt. Da aber am Rhein nicht das fünftägige Mittel vom 5~-9ten 
Februar das niedrigste ist, sondern das vom 10 ten zum 14 ten. 



Nachtrag. 223 

Da die niedrigste Wärme auch in Belgien und England auf den 
12ten Februar fällt, so kann das Hervortreten des barometrischen 
Maximums unmittelbar auf eine thermische Ursache zurückgeführt 
werden. Erst am 2lsten Februar gelang es dem Äquatorialstrom 
den Polarstrom überall zu verdrängen. Von Memel bis Palermo, 
Athen und Constantinopel ist dies der Tag des niedrigsten Baro- 
meterstandes, ein Tag, an welchem in Alexandria der Chamsin 
die Schattenwärme über 26° erhob, während im mittleren Europa 
erst der 28 te der wärmste Tag ist, an welchem in Ratibor das 
Thermometer 33 Grad höher steht als am 6ten. 

In dem vorliegenden Beispiel finden also, wie es überhaupt 
immer der Fall ist, die Bewegungen des Barometers ihre einfache 
Erläuterung, wenn mit dem Stande desselben die gleichzeitige Ver- 
keilung der Wärme und Feuchtigkeit in Untersuchung gezogen 
wird, aufserdem die Richtung beachtet, in welcher die bewegte 
"Luft fortschreitet. Zusammenstellungen gleichzeitiger Barometer- 
stände an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche ohne diese Be- 
rücksichtigung, wie sie auch jetzt noch publicirt werden, sind voll- 
kommen ungeeignet, meteorologische Fragen zu erledigen. 

Da seit dem kalten Februar 1865 erst fünf Jahre verflossen 
sind, so ist die Erinnerung an denselben noch nicht verwischt, und 
es wurde daher oft in den Gesprächen über den diesjährigen stren- 
gen Winter an ihn erinnert, während des furchtbaren Nachwinters 
von 1845 nicht mehr gedacht wurde. Dies würde gewifs gesche- 
hen sein, wenn Hr. Wolfers seine Vergleichung der Temperaturen 
von Berlin in spätem Jahrgängen mit frühern auf 1870 ausgedehnt 
hätte. Die Übereinstimmung, die ich für Januar und Februar in 
Beziehung auf Abnahme und Zunahme der Temperatur zwischen 
1870 und 1865 fand, veranlafsten mich die der Akademie gemach- 
ten Mittheilungen nicht unmittelbar zu veröffentlichen, da ich zu 
wissen wünschte, ob dieser Parallelismus sich auch auf den März 
ausdehnen würde. Die folgende Tafel zeigt, dafs das wirklich der 
Fall ist, obgleich das Material für diesen Monat noch erheblichere 
Ergänzungen bedarf als das für den Februar bereits vorliegende. 
Im Jahr 1865 fällt im Januar die höchste Wärme etwas später 
als 1870, das wärmste fünftägige Mittel ist nämlich 1865 das vom 
Uten bis löten, 1870 hingegen vom 6ten bis lOten, die tiefste 
Erniedrigung fällt aber in beiden Jahren übereinstimmend zwischen 
den 5ten und 9ten Februar. Für das nordöstliche Deutschland 
[1870] 16 



224 



Nachtrag. 



fällt die gröfeere Temperaturerniedrignng im März des Jahres 1870 
„viseben dem IS tan nnd IGten, 18G5 zwischen dem 17ten und 
g'lten aber dieser Nachwinter erreicht im westlichen Deutschland 
ein zweites Kältemaximum nnd dies fällt sowohl 1865 als 1870 
anf den Zeitraum vom 27ten bis 81 ton März. Ein drei Monate 
hindurch sich erhaltender Parallelismns des Ganges der Tempera- 
tnr ist so überraschend, dafs man sich z« der Frage veranlast 
fühlt, ob sie noch längere Zeit erhalten mrd. Darüber mute die 
Zukunft entscheiden. Die Abweichungen im März 1870 sn,d: 



Meine! 

Tilsit 

Clausseu 

Königsberg 

Heia 

Conitz 

Cöslin 

Regenwalde 

Stettin 

Putbus 

Wustrow 

Rostock 

Schwerin 

Schöneberg 

Kiel 

Neumünster 

Altona 

Lübeck 

Eutin 

Otterndorf 

Lüneburg 

Berlin 

Frankfurt a. d. O. 

Posen 

Bromberg 

Ratibor 

Zechen 

Breslau 

Landeck 

Eichberg 



2 — 6 



11 



1.85 
1.72 
1.53 
1.60 
■0.16 
0.50 
1.17 
1.60 
1.44 
0.51 
0.48 
0.69 
0.89 
0.95 
1.01 
1.19 
1.18 
1.05 
1.48 
1.41 
1.59 
1.61 
1.77 
2.26 
2.00 
2.30 
1.69 
2.05 
2.35 
2.79 



12—16 17—21 



26 



-1.53 

-3.18 
-3.34 
-2.83 
1.22 

— 1.82 
—2,26 

— 2.38 

— 1.82 
—0.70 

— 1.30 

— 1.33 

— 1.44 

— 1.17 

— 1.05 

— 1.25 

— 1.09 

— 1.44 
—0.91 
—0.75 
—0.65 

— 1.80 
—2.70 
—2.21 
—2.20 

— 2.47 
—3.09 
—3.24 
—2,84 
—2.95 



—1.48 
—3.61 
—3.54 
—3.97 

— 1.35 

— 3.91 
—4.11 
—4.32 

— 3.27 
—3.09 
—2.40 

— 2.24 
—2.08 

— 1.87 

— 2.32 
—2.86 

— 2.30 

— 2.32 

— 1.89 

— 1.31 

— 2.18 
—2.01 
—3.11 

-3.03 
-4.57 
-2.91 
-4.50 
-3.47 
-3.93 
-4.38 



—4.51 

—4.38 

— 5.37 
—4.28 

— 1.19 
—4.29 

— 2.62 
—2.66 

— 2.77 

— 2.21 

— 1.28 

— 1.95 

— 1.51 

— 1.10 

— 1.38 

— 1.50 

— 1.30 

— 1.07 
—1.40 
—0.76 
—0.09 

— 1.65 
—2.33 
—2.44 
—3.79 
—3.59 

— 3.46 
—3.03 
—2.83 

— 1.94 



— 1.02 

— 1.13 

— 1.81 

— 0.62 

— 1.90 

— 1,73 

— 1.40 
—0.90 

— 1.23 
—0.88 
—0.88 

— 1.16 

— 1.51 

— 1.17 

— 1.23 

— 1.57 
—2.06 
—1.18 

— 1.43 
—0.93 
—0.85 

— 1.17 

— 1.59 

— 1.07 

— 1.61 

— 1.50 

— 1.67 

— 1.81 

— 2.35 
—2.08 



27 — 31 



1.03 

0.57 

0.52 

—0.22 

— 1.42 
—0.58 

— 1.34 
—0.28 

— 1.67 

— 1.83 
—2.06 
—2.37 
—2.55 

— 2.29 

— 1.91 

— 2.28 

— 3.17 
—2.57 
—2.01 

— 1.82 

— 1.21 

— 1.74 

— 1.82 

— 1.01 
—0.66 

— 1.81 

— 1.65 
—2.08 
—2.51 
—2.50 



Nachtrag. 225 





2 — 6 


7—11 


13—16 


17—21 


22—26 


27—31 


Görlitz 


2.02 


—3.07 


— 3.59 


—2.67 


—2.12 


—2.76 


Wang 


3.92 


—2.73 


—2.94 


— 1.62 


— 1.91 


— 2.69 


Torgau 


1.27 


— 1.89 


—2.72 


— 1.58 


—2.06 


—2.47 


Halle 


1.29 


— 1.82 


—2.18 


—0.87 


—2.05 


— 2.38 


Erfurt 


1.42 


—2.07 


— 2.47 


—0.29 


—2.50 


— 3.00 


Mühlhausen 


1.73 


—0.36 


— 2.07 


0.49 


— 1.72 


— 2.40 


Heiligenstadt 


2.25 


— 1.06 


—2.28 


— 0.10 


—2.31 


—3.04 


Clausthal 


2.32 


— 1.12 


—2.36 


—0.03 


—2.48 


—3.27 


Hannover 


1.73 


—0.81 


— 1.50 


0.31 


— 2.13 


—2.62 


Oldenburg 


2.39 


—0.92 


— 1.17 


—0.03 


—1.84 


—2.81 


Jever 


1.91 


—0.17 


—0.60 


—0.29 


—1.33 


—2.29 


Emden 


1.73 


—0.20 


— 1.04 


0.32 


— 1.13 


—2.68 


Lingen 


1.80 


— 1.05 


— 1.19 


0.38 


— 1.95 


— 3.02 


Löningen 


1.89 


—0.79 


— 1.26 


0.36 


— 1.82 


— 2.75 


Münster 


2.60 


—0.48 


— 1.38 


1.03 


—2.15 


—2.40 


Gütersloh 


2.25 


—0.83 


— 1.75 


0.62 


—2.44 


—3.09 


Olsberg 


2.68 


— 1.00 


— 1.78 


—0.24 


—2.88 


—3.32 


Cleve 


2.36 


—0.63 


—2.13 


0.45 


—2.29 


— 3.07 


Crefeld 


2.77 


—0,64 


— 1.74 


0.91 


— 2.03 


— 2.94 


Cöln 


2.68 


—0.62 


—2.82 


0.60 


—2.04 


—2.58 


Boppard 


2.27 


—0.51 


—2.28 


1.05 


—1.92 


—2.50 


Trier 


2.81 


—0.78 


— 2.45 


1.15 


—2.13 


— 2.77 


Frankfurt a. M. 


0.61 


—2.59 


—3.21 


—3.04 


— 2.48 


—2.08 


Darmstadt 


1.33 


— 1.72 


—2.54 


0.09 


— 3.08 


—3.23 


Hechingen 


2.71 


—0.88 


—2.98 


—0.04 


— 3.15 


—2.40 


Hohenzollern 


2.45 


—2.22 


—3.44 


—0.73 


—3.83 


—3.67 


Stuttgart 


1.56 


—0.77 


—2.27 


—0.08 


— 3.12 


— 2.80 


Heilbronn 


0.00 


— 1.56 


— 3.25 


— 0.62 


— 3.36 


— 2.98 


Freudenstadt 


2.50 


— 1.19 


—3.30 


0.13 


— 3.21 


— 2.86 


Calw 


0.90 


—0.09 


—2.34 


0.54 


—3.50 


— 2.41 


Ulm 


0.09 


— 1.33 


— 3.17 


—0.79 


—3.93 


— 3.79 


Schopfloeh 


2.30 


—1,55 


— 3.48 


—0.50 


—4.39 


— 3.57 


Heidenheim 


—0.14 


—0.89 


—4.56 


—0.37 


—3.88 


—3.10 


Issny 


2.50 


—0.97 


—3.42 


—0.46 


—3.75 


— 2.77 


Friedrichshafen 


0.15 


— 1.75 


—3.54 


—0.95 


—4.17 


—4.60 



Die Vergleichung der extremen Abweichungen in 1870 und 
1865 enthält die folgende Tafel: 



16- 



226 



IS achtrag. 



1870 



Januar 


Februar 


März 


6—10 


5—9 


12—16 
27 — 31 



Memel 


5.16 - 


-12.53 


Tilsit 


5.54 ■ 


-14.37 


Claussen 


5.79 


-15.39 


Königsberg 


5.37 


— 14.37 


Heia 


3.25 


— 10.06 


Conitz 


5.09 


— 14.58 


Bromberg 


5.43 


— 15.42 


Posen 


5.60 


— 14.98 


Zechen 


5.29 


— 15.52 


Breslau 


5.89 


— 16.04 


Ratibor 


5.47 


— 17.36 


Landeck 


5.67 


— 17.15 


Eichberg 


7.35 


— 12.66 


Wang 


5.89 


— 6.92 


Görlitz 


5.26 


— 13.65 


Zittau 


4.68 


— 12.78 


Hinterhermsdorf 


4.53 


— 9.25 


Bautzen 


5.00 


— 9.71 


Dresden 


4.86 


— 10.32 


Grüllenburg 


5.48 


— 10.24 


Freiberg 


4.39 


— 9.16 


Rehefeld 


5.17 


— 9.44 


Reizenhain 


5.48 


— 10.51 


Annaberg 


4.79 


— 8.49 


Oberwiesenthal 


5.21 


— 9.59 


Elster 


4.95 


— 9.52 


Zwickau 


6.06 


— 8.90 


Chemnitz 


7.13 


— 2.90 


Wermsdorf 


5.06 


— 11.36 


Riesa 


4.71 


— 11.64 


Torgau 


: 5.92 


^-11.42 


Leipzig 


5.09 


— 11.49 


Zwenkau 


5.68 


— 9.56 


Halle 


5.88 


— 10.61 


Erfurt 


6.45 


— 10.26 


Sondershausen 


6.17 


— 9.88 


Mühlhausen 


6.61 


— 9.20 


Heiligenstadt 


5.81 


— 9.20 



-4.51 

—4.38 
—5.37 
—4.28 

— 1.90 
—4.29 
—4.57 

— 3.03 
—4.50 

— 3.47 

— 2.91 

— 3.93 
—4.38 

— 2.94 

— 3.59 



18G5 
inuar 1 1 
11 



—2.72 



—2.38 

— 3.00 

—2.40 

— 3.04 



anuar I Februar 


März 


L— 15 j 


5—9 


17 — 26 
27 — 31 


1 
5.12 j 


— 8.69 


— 5.35 


5.65 


— 9.90 


— 6.93 


6.45 


— 9.68 


— 6.94 


5.17 


— 9.33 


— 6.47 


3.34 


— 7.19 


—4.20 


5.15 


— 9.07 


— 6.18 


5.39 


— 8.99 


— 5.61 


5.14 


— 8.27 


—4.80 


5.07 


— 7.81 


—4.67 


5.35 


— 9.46 


—5.52 


5.59 


— 10.19 


— 6.29 


6.08 


— 8.56 


— 6.85 


5.63 


— 7.86 


— 6.41 


5.02 


— 6.29 


—6.82 


4.25 


— 8.47 


— 5.71 


4.02 


— 9.19 


— 6.79 


4.13 


— 7.71 


— 7.61 


4.73 


— 9.07 


—5.65 


3.96 


— 8.93 


— 5.68 


4.74 


— 9.65 


—6.61 


3.88 


— 8.95 


—6.12 


3.39 


— 8.40 


—7.48 


3.38 


— 8.79 


—7.08 


3.11 


— 8.24 


—6.67 


2.90 


— 7.07 


—6.94 


3.52 


— 9.02 


— 7.39 


4.51 


— 10.08 


— 7.36 


4.02 


— 9.18 


— 7.79 


5.05 


— 8.44 


—5.66 


4.37 


— 9.46 


—5.26 


4.40 


— 8.49 


—4.87 


4.39 


— 9.87 


— 7.09 


4.17 


— 9.78 


—5.91 


4.80 


— 9.62 


—5.75 


5.26 


— 10.20 


—7.12 


4.88 


— 10.33 


—6.69 


4.13 


— 10.8E 


—7.45 


4.26 


—10.16 


— 6.49 



Nachtrag. 



227 







1870 






1865 






Januar 


Februar 


März 
12—16 


Januar 


Februar 


März 
17—26 




6— 10 


5—9 


27—31 


11 — 15 


5 — 9 


27 — 31 


Wernigerode 


4.92 






4.54 


— 9.71 


— 6.58 


Clausthal 


4.31 


— 8.53 


— 3.27 


3.30 


— 8.11 


— 6.57 


Göttingen 


5.70 


— 8.20 




4.09 


—9.68 


— 6.08 


Cöslin 


5.21 


— 12.11 


—4.11 


5.15 


—9.07 


— 6.18 


Regenwalde 


5.11 


— 12.94 


—4.32 


4.56 


— 8.51 


— 5.28 


Stettin 


4.35 


— 12.65 


—3.77 


4.46 


— 8.06 


— 4.96 


Putbus 


4.31 


— 10.39 


— 3.09 


3.52 


—5.97 


—4.58 


Wustrow 


4.29 


— 9.91 


—2.40 


3.84 


— 6.08 


— 4.06 


Rostock 


4.89 


— 10.31 


—2.37 


4.22 


—6.67 


— 3.79 


Schwerin 


5.53 


— 10.26 


-2.55 


4.27 


— 8.15 


—4.68 


Hinrichsbagen 


5.48 


— 12.04 


—3.25 


4.79 


— 8.27 


—4.77 


Berlin 


5.76 


— 12.35 


—2.01 


4.64 


—7.92 


— 4.83 


Frankfurt a. d. 0. 


5.95 


— 13.87 


— 3.11 


4.93 


— 8.26 


—4.90 


Schönberg 


5.67 


— 9.38 


—2.29 


4.62 


—7.71 


—4.16 


Lübeck 


4.93 


— 9.39 


— 2.57 


4.63 


— 7.57 


— 3.85 


Eutin 


5.43 


— 8.45 


—2.01 


4.18 


— 6.98 


—4.24 


Kiel 


5.00 


— 7.82 


—2.32 


4.29 


— 6.77 


—3.76 


Neumünster 


5.37 


— 9.74 


— 2.86 


— 


— 


— 


Altona 


5.92 


— 9.95 


— 3.17 


4.55 


— 7.79 


—4.53 


Otterndorf 


5.47 


— 8.93 


— 1.82 


3.88 


—7.11 


— 3.90 


Lüneburg 


5.60 


— 9.47 


— 1.21 


4.72 


— 8.88 


—4.79 


Hannover 


5.58 


— 10.10 


— 2.62 


4.52 


—9.46 


— 6.04 


Oldenburg 


5.14 


— 8.S4 


—2.81 


4.27 


— 8.42 


—4.47 


Jever 


4.49 


— 7.90 


— 2.29 


3.90 


— 7.09 


—4.05 


Emden 


4.24 


— 7.69 


—2.68 


3.65 


— 6.81 


—4.32 


Lingen 


4.83 


— 7.03 


—3.02 


4.14 


— 8.33 


— 5.00 


Löningen 


4.79 


— 8.37 


— 1.29 


3.96 


— 8.46 


—5.04 


Münster 


5.06 


— 6.50 


— 2.40 


4.05 


— 8.26 


— 5.44 


Gütersloh 


4.86 


— 7.24 


—3.09 


3.62 


— 8.72 


—5.64 


Olsberg 


5.92 


— 7.16 


-3.32 


3.49 


— 8.54 


— 6.10 


Cleve 


4.40 


— 6.89 


— 3.07 


2.96 


— 7.38 


—4.90 


Crefeld 


4.93 


— 6.68 


— 2.94 


3.47 


— 7.71 


— 5.41 


Cöln 


4.98 


— 6.23 


—2.58 


3.7o 


— 6.74 


—5.38 


Boppard 


5.49 


— 7.05 


— 2.50 


3.54 


— 6.94 


— 5.38 


Trier 


5.41 


— 6.91 


— 2.77 


3.29 


—6.73 


— 5.64 


Birkenfeld 


5.42 


— 6.51 




3.40 


— 7.71 


—5.09 


Kreuznach 


5.60 


— 7.05 




2.99 


— 6.90 


— 5.33 



228 



Nachtrag. 







1870 






1865 






Januar 1 


Februar 


März 


Januar 


Februar 


März 




I 
6—10 


5 — 9 


12 — 16 
27 — 31 


11—15 


5—9 


17—26 
27 — 31 


Frankfurt a. M. 


5.06 


— 7.38 


— 3.21 


2.85 


—7.93 


— 5.70 


Darmstadt 


4.63 


— 7.84 


— 3.23 


2.70 


— 8.21 


— 6.31 


Heilbronn 


4.36 


— 8.47 


—3.36 


2.15 


— 7.96 


—6.43 


Stuttgard 


5.32 


— 6.96 


—3.12 


2.58 


—7.43 


—6.27 


Hechingen 


5.87 


— 7.70 


— 3.15 


3.46 


— 8.29 


— 6.18 


Hohenzollern 


5.04 


— 6.81 


—3.83 


3.80 


—8.76 


— 6.95 


Calw 


4.24 


— 6.15 


— 3.50 


2.15 


— 6.91 


—5.32 


Freudenstadt 


5.04 


— 6.58 


— 3.30 


3.65 


—6.83 


— 5.82 


Um 


3.80 


— 9.58 


—3.93 


2.01 


— 7.36 


— 6.37 


Heidenheim 


3.93 


— 8.60 


— 5.00 


3.17 


—6.21 


— 5.82 


Schopfloeh 


4.30 


— 7.88 


—4.39 


3.80 


— 8.48 


— 6.89 


Issny 


4.95 


— 6.88 


—4.42 


3.27 


— 8.53 


— 5.55 


Wien 


3.08 


— 10.76 


—0.85 


4.59 


— 7.84 


— 5.62 


Friedrichshafen 


2.67 


— 6.82 


—4.54 


3.53 


— 7.23 


—6.37 



Die mitgeteilten Zahlen zeigen, dafs die Kälte im Februar 
zwar im südlichen und westlichen Deutschland 1865 und 1870 
nahe gleich war, dafs die Intensität derselben aber im östlichen 
im Jahr 1870 eine viel bedeutende war als 1865. Umgekehrt war 
die Abkühlung Ende März 1865 viel erheblicher als 1870. Der 
Mai 1865 war ungewöhnlich warm mit starkem Rückschlag im 
Juni. Wird 1870 dem entsprechen? Das wenigstens zeigt sich, 
dafs nach den Stürmen der letzten Jahre die Atmosphäre zu frü- 
heren Zuständen zurückzukehren vermochte. 

Durch fünftägige Mittel können die gleichzeitigen Wärme- 
erscheinungeu in Amerika für 1865 nicht dargestellt werden. Ich 
füge daher in der folgenden Tafel nur die Abweichungen der mo- 
natlichen hinzu. Die neben den Namen stehende Zahl bezeich- 
net, aus wie viel Stationen der einzelnen Staaten die Werthe er- 
halten wurden. Der vollständige Gegensatz dieser Abweichungen 
zu dem der 200 europäischen Stationen, deren Abweichungen ich 
(Klimatologische Beiträge p. 194—200) mitgetheilt habe, bestätigt 
von Neuem die übereinstimmenden Erscheinungen der Jahre 1865 
und 1870. 



Nachtrag. 



229 







Januar 


Februar 


März 


Maine 


5 


—0.90 


0.67 


2.04 


New Hampshire 


4 


—0.90 


0.58 


2.53 


Vermont 


4 


—0.76 


—0.58 


4.46 


Massachusets 


12 


—0.45 


0.71 


2.53 


Connecticut 


4 


— 1.78 


0.80 


2.31 


New York 


18 


—0.84 


0.18 


2.84 


New Jersey 


4 


—0.27 


0.09 


2.98 


Pennsylvanien 


19 


—0.09 


—0.71 


2.76 


Maryland 


5 


—0.27 


—0.04 


2.76 


Ohio 


19 


— 1.96 


0.18 


2.58 


Michigan 


7 


0.0 


1.91 


2.76 


Indiana 


4 


— 1.29 


1.47 


2.62 


Illinois 


13 


—0.36 


2.18 


0.40 


Wisconsin 


13 


—2.80 


3.07 


0.58 


Jowa 


8 


0.04 


2.40 


—0.80 



Im Februar treten bereits in den innern Staaten hohe positive 
Differenzen hervor, wo in den atlantischen Staaten die Temperatur 
noch fast normal ist. So wie im März die Abweichungen in die- 
sen bedeutend werden, sind sie unbedeutend in den innern. Ganz 
dasselbe zeigte sich im Jahr 1845. Wir glauben daher den Satz 
aussprechen zu dürfen : 

Anomale in Europa hervortretende Kälte be- 
wegt sich im Allgemeinen von Ost nach West 
also von Europa nach Amerika hinüber, wäh- 
rend die darauf folgende anomale Wärme in 
entgegengesetzter Richtung dann sich von 
West nach Ost fortpflanzt. 

Für 1845 mögen folgende Bemerkungen genügen, da die Ab- 
weichungen der Monatsmittel Februar und März (Klimatologische 
Beiträge II. p. 253 — 255) gegeben sind. 

Das Jahr 1845 ist eins der ausgezeichnetsten durch die bis 
in das Spätfrühjahr andauernde Kälte. Am 1. März waren in 
Nord-Deutschland alle Eisenbahnen in Schnee vergraben, so dafs 



230 Nachtrag. 

überall Militär aufgeboten wurde, um sie frei zu machen. In der 
zweiten Hälfte des Februar waren in Bessarabien, Volhynien und 
Podolien grofse Schneestürme, ebenso in Ungarn und Siebenbürgen 
ungeheure Massen Schnee gefallen. Auf dem St. Gotthard soll 
der Schnee im März 30 Fufs tief gewesen sein. In Augsburg fro- 
ren am 10. Februar die Wasserwerke bei —22° R. ein; am 14. 
war der Rhein bei Mannheim völlig zugefroren, in gleicher Weise 
der Untersee des Bodensee. Diese Kälte verbreitete sich dann 
auch nach Scandinavien, wo vorher milde Witterung geherrscht 
hatte. Der Sund war seit dem 23. Februar zugefroren, ebenso der 
grofse Belt. In Christiania stand am 20. Februar das Thermo- 
meter _24° R., in Metz —15.0, in Lyon —14.4, in Paris —9.4, 
am lOten —12° in Brüssel. Um diese Zeit war strenger Winter 
in Algerien, es fielen dort grofse Schneemassen; ebenso in Marocco, 
so dafs die dortige Küste und die gegenüberliegende spanische mit 
Schnee bedeckt waren. Am 8. März stellte sich das Eis des Rhei- 
nes von Neuem, ja am 12. März schneite es bei Montpellier und 
noch Mitte Mai in den Vogesen und dem Schwarzwald. Bei Prag 
war die Moldau 114 Tage mit Eis bedeckt, am längsten seitdem 
man Beobachtungen besitzt, da die mittlere Dauer nur 66.4 Tage 
beträgt. Die mittlere Dicke des Eises betrug an der Prager Brücke 
19.8 Zoll, an den Pfeilern 21.9. Bei so lang anhaltender Kälte 
verspätete sich daher die Vegetation auffallend. Das Schneeglöck- 
chen blühte am Spirdingsee in Ost-Preufsen, 30 Tage später als 
gewöhnlich, in Brüssel 31 Tage, die Verspätung war also gleich 
an so entfernten Orten, obgleich dort die Blüthe auf den 14. April 
fiel, hier auf den 25. März. 

Auf der 15. Tafel des Atlas habe ich für den Februar und 
für den März die Isametralen entworfen. Im Februar fällt die 
kälteste Stelle in die Gegend von Wilna. Die nördliche Grenze 
des kalten Stromes läfst sich nur erreichen, wo er, bisher ganz 
Europa umfassend, sich auf dem Meere nach Süden herabsenkt 
und durch den nördlichsten Küstensaum von Schottland geht. Im 
März ist die kälteste Stelle mehr nach Westen gerückt. Sie bildet 
eine Berlin mit Warschau verbindende Linie. Der Strom ist aber 
zugleich schmaler geworden. Seine Nordgrenze ist bis in die Mitte 
von Lappland herabgekommen, während die südliche Grenze von 
der Mitte Spaniens durch die von Sardinien hindurchgeht und 



Nachtrag. 231 

Griechenland unter sich läfst, endlich von der Krimm aus schnell 
in der Richtung von SW nach NO hinaufläuft. 

Die Karten deuten, da sie nur Europa umfassen, den daneben 
fliefsenden warmen Strom nur an, der in Amerika zur vollen Herr- 
schaft gelangt. 

Die gröfste Abkühlung im Februar 1845 ist das fünftägige Mittel 
vom 10 ten bis 14ten. Sie war in Archangel — 9.74, Petersburg 
—8.80, Mitau —9.84, Arys —9.98, Breslau —9.09, Stettin —7.38, 
Berlin —8.31, Leipzig —7.51, Jena —8.50, Arnstadt —10.27, 
Aschersleben — =-7.14, Brocken — 7.10, Braunschweig — 8.87, Gü- 
tersloh —8.20, Peissenberg —9.50, Genf —6.38, Moscau —5.60, 
Brüssel —7.91, Paris —6.79, London —4.41, Dublin —2.18, die 
im März das Mittel vom 12. bis 16. Sie war in Archangel — 10.11, 
Petershurg —10.39, Mitau —10.62, Arys —12.92, Breslau —9.49, 
Stettin —10.34, Sülz —12.09, Berlin —11.20, Leipzig —10.33, 
Jena — 9.75, Aschersleben — 10.20, Arnstadt — 9.85, Brocken 
—8.27, Braunschweig —9.91, Gütersloh —10.97, Moscau —6.68, 
Brüssel —8.79, Paris —7.47, London —7.19, Dublin —5.59, wo- 
gegen 1865 und 1870 erheblich zurücktreten, obgleich die Zeit des 
Eintritts dieselbe, da der Überschufs der Wärme im Januar im 
westlichen Europa auch auf denselben Zeitraum 6. — 10. Jan. fällt. 
Er ist in Petersburg 7.33, Archangel 7.34 (vom 11. — 15), Mitau 
4.97, Arys 5.39, Stettin 4.14, Berlin 4.70, Breslau 4.61, Leipzig 
5.37, Jena 4.10, Breslau 4.61, Aschersleben 5.10, Brocken 7.46, 
Braunschweig 4.03, Gütersloh 3.16, Brüssel 3.03, Paris 1.65, Lon- 
don 3.04, (beide 11—15,) Dublin 2.71. 

Die hier mitgetheilten Ergebnisse zeigen, dafs wir dem Ver- 
ständnifs der nicht-periodischen Veränderungen einen Schritt näher 
getreten sind. 



Die Übereinstimmung, welche wir in den Temperaturcurven 
des Januar und Februar des Jahres 1865 und 1870 fanden, führt 
natürlich schliefslich zu der Frage, wie sie sich vorbereitet, oder 
mit andern Worten, wo wir annehmen dürfen, dafs sie beginnt. 
Es ist oben schon angedeutet worden, dafs der ungewöhnlichen 
Milde der ersten Hälfte des Januar eine zeitweise das südliche 
Deutschland vorzugsweise umfassende Kälte, welche zu enormen 



232 Nachtrag. 

Schneefällen Veranlassung gab, vorherging. Die Abweichung des 
fünftägigen Mittels vom 27. bis 31. Decenber ist nämlich, wenn 
wir von Ostpreufsen nach dem Bodensee gehen, folgende: 

Memel — O.GG, Tilsit —4.02, Claussen —3.70, Königs- 
berg _3.46, Heia —3.13, Cöslin —2.92, Regenwalde 
—2.86, Stettin —3.04, Conitz —2.98, Bromberg —3.51, 
p osen _1.99, Zechen —2.16, Breslau —0.98, Ratibör 
— 1.04, Landeck —0.08, Eichberg —1.56, Wang — 0.92, 
Görlitz —1.04, Frankfurt —3.71, Berlin —3.42, Torgau 
—2.67, Halle —3.55, Langensalza —4.18,* Erfurt —3.85, 
Gotha —3.24, Mühlhausen — 4.31, Sondershausen —4.41, 
Heiligenstadt —2.86, Wernigerode —3.25, Clausthal —3.24, 
Göttingen — 3.31. 

Hinrichshagen —3.13, Futbus —2.13, Wustrow —2.28, 
Rostock —3.15, Schwerin —3.12, Schönberg —2.76, Lü- 
beck —2.41, Eutin —2.26, Kiel —2.37, Neumünster —2.75, 
Altona _2.60, Otterndorf —2.79, Lüneburg —3.38, Han- 
nover —2.92, Oldenburg —2.45, Jever —1.93, Emden 
—2.51, Lingen —2.50, Löningen —2.46, Münster —2.15, 
Gütersloh —3.09, Olsberg —2.43, Cleve —2.95, Crefeld 
— 3.73, Cöln —3.16, Boppard —3.66, Trier —3.98, Bir- 
kenfeld —5.51, Kreuznach —5.53, Frankfurt —4.52, Darm- 
stadt —5.19, Calw —8.05, Heilbronn —9.35, Stuttgard 
—6.07, Freudenstadt —5.09, Hechingen —6.94, Hohen- 
zollern —6.28, Schopfloch —5.62, Issny —5.12, Frie- 
drichshafen —5.09, Ulm —7.75, Heidenheim —8.17. 
Die Zunahme der Abkühlung von NO nach SW hin tritt evi- 
dent hervor. Sie erstreckt sich auf das südliche Europa. Da hier 
die normalen mittleren Werthe fehlen, so mögen die absoluten Ex- 
treme die Stelle der Abweichung vertreten. Die früher mitgeteil- 
ten bezogen sich auf Januar und Februar 1870. Die des Decem- 
bers 1869 sind, wie aus der Vergleichung mit jenen hervorgeht, 
an vielen südlichen Stationen die bedeutendsten des ganzen Win- 
ters. Diese Extreme sind (R.): 

le Puy —15.0, Aosta —11.2, Caleves —10.8, Foix 
—9.9, Ichtratzheim — 9.4, Doulevant — 9.3, Auxerre — 9.2, 
Rodez _8.8, Metz —8.3, Beauficel —8.2, Soissons —8.0, 
Pavia —8.0, Fecamp —7.9, Montargis —7.6, Turin —7.3, 



Nachtrag. 233 

Chatillon — 7.2, Poitiers —7.2, Verdun —7.1, Lugano 
—7.0, Ferrara —7.0, Mantua —7.0, Padua —7.0, Mon- 
culieri —6.4, Reggio (Emilia) —6.8, Biella —6.7, Mont- 
pellier — 6.6, Sacra di S. Michele — 6.5, Guastalla — 6.4. 
Beyrie — 6.2, Cremona — 6.2, Mondovi — 6.0, Rouen 

— 6.0, Cosne — 5.9, Modena — 5.9, Marseille — 5.8, Mai- 
land — 5.8, la Charite — 5.8, Lavallade — 5.6, Casale 

— 5.6, Monferato —5.6, St. Matthieu —5.4, Blois —5.4, 
Alessandria — 5.4, Pinerolo — 5.3, Aquila — 5.3, Brescia 
— 5.2, Nantes — 5.2, Tours — 5.0, Tarbes — 4.8, Cannes 
— 4.8, Lorient — 4.5, Bezieres — 4.4, Perpignan — 4.0, 
Biariz— 3.6, Siena — 3.4, Isle d'Aix — 3.3, Bologna— 3.1, 
Murcia — 3.0, Camerino — 3.0, Perugia — 2.9, Ferrara 
—2.8, Santiago —2.8, Forli —2.3, Urbino —2.2, Chiog- 
gia — 2.2, Florenz —1.6, Livorno — 1.5, Venedig — 1.2, 
Genua —0.4, Rom —0.2, Chieti 0.2, Jesi 2, Velletri 0.8, 
Neapel 1.4, Catanzaro 3.4, Catania 4.2, Palermo 4.7. 

Im südlichen Deutschland war dieser starken Abkühlung eine 
sehr hohe Temperatur vorhergegangen, so dafs das Mittel vom 
17ten bis 21ten December an manchen Orten 11 bis 13 Grade 
höher ist als das vom 27ten bis 31ten. Es ist nun interreesant, 
dafs im December 1864 ebenfalls der Wärme zu Anfang des Ja- 
nuar eine auf das letzte Drittheil des Decembers fallende starke 
Kälte vorhergeht, aber das Maximum derselben fällt auf den 22ten 
bis 26ten und ist sehr intensiv in Schlesien. Hier verliert sich 
also der Parallelismus beider Jahre, denn in Süddeutschland fehlt 
auch die auf den 17ten bis 21ten December hervortretende hohe 
Temperatur. 

Den entschiedensten Gegensatz zu Europa bildet auch im De- 
cember 1869 Amerika, In South Trenton in New York wird die 
Luft zu Weihnachten balsamisch mild genannt, in Zuny Station in 
Virginien pflückte man am Neujahrstage blühende Rosen im Freieu. 
Diese nach früherer Kälte eingetretene Milde umfafste die nörd- 
lichen Staaten, denn in Steuben, Lisbon, Norway in Maine ver- 
schwand der Schnee am olsten. Von Buffalo schrieb man, die 
Luft sei frühlingsmäfsig. In den innern Staaten trat diese Wärme 
so plötzlich ein, dafs in West Bend in Jowa das auf — 20.9 her- 
abgesunkene Thermometer sich 3?6 über den Frostpunkt erhob, 



234 Nachtrag. 

während man in Monroe City die letzten Tage des December als 
verspäteten Indianersommer bezeichnete. 

Am 2ten und 3ten Januar strich hingegen ein äufserst hefti- 
ger Schneesturm über Neu-England, über die innern Staaten, die 
südlichen diesseits des Alleghanies, und westlich über die Seeen 
nach Michigan hin. In Lunenburg in Massachusets war er zuerst 
NW, dann SO, zuletzt SW, in Newark in New Jersey SO. S. 
SW, welches auf eine Cyclon deuten würde, wenn er nicht in Buf- 
falo wüthende SWGale genannt und in Massachusets überall als 
Gale bezeichnet wurde. Dies macht es wahrscheinlich, dafs es 
ein heftiger aber von dem herrschenden Äquatorialstrom zurückge- 
wiesener Angriff des Polarstromes war. Diefs gilt entschieden von 
dem vom 14ten bis löten Januar einbrechenden und am 17ten 
auf grofse Strecken als heftiger Gewittersturm auftretendem Winde. 
Die plötzlich hervortretende enorme Abkühlung von knrzem Be- 
stand ist ein Beleg dafür. Ein Nordwind, heifst es von Leyden 
N. Y., brachte die Wärme auf —20.4, bevor er aber New York 
erreichte, wo die Temperatur —7.1, warf ihn der Südwind zurück 
und steigerte die Temperatur in 48 Stunden um 24° R. In North 
Hammond N. Y. stieg vom 14ten zum löten die Wärme von 

— 20.4 auf 6.2 in 20 Stunden. Das vorhergehende Fallen war 
ebenso rasch. In Peoria in Illinois fiel am 16ten bei dem Gewit- 
tersturm das Thermometer 20° R. in 10 Stunden, in Wartensburg 
Mo. stand am löten Mittags das Thermometer 14?2, Abends 9 Uhr 

— 16.0, also 30° Abkühlung in 9 Stunden, in West Union 24° in 
10 Stunden. In Winnebago in Illinois fiel es in 9 Stunden 19 ?ö, 
in Peoria 20° in derselben Zeit, in Guttenberg in Jowa 21? 7 in 
$£■ Stunden, in Leavenworth (Kansas) fiel es am 16ten 23° in 8 Stun- 
den, in Le Roy am 17ten in 10 Stunden von 9.8 auf — 10?7, in 
Council Grove sank die Temperatur 11° in 3 Minuten, als der 
heftige Südwind in einen Nordwiud sich verwandelte. Aufser die- 
sem kalten Nordsturm wird der Monat überall als „pleasant" be- 
zeichnet. Einige Beispiele mögen genügen, welche den Gegensatz 
zu dem warmen Anfang des Januars in Europa und der Abkühlung 
in der zweiten Hälfte deutlich hervortreten lassen. Die vor dem 
Namen des Staates stehende Zahl bezeichnet die höchste in dem- 
selben beobachtete Wärme. 



Nachtrag. 235 

10.7 Maine. Houlton: eisig bis zum 25sten, Steuben: Schriee ver- 
schwindet am 16ten, Flüsse und Buchten eisfrei am 
31 sten, West Water Dille: Monat mild und feucht, 3?31 
wärmer als im sechsjährigen Mittel, Gardiner: Monat 
3.05 wärmer als 34j. M., Norway: warm open January, 
Comishville : 3? 89 wärmer als 41j. M. 

10.2 New Hampshire. Goffstown Center: warm und feucht, Frost 

aus dem Boden am 31sten. 

8.9 Vermont. Graftsbury: warmer Januar, Schnee endet in Re- 
gen, East Bethel: seit vielen Jahren am wärmsten, Mid- 
dlebury: wärmster Januar in 16 Jahren, Panton: Veil- 
chen im Garten am 4ten. 

14.7 Massachusets. Kingston: kein Frost im Boden den ganzen 
Monat, Topsfield: oft wie im April, Georgetown: Crocus 
blühte an sonnigen Stellen, die Bäche offen den ganzen 
Monat, West Newton: Löwenzahn und Stiefmütterchen 
blühen am 27sten, Lunenburg : mildester Januar seit 
1851, Worcester: Weidengebüsch in Blüthe am 28sten. 

11.6 Connecticut. Middletown: Flüsse eisfrei den ganzen Mo- 

nat, Rothkehlchen am 23sten. 

16.0 New York. Palermo: 1863 ausgenommen der wärmste Ja- 
nuar in 17 Jahren, Depauville: 2? 22 über dem sechs- 
zeitigen Mittel. 

16.0 New Jersey. Newark: Aufser 1858 seit 26 Jahren am 
wärmsten, 3?2 über dem Mittel, Moorestown: wärmster 
hier bekannter Januar, Frösche am 17ten, Löwenzahn 
blüht am 25sten, Rio Grande: Frühlingsmorgen, die 
Vögel singen am 26sten, Haddonfield: Löwenzahn am 
16ten, Veilchen am 23sten, gelber Jasmin am 26sten. 

14.7 Pensylvanien. Nyces: sehr mild, Rothkehlchen und Krähen 

am 27sten, Dyberry: 4? 44 über dem fünfjährigen Mit- 
tel, Falsington: Delaware eisfrei am 26sten, Philadel- 
phia: der wärmste Januar in 18 Jahren, 3?89 zu warm, 
Germantown: Spirea belaubt, Löwenzahn und Jasmin 
blühen am 27sten, Factoryville: Flüsse offen, überall 
Gewitter am 17ten, ebenso in 

21.3 Virginien. Johnsontown: Pfirsich blühten am 31 sten, Hamp- 

ton: babylonische Weide voll belaubt am 31 sten, nicht 
eine Schneeflocke den ganzen Monat, Zuni Station: 
Ahorn (Acer rubrum) blüht, Wiesen grün, ist dies Win- 
ter?, Piedmont Station: Vögel singen am 12ten, der 
Zaunkönig ist hier geblieben, blue birds am 16ten, 
Lynchburg: Kartoffeln gepflanzt, die am 14ten gesäten 
Erbsen keimen am 24ten. 



236 Nachtrag. 

20.4. Süd-Carolina. Anderson: Erle blüht am 18ten, Gowdeys- 
ville: warm und schön vom 12 teil zum 31sten, Klee 
und Weizen steht schön. 

23.1 Florida. Pilatka: warm vom Gten bis 31sten, Orangen, 
Pfirsiche und Pflaumen blühen. 

19 G Louisiana. New Orleans: Erdbeeren blühen vom 12ten bis 
21ten, Sommertage vom 24ten bis 31sten, aber die 
Nächte kühl. 

17 8 Tennessee. Austin: prachtvolles Wetter nach dem Gewit- 
tersturm am 17ten, Trenton: warmer feuchter Winter. 

15.1 Ohio. Viel Regen und Schnee. 

14.2 Kentucky. Dasselbe. 

9.8 Jowa. Waterlow: mildester Winter seit vielen Jahren, Le- 
gem: dasselbe. 

8.0 Michigan. Litchfield: Monat mild aber 1?9 kälter als 18G9, 

Northport: kein Eis in der Bay. 

16.0 Illinois. Aurora: Monat mild, den Sturm am IGten ausge- 
nommen. 
6.2 Wisconsin. Baraboo: mildester hier bekannter Winter. 

16.0 Kansas. Council Grove: aufser dem schnellen Fall am 16ten 
and 17ten der Monat angenehm. 

7.1 Utah. Earrisburg: erste Hälfte des Monats kälter als seit 5 

Jahren. 
20 4 Californien. Chico: seit dem 16ten growing weather, Wat- 

sonville: mehr Frost und weniger Regen als gewöhnlich, 

Vacaville: Dürre in Süd-Californien gefürchtet. 
8.4 Montana. Territory. Bear Lodge City: der wärmste hier 

bekannte Januar. 
14 2 Washington Territory. Walla-Walla: Frost am 25sten 

aus dem Boden, Butterblume blüht am 29sten. 

Der Übergang von den Ostküsten zu den Westküsten tritt, 
w ie er von Dr. Blake geschildert wurde, also deutlich hervor. 
Welcher Gegensatz der Vereinigten Staaten zu dem Zurückbleiben 
der Vegetation in Europa, und zu dem nur durch kurze Zwischen- 
räume der Wärme nicht enden wollenden Winter. 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung sind neuerdings 
folgende akademische Abhandlungen aus dem Jahrgang 1869 er- 
schienen : 

Ehrenberg, Über mächtige Gebirgsschichten vorherrschend aus mikroskopi- 
schen Bacillarien unter und bei der Stadt Mexiko. 

Preis: 1 Thlr. 15 Sgr. 
Lepsiüs, Über den chronologischen Werth der Assyrischen Eponymen und 
einige Berührungspunkte mit der Aegytischen Chronologie. 

Preis: 15 Sgr. 
Roth, Beiträge zur Petrographie der plutonischen Gesteine. 

Preis: 3 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf. 
Magnus, Über Emission, Absorption und Reflexion der bei niederer Tem- 
peratur ausgestrahlten Wärmearten. 

Preis: 15 Sgr. 
Büschmann, Grammatik der sonorischen Sprachen: vorzüglich der Tarahu- 
mara, Tepeguana, Cora und Cahita; als IX. Abschnitt der 
Spuren der aztekischen Sprache. 2. Ahth. der Artikel, das 
Substantivum und Adjectivum. 

Preis: 3 Thlr. 15 Sgr. 
Roth, Über den Serpentin. 

Preis: 14 Sgr. 
Hagen, Über die Bewegung des Wassers in cylindrischen, nahe horizonta- 
len Leitungen , und über die Bewegung des Wassers in vertikal 
abwärts gerichteten Röhren. 

Preis: 12 Sgr. 



Zur Nachricht. 

In den Abhandlungen der Akademie sind in den Jahrgängen 1852, 

1853, 1862, 1864 keine Mathematischen Klassen enthalten. 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
April 1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr Kummer. 



7. April. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. C. Rammeisberg las über die Stellung des Thal- 
liums in der Reihe der Elemente. 

Unter den in neuester Zeit entdeckten Elementen nimmt kei- 
nes das Interesse so vielfach in Anspruch als das Thallium. Nie- 
mand wird einen Augenblick zweifelhaft sein, dafs Rubidium und 
Cäsium sich in jeder Beziehung dem Kalium anreihen, dafs dem 
Jndium ein Platz in der Nähe des Zinks gebührt. Aber wohin 
gehört das Thallium? Seine physikalischen Eigenschaften, sein 
Verhalten zum Chlor, Brom, Jod, zum Schwefel u. s. w. stellen es 
zu den schweren Metallen, in die Nähe des Bleis. Die leichte 
Löslichkeit seines Oxyds und Hydroxyds und die stark alkalischen, 
ja ätzenden Eigenschaften des letzteren stempeln es im Gegentheil 
zu einem wahren Alkalimetall, und die Isomorphie seiner Salze 
mit denen des Kaliums (Ammoniums, Natriums) ist ein weiterer 
Grund, das Thallium zur Gruppe des Kaliums zu rechnen. 

So zahlreich die bisher bekannt gewordenen Thatsachen sind, 
welche die Thalliumverbindungen betreifen, so bleibt doch noch 
manche Lücke auszufüllen; es sind, wie mir scheint, besonders 
jene eigenthümlichen Verbindungen noch genauer zu studiren, wel- 
che den höheren Oxyden des Thalliums angehören. Das Nachfol- 
gende ist nur ein kleiner Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe, 
welche in der Seltenheit des Materials ihre Schwierigkeiten hat. 
[1870] 17 



238 Gesammtsitzung 

Im Anschlufs an frühere Arbeiten habe ich mich bemüht, die 
Jodate und Perjodate des Thalliums darzustellen, und werde die 
erhaltenen Resultate hier kurz angeben. Dabei sei bemerkt, dafs 
das Atomgewicht Tl = 204 angenommen, d. h. dafs das Thallium 
als einwerthig betrachtet ist. Allein aufser dem Oxyd T1 2 giebt 
es ein braunes Sesquioxyd, T1 3 3 , ein entsprechendes Tri- oder 
Hexachlorid (T1C1 3 = T1C1 6 ), und selbst eine Reihe von Oxy- 
salzen, deren Molekül 2 At. Thallium (Tl) enthält, die daher Di- 
thalliumsalze genannt sind. In diesen Verbindungen ist die 
Gruppe Tl sechswerthig, gleich AI, Fe, In, -Cr. 



Jodsaures Thallium. 
Thalliumjodat entsteht, wenn eine Auflösung von Thallium- 
hydroxyd mit Jodsäure versetzt wird. Es fällt in Form eines 
weifsen Pulvers nieder. Auch aus Thalliumsalzen und einem lös- 
lichen Jodat ist es leicht zu erhalten. Sein Ansehen verräth keine 
erkennbare krystallinische Natur; in Wasser ist es kaum, in Sal- 
petersäure schwer löslich. Bei 150° ist es noch unverändert, und 
enthält überhaupt kein Wasser. Die Analyse bestätigte die For- 
mel T1J0 3 . 

berechnet gefunden 

T1 = 53 ' 82 } 87,33 87,35 
J 33,51 J ' 

30 12,67 



100 
Bei stärkerem Erhitzen schmilzt es zu einer braunen Flüssigkeit, 
entwickelt Sauerstoff und Jod, und liefert ein reichliches Sublimat 
von Thalliumjodid. Hierbei werden Glasgefäfse durch die gleich- 
zeitige Bildung des Oxyds T1 2 stark angegriffen. 

Dithalliumjodat entsteht, wenn frischgefälltes braunes Thal- 
liumsesquioxyd mit einer Auflösung von Jodsäure erwärmt wird. 
Dabei löst sich keine Spur Thallium in der Säure auf, das braune 
Oxyd aber verwandelt sich in ein bräunlichgraues schweres kry- 
stallinisches Salz, welches durch Wasser nicht verändert wird und 
selbst in Salpetersäure schwer löslich ist. Es giebt sich als ein 
Dithalliumsalz dadurch zu erkennen, dafs seine salpetersaure Auf- 
lösung von Alkalien braun gefällt wird, oder dadurch, dafs es bei 



vom 7. April 1870. 239 

der Behandlung mit Kalilauge unter Abscheidung des braunen 
Oxyds eine thalliumfreie Auflösung giebt. 

Bei der Schwierigkeit der direkten Thalliumbestimmung darf 
es nicht befremden, wenn die Analyse solcher Salze etwas zu wün- 
schen übrig läfst. Im vorliegenden Fall war jedoch mit Sicherheit 
festzustellen, dafs 3 At. Jod auf 1 At. Thallium kommen, so dafs 
für das Dithalliumjodat die Formel 

TlJ60 18 -|-3aq 
gerechtfertigt erscheint. 



Berechnet 


gefunden 


Tl = 27,00 


27,3 


6J 50,40 


48,6 


180 19,03 




3aq 3,57 





100. 
Oder 

2T1J 43,78 43,57. 

Beim Erhitzen giebt es Wasser, schmilzt und verhält sich im 
Übrigen ungefähr so wie das zuvor beschriebene Salz. 

Überjodsaures Thallium. 

Thalliumperjodat. Durch Sättigung einer Auflösung von 
Thalliumhydroxyd durch reine Überjodsäure entsteht ein weifser 
Niederschlag. Einen ebensolchen erhält man durch Vermischen 
der Lösungen von Thalliumnitrat und von halb überjodsaurem Kali 
(K 4 J 2 9 ). Allein die weifse Farbe verwandelt sich bald in eine 
gelbe und nach dem Auswaschen und Trocknen ist die Substanz 
gelb, theilweise röthlich. Die Versuche, welchen man dieselbe un- 
terwerfen kann, namentlich ihr Verhalten gegen Alkalien und ge- 
gen Säuren, liefern den Beweis, dafs sie gar kein Perjodat, son- 
dern ein Gemenge der beiden zuvor beschriebenen Jodate ist. Es 
giebt kein Thalliumperjodat, weil Überjodsäure das Thalliumoxyd 
in Sesquioxyd verwandelt, wobei sie selbst zu Jodsäure reducirt 
wird. 

Dithalliumperjodat. Trägt man das braune Oxyd TIO 3 
in eine Auflösung von H 5 J0 6 , so verwandelt es sich in ein schwe- 
res hellbraunes Pulver, aber es löst sich nichts in der freien Säure 

17* 



240 Gesammtsüzung 

auf Dieses Pulver ist ein reines Dithalliumsalz; durch Kalilauge 
zersetzt, scheidet es braunes Oxyd ab, während die alkalische 
Flüssigkeit, welche kein Thallium enthält, auf Uberjodsäure 

reagirt. a 

Die Analyse läfst nicht ganz klar erkennen, ob es ein Urit- 
tel-Perjodat oder eine Verbindung von Drittel- und Viertel-Perjodat 
ist, d. h. entweder 

T1 3 J 2 16 4- 30aq (I) 



oder 



T110J6Q51 + 90 aq (II) 



berechnet 


gefunclei 


I. 


IL 




Thallium 53,84 


56,06 


55,71 


Jod 11,17 


10,47 


9,95 


Sauerstoff 11,26 


11,21 




Wasser 23,74 


22,26 





100 100 

Im zweiten Fall dürfte dieses aus sehr saurer Flüssigkeit abge- 
schiedene und dennoch sehr basische Salz als 

Tl J 6 O 24 1 

±iJ U 1 + 63aq 

9H 6 T10 6 J 

zu betrachten sein. 

Seitens der Jodate und Perjodate entfernt sich das Thallium 
sehr weit vom Kalium; sein Verhalten zu Uberjodsäure stellt es 
namentlich in eine Reihe mit Kobalt, Eisen und Mangan, wie sich 
dies aus meinen früheren Untersuchungen der überjodsauren Salze 
deutlich ergiebt. 

Die höheren Chloride, Bromide und Jodide des 
Thalliums und. deren Doppelsalze. 

Man weifs, dafs das Thalliumchlorid T1C1 beim Schmelzen 
im Chlorstrom höhere Chlorverbindungen liefert. Doch ist dies 
keine passende Methode ihrer Darstellung, weil sie stärkerer Hitze 
nicht widerstehen. Beim Behandeln mit Wasser bleiben blafsgelbe 
Blättchen zurück, welche, wie ich mich überzeugt habe, Tl U 
sind. 



vom 7, April 1870. Ul 

Wird die Lösung eines Thalliumsalzes mit unterchlorigsaurem 
und freiem Alkali vermischt, so entsteht ein dunkelbrauner Nieder- 
schlag von Dithalliumoxyd (Thalliumsesquioxyd) TIO 3 , wel- 
ches sich in Chlorwasserstoffsäure leicht auflöst, wobei sich nicht 
merklich Chlor entwickelt, wiewohl beim Verdünnen ein wenig 
T1 2 C1 3 abgeschieden wird. Versetzt man diese Auflösung mit 
Chlorkalium oder Chlorammonium, so erhält man beim Verdunsten 
schön krystallisirte .Doppelsalze, die ich zur Ergänzung früherer 
unvollständiger Angaben von Nickles und Willm auf ihre Form 
und Zusammensetzung näher untersucht habe. 

Kalium-Dithalliumchlorid und Ammonium-Dithal- 
liumchlorid schiefsen in farblosen, durchsichtigen Krystallen an, 
welche auf den ersten Blick regulär zu sein scheinen, jedoch vier- 
gliedrig sind. Herrschend ist ein Quadratoktaeder, in den End- 
kanten 116° 12V i n den Seitenkanten 96° 44' messend, zu welchem 
das erste stumpfere, beide quadratische Prismen und die Endfläche 
hinzutreten. Das Axenverhältnifs a : c ist = 1 : 0,795, und beide 
Salze differiren in den Winkeln nur wenig. 

Die Analyse zeigt, dafs sie auch analog zusammengesetzt sind, 
nämlich: 

3KC1.1 A , 3AmCll a 

Tlcl3 ]+2a q und Tlcl 3J+2aq 

oder 

6KCl\ , 6AmCl] 

TlCl4 + 4aq Und T10W + 4aq ' 

Diese Doppelsalze sind sehr stabil ; sie werden vom Wasser, 
auch beim Kochen, nicht zersetzt. Chlorwasserstoffsäure entwickelt 
kein Chlor. Alkalien scheiden braunes TIO 3 ab; ist aber ihre 
Auflösung hinreichend sauer, so wird sie von Ammoniak nicht ge- 
fällt. Platinchlorid fällt nur K oder Am, nicht das Tl aus; Jod- 
kalium scheidet TU und freies Jod ab. Alle reducirenden Mittel 
bewirken eine Fällung von T1C1. 

Doppelsalze von Dithalliumbromid, 

Das Bromür TIBr gleicht dem Chlorür vollkommen. Auf 
Zusatz von Brom löst es sich in Wasser leicht auf, indem es sich 



242 Gesammtsitzung 

in TIBr 3 oder TIBr 6 verwandelt. Denn die mit KBr versetzte 
Flüssigkeit liefert beim Verdunsten gelbliche Krystalle eines Dop- 
pelsalzes, welches nach meinen Versuchen 



3K 

2T1 



£Brl 3KBr\ _ 



ist. Ihre Flächen sind für genaue Messungen nicht glänzend ge- 
nug; sie erscheinen als Würfel in Kombination mit dem Oktaeder 
und Granatoeder und die gefundenen Werthe sprechen allerdings 
für reguläre Formen. 

Doppelsalze von Dithalliumj odid. 
Jodthallium, TU, ist in Jodkalium unlöslich; fügt man aber 
Jod hinzu und läfst die dunkelgefärbte Flüssigkeit verdunsten, so 
schiefsen schwarze Krystalle an, welche durch Umkrystallisiren 
aus Alkohol von beigemengtem KJ zu befreien sind. Es sind re- 
guläre Oktaeder mit Würfelflächen, sie haben starken Glanz, sind 
roth durchscheinend und geben ein rothes Pulver. Ich habe für 
dieses Kalium-Dithalliumjo did die Zusammensetzung 

3KJl 3KJl q 

gefunden, also entsprechend dem Bromsalze, mit welchem es iso- 
morph ist. 

Dieses Doppelsalz ist weit weniger beständig als die früheren; 
schon in gelinder Wärme giebt es Jod; Wasser zersetzt einen 
Theil, unter Abscheidung von TU und Jod. 

Ganz anders verhalten sich die Oxysalze, welche aus der 
Einwirkung von Säuren auf das braune Sesquioxyd TIO 3 entste- 
hen. Sie werden nämlich von Wasser vollständig zer- 
setzt, und das braune Oxyd, welches sich dabei abscheidet, ist, 
wie es scheint, rein, d. h. kein basisches Salz. Es ist schwer, 
diese Dithalliumsalze rein zu erhalten, da sich das Sesquioxyd erst 
beim Erwärmen in Säuren auflöst, wobei immer etwas gewöhn- 
liches Thalliumsalz entsteht. 

Es ist mir leider nicht geglückt, das Sulfat und das Nitrat in 
bestimmbaren Krystallen zu erhalten, ich kann daher den Angaben 
Strecker's nichts Neues hinzufügen. Bios das essigsaure Di- 



vom 7. April 1870. 243 

thallium bildet farblose durchsichtige zweigliedrige Krystalle, 
Rhombenoktaeder, deren Endkanten 123° 30' und 79° 34', und de- 
ren Seitenkanten 129° 0' messen. Sie sind tafelartig durch Aus- 
dehnung der Endfläche, bräunen sich aber an der Luft sehr bald. 

Isomorphie der Thalliumverbindungen mit anderen. 

Die früheren Beobachtungen über die Form der Thalliumsalze 
sind neuerlich durch Des Cloizeaux sehr vervollständigt wor- 
den. l ) Die Thatsache, dafs sie mit den Salzen des Kaliums (Ru- 
bidiums und Ammoniums) isomorph sind, hat hierdurch in mehr- 
facher Hinsicht eine Bestätigung erfahren, und so haben wir 
denn folgende in Form und Zusammensetzung sich entsprechende 
Salze: 

Nitrat TINO 3 = KNO 3 

Perchlorat T1C10 4 = KCIO 4 

Doppelsulfate T1 2 RS 2 8 4- 6aq = K 2 RS 2 8 4-6aq 

vi vi 

Alaun T1 2 RS 4 16 4- 24aq == K 2 &S 4 16 4- 24aq 

Ferrocyanür Tl 4 Fe Cy 6 -+- 2 a q = Rb 4 FeCy 6 4- 2aq 

Oxalat H 3 TlC 4 8 4-2aq = H 3 KC 4 8 4- 2aq 

Tartrate HT1C 4 H 4 6 = HKC 4 H 4 0« 

NaTlC 4 H 4 6 4-4aq = NaKC 4 H 4 6 4- 4aq 

Tl(SbO)C 4 H 4 6 4-aq = K(SbO)C 4 H 4 6 4- aq . 

Aber von besonderem Interesse sind die Phosphate, weil sie die 
isomorphe Vertretung der einwerthigen Tl, K, Na, Am durch Was- 
serstoff darthun. Denn es sind isomorph: 

H 2 T1P0 4 und HAm 2 P0 4 

HT1 2 P0 4 und H 2 AmP0 4 

HTl 2 P0 4 -f-aq und H 2 NaP0 4 4- aq . 3 ) 



1 ) Lamy et Des Cloizeaux, Etudes chiruiques, optiques et cristallo- 
graphiques sur les sels de Thallium. Ann. Ch. Phys. (4) 17,310. 

3 ) S. meinen Aufsatz in den Bericht, d. d. ehem. Gesellsch. 1870 S. 276. 



244 Gesammtsitzung 

Leider gestatten die Formen der Dithalli um salze, welche ich 
prüfen konnte, keinen Vergleich, weil krystallisirte analog zusam- 
mengesetzte Verbindungen nicht bekannt sind. 

Es scheint unmöglich, dem Thallium einen bestimmten Platz 
unter den übrigen Elementen anzuweisen. Nur so viel ist sicher, 
dafs es physikalisch wie chemisch ein Metall, und zwar ein sehr 
elektropositives ist. Obwohl es bei niederer Temperatur das Was- 
ser nicht zersetzt, oxydirt es sich an der Luft doch weit schneller 
als Blei, Magnesium oder Aluminium. 

Seine Ähnlichkeit mit den Alkalimetallen liegt aber besonders 
darin, dafs sein Hydroxyd ein entschiedenes ätzendes Alkali ist 
und dafs die von demselben gebildeten Salze durch ihre Löslich- 
keit und ihre Krystallform sich unmittelbar den Alkalisalzen an- 
reihen. , „.. 

Dagegen sind die Haloidsalze durch Unlöslichkeit und Fär- 
bung den entsprechenden Salzen des Silbers, freilich auch des 
Bleis, ähnlich. Ebenso ist Schwefelthallium nur den Sulfureten der 
Schwermetalle vergleichbar. 

Durch seine höheren Oxydations- und Chlorstufen entfernt 
sich das Thallium ganz und gar von den Alkalimetalien Dem 
TIO 3 und T1C1 6 , analog erscheinen die Verbindungen von AI, Mn, 
Fe Cr €e und B-i. Und doch stehen jene gleichsam für sich da. 
TIO 3 wird durch Erhitzen zu TIO, während MnO 3 und CeO 3 
höchstens zu R 3 0±, die übrigen aber gar nicht reducirt werden. 
Das durch Auflösen in HCl entstehende T1C1« ist weit beständi- 
ger als MnCl« oder CeCl 6 , jedoch nicht in dem Mafse wie die 
übrigen KCl 6 . Die Oxysalze werden von Wasser zersetzt; dies 
ist aber eine den Salzen jener R sehr allgemein zukommende Eigen- 
schaft, weniger hervortretend bei denen von Cr und AI, starker 
beim Fe, und noch stärker bei Mn, Ce und *i. Dimangansulfat 
(schwefelsaures Manganoxyd) = MnS 3 0^ zerfällt durch Wasser 
in MnO 3 und 3H 2 SO±, also genau so wie das Dithallmmsalz 
T1S 3 i2 Ce und &i aber liefern hierbei bekanntlich nur basische 
Salze. Ich erinnere daran, dafs auch schon in dem Verhalten des 
Thalliums zur Überjodsäure seine Beziehungen zum Mangan gleich- 
sam angedeutet sind. 

Ist das Atg. des Thalliums = 204, entsprechend dem Du- 
long-Petit'schen Gesetz, so ist Tl ein einwertiges Element 
gleich dem Kalium, Silber u. s. w. Das chemische Verhalten und 



vom 7. April 1870. 245 

die Krystallform der monatomen Thallium verbin düngen verleihen 
dieser Annahme eine feste Stütze. 

Während wir aber bei den Alkalimetallen und dem Silber auf 
keine Weise höhere Chloride etc. darzustellen vermögen, gelingt 
dies beim Thallium. Dadurch entstehen Verbindungen, in deren 
Mol. 2 At. Thallium als ein sechswerthiges Atomenpaar enthalten 
sind. Sind dieselben, wie wir wohl annehmen müssen, unter sich 
verkettet, so wäre das Thalliumatom wenigstens vierwerthig, wie 
dies für die in der Regel zweiwerthigen Fe, Mn, Ce u. s. w. gilt. 

Aber es ist noch eine andere Möglichkeit, die nämlich, dafs 
sich das Thallium in diesen höheren Chloriden, Oxyden und Sal- 
zen verhielte wie das Uran, d. h. dafs sie ein zweiwerthiges Ra- 
dikal (T1 2 2 ) einschlössen, oder ein entsprechendes (T1 2 C1 4 ). 

Weitere Untersuchungen sollten auf diesen Punkt gerichtet sein. 



Hr. Poggendorff berichtete mündlich über eine neue In- 
fluenzmaschine, die nicht allein die doppelte Kraft der gewöhnlichen 
besitzt, sondern auch in jeder andern Beziehung als die vollkom- 
menste unter den bisher dargestellten zu betrachten sein möchte. 
Da er nächstens der Akademie eine ausführliche Mittheilung über 
diese Doppelmaschine zu machen gedenkt, so sei hier nur erwähnt, 
dafs sie nach dem von ihm im Januarheft der Monatsberichte von 
1869 S. 55 angedeuteten Princip construirt worden ist, und die 
practische Anwendbarkeit dieses Princips in befriedigendster Weise 
dargethan hat. 



Hr. Dove machte eine Mittheilung über die Witterung des 
vergangenen Winters. 



246 Gesammtsitzung 

An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Verhandlungen der zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. Jahrg. 1869. 
19. Bd. Wien 1869. 8. 

Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. 8. Bd. München 1869. 8. 

Verhandlungen der Physik.- Mediz. Gesellschaft in Würzburg. Neue Folge. 
1. Bd. 4. Heft. Würzburg 1869. 8. 

Mittheilungen der k. k. Central-Kommission zur Erforschung der Baudenk- 
male. 15. Jahrg. März- April. Wien 1870. 4. 

Lotus. Zeitschrift für Naturwissenschaften. 19. Jahrg. Prag 1869. 8. 

W. J. A. Jonckbloet's Geschichte der Niederländischen Literatur, übersetzt 
von W. Berg. 1. Bd. Leipzig 1870. 8. 

Anales de la Universidad de Chile. Ano 1867. 1868. 8. 

Berichte an den Congrefs des Staates Chile. 9 Bände. Santiago 1868. 8. 

Annuario estadistico de la republica de Chile. Entrega 9. Santiago 

1868. 8. 

Observation made at the U. St. Naval Observatory, during the year 1866. 

Washington 1868. 4. 
The American Ephemeris for 187 1. Washington 1868. 8. 
Tables to facilitate the reduction of places of the fixed stars. Washington 

1869. 8. 

(Settimani) D 'une seconde nouvelle methode pour determiner la parallaxe du 

soleil. Florence 1870. 8. 
Berichte der südslavischen Akademie. 10. Heft. Agram 1870. 8. 
Second Radcliffe Catalogue, containing 2386 stars. Oxford 1870. 8. 



25. April. Sitzung der physikalisch-mathemati- 
schen Klasse. 

Es wurden verschiedene geschäftliche Angelegenheiten erledigt. 



vom 28. April 1870. 247 

28. April. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Haupt las über die Perser des Aeschylus. 



Hr. G. Rose legte eine Untersuchung des Dr. P. Groth vor: 

Über Beziehungen zwischen Krystallform und 
chemischer Constitution bei einigen organischen 
Verbindungen. 
Alle bisherigen Versuche, die für den unorganischen Theil der 
Chemie so eminent wichtig gewordene Lehre des Isomorphismus 
auf die organischen Verbindungen anzuwenden, haben zu keinem 
befriedigenden Resultate geführt, weil die verschiedenen, in den 
letzteren befindlichen, Atomgruppen nicht in demselben Verhältnifs 
zu einander stehen, wie z. B. verschiedene isomorphe Metalle in 
den Salzen von gleicher Constitution. Die Resultate einiger Unter- 
suchungen, welche allerdings zu dem Endzweck unternommen wur- 
den, gesetzmäfsige Beziehungen zwischen Krystallform und che- 
mischer Constitution bei organischen Verbindungen zu finden, führ- 
ten den Verfasser zu der Überzeugung, dafs man bei diesen For- 
schungen einen ganz andern Weg, als bisher, einzuschlagen habe. 
Statt gleich krystallisirte Körper aufzusuchen, erweist es sich 
vielmehr als vorteilhaft, die Verschiedenheiten der Krystall- 
formen chemisch verwandter Körper zu studiren, d. h. die 
Frage bei der Aufsuchung gesetzmäfsiger Relationen in folgender 
Weise zu stellen: 

„Es sei die Krystallform einer chemischen Verbindung, 
von welcher sich zahlreiche Derivate ableiten, als gegebene 
Thatsache vorliegend (wobei der Versuch, diese selbst aus 
der chemischen Constitution der Verbindung herzuleiten, 
beim jetzigen Stand der Wissenschaft als ein durchaus 
verfrühter bezeichnet werden mufs); — welche Ände- 
rung erfährt diese gegebene Krystallform nun 
durch den Eintritt eines bestimmten, Wasser- 
stoff substituirenden, Atoms oder einer Atom- 
gruppe?" 



248 Gesammtsitzung 

Durch die Untersuchung einer Reihe von Derivaten derjenigen 
Grundverbindung, von welcher sich die Hälfte der organischen 
Körper, die aromatischen, ableiten, nämlich des Benzols, hat sich 
das Resultat ergeben, dafs es gewisse Atome und Atom- 
gruppen giebt, welche, für H in das Benzol und dessen 
Abkömmlinge eintretend, die Krystallform derselben 
nur in mäfsiger Weise alteriren, so dafs man im Stande 
ist, die Form des neuen Körpers noch mit der des ursprünglichen 
zu vergleichen. Die Änderung ist z. Th. derart, dafs z. B. bei 
rhombischen Substanzen das Verhältnifs zweier Axen, also die 
Gröfse der Winkel in der betreffenden Zone, dieselbe bleibt (mit 
den kleinen Unterschieden, wie sie isomorphe Körper zeigen), wäh- 
rend nur die dritte Axe durch den Eintritt eines neuen Stoffes in 
das Molecül eine erhebliche Änderung ihres Werthes erfährt. Zu 
den in dieser Weise wirkenden Atomgruppen gehören besonders 
das Hydroxyl HO, und die Nitrogruppe N0 2 . 

Die wichtigsten Beispiele werden das Gesagte erläutern 1 ): 
Das Benzol C 6 H 6 ist rhombisch 2 ) und krystallisirt in 
Pyramiden, welche sich auch der optischen Untersuchung als grad- 
rhombische erwiesen, von dem Axenverhältnifs : 
a : b : c = 0,891 : 1 : 0,799. 
1. Das erste Hydroxylderivat desselben, das Phenol, kry- 
stallographisch zu bestimmen, hat mir bisher noch nicht gelingen 
wollen. Die durch langsames Erstarren des geschmolzenen darge- 
stellten langen Nadeln sind so zusammengesetzt, dafs man sie nicht 
messen kann. Indefs zeigte sich bei deren optischer Untersuchung, 
dafs die Substanz, wie die vorige, rhombisch ist. 



1 ) Überall, wo kein Beobachter angegeben ist, rühren die Bestimmungen, 
deren Detail später in Poggend. Ann. mitgetheilt werden soll, vom Verfasser 
her. Bei den übrigen Substanzen war oft, um die Beziehungen deutlicher 
hervortreten zu lassen, eine andere Aufstellung der Krystalle zu nehmen, als 
sie der ursprüngliche Beobachter gewählt hatte. 

2 ) Die starke Kälte des vergangenen Winters gestattete die Herstellung 
gröfserer Räume von so niedriger Temperatur, dafs das bei +3° schmelzende 
B. nicht nur gut krystallisirt, sondern auch gemessen werden konnte. Die 
Messungen sind freilich nur sehr angenäherte, da die Substanz selbst bei 
einer Kälte von mehreren Graden unter noch so flüchtig ist, dafs die Flä- 
chen nach kurzem Verweilen des Krystalls auf dem Goniometer schon ganz 
uneben sind. 



vom 28. April 1870. 249 

2. Das Resorcin, d. i. Benzol, in welchem 2 Atome H 
durch HO vertreten sind, ist sehr wohl bestimmbar. Es ist eben- 
falls rhombisch (mit ausgezeichneter Hemimorphie); sein Axen- 
verhältnifs : 

a: b : c = 0,910 : 1 : 0,540, 
also a : b gleich dem Benzol (die Differenz ist nicht gröfser, als 
der mögliche Beobachtungsfehler bei diesem), die Axe c beträcht- 
lich geändert. 

Das zweite von den drei isomeren Bioxylderivaten des Ben- 
zols, welche sich nur durch die relative Stellung der Gruppen HO 
unterscheiden, das Brenzcatechin, ist ebenfalls rhombisch, 
aber bisher noch unvollständig bekannt, so dafs man z. Z. nicht 
bestimmen kann, welche Axe und wie stark sie geändert ist. Iso- 
morph mit dem vorigen ist es nicht, da der einzige bekannte Win- 
kel desselben an jenem nicht vorkommt. 

Das Hydrochinon endlich wird von Gerhardt als rhombisch 
angegeben, indefs ohne Messungen; ich erhielt anders, als gewöhn- 
lich, dargestellte Krystalle, welche rhomboedrisch waren; jedenfalls 
liegt hier Dimorphie vor, wofür auch noch der Umstand spricht, 
dafs das horizontale Prisma des Resorcins, mit dem die hypothe- 
tische rhombische Form des Hydrochinons ja in naher Beziehung 
stehen müfste, fast Winkel von 120° hat (dimorphe Körper haben 
gewöhnlich in gewissen Zonen sehr ähnliche Winkel). 

3. Für das eine Trioxylderivat, die Pyrogallus säure, 
liegen keine sichern Angaben vor. Hr. Rammeisberg vermuthet 
(Krystallogr. Chemie, p. 346), dafs die angeblich an Gallussäure 
angestellten Messungen Brooke's sich auf jenen Körper bezögen. 
Iu der That zeigen die gemessenen Winkel Ähnlichkeiten mit de- 
nen des Resorcins ; doch mufs die Bestimmung der Pyrogallussäure 
jedenfalls wiederholt werden. 

Der Eintritt von Hydroxyl scheint also die Kry- 
stalle dieser Substanzen nur in einer Richtung zu än- 
dern, mit Beibehaltung ihrer Form in den übrigen Rich- 
tungen und ihres Krystallsystems. 



Weit vollständiger, als die Wirkung des Hydroxyl, können 
wir die der Nitrogruppe N0 2 studiren. Zunächst bietet sich 
dafür die Reihe der nitrirten Phenole dar: 



250 Gesammtsitzung 

1. Das gewöhnliche Mono-Nitrophenol ist, wie ich op- 
tisch nachweisen konnte, rhombisch, wie das Phenol selbst; 
die Prismen desselben sind sehr genau zu messen, dagegen die 
Endflächen so unvollkommen ausgebildet, dafs der einzige Winkel, 
den ich bestimmen konnte, nur zu einem ganz unsichern Werth 
der Verticalaxe führt, indem die benutzte kleine Octaederfläche so 
gerundete Kanten hatte, dafs nicht sicher zu entscheiden war, ob 
sie auf das Prisma grade oder schief aufgesetzt sei. Es ist 

a : b : c = 0,873 : 1 : (0,60?) 
wobei ich mir die genauere Bestimmung des letztern Werthes vor- 
behalte, bis es gelungen, bessere Krystalle der Substanz zu be- 
schaffeu. 

2. Binitrophenol ist bereits von Laurent gemessen und 
von Hrn. v. Lang optisch untersucht worden. Dies hat: 

a : b : c = 0,933 : 1 : 0,753. 

3. Trinitrophenol nach Mitscherlich: 

a : b : c = 0,937 : 1 : 0,974. 
Man sieht hier also deutlich, dafs bei gleichbleibendem 
Krystallsystem und fast unverändertem Verhältnifs a:b, 
der Eintritt einer neuen N0 2 -Gruppe immer nur die 
dritte Axe, und zwar stets in demselben Sinne, än- 
dert, 1 ) 



c i) Es lie-t die Vermuthung nahe, dafs dies auch um gleich viel ge- 

schehe Unter dieser, allerdings noch sehr unsichern, Annahme, und unter 
der ebenso wenig bewiesenen, dafs das erste in das Phenol eintretende 
NO, dieselbe Änderung hervorbringen, - könnte man rückwärts das 
Axenverhältnifs des Phenols aus der Differenz von Di- und Trinitrophenol 
berechnen (beim Mononitrophenol ist c zu unvollkommen bestimmt, um in 
Betracht zu kommen). Unter denselben Annahmen könnte das Axenverhält- 
nifs des Phenols aufserdem das Mittel derjenigen von Benzol und Resorcin 
sein Die Berechnung auf beiden Wegen liefert genau dasselbe Verhältnifs 
für a • b für c aber einen gerade halb so grofsen Werth auf dem ersten 
Wege ' als auf dem zweiten (also rationaler Coefficient). Ferner zeigt diese 
hypothetische Krystallform des Phenols in einer Zone ganz gleiche Winkel 
mit der Isonitrophensäure , dem Isomeren des Nitrophenols , welches nach 
Hrn. v. Kokscharoff allerdings monoklinisch krystallisirt. Es ist schwer an- 



vom 28. April 1870. 251 

Das «-Chloranilin C 6 H 4 C1(NH 2 ) ist nach Hrn. DesCloi- 
seaux's Messung rhombisch mit dem Axenverhältnifs 

a : b : c = 0,804 : 1 : 0,935. 

Das entsprechende Nitrochloranilin C 6 H 3 (N0 2 )C1(NH 2 ) ge- 
hört demselben System an. Nach demselben Beobachter: 

a: b : c = 0,791 : 1 : 1,117. 

Also durch die Nitrogruppe eine Änderung, wieder nur in einer 
Richtung, und zwar in demselben Sinne, ja von nahe gleicher 
Gröfse, wie bei den nitrirten Phenolen. 



Das «-Nitrochlorbenzol (Chlorbenzol selbst ist flüssig) ist 
rhombisch, aber nur unvollständig bekannt-; zwei seiner Axcn 
verhalten sich wie 1 : 0,515 (nach Hrn. Jungfleisch). 

Vom Binitrochlorbenzol hat Hr. Jungfleisch (Ann. chim. 
phys. [4], 15. Bd.) zwei isomere Modifikationen dargestellt, welche 
Hr. Des Cloiseaux krystallographisch untersucht hat. Nach die- 
sem sind sie beide ebenfalls rhombisch, wie der erste Körper, 
und haben die Dimensionen: 

«-Chlorbinitrobenzol: a : b : c = 0,809 : 1 : 0,713 , 
& - » » „ V „ == 0,835 : 1 : 0,387 . 

Diese beiden Isomeren deriviren krystallographisch vielleicht 
derart von Nitro chlorbenzol, dafs eines der beiden unbekann- 
ten Axenverhältnisse desselben nahe ungeändert blieb, die dritte 
Axe dagegen variirte, und zwar verschieden, je nach der relativen 
Stellung der Nitrogruppen. 



Auch zwischen Bichlorbenzol (Des Cloiseaux) und Nitro- 
bichlorbenzol (Jungfleisch) zeigen sich in gewissen Zonen Win- 
kelähnlichkeiten; doch ist letzteres unvollständig bekannt. 



zunehmen, dafs dies Alles auf Zufall beruhe; doch rnufs erst eine genaue 
Bestimmung des Phenols selbst die Frage entscheiden. Der Einflufs der re- 
lativen Stellung der Gruppen N0 2 und HO bei den nitrirten Phenolen kann 
wegen deren unvollkommener Kenntnifs ebenfalls noch nicht beurtheilt 
werden. 



252 Gesammtsitzung 

Alle Beispiele zeigen also übereinstimmend, dafs der Ein- 
tritt von NO, die Krystallform nur in einer Rieh tung 
wesentlich ändert. 



Eine weit energischere Wirkung übt die Substitution durch 
Chlor, Brom u. s. w. aus, welche regelmässig zugleich eine Än- 
derung des Systems in ein weniger reguläres nach sich 
zieht. Trotzdem bleiben auch dann noch die Winkel einer 
Zone den entsprechenden an der unveränderten Sub- 
stanz nahe gleich. 

Die Chlorsubstitutionsreihe des Benzols ist nur unvollständig 

bekannt: 

1. Das Benzol selbst leitet sich von einem rhombischen 

Prisma von circa 96^° ab. 

2. Das Bichlorbenzol (und Bibrombenzol, welches da- 
mit isomorph ist) ist monoklinisch geworden; sein Prisma ist 
aber 98° 40' (n. Des Clois.). 

3. Das Tetrachlorbenzol hat dasselbe System und ein 
Prisma von 96° 17' (Des Clois.), also beide dem des Benzols sehr 
ähnlich. 

Das Tri- und Pentachlorphenol haben nach Laurents 
Messungen ein gleiches Prisma von 110°; die übrigen Dimensio 
nen sind unbekannt. 

Das Binitrophenol ist, wie wir oben sahen, rhombisch; 
eine prismatische Zone desselben hat die Winkel 106° 0' und 74° 0'. 

Tritt ein Atom Brom für Wasserstoff ein, so wird es mo- 
noklinisch, aber mit einem Prisma von 106° 30' und 73° 30'. 

Chlornitrobenzol zeigt mit Bichlornitrobenzol und 
dieses wieder mit Trichlornitrobenzol ebenfalls je in einer 
Zone ähnliche Winkel, doch sind diese Körper z. Z. noch unvoll- 
ständig untersucht (von Hrn. Jungfleisch). 



vom 28. April 1870. 253 

Wir sehen also in allen sicher bestimmten Fällen durch den 
Eintritt eines Cl(Br)- Atoms das Krystallsystem sich ändern, we- 
niger regelmäfsig werden. Dagegen scheint der Eintritt eines drit- 
ten Cl- Atoms wieder eine mehr symmetrische Structur des Mole- 
cüls herzustellen; dafür spricht wenigstens das nach Hrn. Jung- 
fleisch wahrscheinlich rhombische Trichlorbenzol, ebenso das 
rhombische Trichlorphenol und Perchlorbenzol. 



Eine in ähnlicher Weise starke, aber auch vorwiegend einsei- 
tige Änderung der Krystallform bedingt endlich auch der Eintritt 
von CH 3 , wenigstens weist darauf folgendes Verhältnifs hin: 

Monochloranilin: rhombisches Prisma von 93° 52', 
Monochlortoluidin: monoklin. Prisma von 94° 52'. 



Nach der wohl ziemlich allgemein adoptirten Ansicht von 
Hrn. Erlenmeyer hat das Naphtalin mit dem Benzol ana- 
loge Molecularstructur; dasselbe ist monoklinisch mit dem Axen- 
verhältnifs : 

a : b : c = 1,395 : 1 : 1,428 
y = 56° 31'. 

Der Eintritt von HO bedingt hier ebenso, wie beim 
Benzol, keine Systemänderung, sondern nur eine vor- 
wiegende Variation der einen Axe. Die beiden isomeren 
Naphthole haben die Dimensionen: 

«-Naphthol: a : b : c = 1,475 : 1 : 1,802. — y = 62° 40'. 
0- ' „ = 1,369: 1 : ? — „ = 60° 8'. 

Die verticalen Prismen beider (von dem Verhältnifs a : b ab- 
hängig) sind denen des Naphtalins sehr nahe gleich. Daraus er- 
scheint es wahrscheinlich, dafs das weitere Studium der Naphta- 
[1870] 18 



254 Gesammtsitzung 

linde rivate ebenfalls interessante Beziehungen zwischen deren 
Krystallformen ergeben werde. 



Die analoge Molecularstructur des Benzols, Naphtalins 
und Anthracens (vgl. Grabe und Liebermann, Ann. d. Cbem. u. 
Pharm. 1870) zeigt sich auch in einer grofsen Ähnlichkeit ihrer 
Krystallformen. Obgleich verschiedenen Systemen angehörig, zei- 
gen sie doch alle das gleiche verticale Prisma: 

Benzol: Rhombisches Prisma von 96^°; 

Naphtalin: Monoklin. Prisma von 98° 40'; 

Anthracen 1 ): do. do. „ 99° V. 



Was nun die oben zusammengestellten Beispiele für die Än- 
derung der Krystallformen durch den Eintritt gewisser Atomgrup- 
pen betrifft, so mufs es zwar weiteren Untersuchungen vorbehalten 
bleiben, die Zahlengesetze für diese Änderungen aufzufinden; —- 
aber auch die noch unvollständig vorliegenden Thatsachen bewei- 
sen bereits die Eingangs ausgesprochene Behauptung, dafs es Atome 
und Atomgruppen gäbe, welche durch ihre Substitution für Was- 
serstoff die Krystallform eines Körpers nur in gewisser Richtung 
ändern. Es ward vielleicht geeignet sein, die in Rede stehende Er- 
scheinung immer mit einem einzigen Worte bezeichnen zu können, 
und die gesetzmäfsige Änderung einer Krystallform 
durch den, Wasserstoff substituirenden, Eintritteines 
neuen Atoms oder einer Atomgruppe etwa mit dem Namen 
„Morphotropie" zu belegen. 

Es würden dann z. B. unter den oben angeführten Fällen das 
Mono-, Bi- und Trinitrophenol zu einander im Verhältnifs der 
Morphotropie stehen, „eine morphotropische Reihe" bilden. 
Man würde dann von der „morphotropischen Kraft* eines 
Elementes oder einer Atomgruppe in Bezug auf eine Verbindung 



i) =Photen von Hrn. Fritzsche, von Hrn. v. Kokscharoff und mir 
gemessen. 



vom 28. April 1870. 255 

zu sprechen haben. So würde z. B. die morphotropische Kraft des 
Hydroxyls und der Nitrogruppe in Bezug auf Benzol, Phenol u. s. w. 
als eine sehr mäfsige bezeichnet werden müssen, welche nur eine 
Axe um einen bestimmten Werth ändert, ohne das Krystallsystem 
zu alteriren. Dagegen wäre die morphotropische Kraft des Chlors 
u. s. w. eine weit intensivere (vgl. oben). Es läfst sich theoretisch 
leicht voraussehen, von welchen Umständen der Betrag der mor- 
photropischen Kraftäufserung abhängen mufs: 

1. Von der specißschen morphotropischen Kraft des substituiren- 
den Atoms oder der Atomgruppe. 

2. Von der chemischen Natur derjenigen Verbindung, in wel- 
cher die Substitution vor sich geht. Die Gruppe CH 3 z. B. än- 
dert nicht jede Verbindung in gleicher Weise, daher sind homo- 
loge Körper einander in ihren Kry stallformen theils mehr, theils 
weniger nahe stehend. Die zwischen solchen bestehenden entfern- 
teren Beziehungen, welche Laurent als „Isomorphie in verschie- 
denen Systemen" auffafste, Hr. Hjordahl (J. f. pract. Chem., 
94. Bd.) noch weiter ausführte und „partiellen Isomorphismus" 
nannte, lassen sich jedenfalls alle durch Morphotropie erklären. 

3. Von dem Krystallsystem der zu verändernden Verbindung. 
Es liegt auf der Hand, dafs eine viel gröfsere formändernde Kraft 
dazu gehört, einen regulären Krystall zu alteriren, als einen der 
andern Systeme, weil bei jenem eine blofse Änderung der Win- 
kel, ohne einen vollständigen Weehsel des Krystallsystems, un- 
möglich ist. 

4. Von der relativen Stellung der neu eintretenden Gruppe zu 
den andern Atomen des Molecüls. Aus einem oben angeführten 
Beispiele scheint hervorzugehen, dafs der Eintritt derselben Gruppe 
an verschiedenen Stellen des Molecüls dieselbe Axe, aber in ver- 
schiedener Weise ändert. Von der gröfsten Wichtigkeit für die 
Beantwortung dieser Frage würde die Vervollständigung der kry- 
stallographischen Kenntnifs der beiden Isomeren des Resorcin, 
nämlich des Brenzcatechin und Hydrochinon, sein, welche ich da- 
her ausführen werde, sobald es mir gelingt, die betreffenden Sub- 
stanzen in geeignetem Zustande zu erhalten. 

Als sicher ist indefs wohl anzunehmen, dafs die Kry stall- 
formen isomerer Körper stets verschieden sind, und zwar 

18* 



25G Gesammtsitzung 

um so mehr, je gröfser ihre chemische Verschiedenheit durch die 
Art ihrer Isomerie ist. 



Wenn gewisse Atomgruppen, wie HO und N0 2 , nur solche 
Änderungen hervorbringen, dafs die neuen Formen noch mit den 
frühern vergleichbar sind, so entsteht die Frage, ob es nicht auch 
unter den Metallen solche mit geringer morphotropischer Kraft 
giebt. Dann müfste eine (Hhaltige) Säure mit dem Salze, welches 
das betreffende Metall für H enthält, im Verhältnifs der Morpho- 
tropie stehen. Dies ist in der That der Fall; doch ist die Zahl 
der, zur Aufsuchung solcher Beziehungen benutzbaren, krystallo 
graphisch untersuchten Säuren und Salze eine sehr geringe, weil 
man nur diejenigsn in Betracht ziehen kann, bei welchen Säure, 
wie Salz wasserfrei krystallisiren. 1 ) 

Es liegen aus der Gruppe der aromatischen Säuren zwei Bei- 
spiele vor: 

1. Die Form der Pikrinsäure (Trinitrophenol) wird 
durch den Eintritt eines Kalium-Atoms für H nur in einer 
Richtung geändert. Es ist: 

a : b : c 
Pikrinsäure: C 6 H 2 (N0 2 ) 3 .OH: Rhombisch: = 0,937 : 1 : 0,974, 
Pikrins.Kal.: C 6 H 2 (N0 2 ) 3 .OKa: „ „ = 0,942 : 1 : 1,352. 

Ammonium bringt hier dieselbe Änderung hervor, d.h. das 
Ammoniumsalz ist dem Kaliumsalz isomorph. 

2. Ähnlich verhalten sich zu einander Phtalsäure (nach 
Hrn. Scheibler) und saures phtals. Ammonium (letzteres 
nicht sehr genau von Gerhardt gemessen): 

a : b : c 
Phtalsäure: C 6 H 4 (COOH) (COOH): Rhombisch: 0,355 : 1 : 1,363, 

Phtals. Am- irn ' ^ oc ._ 

monium: C 6 H 4 (COOH)(COOAm): „ „ 0,453 : 1 : 1,327. 



!) Man kennt noch nicht die Rolle, welche in Verbindung mit anderen 
Körpern das Wasser in krystallographischer Hinsicht spielt. Dies ist ein 
specieller Fall der allgemeinen Frage nach dem Zusammenhang der Krystall- 
form einer molecularen Verbindung mit den Formen der beiden Be- 
standteile, einer Frage, auf welche ich in einer spätem Mittheilung zurück- 
zukommen hoffe. 



vom 28. April 1870. 257 

Kalium und Ammonium haben also eine morphotropische 
Kraft in Bezug auf die Pikrin- und die Phtalsäure, welche sich 
mit der von HO und N0 2 vergleichen läfst. Da sie fast in allen 
Verbindungen isomorph sind, so mufs man ihnen eine nahe gleiche 
specifische morphotropische Kraft zuschreiben. Ob deren Äufse- 
rung allgemein eine ähnliche ist, wie in obigen Fällen, mufs vor- 
läufig dahingestellt bleiben. Dafs diese Beziehungen jedoch über 
den Kreis der hier besprochenen Verbindungen hinaus verfolgt zu 
werden verdienen, darauf deutet ein Beispiel hin, dessen Kenntnifs 
wir Hrn. Rammeisberg verdanken (Berichte d. d. ehem. Ges. 
1870): 

Die beiden Salze 

HTl 3 P0 4 +aq 
und H 2 NaP0 4 +aq 

zeigen eine bemerkenswerthe Ähnlichkeit ihrer Form ; dem zweiten 
ist sicher isomorph das entsprechende Thalliumsalz; wir hätten 
also zu vergleichen, wobei R das Alkalimetall bedeutet: 

H 2 RP0 4 4-aq und HR 2 P0 4 -}-aq. 

Die Axenverhältnisse sind für den angegebenen Fall: 

1) H 2 RP0 4 4-aq: Rhombisch: a:b:c = 0,934: 1 : 0,657. 

2) HR 2 P0 4 4-aq: „ „ „ „ = 0,931 : 1 : 0/782. 

Also eine Morphotropie durch den Eintritt eines zweiten R- 
Atoms, in ganz derselben Weise, wie oben beim Kalium (Hr. Ram- 
melsberg, s. a. a. O., war, um die beiden Salze in das Gewand 
der Isomorphie zu kleiden, zu der Annahme gezwungen, die 
Hauptaxe c der einen Substanz müsse mit dem Coefficient £ auf 
die der andern bezogen werden). — Ebenso verhalten sich zu ein- 
ander die beiden monoklinen Salze: 

H 2 T1P0 4 : a:b:c == 3,175: 1: 1,458. y = 88° 16'. 
HAm 2 P0 4 : „ „ = 3,043 : 1 : 1,198. „ = 88° 0'. 

Hier ist also ebenfalls nur die Axe c durch die Substitution eines 
H durch ein Alkalimetall-Atom verändert worden. 



Hier bietet sich also, besonders mit Rücksicht auf die Bezie- 
hungen zwischen Isomorphie und Morphotropie, der weitern For- 



258 Gesammtsltzang vom 28. April 187 ü. 

schung ein weites und ergiebiges Feld dar, auf welches in dieser 
ersten Mittheilung über den Gegenstand nur hingewiesen werden 
konnte. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
R. G. Stillfried, Beschreibung und Geschichte der Burg Hohenzollem. 

Berlin 1370. 8. 

Abhandlungen herausgegeben vom naturioissenschaftlichen Verein zu Bremen. 
2. Bd. 2. Heft. Bremen 1870. 8. 

Zeitschrift der Deutschen geologischen Gesellschaft. 22. Bd. 1. Heft. Ber- 
lin 1870. 8. 

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt. Jahrg. 1870. 20. Bd. 

Jan.— März. Wien 1870. 8. 
Verhandlungen der k. k. geologischen Reichs an st alt. Jan. 1870. Wien 

1870. 8. 
Bericht des naturwissenschaftlichen Vereins in Pesth. Pest 1869. 4. 
Archivio per la zoologia. Vol. II, 1. Torino 1870. 8. 
Dumast, De la sericulture. Nancy 1870. 8. 
Schuchardt, Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen. 

Gotha 1870. 8. 



In Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung sind neuerdings 
folgende akademische Abhandlungen aus dem Jahrgang 1869 er- 
schienen : 

Ehrenberg, Über mächtige Gebirgsschichten vorherrschend ans mikroskopi- 
schen Bacillarien unter und bei der Stadt Mexiko. 

Preis: 1 Thlr. 15 Sgr. 
Lepsius, Über den chronologischen Werth der Assyrischen Eponymen und 
einige Berührungspunkte mit der Aegytischen Chronologie. 

Preis: 15 Sgr. 
Roth, Beiträge zur Petrographie der plutonischen Gesteine. 

Preis: 3 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf. 
Magnus, Über Emission, Absorption und Reflexion der bei niederer Tem- 
peratur ausgestrahlten Wärmearten. 

Preis: 15 Sgr. 
Büschmann, Grammatik der sonorischen Sprachen: vorzüglich der Tarahu- 
mara, Tepeguana, Cora und Cahita; als IX. Abschnitt der 
Spuren der aztekischen Sprache. 2. Ahth. der Artikel, das 
Substantivum und Adjectivum. 

Preis: 3 Thlr. 15 Sgr. 
Roth, Über den Serpentin. 

Preis: 14 Sgr. 
Hagen, Über die Bewegung des Wassers in cylindrischen, nahe horizonta- 
len Leitungen, und über die Bewegung des Wassers in vertikal 
abwärts gerichteten Röhren. 

Preis: 12 Sgr. 



Zur Nachricht. 

In den Abhandlungen der Akademie sind in den Jahrgängen 1852, 

1853, 1862, 1864 keine Mathematischen Klassen enthalten. 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
Mai 1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr du Bois-Reymond. 



5. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Ehrenberg gab ausführliche Mittheilungen über die 
wachsende Kenntnifs des unsichtbaren Lebens als fels- 
bildende Bacillarien in Californien, von denen folgender 
Auszug hier mitgetheilt wird. 

Da noch immer bis heut auch die ungebundensten Natur- 
anschauungen, dem Leben einen materiellen Anfang zuzuschreiben, 
ohne Beweis im Bereiche der Speculation geblieben sind, so scheint 
es wohl bemerkenswert]!, dafs sich die Verbreitung der Lebensthä- 
tigkeit in den, den gewöhnlichen Sinnen des Menschen unzugäng- 
lichen, dem kleinsten Räume zugewandten Verhältnissen auffallend 
erweitert. Es war zuerst das Kalkelement, das 1838 jenseits der Gren- 
zen des natürlichen Sehorgans, als des schärfsten Sinnes, am ergie- 
bigsten verfolgt werden konnte. Diesen Polythalamien-Kalk Soldani's, 
nach D'Orbigny öfter Foraminiferen-Kalk genannt, sehr verschie- 
den von den mit blofsem Auge erkennbaren früheren Auffassungen, 
welche ausführlicher 1838 in den Abhandlungen der Akademie in 
Übersicht gebracht worden und deren felsbildende Formen unter 
dem Namen der Nautili und Miliolae bewundert worden sind, hat 
die weiter fortgesetzte mikroskopische Forschung zu noch wirksa- 
meren Lebensverhältnissen seitdem verfolgt. Nicht nur Hunderte 
oder Tausende von Lebensformen sind in jedem Kubikzoll der 
kreideartigen Massen nachgewiesen worden, sondern die neuere 
[1870] 19 



260 Gesammtsitzung 

Beobachtungsmethode hat damals schon Hunderttausende und oft 
noch weit mehr solcher unsichtbarer Lebensbestandtheile bis zur 
Hälfte der Masse zur Kenntnifs gebracht. 

Gleichzeitig mit diesen Erkenntnissen hat sich seit 183G auch 
das Kieselelement durch das Mikroskop erschliefsen lassen und 
wenn diese Erkenntnisse bisher sich mehr in lokalen, wenig aus- 
gebreiteten Oberflächenverhältnissen darstellbar machen liefsen, so 
trat schon im vorigen Jahre ein so weit ausgebreitetes Wirken die- 
ses Lebens in Mexiko hervor, dafs es die früheren weit übertraf. 
Noch weit gröfsere Verbreitung hat in jüngster Zeit dieses unsicht- 
bare und doch hohe Felsen bildende Leben in Califormen erken- 
nen lassen, worüber ich heute der Akademie einige Mittheilungen 

zu machen gedenke. 

Die am Schlufse des für die Abhandlungen der Akademie be- 
stimmten Vortrages zusammengestellten Ergebnisse sind hauptsäch- 
lich folgende: „ , ' , , ■,. -d 

1 Die in den Jahren 1845, 1849 und 1853 ^ durch die Be- 
mühungen amerikanischer Gelehrter meiner Analyse zugeführten 
Gebirgsproben aus Kieselschalen von Bacillarien sind durch fort- 
gesetzte Nachforschungen bei Gelegenheit der grofsen Eisenbahn- 
arbeiten vom Mississippi bis zum Stillen Ocean in noch weit 
gröfsere Massenverhältnisse eingetreten, so dafs m mehreren Tau- 
send (engl.) Quadratmeilen Ausdehnung vielfache Wiederholungen 
solcher Bänke aufser Zweifel gestellt sind, deren Mächtigkeit sogar 
bis 1000 Fufs beträgt. Sie haben meist die Farbe des weifsen 

Pfeifenthons. 

2 Die organischen Formen der hier vorgelegten Analysen 
aus fünf neuen Örtlichkeiten, welche sämmtlich im Hochlande von 
Californien in 4200-6000 Fufs Erhebung vorkommen, gehören m 
Übereinstimmung mit den drei früher publicirten Analysen aus 
Oregon und der californischen Küste schon bekannten Gestaltun- 
gen also keiner neuen Klasse noch Familie des Organischen an. 

3 Es ist bemerkenswerth, dafs die californischen grofsen Ab- 
lagerungen dieser Art mit den von Mexiko angezeigten mannigfach 
übereinstimmen und mit diesen zusammen so bedeutende Ober- 
flächenverhältnisse gleichartig erscheinen lassen. 

i) In dem Monatsbericht vom Februar d. J. ist irrthümlich das Jahr 
1843 anstatt 1853 angegeben. 



vom 5. Mai 1870. 261 

4. Ein wesentlicher Unterschied der californischen Bacillarien- 
bänke von den mexikanischen hat sich darin begründen lassen, dafs 
während in Mexiko die mikroskopischen Elemente solcher Biolithe 
sich in zwei grofse Massenverhältnisse reiner Süfswasserbildung im 
Hochlande scheiden, in Polygastern- Biolithe und Phytolitharien- 
Biolithe, mit entschiedenem Ausschlufs von Meeresformen, die cali- 
fornischen grofsen Felsbildungen nur in einer Lokalität am Fallriver 
den reinen Süfswasser-Character, jetzt auch hier zweifelhaft, gezeigt 
haben, und in Californien an den Küsten Meeresgebilde in den 
Biolithen überwiegen, auch im Hochlande dergleichen überall den 
Süfswasserbildungen vereinzelt eingestreut sind. 

5- In Californien ist eine Bedeckung dieser Biolithschichten 
durch vulkanische Tuffe, Geröll, Sandstein, auch sehr häufig durch 
Basalt angezeigt, zuweilen in einer Mächtigkeit von 100 Fufs und 
mehr und über grofse Wüstenflächen sich verbreitend. 

6. Aus den bisher analysirten Proben ergiebt sich kein Ein- 
flufs vulkanischer Hitze auf die wohlerhaltenen Kieselschalen oder 
deren Bruchtheile. Ebensowenig haben aber organische Erfüllun- 
gen derselben ihre fortdauernde Lebensfähigkeit bekundet. Es sind 
überall abgestorbene fossile Verhältnisse. 

7. Besonders im Nevada-Distrikt sind die Zahlenverhältnisse 
der californischen Bacillarien -Massen denen von Bilin in Böhmen 
vergleichbar, da sie sich ebenfalls auf rundliche Gallionellen be- 
ziehen, obschon eine reichliche Zwischenmasse, anscheinend von 
Kieselmark, dabei erkennbar ist. 

8. Da das schwach bläuliche oder farblose Wasser in seiner 
Verbindung mit Luft als schneeweifser Schaum erscheint, so mö- 
gen auch diese an sich durchsichtigen und farblosen Bacillarien- 
Schalen durch ihr zelliges Gefüge und ihre Zwischenräume die 
weifse Farbe als reflectirtes Licht bedingen. 

9. Die Reinheit der thonartig weifsen mächtigen Schichten 
von allen vulkanischen Bestandteilen läfst schliefsen, dafs in der 
Bildungszeit jener bis 500 und 1000 Fufs hohen Lager vulkanische 
Eruptionen und Projectile gar nicht stattgefunden haben, vielmehr 
eine ruhige Fortbildung entweder unter Wasser oder unter einer 
festen Bedeckung anzunehmen sei. Wären die jetzt auf diesen 
Schichten lagernden vulkanischen Eruptivstoffe auf die unbeschützte 
nur vom Wasser bedeckte feine Biolithmasse aufgeworfen worden 
so würden sie nothwendig in dieselbe haben eindringen und sich 

19* 



2ß2 Gesammtsitzung 

mit ihr vermischen müssen. Es scheint hieraus der Schlufs be- 
rechtigt zu sein, dafs die Auflagerung der Projectilen nur erst nach 
Ablauf des Wassers und Abtrocknung der Biolithe stattgefunden 
haben könne. Ebenso ist die Abschwemmung dieser Massen ans 
den Obern Seegründen in tiefer liegende Bassins, sowie jede tumul- 
tuarische Bewegung von dabei stets unreinen Gewässern deshalb 
nicht denkbar, weil solche Trübungselemente vorherrschend fehlen. 
So scheinen denn, wie in Mexiko, auch hier ruhige Ablagerungen 
die überwiegende Reinheit der Biolithe zu bedingen. 

10 Die Mischung von Spongolithen und Meeresformen in 
den californischen Bacillarien-Biolithen erlaubt nicht an jene Vor- 
stellung der Entwicklung unter Haideboden zu denken, die ich bei 
Gelegenheit der Lüneburger-Lager in Ebsdorf «nd Oberohe 1847 m 
Betracht gezogen habe, da beide genannte Formen zu zahlreich sich 
finden Auch ist die Vorstellung, dafs die beigemischten Meeres- 
formen ans einer vorweltlichen fossilen Ablagerung zufälhg be.ge- 
mischt seien, deshalb nicht annehmbar, weil dieselben so vereinzelt, 
stetig und in geringer Variation beigemischt sind. 

11 Die an der californischen Küste vorhandenen wirklichen 
Meeresablagerungen zeigen einen „.abgebenden und ganz verschie- 
denen Character des dortigen Meeres. Dieser Character .st auch 
von ansehnlichem Gewicht den neueren Vorstellungen gegenüber, 
als sei der Meeresgrund einer Fortsetzung der Kreideb.ldung ^ver- 
gleichbar, welche von Forbes ausgesprochene Ansicht seit 1854 da- 
hin abgeändert ist, dafs der jetzige Meeresgrund überall nicht der 
polygasternlosen Kreide, sondern den mit Polygastern und Poly- 
cvstinen erfüllten neueren (sicilianischen) Mergeln anzureihen ist 

12. In Californien giebt es wie in Mexiko re.ne K.eselb.ol.the 
von Bacillarien und mergelartige durch Beimischung ™n kohlen- 
saurem Kalk. In beiden Hochländern ist der die Mergel b.ldende 
kohlensaure Kalk ohne alle Spur von Meeresgebilden, ohne Poly- 
thalamien, aber durch Cypriden-Schalen characterisirt, deren Mas- 
sen durch sehr zahlreiche Fragmente bezeichnet sind, wtoad em 
formloser feiner Kalkmulm nur die weitere Auflösung solcher Mas- 
sen zu erkennen geben mag, wenn er nicht ans dem ernst kalkhal- 
tigeren Wasser bei Abkühlung sich abgesetzt hat. _ 

13 Die Zahl der mit den jetztlebenden übereinst.mmenden 
Formen des Hochlandes beträgt von den bis jetzt in Cahforn.en 
ermittelten über 230 Arten 121, so dafs c. 112 Formen nbr.g ble.- 



vom 5. Mai 1870. 263 

ben, von denen jedoch nur etwa 52 neue Arten characteristisch 
sind. 

14. Die hauptsächliche Massenentwicklung scheint, wegen des 
Mangels sehr kleiner, gleichartiger, die halbe Gröfse der Gröfsten 
nicht erreichenden Formen nicht durch Keimbildung, sondern durch 
Selbsttheilung erfolgt zu sein. 

15. Da die Mächtigkeit der californischen Lager beobachtungs- 
gemäfs in den vulkanisch thätigen Gegenden am gröfsten sein soll, 
so dürfte die Bodenerwärmung und der gröfsere Kieselgehalt war- 
mer Gewässer zu den Bedingungen dieser Erscheinungen allerdings 
auch nach Professor Whitney's Auffassung so annehmbar sein, wie 
die auf der Insel Ischia 1858 gewonnenen Erfahrungen mit denen 
aus Malka in Kamtschatka 1843 bereits direkt angezeigt haben, 
wozu auch die 1840 von Carl Ritter mitgebrachten heifsen Quell- 
absätze von der Insel Neo-Kaimene bei Santorin gehören. 1 ) 

16. Kargheit an Kieseltheilen von Gräsern und Mangel an 
bituminösen Erscheinungen characterisiren die californischen Hoch- 
lands-Ablagerungen im Gegensatz zu den mexikanischen und deu- 
ten darauf hin, dafs seit der Bildungsperiode dieser biolithischen 
Massen die Oberflächen Californiens stets wie jetzt sehr vegeta- 
tionsarm gewesen sind. Wenn dagegen die Meeresbiolithe der 
Küste nach Whitney viel bituminöse, industriell zu verwerthende 
Einschlüsse ergeben haben, so geht daraus hervor, dafs jene Küsten- 
striche seit alter Zeit irgendwie vegetationsreich waren, während 
das Hochland stets Wüste war. 

17. Einer der Hauptgegenstände dieses Vortrags betrifft die 
Wichtigkeit und jetzt schon vorhandene Möglichkeit, durch photo- 
graphische Darstellung zweckmäfsiger Vergröfserungen diesen, jen- 
seits der natürlichen Sinneskraft liegenden Gegenstand von indivi- 
duellen Vorstellungen ganz abzulösen und objectiv zu machen, wo- 
durch die Photographie ihre Wichtigkeit für mikroskopische Zwecke 
und bei gehöriger Vorsicht grofsen Werth erlangt. 

So treten denn immer neue grofse Gebirgsmassen verschiede- 
ner Stoffelemente als Überreste nicht der Zerstörung, sondern 
eines ehemaligen unsichtbar wirkenden organischen Lebens in die 
Erscheinung. Wer möchte nicht fragen, wie tief und weit diese, 



') Monatsberichte 1840 p. 206. 



264 Gesammtsitzung vom 5. Mai 1870. 

auch den schärfsten menschlichen Sinnen entzogenen Lebenskräfte 
und Lebenswirkungen reichen und sich den ferneren Nachforschun- 
gen erschliefsen mögen. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt : 

Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der preufs. Bheinlande ?/. West- 
falens. 26. Jahrg. Bonn 1869. 8. 
Joseph Hyrtl, Die Bulbi der Plazentar- Arterien. Wien 1870. 4. 
— , Die Blutgefäfse der menschlichen Nachgeburt. Wien 1870. 4. Mit 

Begleitschreiben des Verf. v. 29. April 1870. 
Berichte über die Verhandlungen d. K. Sachs. Gesellsch. der Wissenschaften 

zu Leipzig. Mathe m.- Physik. Klasse. 1867. III. IV. 1868. I. II. III. 

1869. I. Leipzig. 4 Hefte 8. 
Abhandlungen. 14. Bd. Leipzig 1869. 8. 
Preisschriften, gekrönt und herausgegeben von der Fürstl. Jablonowski' 'sehen 

Gesellschaft in Leipzig. Leipzig 1870. 8. (Mit 1 Mappe, enthaltend 

15 Tafeln.) 
Sitzungsberichte der k. bayr. Akad. d. Wissenseh. zu München. 1870. I. 

1. Heft. München 1870. 8. 
Proceedings of the London Mathematical Society. Vol. IL London 1869. 8. 
Oversigt over det Kongl. Danske Videnskabernes Selskabs Forhandlinger. 

1868, 1870. no. 1. 
Silliman, Journal of science. no. 145. New Haven 1870. 8. 



9, Mai. Sitzung der philosophisch- historischen 
Klasse. 

Hr. Rödiger sprach über einige zum Theil fragmen- 
tarische phönikische Inschriften aus Cypern. 

Die Insel Cypern hat sich nächst dem karthagischen Gebiet 
bisher als der reichste Fundort phönikischer Inschriften erwiesen. 
Die Ausgrabungen haben in den letzten Jahren wieder eine grofse 



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264 Gesammtsitzung vom 5. Mai 1870. 

auch den schärfsten menschlichen Sinnen entzogenen Lebenskräfte 
und Lebenswirkungen reichen und sich den ferneren Nachforschun- 
gen erschliefsen mögen. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt: 

Verhandlungen des naturhistorischen Vereins der prenfa. Bheinlande u. West- 
falens. 26. Jahrg. Bonn 1869. 8. 
Joseph Hyrtl, Die Bulbi der Plazentar- Arterien. Wien 1870. 4. 
— , Die Blutgefäße der menschlichen Nachgeburt. Wien 1870. 4. Mit 

Begleitschreiben des Verf. v. 29. April 1870. 
Berichte über die Verhandlungen d. K. Sachs. Gesellseh. der Wissenschaften 

zu Leipzig. Mathem.-Physik. Klasse. 1867. III. IV. 1868. I. II. III. 

1869. I. Leipzig. 4 Hefte 8. 
Abhandlungen. 14. Bd. Leipzig 1869. 8. 
Preisschriften, gekrönt und herausgegeben von der Fürstl. Jablonowsla sehen 

Gesellschaft in Leipzig. Leipzig 1870. 8. (Mit 1 Mappe, enthaltend 

15 Tafeln.) 
Sitzungsberichte der k. bayr. Akad. d. Wissenseh. zu München. 1870. I. 

1. Heft. München 1870. 8. 
Proceedings of the London Mathematical Society. Vol. IL London 1869. 8. 
Oversigt over det Kongl. Danske Videnskabernes Selskabs Forhandlinger. 

1868, 1870. no. 1. 
Silliman, Journal of science. no. 145. New Haven 1870. 8. 



9* Mai. Sitzung der philosophisch-historischen 
Klasse. 

Hr. Rödiger sprach über einige zum Theil fragmen- 
tarische phönikische Inschriften aus Cypern. 

Die Insel Cypern hat sich nächst dem karthagischen Gebiet 
bisher als der reichste Fundort phönikischer Inschriften erwiesen. 
Die Ausgrabungen haben in den letzten Jahren wieder eine grofse 



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Sitzung der pJiilosoph.-histor. Klasse vom 9. Mai 1870. 265 

Ausdehnung gewonnen und eine beträchtliche Menge von Alterthü- 
mern, phönikische, griechische und einheimisch-cypriotische zu Tage 
gefördert, darunter auch eine gute Anzahl phönikischer Inschriften. 
Die ersten in Europa bekannt gewordenen cyprischen Inschriften 
sind die, welche Richard Pococke im J. 1738 an Ort und 
Stelle copirte und im 2. Bande seiner Reisebeschreibung (Descrip- 
tion of the East. London 1745) publicirte. Bald darauf sah ein 
englischer Arzt Namens Porter die Steine wieder, nahm bessere 
Copien davon und brachte Einen derselben, Nr. 2 bei Poe, nach 
England, der seitdem in Oxford in der Bodlejana aufbewahrt wird. 
Spätere Reisende haben vergebens nach den übrigen Steinen ge- 
sucht, namentlich auch Carsten Niebuhr (s. Deutsches Museum, 
April 1787, S. 300 ff. und den von Olshausen im J. 1838 edir- 
ten 3. Band von Niebuhr's Reisen S. 23). Schliefslich brachte 
man in Erfahrung, dafs ein türkischer Gouverneur schon im J. 
1749 jene Steine zum Bau einer Wasserleitung verwendete, und 
zwar sollen sie zu Kalk verbrannt worden sein. S. Gesenius, 
scripturae linguaeque Phoeniciae monumenta, p. 123. Schröder, 
die phöniz. Sprache, Halle 1869, S. 48. 

Unter den 33 Inschriften Pococke's, welche alle zu den 
Ruinen des alten Kition gehörten, sind aber zwei, Nr. 9 und 19, 
gar nicht phönikisch, sondern armenisch. Ich habe zuerst darauf 
aufmerksam gemacht (in einer Anzeige des erwähnten 3. Bandes 
der Niebuhr'schen Reise) in den Halle'schen Jahrbüchern 1838, 
Nr. 30, S. 235, nachdem im J. 1837 auch Gesenius, der sie mit 
seinen Vorgängern noch für phönikisch hielt, a. a. O. p. 139 ge- 
sagt: „de Cit. IX (et XIX) legenda et omnes desperarunt et ego 
despero. u Die Pococke'sche Zählung und Bezeichnung wurde 
demungeachtet beibehalten und fortgeführt. Zunächst wurden drei 
vonL. Ross mitgetheilte, auch von mir in Ross' Hellenica I. (1846 
S. 118 ff.) behandelte Inschriften als Citiensis XXXIV, XXXV und 
XXXVI bezeichnet, dann fünf vom Grafen de Vogüe gefundene 
als Cit. XXXVII— XLI (im Journ. asiat. VP ser. tom. X. 1867, 
p. 65 ff., auch in dessen Melanges d'archeol. Orientale p. 1 ff.). 

In dieser Zählung fortfahrend bezeichne ich die jetzt vorge- 
legten kleinen Inschriften, die wohl alle aus Kition oder dessen 
nächster Umgebung stammen, mit Cit. XLII u. s. w. Die Originale 
gehören sämmtlich zu der reichen Sammlung des Hrn. S. di Ces- 
nola, amerikanischen Consuls in Larnaka. Die Copien sind mir 



266 Sitzung der pliilosoirfiisch-historisclien Klasse 

von Hrn. Lepsius mitgetheilt, wir verdanken sie der gütigen Ver- 
mittelung unseres correspondirenden Mitglieds, des hiesigen ameri- 
kanischen Gesandten Hrn. Bancroft. Die Inschriften sind bis 
auf ein paar Ausnahmen sehr kurz, zum gröfsten Theil fragmen- 
tarisch, von Stücken zerbrochener Alterthümer entnommen, aus de- 
ren Überbleibseln sich schwerlich immer ein sicherer Schlufs auf 
Form und Bestimmung des Ganzen machen liefs. Es fehlt mir 
daher, mit einer Ausnahme (s. unten zu Cit. XLII u. XL1II) 
jegliche Notiz solcher Art, was die Deutung und Beziehung der 
Inschriften sehr schwer und unsicher macht. Selbst das Fehlen 
einer Notiz über das Material eines Monuments kann unter Um- 
ständen leicht irre führen, wie es z. B. vorgekommen ist, dafs man 
nach einer paläographisch und sprachlich allenfalls zulässigen und an 
sich scharfsinnigen Conjectur eine Inschrift von der Widmung eines 
Altars aus Cedernholz reden liefs, während sich dann auswies, 
dafs der Altar Marmor war. 

Was den Fundort der Inschriften betrifft, so findet sich nur 
bei zweien der mir vorliegenden Copieen (Cit. XLII u. XLIII) be- 
merkt, dafs sie in den Ruinen der Stadt Kition gefunden worden. 
Wahrscheinlich kann aber diese Bemerkung auch für die übrigen 
oder doch für die meisten derselben gelten. Wenigstens sagt Ge. 
Colonna Ceccaldi in seinem Artikel „Decouvertes de Chypre" 
(Revue archeol., Jan. 1870, p. 26), dafs Hr. Cesnola bei den 
Ausgrabungen, die er auf einem etwa 15 Meter hohen, in geringer 
Entfernung südwestlich von Larnaka, also im Bereich des alten 
Kition gelegenen Hügel machen liefs, Reste von Mauerwerk und 
Substructionen von kleinen Mauersteinen zu Tage legte und eine 
ziemlich grofse Anzahl zerstreuter, mit phönikischer Schrift verse- 
hener Marmorstücke sammelte. Zu diesen werden wohl die mei- 
sten der uns vorliegenden Inschriften, wenn nicht allesammt gehö- 
ren, unter welcher Voraussetzung ihre grofsentheils fragmentarische 
Beschaffenheit sich erklärt. Auch nehmen sich die Schriftzüge so 
aus, als seien sie mit Leichtigkeit in ein nicht allzu hartes Material 
eingeschnitten, wozu die Angabe von Marmorstücken recht wohl 
pafst. In dem erwähnten Artikel ist auch von andern Ausgrabun- 
gen die Rede, namentlich von einem Gräberfund, wo irdene Ge- 
fäfse verschiedener Art, u. a. auch Krüge (des jarres) mit phöniki- 
schen schwarz gemalten Inschriften (tracees ä Vencre) zu Tage ka- 
men; doch wird dabei der Name Cesnola nicht genannt. Von Be- 



vom 9. Mai 1870. 267 

lang für die richtige Auffassung der Inschriften könnte es unter 
Umständen auch sein zu wissen, welcher Art und Form und zu 
welchem Gebrauche die Monumente waren, denen sie angehören. 
Aber auch darüber habe ich nur eine kurze Notiz in der Beischrift 
zu der Copie von Cit. XLII: „Fragments des coupes ou vasques", 
die ich indefs schon wegen ihrer Fassung auf alle Stücke zu be- 
ziehen ein Recht zu haben glaube. 

Es würde freilich als ein glücklicher Umstand zu betrachten 
sein, wenn diese zertrümmerten Alterthümer, diese Trinkgefäfse, 
Schalen und dgl. sammt den Inschriften noch vollständig und un- 
versehrt vorhanden wären; aber immerhin halte ich's der Mühe 
Averth, diese Überreste phönikischer Steinschriften zu publiciren, 
wenngleich fast alle äufserst kurz sind, ja von mehreren derselben 
nur ein Wort, ein Name oder ein paar Buchstaben übrig sind. 
Immer noch sind der bekannt gewordenen phönikischen Schriftmo- 
numente so wenige, unsere daraus allein oder doch hauptsächlich 
zu schöpfende Kenntnifs der phönikischen Sprache und des phöni- 
kischen Alterthums, trotz der anerkennungswerthen Erfolge neuerer 
Forschungen, in lexicalischer Hinsicht noch so dürftig, in gramma- 
tischer zum Theil noch so unsicher, in sachlichen Beziehungen 
noch so lückenhaft, dafs jeder neu auftauchende Text leicht irgend 
eine Erweiterung, eine erwünschte Bestätigung oder ein Correctiv 
unserer bisherigen Kenntnisse an die Hand giebt. Auch die neuer- 
lich, besonders von de Vogüe glücklich angebahnte Geschichte der 
phönikischen Schrift, die uns allmählig einen festeren Anhalt für 
die Beurtheilung des Zeitalters der Monumente geben mufs, bedarf 
noch der Vermehrung urkundlicher Zeugnisse. Und so glaube ich 
keinen Tadel der Kenner fürchten zu müssen, wenn ich auch den 
an sich unbedeutendsten epigraphischen Fragmenten, über deren 
Sinn und Bedeutung ich vielleicht kein Wort mit Sicherheit sagen 
kann, den Weg in die Öffentlichkeit nicht versage. 

Die auf der beigegebenen Tafel abgebildeten Inschriften will 
ich an diesem Orte nicht mit einem ausführlichen Commentar ver- 
sehen, wozu sie sich kaum eignen; ich beschränke mich darauf, 
sie in hebräische Schrift umzuschreiben und kurze Bemerkungen 
oder Vermuthungen zu ihrer Erklärung zu geben ohne alle Mög- 
lichkeiten der Deutung zu erschöpfen. Es sind folgende: 

Cit. XLII. r&B3Btüj6 *m*b *aa *pz löh Unsicher, weil un- 
deutlich, ist der erste Buchstab, er könnte allenfalls auch ein h 



268 Sitzung der philosophisch-historische?i Klasse 

sein, doch sehe ich darin eher ein h. Der vierte Buchstab scheint 
oben defect zu sein, ich ergänze ihn zu einem % Auch der letzte 
ist zweifelhaft, r, oder y, oder zu n zu ergänzen, oder zu p, wenn 
es nicht etwa ein ^ sein soll. — Wie ich die Worte der Inschrift 
abgetheilt habe, würden sie bedeuten können: Eilends bringe 
Segen (Begrüfsung) von mir meinem Herrn, dem Esmun- 
milleth (oder j£s»iimmalach). 851T1 Imper. eile, oder als Adv. 
eilends, wie hebr. Wt) Ps. 90, 10. yyi Imper., segnen, auch in 
den verwandten Sprachen für Glück wünschen, grüfsen, frei- 
lich gewöhnlich mit dem Acc. der Person, hier dem *sn gegenüber 
mit h. Am Ende der Zeile steht einer der besonders in cyprischen 
und karthagischen Inschriften viel vorkommenden, mit dem Got- 
tesnamen Esmün (== A^KAHÜIOS, AESCOLAPIUS in der Sardi- 
nischen Trilinguis) zusammengesetzten Personennamen. Der zweite 
Theil dieses Compositums ist zweifelhaft wegen der Unsicherheit 
des letzten Buchstab's. Für rfta finde ich keine passende Bedeu- 
tung, wenn es nicht etwa für üVe steht und der Name Esmün 
hat gerettet bedeutet. Dieselbe Bedeutung könnte möglicher 
Weise p\n ( s - unten Cit. XLIV), wie auch y\n haben, oder wäre 
dieses y\-q (s^v&vtr/g., interpres) auszusprechen? (vgl. y\a als Ap- 
pellativum Cit. XXXVII, 3. 5., und das freilich zweifelhafte yhn^J 
Cit. XIV, 2); nV» gäbe auch einen Sinn, noch besser aber ^a» 
Vgl. überhaupt unten Cit. XLIV. — Unsere Inschrift steht auf 
einem zerbrochenen Gefäfs (s. die Tafel) aus weifsem Marmor, wie 
eine Beischrift der Copie besagt. Das Gefäfs mag von einem Un- 
tergebenen als Geschenk an den in der Inschrift genannten Herrn 
übersendet worden sein. Die Form der Anrede an das Gefäfs hat 
etwas Befremdendes; etwas erträglicher wäre sie, wenn man !-pö 
als Substantiv (Segen) in der Bedeutung Geschenk nähme, wel- 
che das hebr. irD^ä und das syr. IA.-3 5Q..O hat: Eile, o Gabe, 
von mir zu .... — Wenn freilich die Inschrift vorn defect wäre 
und vor dem beschädigten und etwas unsicheren n des Wortes ian 
noch andere Buchstaben gestanden hätten, dann würde die auffäl- 
lige Anrede vielleicht ganz wegfallen. 

Cit. XLIII. Diese Inschrift steht auf einem Stein, ebenfalls 
weifsem Marmor nach der Beischrift, der nach seiner Form zu ur- 
theilen (s. die Abbildung) wohl als Gewicht gedient hat. Als In- 
schrift müssen wir dann nach Analogie anderer Gewichtstücke die 
Angabe der Schwere des Gewichts erwarten, und darauf deuten 



vom 9. Mai 1870. 269 

die phönikischen Zahlzeichen, die 9 Einer zu je drei gruppirt, da- 
vor das Zeichen für 10, wenn der kleine horizontale Strich am 
Rande der Figur dafür gelten kann, und dahinter vielleicht das 
Wort bVjpö, also das Ganze: ühpü III III III - d.i. 19 Sekel. Den 
Schriftzeichen nach wäre indefs diese Erklärung etwas gewagt, denn 
das p kommt nur in aramäischen Schriften bisweilen einigermafsen 
ähnlich vor, und das ta nähert sich der Quadratschrift, wenn die 
Figur nicht in der Copie oder auf dem Steine selbst verkümmert 
ist. Eher ist das Wort zu lesen fi2El2J d. i. acht. Dann mufs man 
aber den Strich am Rande wie auch den letzten sehr kleinen Strich 
der 9 für zufällige und nicht geltende Striche des Steines oder der 
Copie ansehen, so dafs auch die Zahlzeichen nur die Zahl 8 aus- 
drücken, wie solch doppelter Ausdruck einer Zahl, einmal in Zif- 
fern, dann nochmals durch das Zahlwort, oder umgekehrt, be 
kanntlich auch sonst vorkommt, z. B. Sidon. I, 1. Das Wort für 
Sekel oder eine andere Gewichtsbezeichnung ist dann zu ergän- 
zen, was im Phönikischen ebenso gewöhnlich gewesen zu sein 
scheint wie im Hebräischen. Eine Angabe über das wirkliche Ge- 
wicht des Steines liegt mir nicht vor. 

Cit. XLIV. p)raa»tüÄii ^1K> ^[n] las d. h. (Ich) der Die- 
ner meines Herrn (weihet, reicht dar diesen Krug oder dgl.) 
meinem Herrn, dem Esmünmalaq. So als Widmung ist diese 
Inschrift jedenfalls zu fassen. Die Ergänzung des vierten Buch- 
staben als N ist unzweifelhaft, unsicher dagegen der letzte Buch- 
stab. Den Schriftspur en nach scheint p am nächsten zu liegen, 
obwohl sich phn oder p\a nur etwa nach dem arab. / ^JU (glätten, 
auch schmeicheln) etwa durch gütig behandeln deuten liefse, 
oder durch retten (auch X^\i2 retten, entschlüpfen lassen geht 
von glatt aus, vgl. lat. elabi), was für den Namen Esmünmalaq 
oder Esmünmilleq eine passende Bedeutung hergeben würde. Vgl. 
oben zu Cit. XLII. 

Cit. XLV. Diese Inschrift setze ich aus zwei Marmorstücken 
zusammen , welche zusammengehört haben und laut einer der Co- 
pie beigeschriebenen Notiz an der Stelle des Bruches an einander 
passen („are fit unto each other"), so dafs die Schrift von dem 
einen zum andern ohne Unterbrechung fortläuft. Leider jedoch ist 
auch das Ende der so zusammengefügten Zeile noch defect. Das 
Vorhandene ist: V* öü.rhSJV» ■' )TP Es gebe (oder gab) Melkarth 
Ruhm dem... Der bekannte Stadtgott von Tyrus Melkart kommt 



270 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

in den Inschriften gar oft vor, aber stets ist der Name hnp&B 
(np^E, npS?s) geschrieben mit p, während hier ein deutliches 5 steht. 
Liest man "fra König oder er hat regiert, so bleibt m undeutlich. 
Es mag also ein Versehen des Steinhauers sein. Zu bemerken ist der 
Punkt, der hier dreimal als Worttheiler erscheint. Auch in andern 
phönikischen Inschriften findet er sich zuweilen, am consequentesten 
in Cit. II und Tugg., auch schon in der moabitischen Inschrift des 
Königs Mefia. Vor dem Worte DIU fehlt der Punkt, doch hebt sich 
dasselbe durch etwas gröfseren Zwischenraum vom vorhergehenden 
ab. Man könnte in graphischer Beziehung mit demselben Recht 
bi lesen; ich ziehe aber ttt? (Name, Ruhm) vor, weil es hier 
einen passenderen Sinn giebt als tr (Tag) oder gar dj (Meer). 

Cit. XLVI wieder ein Bruchstück, der Name am Ende aber- 
mals mit Esmun zusammengesetzt. Das dem Namen vorangehende 
Wort kaum ein anderes als ^"Wj trotz der Schwierigkeit, das 
zweite offenbar defecte Zeichen zu einem 1 zu ergänzen. Das 
Ganze eine wahrscheinlich nur aus diesen beiden Worten bestehende 
Widmung irgend eines Gefäfses oder eines andern Utensil aus Stein, 
dann aber vorn nothwendig durch ein hinzuzufügendes h zu ergän- 
zen, also: .". .äattJtA ^jn[V| d.i. Meinem Herrn, dem Es v mün... 
Ich gestehe, dafs diese Operation etwas gewaltsam erscheinen kann, 
ich weifs aber für jetzt über die Vorlage keine andere Auskunft 
zu geben. 

Cit. XL VII. rTfä Hl III III Fragment, enthaltend die Zahl 
neun (vgl. oben Cit. XLIII) und das Wort rrte im Monat, dem- 
nach Theil einer Inschrift mit Datum. Der beschädigte Buchstab 
vor rp 11 ist entweder zu einem ä zu vervollständigen (nach Sidon. 
I, 1 : Vä re±k), oder zu ^ (nach Cit. I, 1 : *ttha t*$>, Cit. XXXVIII, 
!*• VätoI?, Cit. XXXVII, 1: .-. SS . m'^)'» docn dieses, wenn sich 
die Zahl 9 auf den Monatstag bezieht und demnach bb*5 voraus- 
gegangen ist, nach Analogie der eben angeführten Stellen das wahr- 
scheinlichere. 

Cit. XL VIII. . . •a •jirraV» "jV. Die Mitte dieses Bruchstücks 
zeigt uns einen deutlich geschriebenen Namen Malkjathan (oder, 
wie er auch ausgesprochen werden kann, Melekjathan, oder Melek- 
jitten, oder auch Malkithan), der längst aus Cit. IV, 2 und Cit. XX, 2 
bekannt war, der uns aber erst neuerlich in Cit. XXXVII und Cit. 
XXXVIII und durch de Vogüe's glückliche Combination auch in 
Cit. I als der Name eines Königs von Kition (">Pü *|W) und Idalion 



vom 9. Mai 1870. 271 

(Vin) entgegengetreten ist. Es ist mir nicht unwahrscheinlich, dafs 
sich auch hier der Name auf diesen oder einen gleichnamigen König 
bezieht, sofern sich die dem Namen voraufgehenden Buchstaben *fo 
leicht zu 's&aV ergänzen lassen, welches Wort ihm auch in jeder der 
drei genannten Inschriften voraufgeht, und ebenso der dem Namen fol- 
* gende gebrochene Buchstab sich als a erweist und denselben Bei- 
satz vermuthen läfst, welchen die anderen Inschriften haben, näm- 
lich 5»tf»'i -!bs Tfba König von Kition und Idalion. 

Cit. XLIX. Unter dieser Numer stelle ich die noch übrigen 
mir vorliegenden Copien kleiner und kleinster Schriftstückchen zu- 
sammen, nicht als wenn sie alle zu Einer Inschrift gehört haben 
könnten, sondern nur weil jedes einzelne Stück für sich zu wenig 
Bedeutung hat, um als eine besondere Inschrift neben den obigen 
aufgezählt zu werden. Damit will ich nicht behaupten, dafs nicht 
eins oder das andere seine Selbständigkeit haben könne, wenn es 
z. B. nur den Namen des Besitzers oder den des Verfertigers eines 
Gefäfses enthalten sollte; auch ist ja möglich, dafs einige von ihnen 
zu einer und derselben Inschrift oder zu einer der vorangehenden 
Numern gehört haben können; aber, wie sie vorliegen, erscheinen 
sie doch mehr als Trümmer. 

Die einzelnen Stücke dieser Collectivnumer sind: 

a) 'jrPsVa, der bei Cit. XLVIII besprochene Name. 

b) rrip^a der Name Melkart, vgl. Cit. XLV. 

c) W wenn selbständiges Wort, vielleicht = hebr. W meine 
Zeit, oder wie in ijnS ttJ^N der zu gelegener Zeit kommt, 
3 Mos. 16, 21, oder der Personenname W 1 Chron. 2, 35 u. a. 

d) VaaöiöK s. Cit. XLII. 

e) trna zu lesen t rria von diesem Duft, vielleicht in Be- 
ziehung auf ein Gefäfs mit wohlriechenden Substanzen, möglicher 
Weise auch ma ein Wort für solches Gefäfs, wie hebr. rYittpa 

«• o 

Räucherpfanne, arab. ,+^Ka Kohlenbecken, oder zu lesen t f^na vom 

Hauche dieses ... u. s. w. 

f) )T\ gewifs fragmentarisch, vielleicht die beiden letzten Buch- 
staben von einem der Namen, die auf )T\^ ausgehen. 

g) mrt der erste Buchstab defect, vielleicht n, aber auch so 
wohl nur Bruchstück eines Wortes. 

h) U)k wahrscheinlich ,tt>N Mann, oder das Relativpronomen, 



272 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

wenn die dahinter stehende Spur der Anfang eines folgenden Wor- 
tes war, oder zu l&tiR oder dgl. zu ergänzen. 

\) TK^Ü die Buchstaben deutlich, der letzte wahrscheinlich das 
Pronomen \ dieser, aber für kViü (allenfalls xh iö[n] = hebr. im 
-b) vermuthlich vbn zu schreiben und zu lesen N^3 es ist voll, 
oder i&n fülle. 

k) N^N ganz fragmentarisch. 

1) SW1 vielleicht n'n^ Geschlechter und ein unvollständi- 
ges Wort . . ä 1 », oder . . i ^tr-n meine Geschlechter in... 

m) MS d.i. WS sein Sohn. 

n) n^3 d. i. bV& sie alle, oder in anderem Zusammenhange 
efeä Gefäfse, Geräthe, Waffen. 

o) B^hSni würde ich lesen D^h Uli und der Oberste ihres 
Heeres (oder mit Singular-Suffix: seines Heeres), oder c^n ihl 
und die Menge ihres Reichthums, je nach dem Zusammen 
hange des vollständigen Textes. 

p) .D2tt vielleicht M» Minen (== )5n auf den assyrischen Ge- 
wichten), Plural von ftyn eine Mine, griech. \xvu, oder Bjrä Jahre. 
Denn der defecte erste Buchstab war offenbar a oder XB. Der 
hinter diesem Worte stehende Buchstab läfst sich am Leichtesten 
zu V ergänzen. 

q) 11JN s. oben zu h. 



Hr. Kirchhoff legte die folgende Mittheilung des Hrn. Dr. 
Ulrich Köhler in Athen vor: 

Über zwei Inschriften aus dem äufseren Kerameikos 

von Athen. 
Unter den Grabmälern der im Kampfe für das Vaterland Ge- 
bliebenen, welche den vom Dipylon nach der Akademie führenden 
Weg einfafsten, erwähnt Pausanias I. 29, 11 das Denkmal der im 
Sommer 394 bei Korinth Gefallenen: y.slvTui hl acti ol iregi KvatvScv 
TTSs-cvTsg- l&vjAwc-s Bs ov% Y^iT-a o &sog ivrccvScc v.cti ccuBtg Iv Asvx- 
rgoig rovg v7ro f EtorJr>wv aakov^ivovg auS§slovg ro pirfiev cci'sv rvyj.g 
uvui, et $r] A<xx£$cctiJ,6i>iot KogtvSluJV rors y.cci 'AByjihxiwu, sti ob xcu 

HoiÜOTÜÜV XQCJLTYiG-CiVTZg VCTTSpOV V7T0 BotWTtJtJU \X0V0V lv AsVXTgOig Sg TQTO\J- 

rov exctHudviräv. Mit dieser Angabe darf eine Inschrift in Verbin- 







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vom 9. Mai 1870. 273 

düng gebracht werden, welche vor längerer 
Zeit aufgefunden, jetzt erst ans Licht gezogen 
worden ist. 

An dem Wege, welcher sich von der modernen 
Piräusstrafse kurz vor der Kirche e Ayi« TgidScc 
in nördlicher Richtung nach der alten Akade- 
mie abzweigt, ungefähr zweihundert Schritt von 
der Piräusstrafse, befindet sich rechts ein un- 
förmliches Mauerstück und daneben eine Zie- 
gelbrennerei. In dem Bereiche der letzteren 
ist vor 9 Jahren eine Palmettenkrönung von 
circa 2^ Meter Länge aufgefunden worden, auf 
deren unterem Rande die nebenstehende In- 
schrift eingegraben ist. Die letzten Worte 
reichen bis in die Mitte des Steines, dessen 
rechte Hälfte leer ist. Die Kenntnifs dessel- 
ben wird Professor Kumanudis verdankt, 
welcher die Aufschrift zuerst in einer hiesigen 
Zeitung mitgetheilt hat. 

Der angegebenen Vertheilung nach zu 
schliefsen ist die Inschrift so zu lesen, dafs 
nach den Worten o'tSs in-rrzys cmzSccvov lv Ko- 
gtvSw zunächst in der zweiten Zeile fortzufah- 
ren ist (pvXccg%og * kvrtipuvYfi und ebenso im 
Folgenden, so dafs im Treffen bei Koroneia 
nur der eine Reiter NsoxkflSvfg geblieben wäre, 
Dafs der in der zweiten Zeile an der fünften 
Stelle genannte As^iKewg bei Korinth gefallen 
war, wissen wir durch das ihm besonders vor 
dem Dipylon errichtete und dort vor einigen 
Jahren wieder aufgefundene Denkmal. Wenn 
es daher auf dem letzteren heifst, Dexileos sei 
gefallen zu KogtuSw tuv its'vts »nrswi/, so mufs 
sich dies auf eine besondere uns nicht über- 
lieferte Episode jener Schlacht beziehen, denn 
ich finde nicht aus, wie man die neugefundene 
Inschrift so lesen könnte, dafs auf Korinth 5 
Reiter und unter diesen Dexileos kommen, 



274 Sitzung der phys.-hist. Klasse vom 9. Mai 1870. 

Die Angabe des Pausanias über das Grabmal der bei Korinth 
Gefallenen ist so allgemein gehalten, dafs sich nicht mit Bestimmt- 
heit sagen läfst, ob er das neu aufgefundene Denkmal im Sinne 
gehabt habe. Dieses bezieht sich nur auf Reiter, während nach 
dem Schlachtbericht des Xenophon der Verlust der Athener bei 
Weitem gröfser gewesen sein mufs. Es scheint, dafs die Ritter 
ihren bei Korinth und Koronea gefallenen Kameraden ein beson- 
deres Denkmal gesetzt hatten, so wie dem Dexileos seine Anver- 
wandten. 

Dafür dafs das Denkmal des Letzteren vor dem Dipylon ge- 
standen habe, haben die seit einigen Wochen mit glücklichem Er- 
folge wieder aufgenommenen Ausgrabungen bei der Hagia Triada 
ein neues Zeugnifs in der nachstehenden, dem Schriftcharakter 
nach in die Mitte des vierten Jahrhunderts gehörigen Inschrift ge- 
liefert: 

H O P [O] t 

T H t OAOYTHS 

E A E [Y] £ I NAAE 

Die nach Eleusis führende Straf se oder U§a obog nämlich mün- 
dete, wie bekannt, in das Dipylon ein, und zwar, wie meines Er- 
achtens aus dem Bericht über die Eroberung Athens durch Sulla 
und den darin gebrauchten Singularen Hsigoüxvi und k'ga %v7*y\ mit 
Notwendigkeit zu schliefsen ist, in den nordwestlichen der beiden 
Thorwege, welche zusammen das Dipylon bildeten. 



Hr. Mommsen legte zwei Handschriften des Antonius Augu 
stinus aus der Senkenbergischen Bibliothek in Giessen vor. 



Gesammtsitzung vom 12. Mai 1870. 275 



12. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Poggendorff las: Über einige neue, merkwürdige 
Eigenschaften der diametralen Conductoren an der Elek- 
tromaschine, und eine darauf gegründete Doppelma- 
schine dieser Art. 

Wenn ich hier, nach Analogie mit anderen längst in die Wis- 
senschaft eingeführten Wortgebilden, wie Elektrometer, Elektroskop, 
Elektrophor u. s. w. den Namen Elektromaschine zur Bezeich- 
nung der von Hrn. Dr. Holtz erfundenen Maschine gebrauche, so 
geschieht es nicht aus Neuerungssucht, sondern weil ich ihn für 
passender halte als die bisher vorgeschlagenen. Er ist möglichst 
kurz, unterscheidet die neue Maschine hinreichend von der gewöhn- 
lichen Elektrisirmaschine, und ist dabei von jeder Theorie unab- 
hängig. Namen, welche zugleich eine Theorie aussprechen, wie 
vorzüglich sie auch zur Zeit ihrer Bildung erschienen sein mögen, 
können doch im Laufe der Jahre unzweckmäfsig werden, weil un- 
terdefs die Theorie eine andere geworden ist (wie das die einst so 
gerühmte Nomenclatur der antiphlogistischen Chemie zur Genüge 
beweist), und vollends müssen sie beanstandet werden, wenn die 
ihnen zum Grunde gelegte Theorie schon vorweg nicht einwurfs- 
frei ist. 

Daher habe ich mich auch nicht entschliefsen können, den 
Namen Elektrophormaschine anzunehmen, zumal derselbe ge- 
eignet ist, die Originalität und den Werth einer Erfindung, die dem 
Studium der s. g. Reibungs-Elektricität einen so bedeutenden Im- 
puls verliehen hat und noch ferner verleihen wird, in den Augen 
der Urtheilslosen herabzusetzen. 

Meiner reiflichen Einsicht nach hat die Elektromaschine (in 
ihren beiden Gestalten mit einer und mit zwei rotirenden Scheiben) 
nichts weiter gemein mit dem Elektrophor, als dafs sie, wie die- 
ser, den unvermeidlichen Zerlegungsprocefs bei allen Wirkungen 
der freien Elektricität, die Influenz nämlich, zu ihren Zwecken be- 
nutzt, aber in so neuer und eigentümlicher Weise, dafs sie sich 
dadurch weit mehr vom Elektrophor entfernt, als dieser von der 
Leidner Flasche. 

[1870] 20 



276 Gesammtsitzung 

Eine entladene Flasche ist ein geladener Elektrophor, 
sagt schon der alte Gehler 1 ), und in der That beruht die Ver- 
schiedenheit beider Instrumente weniger auf ihrer Construction als 
auf ihrer Gebrauchsweise. Macht man an der Flasche (oder Fran- 
klin'schen Tafel) einen der Belege beweglich, so hat man ein In- 
strument, welches man ganz nach Belieben entweder als Flasche 
(Tafel) oder als Elektrophor benutzen kann. 

Dennoch hat man von Volta ab bis auf unsere Zeit den Elek- 
trophor immer als ein besonderes, von der Flasche verschiedenes 
Instrument betrachtet, und seinen Begriff auch auf den Fall be- 
schränkt, wo das isolirende Intermedium entgegengesetzte Elektri- 
citäten an seinen beiden Seiten besitzt. 

Hat man aber dazu ein Recht gehabt, so ist man gewifs in 
noch höherem Grade befugt, einem Instrument, welches in so we- 
sentlichen Punkten verschieden ist vom Elektrophor, einen Namen 
beizulegen, der nicht an diesen erinnert. 

Darum werde ich es von jetzt ab Elektromaschine nennen, 
ohne damit irgendwie einen Zwang ausüben zu wollen. Wem der 
Name nicht gefällt, mag sich desselben enthalten. Die Zukunft 
wird lehren, welche der vorgeschlagenen Benennungen am Ende den 
Sieg davon trägt. 

Nach diesen Vorbemerkungen will ich zum eigentlichen Ge- 
genstand meiner heutigen Mittheilung übergehen. 



Eigenschaften des diametralen Conductors. 

Der von mir zuerst angewandte schräge oder besser diame- 
trale Hülfsconductor, welcher später von Hrn. Dr. Holtz durch 
Drehbarkeit und Gegenüberstellung quadrantaler Papierbelege an 
der festen Scheibe verbessert worden ist, besitzt eine ganze Reihe 
merkwürdiger Eigenschaften, derentwegen er einen der interessan- 
testen Theile der Elektromaschine ausmacht. 

Er wurde ursprünglich erdacht, um das Erlöschen und Um- 
kehren des Stromes zu verhindern, welches eintritt, wenn die in 
Kugeln endigenden Elektroden zu weit auseinander gezogen wor- 
den und ihnen wohl gar noch Flaschen angelegt sind. Bei trock- 



l ) Physika!. Wörterbuch (1787) Bd. 1 S. 827. 



vom 12. Mai 1870. 277 

ner Luft und Reinheit der Glasflächen erfüllt er diesen Zweck, 
einzelne Anomalien abgerechnet, meistens auch sehr gut, und da- 
durch hat er wesentlich dazu beigetragen, die Brauchbarkeit der 
Elektromaschine zu erhöhen, sobald es sich darum handelt, lange 
Büschel und Funken zu erzeugen, oder grofse Flaschen und Batte- 
rien zu laden. 

Dagegen ist er zur Beobachtung der magnetischen Kraft des 
Stromes oder der Erscheinungen in stark verdünnten Gasen ganz 
überflüssig; denn allemal wenn die Elektroden durch einen Leiter 
mit einander verbunden sind, übt er durchaus keine Wirkung aus. 
Selbst wenn die Elektroden in freier Luft in Spitzen auslaufen, 
wirkt er nur äufserst schwach. 

Die Wirkung des diametralen Conductors tritt also nur ein, wenn 
dem Übergang der Elektricität zwischen den Elektroden ein ge- 
wisses Hindernifs in den Weg gelegt ist. Allein — was man bis- 
her noch nicht beobachtet zu haben scheint — sie ist auch abhän- 
gig von dem Winkel, welchen er mit der, die Elektrodenkämme 
verbindenden Horizontallinie macht. Bei meinen früheren Versu- 
chen war ich auf den Winkel von 45° beschränkt, weil meine Ma- 
schine, welche eine von älterer Einrichtung war, keine andere 
Stellung für diesen Conductor erlaubte. Durch die Drehbarkeit, 
welche ihm Hr. Dr. Holtz gegeben hat, kann man nun den Win- 
kel beliebig verändern, und hat dadurch Gelegenheit zu beobach- 
ten, dafs sich der Winkel, von 45° ab, nicht nur ohne Schaden 
bis zu 90° vergröfsern läfst, sobald nur die Papierbelege an der 
Rückseite der ruhenden Scheibe eben so weit reichen, sondern 
auch, dafs er gleichfalls ohne Nachtheil beträchtlich verkleinert 
werden kann. 

Allein es hat dies seine Gränze. Nähert man sich einem 
Winkel von 10° bis 15°, so tritt ein Punkt ein, wo, ungeachtet 
in dem drehbaren Conductor ein starker Strom vorhanden ist, wie 
man dies im Dunklen an den Licht-Erscheinungen an seinen Käm- 
men sieht, dennoch der Übergang der Elektricität zwischen den 
Elektroden gänzlich aufgehoben wird. 

Während also der Hülfsconductor die nutzbare Wirkung der 
Maschine bei gröfsern Winkeln, wenn auch nicht verstärkt, doch 
wenigstens in ihrer Stärke erhält, so dafs man ihn ganz füglich 
Conservator nennen könnte, schwächt und vernichtet er sie 
bei kleinen Winkeln. 

20* 



278 Gesammtsitzung 

Der Werth dieses Vernichtungs winkeis ist verschieden 
nach dem Abstände zwischen den Elektroden und auch nach dem 
Durchmesser der Kugeln, in welchen die Elektroden endigen. Je 
gröfser dieser Abstand ist, desto gröfser ist auch jener Winkel, 
ohne ihm gerade proportional zu sein. Bei Funken von 7 bis 8 
Zoll Länge kann er wohl auf 30° und darüber steigen. 

Auch bleiht der Winkel bei Fortdauer des Stromes nicht con- 
stant. Anfangs genügt vielleicht schon ein Winkel von 30° um 
die Funken zu unterdrücken; allein bei fortgesetzter Drehung der 
Maschine kommen sie wieder zum Vorschein, und es bedarf zu 
ihrer Vernichtung einer abermaligen Reduction des Winkels, welche 
sich nach einiger Zeit vielleicht aufs Neue als ungenügend erweist, 
bis man endlich zu einem Minimalwerth gelangt, bei dem die Fun- 
ken bleibend verschwinden. 

Aber was besonders bemerkenswerth ist: jener Winkel ist auch 
bei gleicher Gröfse des gegenseitigen Abstandes der Elektroden 
verschieden nach der Lage desselben zwischen den Elektrodenhal- 
tern. Der nämliche Winkel, der, wenn dieser Abstand auf Seite 
des positiven Elektrodenhalters liegt, die Entladungsfunken der 
Flasche vernichtet, läfst Funken von gleicher Länge unverändert 
bestehen, wenn der Abstand nach Seite des negativen Elektroden- 
halters hin versetzt wird. Es hängt dies wohl zusammen mit der 
schon früher, als noch keine schrägen Conductoren üblich waren, 
von Hrn. Dr. Holtz gemachten Erfahrung, dafs man überhaupt, 
um gute Funken zu erhalten, nur die negative Elektrode aus der 
Tritte entfernen dürfe, nicht die positive. 

Der Einflufs des erwähnten Winkels auf die Wirkung des dia- 
metralen Conductors zeigt sich übrigens auch in dem Fall, wo ihm 
keine grofsen Papierbelege gegenüber stehen. Hat dieser 
Winkel einen beträchtlichen Werth, z. B. 45°, so ist es nicht mög- 
lich, die Maschine auf eine der bekannten Weisen in Thätigkeit zu 
setzen, und daher war ich früher, um diese Erregung zu bewerkstel- 
ligen, genöthigt, entweder den Conductor zu entfernen oder die Ver- 
bindung zwischen seinen Kämmen aufzuheben. Bei der neuen Ma- 
schine ist dies nicht mehr nothwendig; man braucht den Winkel 
nur bis 10° oder 15° zu verringern und kann sie dann mit Leich- 
tigkeit auf die gewöhnliche Art erregen. 

Hat man einmal die Maschine auf diese Weise in Thätigkeit 
gesetzt und erhält sie einige Zeit darin, damit die ruhende Scheibe, 



vom 12. Mai 1870. 279 

von welcher der schräge Conductor seine Wirksamkeit empfängt, 
recht stark elektrisch werde, so kann man diesen unter einen grös- 
seren Winkel (etwa 45°) einstellen, und dabei wahrnehmen, dafs 
er dann ohne Papierbeleg an der Rückseite der ruhenden Scheibe 
fast eben so stark wirkt wie mit ^demselben. Ich habe mit ihm 
in ersterem Falle Büschel und Funken von 6 Zoll Länge er- 
halten. * ) 

Wenn die Wirkung ohne Papierbelege auch etwas schwächer 
ist, so hat sie doch andererseits den Vorzug, dafs dabei die Um- 
kehrungen des Stroms, wenn überhaupt noch möglich, viel kräfti- 
ger verhütet werden als bei Anwendung von Papierbelegen. 

Es scheint dieses mit der Leitungsfähigkeit der Belege zusam- 
men zu hängen, denn wenn man dieselbe erhöht, z. B. das Papier 
durch Stanniol ersetzt, treten die Strom -Umkehrungen ungleich 
leichter ein. 

So lange die Elektroden einander berühren oder durch einen 
Leiter, z. B. eine Flüssigkeit, eine Geifslersche Röhre, verbunden 
sind, hat man zwischen ihnen einen kräftigen Strom, der dem bei 
Anwendung von Papierbelegen stattfindenden, durchaus nicht nach- 
steht. Sowie man sie aber in freier Luft auseinander zieht, nimmt 
dieser Strom rasch ab, und bald, wenn der Abstand zwischen ihren 
Kugeln auf einige Zoll gebracht ist, erlischt er gänzlich, ungeach- 
tet dann in dem schrägen Conductor selbst, wie immer, wenn der 
Strom zwischen den Elektroden schwach oder Null ist, ein star- 
ker Strom auftritt, der lange und helle Lichtpinsel aus dem positi- 
ven seiner Kämme auf die rotirende Scheibe absendet. 

Besonders leicht tritt die Strom -Umkehrung ein, wenn der 
diametrale Conductor lothrecht steht, oder aus der Lage 45° in 
die lothrechte Stellung gebracht wird. 



1 ) Ebenso sind die Erscheinungen, wenn hinter den Kämmen des Con- 
ductors zwar kleine Papierbelege angebracht sind, diese aber nicht mit den 
Belegen hinter den Elektroden in leitender Verbindung stehen. 

Um die volle Wirkung des Conductors zu erhalten, werden gewöhnlich 
die ersteren Belege durch einen schmalen, gekrümmten Papierstreifen mit den 
letzteren verbunden. Ich gebe indefs quadrantalen Belegen, die durchweg so 
breit wie die Kämme lang sind, den Vorzug, weil man dabei die Wirkung 
des diametralen Conductors unter jedem Winkel studiren kann. 



280 Gesammtsitzung 

Die Wirksamkeit des diametralen Conductors ist immer mit 
einem in ihm vorhandenen Strom verknüpft. Ohne denselben wirkt 
er nicht, obgleich er mit demselben, wie schon erwähnt, auch un- 
wirksam sein kann. Man erkennt das Dasein und die Richtung 
dieses Stromes an den Lichtpunkten und Lichtpinseln, die an den 
Kämmen des Conductors auftreten. 

Besser aber lassen sich die einzelnen Phasen und Schwankun- 
gen des im Conductor vorhandenen Stromes studiren, wenn man, 
wie ich es gethan habe, die Kämme desselben durch ein isoliren- 
des Mittelstück trennt und sie darauf durch eine geeignete Spec- 
tralröhre (eine enge, an beiden Enden zur Kugel erweiterte Röhre, 
die daselbst eingeschmelzte Platindrähte enthält und mit stark ver- 
dünntem Wasserstoff oder Stickstoff gefüllt ist) wiederum verbin- 
det. Die Wirkung eines so eingerichteten Hülfsconductors ist einem 
metallischen vollkommen gleich, aber bei weitem instructiver und 
augenfälliger, wenn man im Dunklen beobachtet. Hier einige Bei- 
spiele davon. 

Wenn man, vor der Maschine stehend, dieselbe so erregt, dafs 
der linke Elektrodenkamm negative Elektricität ausströmt, und wenn 
zugleich der Conductor so gestellt ist, dafs seine obere Hälfte eben- 
falls nach der Linken um 45° gegen den Horizont neigt, so ge- 
wahrt man, falls auch die Elektroden zusammengeschoben sind, 
dafs sein oberer Kamm gleich nach der Erregung positive Elek- 
tricität aussendet, denn in der oberen Kugel der Spectralröhre 
erscheint das bekannte blaue negative Licht. Dies dauert aber 
nur eine Weile, dann erlischt es; nun kann man die Elektroden 
mehre Linien auseinander ziehen, ohne dafs die Röhre irgend wel- 
ches Licht sehen läfst. Sowie man aber die Elektroden weiter von 
einander entfernt, wird die Röhre wieder leuchtend, und zwar so, 
dafs nun das blaue Licht in ihrer unteren Kugel erscheint. 
Der Strom in dem Conductor geht also jetzt gegen vorher in umge 
kehrter Richtung und diese behält er bei allen ferneren Vergröfse- 
rungen des Abstandes zwischen den Elektroden. Überhaupt ist, 
wie schon gesagt, der Strom in dem Conductor immer am stärk- 
sten, wenn er zwischen den Elektroden am schwächsten, vielleicht 
gar Null ist. 

Waren dagegen bei Erregung der Maschine die Elektroden 
nicht in Berührung gebracht, so hat der Strom in dem Conductor 



vom 12. Mai 1870. 281 

sogleich die letztere Richtung und es findet also keine Umkehrung 
desselben statt. 

Einen Strom von gleicher Richtung, und zwar einen sehr in- 
tensiven, zeigt auch der Conductor, sobald einmal die Maschine 
erregt ist, wenn man ihn so weit nach der Rechten dreht, dafs ihm 
kein Papierbeleg mehr gegenüber steht. Hierbei müssen aber die 
Elektroden auseinander gezogen sein; schiebt man sie zusammen, 
so verschwindet das Licht in der Röhre. 

Andrerseits, wenn man bei der letzteren Stellung des Conduc- 
tors die Maschine in genannter Weise erst erregt, erhält man das 
blaue Licht wiederum in der oberen Kugel der Röhre, voraus- 
gesetzt, dafs die Elektroden zusammengeschoben sind; zieht man 
sie auseinander, so erlischt es gänzlich und mit ihm natürlich auch 
der Strom. 

In allen diesen Fällen war die Gegenwart grofser Papierbe- 
lege hinter den Kämmen des Conductors vorausgesetzt. Dieselben 
Erscheinungen zeigen sich aber auch ohne diese Belege fast noch 
besser ausgebildet. 



Einflufs des diametralen Conductors auf die Erregungsweise 
der Elektromaschine. 

Bekanntlich ist die Elektromaschine keine primitive Elektrici- 
tätsquelle, sondern ein "Werkzeug zur Vervielfältigung einer ihm 
mitgetheilten kleinen Menge freier Elektricität, die ebensowohl aus 
der Voltasc'hen Batterie oder dem Inductorium, als aus der Elek- 
trisirmaschine oder einer geriebenen Ebonitplatte herstammen kann, 
weshalb denn das Product dieser Vervielfältigung sich im Allge- 
meinen nicht einmal als Reibungs-Elektricität betrachten läfst, ob- 
gleich es für gewöhnlich dieser seinen Ursprung verdankt. 

Gerade durch diesen ihren seeundären Character erlangt aber 
die Elektromaschine, besonders wenn man das Verhalten des dia- 
metralen Conductors dabei in Betracht zieht, ein Interesse, welches 
Elektrisirmaschine und Elektrophor nicht gewähren. 

Während nämlich die Elektrisirmaschine nur durch Reibung, 
und der Elektrophor nur durch Reibung oder Mittheilung zur Wirk- 
samkeit gelangt, ohne dabei eine bemerkenswerthe Erscheinung zu 



282 Gesammtsitzung 

zeigen 1 ), kann, wie ich schon früher dargethan habe (Monatsberichte 
1869, April) die rechtläufig gedrehte Elektromaschine erster Art 
auf dreierlei Weisen in Thätigkeit gesetzt werden. 

Erstens von der Rückseite her, nach dem gewöhnlichen Ver- 
fahren, indem man einem der Belege durch Vertheilung oder Mit- 
theilung Elektricität zuführt. 2 ) 

Zweitens von der Vorderseite her, indem man aus einer an- 
deren Elektricitätsquelle, einer geladenen Flasche oder einer zwei- 
ten Maschine, Elektricität durch die Metallkämme der Elektroden 
auf die rotirende Scheibe ausströmen läfst. 

Und drittens auf intermediäre Weise mittelst der ruhenden 
Scheibe, nachdem man dieselbe durch vorherigen Gebrauch der 
Maschine in ihrer oberen und unteren Hälfte entgegengesetzt elek- 
trisch gemacht und die Belege ableitend berührt hat. 



1 ) Die leichteste Art, einen Elektrophor zu erregen, besteht darin, dafs 
man den Kuchen desselben einige Male zwischen den Elektroden der Elek- 
tromaschine hin- und herführt. Man erhält dadurch nach Belieben, je nach- 
dem wie man ihn in die Form einlegt oder zugleich mit derselben elektrisirt hat, 
einen negativen oder einen positiven Elektrophor, der bei der ersten Schlies- 
sung Funken von überraschender Kräftigkeit giebt. Es dürfen aber bei die- 
sem Procefs die Elektroden nur in Spitzen auslaufen, nicht in Kugeln, weil 
sonst der Kuchen, wenn er etwas dünn ist, leicht von den Funken der Ma- 
schine durchbohrt wird. 

2 ) Es ist ganz einerlei , ob dem einen Beleg z. B. positive Elektricität 
durch Berührung mitgetheilt wird, oder dieselbe in distans vertheilend auf 
ihn wirkt. In beiden Fällen sendet der gegenüberstehende Elektrodenkamm 
negative Elektricität aus. 

Bemerkenswerth ist auch, dafs während es, um die Maschine auf solche 
"Weise in Thätigkeit zu setzen, nur einer geringen Elektricitätsmenge bedarf, 
die dann durch das Spiel der Maschine selbst bis zu einem gewissen Punkt 
vermehrt wird , eine weitere Vermehrung derselben durch künstliche Mittel 
durchaus nichts zur Verstärkung der Wirksamkeit der Maschine beiträgt. 

Leitet man z. B., während die Maschine in Thätigkeit ist, positive Elek- 
tricität auf ihren positiven Beleg, und negative auf ihren negativen, aus einer 
zweiten Maschine, so wird der Strom der ersteren dadurch nicht im Minde- 
sten verstärkt. 

Dagegen wird dieser Strom augenblicklich vernichtet und auch wohl um- 
gekehrt, sowie man die zweite Maschine im entgegengesetzten Sinne auf die 
Belege der ersten wirken läfst. 



vom 12. Mai 1870. 283 

Auf diese dritte Erregungsweise scheint der Hülfsconductor 
ganz ohne Einflufs zu sein. Und auf die erste wirkt er nur inso- 
fern, als er, wenn ihm keine Papierbelege gegenüber stehen, sie 
gar nicht zu Stande kommen läfst, sobald er nicht einen kleinen 
Winkel mit der Verbindungslinie der Elektrodenkämme macht, wie 
schon vorhin gesagt. 

Desto entschiedener und merkwürdiger aber ist sein Einflufs 
auf die zweite Erregungsweise. Ich habe darüber schon im Mo- 
natsbericht vom Januar des verflossenen Jahrs eine vorläufige No- 
tiz gegeben, und will nun hier die Sache ausführlicher behandeln. 
Diese Erregungsweise kann sowohl durch geladene Flaschen als 
durch den Strom einer zweiten Elektromaschine bewerkstelligt wer- 
den. Beide Methoden haben ihr Eigenthümliches. 

Erregung der Maschine durch geladene Flaschen. 

Erster Fall: Maschine ohne Hülfsconductor. — Legt 
man zwei entgegengesetzt geladene Flaschen, deren äufsere Belege 
in metallische Verbindung gesetzt sind, mit ihren Knöpfen an die, 
zur Verhütung einer Entladung zwischen ihnen , hinreichend aus- 
einander gezogenen Elektroden, und bringt darauf die Maschine 
rechtläufig, d. h. den Zähnen ihrer Papierbelege entgegen, in 
Rotation, so erfolgt eine stille Entladung der Flaschen gegen 
die rotirende Scheibe. Dabei geht von der positiven Flasche (d. h. 
von ihrem inneren positiven Belege) positive Elektricität, und von 
der negativen negative Elektricität auf die Scheibe über, wie man 
dies im Dunklen aus den Licht-Erscheinungen an den Elektroden- 
kämmen deutlich ersieht. 

Durch diese Entladung gelangt die Maschine zur Thätigkeit, 
in solcher Weise, dafs sie, nachdem die Flaschen erschöpft sind, 
den eingeleiteten Procefs in gleicher Richtung fortsetzt. Da nun, 
wenn der eine Kamm fortdauernd positive, und der andere fort- 
dauernd negative Elektricität aussendet, die Knöpfe der Elektroden 
notwendigerweise eben so fortdauerud die entgegengesetzten Elek- 
tricitäten an die Flaschen abgeben müssen, so werden diese wie- 
derum geladen, und zwar in umgekehrtem Sinn, wie sie es vor- 
her waren. 

Allein die so umgekehrt geladenen Flaschen wirken auf die 
Maschine zurück, erregen sie im entgegengesetzten Sinn, um 
sie nach kurzer Zeit wiederum im ursprünglichen Sinn zu be- 



284 Gesammtsitzung 

leben, und so fort, eine ununterbrochene Reihe von Strom-Umkeh- 
rungen bewirkend. Um die Maschine in einem bestimmten Sinn 
erregt zu haben, mufs man demnach die Elektroden zur rechten Zeit 
schliefsen und die Flaschen entfernen. 

Zweiter Fall: Maschine zwar mit Hülfs conduc tor 
armirt, aber ohne Papierbelcge dahinter. — In diesem 
Falle findet bei der eben beschriebenen Operation wohl eine stille 
Entladung der Flaschen gegen die Scheibe statt, aber keine umge- 
kehrte Ladung derselben, da die Maschine nicht zur selbstständigen 
Thätigkeit gelangt. Die Licht-Erscheinungen an den Kämmen der 
Elektroden und des Conductors während der Entladung sind nur 
schwach, und zeigen, dafs während derselben, bei schräger Stel- 
lung des Conductors, die benachbarten Kämme entgegengesetzt 
elektrisch sind, also, im Kreise herumgezählt, auf zwei positive 
Kämme zwei negative folgen. 

Dritter Fall: Maschine mit Hülfsconductor und Pa- 
pierbelegen dahinter. — Dieser Fall bietet eine ganz ano- 
male Erscheinung dar. Die positiv geladene Flasche sendet 
nämlich bei rechtläufiger Drehung der Maschine nicht positive, 
sondern negative Elektricität gegen die rotirende Scheibe, und 
die negativ geladene ebenso positive. 1 ) Eine stille Entladung 
der Flaschen findet nicht statt, im Gegentheil eine stärkere La- 
dung derselben im ursprünglichen Sinn, während die Maschine, 
verglichen mit dem ersten Fall, wo kein Conductor vorhanden war, 
im umgekehrten Sinn zur selbstständigen Thätigkeit gelangt. 

Die geladenen Flaschen verlieren also nichts von der in ihnen 
angehäuften Elektricität, nehmen vielmehr noch neue derselben Art 
aus der rotirenden Scheibe auf, ungeachtet diese erst durch sie 
elektrisch gemacht wird. 

Die Ladung der Flaschen, um diese Wirkung hervorzubringen, 
braucht gar keine starke zu sein. Zwei Flaschen, jede von 73 
Quadratzoll äufserer Belegung, die an einer anderen Elektroma- 
schine durch eine einzige Kurbeldrehung geladen worden waren, 
so schwach, dafs sie sich zwischen Kugeln von 10 Lin. erst ent- 



J ) Dreht man die Maschine rückläufig, so verhält es sich umgekehrt. 
Die positiv geladene Flasche oder vielmehr ihr positiver Knopf z. B. sendet 
positive Elektricität auf die Scheibe. 



vom 12. Mai 1870. 285 

luden, wenn diese bis zu 3 Lin. zusammengeschoben wurden, reich- 
ten hin, die anomale Erregung hervorzurufen, welche ihnen nun 
eine viel höhere Ladung ertheilte, eine Ladung von 4 Zoll Schlag- 
weite und darüber. 

Diese merkwürdige Erzeugung und Einsaugung von Elektrici- 
tät durch partiell geladene Flaschen ist nicht blofs der eben ge- 
nannten Combination eigen, sondern zeigt sich auch in zwei an- 
dern, sehr verschiedenen Fällen, von denen ich weiterhin sprechen 
werde. 

Das verschiedene Verhalten geladener Flaschen gegen die 
noch unerregte Maschine, je nachdem diese mit einem diametra- 
len Conductor versehen ist oder nicht, giebt übrigens eine einfache 
Erklärung der Thatsache, dafs wenn man Flaschen von einiger 
Gröfse an der bereits thätigen Maschine zu laden versucht und 
diese mit keinem Conductor versehen ist, der Strom derselben sich 
umkehrt, dafs dies aber nicht geschieht, sobald ein Conductor zu- 
gegen ist. Im ersten Fall wirkt nämlich die Flasche der Maschine 
entgegen, im zweiten Fall aber nicht. 

Erregung der Elektromaschine durch den Strom einer andern. 

Erster Fall: Beide Maschinen ohne diametralen 
Conductor. — Wird der Strom der einen Maschine auf die 
rechtläufig rotirende Scheibe der anderen, noch nicht erregten ge- 
leitet, so kommt auch diese in Thätigkeit und zwar in gleichem 
Sinne mit der ersteren, so dafs jeder der Verbindungsdrähte an 
seinen Enden oder Metallkämmen entgegengesetzte Elektricitäten 
aussendet. 

Werden die beiden Maschinen erst einzeln erregt und dann 
gleichsinnig verbunden, so ist auch nach der Verbindung der Strom 
in beiden ein gleichsinniger. Werden sie aber, nach der Erregung, 
widersinnig verbunden, so erlischt der Strom in beiden. 

Zweiter Fall: Die eine Maschine ohne Conductor, 
die andere mit demselben. — Wird die Maschine A, die kei- 
nen Hülfsconductor hat, erst erregt, und alsdann ihr Strom auf 
die noch unerregte Maschine J5, die mit Conductor versehen ist, 
geleitet, so kommt auch diese in Thätigkeit, momentan in wider- 
sinniger Richtung mit dem Strom von A; allein sie übt auf die- 
sen eine Reaction aus, kehrt ihn nämlich um, so dafs dann doch 
die Ströme bei der Maschine in gleicher Richtung gehen, aber ent- 



286 Gesammtsltzung 

gegen der, welcher man den Strom von A ursprünglich eingeprägt 
hatte. 

Hat man die mit Conductor versehene Maschine B zuerst er- 
regt und ihren Strom auf die unerregte A geleitet, so findet eine 
solche Reaction oder Umkehrung nicht statt. Der Strom von A 
ist gleichsinnig mit dem von B, der auch nach der Verbindung 
seine ursprüngliche Richtung bewahrt. 

Dritter Fall: Die eine Maschine ohne Conductor, 
die andere mit Conductor, aber ohne Papierbelege da- 
hinter. — Der Strom der ersten Maschine A bringt die andere 
B nicht zur selbstständigen Thätigkeit; während der Einströmung 
bemerkt man zwar Licht-Erscheinungen an den Kämmen von B, 
aber sie sind schwach, werden immer schwächer und verschwinden 
endlich mit dem gleichzeitigen Erlöschen des Stroms in A. 

Vierter Fall: Beide Maschinen mit Conductoren, 
aber nur die eine mit Papierbelegen dahinter. — Die 
Maschine A mit Belegen erregt ganz deutlich in der Maschine B 
ohne Belege einen gleichsinnigen Strom; aber dieser Strom besteht 
nur während der Einströmung und so lange man B in Rotation 
erhält. Dabei findet in A kein Erlöschen des Stromes statt. Der 
ganze Vorgang hat Ähnlichkeit mit dem in zweiten Fall der Erre- 
gung durch Flaschen. 

Fünfter Fall: Beide Maschinen mit Conductoren und 
Papierbelegen dahinter. — Dieser Fall ist wiederum ganz 
anomal. Leitet man nämlich den Strom der einen Maschine auf 
die zwar in Rotation versetzte, aber noch unerregte zweite Ma- 
schine, so kommt diese in widersinniger Richtung zur selbst- 
ständigen Thätigkeit, also so, dafs ihr Strom dem der ersten Ma- 
schine entgegengesetzt ist. In Folge defs hat man die merkwür- 
dige, im Dunklen schon durch den blofsen Anblick erkennbare Er- 
scheinung, dafs die Verbindungsdrähte aus den Kämmen an ihren 
Enden einerlei Elektricität aussenden und aus ihrer Mitte die 
entgegengesetzte. Der eine Draht strahlt solchergestalt an 
beiden Enden positve und in der Mitte negative Elektricität aus; 
der andere an den Enden negative und in der Mitte positive. 

Dasselbe geschieht, wenn man zwei mit diametralen Conduc- 
toren versehene Maschinen erst einzeln erregt und dann widersin- 
nig verbindet. Die Ströme derselben löschen einander nicht aus, 



vom 12. Mai 1870. 287 

wie im Falle der Abwesenheit dieser Conductoren, sondern ver- 
harren unverändert in ihrer Widersinnigkeit. 

Verbindet man andrerseits dieselben vorher erregten Maschi- 
nen gleichsinnig mit einander, so kehrt der Strom der einen 
den der andern um, und die Maschinen wirken also dann doch 
wie vorhin einander entgegen. Welche der beiden Maschinen 
dabei das Übergewicht erlangt, hängt theils von der Kräftigkeit 
derselben ab, theils aber, und, wie es scheint, hauptsächlich 
davon, welche von ihnen, nach der Verbindung mit der andern, 
zuerst in Bewegung gesetzt ward. Die zuerst bewegte Maschine 
überwältigt die andere. 

In allen diesen drei Fällen ist kein Strom in den Verbindungs- 
drähten vorhanden. Denn wenn man sie an einer Stelle unter- 
bricht und daselbst eine Geifs ler sehe Röhre einschaltet, bleibt 
dieselbe dunkel, sobald nur beide Maschinen gleich stark wirken. 

Von dieser merkwürdigen Anordnung der Elektricität auf den 
Verbindungsdrähten kann man eine Nutzanwendung maehen, darin 
bestehend, dafs man zwischen beiden Drähten eine Brücke schlägt. 
Man erhält dann in dieser Brücke einen Strom, welcher gleich ist 
der Summe der Ströme beider Maschinen. 

Schon in der kurzen Notiz im Januarheft der vorjährigen Mo- 
natsberichte, aus der ich die eben angeführten Worte entlehne, 
sagte ich, dafs sich, gestützt auf diese Thatsache, eine Maschine 
von doppelter Kraft einer einfachen construiren lasse, unterliefs es 
aber damals die Idee zur Ausführung zu bringen. Seit einigen 
Monaten bin ich jedoch im Besitz einer solchen Doppelmaschine, 
vortrefflich ausgeführt von dem Mechanikus Borchardt, die allen 
meinen von ihr gehegten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern 
sogar übertroffen hat. Bevor ich indefs zur Beschreibung dersel- 
ben übergehe, will ich hier einige andere Beobachtungen mitthei- 
len, die mit den bereits auseinander gesetzten in enger Beziehung 
stehen. 



Neue Er regungs weise der Elektroni aschine. 

Bei allen bisherigen Erregungsweisen mufste man die Maschine 
erster Art, damit sie zur Thätigkeit gelange, rechtläufig, d. h. 
den Zähnen der Belege entgegen, rotiren lassen. Es ist dies aber 



288 Gesammtsitzung 

keine absolute Notwendigkeit. Sie kann auch durch rückläu- 
fige Rotation in Thätigkeit versetzt werden. 

Einen ersten Fall der Art habe ich bei Gelegenheit meiner 
Untersuchung über das Holtzsche Rotationsphänomen beobachtet, 
damals aber unerwähnt gelassen. 

Leitet man nämlich den Strom einer Maschine A, die mit 
Conductor und Papierbelegen dahinter versehen ist, auf eine zweite 
Maschine B, welche keinen Conductor hat, so kommt diese, wenn 
sie hinreichend beweglich ist, nach einem kleinen Anstofs, in Ro- 
tation, und zwar nach der einen Richtung ziemlich eben so gut 
als nach der anderen. 

Das Nämliche ist der Fall, wenn die Maschine B zwar einen 
Conductor hat, derselbe aber so gestellt ist, dafs ihm die grofsen 
Papierbelege nicht gegenüberstehen. Bringt man ihn jedoch in die 
Stellung vor diesen, so vermag die Maschine merkwürdigerweise 
nur in einer Richtung zu rotiren, nämlich in der rückläufigen. 

Unterhält man nun diese rückläufige Rotation eine Zeitlang, 
trennt dann die Maschine B von der andern A, und setzt sie mit- 
telst der durch die Hand gedrehten Kurbel in rechtläufige Ro- 
tation, so giebt sie einen starken Strom, welcher dem von A, der 
anfangs auf sie einströmte, in Richtung entgegengesetzt ist. 

Ein zweiter Fall ist dieser. Man leitet den Strom der Ma- 
schine A, die mit Conductor und Papierbelegen versehen ist, auf 
die Maschine B, aber nicht wie immer bisher durch ihre Elektro- 
denkämme, sondern durch die Kämme ihres Conductors, die zu 
diesem Zweck von einander isolirt sein müssen, jedoch nicht noth- 
wendig Papierbelegen gegenüber zu stehen brauchen. Dreht man 
nun die Maschine B, gleichviel ob rechtläufig oder rückläufig, 
so gewahrt man an den Licht-Erscheinungen, die im Dunklen an 
den Kämmen sichtbar sind, dafs während der Einströmung in B 
ein Strom erregt wird, der dem von A in Richtung entgegengesetzt 
ist, der aber, sowie man B von A abtrennt und fortgesetzt recht- 
läufig dreht, seine Richtung umkehrt, folglich gleiche Richtung mit 
dem erregenden Strom von A bekommt. 

Ich halte dafür, dafs diese beiden Fälle, obwohl in der Form 
von den bisher bekannten Erregungsweisen verschieden, dennoch 
im Wesen zusammenfallen mit derjenigen, welche ich vorhin die 
intermediäre genannt habe, dafs sie nämlich aus einer entgegen- 



vom 12. Mai 1870. 289 

gesetzten Elektrisirung der beiden Hälften der ruhenden Scheibe 
hervorgehen. 

Die rückläufige Rotation, von der eben die Rede war, läfst 
sich auch mittelst geladener Flaschen hervorbringen, die man 
der noch unerregten Maschine anlegt. 

Interessanter macht sich aber der Versuch, wenn man an die 
bereits erregte Maschine ein Paar etwas grofser, ungelade- 
ner Flaschen ansetzt (ich nehme sie von 73 und von 152 Quadrat- 
zoll äufserer Belegung eine jede) und die Elektroden 4 bis 5 Zoll 
auseinander zieht, um ihnen eine recht starke Ladung ertheilen zu 
können, und nun rechtläufig dreht. Schon hiebei spürt man 
fühlbar, dafs sich die Maschine um so schwerer drehen läfst, je 
mehr man dem möglichen Maximum der Ladung nahe kommt. 
Hat man dieses Maximum ungefähr erreicht und läfst nun die 
Kurbel los, so beginnt die Maschine durch die Reaction der Flasche 
aus freien Stücken rückläufig zu rotiren, und zwar trotz des 
Schnurlaufs (wenn er nur nicht zu stark gespannt ist) ziemlich 
rasch und wohl so lange, dafs die Scheibe 25 bis 30 Umgänge 
macht. Entfernt man die Schnur, so rotirt sie natürlich viel schnel- 
ler und länger. Auch zu dieser Rotation, bei welcher die Flaschen 
still entladen werden, und jede derselben diejenige Elektricität auf 
die Scheibe aussendet, mit welcher sie geladen war, ist notwen- 
dig, dafs die Maschine mit einem vor den Papierbelegen stehenden 
diametralen Conductor versehen sei; sonst erfolgt sie nicht. 

Dafs diese interessante Form des Holtz 'sehen Rotationsphä- 
nomens bisher noch nicht beobachtet worden ist, ungeachtet man 
seit fünf Jahren so oft Flaschen an der Maschine geladen hat, hat 
seinen Grund wohl darin, dafs die Maschine einerseits nicht be- 
weglich genug war und andrerseits auch keine Einrichtung besafs, 
um gröfsere Flaschen mit ihr zu verbinden, was nur mittelst 
der weiterhin beschriebenen Teller auf den Elektrodenhaltern leicht 
und bequem zu bewerkstelligen ist. 



Erregung der Elektromasc hin e erster Art bei Vertauschung 
der Elektroden gegen den diametralen Conductor. 

Im Aprilheft der Monatsberichte von vorigem Jahre habe ich 
eine Gebrauchsweise der Elektromaschine erster Art beschrieben, 



290 Gesammtsitzung 

die auf eine Vertauschung der Elektroden gegen den diametralen 
Conductor hinausläuft. Es wird nämlich die ruhende Scheibe, 
welche mit zwei gezahnten Belegen von geringer Breite versehen 
sein mufs, so gestellt, dafs der eine dieser Belege senkrecht unter 
dem andern liegt. Bringt man nun vor ihnen den diametralen 
Hülfsconductor ebenfalls in lothrechter Stellung an, so kann man 
die Maschine (sobald nur die Elektroden hinreichend auseinander 
gezogen sind) auf die gewöhnliche Weise von der Rückseite her 
erregen, und bekommt dann in dem Conductor den Hauptstrom, 
wie ich ihn nannte, und in den Elektroden der horizontalen Kämme, 
denen keine gezahnten Belege gegenüberstehen, den Nebenstrom, 
der allein nutzbar ist. 

Ich zeigte dann, dafs dieser Nebenstrom die Differenz zweier 
entgegengesetzten Ströme ist, deren einer von der vorderen rotten- 
den Scheibe und der andere von der hinteren ruhenden ausgeht, 
und dafs man den letzteren schwächen oder vernichten müsse, wenn 
man eine anhaltende Wirkung zu erhalten wünscht. Dies gelang 
mir, indem ich die ruhende Scheibe hinter den Elektrodenkämmen 
mit grofsen Ausschnitten versah, denen keine Belege angefügt 
waren. 

Als ich jetzt die letztere Combination auf ihre Erregung näher 
untersuchte, fand ich, dafs, wiewohl man sie durch Elektrisirung 
der Belege von der Rückseite her ganz leicht in Thätigkeit setzen 
kann , dieses durch Einströmung von Elektricität auf die vordere 
rotirende Scheibe mittelst der Elektrodenkämme nicht zu bewerk- 
stelligen sei. Ich mochte die Elektroden mit geladenen Flaschen 
oder mit einer anderen Maschine verbinden: die genannte Combi- 
nation kam nicht zur Wirksamkeit. 

Ich vertauschte nun die Scheibe mit vier Ausschnitten gegen 
die mit zwei und daran sitzenden Belegen, und siehe da: jetzt 
war eine Erregung von der Vorderseite her durch die Elektroden 
möglich. 

Legte ich geladene Flaschen an, so wurden sie nicht still 
entladen, sondern stärker geladen; sie boten also denselben 
anomalen Fall dar, der vorhin S. 284 besprochen wurde, ungeach- 
tet es hier der Hülfsconductor selber war, in welchem der Vorgang 
stattfand. 

Ähnlich verhielt es sich, als der Strom einer anderen Ma- 
schine durch die Kämme der als Hülfsconductoren fungirenden 



vom 12. Mai 1870. 291 

Elektroden auf die rotirende Scheibe geleitet wurde. Die Verbin- 
dungsdrähte strömten einerlei Elektricität aus ihren Enden aus, 
und die erregte Maschine, abgetrennt von der erregenden, gab einen 
Strom, der in Richtung dem der letzteren entgegengesetzt war. 



Verhalten der lateralen Conductoren. 

Es ist nicht allein der diametrale Conductor, welcher die Fä- 
higkeit besitzt, den Strömen zweier vereinten Maschinen eine wider- 
sinnige Richtung zu geben und zu erhalten: auch der laterale 
oder überzählige Conductor, den Hr. Dr. Holtz in der ersten 
Zeit zur Verhütung der Strom -Umkehrungen auwandte, ist mit 
dieser Eigenschaft begabt, jedoch in geringerem Grade. 

Der laterale Conductor besteht bekanntlich aus einem Metall- 
kamm, der vertikal entweder oben oder unten vor der Scheibe in 
quadrantalem Abstand von den Elektrodenkämmen angebracht und 
mit einem der letzteren durch einen Bügel metallisch verknüpft 
ist. Zur Erhöhung seiner Wirksamkeit wird an die ruhende 
Scheibe ein quadrantaler Papierbeleg angelegt, der sich gegenüber 
von dem unterbundenen Elektrodenkamm bis gegenüber zu dem 
Conductorkamm erstreckt. Statt eines solchen lateralen Conduc- 
ton können auch deren zwei angewandt werden, einer oben und 
einer unten. 

Um nicht zu weitläuftig zu werden, will ich nicht alle hier 
möglichen Fälle in Betracht ziehen, sondern nur einige der inter- 
essanteren. 

Erster Fall: Erregende Maschine A mit diametra- 
len Conductor und Belegen dahinter. Die andere Ma- 
schine B mit vertikalem Kamm oben, Bügel rechts, Be- 
leg links. 

Der Strom der Maschine A erregt schon während der Ver- 
bindung derselben mit B in dieser einen ihm entgegengesetz- 
ten Strom, der sich auch nach der Trennung beider Maschinen 
erhält. Der vertikale Hülfskamm strömt dabei positive Elektri- 
cität in langen Pinseln aus, wenn der mit ihm verbundene links 
liegende Elektrodenkamm die negativen Lichtpunkte zeigt. Am 
rechtsliegenden positiven Elektrodenkamm erscheinen während der 
Einströmung nur schwache Pinsel, nachher stärkere. 
[1870] 21 



292 Gesammtsltzung 

Zweiter Fall: Maschine A wie vorhin armirt. Ma- 
schine B mit vertikalem Kamm unten, Bügel links, Be- 
leg rechts. 

Dieser Fall ist identisch mit dem ersten, da das Ganze von 
Conductor, Bügel und Beleg in der Maschine B nur um 180° ge- 
dreht ist. Man erhält also auch in diesem Fall in B einen wider- 
sinnigen Strom mit dem in A. 

Dritter Fall: Maschine A wie vorhin armirt. Ma- 
schine B mit vertikalem Kamm oben und unten, Bügel 
oben rechts, unten links, Beleg oben links, unten 
rechts. 

In diesem Fall erregt der Strom A nur einen äufserst schwa- 
chen Strom in B, der vielleicht blos einer Unregelmäfsigkeit in 
dieser Maschine seine Entstehung verdankt. 

Vierter Fall: A wie vorhin armirt; B mit vertika- 
lem Kamm oben oder unten; Beleg und Bügel auf 
einerlei Seite. 

In diesem Fall giebt B einen gleichsinnigen Strom mit 
dem von A, wie wenn der laterale Conductor nicht da wäre. 

Ist die Maschine A nicht mit diametralen Conductor und Be- 
legen armirt, so hat man im ersten Fall wiederum das interessante 
Schauspiel der Reaction, von welcher schon S. 285 die Rede war. 
Der Strom von A erregt in B einen entgegengesetzt gerichteten 
und wird darauf von diesem umgekehrt, so dafs nun beide Ströme 
in gleicher Richtung gehen. 

Geladene Flaschen verhalten sich gegen die mit dem lateralen 
Conductor armirte Maschine genau so wie gegen die mit dem dia- 
metralen Conductor versehen. 

Im ersten und zweiten der eben erwähnten Fälle zeigen sie die 
anomale Erscheinung, dafs sie die entgegengesetzte Elektricität von 
der, mit welcher sie geladen wurden, auf die Maschine ausströmen, 
und im vierten Falle die gleiche. 



Verhalten der Elektromaschine zweiter Art. 

Die Elektromaschine zweiter Art, d. h. die mit zwei wider- 
sinnig rotirenden Scheiben ist neuerdings von Hrn. Dr. Holtz 
wesentlich gegen die frühere verändert worden. Nicht allein, dafs 



vom 12. Mai 1870. 293 

die Scheiben vertikal gestellt sind, während sie früher horizontal 
lagen, ist auch die Maschine mit zwei beweglichen diametralen 
Conductoren versehen. Der eine befindet sich auf Seite der Elek- 
troden, der andere auf der Rückseite der Scheiben, wogegen die 
frühere Maschine vier oder fünf feststehende Metallkämme besafs. 

Nur der erste dieser drehbaren Conductoren ist gewissermas- 
sen als überflüssig zu betrachten, da die Maschine auch ohne ihn 
zur Wirksamkeit gelangt und er nur den Zweck hat, die Strom- 
Umkehrungen zu verhüten, welchen Zweck er übrigens nur bedin- 
gungsweise erfüllt. Der zweite Conductor dagegen, der an der 
Rückseite der Scheiben, der für gewöhnlich lothrecht gestellt wird, 
ist unumgänglich nothwendig: ohne ihn ist keine Wirkung der 
Maschine möglich. 

Von diesem letzteren werde ich hier absehen, da es nicht in 
meinem Plan liegt, gegenwärtig in eine vollständige Untersuchung 
über die Elektromaschine zweiter Art einzugehen. Ich werde nur 
den vordem Conductor in Betracht ziehen, um sein Verhalten mit 
dem des entsprechenden Conductors an der Maschine erster Art zu 
vergleichen. 

Zuvörderst mufs ich bemerken, dafs zwischen diesen beiden 
Conductoren ein wesentlicher Unterschied besteht. Bei der Ma- 
schine erster Art kann der drehbare Conductor so ziemlich eine 
jede Lage haben, und man erhält doch immer zwischen den Elek- 
troden, wenn sie nur nicht zu weit von einander stehen, eine mehr 
oder weniger kräftige Wirkung. Bei der Maschine zweiter Art 
dagegen mufs der vordere Conductor eine durch die Rotation be- 
dingte Lage haben, wenn man überhaupt eine nutzbare Wirkung 
erlangen will. 

Wenn die vordere Scheibe in rechtläufige d. h. schraubenrechte 
Rotation versetzt ist, mufs der Conductor vor ihrem ersten und 
dritten Quadranten stehen; steht er vor dem zweiten und vierten 
Quadranten, so erhält man zwischen den Elektroden, auch wenn 
sie einander noch so sehr genähert sind, gar keine Wirkung, nicht 
weil die Maschine alsdann keine Elektricität entwickelte, sondern 
weil dieselbe ihren Weg lediglich durch die beiden Conductoren 
nimmt. Um in diesem Fall einen Strom zwischen den Elektroden 
zu erhalten, mufs man die vordere Scheibe in rückläufige Rota- 
tion versetzen. 

21 f. 



294 Gesammtsitzung 

In der Erregungsweise durch Elektricität, die man mittelst der 
Elektrodenkämme auf die vordere rotirende Scheibe einströmen 
läfst, findet gar kein Unterschied zwischen den Maschinen zweiter 
und erster Art statt, die Elektricität mag nun von geladenen Fla- 
schen oder von einer andern Maschine geliefert werden. 

Die Flaschen senden entweder dieselben Elektricitäten , mit 
denen sie geladen sind, oder die entgegengesetzten auf die rotirende 
Scheibe, je nachdem die Maschine ohne oder mit vorderem Con- 
duetor versehen ist, ganz wie in den analogen Fällen der Erre- 
gung der Maschine erster Art (S. 283 u. 284). 

Ebenso verhält sich die Maschine zweiter Art gegen den 
Strom einer Maschine erster Art, die mit Conductor und Papier- 
belegen versehen ist. Ohne Conductor kommt sie in gleichsinni- 
ger, mit demselben in widersinniger Richtung gegen letzteren zur 
Thätigkeit. 

Soll indefs bei der Maschine zweiter Art der Conductor eine 
nutzbare "Wirkung ausüben, so mufs er, wenigstens wenn man 
rechtläufig dreht, vordem ersten und dritten Quadranten stehen. 
Ist das nicht der Fall, steht er vor dem zweiten und vierten Qua- 
dranten, so erhält man zwischen den Elektroden der Maschine kei- 
nen Strom, man mag die eine oder die andere Elektricitätsquelle 
auf sie einströmen lassen. 

Die Maschine kommt freilich auch in diesem Falle zur vollen 
Thätigkeit, aber dieselbe ist keine nutzbare, da sie beschränkt ist 
auf die beiden Conductoren, den vorderen und den hinteren, die 
aus ihren unteren Kämmen lange positive Lichtpinsel aussenden, 
wenn der rechten Elektrode negative und der linken positive Elek- 
tricität zugeführt wird. Diese Thätigkeit besteht sowohl während 
der Einströmung als nach derselben. Dreht man, nach Abtrennung 
von der erregenden Maschine, den Conductor in den ersten und 
dritten Quadranten zurück , und läfst darauf die vordere Scheibe 
rechtläufig rotiren, so bekommt man zwischen den Elektroden einen 
Strom, der dem von jener Maschine gleichgerichtet ist. 

Stellt man denselben Versuch mit geladenen Flaschen an, in- 
dem man die positive an die linke Elektrode und die negative an 
die rechte anlegt, während der Conductor vor dem zweiten und 
vierten Quadranten steht, so bekommt man ganz dieselbe Erschei- 
nung, d. h. nur Lichtphänomen an den beiden Conductoren, deren 
untere Kämme positive Lichtpinsel aussenden, aber keinen Strom 



vom 12. Mai 1870. 295 

Zwischen den Elektroden. Entfernt man dann die Flaschen, die 
hierbei still entladen werden, stellt den Condnctor vor den ersten 
und dritten Quadranten, so erhält man, immer rechtläufige Rotation 
bei der vorderen Scheibe vorausgesetzt, zwischen den Elektroden 
einen Strom von eben der Richtung, wie ihn die Flaschen bei 
Abwesenheit des vorderen Conductors erregt haben würden. 



Beschreibung der neuen Doppelmaschine. 

Die Construction dieser Doppelmaschine wurde, wie schon ge- 
sagt, durch die Thatsache an die Hand gegeben, dafs zwei einfache 
Maschinen, sobald sie mit diametralen Conductoren und Papicrbe- 
legen armirt sind, bei ihrer Verbindung Ströme von entgegenge- 
setzter Richtung liefern, die, wenn man zwischen den Verbindungs- 
drähten eine Brücke schlägt, dieselbe in gleicher Richtung durch- 
laufen, folglich sich daselbst addiren. 

Zu dem Ende sind, wie die Abbildung auf beigefügter Tafel 
zeigt, auf einem Fufsbrett zwei einfache Maschinen erster Art von 
der neuen Einrichtung mit einseitiger Axe parallel neben einander 
aufgestellt, solchergestalt, dafs die rotirenden Scheiben, die 15-J- 
par. Zoll im Durchmesser halten, nach innen liegen. 1 ) In der 
Mitte des Abstandes zwischen beiden Maschinen, der sehr nahe 
10 par. Zoll beträgt, erheben sich zwei starke Ebonitsäulen, wel- 
che die Elektroden tragen. Jede dieser Elektroden besteht zunächst 
aus einem horizontalen Arme, der die elektrische Verbindung bei- 
der Maschinen herstellt, und gegen die rotirenden Scheiben dersel- 
ben an beiden Enden in Metallkämmen ausläuft. Von der Mitte 
dieser Arme gehen messingene Träger senkrecht in die Höhe, oben 
in Kugeln endigend, deren horizontale Durchbohrungen die ver- 
schiebbareu Theile der Elektroden aufnehmen. 

Alle diese metallenen Theile sind hohl und von beträchtlichem 
Durchmesser (8 bis 9 Lim), wodurch ein wesentlicher Fehler in 



3 ) Aus dem vorhin S. 291 und S. 292 Mitgetheilten wird einleuchtend 
sein, dafs die neue Doppelmaschine auch aus Maschinen erster Art, wenn 
sie mit lateralem Conductor versehen sind, sowie aus Maschinen zweiter Art 
zusammengesetzt werden könnte. Es würde dies Beides aber keinen Vortheil 
gewähren. 



296 Gesammtsitzung 

der bisherigen Construction der Elektromaschinen, die Ausstrahlung 
von Elektricität aus den dünnen Stangen nämlich, vermieden wird. 
Zu gleichem Zweck sind die verschiebbaren Elektroden an ihren 
äufsern Enden nicht mit Ebonit-Handgriffen versehen, sondern mit 
Metallkugeln von gut 2| par. Zoll Durchmesser. Durch diese Ein- 
richtung ist die schädliche Ausstrahlung vermieden; sie macht aber 
einen Ebonitschlüssel nöthig, um die Elektroden während des Stro- 
mes verschieben zu können, was übrigens nur selten nothwendig 
sein dürfte. 

Wegen der beträchtlichen Dicke der Elektroden können auf 
ihre einander zugewandten Enden nicht unmittelbar Kugeln aufge- 
steckt werden. Die Röhren, aus denen die Elektroden gebildet 
sind, haben daher vorn auf einer Strecke von etwa anderthalb Zoll 
eine metallische Füllung, in deren Durchbohrung aufgeschlitzte 
Stifte eingeschoben sind. Auf die herausragenden Enden dieser 
Stifte werden nun die Kugeln aufgesteckt, zwischen denen man 
Funken überschlagen lassen will. 

Jede der Maschinen hat einen besondern Schnurlauf, aber 
beide Schnurläufe werden durch eine gemeinsame Kurbel, deren 
Axe zwei gleich grofse Rollen trägt, in Bewegung gesetzt. Die 
Schnüre sind vorher möglichst gleichlang gemacht, so dafs eine 
geringe Verstellung der Axe, ohne weitere künstliche Vorrichtung, 
hinreichend ist, sie in gleicher Spannung zu erhalten. 

Die Rotation beider Scheiben geschieht also mit gleicher Ge- 
schwindigkeit, und, mechanisch genommen, auch in gleicher Rich- 
tung. Allein in elektrischer Beziehung rotiren beide Scheiben ent- 
gegengesetzt, weil nämlich die Elektrodenkämme für die eine an 
der linken Seite und für die andere an der rechten liegen. Des- 
halb haben auch die gezahnten Belege der einen Scheibe die um- 
gekehrte Lage von denen der andern. Die Rotation wird übrigens 
durch die zwei Scheiben nicht im Geringsten erschwert; die Dop- 
pelmaschine rotirt eben so leicht, wie die einfache. 

Von sonstiger Einrichtung der Doppelmaschine will ich nur 
erwähnen, dafs die lothrechten Stützen, welche die verschiebbaren 
Elektrodentheile tragen, aus zwei in einander geschobenen Röhren 
bestehen, damit sie nach Bedürfnifs verlängert werden können, um 
so die Elektroden nicht allein in Niveau mit den oberen Scheiben- 
rändern zu bringen, sondern auch noch einige Zoll darüber zu er- 
heben; dafs ferner die Kugeln am obern Ende der lothrechten 



vom 12. Mai 1870. 297 

Träger auch eine vertikale Einbohrung besitzen, um kleine Ebonit- 
stützen aufzunehmen, welche zum Halten von Geifs ler sehen Röh- 
ren, Thermometern oder anderen Gegenständen bestimmt sind; 
endlich dafs der Maschine, statt zwei Flaschen, vier von der be- 
kannten Form und Gröfse beigegeben sind, welche an die unteren 
Querarme der Elektroden angesetzt werden. 

Von ruhenden Scheiben habe ich dreierlei Paare angewandt. 
Erstens die gewöhnlichen mit zwei Ausschnitten und daran sitzen- 
den gezahnten Belegen. Zweitens die von mir bei der S. 290 er- 
wähnten neuen Combination benutzten mit vier Ausschnitten, von 
denen zwei ohne gezahnte Belege sind. Und drittens die früher 
von mir empfohlenen (Monatsberichte, 1869, April) ohne Ausschnitt 
mit blofsen Durchbohrungen. Für gewöhnlich habe ich indefs das 
erstere Paar angewandt, und mich der beiden anderen nur zu be- 
sonderen Zwecken bedient. 

Um die Maschine auseinander nehmen zu können, ist von 
Hrn. Borchardt die Vorrichtung getroffen, dafs die Elektroden- 
kämme in einer in den Ebonitsäulen befestigten Hülse stecken 
und diese Säulen selbst wiederum um 90° drehbar sind. Demge- 
mäfs werden die Kämme erst ein wenig von den Scheiben abge- 
schoben 1 ), dann senkrecht gestellt, und nun die Ebonitsäulen um 
90° gedreht, nachdem man die zu ihrer Befestigung dienenden 
eisernen Schraubenmütter am Fufse derselben etwas gelüftet hat. 
Jetzt kann man die Scheiben abtrennen, um sie entweder zu 
reinigen oder durch andere zu ersetzen. 2 ) Zur Wicderherstel- 



1 ) Statt dessen kann man auch die an dem einen Ende der Elektroden- 
kämme befindlichen Ebonitschrauben, welche zum Auseinanderhalten der bei- 
den Scheiben dienen, so weit zurückdrehen, dafs sie vor der rotirenden 
Scheibe vorbeigehen. 

3 ) Die rotirenden Scheiben dieser Doppelmaschine sind nicht gefirnifst, 
die ruhenden sind es sehwach. Um letztere von dem Staube zu reinigen, 
der sich auf sie absetzt, hat man sie bekanntlich mit einem nassen Lappen 
oder mit feuchtem Löschpapier abzuwischen. Bei längerem Gebrauche bilden 
sich aber auch Flecke auf denselben, die nicht auf diese Weise zu entfernen 
sind. Um diese fortzuschaffen und den Scheiben ihre ursprüngliche Sauber- 
keit zu geben, ist nichts geeigneter als das Abreiben mit Petroleum, wel- 
ches auch von der Scheibe der gewöhnlichen Elektrisirmaschine die bekann- 
ten schwarzen Amalgamflecke am schnellsten fortnimmt. Äther ist weniger 
gut, zumal er den Firnifs angreift, wenn er nicht alkoholfrei ist. 



298 Gesammtsitzung 

lang der Maschine wird begreiflich in umgekehrter Weise ver- 
fahren. 



Erregungsweise der Doppelmaschine. 

Die Doppelmaschine läfst sich durch jede der drei vorhin 
(S. 282) beschriebenen Methoden mit grofser Leichtigkeit in Thä- 
tigkeit setzen. 

Die erste derselben, die Erregung von der Rückseite her, be- 
werkstellige ich gewöhnlich, wie bei der einfachen Elektromaschine, 
durch eine kleine Flasche (von etwa 20 Quadratzoll äufserer Be- 
legung), die an einer Elektrisirmaschine von auch nur geringer 
Gröfse geladen worden ist. Wenn man eine solche Maschine zur 
Hand hat, finde ich dies Erregungsmittel bequemer und sicherer 
als das der geriebenen Ebonitplatte, deren Elektrisirung durch Rei- 
bung bisweilen viele körperliche Anstrengung erfordert. 

Vor Anlegung der Flasche müssen jedoch, wenn die diame- 
tralen Conductoren einen beträchtlichen Winkel mit dem Horizont 
bilden, die Scheiben schon fest mit grofsen Belegen versehen sein. 
Ist dies nicht der Fall, und will man sie nicht mit Wachs u. dgl. 
ankleben, weil dies das beim Experimentiren oft nöthige Abnehmen 
derselben erschwert, so mufs man die Scheiben erst anderweitig 
elektrisiren , damit die Belege durch elektrische Adhäsion haften 
bleiben. Diese Elektrisirung geschieht am einfachsten, wenn man 
die erwähnten Elektroden, bevor man die Flasche anlegt, einen 
kleinen Winkel mit dem Horizont machen läfst. Die Belege ad- 
häriren dann bald und bleiben tagelang haften, wenn auch unter- 
defs die Maschine ganz wirkunglos geworden ist. 1 ) 



*) Die blos adhärirenden Belege zeigen bisweilen die eigentümliche Er- 
scheinung, dafs sie während des Stromes von den Scheiben abgestofsen, förm- 
lich aufgerollt und weggeschleudert werden. Vorzugsweise beobachtete ich 
dieses, wenn sie aus dem allerdünnsten Postpapier geschnitten waren, wel- 
ches im Übrigen, aufgeklebt, seinem Zweck sehr gut entspricht. Ich wende 
daher etwas dickeres Papier an, bei welchem der genannte Übelstand selte- 
ner eintritt. Wenn er auch bei diesem erfolgt, was gewöhnlich an dem den 
Zähnen zugewandten Ende der Belege zuerst zu geschehen pflegt, so drücke 
ich das Papier durch einen Ebonitstreifen wiederum sanft gegen die Scheibe. 



vom 12. Mai 1870. 299 

Um die Doppelmaschine schnell zu erregen, ist es gut, die 
Elektroden zuvor auseinander zu ziehen. Legt man dann die 
Flasche an einen der Belege der einen Partialmaschine , so kom- 
men beide gleichzeitig in entgegengesetzte Thätigkeit. 1 ) 

Es schadet freilich nicht, wenn die Elektroden zusammenge- 
schoben sind; denn kommt auch dann zunächst nur diejenige Par- 
tialmaschine in Thätigkeit, welche man mit der Flasche berührt 
hat, so bringt doch diese die zweite auch zur Wirksamkeit, sowie 
man die Elektroden auseinander zieht. Nur geht dann der Erre- 
gungsprocefs etwas langsamer von Statten. 

Bei zusammengeschobenen Elektroden kann man auch die bei- 
den Partialmaschinen gleichsinnig erregen, indem man die eine 
an ihrem linken und die andere an ihrem rechten Beleg mit 
der Flasche berührt. Diese Gleichsinnigkeit erhält sich, so lange 
die Elektroden in Berührung bleiben und selbst noch ein Weile, 
nachdem man diese auseinander gezogen hat; allein es dauert nicht 
gar lange, so kehrt sich der eine oder andere Partialstrom um, 
beide gehen Avidersinnig und dadurch kommt dann der Doppel- 
strom zwischen den Elektroden zum Vorschein. 

Ist einmal die Doppelmaschine vollständig erregt, so kann 
man ohne Nachtheil die diametralen Conductoren entfernen, sobald 
nur die Elektroden in Berührung gehalten werden. Ja man kann 
diese sogar um einen Zoll und mehr auseinander ziehen, ohne die 
Wiedersinnigkeit der Partialströme zu stören, und ohne also den 
Doppelstrom zu vernichten. Entfernt man sie aber weiter, so kehrt 
sich der Strom der einen oder andern Partialmaschine um, läuft 
mit dem der zweiten gleichsinnig und damit hat dann der Doppel- 
strom seine Endschaft erreicht. 

Hat man vor der Erregung die Conductoren abgenommen, so 
kann begreiflich von dem Doppelstrom nicht die Rede sein; allein, 
wenn dabei die Elektroden zusammengeschoben sind, so kommt 
doch bei Anlegung der Flasche eine der Partialmaschinen zur 



l ) Dieselbe Übertragung von einer Partialmaschine zur andern findet auch 
statt, wenn die ruhenden Scheiben vier Ausschnitte haben, zwei mit kleinen 
Belegen und zwei ohne dieselben. Die Elektroden, deren Bogen hierbei die 
Stelle des diametralen Conductors vertritt, müssen aber nothwendig auseinan- 
der gezogen sein, sonst erfolgt keine Erregung. 



300 Gesammtsitzung 

Wirksamkeit, nämlich diejenige, deren Beleg man berührt hat; die 
andere bleibt unthätig. Sie verharrt in dieser Unthätigkeit selbst 
wenn man die Elektroden ein wenig auseinander zieht, allein nur 
eine Zeitlang, dann wird auch sie durch den Einflufs der ersten 
Maschine erregt, und da es gleichsinnig mit dieser geschieht, ver- 
schwindet damit zwischen den Elektroden der Partialstrom, den 
man anfangs bekam. 

Bei der zweiten Erregungsmethode, von der Vorderseite her 
durch geladene Flaschen oder einen Maschinenstrom, kommen diese 
Verhältnisse nicht vor, da sie nothwendig eine Trennung der Elek- 
troden voraussetzt. Sonst aber zeigt dabei die Doppelmaschine 
alle die Merkwürdigkeiten, welche der einfachen Maschine eigen sind. 

Es versteht sich übrigens von selbst, dafs die Doppelmaschine 
vermöge ihrer beiden Partialm aschinen Gelegenheit giebt, alle die 
Erscheinungen zu beobachten, welche bei gegenseitiger Einwirkung 
zweier einfachen Maschinen auftreten und vorhin (S. 285) beschrie- 
ben wurden. 

Ebenso kann man leicht das S. 288 erwähnte Rotationsphä- 
nomen darstellen. Wenn man nämlich an der vollständig mit Con- 
ductoren und Papierbelegen armirten Doppelmaschine die eine der 
Partialmaschinen von ihrem Schnurlauf befreit, und nun die andere 
mittelst der Kurbel rechtläufig dreht, so geräth die erstere von 
selbst in eine ganz schnelle rückläufige Rotation, sobald nur die 
Elektroden hinreichend auseinander gezogen sind. Dabei senden 
die an einem und demselben Querarm befindlichen Elektrodenkämme 
entgegengesetzte Elektricitäten aus, so dafs also von einem Dop- 
pelstrom nicht die Rede sein kann. Hat man den Conductor vor 
die unbelegten Quadranten der ersten Partialmaschine gestellt, so 
vermag ihre bewegliche Scheibe in beiden Richtungen zu rotiren, 
aber nicht so schnell. An der rückläufig rotirenden Scheibe 
haben übrigens die positiven Lichtpinsel eine verkehrte Lage, sind 
nämlich zwar, wie immer, dem Sinn der Rotation entgegen ge- 
richtet, aber auch entgegen den Zähnen der Belege. 



Leistungen der Doppelmaschine. 

Von den Leistungen der Doppelmaschine will ich hier nur 
die leuchtenden Entladungen in Betracht ziehen, die in freier Luft 



vom 12. Mai 1870. 301 

mit und ohne Beihülfe von Flaschen zwischen ihren Elektroden 
stattfinden. 

a) Entladung 'S ströme mit Beihülfe von Flaschen. 

Unter Funken sind hier immer die Entladungsfunken der klei- 
nen, der Maschine beigegebenen Flaschen von 10^ Quadratzoll 
äufserer Belegung und 1^ Lin. Glasdicke verstanden. 

Zwischen Kugeln von 10 par. Lin. Durchmesser erhalte ich 
diese Funken, ohne die Elektroden vorher einander näher gestellt 
zu haben, so lang, wie es die Dimensionen der Maschine gestatten, 
d. h. von 8 par. Zoll (21,7 Centim.) Länge, w r as den Abstand 
zwischen den Elektrodenkämmen fast um einen halben Zoll über- 
trifft. 1 ) Dabei sind sie von einer Kräftigkeit, wie man sie bisher 
von Scheiben gleicher Gröfse noch nicht erhalten haben möchte, 
und noch mehr ist dies der Fall, wenn man alle vier der Maschine 
beigegebenen Flaschen anwendet. Ich glaube sogar, dafs man die 
Intensität der Funken, ohne Benachtheiligung ihrer Länge, noch 
viel weiter erhöhen könnte, wenn man gröfsere Flaschen von ge- 
eigneter Gestalt und hinreichender Breite ihres unbelegten Randes 
anwendete. 

Es ist aber nicht allein die Länge und Kräftigkeit der 
Funken, wodurch sich die Doppelmaschine zu ihrem Vortheil aus- 



1 ) Zwischen gröfseren Kugeln sind sie natürlich kürzer. Kugeln von 
18 Lin. Durchmesser geben nur 5 zöllige Funken. Nehme ich aber blofs 
zur negativen Kugel eine von 18 Lin., so sind die Funken wiederum so lang 
als es dann die Dimensionen der Maschinen verstatten, nämlich 7-g- Zoll. 

Als eine zwar nicht ganz unbekannte, aber doch immerhin bemerkens- 
werthe Thatsache will ich hier noch anführen, dafs, wiewohl man zwischen 
Kugeln von 10 Lin. Durchm. die Funken ohne alle Schwierigkeit von 8 Zoll 
Länge erhält, sie doch verschwinden, wenn man die negative Elektrode 
etwa 2 Zoll einschiebt, und erst wieder zum Vorschein kommen, wenn man 
diese Einschiebung bis auf etwa 6 Zoll verlängert hat. In dem Intervall von 
4 Zoll (worin man freilich durch einen der negativen Elektrode genäherten 
Metallkamm die Funken auch wieder hervorrufen kann) erscheint an der ne- 
gativen Elektrode ein kurzer zischender Büschel und an der positiven blaues 
Glimmlicht. 

Endigt die negative Elektrode in einer Kugel von 18 Lin. Durchmesser 
oder endigen beide Elektroden in einer solchen Kugel, so ist von ebenge- 
nannter Erscheinung nichts zu sehen^ 



302 Gesammtsitzung 

zeichnet, sondern auch die Leichtigkeit und Sicherheit, mit 
der man sie erhält. 

Meine einfache Maschine, eine sehr gute der neueren Construc- 
tion, giebt auch wohl Funken von 7, ja sogar von 8 par. Zoll, 
aber sie giebt sie nur selten, die letztern sogar äufserst selten, 
und, wenn sie dieselben giebt, so geschieht es nur für eine Weile; 
dann verschwinden sie, und es ist nicht möglich, sie und selbst 
kürzere wieder hervorzurufen. 

Bei der Doppelmaschine dagegen erscheinen die Funken vom 
ersten ab in ununterbrochener Reihenfolge, so lange wie man will, 
schon bei ganz langsamer Rotation der Scheiben (etwa 3 bis 4 
Umläufe in der Sekunde) und ohne dafs man nöthig hat, die Elek- 
troden erst auf einen kleineren Abstand einzustellen. Diesen Vor- 
zug schreibe ich dem Umstände zu, dafs durch die beträchtlichen 
Dimensionen ihrer metallischen Theile die schädliche Ausstrahlung 
vermieden ist, welcher die bisherigen Maschinen in so hohem Mafse 
ausgesetzt sind. 1 ) 

Die Funkenbildung in der Doppelmaschine bestätigt in recht 
auffallender Weise das, was vorhin S. 277 über die Noth wendig- 
keit eines bestimmten Winkels für den Conductor gesagt worden 
ist. Um das Maximum der Funkenlänge von 8 par. Zoll zu er- 
halten, reicht ein Winkel von 45° gegen den Horizont nicht aus, 
vielmehr müssen die Conductoren bis zu 70°, 75° und mehr ge- 
neigt werden. Andererseits kann man beobachten, dafs sich bei 
einem Winkel von 30° kürzere Funken, z. B. von 4 Zoll Länge, 



!) Ich zweifle daher auch gar nicht, dafs die einfache Maschine, wenn 
man sie mit ähnlichen voluminösen Elektroden versähe, wie sie die neue 
Doppelmaschine besitzt, auch eben so lange Funken mit Sicherheit geben 
würde wie letztere, nur freilich nicht in solcher Menge. Die Länge der 
Funken scheint unter gleichen Umständen, wie auch schon früher bemerkt 
worden, nur von der Gröfse der rotirenden Scheibe abzuhängen, oder, ge- 
nauer gesprochen, von der Länge der Kreisbögen, welche die Theile dieser 
Scheibe von dem einen Elektrodenkamm zu dem andern zurückzulegen haben. 
Viel länger als der gegenseitige Abstand dieser Kämme können die Funken 
überhaupt nicht werden. Zuweilen schlagen sogar schon bei geringerem Ab- 
stände der Elektroden von einander die Funken nicht zwischen diesen über, 
sondern von dem einen Kamm zum Conductor und von diesem zum andern 
Kamm. 



vom 12. Mai 1870. 303 

wohl auf Seite des negativen Elektrodenhalters entwickeln lassen, 
nicht aber auf Seite des positiven. 

Eine andere merkwürdige Beobachtung, die man freilich bei 
jeder Elektromaschine, nur nicht so ausgeprägt wie bei der Dop- 
pelmaschine machen kann, besonders wenn man Funken von 8 Zoll 
durch sie entwickelt, betrifft die Einwirkung von Spitzen auf die 
Funkenbildung. 

Nimmt man einen Metallkamm in die Hand und nähert ihn, 
während des Überschlagens der Funken, der äufsern Kugel der 
positiven Elektrode nur einen Augenblick, so verschwinden die 
Funken, und es dauert eine ganze Weile, ehe sie wiederum zum 
Vorschein kommen. Sie folgen dann in einem relativ langsamen 
Tempo auf einander, das aber, bei gleicher Rotationsgeschwindig- 
keit der Maschine, beschleunigt wird, wenn man nun den Kamm 
gegen die äufsere Kugel der negativen Elektrode hält. Eine 
einzige Spitze, eine feine Nähnadel, thut dieselben Dienste. 

Je gröfser die Funkenlänge ist, desto gröfser ist auch die 
Entfernung, von welcher aus die Spitzen diese fast magische Wir- 
kung ausübten. Achtzöllige Funken werden schon aus einer Ent- 
fernung von sechs Zoll vernichtet, und aus einer fast eben so gro- 
fsen wieder hergestellt. Zu grofse Nähe des Kamms an der ne- 
gativen Elektrode ist übrigens auch schädlich; sie unterdrückt die 
Funken ebenfalls und veranlafst das Ausbrechen eines Lichtbüschels 
aus der positiven Elektrode. 

Schon früher ist von mir und Anderen beobachtet worden, 
dafs, wenn anfangs die Funken nicht oder nicht recht erscheinen 
wollen, man sie hervorlocken oder in besseren Gang bringen kann, 
wenn man der negativen Elektrode einen Knöchel nähert. Die- 
selbe Wirkung übt in höherem Grade ein Spitzenkamm oder eine 
Nähnadel aus. 

Auf kürzere Funken, etwa von 2 bis 3 Zoll Länge, hat eine 
Spitze keine so entschiedene Wirkung; doch läfst sich auch bei 
diesen wahrnehmen, dafs sie dieselben verlangsamt oder beschleu- 
nigt, je nachdem sie der positiven oder negativen Elektrode ge- 
nähert wird. 

b) Entladung s ströme ohne Flaschen. 
Die Entladungsströme zwischen den Elektroden der Elektro- 
maschinen ohne Mitwirkung von Flaschen sind so mannigfaltig, 



304 Gesammtsitzung 

dafs die herkömmliche Unterscheidung der drei Formen von Funken-, 
Büschel- und Glimm-Entladung kaum eine ausreichende Anwendung 
auf sie gestattet. Sie wechseln aufserordentlich nach Gröfse und 
Gestalt der vordem Enden der Elektroden, nach Gröfse und Lage 
des Abstands zwischen ihnen. 

Bis auf etwa einen halben Zoll auseinander gezogen, hat man 
zwischen den Elektroden ein lichtschwaches violettes Band, das an 
der positiven Seite in einem scharf abgeschnitten hellen Theil von 
Linienlänge endigt und dadurch das leichteste Erkennungsmittel 
des positiven Pols abgiebt. Wenn der Strom stark ist, und be- 
sonders wenn zugleich die Kugeln grofs sind, zerfällt dies violette 
Band in mehre ebenso gefärbte Bänder, die, offenbar vermöge der 
Erwärmung der Luft, nach oben gekrümmt sind, sich bald vereini- 
gen, bald wieder trennen. Welchen Namen soll man diesen Licht- 
Erscheinungen beilegen? — Es sind weder Büschel, noch Funken, 
in welche letztere sie aber augenblicklich übergehen, sowie man 
die positive Elektrode ableitend berührt. 

Entfernt man die Elektroden um einen Zoll und etwas mehr 
von einander, so erfolgt der Übergang der Elektricität zwischen 
ihnen in sehr hell leuchtenden Streifen, die sich ebenfalls bald 
trennen, bald wieder vereinigen, und die nach der negativen Elek- 
trode hin ganz deutlich einen dunklen Raum erkennen lassen. 

Diese Lichtstreifen, welche man wohl schon als eigentliche 
Funken betrachten kann, erscheinen noch bei einem Abstand von 
anderthalb Zoll zwischen den Elektroden, aber nur dann, wenn 
dieser Abstand auf der positiven Seite liegt, d. h. die positive 
Elektrode weit ausgezogen und die negative weit hineingeschoben 
ist. Liegt der Abstand auf der negativen Seite, so erhält man 
statt der compacten Lichtstreifen bereits einen in der Mitte aufge- 
schwollenen Büschel, in welchen von der positiven Elektrode aus 
geschlängelte Funken hineinfahren. 

Es würde ermüdend sein, alle die Formen zu beschreiben, 
welche der leuchtende Übergang der Elektricität je nach der Ent- 
fernung, Gröfse und Lage der Elektrodenkugeln annehmen kann. 
Ich will nur bemerken, dafs, wenn diese Kugeln, nach der positi- 
ven Seite hin, einen gewissen Abstand von einander hahen , man 
keinen sie verbindenden Lichtstreifen oder Lichtbüschel bekommt, 
sondern ein blaues Glimmerlicht an der positiven Kugel und einen 



vom 12. Mai 1870. 305 

kurzen lichtschwachen Büschel. an der negativen, während sich zu- 
gleich ein tiefer Ton hörbar macht, der in einen hohen zischenden 
übergeht, sowie man der positiven Elektrode einen Metallkamm 
nähert oder ihn ableitend berührt. Dieser Abstand entspricht den 
„schwachen Funken" des Hrn. Riefs, die man sogleich be- 
kommt, sowie man kleine Flaschen anlegt. Ich habe indefs diese 
Erscheinung nur bei der einfachen Elektromaschine gut beobachten 
können. 

Bei der Doppelmaschine ist begreiflich die Büschelbildung viel 
kräftiger als bei der einfachen, und wegen der Gröfse der Ober- 
fläche, welche die Elektricität bekleiden mufs, ehe sie die zum 
Durchbrechen der Luft erforderliche Dichtigkeit erlangt hat, eine 
weniger continuirliche als bei letzterer. 

Lange Büschel erhält man schon ganz gut zwischen zwei Ku- 
geln von 10 Lin. Durchmesser, nur sind sie dünn; kräftiger, aber 
freilich kürzer, sind sie zwischen zwei Kugeln von 18 Lin. Durch- 
messer. Am längsten, über 7 Zoll lang und zugleich sehr kräftig, 
habe ich sie erhalten, wenn ich die positive Elektrode mit einer 
der kleinern Kugeln und die negative mit einer der gröfsern versah. 
Nicht ganz so lang, aber fast noch schöner bekam ich den Bü- 
schel, als ich die negative Kugel durch eine Scheibe von 6 Zoll 
Durchmesser ersetzte. Er hatte dann gewissermafsen die Gestalt 
eines Paraboloids, dessen Basis der Scheibe zugewandt Avar. Ob- 
wohl auf dem scharfen Rand dieser aus dünnem Zinkblech ge- 
schnittenen Scheibe einzelne Punkte von Glimmlicht erschienen, so 
schadete dies doch dem Büschel durchaus nicht; er war besser aus- 
gebildet als bei zwei andern Scheiben mit umgelegten Rändern. 

Bei der Elektrisirmaschine besteht der positive Büschel ge- 
wöhnlich zunächst der Kugel, von welcher er entweicht, aus einem 
kurzen hellen Stiel, der sich weiterhin zu zarten Lichtfäden aus- 
breitet. Bei der Elektro-Doppelmaschine dagegen schiefsen, wenn 
der Abstand zwischen den Elektroden einige Zoll beträgt, fortwäh- 
rend verästelte und ziemlich compacte Blitze von der positiven Ku- 
gel aus in die zarte Lichthülle hinein, die sich bis zur negativen 
Elektrode erstreckt. 

Diese Erscheinung wird in hohem Grade verstärkt, wenn man 
die Maschine mit grofsen Conductoren versieht, ähnlich denen, die 
bei den Elektrisirmaschinen üblich sind. 



306 Gesammtsitzung 

Schon in meiner Arbeit: „Über die Wärme -Entwicklung in 
der Luftstrecke elektrischer Entladungen," x ) habe ich gezeigt, dafs 
es für die Wirkung solcher Conductoren gar nicht nöthig ist, sie 
der Länge nach von dem Strom durchlaufen zu lassen, sondern dafs 
es hinreicht, sie demselben seitwärts anzusetzen, um so für die 
Elektricität gleichsam eine Sackgasse zu bilden. Sie wirken also 
nicht sowohl durch ihr Leitungsvermögen, als vielmehr dadurch, 
dafs sie wegen ihrer grofsen Überfläche eine bedeutende Anhäufung 
von Elektricität gestatten, ohne sie, wie in der Leidner Flasche, 
zu verdichten. Deshalb und um sie von den früher besprochenen 
Hülfsconductoren genügend zu unterscheiden, finde ich es auch 
zweckmäfsiger, sie Collectoren oder C umulat oren zu nennen 
als Conductoren. 

Vermöge der eben genannten Eigenschaft ist es nun leicht, 
jede Elektromaschine und also auch die Doppelmaschine, wenn sie 
die von mir gewählte Einrichtung besitzt, mit Collectoren oder 
Cumulatoren zu versehen. Ich ziehe nämlich oben aus den Ku- 
geln, welche die verschiebbaren Theile der Elektroden aufnehmen, 
die ldeinen, zum Tragen von Hülfsapparaten bestimmten Stützen 
heraus und stecke statt deren die Zapfen hinein, welche an einem 
Ende der Collectoren angebracht sind. Diese, welche also senk- 
recht stehen, haben bei cylindrischer Gestalt eine Höhe von 2 Fufs 
und eine Oberfläche von 1\ Quadratfufs, ein jeder. Sind sie aus 
dünnem Blech gearbeitet, so beschweren sie die Maschine durchaus 
nicht, und lassen sich eben so leicht entfernen als wieder auf- 
setzen. 

Statt der ganz metallenen Collectoren habe ich auch wohl 
Leidner Flaschen oder blofs äufserlich mit Stanniol belegte Glas- 
eylinder angwandt, die auf Tellern ruhen, welche mittelst Zapfen 
oben in den Tragekugeln der Elektroden befestigt sind. 2 ) Diese 

!) Monatsberichte, 1867, Mai. 

2) Diese Teller sind von Holz, halten nahe 6 Zoll im Durchmesser und 
haben einen wulstigen Rand, um die Flaschen am Abgleiten zu hindern; ihre 
metallenen Zapfen, durch welche sie mit den Elektroden in leitender Verbin- 
dung stehen, gehen durch bis zur obern Fläche, die mit Stanniol belegt ist. 
Will man die darauf gestellten Flaschen laden, so müssen natürlich ihre in- 
neren Belege leitend verbunden werden. Solche Teller sind sehr bequem, 
um gröfsere Flaschen zu laden, für die sonst kein Platz ist an der Maschine. 
Ich habe daher sowohl die einfache als die doppelte mit ihnen versehen lassen. 



vom 12. Mai 1870. 307 

halb gläsernen Collectoren wirken ähnlich wie die metallenen, aber 
wegen ihrer geringeren Gröfse natürlich schwächer. 

Schon die kleineren Collectoren zeigen die aus der positiven 
Elektrodenkugel hervorschiefsenden Blitze in sehr verstärktem Grade 
und noch mehr ist dies der Fall bei den grofsen metallenen. 

Bei letzteren ist es nicht mehr ein reiner Büschel, was man 
erhält, sondern ein Gemisch von Büscheln und Funken. Durch 
eine zarte Lichthülle von ellipsoi'discher Gestalt schlagen fortwäh- 
rend Funken von einer Elektrode zur andern über, in so rascher 
Folge, dafs sie als ein zusammenhängender, vielfach geschlängel- 
ter Blitz erscheinen. Diese Funken, welche man von 7 Zoll Länge 
erhalten kann, sind bei weitem nicht so compact, so hell und ge- 
räuschvoll wie die Entladungsfunken der Leidner Flasche, aber 
man sieht sie doch noch sehr gut bei hellem Tageslicht, im Dunk- 
len freilich viel schöner. Sie haben viele Ähnlichkeit mit den 
Funken der Elektrisirmaschine. 

In dieser ausgeprägten Gestalt zeigt sich die Erscheinung, 
wenn die Maschine mit zwei Collectoren versehen ist, und zugleich 
die positive Elektrode in einer kleineren Kugel (10 Lin. Duchmes- 
ser) und die negative in einer gröfsern (18 Lin. Durchm.) endigt. 

Nimmt man den negativen Collector ab, so sind die von 
der positiven Elektrode ausgehenden Funken kürzer, nicht mehr 
die negative Elektrode erreichend, aber dafür verästelter, während 
andrerseits der ellipsoi'dische Büschel heller und ausgebildeter er- 
scheint. 

Nimmt man dagegen den positiven Collector fort, so erhält 
man keine blitzähnliche Funken, sondern statt deren an der posi- 
tiven Elektrode einen gestielten Büschel, dessen Lichtfäden stark 
divergiren und sich bisweilen von den Fäden des negativen Bü- 
schels ganz abtrennen. 

Der Einflufs eines Metallkamms oder einer Spitze auf diese 
Büschel und blitzähnlichen Funken ist fast noch stärker als auf 
die compacten Entladungsfunken. Schon aus mehr als 6 Zoll Ab- 
stand von der positiven Elektrode vernichtet er sie gänzlich, und 
aus eben so grofser Entfernung von der negativen Elektrode ver- 
stärkt und beschleunigt er sie, wie man dies namentlich an dem 
schnelleren Tempo des knackenden Geräusches der Funken ver- 
nimmt. 

[1870] 22 



308 Gesammts'dzung 

Vergleich der neue n Doppelmaschine mit der älteren 
des Hrn. Holtz. 

Obwohl die neue Doppel maschine die einfache begreiflich in 
allen Wirkungen übertrifft, so ist es doch vorzugsweise die Bildung 
von Funken und Büscheln, worin sich diese Überlegenheit aus- 
spricht. Dies gilt auch in Betreff einer Maschine, die ihr eigent- 
lich an Wirkung gleich sein sollte, nämlich in Betreff der früher 
von Hrn. Dr. Holtz construirten Maschine, deren ruhende Scheibe 
vier s. g. Elemente oder Erregungsstellen besitzt. 

Diese Maschine, der ich neuerdings eine einfachere Gestalt 
gegeben habe, 1 ) ist, wiewohl sie nur eine ruhende Scheibe besitzt, 
doch auch als Doppelmaschine zu betrachten, da sich darin eben- 
falls zwei Partialströme von entgegengesetzter Richtung unterschei- 
den lassen, die hier bemerkenswertherweise ohne schrägen Conduc- 
tor zu Stande kommen, und sich in einer Brücke zu einem gleich- 
gerichteten Strom vereinigen. 

So wie ich diese Maschine abgeändert habe, steht vor den 
lothrechten Belegen der diametrale Conductor und vor den horizon- 
talen der aus den zusammengeschobenen Elektroden gebildete Bo- 
gen. Verbindet man nun Conductor und Bogen in ihren Mitten 
durch einen Leiter und erregt einen der gezahnten Belege auf ge- 
wöhnliche Weise, so erhält man in dieser Brücke (die aber bei 
der Erregung ganz geschlossen sein mufs oder wenigstens nur 
durch eine sehr kleine Luftstrecke unterbrochen sein darf) den 
Summenstrom, wobei die Kämme der Elektroden beide z. B. posi- 
tive Elektricität ausströmen, wenn die Kämme des Conductors 
beide negative abgeben. 

Insofern kommt also diese Maschine mit der neuen Doppel- 
maschine überein; allein in anderer Beziehung weicht sie sehr zu 
ihrem Nachtheii von dieser ab. 

So lange nämlich die Brücke aus einem Leiter besteht, thut 
sie gute Dienste, und daher mag sie bei Beobachtung der magne- 
tischen Wirkung oder der Erscheinungen in stark verdünnten Ga- 
sen ziemlich eben so viel leisten als die neue Maschine. Sowie 
man aber die Brücke in freier Luft irgendwo unterbricht, um Fun- 
ken zu erzeugen, nimmt der Strom rasch ab, und ehe man diese 



l ) Monatsberichte 1869, April, S. 327. 



vom 12. Mai 1870. 309 

Luftstrecke bis zu einem Zoll verlängert bat, ist er gewöhnlieh 
ganz erloscben. Von ßüscbeln ist überdies gar nicbt die Rede. 

Diesem Mangel ist nicbt durch einen Hülfsconductor abzuhel- 
fen, der auch hier gar nicht die Rolle wie bei der neuen Doppel- 
maschine spielen würde, da die Widersinnigkeit der Partialströme 
schon ohne ihn vorhanden ist. 

Die Abnahme der Funkenlänge, welche Hr. Dr. Holtz auch 
bei andern Maschinen wahrgenommen hatte, wenn er die Quantität 
der Elektricität durch Vermehrung der Erregungsstellen an. einer 
Scheibe zu vergröfsern suchte, sowie ähnliche Beobachtungen, die 
ich bei Verknüpfung zweier Maschinen durch Drähte machte, schie- 
nen der Vermuthung Raum zu geben, dafs Funkenlänge und Elek- 
tricitätsmenge in einem umgekehrten Verhältnifs zu einander stän- 
den, und ich mufs bekennen, dafs es zum Theil der Wunsch war, 
hierüber ins Reine zu kommen, der mich bewog, die neue Doppel- 
maschine construiren zu lassen. Durch sie ist denn diese Vermu- 
thung gründlich widerlegt. 



S c h 1 u f s b e m e r k u n g. 

Die neue Doppelmaschine ist, glaube ich, die vollkommenste 
Elektromaschine , welche bisher dargestellt worden, in Betreff so- 
wohl der Kräftigkeit ihrer Leistungen, als der Eleganz und Zweck- 
mässigkeit ihrer Construction. Ihr Bau ist ein ganz symmetrischer, 
und der Experimentator, welcher ihre Wirkungen einem gröfsern 
Auditorium zu zeigen hat, ist dabei sowohl diesem als der Ma- 
schine mit den Augen zugewandt. Sie eignet sich also ganz vor- 
züglich zu Vorlesungen, zumal sie, viel leichter als die einfache 
Maschine, durch einen Glaskasten gegen die feuchte Atmosphäre 
einer grofsen Versammlung geschützt werden kann. 

Dabei besitzt sie die nicht genug zu schätzende Tugend frei 
zu sein von den so störenden Strom-Umkehrungen; wenigstens 
habe ich dieselben bei trockner Luft bis jetzt nicht wahrnehmen 
können, obgleich ich sie mit allem Fleifse absichtlich hervorzurufen 
suchte. 

Täusche ich mich nicht, so hat mit dieser Maschine, falls 
nicht etwa noch ein ganz neues Princip aufgefunden wird, die 
weitere Vervollkommnung derselben ihren einstweiligen Abschlufs 

22* 



310 Gesammt sitzung 

gefunden. Freilich könnte man sie — was ich übrigens nicht 
einmal für rathsam halten mochte — in grösserem Mafsstabe dar- 
stellen und dadurch ihre Wirkung ansehnlich steigern; aber schwer- 
lich wird man doch über das Doppelte der Leistungen einer ein- 
fachen Maschine von gleichen Dimensionen hinauskommen, sobald 
man auf grofse Funkenlänge bestehen bleibt. 

Will man diese aufgeben, so bietet allerdings der schon von 
Hrn. Dr. Holtz eingeschlagene Weg, nämlich Vermehrung der 
Erregungsstellen an einer und derselben Scheibe, ein Mittel dar, 
die Quantität der Elektricität bedeutend zu vergröfsern. Ein 
Probe-Exemplar dieser Art, welches ich der Güte des Erfinders 
verdanke, und an einer Scheibe von fast drittehalb Fufs Durch- 
messer 20 Erregungsstellen besitzt, also die Elektricitätsmenge der 
einfachen Maschine verzehnfachen sollte, leistet in dieser Beziehung 
allerdings Bedeutendes, ist aber den Strom-Umkehrungen und an- 
deren Mängeln in dem Maafse ausgesetzt, dafs man durch sie den 
beabsichtigten Zweck noch nicht als erreicht ansehen kann. 

Die hier beschriebene Doppelmaschine hat nicht allein einen 
grofsen practischen Werth, sondern auch ein theoretisches Interesse 
von Bedeutung. Denn, wie vorhin gesagt, beruht ihre Wirkung 
darauf, dafs die Ströme der Partialmasehinen in entgegengesetzter 
Richtung gehen, und, damit sie dieses thun, müssen diametrale Con- 
ductoren angebracht sein. Ohne solche Conductoren entwickelt 
die Doppelmaschine genau eben so viel Elektricität wie mit den- 
selben; aber diese schlägt einen andern Weg ein, geht zwischen 
den rotirenden Scheiben gleichsam im Kreise herum, indem die 
Partialströme eine gleiche Richtung annehmen, Dadurch wird aber 
die Nutzwirkung vollständig annullirt. Zwischen den Elektroden 
geht durchaus kein Strom über, sobald beide Maschinen von glei- 
cher Kräftigkeit sind. 

Die Eigenschaft des diametralen Conductors, den Partialströ- 
men eine entgegengesetzte Richtung zu geben, nicht minder wie 
die analoge, die partielle Ladung von Flaschen zu erhöhen, scheint 
mir eine sehr wunderbare zu sein, welche sich für jetzt eben so 
wenig theoretisch erklären läfst, als man sie schwerlich a priori 
aufgefunden haben würde. 



310 Gesa mmt Sitzung 

gefunden. Freilich könnte man sie — was ich übrigens nicht 
einmal für rathsam halten möchte — in gröfserem Mafsstabe dar- 
stellen und dadurch ihre Wirkung ansehnlich steigern; aber schwer- 
lich wird man doch über das Doppelte der Leistungen einer ein- 
fachen Maschine von gleichen Dimensionen hinauskommen, sobald 
man auf grofse Funkenlänge bestehen bleibt. 

Will man diese aufgeben, so bietet allerdings der schon von 
Hrn. Dr. Holtz eingeschlagene Weg, nämlich Vermehrung der 
Erregungsstellen an einer und derselben Scheibe, ein Mittel dar, 
die Quantität der Elektricität bedeutend zu vergröfsern. Ein 
Probe-Exemplar dieser Art, welches ich der Güte des Erfinders 
verdanke, und an einer Scheibe von fast drittehalb Fufs Durch- 
messer 20 Erregungsstellen besitzt, also die Elektricitätsmenge der 
einfachen Maschine verzehnfachen sollte, leistet in dieser Beziehung 
allerdings Bedeutendes, ist aber den Strom-Umkehrungen und an- 
deren Mängeln in dem Maafse ausgesetzt, dafs man durch sie den 
beabsichtigten Zweck noch nicht als erreicht ansehen kann. 

Die hier beschriebene Doppelmaschine hat nicht allein einen 
grofsen practischen Werth, sondern auch ein theoretisches Interesse 
von Bedeutung. Denn, wie vorhin gesagt, beruht ihre Wirkung 
darauf, dafs die Ströme der Partialmasebinen in entgegengesetzter 
Richtung gehen, und, damit sie dieses thun, müssen diametrale Con- 
ductoren angebracht sein. Ohne solche Conductoren entwickelt 
die Doppelmaschine genau eben so viel Elektricität wie mit den- 
selben; aber diese schlägt einen andern Weg ein, geht zwischen 
den rotirenden Scheiben gleichsam im Kreise herum, indem die 
Partialströme eine gleiche Richtung annehmen, Dadurch wird aber 
die Nutzwirkung vollständig annullirt. Zwischen den Elektroden 
geht durchaus kein Strom über, sobald beide Maschinen von glei- 
cher Kräftigkeit sind. 

Die Eigenschaft des diametralen Conductors, den Partialströ- 
men eine entgegengesetzte Richtung zu geben, nicht minder wie 
die analoge, die partielle Ladung von Flaschen zu erhöhen, scheint 
mir eine sehr wunderbare zu sein, welche sich für jetzt eben so 
wenig theoretisch erklären läfst, als man sie schwerlich a priori 
aufgefunden haben würde. 



Moiliilxhtnch/ ,1 Ix.Aä II' .Hai /S'/O. 



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vom 12. Mai 1870. 311 

Hr. W. Peters las über Platemys tuberosa, eine neue 
Art von Schildkröten aus British-Guiana. 

Unter den vielen interessanten Gegenständen aus British-Gui- 
ana, welche die Königlich zoologischen Sammlungen dem Eifer des 
Hrn. Richard Schomburgk verdanken, befindet sich ein Exem- 
plar einer Schildkröte in Weingeist, welches die wahrscheinlich 
sehr feinen Hornschilder verloren hat, sonst aber sehr wohl erhal- 
ten ist, und in seinem Reisewerke als „Platemys Hilarii Dum. 
Bibr. tt aufgeführt wurde. 1 ) Die hiesige Sammlung von Schild- 
kröten war zur Zeit der Herausgabe jenes Werkes verhältnifsmä- 
fsig sehr arm und die PL Hilarii nur nach der Beschreibung in 
der Erpetologie generale (II. p. 429) bekannt, während erst vor 
wenig Jahren eine Abbildung derselben in dem Werke von Ca- 
stelnau über die südamerikanische Fauna erschienen ist. 2 ) Diese 
letztere liefert aber den Beweis, dafs PL Hilarii in keiner Hinsicht 
von PL Geoffroyana Schweigger verschieden ist, sondern sehr 
wahrscheinlich nach jungen Exemplaren dieser letztern aufgestellt 
wurde, wie dieses sowohl aus dem in unserm Museum befindlichen 
Originalexemplare von PI. Geoffroyana Wag ler' s, wie aus der 
Vergleichung der reichen Sammlung des Hrn. Hensel aus Rio 
Grande de Sul und der Beschreibung in der Erpetologie generale 
hervorgeht. Das vorliegende Exemplar gehört dagegen einer sehr 
verschiedenen, durch die Convexität und die entwickelten Höcker 
ihres Rückenschildes sowie durch ihre Färbung sehr ausgezeichne- 
ten neuen Art an, über die ich mir erlaube, der Akademie eine 
genauere Mittheilung vorzulegen. 

Platemys tuber osa n. sp. (Taf. 1. 2.) 
PL testa altiore, carina spinali distincta, scutis vertebralibus Costa- 
libusque carinato-tuberosis ; supra fusca, albo-fimbriolata, subtus al- 
bida nigro-rivulata. 

Platemys Hilarii Troschel, R. Schomburgk, Reisen in British-Guiana, 
III. p.647. (non Dumeril et Bibron). 
Der Kopf dieser Schildkröte hat eine ähnliche Form wie der 
von PL Geoffroyana, die dünne Hornbekleidung der Oberseite des- 
selben ist in ähnlicher Weise in schuppenförmige Abtheilungen zer- 



x ) R. Schomburgk, Reisen in British-Guiana, III. p. 647. 

') Castelnau, Exped. dans V Amerique du Sud. Rept. p. 7. Taf. 1. 



312 Gesammtsitzung 

fällt und die Schläfengruben sind oben, wie man durch die Haut 
fühlen kann, durch eine Knochenbrücke von einander getrennt, 
welche doppelt so breit ist, wie die Interorbitalgegend. Die Augen 
sind einander mehr genähert und weniger entfernt von dem Lip- 
penrande als bei Exemplaren gleicher Gröfse jener Art, auch er- 
scheint die Schnauze merklich kürzer, indem ihre Länge f des 
Augendurchmessers gleich kommt. Die Haut des Halses erscheint 
grob granulirt oder knotig. Die Dorsalseite des Vorderarms ist 
mit zwei bis drei Reihen halbmondförmiger Schuppen, der hintere 
häutige Saum mit viel gröfseren platten Schuppen bekleidet und 
die sehr entwickelten Schwimmhäute, welche die fünf Finger bis 
zu den Krallen mit einander verbinden, ragen mit ihren freien con- 
vexen Rändern zwischen den letzteren hervor. Auf dem Unter- 
schenkel findet sich vor den beiden hintern Reihen halbmondför- 
miger Schuppen nur eine unvollkommene dritte Reihe mit kleine- 
ren ähnlichen Schuppen und unter den grofsen Schuppen seines 
Vorderrandes ragt die gröfste vorletzte höckerartig hervor; die 
Schwimmhäute der Zehen sind ähnlich entwickelt, wie die der 
Finger. Der Schwanz ist kurz und seine Haut grob granulirt. 

Der Panzer ist höher als bei irgend einer andern Art, was 
besonders herrührt von der stark gekielten Beschaffenheit der drei 
mittleren Vertebralschilder; er ist verhältnifsmäfsig breiter als bei 
gleich grofsen PI. Geoffroijana. Die tuberculöse Beschaffenheit der 
Costalschilder ist unter den bisher bekannten Arten von Platemys 
(Hydraspis Gray) characteristisch für diese Art. 

Das Sternum ist vorn mehr bogenförmig, weniger grade ab- 
geschnitten. Die Gularplatten sind verhältnifsmäfsig kleiner und 
kürzer, indem die Seiten des Winkels, mit welchem das Intergulare 
zwischen den Brachialplatten liegt, eine gröfsere Ausdehnung haben 
als bei PL Geoffroyana. Die Pectoralplatten sind nicht allein län- 
ger als die Brachialplatten, sondern auch als die Abdominalplatten 
und der innere Rand der Analplatten ist viel länger als der der 
Femoralplatten . 

Die Farbe der Oberseite des Kopfes und Halses ist jetzt braun. 
Eine breite schwarze Längsbinde an dem oberen Theile der Hals- 
seite theilt sich hinter dem Trommelfell nach vorn gabelförmig in 
einen oberen über das Trommelfall bis zum Auge verlaufenden 
Ast, dem ein seitlicher Schnauzenstreif entspricht, und in einen 
unteren an den Mundwinkel gehenden und die Lippenränder ein- 



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JPL.Ryhiz Wagner £ez u'lith. 



Platemvs tiiberösa Ptr, 



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Platerays tuberosa'Pt 



Debus 



vom 12. Mai 1870. 313 

fassenden Ast. Eine untere seitliche Halsbinde vereinigt sich vorn 
mit einer hufeisenförmigen Binde am innern Rande des Unterkie- 
fers und die Unterseite des Halses ist durch zwei unregelmäfsige 
tortuöse Längsbinden ausgezeichnet. Die Fufs- und Handsohlen, 
sowie die Aufsenseite der Extremitäten sind schwarz, am vordem 
und hintern Rande gelblich weifs gesäumt. Der Panzer ist oben 
braun, undeutlich gefleckt, am Rande mit einem schmalen weifsen 
Saum. An der Unterseite haben die vorderen und seitlichen Rand- 
schilder einen mittleren schwarzbraunen Längsstreifen und der weifse 
Grund des Sternums ist ausgezeichnet durch breite geschlängelte 
Binden und Flecke von schwarzbrauner Farbe. 

Kopflänge . . . 
Kopf breite . . . 
Kopfhöhe . . . 

Das einzige Exemplar stammt nach der Angabe des Hrn. Ri- 
chard Schomburgk aus dem Cotingaflusse am Roraimagebirge 
in British-Guiana. 



0™0315 


Länge des Panzers . 


. 0™127 


0™026 


Breite „ „ 


. 0™107 


0™01 5 


Höhe „ „ 


. 0™045 



Erklärung der Abbildungen. 

Taf. l.Fig. 1. Platemys tuber osa Ptrs. von unten; 

Fig. 2. Kopf derselben von oben. 
Taf. 2. Fig. 1. Panzer derselben von oben; Fig. 2. derselbe von der linken Seite. 
Sämmtliche Figuren in natürlicher Gröfse. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt : 

Sitzungsberichte der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien, phil.-hist. 

Klasse. 61. Bd. 2. u. 3. Heft. 62. Bd. 1. — 4. Heft. Math.-naturw. 

Klasse. 1869. 1. Abth. Nr. 3—7. 2. Abth. Nr. 4—7. Wien 1869. 8. 
Denkschriften der Kgl. Akademie der Wissenschaften in Wien, phil.-histor. 

Klasse. 16. u. 18. Bd. Mathem.-naturw. Kl. 29. Bd. Wien 1869. 4. 
Archiv für Kunde österr. Geschichtsquellen. 41. Bd. 1. u. 2. Heft. Wien 

1869. 8. 



314 Gesammtsitzung 

Almanach der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. 19. Bd. 

Wien 1869. 8. 
Tabulae codicum. Vol. I. Wien 1864. 8. 

Hebra, Atlas der Hautkrankheiten. 7. Lieferung. Wien 1869. fol. 
Jelinek, Temperaturverhältnisse der Jahre 1848— 1863. Wien 1869. 4. 
Alfred v. Reumont, Geschichte der Stadt Born. 3. Bd. Berlin 1870. 8. 

Mit Begleitschreiben des Hrn. Verf. d. d. Bonn 1. Mai 1870. 
Annalen der k. Sternwarte bei München. 17. Bd. u. 19. Supplementband. 

München 1869. 8. 
G. L. v.Maurer, Geschichte der Städteverfassung in Deutschland. 2. Bd. 

Erlangen 1870. 8. 
Bulletin de la Societe des Naturalistes de Moscou. Annee 1869. Nr. 4. 

Moscou 1870. 8. 
W. Carssen, Über Aussprache, Vokalismus und Betonung der Lateinischen 

Sprache. 2. Bd. Leipzig 1870. 8. 
Memoirs of the Geological Survey of India. V, 7 — 10. VI, 3. Calcutta 

1868. 4. 
Hirsch et Plantamour, Nivellement de precision de la Suisse. Livr. 3. 

Geneve 1870. 4. 
M. Haug, An old Pahlavi-Bazand Glossart/. London 1870. 8. 
G. di Sie na, Commedia di Dante Allighieri, con note. Napcli 1870. 8. 
Annuaire de t association poltr t encouragement des etudes grecques. Annee 

4. Paris 1870. 8. 



19. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Rammeisberg las über die Zusammensetzung der 
Meteorite von Shalka und von Hainholz. 

Die Meteorite, mineralische Massen, welche aus dem Welt- 
raum auf die Oberfläche der Erde gelangen, bieten in Betreff ihres 
Ursprungs und ihrer Bewegung der Astronomie, hinsichtlich der 
ihren Fall begleitenden Erscheinungen der Physik Stoff zu wich- 
tigen Erörterungen dar. Das Interesse, welches sie an und für 
sich als Bruchstücke kosmischer Substanzen haben, steigert sich, 
wenn wir ihre materielle Natur erforschen und sie mit den telluri- 
schen Substanzen vergleichen. Mineralogische Beobachtung und 



vom 19. Mai 1870. 315 

chemische Untersuchung führen uns zur Kenntnifs dieser ihrer ma- 
teriellen Natur, und schon liegt ein werthvolles Material vor, ge- 
nügend, um daraus Schlüsse und Vergleiche abzuleiten, allerdings 
unvollständig, insofern wir von manchen Meteoriten noch keine ge- 
naue Untersuchung haben. 

Soweit unsere Erfahrung reicht, steht fest, dafs die Elemente 
der Meteorite nur solche sind, die auf der Erde vorkommen. Es 
ist ferner ausgemacht, dafs diese Elemente in ihnen ganz in glei- 
cher Art zu bestimmten Verbindungen gruppirt sind, wie in den 
Mineralien. Die Mineralien der Meteorite sind aber auch nach 
Form und Zusammensetzung ident mit gewissen wichtigen und 
weitverbreiteten Mineralien, welche in den älteren krystallinischen 
und in den neueren vulkanischen Gesteinen vorkommen. Es sind 
Silikate von Eisen, Magnesia, Kalk, Thonerde und wenig Alkali. 

Eine grofse Zahl von Meteoriten,, aber nicht alle, enthält frei- 
lich metallisches, nickel- und phosphorhaltiges Eisen, dessen 
Vorkommen auf der Erde nicht nachgewiesen, dessen Existenz 
überhaupt in den uns zugänglichen oberflächlichen Theilen der Erd- 
masse deswegen nicht wahrscheinlich ist, weil es den Angriffen 
von Wasser, Sauerstoff und Kohlensäure, welche in diesen oberen 
Theilen der Erdrinde fast überall chemische Prozesse hervorrufen, 
keinen Widerstand leisten, sich oxydiren würde. Man kann mit 
Sicherheit behaupten, dafs jene Agentien auf die Meteorite, bevor 
dieselben in den Bereich der Erde gelangen, noch nicht eingewirkt 
haben. 

Die Meteorite sind den tellurischen Gebirgsarten vergleichbar; 
ihre Eintheilung und Unterscheidung beruht also auf der Natur 
der sie bildenden Mineralien. Auch bei ihnen giebt es wesentliche 
und accessorische Gemengtheile, und zu diesen letzteren gehören 
Schwefeleisen und Chromeisenerz. 

Gustav Rose hat nach diesem allein richtigen Princip die 
Meteorite in Gruppen gebracht 1 ) und diese mit besonderen Namen 
belegt. Eine solche Gruppe ist wohlbegründet, wenn wir die Ge- 
mengtheile des Ganzen, d. h. die einzelnen Mineralien, genau ken- 
nen. Dies gilt z.B. von den Pallasiten, deren Typus die be- 
kannte Pallasmasse bildet; Meteoreisen mit eingewachsenen Oli- 



x ) Beschreibung und Eintheilung der Meteoriten. Abhandl. der Akade- 
mie v. J. 1863. 



316 GesammtsUzung 

vinkrystallen. Es gilt ebenso von den Eukriten, welche aus 
Augit und Anorthit bestehen, ein Resultat, welches von G.Rose 
schon 1825 durch mineralogische Beobachtung begründet, von mir 
später durch die chemische Analyse festgestellt wurde. 

Wo aber über die Natur der Mineralien noch Zweifel herr- 
schen, wo die Feinheit der Gemengtheile der Beobachtung hinder- 
lich ist, wo die Seltenheit des Materials Untersuchungen verhindert 
hat, sind diese Gruppen nicht scharf definirt, und ihre Feststellung 
ist erst durch neue Arbeiten zu hoffen. Zu diesen Gruppen oder 
Abtheilungen gehören z. B. Chondrit, Howardit, Chladnit und 
Shalkit. 

Ich will heute die Aufmerksamkeit zunächst auf den Shal- 
kit lenken und durch die Resultate meiner Untersuchung darthun, 
dafs auch diese Art von Meteoriten jetzt als sicher festgestellt be- 
trachtet werden kann. 



/. Der Meteorit von Slialka. 

G. Rose nennt den am 30. November 1850 bei Shalka in 
Bengalen gefallenen Stein, der beim Fall in viele Stücke zersprang, 
und wovon das Meiste in Calcutta und im British Museum sich 
befindet, Shalkit, indem er ihn also für verschieden von allen übri- 
gen erklärt. Ich brauche nicht auf die äufseren Charaktere der 
kleinkörnigen Masse einzugehen, weil dieselben von Hai ding er 
und von G. Rose ausführlich beschrieben sind. Aber es ist be- 
merkenswerth , dafs Ersterer das Ganze, in welchem kleine Kry- 
stalle von Chromeisenerz eingewachsen sind, trotz wechselnder Fär- 
bung, nur für ein Mineral hält, welcher Meinung G. Rose nicht 
beitritt, theils aus mineralogischen Gründen, theils deswegen, weil 
das feine Pulver des Meteorsteins von Säuren theilweise zersetzt 
wird, wie er sich überzeugte, so dafs er Olivin, und zw r ar in über- 
wiegender Menge, als Gemengtheil des Shalkits voraussetzt. 

Nun ist dieser Meteorit allerdings von C. v. Hauer 1 ) analy- 
sirt worden, welcher (nach Abzug von Chromeisenerz) fand: 



l ) Wien. Akacl. Berichte Bd. 41. 



vom 19. Mal 1870. 317 







Sauerstoff 


Kieselsäure 57,66 




30,75 


Eisenoxydul 20,65 


4,59 


1 


Magnesia 19,00 


7,60 


12,63. 


Kalk 1,53 


0,44 


J 



98,84 

Die Analyse ist an sich wegen des Verlustes von 1,2 p. C, den 
man nicht zu deuten vermag, nicht recht befriedigend. Hält man 
sich an die Zahlen, so ist es ein dem Olivin und dem Broncit quali- 
tativ gleiches Silikat, mit dem Sauerstoffverhältnifs 1 : 2,435 oder 
nahe == 1 : 2,5. 

Während nun Haidinger in dieser angeblich zwischen einem 
Bi- und Trisilikat stehenden Verbindung ein bestimmtes, von ihm 
Fiddingtonit genanntes Mineral sehen will, nimmt G. Rose das 
Ganze als ein Gemenge von Singulosilikat von Mg und Fe (Oli- 
vin) und von Trisilikat von Mg (Shepardit) und zwar in dem Ver- 
bal tnifs 



2Mg 2 Si 3 8 
wiewohl 



f 2Mo^Si 3 8 1 

l R»&P*} S.nerBtoff= 1:2,33, 

r5Mg»Si>0»l _..,„ 

\2R2 Si 0*J " T 4j " ' ; 

der Analyse am nächsten kommen, und 

1 R 2 Si O* j " ' 5 

die nächst einfachste Proportion geben würde. Aber aus zwei 
Gründen ist diese Deutung unannehmbar. Zuvörderst beruht die 
Annahme des als Shepardit bezeichneten Trisilikats von Mg auf 
der Voraussetzung, dafs ein solches Silikat wirklich existire, und 
die Hauptmasse der Chladuite, zunächst des Steins von Bishop- 
ville, ausmache; allein die Analysen von Shepard und von Sar- 
torius, welche zu dieser Annahme Veranlassung gegeben haben, 
sind durch meine späteren Versuche, durch die von Smith und 
die Schmelzresultate D au bree 's als völlig unrichtig nachgewiesen, 
die Substanz ist Bisilikat von Magnesia, ist Enstatit, wie Kenn- 
gott schon längst vermuthet hat, ein in den Meteoriten mehrfach 



3ig Gesammtsitzung 

auftretendes Glied der Augitgruppe, welches sich zum Broncit ver- 
hält, wie Forsterit zu Olivin. 

Aber es ist überhaupt kein Magnesiatrisilikat im vorliegenden 
Fall anzunehmen, denn da in Hau er' s Analyse das Atomverhält- 
nifs von Fe : Mg (Ca) = 4:7, also nahe 1:2 ist, so würde der 
Olivin gar keine Magnesia enthalten, ja nach den beiden letz- 
ten Formeln würde das Trisilikat selbst eisenhaltig sein 

müssen. 

Wir müssen auf Hauer's Analyse zurückkommen. Läfst sich 
auch aus den mitgeteilten Zahlen kein Grund, sie anzuzweifeln, 
entnehmen, so lehrt doch die Erfahrung, dafs die Analyse von ma 
gnesiareichen Silikaten immer unrichtig ausfällt, wenn man versäumt, 
die Kieselsäure noch besonders zu prüfen. Ich habe bei den Horn- 
blenden den Beweis dafür geliefert, Es bedurfte also für den Stein 
von Shalka einer neuen Untersuchung, und eine solche wurde da- 
durch möglich, dafs G. Rose mit gewohnter Liberalität von den 
wenigen Fragmenten, welche die hiesige Sammlung besitzt, mir die 
nöthige Menge zur Verfügung stellte. 

An ein Auslesen der einzelnen Körner der durch den Finger- 
druck leicht zerreiblichen Masse war nicht zu denken. Ich suchte, 
wie ich es schon früher bei Bishopville gethan, durch Schlämmen 
des feinen Pulvers mit Wasser und Analyse des leichteren und 
des schwereren Theils zu entscheiden, ob das Ganze aus einem 
Silikat oder aus mehreren bestehe. 

Der schwerere (gröbere) Theil wurde mit Fluorammonium 
und Schwefelsäure aufgeschlossen; seine Menge betrug nur 0,78 
G rm . _ Der leichtere Theil wurde mit reiner Schwefelsäure, 
der ^ Wasser zugesetzt war, in ein Glasrohr eingeschmolzen und 
einige Zeit auf 200° erhitzt. Dabei blieb das Feste pulverig, die 
saure Flüssigkeit war durch Chromgehalt grün. Zu diesem Ver- 
such konnten 2 Grm. verwendet werden. 

Was zunächst diesen leichteren Theil betrifft, so zeigte sich, 
dafs die Säure nur wenig Silikat zersetzt hatte, was beweist, dafs 
der Shalkit nicht vorwiegend Olivin enthalten kann. Das Resultat 
der Behandlung mit Schwefelsäure war nämlich: 



vom 19. Mai 1870. 319 

Kieselsäure 3,84 

Eisenoxydul 3,91 

Magnesia (Ca, Spur) 3,17 

Eisenoxydul 0,67 
Chromoxyd 

Unzersetztes 86,43 



:;>■ 



99,46 

Berechnet man das zersetzte Silikat (10,92 p. C.) auf 100 Theile, 
so erhält man: 

Sauerstoff 
Kieselsäure 35,17 18,76 

Eisenoxydul 35,80 
Magnesia 29,03 
100 



7,95 | 
11,61 ] 



19,56 



Dies ist also Olivin, der 2 At. Fe gegen 3 At. Mg enthält, 

} 



3Mg 2 Si0 4 
2Fe 2 Si0 4 



berechnet zu: 



5Si = 140 — Si O 2 36,23 
4Fe = 224 FeO 34,78 
6Mg == 144 MgO 28,99 
20 O = 320 TÖÖ~ 

828 

Von dem Unzersetzten wurden zwei Analysen gemacht 
(a. mit kohlensaurem Natron, b. mit Florwasserstoffsäure). 





a. 


b. 


Mittel i 


Sauerstoff 


Kieselsäure 


55,55 




55,55 29,63 


Eisenoxydul 


17,01 


16,25 


16,53 3,67 




Magnesia 1 
Kalk j 


28,83 


27,56 
0,09 


27,73 11,09 
0,09 0,02 


15,0 


Natron 




0,92 


0,92 0,23 




Chromoxyd 


0,23 


0,23 


0,23 1 

l 33 








FeO 0,10j°' Ot3 





101,15 



320 Gesammtsitzung 

Dieser Theil ist also Bisilikat, ist Broncit, mit 1 At. Fe 
gegen 3 At. Mg, also 

Fe SiO 3 



berechnet zu 



Fe SiOM 
i 3 Mg SiO 3 J 



4SI = 112 = SiO 2 55,56 

Fe = 56 FeO 16,66 

3Mg= 72 MgO 27,78 



120 = 192 100 

432 

Hiernach besteht also der leichtere Theil des Steins von Shalka 
aus: 

86,15 Broncit 
10,92 Olivin 
2,39 Chromeisenerz 
" 99,46" 

Der schwerere Theil liefs sich wegen seiner geringen Menge 
nur als Ganzes untersuchen; ich gebe nachstehend die erhaltenen 
Werthe und stelle die des leichteren daneben, wie sie. sich aus den 
mitgetheilten Daten berechnen lassen. 



a. 




b. 


Schwererer (gröberer) 


Theil. 


Leichterer (feinerer) Theil. 


Kieselsäure (52,25) = 


= 52,64 


53,13 


Eisenoxydul 20,03 


20,18 


19,32 


Magnesia 25,96 


26,15 


27,80 


Kalk 1,03 


1,03 


0,07 


Natron — 


— 


0,81 


Chromoxyd 0,45 


100 


101,13 


Eisenoxydul 0,28 







100 



Beide Theile sind fast gleich, denn die V. G. von Olivin und Bron- 
cit sind zu wenig verschieden, als dafs der Schlämmprozefs ihre 
relative Menge in beiden wesentlich hätte ändern können. Die 
Analysen aber constatiren zugleich, dafs das Ganze basischer 
als ein Bisilikat ist, und sie treten dadurch den Angaben 



vom 19. Mai 1870. 321 

Hauer's, die das Gegentheil erweisen sollen, aufs schärfste gegen- 
über. Es ist nämlich der Sauerstoff der RO und der SiO 2 

in a = 15,21 : 28,07 = 1 : 1,8 
in b= 15,64:28,33 = 1: 1,85. 

Wollte man aus diesen Proportionen die Mengen des Olivins und 
Broncits berechnen, so hätte man in 



a. 






b. 


J 8R Si0 3 l 
1 R 2 SiO±J 




{ 


12R SiO 3 




R 2 Si0 4 


und wenn R im Bisilikat = 


i 


Mg 1 , 


im Sing 


2 3 

= Fe T Mg T ist, so würde 








a. 






b. 


Broncit 83,9 






88,67 


Olivin 16,1 






11,33 



100 100. 

Meine direkte Analyse von b hat aber in der That 

88,75 Broncit 
11,25 Olivin 
100 
gegeben. 

Shalkit ist also Broncit und Olivin. 

Nach Haidinger ist das V. G. der ganzen Masse = 3,41, 
während Broncit = 3,20 — 3,25, Olivin = 3,30 — 3,90 ist, was 
von dem Verhältnifs Fe : Mg abhängt. Dem gröfseren Gewicht des 
Olivins entspricht es vollkommen, dafs der schwerere Theil (a) 
olivinreicher, broncitärmer ist. Sein Sauerstoffverhältnifs deutet 
auf 16 p. C. Olivin in dem Gemenge. 

Giebt es noch andere Meteoriten derselben Art? Wahrschein- 
lich, doch fehlt es an Untersuchungen. Hier sei nur daran erin- 
nert, dafs die reine Broncitsubstanz als Meteoritenmasse auf- 
tritt, nämlich in dem am 26. Juli 1843 gleichfalls in Hindostan 
gefallenen Stein von Manegaum (Mallvgaum bei G. Rose). Erst 
vor Kurzem hat Maskelvne gezeigt 1 ), dafs die grünlichgelben 



') Proceed. R. Soc. XVIII. 156. 



322 Gesammtsitzung 

Körner, aus welchen er besteht, die Krystallform des Broncits und 
ein V. G. = 3,198 haben, und dafs sie nach seiner Analyse die 
Mischung 

f FeSiOn 

l 2MgSi0 3 J 

darstellen. Aber auch die Analyse des ganzen Steins ergiebt ne- 
ben 1 p. C. Chromeisenerz genau dasselbe Silikat. 1 ) 



77. Der Meteorit von Hainholz. 

Diese merkwürdige Masse wurde im J. 1856 in der Nähe von 
Paderborn von Dr. Mühlenpfordt aufgefunden. Ihre Fallzeit ist 
unbekannt, aber die äufserliche und bis zu einer gewissen Tiefe 
eingedrungene Veränderung beweist, dafs sie lange in der Erde 
gelegen hat. Es ist ein Mesosiderit, d. h. ein Gemenge von 
Meteoreisen, Olivin und Augit, analog dem M. aus der 
Sierra de Chaco, welchen G. Rose ansführlich beschrieben hat. 
Da bisher noch keine durchgreifende Untersuchung eines dieser 
Meteoriten versucht ist, so habe ich, durch G. Rose mit dem er- 
forderlichen Material versehen, die Analyse des M. von Hainholz 
unternommen. Es ist aber daran zu erinnern, dafs die ursprüng- 
liche Natur der Gemengtheile sich nur durch eine Correction der 
analytischen Resultate darstellen läfst, indem man der Aufnahme 
von Sauerstoff und Wasser in den äufseren Parthieen Rechnung 
trägt. 

Beim Pulvern des Steins bleiben die gröberen Partikel des 
Meteoreisens zurück. Eine von Silikattheilchen nicht ganz freie 
Probe desselben, mittelst einer Lösung von Quecksilberchlorid zer- 
legt, gab nach Abzug jener und nachdem eine kleine Menge Ma- 
gnesia (0,69 p. C.) in der Form der Olivinbasen (FeO + 3MgO) 
gleichfalls abgerechnet war, 

Eisen 93,84 
Nickel 6,16 



100. 



*) G. Kose hatte diesen Meteorit nach dem äufsern Ansehen eines 
Stückchens von 0,03 Loth zu den Howarditen gestellt. 



vom 19. Mai 1870. 



32: 



Das Meteoreisen, Fe 16 Ni etwa, ist also eins der nickelärme- 
ren und steht dem von Arva, Lenarto, Schwetz, Seeläsgen, Braunau, 
vielen amerikanischen, sowie dem M. der Chondrite von Pultusk 
Seres, Blansko sehr nahe, während die Mehrzahl des letzteren 
mehr Nickel enthält. 

Das feinere Pulver, welches nach der Absonderung jener grö- 
beren Eisentheile übrig blieb, wurde gleichfalls mit Quecksilber- 
chloridauflösung behandelt, um die Menge der metallischen Theile 
zu bestimmen. Der Rückstand ward mit Chlorwasserstoffsäure 
digerirt, um das Singulosilikat (Olivin) zu zerlegen; aus dem 
Rückstande wurde die zu jenem gehörige Kieselsäure ausgezogen, 
worauf er für sich weiter untersucht wurde. Ein besonderer Ver- 
such bestimmte den Wassergehalt. 

So ergaben sich 



Eisen 4,12 
Nickel 1,05 



Durch Säure zersetzt 



Unzersetzt 



r Kieselsäure 
l Eisenoxyd 



20,04 

22,20 



Magnesia 24,37 



Kieselsäure 13,20 1 
Eisenoxydul 3,51 
Magnesia 6,15 

k Thonerde 0,72 . 

Chromeisenerz 
Glühverlust (Wasser) 



5,17 
66,61 

23,58 

0,50 

2,86 



98,72 



Das Nickeleisen würde 20,3 p. C. Nickel enthalten, also dreimal 
mehr als die vorhergehende Untersuchung geliefert hat. Man sieht 
also, dafs bei dem langen Liegen des Meteorits viel Eisen in Oxyd 
(Oxydhydrat) sich verwandelt hat, welches in dem sauren Auszuge 
erhalten ist. 1 ) Man darf also mit vollem Recht dem Nickel so- 
viel Eisen hinzurechnen, als nach dem zuvor Angeführten ursprüng- 
lich vorhanden war. Indem man den Rest im Olivin als Oxydul 
nimmt (welches gleichfalls zum Theil Oxyd geworden ist), erhält 
man: 



*) Nickel fand sich in ihm nicht. 
[1870] 



:2>\ 



324 



Gesammtsüzung 



Meteoreisen 



f Ei: 
\Ni 



Eisen 

ekel 
Kieselsäure 



10,88 

1,05 

20,04 



Olivin | Eisenoxydul 



<■ Magnesia 



Augit 



13,51 
24,37 
Kieselsäure 13,20 
Eisenoxydul 3,51 
Magnesia 6,15 

Thonerde 0,72 

Chromeisenerz 



}- 

}- 



11,93 
57,92 

23,58 
0,50 



Betrachtet man nun die Mischung der beiden Silikate näher, so 
sieht man, dafs es beim Olivin an Säure fehlt, während der Augit 
deren zu viel hat. Dies ist eine Folge der analytischen Methoden 
und nöthigt zu einer kleinen Correction, sodafs 



Olivin 



Augit 



, Kieselsäure 21,09-, 

Eisenoxydul 13,51 | 58,97 

l Magnesia 24,37 > 

Kieselsäure 12,15 

Eisenoxydul 3,51 

Magnesia 6,15 

Thonerde 0,72 



22,53 



Wird endlich das Ganze auf 100 Theile reducirt, so hat man 

Meteoreisen 12,70 
Olivin 62,78 

Augit 24,00 

Chromeisen erz 0,52 
100 

Von Schwefel habe ich nur Spuren gefunden. 

Natürlich gilt das Verhältnifs dieser Gemengtheiie nur für die 
untersuchte Probe, von welcher die gröberen Eisentheile abgeson- 
dert waren. In dieser Hinsicht sind die einzelnen Theile der gan- 
zen Masse sehr ungleich beschaffen. 

Nimmt man nun die Zusammensetzung der beiden Silikate für 
sich: 



vom 19. Mai 1870. 325 





Olivin 


Augit 




Sauerstoff 


Sauerstoff 


Kieselsäure 35,77 


19,08 53,93 


28,76 


Eisenoxydul 22,91 


5 ' 09 \ 21 62 15 ' 58 
16,53 j 21 ' 62 27,30 


AI "•' 8 


Magnesia 41,32 


Thonerde — 


3,19 


1,49 



100 100 

so sieht man, dafs beide Silikate 1 At. Eisen gegen 3 At. Magne- 
sium enthalten. Der Augit ist aber Broncit, und in ihm ist 
1 Mol. Thonerde mit etwa 8 Mol. des Bisilikats verbunden. 
Wir haben also 

f Fe 2 SiOM g f FeSiO 3 1 

l3M g 2Si04j f \3MgSi0 3 J 



fl3MgSiO»jl 
\ AlO 3 J 



Berechnet : 

Si O 2 38,46 Si O 2 53,95 

FeO 23,08 Fe O 16,19 

Mg O 38,46 MgO 26,98 

100 AlO 3 2,88 



100 



Die beiden Meteorite, welche uns hier beschäftigt haben, der 
vor 20 Jahren gefallene von Shalka und der seiner Fallzeit nach 
unbekannte von Hainholz, beide bestehen aus Olivin und Broncit, 
aber bei dem letzten tritt noch Meteoreisen hinzu. * ) Während der 
Broncit beider so sehr verschiedener Massen dieselbe isomorphe 
Mischung von Bisiiikaten ist, 1 At. Eisen gegen 3 At. Magnesium 
enthält, unterscheidet sich ihr Oliyin, die isomorphe Mischung der 
Singulosilikate der nämlichen Metalle. In Shalka ist die Mischung 
Fe : Mg = 2 : 3, in Hainholz =1:3 At. 

Die Olivinsubstanz erscheint für sich in Chassigny und ziem- 
lich rein auch in Alais (in beiden Fe: 2 Mg); der Broncit bildet 
für sich den M. von Manegaum (Fe: 2 Mg). Ein Gemenge beider 
ist Shalka (Olivin = 2Fe : 3Mg, Broncit = Fe : 3 Mg). 



l ) In Shalka überwiegt der Broncit, in Hainholz der Olivin. 



326 Gesammtsitzung vom 19. Mai 187 0. 

Eine Parallelreihe entsteht durch das Hinzutreten des Niekel- 
eisens oder Meteoreisens, welches mit Olivin die Pallasite dar- 
stellt (O. der Pallasmasse = Fe: 8 Mg, von Brahin und von Ata- 
cama = Fe: 4 Mg), während es mit Broncit (Fe: 4 Mg) die ähn- 
lichen Massen von Breitenbach, Steinbach, Rittersgrün, und endlich 
mit Olivin und Broncit die Mesoderite bildet, von denen für jetzt 
blos Hainholz (Olivin gleichwie Broncit = Fe : 3 Mg) näher er- 
forscht ist. 

Ich hoffe, demnächst zeigen zu können, dafs wenigstens ein 
Theil der Chondrite dasselbe Gemenge darstellt wie Hainholz, d. h. 
wie die Mesosiderite. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
O. Böttger, Beitrag zur Kenntni/s der Reptilien Spaniens und Portugals. 

Offenbach a. M. 1869. 8. 
E. Crzyrnianski, Chemische Theorie auf der rotirenden Bewegung der 

Atome basirt. 2. Aufl. Krakau 1870. 8. 
Mommsen, Histoire de la monuaie rumaine, traduite par le Duc de Bla- 

cas. Vol. II. Paris 1870. 8. 
Bulletin de la societe geologique de France. 1868, no. 5. 1869, no. 2. 3. 

Paris 1869. 8. 
Bulletin des sciences matematiques et astronomiques , redige' par Darboux. 

Tome I, 1. Paris 1870. 8. 
A complete Collection of the Poems of Tukerdma. Vol. I. Bombay 1869. 

8. Im Auftrag des Government of Bombay eingesendet von Trübner et Co. 



23. Mai. Sitzung der physikalisch-mathemati- 
schen Klasse. 

Hr. Ewald las über einige die Geologie der Anden betref- 
fende Fragen. 



Moncübsler. d.BerlJJcad d.Wzss. Jutu 1820. Po/ 32: 







//. 




%d' 



iJiod/e/ a^/sV. 



cÄ/. $,<3yCJtfyt/ JbüJh/. 



MONATSBERICHT 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 



um 



1870. 



Vorsitzender Sekretär: Herr du Bois-Rey mond. 



2. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. G. Rose las über den Zusammenhang zwischen 
hemiedrischer Krystallform und thermo- elektrischem 
Verhalten beim Eisenkies und Kobaltglanz. 

Eisenkies und Kobaltglanz sind bekanntlich die Hauptbeispiele 
von Krystallen des regulären Systems, die die dodekaedrische oder 
parallelflächige Hemiedrie zeigen. Bei beiden, besonders dem er- 
stem, kommen eine grofse Menge von einfachen Formen und Com- 
binationen vor; indessen war es immer auffallend, dafs bei diesen 
nur, oder vorzugsweise Formen der einen Stellung vorzukommen 
schienen, während doch bei den Substanzen, deren Formen die te- 
traedrische oder geneigtflächige Hemiedrie zeigen, die verschiedenen 
hemiedrischen Formen der einen Stellung wie der andern häufig 
allein oder miteinander combinirt vorkommen; so beim Borazit, 
Fahlerz und der Zinkblende. Man hat allerdings beim Eisenkies 
Krystalle beschrieben, die Combinationen von Formen beider Stel- 
lungen sind, doch gehören dergleichen Krystalle zu den gröfsten 
Seltenheiten, zumal wenn man bedenkt, wie sehr der Eisenkies in 
der Natur verbreitet ist, und dafs er sich auf den verschiedensten 
Lagerstätten und zu den verschiedensten Zeiten gebildet hat. 

So beschrieb schon Haüy 1 ) Eisenkieskrystalle, an welchen 
nicht nur die Pentagondodekaeder (a:|-a: ~a), sondern auch an- 



i) Traite de Mineralogie, 2 ed. t. 4 p. 56 Fig. 211 und p. 57 Fig. 215. 
[1870] U 



328 Gesammt sitzung 

dere, an welchen die Diploeder 1 ) (a:£a:|a) in beiden Stellungen 
vorkommen. Die ersten finden sich in einer Combination mit dem 
Oktaeder und Leucitoeder, das Oktaeder herrscht vor, die Flächen 
des Leucitoeders bilden Zuspitzungen der Ecken, und die Flächen 
der beiden Pyritoeder die Abstumpfungen der Kanten der Zu- 
spitzung. Die andern finden sich in Combination mit dem Oktaeder, 
einem Triakisoktaeder, dem Leucitoeder und Hexaeder; auch hier 
herrscht das Oktaeder vor, das Triakisoctaeder (a:|a:-|-a) bildet 
die Zuschärfung der Kanten, die Flächen der beiden Diploeder er- 
scheinen als achtflächige Zuspitzungen der Ecken, zu denen nun 
noch untergeordnet die Flächen des Leucitoeders und Hexaeders 
hinzutreten. Die Flächen der Pyritoeder und Diploeder beider 
Stellungen sind von gleicher Grofse gezeichnet und eine Verschie- 
denheit in dem Ansehen derselben ist nicht angegeben ; ebensowe- 
nig der Fundort beider Krystalle. 

Eisenkieskrystalle mit den Flächen beider Pyritoeder als Ab- 
stumpfungsflächen der sämmtlichen schärferen Kanten des Leuci- 
toeders hat später auch Breithaupt 2 ) an einem Stücke der Wer- 
nerschen Sammlung in Freiberg erkannt und beschrieben, leider 
auch hier ohne den Fundort desselben zu kennen. 3 ) 



1 ) Ich gebrauche hier, wie schon seit langer Zeit in meinen Vorlesun- 
gen für die Ausdrücke Trapezoid-Ikositetraeder (Mohs) oder Dyakis-Dode- 
kaeder (Naumann) den kürzern Ausdruck Diploeder, worin ich mir erlaubt 
habe, den Namen Diploi'd von Hai ding er umzuändern. 

2 ) Journal für prakt. Chemie von Erdmann und S chweigger-S ei- 
del Bd. 4 S. 264. 

3 ) Da es mir sehr darum zu thun war, Krystalle mit solchen Flächen, 
die sich in dem Berliner mineralogischen Museum gar nicht befinden, aus 
eigener Ansicht kennen zu lernen, so bat ich Prof. Weisbach, mir die 
Stufe mit den beschriebenen Krystallen zur Ansicht zu schicken, was er mir 
auch freundlichst gewährte. Die Krystalle, an denen die beiden Pyritoeder 
vorkommen, haben nur die geringe Gröfse von höchstens einer Linie Durch- 
messer und sind in einem kleinen Drusenraum einer derben Eisenkiesmasse 
aufgewachsen. Es sind Combinationen des Oktaeders, Leucitoeders mit den 
beiden Pyritoedern, ganz wie bei den von Haüy beschriebenen Krystallen, 
nur dafs hier noch die Flächen des Hexaeders hinzutreten. Die Flächen der 
Pyritoeder erscheinen als Abstumpfungen der Kanten der Zuspitzung des Ok- 
taeders, aber die einen abwechselnden Abstumpfungsflächen sind merklich grö- 



vom 2. Juni 1870. 329 

Combinationen von dem Diploeder (a:-Ja:-Ja) mit dem Py- 
ritoeder verschiedener Stellung, wo also das Pyritoeder an den 
schärfern Kanten durch die Flächen des Diploeders abgestumpft 
erscheint, haben später auch Naumann 1 ) und Zippe 2 ) beschrie- 
ben. Sie nehmen dabei an, dafs das Pyritoeder erster und das 
Diploeder zweiter Stellung sei. Fundörter werden von beiden 
Autoren nicht angegeben. 

Combinationen des Pyritoeders und Diploeders (a : -Ja : -Ja) 
der einen und des Diploeders Q-a:^a:-Ja) der andern Stellung 
beschreibt Levy 3 ). Die Flächen des letztern Diploeders erschei- 
nen untergeordnet am erstem als Abstumpfungsflächen der mittlem 
Kanten; das Hexaeder tritt auch noch hinzu; Diploeder 123 4 ) 
und Pyritoeder werden in erster Stellung, das Diploeder 345 dem- 
nach in zweiter Stellung angenommen. 

In seiner grofsen Arbeit über die Italiänischen Eisenkiese giebt 
Strüver 5 ) noch 5 Pentagondodekaeder an, die in Vergleich mit 
dem mit ihnen zusammen vorkommenden PyritoSder in entgegen- 
gesetzter Stellung stehen, sowie auch ein Diploeder 234, das wie das 



fser als die andern, und die gröfsern haben neben sich noch schmale Ab- 
stumpfungsflächen der Combinationskanten mit dem Leucitoeder, wahrschein- 
lich die Flächen des Diploeders (a:-|a:£a); die Flächen des Oktaeders 
und Hexaeders sind stark glänzend und glatt, die Flächen der beiden Pyri- 
toeder auch glänzend, die schmälern Pyritoederflächen aber schwach horizontal 
nach den Combinationskanten mit dem Hexaeder gestreift ; die Flächen des Leu- 
citoeders sind ganz matt durch kleine dreieckige Eindrücke, die durch die 
Hexaederflächen hervorgebracht werden, daher die Leucitoederflächen in der 
Richtung der Hexaederflächen schillern. Die Flächen der beiden Pyritoeder 
sind demnach in ihrem Verhalten doch sehr verschieden. 

2 ) Lehrbuch der Mineralogie Berlin 1828 S. 563 Fig. 45. 

2 ) Leichtfafsliche Anfangsgründe der Naturgeschichte des Mineralreichs 
1839 Th. 2 S. 512 Fig. 220. 

3 ) Description d'une collection de Mineraux formee par Heuland, Lon- 
don 1837 t. 3 p. 134 pl. 68 Fig. 10. 

4 ) Ich werde in dem Folgenden öfter wie hier geschehen die abgekürzte 
Millersche Schreibart 123 statt (a:^a:-g-a) und 345 statt (-g-a: ^a : -^a) ge- 
brauchen. 

5 ) Studi nella mineralogia italiana, pirite del Piemonte et den" Elba, 
Turino 1869 p. 6. 

24* 



330 Gesammtsitzunp 

von Levy angeführte und mit ihm gemeinschaftlich vorkommende 
Diploeder 345 in entgegengesetzter Stellung zu dem Diploeder 123 
steht. 1 ) Das Pentagondodekaeder 560 zweiter Stellung, das sich 
auch unter den Pentagondodekaedern Strüvers findet, wird auch 
von H e s s e n b e r g 2 ) bei einem Krystalle wahrscheinlich von Tra- 
versella, an welchem das Pyritoeder vorherrscht, und Hexaeder, 
Leucitoeder und die Diploeder 123 u. 124 untergeordnet hinzutre- 
ten, aufgeführt. 

Dies sind die sämmtlichen mir bekannten Formen des Eisen- 
kieses, die als in zweiter Stellung vorkommend beschrieben sind. 
Es sind nur sehr wenige, und diese sind auch nur an einzelnen 
Krystallen vorgekommen. Strüver hat in den grofsen Turiner 
Sammlungen nur 9 Krystalle gesehen, an welchen hemiedrische 
Formen in zweiter Stellung vorkommen. Indessen ist durch diese 
Beobachtungen doch ausgemacht, dafs solche Formen vorkommen. 
Man hat sie aber immer nur erkannt, wenn sie mit Formen der 
andern Stellung in Combination vorkommen, und hat die herr- 
schenden Formen für Formen erster Stellung, die untergeordnet 
vorkommenden für Formen zweiter Stellung gehalten. An einem 
bestimmten Beweise für die Richtigkeit dieser Annahme fehlte es 
aber ganz. Ob daher die herrschenden hemiedrischen Formen stets 
der ersten oder einer und derselben Stellung, die untergeordnet 
vorkommenden stets der zweiten Stellung angehören, ist noch gar 
nicht ausgemacht. 

Ich hatte mich deshalb schon lange mit diesen Fragen be- 
schäftigt. Da doch das Vorkommen von Formen beider Stellun- 
gen beim Eisenkies erwiesen ist, schien es mir wahrscheinlich, dafs 
man auch Mittel finden müfste, die Formen beider Stellungen, auch 
wo sie nicht miteinander in Combination getreten sind, zu erken- 
nen, und wo dies der Fall ist, auszumachen, welche von diesen 
erster und welche zweiter Stellung sind. Bei den Krystallen aller 
übrigen Substanzen, die in hemiedrischen Formen beider Stellun- 
gen vorkommen, unterscheiden sich die der einen Stellung so be- 
stimmt von denen der andern durch verschiedene Gröfse, Streifung 



!) A. a. 0. Fig. 113. 

x ) Abhandl. der Senkenbergsclien naturforschenden Ges. in Frankfurt 
a. M. B. 7 N. 9 S. 60. 



vom 2. Juni 1870. 331 

oder Glanz der Flächen, durch verschiedene Combination mit an- 
dern hemiedrischen Formen, durch Häufigkeit des Vorkommens, 
pyro-elektrisches Verhalten, sowie durch die regelmässigen Eindrücke, 
die man durch Ätzung auf den Flächen erhält. Bei dem Borazit 
z. B. sind die Tetraeder erster Stellung stets glänzender als die 
zweiter, sie finden sich häufiger, fehlen nie, erscheinen in Combi- 
nation mit einem Hexakistetraeder, und in ihnen liegen die antilo- 
gen elektrischen Pole, dagegen die Tetraeder zweiter Stellung häufig 
fehlen, in Combination vorkommen mit einem Triakistetraeder, und 
in ihnen die analogen elektrischen Pole liegen. Die Gröfse der 
Tetraeder ist verschieden, doch sind gewöhnlich die Flächen des 
ersten Tetraeders gröfser als die des zweiten. 1 ) Beim Quarz sind 
die Flächen des Hauptrhomboeders gröfser und glänzender als die 
des Gegenrhomboeders, nach den Combinationskanten mit dem er- 
steren sind die Rhombenflächen gestreift, unter dem Hauptrhom- 
boeder liegen die Flächen der gewöhnlichen Trapezoeder erster 
Ordnung, unter dem Gegenrhomboeder keine oder andere, die viel 
seltener vorkommenden Trapezoeder zweiter Ordnung. Auch die 
vorkommenden spitzem Rhomboeder sind unter dem Hauptrhom- 
boeder gewöhnlich andere als unter dem Gegenrhomboeder. 2 ) Sehr 
entscheidend sind ferner, wie Leydolt so schön dargethan hat 3 ), 
die durch Ätzung mit Flufssäure entstehenden regelmäfsigen Ein- 
drücke; sie sind linienartig und werden durch Flächen hervorge- 
bracht, die den Flächen des ersten stumpfern Rhomboeder des Ge- 
genrhomboeders parallel gehen, sind daher auf dem Hauptrhom- 
boeder horizontal und parallel den Combinationskanten mit dem 
ersten sechsseitigen Prisma, auf dem Gegenrhomboeder schief und 
parallel den Kanten mit dem zweiten sechsseitigen Prisma; eine 
Verschiedenheit, die die verschiedenen Zwillingskry stalle beim 
Quarz so leicht und sicher erkennen läfst. 

Alle diese Mittel schienen beim Eisenkies nicht auszureichen. 
Da die Flächen der Pyritoeder von Traversella und von vielen 



*) Vergl. Abh. d. k. Akad. d. Wiss. zu Berlin von 1844 S. 261. 
3 ) A. a. O. 1843 S. 82. 

3 ) Sitzungsberichte der mathem.-naturw. Kl. d. k. Akad. d. Wiss. von 
1855 B. 15 S. 59. 



332 Gesammtsitzung 

andern Orten horizontal parallel ihren Grundkanten, die Pyritoeder 
von Elba, Kongsberg, Copiapo vertical, parallel den Normalen auf 
den Grundkanten gestreift sind, so schien dies ein einfaches Mit- 
tel abzugeben, die Pyritoeder beider Stellungen zu unterscheiden, 
indem man die horizontal gestreiften für Pyritoeder der einen (er- 
sten) Stellung, die vertical gestreiften für Pyritoeder der andern 
(zweiten) Stellung halten könnte. Aber die Streifung hält nicht 
aus, die Flächen sind oft vollkommen glatt, oder sie sind theils 
horizontal, theils vertical gestreift, und was die Hauptsache ist, die 
horizontal und verticalgestreiften Pyritoeder finden sich in Traver- 
sella und Elba in denselben Combinationen mit den Diploedern 

123 u. 124. Die Flächen des Oktaeders sowohl als des Hexae- 
ders sind ferner in Combination mit dem horizontal und vertical 
gestreiften Pyritoeder oft parallel ihren Kanten mit dem Pyritoe- 
der gestreift, wie beides bei den Kry stallen von Traversella und 
Elba zu sehen ist. Überhaupt zeigte sich die Streifung der Flächen 
des Eisenkieses im Gegensatz zu der der meisten übrigen Krystalle 
sehr unbeständig, die Flächen des Oktaeders z. B. kommen nach dem 
Pyritoeder (Brosso), dem Leucitoeder (Elba) und dem Diploeder 

124 (Brosso), die Flächen des Diploeders 123 nach den Flächen des 
Oktaeders (Elba) oder nach den Flächen des Hexaeders (Brosso) 
oder stellenweise nach dem einen oder dem andern gestreift vor. 
Die Streifung schien so b'ei dem Eisenkies gar kein Anhalten zu 
gewähren. 

Ebenso unzureichend bewiesen sich die durch Atzung erhalte- 
nen Eindrücke. Ich hatte schon vor längerer Zeit dieselben un- 
tersucht, die Krystalle wurden in Königswasser ein bis zwei Mi- 
nuten erhitzt und die geätzten Oberflächen dann unter dem Mikro- 
skop im reflectirten Lichte, oder besser noch, die von ihnen ge- 
machten Hausenblasenabrücke im durchgehenden Lichte betrachtet. 
Letztere wurden auf dieselbe Weise dargestellt, wie es Leydolt 
in seinen Abhandlungen über Quarz und Aragonit vorschreibt. 
Die auf diese Weise erhaltenen Eindrücke in dem Eisenkies sind 
oft sehr nett und zierlich, sie sind aber auf den gleichen Flächen 
aller Eisenkieskrystalle, die ich untersucht habe, dieselben, mögen 
diese eine Beschaffenheit haben, welche sie wollen, wenigstens 
habe ich einen wesentlichen Unterschied bei ihnen nicht erkennen 
können. Auf den Pyritoederflächen sind die Eindrücke symme- 
trische Fünfecke (Fig. 3), im Allgemeinen ähnlich denen der Fla- 



vom 2. Juni 1870. 333 

chen des Pyritoeders selbst, nur verkehrt liegend, indem ihr stumpf- 
ster Winkel gegen die Grundkante gerichtet ist. Betrachtet man 
eine Fläche eines geätzten Pyritoeders bei hellem Kerzenlicht mit 
der Lupe, so erhält man, wenn man das Licht von der Fläche re- 
flectiren läfst, den Schiller der Eindrücke von den fünf umgeben- 
den Pyritoederflächen, die Eindrücke werden also durch diese 
Flächen hervorgebracht, doch scheinen mir bei den Eindrücken, 
wo die Ätzung am besten gelungen war, die der Grundkante an- 
liegenden Kanten parallel zu sein, wie auch die Fig. 3 sie darstellt. 
Läfst man das Licht in der Richtung einer Hexaederfläche reflec- 
tiren, so erhält man den Schiller der Eindrücke von den sämmt- 
lichen 4 Pyritoederflächen, die die Hexaederfläche umgeben. Mit 
einer Oktaederfläche schillern zugleich die Eindrücke der sämmt- 
lichen diese umgebenden Pyritoederflächen; auch mit den Leuci- 
toederflächen schillern die Pyritoederflächen. In den Eindrücken 
müssen sich also auch Flächen aller der genannten Formen befin- 
den, die parallel den Abstumpfungsflächen der Grundkanten des 
Pyritoeders sind auch zuweilen recht deutlich. . 

Auf einer Hexaederfläche erhält man Eindrücke von zwei 
symmetrischen Fünfecken, die mit ihren Grundlinien aneinander 
stofsen (Fig. 2). Sie werden durch die Pyritoederflächen hervor- 
gebracht, was man annähernd durch die Messung mit dem Re- 
flexionsgoniometer bestimmen kann. Auf einer Oktaederfläche er- 
hält man dreieckige Eindrücke, deren Seiten den Kanten des Ok- 
taeders mit dem Pyritoeder parallel gehen und auch durch die Flächen 
dieses hervorgebracht werden (Fig. 1). Die Ätzeindrücke werden 
also aufser den Pyritoederflächen nur durch Flächen holoedrischer 
Formen hervorgebracht und sind daher überall gleich, mögen die 
Flächen, auf denen man sie darstellt, einer Form der einen oder 
der andern Stellung angehören. — 

Im Jahre 1857 machte nun Marbach 1 ) die wichtige Ent- 
deckung, dafs die verschiedenen Krystalle von Eisenkies und Ko- 
baltglanz nach ihrem thermo-elektrischen Verhalten in zwei Classen 
zerfallen in der Weise, dafs die Krystalle der einen Classe in der 
thermo-elektrischen Spannungsreihe jenseits des positiven Antimons, 
die der andern Classe jenseits des negativen Wismuths zu stellen 
sind, in Folge dessen je zwei Krystalle der verschiedenen Classen 



l ) Comptes rendus 1857 t. 45 p. 707. 



334 Gesammtsitzung 

untereinander einen stärkern Gegensatz bilden als die Combination 
Antimon und Wismuth. 1 ) 

Marbach gab nicht an, wie die positiven und negativen Kry- 
stalle in krystallographischer Hinsicht sich unterscheiden. Er führte 
nur an, dafs er von 58 Krystallen 34 gefunden habe, die sich ge- 
gen Kupfer positiv und 20, die sich dagegen negativ verhielten, 
während 4 andere die sonderbare Eigenschaft hätten, an verschie- 
denen Funkten ein entgegengesetztes thermo-elektrisches Verhalten 
zu zeigen. Er versprach in kurzer Zeit in einer ausführlichen 
Abhandlung in Poggendorffs Annalcn das Nähere seiner vielen 
Versuche anzugeben. Biot legte die Entdeckung der Pariser Aka- 
demie vor, auf die Wichtigkeit und das Interesse, welches sie er- 
wecken müfste, aufmerksam machend, indem sie ein neues Beispiel 
liefere, wie Molecüle von derselben chemischen Beschaffenheit sich 
zu Krystallen derselben Form mit ganz entgegengesetzten physika- 
lischen Eigenschaften zusammenlegen könnten; aber die ausführ- 
liche Abhandlung, die Marbach angekündigt hatte, erschien nicht 
und ist auch bis jetzt noch nicht erschienen. 

Von der Überzeugung durchdrungen, dafs das verschiedene 
elektrische Verhalten des Eisenkieses mit seiner Kry stallform in 
Zusammenhang stehen müfste, fing ich im Winter 1858 — 59 selbst 
an, die Versuche von Marbach zu wiederholen. Ich vereinigte 



*) Ich kann nicht unterlassen hier zu bemerken, dafs Prof. Hanke I 
mich darauf aufmerksam gemacht hat, dafs er schon 13 Jahre früher als 
Marbach in einer Abhandlung in Poggendorffs Ann. von 1844 Bd. 62 
S. 197, in welcher er das thermo- elektrische Verhalten verschiedener Mine- 
ralien untersucht, gezeigt hat, dafs Kobaltglanz von Tunaberg in Oktaedern 
krystallisirt gegen Kupfer negativ, in Hexaedern krystallisirt dagegen positiv, 
ferner Eisenkies aus Piemont in Combinationen des Hexaeders und Octaeders 
krystallisirt gegen Kupfer negativ, dagegen von Elba und Piemont in Pyritoe- 
dern, und in Combinationen des Pyritoeders mit einem Diploeder krystallisirt 
positiv wäre. Hankel hat also ganz richtig schon beobachtet, dafs diesel- 
ben Substanzen wie Kobaltglanz und Eisenkies bei verschiedener Krystallform 
sich ganz verschieden thermo-elektrisch verhalten können; er hebt dies auch 
am Schlüsse seiner Abhandlung hervor, aber er hat dieser wichtigen Beob- 
achtung keine weitere Folge gegeben, und Marbach erwähnt ihrer nicht, 
scheint demnach also nicht durch sie zu seiner wichtigen Entdeckung geführt 
worden zu sein. 



vom 2. Juni 1870. 335 

mich mit Prof. Schellbach, der gern meinen Wünschen entge- 
genkam, mit ihm gemeinschaftlich die Versuche anzustellen. Sie 
bestätigten vollkommen die Angaben von Marbach, wurden auch 
eine Zeitlang fortgesetzt, dann aber aufgegeben, da sie zu keinem 
Resultate führten, indem sich ergab, dafs die auf gleiche Weise ge- 
streiften Hexaeder von Traversella und von Tavistock sich ganz 
verschieden thermo-elektrisch verhielten, das eine positiv das andere 
negativ war, und die horizontal, parallel den Grundkanten gestreif- 
ten Pyritoeder von Traversella ebenso wie die senkrecht zur Grund- 
kante gestreiften Pyritoeder von Elba positiv waren. 

Darauf beschäftigte sich Friedel 1 ) mit derselben Untersu- 
chung; auch er erkannte bei seinen Versuchen die beiden Varietä- 
ten des Eisenkieses, doch konnte auch er nicht den mindesten kry- 
stallographischen Unterschied zwischen den Eisenkieskrystallen, die 
die entgegengesetzten thermo-elektrischen Eigenschaften besäfsen, 
auffinden. Indessen beobachtete er, dafs die schönen Hexaeder 
von Traversella in Piemont zuweilen an ihrer Oberfläche unregel- 
mäfsig begränzte Stellen zeigten, die in gleicher Richtung, doch 
feiner als der übrige Theil der Flächen gestreift wären, und die 
ihn an die ähnlichen Erscheinungen bei den Zwillingskrystallen 
vom Quarz erinnerten. Die feiner gestreiften Stellen zeigten sich 
immer von einem entgegengesetzten Verhalten, als wie die umge- 
benden glänzenden, daher er geneigt war, anzunehmen, dafs die 
Existenz der beiden Varietäten des Eisenkieses an die rechts- und 
links - hemiedrischen Krystalle gebunden wäre, die krystallogra- 
phisch gleich und congruent, wenn sie getrennt, sich doch in den 
Zwillingen durch Verschiedenheiten des Glanzes verriethen. Frie- 
del erkannte also wie Marbach, dafs die beiden thermo-elektri- 
schen Varietäten sich in einem Krystalle zusammenfinden; er ver- 
folgte aber die Untersuchung der Eisenkieskrystalle in dieser Rich- 
tung nicht weiter, sondern von der Betrachtung ausgehend, dafs 2 
entgegengesetzte Ecken der gestreiften Eisenkies-Hexaeder nicht 
congruent wären, suchte er nachzuweisen, dafs der Eisenkies pyro- 
elektrisch wäre, eine Ansicht, die er aber doch später wieder auf- 
gegeben hat 2 ). 



!) Institut vom 27 Dec. 1860 N. 1408 S. 420. 
3 ) Ann. de chemie (4) 1869 t. 16 p. 14. 



336 Gesammtsitzung 

Im vorigen Jahre erschien nun die grofse Abhandlung von 
Strüver über die Italiänischen Eisenkiese. 1 ) Er beschreibt hier 
nur die Krystalle von 3 Fundörtern, von Traversella, Brosso und 
Elba, und führt doch auf 154 verschiedene Combinationen, die alle 
mit Genauigkeit gemessen und bestimmt, und mit einer Sorgfalt 
und Vollkommenheit gezeichnet sind, die bei dieser Fülle wahrhaft 
bewunderungswürdig ist. Er hat dabei die Zahl der bekannten 
einfachen Formen fast verdoppelt, da von den aufgeführten 54 ein- 
fachen Formen 24 neu hinzugekommen sind. 2 ) 

Strüver hat sich auch mit dem thermo-elektrischen Verhalten 
des Eisenkieses beschäftigt, aber nur so weit, um sich von der Rich- 
tigkeit der Marbachschen Versuche zu überzeugen, und war auf 



1 ) Studi sulla mineralogia italiana, pirite del Piemonte e dell' Elba, 
Torino 1869. 

2 ) Unter den (a. a. O. S. 6) aufgeführten 54 Formen des Eisenkieses 
befinden sich 2 von Descloizeaux und 3 von Strüver nicht mit Sicher- 
heit angegebene Formen; unter den 30 bekannten Formen sind ferner 2 von 
mir in meiner Krystallographie angegebene Formen aufgeführt, die Pentagon- 
dodekaeder 230 und 240 zweiter Stellung, die aber nicht wie die erster Stel- 
lung beobachtet sind, was zu bemerken ich unbedachter Weise nicht angege^ 
ben hatte, und ebenso ist das Diploeder 124 zweiter Stellung nach Mohs 
irrthümlich aufgeführt. Mohs führt in der ersten Ausgabe seiner Mineralo- 
gie S. 537 diese Form als bei der Varietät von Petorka in Peru, die Haüy 
beschrieben hat, vorkommend auf, nimmt aber hier die Fläche des Leucitoe- 
ders (0 bei Haüy) für die Fläche des Diploeders 124 zweiter Stellung und 

bezeichnet sie mit — -r— , ein Irrthum, der auch in die zweite Ausgabe von 
Mohs Mineralogie, die Zippe besorgt hat, Th. 2 S. 511, und daraus in 
Strüvers Abhandlung übergegangen ist. Der Irrthum von Mohs ist wohl 
dadurch entstanden, dafs Haüy bei der Beschreibung der Varietät von Pe- 
torka (traite de mineralogie, 2. ed. t. 4 p. 57) für das Leucitoeder nicht das 
Zeichen A = 0, wie bei Fig. 211, genommen hat, sondern um die Ver- 
wandtschaft desselben mit den Diploedern 123 = f und 124 == s zu bezeich- 
nen, es als intermediäre Dekrescenz bezeichnet hat, also (A Y B 2 G^CA^B 3 G 1 ) 

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(A 2 B 2 G 1 ), welches erste Zeichen von Mohs falsch übersetzt ist. Zieht man 

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von den 54 angegebenen einfachen Formen die 5 unsicher bestimmten und 
die 3 irrthümlich angegebenen ab, so bleiben beim Eisenkies noch 46 mit 
Sicherheit bestimmte einfache Formen übrig. 



vom 2. Juni 1870. 337 

eine genauere Untersuchung nicht eingegangen. Das Studium seiner 
Arbeit war aber Veranlafsung, dafs ich meine angefangenen Arbei- 
ten des Eisenkieses wieder aufnahm. Das thermo-elektrische Ver- 
halten desselben mufste an einer gröfsern Zahl von Krystallen be 
stimmt werden. Dr. Groth bot mir freundlichst seine Hülfe zur 
Anstellung der Versuche an, und Prof. Magnus verstattete gern, 
dafs wir sie in seinem Laboratorium und mit den Instrumenten 
des unter seiner Leitung stehenden physikalischen Apparats an- 
stellen konnten. 1 ) Die Versuche wurden auf ähnliche Weise ge- 
macht, wie sie Marbach angestellt hatte, und nur in soweit ab- 
geändert, als zwei mit einem Galvanometer in Verbindung gesetzte 
Kupferdrähte, deren freie Enden etwas abgerundet und von einer 
metallischen Oberfläche waren, von beiden Seiten je an eine der 
zu untersuchenden Flächen des Krystalls angelegt, und jedesmal 
einer derselben in einiger Entfernung vom Krystall erwärmt wurde, 
statt dafs Marbach das Ende des Kupferdrahts mit der Gaslampe 
erwärmt und dann erst an den Krystall angelegt hatte. Durch 
obiges Verfahren wurden alle secundären Ströme, welche durch 
das Anlegen selbst hervorgebracht werden konnten, vermieden. Die 
Stromesrichtung wurde an einem gewöhnlichen Spiegelgalvanome- 
ter mit Scala und Fernrohr abgelesen. Diese empfindliche Methode 
war nothwendig, weil manche Krystalle ihrer schlechten Leitungs- 
fähigkeit halber nur schwache Ströme gaben. 

Wir haben auf diese Weise 179 Krystalle 2 ) untersucht; viele 
derselben wurden zu wiederholten Malen, und wenn sie sich als 
Zwillingskrystalle herausstellten, an sehr verschiedenen Stellen un- 
tersucht, so dafs wir eine sehr grofse Zahl von Versuchen gemacht 
haben, deren Anstellung sich Dr. Groth mit grofsem wissen- 
schaftlichen Eifer und Geschick unterzog, was hier auch öffentlich 
anzuerkennen ich nicht unterlassen kann. Die Krystalle zu diesen 
Versuchen wurden gröfstentheils aus der reichen Sammlung des 
Berliner mineralogischen Museums genommen, doch konnte ich 
durch die Gefälligkeit der Hrn. Hauchecorne und Eck, Ewald 
und Tamnau auch Krystalle aus der hiesigen Bergakademie sowie 



J ) Leider hat Magnus die Beendigung dieser Versuche, an die er so 
vielen Antheil nahm, nicht mehr erleben können. 

2 ) Unter diesen befinden sich 71 positive und 62 negative Krystalle und 
46 Zwillingskrystalle mit positiven und negativen Individuen. 



338 G es ammt siizung 

hiesiger Privatsammlungen benutzen. Die Hrrn. Weisbach und 
Stelzner sandten mir die oben erwähnte Eisenkiesdruse aus der 
Wernerschen Sammlung, Prof. vom Rath sandte mir einen schö- 
nen grofsen Zwillingskrystall mit durcheinander gewachsenen In- 
dividuen von Elba aus der Bonner Sammlung, Prof. Römer einen 
grofsen Krystall von Waidenstein, Dr. Hessenberg den oben 
S. 330 erwähnten Krystall von Traversella. Von ganz besonderem 
Werthe waren mir aber die schönen Krystalle, die ich durch die 
Güte der Hrn. Sismonda und Strüver auf meine Bitte aus den 
öffentlichen Turiner Sammlungen erhielt und auf die ich durch die 
Strüversche Abhandlung aufmerksam gemacht war, l ) was ich alles 
nur mit grofsem Danke anerkenne. 

Aus den angestellten Untersuchungen hat sich nun das unzwei- 
felhafte Resultat ergeben, dafs sich die Krystalle des Eisen- 
kieses und des Kobaltglanzes in Krystalle erster und 
zweiter Stellung bestimmt unterscheiden lassen, von 
denen die einen positiv, die andern negativ sind, dafs 
das thermo-elektrische Verhalten des Eisenkieses und 
Kobaltglanzes also im genauen Zusammenhange mit der 
Hemiedrie der Krystalle steht. Ich werde in dem Folgen- 
den die positiven Krystalle als Krystalle erster Stellung, die nega- 
tiven als Krystalle zweiter Stellung betrachten, werde aber jetzt 
nur eine Übersicht der einfachen Formen, die ich unter den unter- 
suchten positiven und negativen Krystallen beobachtet habe, folgen 
lassen, und nur im Allgemeinen Einiges über die Beschaffenheit 
der Flächen der einfachen Formen, die Häufigkeit des Vorkommens 
derselben und die beobachteten Zwillingskrystalle angeben, die ge- 
nauere Beschreibung der untersuchten einfachen und Zwillingskry- 
stalle mir für eine spätere Zeit versparend. 



i) Es waren 5 Stufen mit den in den Fig. HO, 111, 128, 144 u. 177 
der Strüverschen Abhandlung abgebildeten Krystallen. 



vom 2. Juni 1870. 



339 



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340 Gesammtsitzung 

Häufigkeit und gegenseitige Größe der verschiedenen einfachen 

Formen. 
Hexaeder sowohl selbstständig als in Combinationen kommen 
im Allgemeinen häufiger bei den positiven als negativen Krystal- 
len vor; dagegen umgekehrt sich Oktaeder viel häufiger bei nega- 
tiven Krystallen finden. Das Dodekaeder habe ich nur einmal 
selbstständig, und auch dann nur in kleinen Krystallen, die posi- 
tiv sind, beobachtet. 1 ) Von Ikositetraedern ist eigentlich nur 
das Leucitoeder zu erwähnen, die stumpfern sind nur sehr selten 
und bei negativen Krystallen vorgekommen. Auch das Leucitoeder 
findet sich vorzugsweise bei negativen Krystallen und kommt in 
den Combinationen herrschend nur bei diesen allein vor. Die 
Triakisoktaeder sind immer nur klein und untergeordnet beobach- 
tet. Unter den Pentagondodekaedern ist das Pyritoeder das häu- 
figste, und allein selbstständig vorgekommen; es ist die eigentliche 
charakteristische Form des Eisenkieses, und gleich häufig bei den 
positiven wie bei den negativen Krystallen. Stumpfere und schär- 
fere Pentagondodekaeder kommen nur untergeordnet und fast nur an 
den herrschenden Pyritoedern vor; stumpfere sind selten, die schär- 
fern häufiger, und beide vorzugsweise an negativen Krystallen vor- 
gekommen, so dafs man solche schon an dem Vorkommen dieser 
Flächen vermuthen kann. Von den Diploedern kommen besonders 
zwei vor, die Diploeder 123 und 124; ersteres ist besonders charakte- 
ristisch für die positiven, letzteres für die negativen Krystalle, und da 
nach Strüver unter den Italiänischen Eisenkiesen ersteres vorzugs- 
weise in Traversella, letzteres in Brosso vorkommt, so scheint doch 
auch die Beschaffenheit der Lagerstätte einen Einflufs auf die 
thermo-elektrische Beschaffenheit der sich auf ihr bildenden Eisen- 
kiese gehabt zu haben. 

Unter den seltenern Diploedern ist mir besonders das Diploe- 
der 1 6 10 vorgekommen. Ich hatte es schon bei meinen ersten 
Untersuchungen des Eisenkieses beobachtet an einem schönen gro- 
fsen flächenreichen Krystall aus Piemont, später beobachtete ich es 
an Krystallen von Lichtfeld in Siegen, Schemnitz, Cornwall, Me- 
xico und Dognatzka; es ist stets negativ befunden. 



i) Aus der Wälderkohle von Bölhorst bei Minden. Hr. Dr. Krantz hatte 
die Freundlichkeit, mir einige dieser selten vorkommenden Krystalle zu verehren. 
Quenstedt erwähnt ihrer auch in seinem Handbuche der Mineralogie S. 662. 



vom 2. Juni 1870. 341 

Beschaffenheit der Flächen der verschiedenen einfachen Formen. 

Die Beschaffenheit der Flächen bleibt sich nicht überall gleich, 
und fällt in den verschiedenen Combinationen oft verschieden aus, 
doch kann man darüber im Allgemeinen Folgendes festsetzen. 
Die Flächen des positiven Hexaeders sind vorzugsweise und häufig 
sehr stark gestreift parallel den stumpferen Combinationskanten 
mit dem Pyritoeder (Traversella). Die Flächen des negativen 
Hexaeders sind auch wohl auf eine ähnliche Weise gestreift, doch 
feiner (Tavistock), nicht selten aber ganz glatt und stark glänzend 
(Traversella). In den positiven Combinationen des Hexaeders mit 
dem Pyritoeder und Diploeder 123 ist die Hexaederfläche oft pa- 
rallel den Kanten mit diesen beiden Formen gestreift (Elba, Tra- 
versella), 1 ) und ebenso in den positiven Combinationen des Hexae- 
ders mit dem Pyritoeder und dem Diploeder 124 (Rodna). 

Zuweilen finden sich auf den Hexaederflächen kleine quadra- 
tische Eindrücke; bei den positiven Krystallen gehen ihre Seiten 
parallel den Kanten mit dem Dodekaeder (Fig. 6) und werden 
wahrscheinlich auch durch die Flächen des Dodekaeders hervorge- 
bracht. Sie finden sich auf Krystallen von Elba, wo sie indessen 
nur klein, fast mikroskopisch sind. Bei den negativen Krystallen 
gehen sie parallel den Kanten mit dem Oktaeder, und werden auch 
durch die Flächen des Oktaeders hervorgebracht (Fig. 7). Sie sind, 
wo sie sich finden, gröfser als die vorigen, oft sehr bedeutend grofs, 
wie bei Krystallen von Traversella. 2 ) 

Die Flächen des positiven Oktaeders sind oft gestreift paral- 
lel den Kanten mit dem pos. Pyritoeder, besonders sind sie aber cha- 
rakterisirt durch kleine dreieckige Eindrücke, die in der Richtung 
der Hexaederflächen schillern und durch diese auch hervorgebracht 
werden, deren Seiten also parallel mit den Kanten des Oktaeders 
gehen (Traversella, Elba). 3 ) Die Flächen des negativen Oktaeders 
sind vorzugsweise parallel den Kanten mit dem negativen Pyritoe- 
der gestreift; kleine dreieckige Eindrücke finden sich auch hier, 
sie schillern aber in der Richtung der Oktaederflächen und werden 
auch durch diese hervorgebracht; ihre Seiten gehen auch noch den 



1 ) vgl. Strüver's Fig. 176. 

2 ) vgl. Strüver's Fig. 174. 

3 ) vgl. Fig. 4 und 10 und Strüver's Fig. 176. 



342 Gesammtsitzung 

Kanten mit dem Oktaeder parallel, doch haben sie eine umgekehrte 
Lage wie die vorigen (Elba, Brosso, Immenkippel bei Bensdorf). 1 ) 
Streifung und Eindrucke finden sich gewöhnlich zu gleicher Zeit; 
bei einem merkwürdigen Krystall der Turiner Sammlung, den 
Strüver beschrieben und in den Fig. 177 u. 157 gezeichnet hat, 
sind aber diese Eindrücke ganz nach den Stellen der Oktaeder- 
fläche gedrängt, wo sich keine Pyritoederflächen finden und die 
Pyritoederflächen erster Stellung liegen würden, wenn sie da 

wären. 2 ) 

Bei den negativen Krystallen von Elba, bei welchen die Ok- 
taederflächen nur untergeordnet an den senkrecht gestreiften Pyri- 
toederflächen vorkommen, bringen die Leucitoederflächen, wie sie 
die senkrechte Streifung auf den Pyritoederflächen verursachen, 
auch eine Streifung auf den Oktaederflächen hervor. 3 ) Bei ne- 
gativen Krystallen von Brosso findet sich auch auf den Oktaeder- 
flächen eine Streifung nach dem Diploeder 124. 4 ) 



!) vgl. Fig. 5 und Strüver's Fig. 177. 

2) Strüver schliefst aus dieser Verkeilung der Eindrücke auf der 
Oktaederfläche, dafs der Krystall vielleicht ein Zwilling sein könnte ; dies ist 
jedoch nicht der Fall. Der Krystall befand sich unter denen, die Hr. Strü- 
ver die Güte hatte, mir zur Ansicht zu schicken, ich untersuchte ihn mit 
Dr. Groth sehr sorgsam, und wir konnten uns überzeugen, dafs er sich in 
thermo-elektrischer Hinsicht vollkommen wie ein einfacher negativer Krystall 
verhielt. Auch sieht man die Streifen, die den Kanten mit dem Pyritoeder 
parallel gehen, wenn man sie unter dem Mikroscop betrachtet, zum Theil in 
gleicher Richtung in die Felder fortsetzen, in welchen die dreieckigen Ein- 
drücke enthalten sind; die Streifung erscheint nur nicht so regelmäfsig, wie 
sie gezeichnet ist, und findet auch nicht blofs parallel den Kanten mit dem 
Pyritoeder, sondern auch mit dem Oktaeder statt. 

3) Diese Streifung, die auch Quenstedt in seiner Mineralogie angiebt 
(S. 662), ist von Strüver nicht beobachtet worden (a. a. O. S. 35). Die 
Krystalle von Elba, an denen sich diese Streifung findet, sehen aus wie die, 
welche Strüver in Fig. 186 seiner Abhandlung gezeichnet hat, nur dafs 
sich bei ihnen nicht das Diploeder 124, sondern das Leucitoeder findet. Bei 
den Zwillingskrystallen mit durcheinander gewachsenen Individuen erscheint 
diese Streifung auf den gleichliegenden Oktaederflächen beider Individuen 
parallel. 

4 ) vgl. Strüver's Fig. 188. 



vom 2. Juni 1870. 343 

Die Flächen des positiven Dodekaeders sind glatt und glänzend 
(Cornwall, Zwilling) oder ziemlich glatt (Bollhort bei Pr. Minden); 
die Flächen des negativen Dodekaeders sind glänzend und nach 
der kurzen Diagonale gestreift (Chile, Immenkippel bei Bensdorf), 
oder matt und nach der langen Diagonale gestreift (Cornwall, 
Zwilling, Lobenstein, Jonswand in Lappland). 

Die Flächen des positiven Leucitoeders sind meistens glän- 
zend, die des negativen bei Krystallen von Erbach parallel mit 
den Kanten des Hexaeders fein gestreift, bei den oben erwähnten 
Krystallen aus der Wernerschen Sammlung, von denen es zweifel- 
haft ist, ob sie positiv oder negativ sind, erscheinen die Flächen 
durch dreieckige Eindrücke, welche von den Hexaederflächen her- 
vorgebracht werden, ganz matt. 

Die Flächen des positiven Pyritoeders sind, wo es selbststän- 
dig oder herrschend vorkommt, vorzugsweise horizontal parallel 
den Kanten mit dem Hexaeder gestreift; sehr häufig wechseln 
beide Flächen in treppenartigen Absätzen. Zuweilen kommt neben 
der horizontalen eine senkrechte vor, wie bei den stark glänzen- 
den Krystallen von Zacatecas in Mexico, die hier durch die Flä- 
chen des Diploeders 124 hervorgebracht wird. Die Pyritoeder- 
flächen scheinen wie mit niedrigen rectangulären Streifen bedeckt, 
deren Randflächen durch die Hexaeder- und die Diploederflächen 
gebildet werden, und die von verschiedener Breite und auf den 
Pyritoederflächen bald nur einzeln, bald in grofser Menge erschei- 
nen. 1 ) Bei positiven Krystallen von Elba, wo das Pyritoeder noch 
in Verbindung mit dem Oktaeder und dem Diploeder 123 vorkommt, 
erscheinen die ganzen Pyritoederflächen senkrecht zur Grundkante 
gestreift; wenn man die Streifung aber genau betrachtet, so sieht 
man, dafs sie auf ganz ähnliche Weise hervorgebracht wird, wie 
bei den Krystallen von Zacatecas, nur dafs hier die Streifen viel 
feiner und schmaler, und nicht so unterbrochen sind. 

Die Flächen des negativen Pyritoeders sind vorzugsweise senk- 
recht zur Grundkante gestreift. Die Streifung rührt hier von den 
Leucitoederflächen her; dies sieht man sehr deutlich bei den Kry- 
stallen von Elba, wo das Pyritoeder vorherrscht, und Oktaeder und 



l ) Fig. 9 stellt eine solche Pyritoederfläche nur ein halbmal vergröfsert 
dar; die Hexaeder- und Diploederflächen sind bei den Streifen als sehr 
schmal meistentheils in der Fig. fortgelassen. 

[1870] 25 



344 



Qe&ammt Sitzung 



Leucitoeder nur untergeordnet hinzutreten; ebenso bei krystallen 
aus Copiapo, wo das Hexaeder mehr vorherrscht. Die Streifung 
ist sehr geradlinicht und unterscheidet sieh sehr bestimmt von der 
verticalen durch das Diploeder 124 hervorgebrachten Streifung, die 
bei den positiven Elbaer Eisenkieskry stallen vorkommt. 

Aufser den Streifen finden sieh noch,, sowohl bei den positi- 
ven wie negativen Krystallen dreieckige oder trapezoidale Ein- 
drücke (Fig. 8), die in der Richtung der Hexaeder- und der Oktaeder- 
flächen schillern, und daher auch durch diese hervorgebracht wer- 
den; ihre Seiten gehen also auch den Kanten mit dem Hexaeder 
und' Oktaeder parallel. Diese Eindrücke sind aber dieselben bei 
den positiven wie bei den negativen Krystallen. Sie sind oft nur 
klein und von einander getrennt, wie bei den positiven Pyritoedern 
von der Himmelfahrt bei Freiberg und bei den grofsen schönen 
Cubo-Oktaedern von Traversella, an denen die Pyritoederflächen 
nur untergeordnet erscheinen; in andern Fällen sind sie gröfser 
wie bei den grofsen Krystallen von Elba, bei denen die Pyritoe- 
derflächen vorherrschen, in deren Mitte sie dann so zusammenge- 
häuft sind, dafs diese Stellen dadurch ganz drusig erscheinen. Sie 
kommen so bei den zart vertical gestreiften positiven Krystallen 
vor, wo die Eindrücke aufser den Oktaederfiächen noch durch die 
Diploöderflächen 123 gebildet werden, als auch bei den stark ge- 
streiften negativen Krystallen, bei denen die Diploederflächen 

fehlen. 

Die schärfern Pentagondodekaeder, die sämmtlich negativ sind, 
erscheinen selten recht glatt und glänzend, sie sind meistens hori- 
zontal gestreift, und dann auch ebenso das negative Pyritoeder, zu 
dem sie gewöhnlich untergeordnet hinzutreten. 

Das Diploeder 123 ist charakteristisch für die positiven Kry- 
stalle, und ist dann stets sehr glänzend, zuweilen auch ganz glatt, 
gewöhnlich aber mit einer Streifung versehen, theils mit einer 
Längsstreifung parallel den Kanten mit dem Oktaeder (Elba), theils 
mit einer Querstreifung, parallel den Kanten mit dem Diploeder 124 
(Traversella). Zuweilen kommen Längs- und Querstreifung auf 
derselben Fläche vor, wie dies bei Krystallen von Elba nicht sel- 
ten der Fall ist und auch Strüver angiebt in seiner Fig. 183. 
Die Längsstreifung rührt gewöhnlich von den Oktaederflächen her, 
doch zuweilen auch von den Pyritoederflächen, und bei manchen 
Krystallen wechselt Streifung nach den Octaederflächen mit Strei- 



vom 2. Juni 1870. 345 

fung nach den Pyritoederflächen ab, und die zwischen Oktaeder- 
und Pyritoederfläche liegende Diploederfläche ist nach dem Diploe- 
der 124 gestreift und enthält auch viereckige Eindrücke in dieser 
Richtung. 

Das negative Diploeder 123 kommt nur selten vor, und ge- 
wöhnlich sehr untergeordnet, selten herrschender. Es findet sich 
so an den positiven Pyritoedern von Traversella, wo seine Flä- 
chen ganz rauh und drusig und auch mit Eindrücken versehen 
sind, die sämmtlich in der Richtung des Hexaeders schillern. 

Das Diploeder 124 kommt am häufigsten bei negativen Kry- 
stallen von Brosso vor, bei denen das Oktaeder herrscht und Di- 
ploeder und Hexaeder untergeordnet hinzutreten; es ist dann in 
der Regel glänzend, und erscheint auch so bei einem losen Kry- 
stalle von Rodna in Siebenbürgen, wo es vorherrscht und öfter 
durch die Flächen des Hexaeders unterbrochen wird. Dieselbe 
Combination kommt aber hier auch bei positiven Krystallen dieses 
Fundorts vor; die Krystalle sitzen bei mehreren Stücken des mi- 
neralogischen Museums auf schön krystallisirter Blende; das Di- 
ploeder ist matt, und nur in der Richtung des Hexaeders glänzend, 
nach welchem es fein gestreift ist; Hexaeder und Pyritoeder er- 
scheinen stark glänzend. Indessen kommt das negative Diploeder 
124 bei den vorhin erwähnten positiven Krystallen von Traversella 
auch matt und drusig vor, und erscheint hier mit den matten, rauhen, 
ebenfalls nach dem Hexaeder gestreiften negativen Diploeder 123. 

Das Diploeder 16 10, welches ich nur bei negativen Krystal- 
len beobachtet habe, erscheint, wo es auch vorkommt, stets sehr 
glatt und glänzend, so dafs es sich zu den schärfsten Messungen 
eignet. 

Zwilling skr y stalle. 

Regelmäfsige Verwachsungen zweier Krystalle zu Zwillings- 
krystallen kommen bei dem Eisenkies sehr häufig vor und viel 
häufiger als man bis jetzt angenommen hat, da man einen grofsen 
Theil derselben bisher ganz verkannt, und nur die deutlichen, mit 
durcheinander gewachsenen Individuen für solche genommen hat. 
Die Zwillingskrystalle, die beim Eisenkiese vorkommen, sind aber 
zweierlei Art; die beiden Krystalle, die untereinander regelmäfsig 
verwachsen vorkommen, sind entweder thermo-elektrisch einerlei 
Art oder sie sind verschieden. Beide zerfallen wieder in 2 Ab- 

25* 



346 Gesammtsitzung 

theilungen, bei den erstem sind die verwachsenen Krystalle ent- 
weder beide positiv oder beide negativ, und der eine erscheint ge- 
gen den andern um eine der 3 rechtwinkligen Axen um 90° ge- 
dreht; bei den letztern, bei denen der eine Kry stall positiv, der 
andere negativ ist, stehen beide gegeneinander in Zwillingsstellung 
oder sie haben ihre parallele Stellung behalten. 

1. Zwillingskrystalle, bei welchen beide Individuen 
thermo-elektriseh einerlei Art sind. 

Wenn man einen solchen Zwillingskrystall parallel einer Hexae- 
derfläche mit einem scharfen Meifsel spaltet, so kann man auf der 
Bruchfläche von einer Gränze zwischen den beiden Individuen in 
der Regel nichts sehen. Läfst man die Bruchfläche poliren, so 
zeigen die beiden Individuen öfter wohl etwas Verschiedenheit im 
Glänze, so dafs man die Gränzen schon erkennen kann, ganz 
vortrefflich sieht man sie aber, wenn man die Bruchfläche ätzt; 
es entstehen nun die oben S. 333 beschriebenen Eindrücke parallel 
den Pyritoederflächen, die in jedem Individuum verschieden liegen. 
Die Bruchfläche jedes Individuums glänzt nun in der Richtung 
ihrer Pyritoederflächen, während die andere ganz matt ist, die nun 
ihrerseits glänzt, während die erste matt erscheint, wenn man die 
geätzte Fläche um die Zwillingsaxe um 90° dreht. Die Gränzen 
zwischen beiden Individuen gehen unregelmäfsig, nie genau durch 
die Diagonalen der Hexaederfläche, sind aber sonst ganz gerad- 

linicht. 

d) Positive Zwillingskrystalle der Art wurden von 4 
Fundörtern untersucht: von Elba, vom Dörrel bei Pr. Oldendorf 
in Hannover, von Leiwa in Columbien und einem andern Vorkom- 
men von Elba. 

Die Krystalle von Elba sind von 3—4 Linien Gröfse und auf 
einer derben Eisenkiesmasse aufgewachsen. Sie sind sämmtlich 
vorherrschend Pyritoeder, die Grundkanten nur schwach abgestumpft 
durch die Hexaederflächen; die Krystalle sind durcheinander ge- 
wachsen, die Hexaederflächen der beiden Krystalle kreutzen sich 
also rechtwinklig und fallen in eine Ebene. Die Flächen der Py- 
ritoeder sind horizontal gestreift. 

Bei dem Eisenkies vom Dörrel sind bei einer Stufe des mi- 
neralogischen Museums die Krystalle nur ein wenig kleiner und 



vom 2. Juni 1870. 347 

auf schön krystaliisirtem Eisenspath aufgewachsen; 1 ) sie sind eben- 
falls vorherrschend Pyritoeder, Hexaeder und ein stumpferes Pen- 
tagondodekaeder treten nur untergeordnet hinzu. Die Krystalle 
sind aufserordentlich glänzend; das Pyritoeder ist schwach, das 
stumpfere Pentagondodekaeder stark horizontal gestreift. 

Von den Krystallen von Leiwa besitzt das mineralogische Mu- 
seum 3, sie sind reine Pyritoeder, etwas gröfser als die vorigen 
von etwa 6 — 8 Linien im Durchmesser, horizontal gestreift und äus- 
serlich braun angelaufen. Bei einem derselben hatte ich 2 sich recht- 
winklich schneidende Hexaederflächen anschleifen lassen; man sah 
dabei, dafs er einen Kern hatte, der mit einer Schale späteren 
Absatzes gleichmäfsig bedeckt war, so aber, dafs man die Gränze 
zwischen Schale und Kern auf den Schliffflächen deutlich erkennen 
konnte, Schale und Kern zeigten sich beide positiv. 

Die zweite Varietät der Zwillingskrystalle von Elba sind Com- 
binationen des Diploeders 123 mit dem Pyritoeder, Hexaeder und Ok- 
taeder, wie sie Fig. 36 in Strüver's Abhandlung darstellt. Die 
Diploeder sind meistentheils vorherrschend, und nach den Kanten 
mit dem Oktaeder und Pyritoeder, wie oben S. 344 angegeben, stark 
gestreift, das Pyritoeder schwach senkrecht gestreift, Hexaeder und 
Oktaeder glatt; die Flächen des erstem enthalten stellenweise die 
kleinen oben S. 341 beschriebenen Eindrücke. Die Mineralien- 
sammlung der Bonner Universität besitzt einen über zollgrofsen 
prachtvollen Zwilling, bei dem die beiden Krystalle vollständig 
und sehr symmetrisch durcheinander gewachsen sind, der mir durch 
freundliche Vermittelung des Prof. vom Rath zur Untersuchung 
geschickt wurde; das Berl. mineral. Mus. besitzt mehrere kleinere 
Krystalle der Art, die aber einfach sind, und nur einen bei dem 2 In- 
dividuen durcheinander gewachsen sind, doch nicht so vollkommen 
und regelmäfsig als bei dem Bonner Krystall. Die Krystalle sind 
auf dünn tafelförmigen mit den Rändern aufsitzenden Eisenglanz 
aufgewachsen, deren Eindrücke die losen Krystalle des Eisenkieses 
enthalten. 

b) Zwillingskrystalle bei denen die beiden Indivi- 
duen negativ sind. Von diesen sind Eisenkieskrystalle von 4 



l ) Das mineralog. Museum verdankt diese Stufe Hrn. Dr. Lasard, 
der auch das Vorkommen beschrieben hat (Zeitschrift d. d. geol. Ges. von 
1867 B. 19 S. 16). 



348 Gesammtsitzung 

Fundörtern untersucht: von Elba, Vlotho bei Pr. Minden, Pfitsch 
in Tyrol und Eisenerz in Steiermark. 

Von Elba ein über 2 Zoll grofser Zwilling, hauptsächlich aus 
einem Pyritoeder bestehend, aus dein das andere Individuum in 
einzelnen Theilen herausragt; nur sehr untergeordnet treten Hexae- 
der, Oktaeder und Leucitoeder hinzu. Die Flächen des Pyritoeders 
sehr stark und geradlinicht parallel den Kanten mit dem Leuci- 
toeder und durch dieses gestreift. 

Die Krystalle von Vlotho kommen in grofser Menge in Keu- 
permergel eingeschlossen vor; sie sind nur einige Linien grofs, 
giöfstentheils einfache Pyritoeder und zu Zwillingen oft aber sehr 
regelmäfsig, durcheinander gewachsen. Sie sind so wie man sie in 
den Sammlungen sieht, gewöhnlich mehr oder weniger vollständig 
in Göthit umgeändert; zuweilen nur auf der äufsersten Oberfläche; 
solche sind zur Untersuchung genommen, nachdem sie zuvor durch 
heifse Chlorwasserstoffsäure von ihrer bedeckenden braunen Haut 
befreit waren. 

Die Krystalle von Eisenerz in Steiermark in dem Berliner 
Museum sind kleiner als die von Vlotho, aber ganz frisch. Sie 
sind lose, vielleicht sind sie aber früher in Eisenspath eingewach- 
sen gewesen, denn sie zeigen aufser dem Pyritoeder noch die Flä- 
chen eines schärfern Pentagondodekaeders 340, was bei Eisenkies- 
krystallen, die in Eisenspath vorkommen, öfter der Fall ist, z. B. 
in Lobenstein. Die Flächen sind nicht besonders glänzend, aber 
nicht gestreift. 

Von Putsch besitzt das Berliner Museum nur einen 4 Linien 
grofsen Krystall, zwei durcheinander gewachsene Pyritoeder. Die 
Flächen sind etwas uneben, doch deutlich vertikal gestreift; aufser 
den Flächen des Pyritoeders kommen noch untergeordnet die des 
Oktaeders vor, von denen hier besonders an einer Ecke zwei den 
verschiedenen Individuen angehörige Flächen sehr schön sternför- 
mig durcheinander gewachsen sind. 

2. Zwillingskrystalle, bei welchen das eine Individuum 
positiv, das andere negativ ist. 

d) Beide Individuen in Z will ings Stellung. Es sind 
dies die Zwillingskrystalle, die erst durch die Untersuchung ihres 
thermo-elektrischen Verhaltens erkannt worden sind. Die Flächen 
des einen Kry stalls kommen hierbei vollständig in die Lage des 



vom 2. Juni 1870. 349 

andern, und der Zwilling erscheint hier wie ein einfacher Krystall, 
wenn man nicht auf die Beschaffenheit der Flächen achtet. Die 
Krystalle des Zwillings sind aneinander gewachsen oder durchein- 
ander gewachsen; gewöhnlich ganz unregelmäfsig und Theile des 
einen durch den andern oft vollständig getrennt. Die Flächen des 
Zwillings erscheinen dann, wenn die Flächen des positiven und 
negativen Krystalls in ihrer Beschaffenheit sehr verschieden sind, 
wie geneckt. Man findet diese Art der Zwillinge sehr ausgezeich- 
net bei den Italiänischen Eisenkiesen von Traversella, Brosso und 
Elba. 1 ) 

Von Brosso wurden 8 Krystalle untersucht, die vorherrschend 
Combinationen des Hexaeders und Oktaeders sind, und an denen 
untergeordnet die Flächen des Pyritoeders und des Diploeders 123 
erscheinen. Die gleichnamigen Flächen sind sehr unregelmäfsig 
ausgedehnt, und Pyritoeder und Diploeder treten auch ganz un- 
regelmäfsig hinzu. 2 ) Die Krystalle sind von dem Ansehn wie die, 
welche Strüver in den Fig. 166, 167 u. 169 darteilt. Die Flächen 
des Hexaeders gehören gröfstentheils dem neg. Krystalle an, sie sind 
glatt und glänzend oder haben die oben S.341 angegebene schwa- 
che Streifung nach den Seiten eines langgezogenen Sechsecks wie die 
pos. Krystalle. Stellenweise sind sie aber öfter stark gestreift, 
die Streifen ganz unregelmäfsig begränzt, und diese so stark ge- 
streiften Stellen gehören dem positiven Krystalle an. Die Oktae 



J ) Leider bin ich bei den Italiänischen Eisenkiesen des Berl. min. Mu- 
seums oft ganz unsicher über die Fundörter, da die Zettel fehlen oder nicht 
genau genug sind. Die von Strüver angegebenen Kennzeichen für die 
Fundörter aus den begleitenden Mineralien, Magneteisenerz und Dolomit für 
Traversella, Schwerspath für Brosso, Eisenglanz für Elba, verlassen einen, 
wenn man es mit losen Krystallen zu thun hat. Es wäre vielleicht gut ge- 
wesen, wenn Strüver bei der Erklärung der schönen Figuren der Kupfer- 
tafeln wie die jedesmaligen Combinationen so auch die Fundörter angegeben 
hätte; man hätte dadurch für die Bestimmung der Fundörter noch ein wei- 
teres Anhalten. Bei vielen stehen zwar die Fundörter in der Beschreibung 
der einfachen Formen, aber doch bei weiten nicht bei allen. 

2 ) Diese Unregelmäfsigkeiten in der Gröfse und in dem Auftreten der 
gleichnamigen Flächen charakterisiren diese Art der Zwillingskrystalle, daher 
wohl zu vermuthen ist, dafs der gröfste Theil der von Strüver Taf. XII 
gezeichneten Krystalle solche Zwillingskrystalle sind. 



350 Gesammtsitzung 

derflächen gehören theils dem negativen, theils dem positiven Kry- 
stalle an. Die negativen Flächen sind in der Regel ganz glatt, 
die positiven aber gestreift nach den Flächen des positiven Di- 
ploeders 123, und aufserdem mit den kleinen oben S. 341 beschrie- 
benen dreieckigen Eindrücken versehn, die durch die Flächen des 
Hexaeders hervorgebracht werden. Die Pyritoederflächen sind matt 
und mit den oben S. 344 beschriebenen kleinen dreieckigen oder 
trapezoidalen Eindrücken versehn, die durch die Oktaeder- und 
Hexaederflächen hervorgebracht werden; die Diploeder sind paral- 
lel den Kanten mit dem Oktaeder gestreift, stets positiv. Fig. 10 
stellt die horizontale Projection eines solchen Zwillings dar, bei 
dem die vordem Oktaederflächen positiv und voller kleiner Ein- 
drücke sind, die in der Richtung der Hexaederflächen prächtig schil- 
lern, die hintern Oktaederflächen 0' sind meistens negativ, die der un- 
tern Seite dagegen sämmtlich positiv. Die Hexaederflächen sind 
bis auf die zur Seite rechts liegende Fläche sämmtlich negativ, 
und alle glatt und glänzend. An der hintern Seite erscheint noch 
eine kleine negative Pyritoederfläche ^d', an derselben Stelle wo 
2 positive Diploederflächen liegen müfsten. Fig. 11 ist ein gröfs- 
tentheils negativer Kry stall, an dem nur die kleine stark gestreifte 
Stelle der obern Hexaederfläche a', sowie einige mehr oder weni- 
ger stark hervorspringende Diploederecken von 123 auf den vor- 
dem Oktaederflächen 0' positiv sind. Bei einem andern Krystalle 
sind 5 Hexaederflächen positiv und nur eine negativ, und diese an 
allen 4 Ecken von den positiven glänzenden Flächen des Diploe- 
123 umgeben. Eine parallel einer Hexaederfläche gelegte Bruch- 
fläche zeigt trotz des starken Glanzes auch ohne Ätzung die 
Gränze beider Individuen ziemlich deutlich; sie verläuft hier auf 
der Bruchfläche ganz unregelmäfsig und krummlinicht ; geätzt sieht 
man sie noch besser, trotzdem dafs nun in beiden Individuen die 
pyritoedrischen Eindrücke eine gleiche Lage haben. Die des ne- 
gativen Krystalls sind mehr in der Richtung der Grundkante ver- 
längert, sind meistentheils feiner und liegen dichter nebeneinander, 
daher die geätzte Bruchfläche des negativen Krystalls weniger 
glänzt als die des positiven. 1 ) 



J ) Bei weiterm Studium wird es deshalb gewifs noch möglich sein, 
zwischen den Ätzeindrücken der positiven und negativen Flächen beim Eisen- 
kies einen Unterschied zu finden. 



vom 2. Juni 1870. 351 

Von Traversella wurden 4 über zollgrofse Zwillingskrystalle 
untersucht. Sie sind Combinationen eines Pyritoeders, welches 
vorherrscht mit dem Hexaeder und den Diploedern 123 und 124, 
die untergeordnet hinzutreten. Pyritoeder und Hexaeder sind sehr 
glänzend und schwach gestreift parallel den stumpfern Combina- 
tionskanten, die sie bilden; die Diploeder sind ganz matt und dru- 
sig von lauter kleinen hervorragenden Ecken, sie schillern aber 
sämmtlich in der Richtung der Oktaederfläche, und werden also 
auch zum Theil durch eine solche Fläche begränzt. Die Flächen 
des Diploeders 123 werden aber stellenweise durch ganz glänzende 
Streifen, die den Combinationskanten des Diploeders mit dem 
Hexaeder oder dem Diploeder 124 parallel gehen, oder ganz 
unregelmäfsig begränzt sind unterbrochen. Pyritoeder uud He- 
xaederilächen sind positiv, die matten Dipioederflächen 123 und 124 
sind negativ, die glänzenden Stellen auf ihnen dagegen wieder 
positiv. 

In Brosso kommt die nämliche Combination mit vorherrschen- 
den Octaederflächen vor (vergl. Strüver Fig. 168), aber hier sind 
diese negativ, Pyritoeder und Diploeder 123 positiv; auch sind hier 
sämmtliche Flächen glänzend, die des Oktaeders gestreift parallel 
den Kanten mit dem Pyritoeder, die des Diploeders 123 parallel 
den Kanten mit dem Hexaeder und dem Diploeder 124; die Kry- 
stallflächen sind auch sehr unregelmäfsig ausgedehnt. Der nega- 
tive Krystall ist hier oft sehr vorherrschend; das Diploeder 123 
bildet bei einem Kry stalle des Berl. mineralog. Museums nur an 
den Ecken eine positive Schale, die nicht sehr dick ist, und im 
Bruch sehr scharf an dem übrigen negativen Theil abschneidet. 

Hierher gehört auch der merkwürdige Krystall von Brosso, 
den Strüver S. 21 seiner Abhandlung beschrieben und Fig. 144 
vortrefflich abgebildet hat, und den er die Güte hatte, mir zur An- 
sicht zu schicken. Er besteht aus einer Gruppe von 2 Krystallen 
mit ganz verschiedenen Combinationen von Flächen, die in schein- 
bar paralleler Stellung mit ganz unregelmäfsig laufenden und deut- 
lich sichtbaren Gränzen miteinander verwachsen sind. Beide ent- 
halten das Pyritoeder vorherrschend, der eine aufserdern etwas mehr 
untergeordnet die Flächen des Leucitoeders , und noch mehr die 
Flächen des Hexaeders und des schärfern Pentagondodekaeders 
405; der andere die Flächen des Oktaeders in ungefähr gleicher 
Gröfse mit dem Pyritoeder und klein die Flächen des Diploeders 



352 Gesammtsitzuny 

124. Der erste Kry stall ist positiv, der andere negativ. Strüver 
sagt: der Krystall kann nicht für einen Zwilling gehalten werden, 
da die Flächen des Pyritoeders des einen Individuums parallel den 
Flächen des andern sind; das elektrische Verhalten klärt die Er- 
scheinung auf, auch sind die Combinationen die gewöhnlichen, 
die bei positiven und negativen Krystallen vorkommen. 1 ) 

In Traversella kommen noch andere mehrere Zoll grofse Kry- 
stalle vor, die oft nur reine Pyritoeder und horizontal gestreift 
sind; die Streifung ist häufig sehr grob und unterbrochen, und der 
Krystall erscheint dann oft aus mehreren Individuen zu bestehen, 
deren Grundkanten nicht genau untereinander parallel sind. Ein 
Krystall aus der Sammlung des Dr. Tamnau, an welchem die 
Streifung feiner ist, erschien vollkommen positiv, die mit grober 
Streifung zeigten sich gröfstentheils als Zwillingskrystalle, positiv 
und negativ, und die Gränze zwischen beiden ist oft deutlich zu 
verfolgen. Manche enthalten an den einzelnen gleichkantigen Ecken 
des Pyritoeders noch untergeordnet die glänzenden Flächen des Ok- 
taeders und des Diploeders 123, und diese Stellen zeigten sich 
stets positiv. 

Bei einer grofsen Druse des Berl. min. Museums von Traver- 
sella, an welcher die Eisenkieskrystalle, gröfstentheils reine Pyri- 
toeder von verschiedener Gröfse, mit gröfsern und kleinern Krystal- 
len von Dolomit aufgewachsen sind, erscheinen die Eisenkieskry- 
stalle matt, aber da, wo der bedeckende Dolomit mit dem Messer 
oder mit ChlorwasserstofTsäure weggenommen war, stark glänzend. 
Die glänzenden Slellen liegen stets tiefer als die matten, und sind 
scharf begränzt. Offenbar hatte hier die Eisenkiesbildung nach 
dem Dolomitabsatze noch einmal begonnen und eine schwache Lage 
auf dem von Dolomit nicht bedeckten Theil gebildet. Die ent- 
blöfsten glänzenden Stellen zeigten sich bei einem kleinen Krystalle 
negativ, die matten schwach positiv. Bei einem gröfsern Krystalle 
war die Bruchfläche mit welcher derselbe aufgesessen hatte positiv, 
eine matte Stelle auf einer Pyritoederfläche auch positiv; eine sehr 



*) Bis auf das schärfere Pentagondodekaeder, da bisher ein schärferes 
überhaupt bei positiven Krystallen noch nicht beobachtet ist; dasselbe Penta- 
gondodekaeder kommt bei dem mir von Hrn. Strüver ebenfalls gesandten 
Krystalle Fig. 128 negativ vor. 



vom 2. Juni 1870. 353 

glänzende Stelle auf einer andern Pyritoederfläche negativ, auf 
einer dritten Fläche ebenfalls negativ, eine Ecke, an welcher eine 
Oktaederfläche und kleine Flächen des Diploeders 123 erschienen, 
auch positiv. Wegen des positiven Bruches im Innern scheint 
hier also eine mehrfach sich wiederholende Bildung von positiven 
und negativen Eisenkies stattgefunden zu haben. 

Etwas Räthselhaftes bieten gewisse grofse schön ausgebildete 
und glänzende Krystalle von Elba dar, die Combinationen des Py- 
ritoeders mit Hexaeder, Oktaeder und Diploeder 123 sind, deren 
Pyritoederflächen schwach vertical gestreift sind mit drusigen Ein- 
drücken in der Mitte und deren Diploeder die doppelte Streifung 
haben. Hier sind die Pyritoederflächen auf einer Fläche zuweilen 
positiv 7 , auf einer andern negativ, und die vom Diploeder umgebenen 
Oktaederflächen positiv oder negativ. Da man nie weifs, wie im 
Innern die Gränzen des positiven und negativen Krystalles laufen, 
so ist es sehr möglich, dafs ein Theil des negativen Krystalles 
sich nahe unter der Oberfläche des positiven hinzieht; ist nun die 
Erwärmung von Kupferdraht aus erst bis zur Berührungsstelle des- 
selben mit dem Krystall gelangt, so wird ein Strom erregt, dessen 
Richtung den Krystall als positiv characterisirt, aber bald, wenn 
die Temperaturerhöhung bis zur Gränze zwischen positiven und 
negativen Krystall eingedrungen ist, tritt dann ein stärkerer ent- 
gegengesetzter Strom auf. 

Sehr mehrkwürdig sind einige lose Krystalle in der Sammlung 
der Bergakademie, die angeblich aus Cornwall stammen; die Kry- 
stalle sind 3 bis 4 Linien grofs und vorherrschend Dodekaeder, an 
deren Aderflächigen Ecken untergeordnet die Flächen des Diploeders 
16 10, die Pyitoeder- und Hexaederflächen erscheinen, und deren 
Kanten durch die Leucitoederflächen schwach abgestumpft sind. 
Die Dodekaederflächen sind zur Hälfte nach dem der Pyritoeder- 
fläche anliegenden Theile stark glänzend und glatt, und zur andern 
Hälfte ganz matt. Hexaeder, Pyritoeder und Diploeder glänzend, 
das Leucitoeder ist matt. Das Matte der letztern und der Hälf- 
ten der Dodekaederflächen rührt von einer zarten Streifung paral- 
lel den Kanten mit dem Oktaeder her, dessen Flächen selbst nicht 
da sind; alle um eine dreiflächige Ecke des Dodekaeders gelege- 
nen Dodekaeder- und Leucitoederflächen schillern daher, silberweifs 
glänzend, in der Richtung der Oktaederflächen, was diesen Kry- 



354 Gesammtsitzung 

stallen ein sehr eigentümliches Ansehn giebt. 1 ) Hexaeder, Pyri- 
toeder und Diploederflächen sowie die matten Theile der Dode- 
kaederflächen sind positiv, die glänzenden Theile negativ. Die 
Krystalle sind also sehr regelmäfsige Zwillingskrystalle mit durch- 
einander gewachsenen Individuen. 

Diesen in mancher Rücksicht ähnlich sind kleine Krystalle 
von Immenkippel bei Bensdorf des mineralog. Museums. Diesel- 
ben sind Combinationen des Oktaeders mit den untergeordnet hin- 
zutretenden Flächen des Dodekaeders, Pyritoeders und Hexaeders. 
Letztere Flächen sind glatt, die Dodekaederflächen haben eine 
Streifung nach der kurzen Diagonale, die sich auf den Pyritoeder- 
flächen fortsetzt. Die Oktaederflächen sind matt und mit kleinen 
mikroskopischen dreieckigen Eindrücken versehen, deren Seiten 
den Kanten des Oktaeders parallel sind und von dem Hexaeder 
herrühren. Hexaeder, Pyritoeder und Dodekaeder sind negativ, 
die Oktaederflächen positiv, was auch schon die dreieckigen Ein- 
drücke beweisen. 2 ) 

b) Zwillingskrystalle, beide Krystalle in paralleler 

Stellung. 

Hierher gehören alle die seltenen Fälle von Krystallen, bei 
denen man hemiedrische Formen in beiden Stellungen beobachtet 
hat, denn hier ist stets anzunehmen, dafs die Formen der einen 
Stellung positiv, der andern negativ sind. Wir haben allerdings 
nur einige solcher Krystalle untersucht, die sich auf einer kleinen 
Stufe befinden, die mir Hr. Strüver gütigst gesandt, doch waren 
diese Krystalle entscheidend, da bei ihnen das Verhältnifs so ge- 
funden wurde, wie angegeben. Die oben S. 328 erwähnten Kry- 



J ) Die Krystalle haben im Anselin die gröfste Ähnlichkeit mit der von 
Strüver Fig. 128 abgebildeten und S. 26 beschriebenen Combination wahr- 
scheinlich von Brosso, nur findet sich hier statt des glänzenden Theiles der 
Dodekaederflächen das Pentagondodekaeder 405. 

2 ) Hierher gehören weiter auch wohl die Krystalle, die Strüver S. 38 
seiner Abhandlung beschrieben und Fig. 181 abgebildet hat. Es sind Pyri- 
toeder von Traversella, die an den Grundkanten schwach abgestumpft sind; 
auf den Pyritoederflächen finden sich kleine hervorragende Ecken von einem 
Diploeder, vielleicht 851, an welche noch die Flächen des Hexaeders und 
des Pyritoeders hinzugetreten sind, welche den gleichnamigen Flächen des 
Krystalls, worauf sie aufgewachsen, parallel sind. 



tom 2. Juni 1870. 355 

stalle, die Hr. Weisbach die Güte hatte, mir aus der Freiberger 
Sammlung zu schicken, waren zu klein und miteinander zu sehr ver- 
wachsen, um ein entscheidendes Resultat geben zu können, doch fin- 
den sich auch hier einzelne Flächen und Bruchstellen positiv, andere 
negativ, so dafs sich wenigstens die Anwesenheit von positiven 
und negativen Theilen ergab. Ebenso gab auch der von Hrn. Hes- 
senberg oben S. 330 erwähnte Krystall, der mir freundlichst zur 
Ansicht geschickt wurde, kein Resultat, da die Fläche des Penta- 
gondodekaeders zweiter Stellung für die Untersuchung zu klein war, 
sie ist in der That noch kleiner als sie in der Figur dargestellt 
ist. Der ganze Krystall wurde nur negativ gefunden. 

Die von Hrn. Strüver gesandte Stufe enthielt drei Krystalle 
von der in Fig. 111 seiner Abhandlung abgebildeten Combination. 
Sie besteht aus dem Hexaeder, dem Dodekaeder, den beiden Py- 
ritoedern, einem flachern Pentagondodekaeder 103, dem Oktaeder 
und Leucitoeder. Das Hexaeder herrscht vor, alle übrigen Flä- 
chen sind untergeordnet und so wie in der Figur dargestellt ist. 
Das Pentagondodekaeder 103 erscheint nur bei dem einen Pyritoe- 
der, das sich aber im Ansehn nicht wesentlich von dem andern 
unterscheidet, alle Flächen sind glänzend. Die Krystalle sind auf- 
gewachsen, doch ist bei allen eine Hexaederecke mit den umgeben- 
den Flächen frei. Das Pyritoeder, bei welchem sich das Penta- 
gondodekaeder 103 befand, zeigte sich negativ, das wobei dieses 
fehlte, positiv; bei einigen Flächen waren die Resultate ganz ent- 
scheidend, in andern Fällen wurde auch bei dem Pyritoeder ohne 
das Pentagondodekaeder 103 der umgekehrte Strom erhalten; of- 
fenbar war in dem Zwillinge die negative Masse vorherrschend, 
und zog sich in dem letzten Falle wohl unter der positiven weg, 
so dafs dann die negative auch hier den Ausschlag gab. Die 
Gränzen zwischen den positiven und negativen Individuen ist bei 
allen 3 Krystallen nicht sichtbar. 1 ) 



a ) Bei einer andern Stufe mit Krystallen, die mir auch Hr. Strüver 
schickte und auf welcher die Krystalle die in Fig. 110 abgebildete Form 
hatten, waren die Krystalle auf der Oberfläche in Eisenoxydhydrat umgeän- 
dert und dadurch nicht leitend geworden, obgleich die entstandene Haut nur 
sehr düun war. Da ich nicht das Recht hatte mit Chlorwasserstoffsäure die 
nicht leitende Hülle zu entfernen, so konnten die Krystalle für meine Zwecke 
nicht benutzt werden. 



356 GesammtsUzung 

Wahrscheinlich gehören hierher noch 2 Krystalle des Beil. 
mineralog. Museums vermuthlich von Brosso. Es sind 5 bis 6 
Linien grofse Oktaeder, an den Ecken mit den Flächen des Hexae- 
ders, Pyritoeders und Diploeders 123 begränzt, die nur ganz un- 
tergeordnet hinzutreten. Diese letztern Flächen sind glänzend, die 
Oktaederflächen matt, aber ebenfalls silberweifs metallisch glänzend 
in der Richtung der Flächen eines Pyritoeders entgegengesetzter 
Stellung. Betrachtet man die Oktaederflächen oder besser noch 
einen von ihnen gemachten Hausenblasenabdruck unter dem Mi- 
kroskop, so sieht man, dafs sie mit lauter kleinen dreiseitigen Py- 
ramiden bedeckt sind, deren Flächen dem Pyritoeder der entgegen- 
gesetzten Stellung angehören. Untersucht man das thermo-elektri- 
sche Verhalten der Flächen, so findet man die des Hexaeders 
stark positiv, die Flächen des Oktaeders auch, aber einen merk- 
lich schwächern Strom liefernd; es ist daher wahrscheinlich die 
ganze Erscheinung so zu deuten, dafs die Krystalle positiv, aber 
auf der Oberfläche mit negativen Krystallen bedeckt sind, die aber 
so klein sind und nur eine so dünne Decke auf der Oberfläche 
bilden, dafs bei der Erwärmung die drunter liegende positive Masse 
in Bezug auf die Stromesrichtung bald die Oberhand gewinnt. 
Diese kleinen Krystalle würden dann aber nicht in Zw r illingsstel- 
Inng stehen, sondern in paralleler Stellung, sodafs die Krystalle 
Zwillingskrystalle der vierten Art sind. 1 ) 

Man könnte auch annehmen, dafs die Krystalle Zwillingskry- 
stalle erster Art wären und die geringe Leitung auf der Oktaeder- 
fläche nur daher käme, weil die Flächen rauh wären, indessen sind 
in diesem Falle die in Zwillingsstellung stehenden Krystalle stets 
gleich ausgebildet, und es ist noch nicht der Fall vorgekommen, 
dafs der eine Krystall ungleich gegen den andern und der eine 
wie hier ein Oktaeder, der andere, oder wie hier die andern, Py- 
ritoeder sind, daher die erstere Meinung wohl die wahrschein- 
lichere ist. 



l ) Ähnliche Betrachtungen könnte man freilich auch bei den S. 343 
beschriebenen und Fig. 9 abgebildeten Krystallen anstellen; auch hier könn- 
ten die aufliegenden dünnen Streifen negativen Krystallen angehören, die 
aber auch hier ganz dünn sein müfsten, denn die Untersuchung hat hier 
überall nur positive Elektricität gegeben. 



vom 2. Juni 1870. 357 

Positive und negative Krystalle in unregelmäfsiger Ordnung 
nebeneinander. 

Positive und negative Krystalle von Eisenkies finden sich Öf- 
ter auf einer und derselben Stufe oder einer und derselben Gruppe 
in unregelmäfsiger Verbindung neben einander. So enthält das 
mineralogische Museum einen zollgrofsen Krystall von Traversella, 
eine Combination des Hexaeders, Oktaeders und Pyritoeders mit 
etwas unregelmäfsiger Ausdehnung der Flächen, doch ungefährem 
Gleichgewicht der Formen. Die Hexaederflächen sind glatt, aus- 
ser einigen Unterbrechungen durch die Pyritoederflächen, die Ok- 
taederflächen ebenfalls glatt, nur sind an einigen Stellen die Ecken 
des Diploeders 123 in paralleler Stellung hervorgebrochen, die 
Flächen des Pyritoeders sind senkrecht gestreift, wenn auch an 
einer grofsen Fläche nur stellenweise, und daneben glatt. Auf 
einer Hexaederfläche ist ein kleinerer Krystall aufgewachsen, bei 
dem die Hexaederflächen vorherrschen, die Pyritoederflächen mehr 
untergeordnet vorkommen, und an dessen Ecken, von denen drei 
sichtbar sind, die Flächen des Diploeders 123 erscheinen; die 
Hexaederflächen sind glatt, und wie bei dem grofsen Krystall nur 
stellenweise durch die Pyritoederflächen unterbrochen, die Pyritoe- 
der- und Diploederflächen ebenfalls glatt. Der grofse Krystall ist 
bis auf die aus den Oktaederflächen hervorragenden Diploederecken 
negativ, selbst auf den ganz glatten Stellen der Pyritoederflächen 
neben den gestreiften, die Diploederecken sind aber positiv; der 
grofse Krystall also schon ein Zwillingskrystall. Der kleine Kry- 
stall ist positiv, die Combination auch vollkommen einer positiven 
gemäfs, aber die Verwachsung beider Krystalle ist ganz zufällig, 
ein bestimmtes Gesetz der Verwachsung scheint nicht statt zu 
finden. 

In dem Museum befindet sich ferner eine Druse aus Cornwall 
ohne nähere Bestimmung, die auf der (untern) Bruchfläche vorzugs- 
weise aus Kupferkies besteht, in welchem Eisenkies und Quarz 
eingemengt, ist; der erstere stets in regelmäfsig ausgebildeten Kry- 
stallen, die öfter zu Krystallgruppen vereinigt sind; sie sind He- 
xaeder, auf den Flächen stark gestreift und 3 bis 4 Linien grofs. 
Krystalle von derselben Form erscheinen auch auf der obern freien 
Seite der Stufe in einzelnen Gruppen auf dem Kupferkies aufge- 
wachsen und hier zusammen mit schneeweifsen Quarzkrystallen ; 



358 Gesammtsitzung 

aber diese in Hexaedern krystallisirten Eisenkieskrystalle werden 
zum Theil von andern Gruppen von Ei senkieskry stallen bedeckt, 
die eine andere Form haben und Combinationen des vorherrschen- 
den Oktaeders mit dem Hexaeder sind. Sie sind kugelich zusam- 
mengehäuft, bunt angelaufen, dennoch glänzender als die Hexaeder, 
und da sie diese bedecken, späterer Bildung als diese. 

Die reinen Hexaeder sind auf manchen Flächen positiv, auf 
andern negativ, also Zwillingskrystalle, ohne dafs man auf den 
Krystallflächen eine Gränze zwischen den positiven und negativen 
Krystallen sehen kann. Sie gleichen im Ansehn und in ihrem 
thermo-elektrischen Verhalten andern Eisenkieskrystallen von Ta- 
vistock in Devonshire, die lose oder in losen Gruppen in dem mi- 
neralogischen Museum sich befinden, nur etwas gröfser sind. 1 ) 
Die angelaufenen Krystalle sind positiv, was bei den vorherrschen- 
den Oktaederflächen auffallen kann. Auch die Quarzkry stalle zei- 
gen darin etwas Eigentümliches, dafs sie nur auf einer äufsern 
Schicht schneeweifs und undurchsichtig, im Innern aber graulich- 
weifs und durchsichtig sind. 

Hierher sind endlich noch zwei Stufen von Chachiyuyo del 
oro bei Copiapo in Chile zu rechnen, die wie die vorigen ein Ge- 
menge von Kupferkies mit Eisenkies und Quarz sind. Kupferkies 
ist vorherrschend, auf der einen (obern) Seite findet er sich allein 
mit Quarz in grofsen undeutlichen Krystallen, die an der Ober- 
fläche angelaufen, blauschwarz und matt, im Bruch aber frisch und 
stark glänzend sind. Der Quarz ist in prismatischen Krystallen 
krystallisirt. Auf der Unterseite und im Innern ist der Kupfer- 
kies sehr drusig und mit vielem Eisenkies gemengt, der in den 
vielen Drusen deutlich auskrystallisirt und aufserordentlich glän- 
zend ist. Die Krystalle sind von verschiedener, 1 bis 4 Linien 
Gröfse, sie sind aber zweierlei Art; in beiden ist das Hexaeder 
vorherrschend, und die Pyritoederflächen erscheinen nur als Ab- 
stumpfung der Kanten, aber in dem einen Falle ist es senkrecht 
gestreift, und zeigt an den Ecken, wenn auch nur klein, doch sehr 
stark glänzend, die Flächen des Oktaeders, Leucitoeders und des 



l ) Diese letztern sind von Dr. Krantz erworben, und es wäre mög- 
lich, dafs auch die Stufe daher stammt und der auf dem Zettel angegebene 
Fundort ungenau ist. 



vom 2. Juni 1870. 359 

Diploeders 124; in andern Fällen ist es horizontal gestreift, und 
an den Hexaederecken erscheinen ebenfalls klein und stark glän- 
zend die Flächen des Diploeders 123 mit den Oktaederflächen. 
Die letztern Krystalle sind positiv, die erstem negativ, was auch 
schon aus der Combination der Flächen hervorgeht. Die negati- 
ven Krystalle sind der Zahl nach vorherrschend; bei den kleinern 
Krystallen fehlen aber in der Regel die an den Hexaederecken 
auftretenden Flächen und man sieht dann nur Combinationen des 
vorherrschenden Hexaeders und Pyritoeders. Bei dem starken 
Glänze des Eisenkieses und Kupferkieses, bei letzterm freilich nur 
im Bruch, und den ebenfalls glänzenden Quarzkrystallen haben die 
Drusen ein schönes Ansehn. 

Kobaltglanz. 

Die Krystalle des Kobaltglanzes sind viel weniger verbreitet, 
als die des Eisenkieses, und bestehen in den zwei Hauptfundörtern, 
die man kennt, in Tunaberg in Schweden und Skutterud in Nor- 
wegen, nur aus wenigen einfachen Formen, die an beiden Orten 
dieselben sind, obgleich der Kobaltglanz in Tunaberg auf einem Ku- 
pferkieslager und die schönsten Krystalle in Kupferkies, in Skut- 
terud in Glimmerschiefer eingewachsen vorkommen. Die ersteren 
finden sich häufiger und kommen in gröfsern Krystallen vor als 
die letztern, bei beiden sind aber nur Combinationen bekannt des 
Pyritoeders, Hexaeders, Oktaeders und eines stumpfern Pentagon- 
dodekaeders, dessen Flächen gewöhnlich nur untergeordnet als Ab- 
stumpfungen der Kanten des Pyritoeders und Hexaeders erschei- 
nen, aber in allen Krystallen der Universitätssammlung zu stark 
gestreift sind, parallel den Kanten mit dem Hexaeder, um die Nei- 
gungen desselben bestimmen zu können. Es wurden von dem 
Kobaltglanz von Tunaberg 17, von Skutterud 2 Krystalle unter- 
sucht; von den erstem wurden 8 positiv und 9 negativ; von den 
letztern 1 positiv und 1 negativ gefunden. Bei den positiven Kry- 
stallen von Tunaberg herrschen die Hexaederflächen vor, Pyritoe- 
der und Oktaeder treten nur untergeordnet hinzu; bei den negati- 
ven die Oktaederflächen, und bei diesen allein finden sich die Flä- 
chen des stumpfern Pentagondodekaeders, so dafs wir in diesem 
ein Mittel hatten, im Voraus das thermo-elektrische Verhalten der 
Krystalle zu bestimmen, was bei den untersuchten nie trügte. Bei 
den beiden Krystallen von Skutterud war dies Verhalten ganz 
[1870] 26 



ggQ Gesammtsitzung 

ebenso bei dem negativen Krystalle herrschen die Oktaederflächen 
vor und es finden sich hier wenn auch klein noch die Flächen 
des' stumpfern Pentagondodekaeders. Nur bei einem Krystalle aus 
Tunaberg fanden sich diese Flächen vorherrschend, die Flächen 
des Oktaeders nur untergeordnet, so dafs der Krystall wie ein 
Hexaeder mit zugerundeten Flächen erscheint; seine Gröfse ist 
dabei nicht unbedeutend, indem er zwischen zwei parallelen He- 
xaederflächen einen Durchmesser von einem Zoll hat. Zwilhngs- 
krystalle haben sich unter den Krystallen des Kobaltglanzes nicht 

gefunden. . . 

Das Vorherrschen der Hexaederform bei den positiven, das 
der Oktaederform bei den negativen Krystallen hat der Kobalt- 
glanz mit dem Eisenkies gemein. Stumpfere Pentagondodekaeder, 
die beim Kobaltglanz so entscheidend sind, kommen beim Eisen- 
kies nur selten vor, Strüver giebt deren mehrere an, und unter 
den überschickten Krystallen war der, bei dem sich ein solches 
befand, negativ, wie beim Kobaltglanz, indessen kommt ein solches 
auch bei dem positiven Eisenkies vom Dörrel vor (vergl. S. 346), 
so dafs also das Vorkommen der stumpfern Pentagondodekaeder 
beim Eisenkies nicht mit der Sicherheit negative Krystalle voraus- 
setzt, als dies bis jetzt beim Kobaltglanz der Fall ist. Streifungen 
der Flächen kommen beim Kobaltglanz, ausgenommen bei dem 
stumpfern Pentagondodekaeder, nicht vor; hierdurch ist also kein 
Anhaltspunkt für die Bestimmung des thermo-elektrischen Verhal- 
tens gegeben, und man ist also bei dem Kobaltglanz für die Vor- 
ausbestimmung der negativen Krystalle nur auf das Vorkommen 
der stumpfern Pentagondodekaeder und das Vorherrschen der Ok- 
taederform angewiesen. 

Vergleichung der Zwilling skry stalle des Eisenkieses mit denen 
anderer hemie drischer Krystalle. 
Die vier angeführten Arten von Zwillingskrystallen kommen 
in ganz ähnlicher Weise wie beim Eisenkies auch bei andern Sub- 
stanzen von hemiedrischer Krystallisation vor, wie namentlich beim 
Quarz. Regelmäfsige Verwachsungen von 2 rechten oder 2 linken 
Krystallen, d. h. von 2 Krystallen erster und zweiter Stellung, fin- 
den sich bei diesem besonders häufig. Sie sind am besten zu er- 
kennen, wenn Haupt- und Gegenrhomboeder in ihrem Glänze recht 



vom 2. Juni 1870. 361 

verschieden, und die Flächen des erstem glänzend, die andern matt 
sind. Da die Flächen des Hauptrhomboeders hierbei in die Lage 
des Gegenrhomboeders kommen und die Gränze zwischen beiden 
Krystallen gewöhnlich unregelmäfsig über die Flächen hinläuft, so 
sind diese auf der einen Seite der Gränzlinie glänzend, auf der 
andern matt. Dies sind die Krystalle, die Hai dinge r zuerst als 
Zwillingskrystalle erkannt hat, und von denen ich gezeigt habe 1 ), 
dafs es Zwillingskrystalle von 2 rechten oder 2 linken Individuen 
sind. 

Regelmäfsige Verwachsungen von einem rechten und einem 
linken Individuum in Zwillingsstellung machen sich im Äufsern 
seltener kenntlich; ich habe ihrer in meiner Quarzabhandlung nicht 
erwähnt, aber seit der Zeit mehrere auch äufserlich deutlich er- 
kennbare von Jerischau in Schlesien durch Hrn. Brücke erhalten, 
der sie in seiner ausgezeichneten Mineraliensammlung entdeckt 
hatte, einen andern solchen Zwillingskrystall von Prieborn in 
Schlesien auch selbst in dem mineralogischen Museum beobachtet. 
Sie kommen indessen häufig bei Krystallen vor, die äufserlich wie 
einfache erscheinen, als blofse Combination des sechsseitigen Pris- 
mas mit den beiden Rhomboedern, wie bei den Marmoroscher 
Quarzkrystallen, und können durch Ätzung der Flächen mit Flufs- 
säure erkannt werden, wie dies Leydolt gezeigt und in Taf. I 
Fig. 1 seiner Quarzabhandlung 2 ) dargestellt hat. Die Individuen 
begränzen sich immer hierbei mit graden Begränzungsflächen im 
Gegensatz zu den vorigen, die sich stets mit krummen begränzen, 
worauf Leydolt aufmerksam gemacht hat. 

Verwachsungen von rechten und linken Individuen in paralle- 
ler Stellung kommen mit aneinander gewachsenen Individuen bei 
den Schweizer Bergkrystallen, mit durcheinander gewachsenen In- 
dividuen bei Quarzkrystallen aus den Höhlungen der Mandelsteine 
vor. Die erstem hatte schon Wackernagel krystallographisch 
bestimmt 3 ) undDove optisch untersucht 4 ), und es wurde dadurch 
bewiesen, dafs die rechten und linken Trapezflächen dieser glei- 



1 ) Abhandlungen der k. Akademie d. Wiss. zu Berlin von 1844 S. 233. 

2 ) Sitzungsberichte der mathem.-naturw. Classe der kaiserl. Akad. der 
Wiss. in Wien von 1855 B. 15 S. 59. 

3 ) Kastner's Archiv für die gesammte Naturlehre von 1825 B. 5 S. 75. 
*) Poggendorffs Ann. 1837 B. 40 S. 607. 

26* 



3(32 G es ammt Sitzung 

eher Art und die beiden Krystalle rechts- und linksdrehend 
wären. Die durcheinander gewachsenen Krystalle wurden von 
Haidinger bei Krystallen aus den Vendyahbergen in Ostindien 
beobachtet 1 ) und von mir bei Krystallen aus Brasilien näher be- 
stimmt 2 ), und es wurde dadurch gezeigt, dafs die rechten und lin- 
ken Trapezflächen gleich wären. Leydolt hatte dergleichen Zwil- 
lingskrystalle durch Ätzung der Flächen erkannt und dabei gezeigt, 
dafs sich auch hier die beiden Krystalle in geraden Flächen be- 
gränzen. Groth hat nun neuerdings auch die von mir gemesse- 
nen Krystalle, die so ganz das Ansehen von scalenoedrischen Com- 
binationen haben und daher auch für solche gehalten werden könn- 
ten, in optischer Hinsicht untersucht 3 ), und indem er die verwach- 
senen Individuen rechts- und linksdrehend gefunden hat, jeden 
Zweifel an ihre Zwillingsnatur gehoben. 

Bei dieser grofsen Übereinstimmung der Zwillingskrystalle des 
Eisenkieses und Quarzes ist es auffallend, dafs in Rücksicht des 
Verlaufs der Gränzen zwischen den beiden Individuen in den Zwil- 
lingskrystallen die des Eisenkieses und des Quarzes sich gerade 
umgekehrt verhalten. Bei den Zwillingskrystallen von Individuen 
gleicher Stellung sind beim Eisenkies die Gränzlinien auf der Bruch- 
fläche des Zwillings geradlinicht , beim Quarz krummlinicht , und 
bei den Zwillingskrystallen von Individuen ungleicher Stellung diese 
Gränzlinien beim Eisenkies krummlinicht und beim Quarz gerad- 
linicht. Der Grund dieses Unterschiedes ist nicht einzusehen. 

Wenn aber so das analoge Vorkommen des Quarzes zur Be- 
stätigung der beobachteten Zwillingskrystalle des Eisenkieses dient, 
und es bei diesen durch die Untersuchung des optischen und thermo- 
elektrischen Verhaltens erwiesen ist, dafs wenn bei einem und dem- 
selben Krystalle sich hemiedrische Formen beider Stellungen in 
ihren parallelen Stellungen finden, man es mit Zwillingskrystallen 
und mit regelmäfsigen Verwachsungen von Krystallen erster und 
zweiter Stellung zu thun hat, so scheint man genöthigt zu sein, 
auch eine ähnliche Annahme bei den tetraedrischen Krystallen zu 
machen, wo das Zusammen -Vorkommen von Formen erster und 
zweiter Stellung eine sehr gewöhnliche Erscheinung ist; wie beim 

i) Journ. of Sc. 1824 V. 1 p. 322. 

2 ) Abh. d. k. Akad. d. Wiss. von 1844 S. 256. 

3 ) Poggendorffs Ann. von 1869 B. 137 S. 435. 



vom 2. Juni 1870. 363 

Borazit, Fahlerz und der Zinkblende. Es fehlen uns nur hier die 
Mittel dies auszumachen, und es mufs weitern Untersuchungen vor- 
behalten bleiben, darüber zu entscheiden. Die Versuche, die wir 
übrigens beim Kupferkies anstellten, bestätigten diese Ansicht nicht, 
denn wir fanden bei ihm die beiden Tetraeder erster und zweiter 
Stellung gleich und zwar negativ thermo-elektrisch. 

Theorie der hemiedrischen Formen überhaupt. 

In seinen krystallographischen Werken 1 ) stellt Naumann die 
Ansicht auf, dafs die holoedrischen Formen, die mit hemiedrischen 
vorkommen, nur scheinbar holoedrische, in der That aber hemie- 
drische Formen und zwar Gränzformen derselben sind; indem er 
die sämmtlichen Formen des regulären Systems aus den Hexakis- 
oktaedern als ihren eigentlichen Repräsentanten ableitet, zeigt er, 
dafs nach den beiden allein vorkommenden Arten der Hemiedrie 
durch Wegfallen der einen oder der andern an den abwechselnden 
Hexaederecken liegenden sechsflächigen Flächengruppen oder der 
diese repräsentirenden dreiflächigen Flächengruppen oder blofsen 
Flächen aus ihnen die Hexakistetraeder, Deltoeder (Deltoi'ddode- 
kaeder), Triakistetraeder und das Tetraeder und ferner auch die 
Tetrakishexaeder und das Dodekaeder und Hexaeder; durch Weg- 
fallen der einen oder der andern an den abwechselnden mittlem 
Kanten gelegenen Flächenpaare oder der diese repräsentirenden 
Flächen die Diploeder und Pentagondodekaeder und ferner auch 
die Ikositetraeder, Triakisoktaeder und das Dodekaeder, Oktaeder 
und Hexaeder entstehen. 2 ) Die drei letztern Arten von Formen, 
die nach dem erstem Gesetze entstehen, sowie die fünf letztern Ar- 
ten, die nach dem zweiten Gesetze entstehen, sind zwar von den 
holoedrischen Formen ihrem Ansehen nach nicht verschieden, wohl 
aber ihrer Natur und Entstehungsweise nach, und müssen deshalb 
als hemiedrische Formen betrachtet werden. Es ist dies nur eine 
theoretische Ansicht von Naumann, sie giebt, wie er selbst sagt, 
für alle diese Formen kein in die Augen fallendes Resultat. 3 ) In 



1 ) z. B. Elemente der theoretischen Krystallographie S. 92 etc. 

2 ) Die am angegebenen Orte S. 94 und 99 gegebenen Figuren machen 
diese Entstehungsweise der hemiedrischen Formen sehr anschaulich. 

3 ) Vergl. Naumann Anfangsgründe der Kiwstallographie S. 35. Man 
könnte hiergegen das Ansehen der oben S. 342 erwähnten und vonStrüver 



364 Gesammtsitzung 

dem Obigen ist der Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht ge- 
geben; die Oktaeder nnd Hexaeder, die beim Eisenkies vorkom- 
men, und ebenso die seltneren Dodekaeder, Ikositetraeder und Tria- 
kisoktaeder sind wirklich hemiedrische Formen, denn sie verhal- 
ten sich ebenso wie die beim Eisenkies vorkommenden Pentagon- 
dodekaeder und Diploeder, und sind wie diese thermo- elektrisch 
positiv oder negativ; ebenso sind sie auch in ihren Combinationen 
und gröfstentheils auch in dem Ansehen ihrer Flächen verschieden. 
Was von den dodekaedrischen hemiedrischen Formen bewiesen ist, 
mufs dann auch für die tetraedrisch hemiedrischen Formen gelten. 
Die angeführten Untersuchungen über die thermo-elektrischen Eigen- 
schaften des Eisenkieses und des Kobaltglanzes sind demnach auch 
für die Theorie der hemiedrischen Formen im Allgemeinen von 
Interesse. 

Erklärung der Figuren. 
Fig. 1 — 3 Ätzeindrücke bei positiven und negativen Eisenkieskry stallen. 

„ 1 auf einer Oktaederfläche S. 333. 

„ 2 „ „ Hexaederfläche S. 333. 

„ 3 „ „ Pyritoederfläche S. 333. 
Fig. 4—8 natürliche regelmäfsige Eindrucke. 

„ 4 auf einer Fläche des positiven Oktaeders S. 341. 

5 „ » negativen „ 0' S. 341. 

6 8 n „ positiven Hexaeders a S. 341. 
„ 7 „ „ „ negativen „ a S. 341. 

8 „ „ „ „ positiven und des negativen Pyrit. |d S. 341. 

9 Fläche des positiven Pyritoeders des Eisenkieses von Zacatecas in 

Mexico S. 343. 
10 horizontale Projection eines Eisenkieszwillings von Traversella, aus 
einem positiven und negativen Krystalle bestehend. Die Flächen 
des positiven Oktaeders haben die hemiedrischen Eindrücke von 
Fig. 4 S. 350. 
9 11 horizontale Projection eines negativen Eisenkieskrystalles von Traver- 
sella, auf dessen Hexaeder- und Oktaederflächen einzelne Theile 
eines positiven Krystalls in Zwillingsstellung hervorgetreten sind. 
Die Flächen des Pyritoeders haben die Eindrücke von Fig. 8 S. 350. 



in seiner Abhandlung Fig. 177 gezeichneten Flächen des negativen Oktaeders 
Fig. 157 anführen, weil hier die dreieckigen Eindrücke sämmtlich an den 
Stellen der Oktaederfläche liegen, die den fortgefallenen abwechselnden Flä- 
chen an der 6 flächigen Ecke der Hexakisoktaeder entsprechen. Doch ist 
dies Vorkommen nur eine seltene Erscheinung. 



vom 2. Juni 1870. 365 

Hr. Dove las über die Zurückfuhrung der jährlichen 
Temperaturcurve auf die ihr zum Grunde liegenden 
Bedingungen. 

Wenn mit zunehmender Mittagshöhe der Sonne die Wärme 
sich erhöht, so geschieht dies bei derselben geographischen Breite 
unter verschiedenen Längegraden sehr verschieden. Man braucht 
nur einen Blick auf die von mir in der Äquatorial- und Polarpro- 
jection entworfenen Monatsisothermen zu werfen, um sich zu über- 
zeugen, dafs die Bewegung der Isothermen vom Äquator nach 
dem Pol hin sehr ungleich erfolgt, so dafs ihre Gestalt sich un- 
unterbrochen verändert, und zwar so bedeutend, dafs im mittleren 
Europa ihre Richtung im Sommer senkrecht steht auf der, in 
welcher sie während des Winters verlaufen. Fügt sich unter dem 
Einflufs der intensiven Kälte des Januars, dafs durch Meeres- 
buchten, Meeresengen und grofse Süfswasserspiegel mannigfach ge- 
gliederte Nordamerika zu einem grofsentheils mit Eis bedeckten 
Continent zusammen, so fallen alle die Winterkälte mildernden 
Wirkungen einer bewegten flüfsigen Grundfläche hinweg, wodurch 
sich erklärt, dafs bis nach Philadelphia hinunter nun erst die Kälte 
ihr Maximum erreicht und daher dieses nicht wie bei uns in die 
erste Hälfte des Januar, sondern in die des Februar fällt. Wäh- 
rend in der alten Welt daher dann schon alle Isothermen in der 
Bewegung nach Norden begriffen sind, nähern sie sich dort noch 
dem Äquator. Entledigen sich im Frühjahr die bis dahin ge- 
schlossenen Meeresbuchten ihrer Eisdecken, so wirken die nach 
Süden treibenden Eismassen abkühlend auf die ihnen benachbarten 
Ufer, und es rückt daher der concave Scheitel der Isothermen, 
welcher im Januar in die Mitte des Continents fiel, nach den 
Ostküsten, nach Newfoundland. In derselben Zeit hat in Sibirien, 
die grofsartige Auflockerung begonnen, welche veranlafst, dafs dort 
die barometrische Jahrescurve eine regelmässige concave Einbie- 
gung bildet, deren tiefster Punkt auf den wärmsten Monat fällt. 
An dieser kann sich aber Europa nicht betheiligen, denn die kalte 
Luft des nordatlantischen Ocean bricht nun über Europa herein, 
um die asiatische Lücke auszufüllen. Daher sinkt in Europa das 
Barometer nur bis zum April, und erhebt sich dann zu einer den 
Sommer bezeichnenden convexen Krümmung, die im Herbste sich 
endet. Die eindringende kalte Luft hemmt natürlich das Fort- 
schreiten der Isothermen nach Norden, die Anfang Mai starke Er- 



36G 



GesammUitzung 



wärmung verlangsamt sich bedeutend, ja es tritt nicht nur in die- 
sem Monat, sondern auch noch auffallender im Juni eine Rückbe- 
wegung ein, welche den Eintritt unserer Regenzeit bezeichnet. Die 
folgende Tafel wird das zur Anschauung bringen. 

Ich habe in derselben die Differenzen zwischen den auf ein- 
ander folgenden fünftägigen Mitteln des Mai und Juni bestimmt. 
Zahlen ohne Zeichen deuten also eine Temperaturzunahme an. 





Mai 










1- 


-5 6- 


-10 11- 


-15 16- 


-20 21—25 


England .... 


5 


0.33 


0.13 


0.61 


0.53 


Niederland .... 


5 


0.60 


—0.19 


0.39 


0.81 


Rheinland .... 


10 


1.50 


0.61 


0.61 


0.54 


Westphalen . . . 


4 


1.65 


0.39 


0.63 


0.55 


Oldenburg u. Hannover 


10 


1.25 


1.07 


0.73 


0.52 


Brandenburg . . . 


3 


1.40 


1.33 


0.79 


0.46 


Mecklenburg . . . 


6 


1.41 


0.93 


1.61 


0.54 


Holstein .... 


5 


1.28 


1.07 


1.22 


0.24 


Pommern .... 


4 


1.17 


1.24 


0.76 


0.82 


Westpreufsen . . . 


3 


0.77 


1.39 


0.98 


0.84 


Ostpreufsen 


4 


0.38 


1.89 


1.06 


0.67 


Posen 


2 


1.02 


1.78 


0.79 


0.48 


Schlesien .... 


7 


0.24 


1.79 


0.09 


0.32 


Sachsen .... 


15 


1.16 


1.56 


—0.23 


0.89 


Thüringen .... 


9 


1.54 


0.99 


0.66 


0.45 


Böhmen .... 


9 


1.49 


1.50 


0.10 


0.37 


Mähren .... 


6 


1.22 


1.81 


— 0.21 


0.33 


Galizien .... 


5 


0.79 


1.85 


—0.46 


0.24 


Siebenbürgen . . 


3 


1.30 


1.45 


—0.93 


0.06 


Ungarn . . . ". . 


14 


1.22 


1.77 


—0.46 


0.39 


Österreich u. Steiermark 20 


1.31 


1.24 


0.04 


0.55 


Kärnthen u. Krain . 


16 


1.31 


1.89 


0.38 


0.43 


Dalmatien .... 


8 


1.05 


1.00 


0.52 


0.11 


Tirol 


10 


1.26 


0.53 


0.59 


0.54 


Schweiz .... 


4 


0.94 


0.34 


0.46 


1.28 


Württemberg . . . 


10 


1.48 


0.91 


0.27 


0.11 


Scandinavien . . 


4 


0.69 


0.26 


0.43 


0.53 


Nördliches Rufsland . 


4 


0.96 


0.89 


1.45 


0.10 


Westliches Rufsland . 


5 


1.37 


1.31 


0.73 


0.42 


Ural 


3 


0.87 


0.71 


1.52 


—0.30 


Sibirien 


5 


0.99 


1.21 


0.81 


1.38 



vom 2. Juni 1870. 



367 



Zahlen mit negativem Zeichen eine Temperaturabnahme , kleine 
Zahlen ohne Zeichen, welche grofsen folgen eine Verlangsamung 
der Zunahme der Wärme. Um die Tafel abzukürzen, habe ich 
die 218 einzelnen Stationen zu Gruppen verbunden, welche durch 
die vorstehende Bezeichnung erläutert werden. Die neben dem 
Namen der Gruppe stehende Zahl giebt die Anzahl der Stationen 
an, aus welchen die mittleren Werthe bestimmt wurden. 





Juni 












26—30 


31—4 


5- 


-9 10- 


-14 15—9 


20- 


-24 25—29 


0.52 


0.43 


0.21 


0.46 


0.22 


0.10 


0.41 


0.38 


0.73 


0.36 


0.49 


0.02 


0.19 


0.20 


1.53 


1.32 


0.39 


—0.48 


— 0.38 


0.91 


0.39 


0.41 


1.43 


0.42 


—0.51 


—0.36 


0.70 


0.10 


0.40 


0.93 


0.57 


—0.06 


—0.13 


0.8L 


0.05 


0.62 


1.25 


0.81 


—0.29 


—0.35 


0.33 


0.05 


0.37 


0.90 


0.90 


0.26 


—0.51 


0.41 


—0.04 


0.63 


0.42 


0.99 


0.16 


—0.38 


0.73 


—0.06 


0.53 


0.84 


1.26 


0.03 


—0.71 


0.61 


—0.07 


0.69 


0.65 


1.01 


0.21 


—0.41 


0.28 


0.01 


0.37 


0.80 


1.18 


0.28 


—0.08 


0.09 


—0.35 


0.53 


1.42 


2.00 


—0.44 


0.16 


0.36 


—0.02 


1.01 


1.42 


0.42 


—0.28 


—0.51 


0.62 


0.03 


0.59 


1.68 


0.08 


—0.01 


—0.92 


0.71 


0.18 


0.73 


1.31 


0-58 


—0.27 


—0.90 


0.94 


0.21 


1.01 


1.49 


0.57 


—0.27 


—0.62 


0.64 


0.05 


1.02 


1.71 


0.61 


—0.47 


—0.33 


0.38 


—0.04 


1.03 


1.57 


0.60 


—0.23 


—0.06 


0.17 


—0.14 


1.08 


1.52 


0.02 


—0.13 


0.21 


0.27 


—0.29 


0.75 


1.56 


0.52 


—0.24 


—0.45 


0.59 


—0.02 


0.44 


1.11 


0.34 


—0.14 


—0.67 


0.76 


0.50 


1.04 


1.09 


0.37 


—0.05 


—0.64 


0.98 


0.52 


0.83 


0.81 


0.81 


—0.00 


0.30 


0.39 


0.51 


0.91 


1.09 


0.58 


—0.15 


—0.76 


0.84 


0.85 


0.35 


0.84 


0.31 


0.07 


—0.03 


0.28 


0.48 


1.20 


0.87 


0.24 


—0.28 


—1.19 


1.03 


0.80 


0.54 


0.47 


0.67 


0.90 


0.89 


0.06 


0.18 


0.87 


0.83 


1.37 


0.57 


0.42 


0.52 


0.18 


0.23 


0.48 


0.75 


0.98 


0.44 


—0.07 


0.21 


0.63 


1.05 


0.26 


0.51 


1.25 


0.16 


1.07 


1.02 


0.63 


1.33 


0.30 


0.50 


0.95 


1.02 



368 Gesammtsitzung 

Eine Abkühlung am Ende der ersten Hälfte des Mais ist ent- 
schieden für das mittlere Deutschland angedeutet, noch deutlicher 
die in der Mitte des Juni, welche einen längeren Zeitraum aus- 
füllt, ja am Ende des Monats nach kurzer Abschwächung wieder 
zunimmt. Jenes sind die sogenannten gestrengen Herrn, dies, 
weil sie mit der Schafschur zusammenfällt, die Schaafkälte in der 
Terminologie unsrer Landwirthe. 

In den 1856 von mir veröffentlichten Rückfällen der Kälte 
im Mai habe ich gezeigt, „dafs ein kaltes Frühjahr in Europa vor- 
zugsweise dann einem milden Winter folgt, wenn in Nordamerika 
der Winter streng war, dafs also, wenn Polarströme im Winter 
über Amerika lange Zeit dem Äquator zugeflossen sind, während 
Aequatorialströme über Europa hin dem Pole zuströmten, die kalte 
Luft jener endlich die Wärme dieser erniedrigen mufs, daher ein 
Nachwinter folgt, indem der als Nordwest einfallende kalte Strom, 
den Südwest verdrängend, eine schnelle Drehung nach Nordost 
beschreibt, wo dann der südliche Strom durchbrochen wird und 
auf die Westseite des Polarstroms zu liegen kommt. Der Polar- 
strom wird dann später, wahrscheinlich in höheren Breiten, von 
dem Äquatorialstrom durchbrochen, und dadurch von seiner in 
diesem Theile des Jahres bereits in den nordamerikanischen Polar- 
ländern liegenden Quelle abgeschnitten, so dafs seine Dauer ver- 
hältnissmäfsig kurz, oder vielmehr die Erscheinung jenes Kampfes 
eine mehrfach sich wiederholende ist." 

Der Anblick der vorher mitgetheilten Tafel beweist, dafs die 
Tendenz zu Rückfällen nicht auf bestimmte Tage beschränkt ist, 
sondern sich eine längere Zeit hindurch erhält. In naiver Weise 
erwartet man daher, wenn die gestrengen Herrn sehr warm sind, 
dafs sie dann nach dem alten Calender eintreten werden. Sind 
die Abweichungen der verschiedenen Stationen auf Mittel derselben 
Jahrgänge bezogen (und das gilt hier für die des preufsischen und 
österreichischen Beobachtungssystems), so zeigt sich eine auffallende 
Übereinstimmung zwischen denselben, hingegen eine Verschiebung 
der Einbiegung, wenn andere Jahrgänge den Mitteln zum Grunde 
gelegt werden. Aufserdem zeigt sich deutlich, dafs die Erschei- 
nung selbst auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt ist, nach dessen 
Grenzen hin sie abnimmt. Auch tritt deutlich ein Fortschreiten 
hervor. Im Juni beginnt die Abkühlung früher im westlichen 
Deutschland als im östlichen, während im Mai die Bewegung mehr 



vom 



2. Juni 1870. 369 



von NO nach SW hin erfolgt, denn die trois saints de glace in 
Frankreich und die drei Eismänner in Süddeutschland: Pancratius, 
Servatius, Bonifacius sind einen Tag später als die gestrengen 
Herrn in Norddeutschland: Mamertus, Pancratius und Servatius. 

Aus den Bestimmungen der mittleren Windesrichtung wissen 
wir, dafs diese im Winter in Europa auf die Südwestseite der 
Windrose fällt, im Sommer auf die Nordwestseite. Das als 
Folge dieses Wechsels entstehende Herabdrücken der in starkem 
Steigen begriffenen Temperaturcurve leitet unsre Regenzeit ein, 
aber auch diese ist nicht an bestimmte Tage geknüpft. Während 
in Norddeutschland der 27. Juni: die sieben Schläfer, als ent- 
scheidender Loostag gilt, heifst es in andern Gegenden Deutsch- 
lands : 

Regnets am Johannistag 
Eine nasse Erndt man gewarten mag 
in England hingegen: 

If the first of July it be rainy weather 
T' will rain more or less for four weeks together. 
Aus den von mir seit 1836 veröffentlichen Untersuchungen 
über die nicht periodischen Veränderungen der Temperatur, geht 
entschieden hervor, dafs erhebliche Abweichungen, welche in ver- 
schiedenen Jahren von der regelmäfsigen Zu- und Abnahme der 
Temperatur hervortreten, durch allgemeiner wirkende Ursachen her- 
vorgerufen werden, welche durch längere Zeiträume hindurch fort- 
wirkend sie zu einem Maximum steigern, von dem sie wiederum 
allmählig zu normalen Werthen zurückkehren. Dafs diese Ursachen 
nicht kosmische, sondern tellurische seien, geht daraus hervor, dafs 
die gleichzeitigen Abweichungen auf grofsen Flächen der Erdober- 
fläche sich stets in der Weise compensiren, dafs einem Zuwenig 
auf einem bestimmten Gebiet ein Zuviel auf einem benachbarten 
entspricht. Die in den einzelnen Abhandlungen zerstreuten ent- 
scheidenden Belege habe ich in den klimatologischen Beiträgen II. 
p. 255—278 zusammengestellt. Dafs diese Ursachen in den neben 
einander fliefsenden Äquatorial- nnd Polarströmen zu suchen seien, 
dafür enthält das Märzheft des Berichts einen neuen entscheiden- 
den Beleg. Warum aber in einem Jahre der zurückkehrende obere 
Passat gerade an dieser bestimmten Stelle herabsinkt, läfst sich 
jetzt noch nicht beantworten, aber der Weg läfst sich andeuten, 
welcher schliefslich zu dem Ziele führen wird. 



370 Gesa mmtsilzuu g 

Der herabsinkende Äquatorialstrom findet in den einzelnen 
Abschnitten des Jahres eine durch die Monatsisothemen dargestellte 
sehr verschiedene Temperatur -Vertheilung. Seine Wirkung wird 
daher auch eine wesentlich verschiedene werden, doch ist es wahr- 
scheinlich, dafs das zu denselben Zeiten in verschiedenen Jahren 
erfolgende Herabkommen übereinstimmendere Folgen haben wird, 
als das zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintretende. Dasselbe 
gilt natürlich für den Polarstrom, dessen Gebiet eben durch jenen 
bestimmt wird. Ist dies der Fall, so müssen die Anomalien der 
einzelnen Jahrgänge sich in gewisse Gruppen zerlegen lassen, die 
durch die Übereinstimmung des Ganges der Temperatur von an- 
dern Gruppen sich wesentlich unterscheiden. 

Daraus folgt, dafs die Temperaturcurve des Jahres im lang- 
jährigen Mittel durch Superposition jener Gruppencurven ihre de- 
finitive Gestalt erhält. In dieser Curve werden sich, (analog den 
resultirendem Wellensystem in dem Youngschen Wellenapparat bei 
Übereinanderschichten verschiedener Wellensysteme) an Stellen Ein- 
biegungen zeigen, die an sich ohne Bedeutung eben nur jenen ver- 
schiedenen Systemen ihre Entstehung verdanken. Von diesem Ge- 
sichtspunkte aus, erscheint das Bestreben, die Einbiegungen der 
Temperaturcurve direct auf gleichzeitige kosmische oder tellurische 
Ursachen zurückzuführen, als ein durchaus verfehltes. 
Giebt es nun solche Gruppen? 

In der im März Heft 1870 der Berichte der Akademie abge- 
druckten Abhandlung „über die Temperatur- Vertheilung im Winter 
1869—1870" habe ich dies an einem bestimmten Beispiele zu er- 
weisen gesucht. Die Übereinstimmung in der Gestalt der Tempe- 
raturcurve des Winters von 1869—1870 und 1864—1865 würde, 
wenn sie allein stände, aber nur als ein Curiosum zu betrachten 
sein, da unter einer grofsen Anzahl möglicher Fälle, sich schliefs- 
lich auch einmal sehr ähnliche finden werden. Eben um zu zeigen, 
dafs hier nicht eine blofse Zufälligkeit vorliege, erstreckte ich die 
Vergleichung auf 1845. Ich habe aber einen Hauptbeleg dafür, 
dafs es sich um einen bestimmten Typus der Erscheinungen handle, 
nicht erwähnt, den Winter von 1855. Die von mir für diesen in 
der Darstellung der Wärmeerscheinungen durch fünftägige Mittel 
II. p. 228 — 333 berechneten Werthe bezogen sich nämlich, und 
zwar für viel weniger Stationen, nur auf zehnjährige Mittel, wäh- 
rend die für 1870 berechneten für zwanzigjährige gelten. Ich 



vom 2. Juni 1870. 



371 



habe daher jene Abweichungen von Neuen berechnet, sie ebenfalls 
auf die zwanzigjährigen Mittel bezogen. Die Vergleichung der in 
folgenden Tafel enthaltenen drei Bestimmungen mit der im März- 
heft p. 212—217 pro 1870 gegebenen zeigt die analoge Vertheilung, 
in welcher die Maxima der positiven und negativen Abweichungen 
ebenfalls auf den 6 — 10 Januar und auf den 10—14 oder 15—19 
Februar fallen. Zu den dort für 1870 mitgetheilten Stationen kön- 
nen nachträglich noch zwei hinzugefügt und eine vervollständigt 
werden. 





Danzig 


Ofen 


Wernigerode 


1870 Januar 1—5 


1.22 


4.38 


4.92 


6—10 


4.21 


4.72 


3.58 


11—15 


2.40 


2.94 


2.77 


16—20 


— 0.20 


1.80 


— 1.35 


21—25 


— 0.95 


0.22 


— 5.07 


26—30 


— 3.94 


— 5.53 


— 2.55 


Februar 31 — 4 


— 12.02 


— 3.81 


0.00 


5—9 


-13.72 


-10.24 


-10.64 


10—14 


— 7.99 


— 3.78 


— 9.72 


15—19 


— 3.14 


— 0.01 


— 5.23 


20—24 


— 2.11 


— 1.36 


— 2.17 


25—1 


0.22 


0.73 


2.93 


Unterschied 


17.93 


14.96 


15.56 



Für 1855 sind die Abweichungen folgende: 



372 



Gesammtsitzuna 



Januar 1855 



Memel 

Tilsit 

Claussen 

Königsberg 

Heia 

Conitz 

Bromberg 

Posen 

Zechen 

Breslau 

Ratibor 

Görlitz 

Dresden 

Torgau 

Leipzig 

Halle 

Erfurt 

Mühlhausen 

Heiligenstadt 

Wernigerode 

Clausthal 

Cöslin 

Stettin 

Putbus 

Wustrow 

Rostock 

Schwerin 

Hinrichshagen 

Berlin 

Frankfurt a. 0. 

Schönberg 

Kiel 

Otterndorf 

Lüneburg 

Hannover 

Emden 



2.62 
2.65 
3.21 
3.36 
2.52 
3.42 
3.20 
3.58 
3.88 
3.88 

3.66 
3.80 
3.85 
4.17 
3.93 
4.28 
4.24 
3.74 
4.00 
3.43 
2.39 

3.62 
3.73 
2.96 
2.87 
3.33 
3.91 
3.62 
4.06 
4.23 
3.44 

2.43 
4.22 
4.10 
3.76 
3.20 



6—10 11 — 15 



5.34 

5.29 
5.47 
5.34 
4,02 
4.98 
5.26 
5.40 
5.38 
5.34 

5.03 
5.29 
5.16 
4.88 
5.10 
5.15 
5.26 
5.62 
4.55 
4.11 
2.85 

4.77 

5.00 
4.19 
4.05 
4.41 
5.00 
4.85 
5.35 
5.83 
4.69 

4.33 
4.74 
5.11 
3.95 
3.86 



0.68 
1.53 
1.15 
0.81 
1.09 
1.09 
1.47 
1.16 
0.76 
0.32 

0.33 

-0.43 

-0.09 

0.13 

0.25 

0.30 

0.30 

0.23 

-0.75 

-0.34 

-1.78 

1.84 
1.33 
0.62 
1.08 
0.84 
0.80 
0.68 
0.61 
0.90 
0.99 

0.52 
1.31 
0.48 
-0.47 
0.89 



16—20 21 — 25 I 26—30 



7.46 

9.17 

9.69 

10.32 

• 6.52 

■ 7.38 

• 8.03 

• 7.52 

■ 7.79 

- 6.71 

■ 6.33 

• 7.51 

• 6.55 

- 6.50 

- 7.61 

- 6.98 

- 8.00 

- 7.71 

- 9.29 

- 8.43 

- 7.58 

- 7.61 

- 6.85 

- 5.22 

- 5.95 

- 6.31 

- 5.87 

- 6.62 

- 6.67 

- 6.64 

- 7.05 

- 5.48 

- 5.27 

- 6.40 

- 8.06 

- 6.20 



-6.04 
-6.92 
-6.90 
-6.44 
-4.09 
-3.92 
-4.05 
-2.29 
-2.51 
-2.11 

-2.34 
-3.44 
-3.74 
-4.56 
-4.22 
-5.17 
-5.59 
-6.04 
-5.64 
-5.99 
-4.97 

-3.47 
-2.96 
-2.31 
-2.89 
-3.20 
-3.31 
-3.37 
-3.11 
-2.39 
-3.98 

-4.52 
-4.65 
-5.27 
-6.89 
-6.37 







vom 2. Juni 


1870. 




373 


31—4 


5—9 


F e b r u 

10—14 


ar 1855 
15—19 


20—24 1 


25—1 


Unterschied 


— 5.28 


—5.17 


— 7.35 


— 7.73 


—5.60 


—2.41 


13.07 


— 6.34 


— 7.74 


- 8.50 


— 7.70 


— 7.00 


—2.26 


13.79 


— 7.79 


—8.98 


— 9.44 


-10.26 


—9.01 


—3.91 


15.73 


— 6.39 


—7.48 


- 9.17 


— 8.77 


— 8.27 


—2.33 


14.51 


— 4.44 


—4.41 


- 6.65 


— 5.64 


—6.15 


—2.85 


10.67 


— 7.44 


— 5.22 


- 8.44 


— 6.14 


—7.33 


—2.21 


13.42 


— 9.31 


—6.14 


- 9.57 


— 7.10 


—9.07 


—2.84 


14.83 


— 9.46 


—6.56 


-10.02 


— 8.45 


— 7.47 


—2.15 


15.42 


—10.21 


—6.76 


-10.56 


— 7.93 


— 6.87 


— 1.47 


15.94 


— 9.73 


—5.38 


- 9.77 


— 8.16 


—6.60 


—0.29 


15.11 


— 9.82 


—3.43 


— 7.27 


- 7.43 


—7.13 


—0.95 


12.46 


— 9.87 


—4.48 


— 8.32 


- 8.54 


—5.86 


—1.24 


13.83 


— 7.93 


—4.75 


— 8.31 


- 9.16 


—5.61 


—1.42 


14.32 


— 9.36 


—4.53 


— 8.91 


- 9.14 


—6.36 


—1.74 


14.02 


— 4.80 


—4.26 


— 8.05 


- 9.26 


—5.53 


— 1.21 


14.36 


— 9.95 


—4.37 


— 8.48 


-10.32 


—6.07 


— 1.43 


15.47 


— 9.04 


—3.41 


— 7.51 


-11.07 


— 6.20 


—0.68 


16.33 


— 8.06 


—2.86 


— 6.78 


- 9.77 


—6.03 


—0.22 


15.39 


— 6.64 


—3.49 


— 7.10 


-10.49 


—5.22 


—0.22 


15.04 


— 7.56 


—4.50 


— 8.34 


-10.03 


— 6.11 


— 1.01 


14.14 


— 3.55 


—3.44 


— 6.67 


- 9.32 


—5.69 


—0.69 


12.17 


— 7.37 


—4.39 


- 8.45 


— 6.58 


— 6.61 


— 2.61 


13.22 


— 7.64 


—4.72 


- 8.51 


— 7.52 


—6.78 


—2.08 


13.51 


— 5.68 


—4.17 


— 6.84 


- 7.53 


—6.53 


—3.03 


11.72 


— 6.43 


—4.20 


— 7.07 


- 8.43 


—6.72 


—2.56 


12.48 


— 6.67 


—4.73 


— 7.03 


- 8.35 


—6.94 


—2.14 


12.76 


— 7.27 


—4.50 


— 8.20 


- 8.75 


—7.08 


—2.15 


13.75 


— 7.82 


—5.01 


— 8.30 


- 8.36 


—6.91 


—2.39 


13.21 


— 8.63 


—5.17 


- 9.02 


— 8.35 


—6.71 


— 1.97 


14.37 


— 8.29 


— 5.27 


- 9.59 


— 8.39 


—6.00 


—1.91 


15.22 


— 7.60 


—5.01 


— 7.34 


- 9.46 


—7.54 


— 2.92 


14.15 


— 7.00 


—4.70 


— 9.08 


- 9.91 


— 8.30 


—4.08 


14.24 


— 7.85 


—4.92 


— 7.95 


- 9.68 


— 7.61 


—2.51 


14.42 


— 8.62 


—4.26 


- 9.30 


— 9.26 


—7.99 


—1.27 


14.41 


— 8.54 


—5.55 


— 8.24 


-11.45 


— 7.12 


—2.56 


15.40 


— 8.69 


—5.11 


— 7.74 


- 9.28 


—7.10 


—2.09 


13.14 



374 



Gesammtsitzung 







J an u a 


r 1855 








1—5 


6—10 


11—15 


16—20 


21—25 


26—30 


Lingen 


3.94 


4.41 


0.14 


— 8.09 


— 7.99 


—5.01 


Münster 


3.55 


3.83 


— 1.13 


— 8.33 


— 7.03 


—5.34 


Gütersloh 


3.40 


3.39 


— 1.25 


—8.70 


—6.67 


—5.44 


Cleve 


3.67 


4.02 


—0.21 


— 7.25 


—6.66 


—4.80 


Crefeld 


4.28 


3.92 


—0.91 


— 7.85 


—6.48 


—5.59 


Cöln 


3.58 


3.06 


— 1.50 


— 7.81 


— 6.43 


— 6.50 


Boppard 


4.23 


3.73 


—0.84 


—8.36 


— 6.18 


— 7.34 


Trier 


3.98 


3.56 


—0.39 


— 7.76 


—5.10 


— 7.56 


Brüssel 


3.33 


3.50 


—0.37 


—5.99 


— 5.26 


—4.66 


Kreuznach 


4.55 


4.23 


—0.31 


—7.86 


— 6.06 


— 8.42 


Frankfurt a. M. 


4.20 


3.65 


—0.18 


— 8.57 


—5.74 


—7.01 


Darmstadt 


3.95 


3.71 


—0.98 


— 8.57 


—6.22 


— 6.24 


Stuttgard 


3.60 


1.70 


— 1.21 


—8.45 


—7.33 


— 9.08 


Calw 


4.48 


2.59 


—0.32 


—6.77 


—6.79 


—9.01 


Ulm 


2.68 


1.97 


—2.59 


—6.80 


—4.20 


— 8.02 


Heidenheim 


2.82 


—0.36 


—2.97 


—6.89 


—3.76 


—5.76 


Schopfloch 


4.25 


3.38 


— 3.68 


— 6.29 


—5.56 


— 8.96 


Issny 


3.99 


0.22 


—1.93 


—5.63 


—2.45 


—6.66 


Friedrichshafen 


4.19 


1.22 


—0.50 


—6.79 


—3.23 


—7.15 



In dem Zeitraum von 26 Jahren sich 4 mal, nämlich 1845, 
1855, 1865, 1870, wiederholende so bedeutende Anomalien müssen 
natürlich einen Einflufs haben auf die Gestalt der aus einer langen 
Beobachtungsreihe bestimmten mittleren Werthe. Um die Gröfse 
desselben zu bestimmen habe ich für 6 Stationen die Mittelwerthe 
von 1845 — 1870 bestimmt, und dann die, welche aus 22 Jahren 
unter Wegfall jener 4 Jahre sich ergeben. Die Unterschiede 
dieser Mittel sind folgende: 



vom 2. Juni 1870. 



375 



31—4 


5—9 


F e b r i 
10—14 


lar 1855 
15—19 I 20—24 


25—1 


Unterschied 


—8.09 


—4.47 


—7.46 


-11.54 


— 8.09 


—1.48 


15.95 


—6.58 


—4.01 


—7.35 


-11.28 


—6.62 


—0.92 


15.11 


—6.85 


—3.88 


—7.18 


-10.48 


—6.31 


—0.86 


13.88 


— 7.18 


—3.88 


—7.59 


-10.62 


—7.14 


—0.69 


14.64 


—6.53 


—2.85 


—7.21 


-10.73 


—6.34 


—0.08 


15.01 


—5.02 


— 2.73 


—6.57 


-10.49 


—6.36 


—0.88 


14.07 


—5.63 


—2.74 


—5.54 


- 9.50 


—4.91 


0.84 


13.73 


—4.03 


—2.43 


—5.34 


- 8.80 


— 5.14 


0.44 


12.78 


—5.24 


—3.71 


—7.63 


- 9.39 


—6.59 


0.40 


12.89 


—4.73 


— 1.82 


—4.29 


- 8.83 


—4.88 


1.12 


13.38 


—5.62 


—2.35 


—5.47 


- 8.67 


—4.72 


0.04 


12.87 


—5.25 


—1.00 


—4.36 


- 8.19 


—3.78 


0.74 


12.14 


—3.13 


—0.83 


—4.00 


- 7.64 


—3.63 


0.86 


11.24 


—0.34 


0.80 


—1.52 


- 6.56 


—1.30 


1.53 


11.04 


—1.36 


0.45 


—0.17 


- 6.32 


—1.49 


1.16 


9.00 


— 1.01 


—1.69 


—2.33 


- 7.74 


—0.30 


1.36 


10.56 


—1.49 


(4.21) 


— 1.33 


- 6.34 


— 1.80 


1.06 


10.69 


2.16 


0.89 


0.16 


- 3.17 


—0.89 


1.97 


7.16 


0.00 


0.13 


—1,36 


- 5.29 


—2.38 


1.59 


9.57 





Claussen 


Breslau 


Stettin 


Berlin 


Leipzig 


Gütersloh 


Januar 














1—5 


0.16 


0.26 


0.27 


0.26 


0.33 


0.31 


6—10 


0.79 


0.77 


0.64 


0.76 


0.73 


0.53 


11—15 


0.49 


0.50 


0.41 


0.44 


0.43 


0.27 


16—20 


— 0.14 


—0.15 


—0.20 


—0.19 


—0.16 


—0.59 


21—25 


—0.41 


—0.29 


—0.32 


—0.37 


—0.40 


—0.51 


26—30 


—0.48 


—0.30 


—0.20 


—0.27 


—0.30 


—0.61 


Februar 
31—4 


—1.25 


—1.03 


—0.98 


—0.91 


—0.75 


—0.61 


5—9 


—1.55 


—1.52 


— 1.14 


— 1.29 


— 1.27 


—0.64 


10—14 


—1.53 


— 1.53 


— 1.47 


—2.16 


—0.98 


— 1.44 


15—19 


—1.15 


—0.84 


— 0.84 


— 0.86 


—0.94 


—0.96 


20—24 


—0.94 


—0.12 


—0.80 


— 0.80 


—0.75 


—0.84 


25—1 


—0.51 


0.65 


—0.72 


—0.66 


—0.33 


—0.32 



[1870] 



27 



37 G Gesammtsitzung 

Die regelmässige Zunahme und Abnahme der Differenzen 
spricht für sich selbst. Die nach den positiven Differenzen in der 
ersten Hälfte des Sommers eintretenden negativen, welche in der 
Mitte des Februar ihren gröfsten Werth erreichen und sich in der 
Regel den März hindurch fortsetzen, erinnern an die bekannten 
Witterungsregeln (da zu diesen noch die hinzukommen, in welche 
der ganze Januar warm war). 

Grüne Weihnachten, weifse Ostern. 

If Janiveer Calends be summerly gay 

'Twill be winterly weather tili the Calends of May. 

If the grass grows in Janiveer 

It grows the worse for all the year. 

Quando Gennaio mette erba 

Se tu hai grano, e tu lo serba 
Die Winter, in welchen bereits in der ersten Hälfte des Som- 
mers die Temparatur erheblich unter ihren normalen Werth sinkt, 
gehören einer andern Klasse von Wintern an. Hier beginnt die 
Temperatur-Erniedrigung einen vollen Monat früher, als bei den 
vorher betrachteten. Vergleicht man z. B. für Breslau den mitt- 
leren Werth der Winter von 1792, 1795, 1799, 1803, 1805, 1809, 
1811, 1823, 1827, 1838, 1847, 1848, 1850, 1854, 1861 mit dem 
75 jährigen Mittel von 1791—1865, so erhält man: 



December 

7 11 12—16 17—21 22—26 27—31 



allgemeines Mittel 
15 strenge Winter 

Unterschied 



—0.05 —0.09 —0.36 —0.14 —0.26 
_0.32 —2.78 —3.66 —4.02 —4.37 



—0.27 —2.69 —3.30 —3.88 —4.11 



Januar 

1_5 6—10 11 — 15 16—20 21—25 26—30 



allgemeines Mittel 
15 strenge Winter 

Unterschied 



—2.87 —3.45 —3.37 —2.54 —2.35 —1.61 
— 6.12 —6.44 —7.59 —5.71 —6.59 —3.72 



-3.25 —2.99 —4.22 —3.17 —4.24 —2.11 



Bis tief in den März eingreifende Temperatur-Erniedrigungen, 
die eigentlichen Nachwinter, beginnen in der Regel in der Mitte 



vom 2. Juni 1870. 



377 



des Februar, wobei es aber auch vorkommen kann, dafs ein sol- 
cher intensiver Nachwinter wie z. B. 1845 sich unmittelbar an 
einen der ersten Klasse anschliefst. Vergleicht man für Breslau die 
Winter 1792, 1796, 1800, 1804, 1808, 1814, 1815, 1845, 1853 
mit dem 70jährigen Mittel, so erhält man: 





10—14 


15—19 


20—24 


25—1 


allgemeines Mittel 
9 Nachwinter 


— 1.67 
—3.42 


— 1.13 
—3.56 


—0.60 
—4.01 


0.07 
—5.64 


Unterschied 


—1.75 


—2.43 


—3.41 


—5.71 



Mä 


rz 

2—6 


7 — 11 


12—16 


17—21 


22—26 


27—31 


allgemeines Mittel 
9 Nachwinter 


0.53 
—3.42 


0.75 
—3.31 


0.97 
—3.11 


1.53 
—2.01 


2.01 
—0.59 


2.98 
1.13 


Unterschied 


—3.95 


—4.06 


—4.08 


—3.54 


—2.60 


—1.85 



während die Winter 1845, 1855, 1865, 1870 folgende Differenzen 
geben : 

Januar 





1—5 


6—10 


11 — 15 


16—20 


21—25 


26—30 


allgemeines Mittel 
4 Winter 


—2.87 
1.59 


—3.45 

4.78 


—3.37 
2.49 


—2.54 

—0.99 


—2.35 
—2.44 


—1.61 
—1.49 


Unterschied 


4.46 


8.23 


5.86 


1.55 


—0.09 


0.J2 





31—4 


5—9 


10—14 


15—19 


20—24 


25—1 


allgemeines Mittel 
4 Winter 


—1.21 

-4.83 


—1.46 

—7.37 


—1.67 

—8.16 


—1.13 

—4.68 


—0.60 
—3.81 


0.07 
— 1.89 


Unterschied 


—3.62 


—5.91 


—6.49 


—3.55 


—3.21 


— 1.96 



Aus der Combination dieser Gruppen allein erläutert es sich, 
dafs selbst in so langjährigen Mitteln die Winterkälte ein zweites 
relatives Minimum im Februar erreicht, welches nicht durch Winter 
wie 1848 und 1850, wo auf einen sehr kalten Januar ein sehr war- 
mer Februar folgt, abgeglichen wird. 

Da die Anfänge jener Früh-, Mittel- und Nachwinter grade 

27* 



378 Gesammtsitzung 

in die Mitte des Decembcrs, Januars und Februars fallen, so konnten 
sie durch monatliche Werthe nicht gefunden werden. 

Eine Ausdehnung dieser Betrachtungen auf andre Abschnitte 
des Jahres mufs spätem Untersuchungen vorbehalten werden. 
Hier sollte nur der einzuschlagende Weg angedeutet werden. Aller- 
dings hat man auch schon früher verschiedene Jahrgänge unter 
einander verglichen, aber man hat zu lange Zeiträume in Betracht 
gezogen, um eine gewisse Anzahl mit einander nicht der Zeit nach 
zusammenhängender Überschüsse zu Wärmesummen zu combiniren, 
in gleicher Weise von einander getrennte Temperatur-Erniedrigun- 
gen. Die hier mitgetheilten Untersuchungen zeigen, dafs das Quan- 
tum hier nicht das Entscheidende ist, sondern die Gestalt der 
Temperaturcurven in ihrer eigenthümlichen Aufeinanderfolge von 
Hebungen und Senkungen. Für jetzt ist es freilich nur möglich 
auf einem verhältnifsmäfsig beschränkten Gebiete solche Arbeiten 
auszuführen. Durch die consequent durchgeführte Darstellung des 
innerhalb des österreichischen Beobachtungssystems gewonnenen 
Materials durch fünftägige Mittel hat Hr. Jelinek es mir mög- 
lich gemacht, die seit 1848 auf dem Gebiete des preufsischen Be- 
obachtungssystems gewonnenen Ergebnisse auf einem viel umfassen- 
derem Terain zu untersuchen. Von der türkischen und russischen 
Grenze bis zur französischen, von der Nord- und Ostsee bis zum 
adriatischen Meere wird die Natur in gleicher Weise befragt und 
hoffentlich wird sie ihre Antwort nicht versagen. 

Dem starren Festhalten einer verfehlten Richtung in der Wis- 
senschaft gegenüber, ist es nun erfreulich zu sehen, dafs in den 
Vorstellungen, welches der unbefangene nicht streng wissenschaft- 
liche Beobachter über die Witterung sich bildet, eine von jenen 
Irrthümern freie Anschauung sich bewahrt hat. Diese liegt in 
der Bezeichnung Loostage oder Lurtage. Durch das Wort 
Tag betheiligt sich allerdings auch er an den vorher gerügten Irr- 
thümern, aber das Wort Loos spricht es entschieden aus, dafs es 
Tage giebt, an welchen sich das Loos der zu erwartenden Witte- 
rung für längere Zeit entscheidet, eine Zeit, wo man zu lauern 
(aufzulauern) habe, um auf das Kommende vorbereitet zu sein. 

Als ich für die Abweichungen der einzelnen Jahrgänge von 
ihrem vieljährigen mittleren Werthe die jetzt allgemein angenom- 
mene Bezeichnung „nieht periodische Veränderungen" vorschlug, 
um eben anzudeuten, dafs das Suchen von Perioden nicht die ein- 



vom 2. Juni 1870. 379 

zige der Meteorologie gestellte Aufgabe sei, wurde die Bemerkung 
gemacht, dieser Name sei nicht passend, da möglicher Weise in 
diesen Veränderungen Perioden verborgen seien. Die hier mitge- 
theilten Untersuchungen zeigen, dafs eben das Nichtperiodische den 
Schlüssel giebt für die Erklärung des Periodischen. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Sitzungsberichte der k. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in Prag. 
Jahrg. 1869. Prag 1869. 8. 

W. E. Weitenweber, Repertorium sämmtlicher Schriften der k. böhm. 
Gesellschaft d. Wiss. vom Jahre 1769—1868. Prag 1869. 8. 

Abhandlungen der k. böhm. Gesellschaft der Wiss. v. J. 1869. 6. Folge. 
3. Bd. Prag 1870. 4. 

Zeitschrift der Deutschen geologischen Gesellschaft. 12. Bd. 2. Heft. Ber- 
lin 1870. 8. 

Wissenschaftliche Begründung der Rechnungsmethoden des Centralbureaus d. 
Europ. Gradmessung. Berlin 1870: 4. 

F. v. Zieglauer, Harteneck, Graf der sächsischen Nation, und die sieben- 
bürgischen Parteikämpfe seiner Zeit. 1691 — 1703. Hermannstadt 1869. 8. 

Jos. Trau seh, Schriftsteller - Lexika oder biographisch-literarische Denk- 
blätter der Siebenbürger Deutschen. 1. Bd. Kronstadt 1868. 8. 

Archiv des Vereins für siebenbürg. Landeskunde. Nene Folge. 8. Bd. 3. H. 
9. Bd. 1. Heft. Kronstadt 1870. 8. 

Von der belgischen Akademie der Wissenschaften: 

Memoires couronnes. Tome 34. Bruxelles 1870. 4. 

Collection in 8. Vol. 21. 

Bulletins. Vol. 37. 38. Bruxelles 1869. 8. 

Annuaire. Annee 36. 37. Bruxelles 1869. 8. 

Collection de Chroniques beiges inedites. 3 voll. ib. 1869. 4. 

Annales de t observatoire. Tome 29. Bruxelles 1869. 4. 

Quetelet, Observations sur les phenomenes periodiques. ib. 1869. 4, 

— , Physigue sociale. Tome II. Bruxelles 1869. 8. 

Memoires de la societe des sciences naturelles de Strasbourg. Tome IV, 2. 

Publikationen d. Archäolog. Instituts in Rom für 1869. 

Conestabile, Dei monumenti di Perugia etrusca e romana. Vol. IV. 
Perugia 1870. 4. mit Atlas. 

Garcin de Tassy, Histoire de la literature hindoue. Vol. II. Paris 1870. 8. 

Nederlandsche Gedichten uit de 14. eenio, uitgegeven door F. A. Snellaert. 
Brüssel 1869. 8. 

Bellucci, Sult ozono Note e riflessioni. Prato 1869. 8. 

Bulletin de la societe de sciences naturelles de Strasbourg. Annee 1, no. 1 
— 11. Annee 2, no. 1 — 7. Strasbourg 1868— 1869. 8. 



380 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

13. Juni. Sitzung der philosophisch- historischen 
Klasse. 

Hr. Ols hau sen sprach über den gegenwärtigen Zustand der 
alt-testamentlichen Textkritik und legte die nachfolgenden Bei- 
träge zur Kritik des überlieferten Textes im Buche Ge- 
nesis vor. 
Cap. 1, 14. Vielleicht ist zu lesen: ö^StbV, abhängig sammt dem 

Folgenden von inh&V Indessen scheint die jetzige Lesart schon 

bei Ps. 104, 19 zum Grunde zu liegen. 

24. Die Anordnung ist hier weniger angemessen, als im fol- 
genden Verse, auch die Behandlung im Einzelnen minder conse- 
quent; doch mag dies nicht von einer Entstellung des Textes 
herrühren, sondern der Redaction zur Last fallen. 

26. Für yn»rj"^5M wird zu lesen sein: "pan rWj^VsM; 
worauf schon von andrer Seite aufmerksam gemacht ist. 

28. rtüa'-iil JTflT'VftäW ist anstöfsig; vielleicht ist der Vers un- 
vollständig. 

30. Vor p^-Va-MK scheint 4nW zu fehlen. 
Cap. 2, 2. ^iiivt wird das erste Mal in mvtft zu verwandeln sein, 
mit LXX. Sam. Syr. 

19. irn ££3 ist störend, wie bereits von verschiedenen Seiten 

CT - ■.)••• ' 

anerkannt ist, und mufs wenigstens hier getilgt werden. 

20. Für bjsjVi * st wahrscheinlich t^NJil zu lesen. 

25. Vielleicht war hier uTa'vy beabsichtigt; vgl. 3, 7. 10. 11. 
Das Auge irrte leicht auf die folgende Zeile ab. 

Cap. 3, 10. Vielleicht war beabsichtigt: KähfiKi; vgl. v. 8. 

16. Zu Anfang wird die Bindepartikel 1 vermifst. — Statt 
Ti5'n5-n erwartet man etwa: tf^nfra. Vgl. deshalb meinLehrb. S.407. 

17. Für c^N^n war £h>&1 auszusprechen. — ft&wtöi ist an- 
stöfsig; man erwartet etwa ttaa» xSNfr, vgl. v. 19. 

21. Auch hier war uiN^ zu sprechen. 

Cap. 4, 4. Ob in iha^hai die Pluralform des Nomen beabsich- 
tigt war, ist zweifelhaft. 

7. Bedenklich ist der kurze und unklare Ausdruck MNiü; fer- 
ner der Gebrauch von PiNün als masc; sodann der ganze Inhalt 
des Satzes: wenn du nicht gut handelst, liegt die Sünde vor der 
Thür; endlich die genaue und doch unpassende Übereinstimmung 



vom 13- Juni 1870. 381 

des zweiten Halbverses mit 3, 16. Dafs der Text richtig über- 
liefert sei, ist höchst unwahrscheinlich, ob die LXX., die sich 
eben helfen mufsten, so gut sie konnten, einen abweichenden 
Text vor sich hatten, mindestens zweifelhaft. 

8. Eine Lücke am Schlüsse des ersten Halbverses anzuneh- 
men ist unvermeidlich, wenn TßtfcPa festgehalten wird; es fehlt 
dann wenigstens: &%Wn n^3, das Sam. LXX. Syr. u. A. er- 
gänzen. Vielleicht ist aber mit Böttcher statt ymp zu lesen: 
*\hw, er lauerte auf. Ganz in demselben Sinne findet sich 
freilich die Verbindung mit der Praeposition Vn sonst nicht; 
doch ist eine solche an sich durchaus unbedenklich und überdies 
wird ~frV Hiob 14, 16 in demselben Sinne mit b® und 2 Sam. 
11, 16 in nahverwandtem Sinne auch mit Vi* verbunden. 

13. Vermuthlich war beabsichtigt: Vrttfi : . 

18. Auch das zweite Mal wird h&fifrtä zu lesen sein. 

22. tt5i& ist wahrscheinlich blofs Glossem zu tihh, welches 
in die Stelle eingedrungen ist, wo ehemals die Worte m\ Nifi 
Hä» gestanden haben werden. 

Cap. 5, 3. Hinter ^Vlp kann -ja nicht wohl entbehrt werden. 

23. Statt *m wird mit verschiedenen Handschriften vm zu 
lesen sein, wie v. 8. 11. 14. 17. 20, 27. 

29. fi^srr^ befriedigt nicht; es war etwa hffl^il rt^S"1» 
beabsichtigt. 

31. Auch hier wird vm herzustellen sein; s. zu v. 23. 
Cap. 6, 3. Für ftfc ist vielleicht )^ zu lesen, oder wie Andre 
vorgeschlagen haben, )-h\ Das räthselhafte cwäa könnte etwa 
aus cä «Säjb entstanden sein: auch er ist mit Fleisch ange- 
than, d. h. mit Sinnlichkeit behaftet. 

4. Das Ganze glossenhaft, aber so, dafs der zweite Halbvers 
wieder als Anmerkung zu dem ersten erscheint. Mit ^"^FlN 
sollte übrigens die erste Bemerkung ursprünglich geschlossen 
werden und das Folgende bis mh ist ebenfalls nachträglich bei- 
gefügt, ohne sich an das Vorhergehende in angemessener Weise 
anzuschliefsen. 

13. -pKrTinK ist nicht unbedenklich; man erwartet etwa 

14. De Lagarde (Onomastica sacra II. p. 95) schlägt vor zu 
lesen: u^ B^J3, womit die ursprüngliche Gestalt des Textes in 
der That wieder hergestellt zu sein scheint, 



382 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

17. ö?» hätte wohl nicht so eng mit Vm^tt verbunden werden 
sollen, wie durch die Accentuation geschehen ist; vgl. 7, 6. 
Cap. 7, 13. httifoö in der Femininform (vor "^p) wird hier so we 
nig, als Hiob 1, 4 beabsichtigt gewesen sein. 

21. Die Worte f*Wtt"^ iötf-itt fallen an dieser Stelle sehr 
auf; auch wird tosnfi vor denselben ungern vermifst, vgl. 1, 26. 
7, 14. 8, 17. Wahrscheinlich ist der Text hier beschädigt und 
in Unordnung gerathen, wie es ähnlich auch 8, 19 der Fall ist. 

23. Die bestbeglaubigte Lesart fta*:i ist unbedenklich, obgleich 
auch Jts?5 in Nh/^'al zulässig gewesen wäre. 
Cap. 8, 8. Wahrscheinlich fehlen zu Anfang die Worte: rp ^H*! 
Cxr irällö oder vielmehr Vri^^; vgl. v. 10. 12. 

10. In Übereinstimmung mit v. 12 wird Vfi^l herzustellen 
sein. 

19. Der Text scheint in Unordnung gerathen zu sein; vgl. 
zu 7, 21. 
Cap. 9, 4. ia"i TOS&aa bleibt immer anstöfsig, hier, wie Lev. 17, 14. 

5. Das zweite Hemistich ist unbedenklich; in den an sich 
klaren Satz a'lNin ÄHr« XfrflH l^Ntt "roi ist das erläuternde 
Glied tj-in XBM* *&$ eingeschoben, in dem Sinne von "xäftk 'Tja 

10. Die Weitschweifigkeit des Ausdrucks ist auffallend und 
insbesondere erregen das zweite B5tw und die Schlufsworte 
^Nfi r^rt Vö!? Bedenken. Letztere fehlen in den meisten Hand- 
schriften der LXX. 

26. 27. Der Text bietet mancherlei Anstofs. Am Schlüsse 
von v. 26 mufste man 'ih erwarten statt toV, welches hier durch- 
aus nicht am Platze ist, aber auch nicht durch Versehen aus 'h> 
entstanden sein kann. Übrigens würde auch ''b nicht gut auf 
tttä bezogen werden können, sondern nur auf £ü3 h 5l'5N i"n»T, was 
doch schwerlich beabsichtigt war. Das ganze zweite Hemistich 
ist daher verdächtig, und zwar um so mehr, da es sich v. 27 
wiederholt. V. 27 fällt es zunächst auf, dafs Jaec/re3- in Sem's 
Zelten wohnen soll, obgleich ihm eigner Raum nicht fehlen kann. 
Vielleicht würden die Worte b^^jrwa "jattfri besser das zweite 
Hemistich von v. 26 bilden und auf Jahwae bezogen werden. 
Dann würde das zweite Hemistich v. 27 bleiben und auf beide 
Brüder bezogen werden können, während es v. 26 ganz zu tilgen 
wäre. Doch bliebe der Übergang von Ja?</>e3- allein auf beide 



vom 13. Juni 1870. 383 

Brüder zusammen ein unerwartet rascher, und insbesondere be- 
denklich, dafs K'na^an nicht blofs dem Sem, sondern auch dem 
Jae^eS- dienen soll, was der Anschauungsweise des Hebraeers zu 
widersprechen scheint. 

29. Ob auch hier mit vielen Handschriften und Ausgaben 
Ti-Pl zu lesen sei, wie bei 5, 23. 31 wahrscheinlich war, ist 
zweifelhaft. 
Cap. 10, 3. Für ns^ giebt 1 Chr. 1, 6 r&^i; welche von beiden 
Formen die richtige ist, läfst sich nicht mehr entscheiden. 

4. Dasselbe gilt von DWt und ö^^n, wie 1 Chr. 1, 7 ge- 
lesen wird. 

5. Bei Vergleichung von v. 20. 31 wird es wahrscheinlich, 
dafs der Text ursprünglich etwa so lautete: öhS'Wia WB^^ga ii?N 
iM; worauf schon anderweit aufmerksam gemacht ist. Die ersten 
Worte afimn |*K tfp& ffe*» würden dann wohl als eine in den 
Text eingedrungene Randbemerkung zu betrachten sein. 

8 — 12 mögen spätere Erweiterung des Textes sein, wofür die 
Art ihrer Einführung spricht, sowie die Erwähnung des Aus- 
zuges Sas's'ür's (v. 11) aus Sin^är. — Das zweite Hemistich 
von v. 12 scheint ursprünglich eine auf Nin'we sich beziehende 
Randbemerkung gewesen zu sein, vgl. Jon. 1, 2. 3, 3. 

13. Wenn auch die ö^ärf? mit den 6^V Nah. 3, 9 u. ö. und 
den & h S& Dan. 11, 43 identisch sein werden, beruht doch die 
Schreibart hier schwerlich auf einer Entstellung des Textes. 

14. Die Worte &w$$ tvto tfcprj ^*3n scheinen eine Rand- 
bemerkung zu dem folgenden ö^fr&STKl zu sein; vgl. Jer. 47, 4. 
Am. 9, 7, wornach die jetzige Gestalt von Deut. 2, 23 ebenfalls 
bedenklich erscheint. 

15 — 18. In dieser Aufzählung vermifst man den Namen 
^nsn, vgl. Ex. 3, 8. Deut. 7, 1; vielleicht ist derselbe durch ein 
Versehen ausgefallen. 

19. Der Gebrauch von W neben «ISNS braucht keinen Anstofs 
zu gewähren; Letzteres deutet hier nur die Richtung an, nicht 
den terminus ad quem. Ähnlich ist Num. 13, 21. 

21. Vielleicht ist M!n zu Anfang des zweiten Hemistichs zu 
wiederholen. Ob !n£? wirklich durch die Accentuation näher mit 
fe*Tjjrt als mit TiN zu verbinden war, ist zweifelhaft. 

23. Statt ü| giebt 1 Chr. 1, 17 ^a, was wegen V. 2 und 
1 Chr. 1, 5 bedenklich, aber nicht nothwendig falsch ist. 



384 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

30. B^.»l Hm fügt sieh nicht gut in den Satz ein; vielleicht 
fehlt 13 vor dieser Ortsbezeichnung, vgl. v. 19. 

31. Anstatt bftfyh war eher BJT^aä zu erwarten; vgl. 
v. 5. 20. 32. 

Cap. 11, 4. Die Worte Vm ptes-jB schliefsen sich an das Vorher- 
gehende nicht gut an, wenn ud hier die Bedeutung von Namen, 
Ruhm haben soll. 

30. iVl, nur hier, und als B?Si/3 in einem Theile der Hand- 
schriften 2 Sam. 6, 23, beruht entweder auf einer zufälligen Ent- 
stellung des Textes, oder ist als eine diabetische Eigenthümlich- 
keit des Schriftstellers anzusehen. 

31. !Ä*S*t ist anstöfsig; man erwartet Näh im Singular, wie 
der Syrer liest. Sam. LXX. Vulg. geben dafür cn'N «flfpl. 

Cap. 12, 3. Vielleicht war der Plural rfhhpjn beabsichtigt. 

6. Die zweite Ortsbestimmung trpa f&N 13 ist vielleicht 
nachträglich eingefügt. 

16. Die Knechte und Mägde scheinen durch irgend ein Ver- 
sehen an die verkehrte Stelle gerathen zu sein, zwischen die 
Esel und Eselinnen. Vielleicht waren sie ursprünglich gar nicht 
mit erwähnt. 

Cap. 13, 10. Die einzelnen Angaben im zweiten Hemistich sind 
nicht gut geordnet und zum Theil auch ihrem Inhalte nach be- 
denklich. Die Worte n^ösrrwl b^w-^n mm SfifittJ ^th scheinen 
ursprünglich eine Randbemerkung gewesen zu sein. Das Fol- 
gende müfste sich gleich an das erste Hemistich anschliefsen; 
aber neben STliT^ä ist B^SE J^jHS überflüssig und selbst an- 
stöfsig. Die letzten Worte igä Hg& bilden auch für den sicher 
echten Theil des Verses einen passenden Schlufs: „denn sie war 
wasserreich gleich dem Garten Jahwse's bis nach Q6?ar hi n - w 

11. Statt e»S>jd sollte man IHElj> erwarten, doch läfst sich 
jenes vielleicht rechtfertigen. 

Cap. 14, 1. 2. Wahrscheinlich ist nach älterem Vorschlage zu 
lesen: Vm 5*?röJ*1 B*tsn; ^ h s *B?1J worauf dann die beiden Verse 
hätten zu einem einzigen verbunden werden sollen. Das zweite 
Hemistich von v. 2 ist vielleicht erst später hinzugefügt,' wobei 
versäumt wurde die Praeposition gehörigen Orts zu wiederholen. 
4. Das Subject ist nicht näher bezeichnet; doch braucht dar- 
aus nicht gerade auf eine Lücke im Texte geschlossen zu werden. 
Wahrscheinlich ist aber mit dem Samarit. zu lesen: bliö$~Wlfctti. 



vom 13. Juni 1870. 385 

5. Der Ortsname ZT] beruht vielleicht auf einer Entstellung 
des Textes. Die LXX. sprachen öja aus statt crja, das ihnen 
fremd sein mochte, trafen damit aber schwerlich das Richtige. 
Hieronymus (Quaestiones Hebr. in libr. Genes., p. 22 sq. Lagarde) 
las aha; vielleicht war ursprünglich fcsafta geschrieben. 

9. Der ganze Vers mit der Umstellung der Zahlen am Schlüsse 
ist wohl als ursprüngliche Randbemerkung anzusehen. 

12. Die Worte öia** h fi»~ , jä stehn an der unrechten Stelle 
und sind vielleicht blofs Randbemerkung gewesen, die mit v. 14. IG 
nicht ganz übereinstimmt. 

14. Der Cod. Sam. hat prn; er musterte, was möglicher- 
weise das Ursprüngliche war. LXX.: y^iBij.^ts. 

15. Nicht ohne Grund hat man an p'fch^ Anstofs genommen; 
mit dem dafür vorgeschlagenen tj'-rri i st vielleicht das Richtige 
getroffen. 

Cap. 15, 2. Das zweite Hemistich ist unverständlich und die Er- 
klärung des pttjta-ja durch „Erbe" unzulässig. Die Worte N^ifi 
ptei haben das Ansehen einer Randbemerkung zu dem dunkeln 
Ausdruck pt&QJ Was hier etwa erwartet werden durfte ist im 
folgenden Verse gesagt und wird durch aniN *Yö&»3 so eingeführt, 
als wenn es sich unmittelbar an v. 1 anschliefsen sollte. Die 
Dunkelheit von v. 2 mag die spätere Anfügung von v. 3 ver- 
anlagt haben, eine Herstellung des unklaren Hemistichs aber 
wird kaum mehr möglich sein. 

4. Für narn war vielleicht ^rpl beabsichtigt. 

10. Die Worte irisn r*Oj& ^artfcw )fr*l sind unbedenklich: 
„und legte eins — (nemlich) das Stück davon — dem andern 
gegenüber. tf Es ist s. v. a. wn rtK^ ^"*? ö*W**!! l?^ 

12. Strom* und inaiilM neben einander sind sehr anstöfsig; eins 
oder das andre wird Glossem sein, wahrscheinlich das Letztere. 
LXX.: cpcßog eneoreafae, was nicht zu billigen ist. 

13. Der Name imn* scheint hinter Tq»*3 ausgefallen zu 
sein. i 

19 — 21. Man vermifst hier die 'Hiwwiter (^n), deren Name 
vielleicht nur durch Versehen ausfiel. 
Cap. 16, 5. Das zweite ? in Spjttiji ist schon in der offiziellen 
Grundlage der jetzigen Gestalt des Textes in Übereinstimmung 
mit der herrschenden Schreibweise durch übergesetztes Punctum 
getilgt. 



386 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

13. Das zweite Hemistich giebt keinen klaren Sinn, auch 
dann nicht, wenn man **n in >>Kh umändern wollte. Die Rich- 
tigkeit des Textes bleibt daher zweifelhaft. De Lagarde (Ono- 
mast, sacra II. p. 95) will d'Vtt. streichen, was bedenklich ist. 
Eher könnte om zu tilgen sein, entstanden etwa aus Ttfi s das 
hinter NnpFn einen passenden Platz gefunden hätte. Die vor- 
handene Unklarheit wird indessen durch Änderungen dieser Art 
nicht gehoben. 

14. Der Name des Brunnens ist nach Form und Sinn un- 
klar, aber Änderung kaum zulässig. — Hinter fi:!n ist vielleicht 
NlSn ausgefallen, oder auch ftsaii zu lesen. 

Cap. 17, 10. Wahrscheinlich ist zu lesen: >>ri^ä hiN Tii'; vgl. v. 11 

und 9, 12. — Die Worte S^ttN ^snt fSH sind überflüssig, vgl. 

v. 11, und vielleicht nachträglich aus v. 7 ergänzt. — Das zweite 

Hemistich ist unbedenklich. 
Cap. 18, 3. Ursprünglich mag die Aussprache 13*?« beabsichtigt 

gewesen sein. 

9. Das Wort yhi$ hat einst durch die darüber gesetzten 
Puncte getilgt werden sollen, zwar unnöthiger Weise, aber im 
Anschlufs an das nach einer älteren Handschrift bereits verbes- 
serte Exemplar, das zu offiziellem Ansehen gelangte. 

10. Nim hätte wohl mit den LXX. als Feminin punctirt wer- 
den sollen. 

12. Man hat zu erklären: „ist mir (denn), nachdem ich alt 
geworden, Liebeslust zu Theii geworden, während mein Herr alt 
ist?" Eine Änderung des Textes ist unnöthig. 

19. Das erste ■jsa'b erschwert das Verständnifs sehr und ist 
vielleicht nur durch ein Versehen in den Text gerathen. Das 
zweite Hemistich würde besser fehlen, doch kann es zur Noth 
ertragen werden. 

20. Zu Anfang der Rede mag s Weu5 ausgefallen sein. Vgl. 
de Lagarde, Onomast, sacra II. p. 95. 

21. Das Singularsuffix in i^jP»Säa)i kann richtig sein, obgleich 
v. 20 zwei Städte genannt waren; gemeint wäre S'&om, das 
auch im Folgenden allein hervortritt. — Die Punctatoren behan- 
deln riN^n nicht als Particip, sondern als Perfect mit dem Ar- 
tikel statt der Relativpartikel; ob mit Recht, ist fraglich. — Statt 
frbs war vielleicht ö|ä beabsichtigt. — ftWiejj ist zwar entbehrlich, 
aber doch erträglich. 



vom 13. Juni 1870. 387 

24. tsipa als Fem. gebraucht, was wenigstens sehr selten ist. 
Vielleicht ist aber das Suffix auf das vorhergehende -)W zu 
beziehen, oder auf das dem Schriftsteller im Sinne liegende tSö, 
vgl. 19, 13. 
Cap. 19, 4. chö ^tt3:K ist vielleicht nur Glossem zu den vorher- 
gehenden Worten. 

9. Dasselbe gilt von dem Worte ö'^a. 

12. 'jws, im Singular und ohne alle nähere Bestimmung, ist 
an sich und bei Vergleichung von WMjjtt v. 14 sehr anstöfsig. 
Wahrscheinlich ist der Text beschädigt. 

13. Vielleicht war ftn)WMfc beabsichtigt, wie 18, 21. Das Fe- 
mininsuffix bezöge sich dann, wie das am Ende des Verses, auf 
ö'lö, welches mit den Worten fi"5l aipEfi gemeint ist. 

16. Die Praeposition in ffeq.na erregt Bedenken; beabsichtigt 
war wohl eher tht'h's. 

17. Statt -ie*ö1 erwartet man vielmehr <nia^! ? . — Die Worte 
TpÖMciVs sind unbedenklich, wenngleich über die Erklärung ge- 
stritten werden kann. 

19. Der Übergang in die singularische Anrede kann nicht 
auf einer Entstellung des Textes beruhen und ist lediglich der 
Redaction zuzuschreiben. 

24. ö?xrtarr k ,ri ist vielleicht nur Glossem zu den vorhergehen- 
den Worten, deren Echtheit nicht so leicht bezweifelt werden 
kann. 

26. tatifc statt üft krtöJN gewährt keinen erheblichen Anstofs. 

30. Der Artikel in irnSBä fällt auf; es kann indessen damit 
auf eine zur Zeit der Abfassung dieses Theils der Gen. hin- 
reichend bekannte Höhle hingedeutet sein. 

33. Man hat in Übereinstimmung mit v. 35 *Wjnln JlWa her- 
zustellen; vgl. zu 30, 16. 
Cap. 20, 6. Die Schreibart iülra beruht vielleicht nur auf einem 
Versehen. 

12. fi^K = mön scheint durch Jos. 7, 20 hinreichend geschützt. 

16. Das zweite Hemistich ist völlig unverständlich und ohne 
Zweifel stark entstellt. 
Cap. 21, 6. 7. Diese beiden Verse sollten vielleicht vor v. 3 
stehn. 

12. Der Ausdruck im zweiten Hemistich ist nicht ganz klar, 
kann jedoch richtig sein. 



388 Sitzwig de?' philosophisch-historischen Klasse 

14. Wahrscheinlich ist zu lesen: fcttWl "ijjJylwi 'JSW inV^n 

'■Öl ?£*fl ifevTrt!!^ <lv^ n - ^^^^"""^ ö % c ^- ^ em stent aucn das 
sÄtiSVi v. 15 nicht entgegen, da bei dieser Fassung über die Art 
und Weise, wie der Knabe fortgebracht wurde, gar nichts aus- 
gesagt ist. 

20. Statt MSj? iiän wird nach Jer. 4, 29 zu lesen sein: 
ttäj? sieh. 

22. Die Worte iattä^iö t?b s £1 gehören schwerlich hieher und 
mögen unpassender Weise aus v. 32 nachgetragen sein. 

25. Von dem Brunnen war bisher nicht die Rede; die Be- 
zeichnung desselben als eines schon bekannten fällt der Redaction 
zur Last. 

33. Abrahams Name ist vielleicht ausgefallen. 
Cap. 22, 13. Statt nr,N ist mit Sam. LXX. Syr. u. a. ^fiN zu 
lesen und dann wohl die Lesart tftM der äufserlich besser be- 
glaubigten Lesart TfiM vorzuziehen. 

14. Das zweite Hemistich ist vermuthlich ein späterer Zusatz, 
dessen Fassung nicht gut gelungen ist. 

21. Die Abweichungen von den Angaben Cap. 10, 22 beruhen 
nicht auf Entstellung des Textes. 

Cap. 23, 1. Der Schlufs ist ganz überflüssig und mag als Inhalts- 
angabe einst am Rande gestanden haben. 
5. Wegen hh ^nxh s. zu v. 13. 

10. Die Construction läi hbh ist einigermafsen anstöfsig und 
vielleicht dieser ganze Schlufs später hinzugefügt. Vgl. zu v. 18. 

11. Vgl. zu v. 13. 

13. Hinter hlnar&R tj^i werden einige Worte ausgefallen sein, 
wie etwa: WiSS-öS '■jöh htak Ähnliches dem Sinne nach suchte 
Hitzig (Begriff der Kritik, S. 141) auf andrem Wege zu gewin- 
nen. — *fr mit dem Imperativ nur hier und an sich bedenklich. 
Hitzig (a. a. O., S. 140 f.) will freilich auch v. 6 laaitöä & her- 
stellen, indem er das schliefsende t^ des vorhergehenden Verses 
heranzieht, verfährt ebenso bei v. 14. 15, wo Wöttä jfra $? ge- 
lesen werden soll, und liest endlich v. 11 mit etwas anderer 
Orthographie uä ^ar*^. Die Gleichartigkeit in allen vier Stel- 
len, die auf diese Weise erreicht wird, ist sehr ansprechend. 
Man hätte anzunehmen, dafs die Verbindung von i? mit dem 
Imperativ ehemals zulässig war, aber frühzeitig aufser Gebrauch 
kam, wodurch denn die Umgestaltung von v. 6. 11. 15 veranlafst 



vom 13. Juni 1870. 389 

wurde. Nur hier (v. 1 3) liefs sich ein ähnliches Verfahren nicht 
wohl anwenden; denn die Veränderung von *& in ^ bei den 
LXX. verdient wenig Lob. Im Übrigen wäre die Verbindung 
'$p Tjen^ v. 5. 14 an sich nicht verwerflich; ganz ähnlich ist 
Lev. 11, 1 önfcfc. *i4p& 

14. Wegen ft ^m\ vgl. zu v. 13. 

18. ^ba, ebenso anstöfsig wie hbh v. 10; man erwartet etwa: 

19. ^Vl^rt Nifi N^jaa fällt auf neben v. 2 und 13, 18, wozu 
auch 35, 27 zu vergleichen ist. Hier mag ursprünglich der 
Name n^ei allein im Texte gestanden haben. 

Cap. 24, 30. "1733? fiüi-n ohne Subjectsausdruck braucht keinen An- 
stofs zu gewähren. 

32. Vielleicht war vfsgy beabsichtigt, wie J. D. Michaelis le- 
sen wollte. 

33. Der Änderung im Q'ri, aip^l statt 010*51, hätte es viel- 
leicht nicht bedurft, wenn Letzteres activisch gefafst werden 
konnte. Im entgegengesetzten Falle wäre die Passivform auch 
wohl 50, 26 herzustellen gewesen. Die Punctation uia^l ist 
übrigens verwerflich. 

38. nVuK ist unbedenklich. 

39. ^N, defectiv geschrieben, wahrscheinlich auf Veranlassung 
von ^N v. 40. 

55. Vor öib* ist vielleicht tthh ausgefallen; vgl. 29, 14. 

62. Hai «iaa Na ist sehr anstöfsig. Sam.: iäi iNi ytaftpb Ni; 
LXX.: zrroosvsro Btd Tr,g iarj^ov xa-ct ro cpozcco ryg ooccreujg. Auch 
dies sagt wenig zu. Houbigant: läl INia Ka Na, vgl. 25, 11; 
vielleicht richtig. Auch INöa Na könnte genügen und daraus 
würde sich die vorliegende Entstellung des Textes am einfach- 
sten erklären; s. de Lagarde, Onomast, sacra II. p. 95. 

67. Hinter rfolNtt fehlt wahrscheinlich: VrtN. 
Cap. 25, 13. anblüa fällt nach dem Vorhergehenden auf, wird aber 
nur von nachlässiger Redaction herrühren. 

15. Die Lesart Titt verdient den Vorzug vor der Lesart -rtfi; 
vgl. 1 Chr. 1, 30. Ob ursprünglich Tnsn beabsichtigt war, bleibt 
zweifelhaft. — Die Localform ttöllj? fällt zwar auf, wird aber 
doch beizubehalten sein. 

18. .imVBN hält Nöldeke (Untersuchungen zur Kritik des A. T. 
S. .2.6. Anm. 1) für verdorben, wozu kaum hinreichender Grund 



390 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

vorhanden zu sein scheint. — Am Schiasse findet sich eine 
Lücke. Man erwartet etwa: rt^rtsh iWAia oder ^sra^ls fthti 

22. Ob das erste Hemistich vollständig erhalten sei, ist zwei- 
felhaft; vielleicht liefse sich am Schlüsse desselben "tax ergänzen. 

2G. Auch hier war eher EpJW zu erwarten, wie v. 25. 

28. Sam.: rrs, vielleicht richtig, wenn auch nicht grade 

nöthig. 

Cap. 26, 2. 3. Der Widerspruch zwischen den beiden Befehlen 

fällt ausschliefslich der Redaction zur Last. Die ganze Stelle 

v. 2 — 5 ist später eingefügt; vgl. Hitzig, Begr. der Krit. S.169f. 

12. Statt ffnSHÖ drücken LXX. Syr. cnrb aus; vielleicht 
richtig. 

28. iö'Vj.Tä'Ka und gleich daneben BWa braucht keinen Anstofs 
zu gewähren, ist vielmehr ganz angemessen, da das Pluralsuffix 
in beiden Formen nicht die gleiche Geltung hat. 

Cap. 27, 3. Das K'Si.G JfPS (neben "PS v. 5. 7) beruht wohl auf 
einem Versehen, wozu das vorhergehende rt1!ÖPj Anlafs gab. 
24. Die Auslassung der Fragepartikel ist unbedenklich. 

29. Das K'3i/3 ifiniü*l beruht wohl nur auf einem Schreib- 
fehler. 

31. Die Punctation ö-jj.* fällt auf; man erwartete eher tp*, 
doch läfst sich auch jenes rechtfertigen. 

33. 34. Hitzig, Begriff der Kritik S. 126 ff., will lesen: 
Sbtt33 rrrri : ^Jnsr&ä; wahrscheinlich mit Recht. 

39. Der Vers bildet ein Gegenstück zu v. 28 und "ja steht 
hier in der Bedeutung von ohne. Obgleich man den Gegensatz 
zu v. 28 gern schärfer ausgedrückt sähe, darf doch die Richtig- 
keit des Textes schwerlich bezweifelt werden. 

40. Der Sinn von T^t) ist so dunkel, dafs man auf eine 
Entstellung des Textes schliefsen darf. Die LXX. sprachen 
dafür Tnrn, womit Nichts gewonnen ist. Im Übrigen ist dort 
y,vih av und £x?.v?sig zu lesen. 

42. Bhbhä scheint durch Jes. 1, 24 hinreichend gerechtfertigt. 

44. 45. Der Schlufs von v. 44 und der Anfang von v. 45 
können kaum neben einander bestehen. LXX. blofs: soog tov 
cc7rocrro&\l/-cct tov 3"V{J,ov hui ty,v oayvjv tov uBsXtpov <rov ccno crov. 

46. Die Minuskel rührt von einem Versehen her, durch wel- 
ches das zweite p ausgelassen war. — Erst nrrrroa» und dann 



vom 13. Juni 1870. 391 

noch fWn hiasa ist sehr anstöfsig. Die LXX. lassen das 
erste weg. 
Cap. 28, 11. öijpaa ist anstöfsig, da keine Ortsbezeichnung vor- 
hergeht, auf welche sich das bestimmte Nomen beziehen könnte. 
Vielleicht ist Ci^a (oder irw ßipaä) zu lesen. 

22. Der Übergang in die zweite Person im zweiten Hemistich 
beruht nicht auf Beschädigung des Textes, sondern auf unge- 
schickter Redaction. 
Cap. 29, 2. 'jaarn richtig; es ist der Stein, mit dem die Öffnung 
des Brunnens regelmäfsig verschlossen wird. 

5. Vor ^ins-^a ist vielleicht ^fta-ja ausgefallen. 

10. Das dreimalige hm ^a fällt auf und kann zum Theil auf 
blofsem Versehen beruhen. 

24. Die Wortordnung weniger natürlich, als v. 29, doch viel- 
leicht erträglich. 
Cap. 30, 11. Beabsichtigt war ohne Zweifel laa; vgl. v. 13 ^ttj^ä, 
wobei der Umstand, dafs dort ein Pronominalsuffix angehängt 
ist, von keinem Belang ist, weil dies von dem Unterschied der 
Bedeutungen von 1ä und "ittJa herrührt. 

15. rUTj^Vl, als Infinitiv mit der Praeposition h punctirt, läfst 
sich vertheidigen; möglich ist aber, dafs ursprünglich fthp.V) im 
Perf. beabsichtigt war. 

16. Ktti für Mhn, wie 19, 33, auch hier wahrscheinlich nur 
Schreibfehler; vgl. noch zu 32, 23. 38, 21. 1 Sam. 19, 10. 

20. '»rta gewährt Anstofs; vielleicht stand ursprünglich 
^nNtos da. 

31. Statt ibttSj« wird lättJNl zu lesen sein. 

32 — 36. Die Bestimmung des Lohns ist nicht ganz klar und 
jedenfalls unvollständig, indem des künftig fallenden bunten 
Viehs hier gar nicht gedacht wird. Auch das Verfahren bei 
der Aussonderung des bunten Viehs bleibt undeutlich; die erste 
Person *$$& v. 32 stimmt nicht zu v. 35. 36, wo Laban Subject 
ist. Dies alles wird aber Schuld der Redaction sein und nicht 
auf Beschädigung des Textes beruhen. Gleiches gilt von dem 
"Wechsel der f Ausdrücke np3 v. 32. 33 und B^pStfi v. 35 in 
welcher Hinsicht auch v. 39. 40 und 31, 8. 10. 12 zu ver- 
gleichen sind. 

37. Statt hfjn durfte man ni'ppTü erwarten und auf diesen 
Pluralbegriff bezieht sich jedenfalls das folgende )1~&, obgleich 
[1870] '"28 



392 Sitzung der philosophüch-Mstorischen Klasse 

L«^ tffcpn sonst tfiasc. ist, Zach. 11, 7. 14. Statt sjtehtt wäre 
etwa Cjiten erwünschter; vielleicht war auch eine andere Aus- 
sprache beabsichtigt. 

38. Die Worte eran rtrtgtös und vielleicht auch die darauf folgen- 
den bis einschliefslicii nw? haben das Ansehen einer Randglosse, 
die dem ursprünglichen Texte fremd war. — Die auffallende 
Form nWfE3 wird docn schwerlich anzufechten sein; vgl. zu v. 41. 

40. Die Darstellung ist unklar und nicht ohne inneren Wi- 
derspruch, welcher durch Ausstofsung der Worte ftjwj u. s. w. 
(bis zum Ende des ersten Hemistichs) gehoben werden kann. 
Von gefleckten Thieren, die in Labans Heerde bleiben, ist dann 
nicht die Rede. Jene Worte mögen durch ungeschickte Über- 
arbeitung in den Text gekommen sein. Der Vorschlag 1j?!fvK 
• n bjp S -^ a zu verwandeln ist nicht unbedenklich; eher wünschte 
man der Conformität halber IjpS-Vö"?«. 

41. Das Accusativ-Suffix in hsarii ist in hohem Grade an- 
stöfsig. Man wird versucht etwa HaarÄ zu schreiben, vgl. v. 38; 
allein der Gebrauch von h als Conjunction ist dem Hebräischen 
fremd. Es mag daher eher ein Fehler in den Consonanten 
stecken, der durch die Nachbarschaft von v. 38 leicht veranlafst 
werden konnte. 

Cap. 31, 9. Das Suffix in Cg^S, statt der Femininform verwen- 
det, dürfte nicht auffallen, wenn nicht letztere v. 6. 7 gebraucht 
wäre. Der Mangel an Übereinstimmung wird der Redaction zur 
Last fallen. 

13. Wj vor dem Genitiv ist unzulässig; wahrscheinlich ist 
hinter dem Worte eine Lücke anzunehmen und etwa in der 
Weise auszufüllen, welche die LXX. an die Hand geben. 

18. Die Worte "jMp rtJJ?» u. s. w. bis zum Schlüsse des 
Hemistichs gehören Avohl dem ursprünglichen Texte nicht an. 

20. Vs ist hier eigenthümlich gebraucht; doch braucht die 
Richtigkeit des Textes nicht bezweifelt zu werden. Man erkläre : 
„Jakob täuschte den Laban, darum dafs er" — d.h. „inso- 
fern er" oder „indem er"— „ihm nicht anzeigte, dafs er 
fliehen (davon gehn) wollte". Das Ungewöhnliche des Aus- 
drucks sucht der Samaritanische Text zu meiden, indem er ts> 
statt Vs> giebt, was schwerlich vorzuziehen ist. — Dafs Laban hier 
(und v. 24) wieder als „der Aramäer" bezeichnet wird, ist zwar 
sehr überflüssig, aber lediglich Sache der Redaction. 



vom 13. Juni 1870. 393 

30. Das zweite Hemistich hätte wohl, als Rede Labans be- 
zeichnet, hinter v. 31 stehn und dann v. 32 als Worte Jakobs 
eingeführt werden sollen; doch wird auch hier lediglich die Re- 
daction ungeschickt sein. 

32. Die Construction kjä» *flü«; öS statt ias Kätati iidn ist 
sehr bedenklich, Abhülfe aber nicht leicht zu gewinnen. 

39. Die Worte hgfc3j?äft ^a werden wohl an das Ende des 
Verses gehören. Auch mag m$tattK ; statt der syncopirten Form 
herzustellen sein. 

40. Das isolirt da stehende Wfi fällt auf, doch läfst es sich 
vielleicht rechtfertigen. 

44, Vielleicht sind vor dem zweiten Hemistich einige Worte 
ausgefallen, wie etwa: Va-iiiü5>5i. 

45 — 54. Die Erzählung wird hier sehr verwirrt, indem zwei- 
erlei Relationen in nicht geschickter Weise mit einander ver- 
schmolzen sind. Für sffygwj v. 46 wird nach einem älteren Vor- 
schlage, unter Zustimmung von de Lagarde (Onomast. Sacra II. 
p. 95), !iöj&?i herzustellen sein. — Eine Beschädigung des Textes, 
die nicht der Redaction zur Last fallen kann, zeigt sich v. 49 
zu Anfang, wo räpansi aufserhalb aller Satzverbindung steht und 
die Anknüpfung an das Vorhergehende und das Nachfolgende 
gleich mangelhaft ist. Eine Wiederherstellung des ursprüng- 
lichen Textes scheint unmöglich. — V. 50 haben die Worte 

^vT^* ^"H £ anz das ansehen einer in den Text eingefügten 
Randbemerkung. 

Cap. 32, 7. Wahrscheinlich ist zu lesen: SjfjK^ N^n Tpn c.y\ 

9. Statt hfiäri ist IftKft zu schreiben, da das Wort Vi aha hier 
sonst als Masculin behandelt ist. 
23. s. zu 30, 16. 

31. 32. Der Wechsel der Formen Vä^ö und htti&£ beruht 
auf zufälliger Entstellung. 

33. Ein Subjectsausdruck bei »w wird ungern vermifst und 
ist vielleicht durch Versehen oder in Folge einer Beschädigung 
des Textes ausgefallen. 
Cap. 33, 4. Vielleicht war ursprünglich h^NlSS mit Singularsuffix 
beabsichtigt. — Die Puncte über dem Worte ttij?tt5?3 sollten die 
Tilgung desselben andeuten, welche aber von der bei der 
Punctation zum Grunde gelegten Tradition mit Recht nicht an- 
erkannt wurde. 

28* 



394 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

20. Für einen Altar scheint der angeführte Name so wenig 
passend, dafs man geneigt sein könnte zu lesen: Vvi >»P K^pi« 
Ähnlich die LXX.: »«1 l7re««*ex«ro rhu &eov ^IroaY/.. Doch 
ist es sehr zweifelhaft, ob damit das Richtige getroffen wäre, 
da eine Namengebung beabsichtigt gewesen sein wird, welche 
nur bei der Redaction mifs verstanden wurde. Übrigens vgl. 
zu 35, 7. 
Cap. 34, 13. Das zweite Hemistich steht offenbar an ungehöriger 
Stelle. Zur Noth könnte es hinter den Namen DöTÖ treten; 
wahrscheinlicher ist, dafs es eine — freilich sehr überflüssige — 
Randbemerkung war, die in den Text eindrang. Ganz unzu- 
lässig ist aber auch in seiner jetzigen Stellung das Wort tf-Ö^l; 
jeder Anstofs wäre beseitigt, wenn es mit fTO^S den Platz 
tauschte. 

23. flöttä neben jrrsjMa ist nicht anstöfsig; es bedeutet hier 
lediglich das Lastvieh, wie 36, 6 u. ö. 

24. Die Wiederholung der Worte 1Ä1 l '«Sft-%a fällt auf und 
beruht vermutlich auf einem Versehen. Die LXX. lassen die 
Worte aus. 

25. haa, zu n^n gehörig, hat denselben Sinn wie etwa: 
n-js hättjte iom. Die Ausdrucksweise ist befremdlich, doch scheint 
der Sprachgebrauch gesichert; vgl. besonders Ez. 30, 9 und die 
analogen Fälle Hab. 2, 19. Prov. 3, 25. 

27. Man vermifst zu Anfang die Bindepartikel, welche LXX. 
und Andre ergänzen. — Ob das zweite Hemistich an der rech- 
ten Stelle stehe, ist zweifelhaft. 

29. ttä*1 wäre wohl zum zweiten Hemistich zu ziehen, dann 
aber auch "hl* statt des folgenden jri»1 zu schreiben gewesen. 
Cap. 35, 7. Der Ort, um den es sich hier handelt, hat sicher 
nur den Namen W*Üa ( nicnt ^T 1 ^ ty g eführt - Es wird hier 
ein ähnliches Mifsverständnifs der Quelle obwalten, wie bei 
33, 20. — Der Plural Ü># wird der Quelle entnommen und die 
Abänderung in den Singular nur aus Unachtsamkeit unterblie- 
ben sein. 

16. ii5p_rn neben tihto'pn v, 17 braucht keinen Anstofs zu ge- 
währen. 

22. Am Schlüsse des Verses ist eine Lücke anzunehmen, die 
sich auch äufserlich kenntlich macht. 



vom 13. Juni 1870. 395 

26. Vielleicht war iV^T^ beabsichtigt, wie 36, 5. — "^fcs 
s-iN pafst nach v. 16 nicht auf Josecp; die Ungenauigkeit fällt 
aber der Redaction zur Last. 

27. Vgl. zu 23, 19. Auch hier mag SJtoKtt n^j? und aift 
•fHÄPi nachträglich in den Text aufgenommen sein, oder doch, 
wenn 23, 19 mafsgebend sein kann, Ersteres allein. 

Cap. 36, 2. 3. Der Widerspruch zwischen der Bezeichnung troas 
"jSJSa und der folgenden Aufzählung, die nur zwei kenaanitische 
Weiber — und ursprünglich wohl nur ein solches — erwähnt, 
desgleichen die Abweichungen von 26, 34. 27, 46. 28, 9 hin- 
sichtlich der Eigennamen, werden von der Redaction verschuldet 
sein. Übrigens war hier (und v. 14) anstatt ^feaiär'lna nach hebr. 
Sitte vielmehr 'ä'-'js zu erwarten, da fi» der Sohn des Qißsön 
(oder Ci/3'sön) ist, nicht die Tochter; s. v. 24. Doch wird nicht 
etwa mit den LXX. X'ys. herzustellen sein; vielmehr ist S"tta 
als eine gegen die herkömmliche Form solcher genealogischer 
Angaben verstofsende spätere Ergänzung zu betrachten, wel- 
che entweder durch ein Mifsverständnifs von v. 25 veranlafst 
ist, oder auf einer von der Stammtafel v. 20 ff. abweichenden 
Überlieferung beruht. Eine nachträgliche Ergänzung gleicher 
Art findet sich v. 39. — Statt ^fiJ-j war nach v. 24, vgl. mit 
v. 20, ^hfl zu erwarten; die jetzige Lesart beruht wahrschein- 
lich auf einem Versehen oder auf zufälliger Beschädigung des 
Textes. 

5. Mit dem Q'ri ttS-t^i (hier und v. 14) stimmt v. 18 und 
1 Chr. 1, 35 überein. 

6. Wegen n^ris neben ftsj?» s. zu 34, 23. — Hinter yw^j 
ist unzweifelhaft der Name des Landes ausgefallen, wahrschein- 
lich T^b, wie der Syrer ergänzt; indessen vgl. man Nöldeke, 
Untersuchungen S. 30 Anm. 

8. Die letzten Worte vielleicht ursprünglich blofs Rand- 
bemerkung. 

10. Warum die Söhne der dritten Frau hier übergangen und 
erst v. 14 nachgeholt werden, ist unklar; doch ist kein Grund 
vorhanden, an eine Entstellung des Textes zu denken. 

11. Statt teS (hier und v. 15) giebt 1 Chr. 1, 36 '•tot. 

13. Wie die Bedeutung der Namen irTO und fn? einen ge- 
wissen Gegensatz bildet, so mag auch bei den beiden folgenden 
Namen (hier, sowie v. 17 und 1 Chr. 1, 37) etwas Ähnliches 



396 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

beabsichtigt und deren ursprüngliche Gestalt nvä und nja (dort- 
hin und von hier) gewesen sein. 

14. Vgl. zu v. 2. 3 und 5. 

15. Das K'Si/3 jwtin kann nur auf Entstellung beruhen. — 
Wegen *£% s. zu v. 11. — T5J5 war nach v. 11 und 1 Chr. 1, 36 
eher im folgenden Verse zu erwarten. 

16. Die Erwähnung von rn^ an dieser Stelle scheint auf 
irgend einem Irrthume oder ungeschickter Interpolation zu be- 
ruhen; vgl. v. 18, womit v. 14 (und 1 Chr. 1, 35) überein- 
stimmt. 

20. 5> a nä, Qi/feonS Bruder, hier und v. 25, und 3 a nä, Qi/2- 
rons Sohn, v. 24, sind ursprünglich wohl identisch; die verschiedne 
Stellung, welche der Repraesentant eines und desselben Stammes 
oder Geschlechtes in verschiedenen Geschlechtsregistern einnahm, 
hätte hier nicht die Aufführung zweier Personen gleiches Na- 
mens veranlassen sollen. Derselbe Fall wiederholt sich bei 
Disön, dem Bruder (v. 21) oder Sohne (v. 25) des 2 a nä. Übri- 
gens ist zu beachten, dafs die Handschriften der LXX. zum 
Theil zwischen 'Ära v. 20. 25 und 'ilvcc, '&vag oder 'Qudv v. 24 
auch einen formellen Unterschied machen. 

21. Statt }ti^ nennen die LXX. hier und v. 28. 30 e P*Wc 
(oder 'Psiff-wV). 

22. Für Sft^n giebt 1 Chr. 1, 39 isoin. — Auffallend ist, dafs 
hier (und in der Chronik) die Schwester Lötäns nach dessen 
Söhnen, und nicht, wie sonst üblich, nach ihren Brüdern auf- 
geführt wird. 

23. Statt tetii bietet 1 Chr. 1, 40 *tw. 

24. Vor n*ä1 ist vielleicht ein Name ausgefallen; doch kann 
die Bindepartikel, welche bei den LXX. Sam. Syr. und auch 
1 Chr. 1, 40 fehlt, auch blofs von einem Versehen herrühren. — 
Das Wort iso^n? welches schon als ana^ Asyopsvcv die Aufmerk- 
samkeit auf sich zieht, läfst sich mit einiger Sicherheit nicht 
mehr erklären und setzte bereits die alten Übersetzer in A r er- 
legenheit. LXX.: rov [tuystv; Sam. Onk. drücken tf^n aus, 
vgl. Gen. 14, 5. Deut. 2, 10. 11, Syr. W&n, Die Erklärung der 
Vulg. durch aquae calidae etymologisch zu rechtfertigen will 
nicht gelingen. Bei unsrer Unbekanntschaft mit der 'höritischen 
Sagengeschichte ist es natürlich nicht möglich zu ermitteln, was 
s a nä in der Wüste gefunden; vielleicht fand er ganz einfach 



vom 13. Juni 1870. 397 

n^rft-FN , seinen Vetter, v. 22, mit welchem irgend etwas Unge- 
wöhnliches vorgegangen sein mag, das längst vergessen war, als 
die jetzige Aussprache des Textes festgestellt und mit Übersetzung 
desselben begonnen wurde. 

25. Die ersten Worte lassen mehr als den einen Namen 
1«h erwarten; doch s. ähnliche Fälle 46, 23. Num. 26, 8. 1 Chr. 
3, 41. 2, 8. Übrigens vgl. in Bezug auf diesen zu v. 20. — Das 
zweite Hemistich steht mit v. 2. 14 in Folge der dort nachge- 
tragenen Bezeichnung ■fpSupfiä in Widerspruch, da es nicht zwei- 
felhaft sein kann, dafs der hier genannte 2 a nä der Bruder des 
Qi/3sön (v. 20), nicht dessen Sohn (v. 24) sein soll. Bei dem 
Nachtragen der Worte ä-ttg v. 2. 14 mag die hier vorliegende 
Stelle des 'höritischen Geschlechtsregisters benutzt, aber mifs- 
verstanden sein. 

26. Hier war statt )"ö^ ohne Zweifel fitiä*^ zu nennen, vgl. 
v. 21; Dis'än folgt erst v. 28 an geeigneter Stelle. LXX. rich- 
tig: Ayjtuv. Auch 1 Chr. 1, 41 steht das Richtige; statt ^rsn 
wird aber dort 'rpfi geschrieben. 

27. Statt jpjgh wird mit Rücksicht auf Num. 33, 31. 32. 
Deut. 10, 6 j£?£1 zu lesen sein. Auch 1 Chr. 1, 42 steht *,£?;:, 
wo nur die Bindepartikel vor dem Namen wieder herzustel- 
len ist. 

28. 30. Wegen ^ vgl. zu v. 21. 

32. Die Form s&a (hier und 1 Chr. 1, 43) ist unverdächtig, 
wenn auch die Person mit dem iTJ^-'ja £-5&a identisch ist. 

35. Für lin geben die LXX. B«j«S, für rvis r*r£tt/ju (oder 

Ii Cid ' \ 

36. LXX.: —.<x\j.ct})d oder 2j«>v«fjt«, und Muto-mxu (oder M«- 

39. LXX.: 'Agd$ (oder 'A^«3-) •jIgv B«j«£ (oder Bcxoc<&); vgl. 
v. 35. — Statt des zweiten ra geben die LXX. "ja; vgl. zu v. 2. 

40 — 43. LXX. weichen in den Consonanten der Eigennamen 
theilweise ab. — Statt irnV? v. 40 war vielleicht ijl^a» zu schrei- 
ben, vgl. v. 23, und statt Mv> etwa prv, vgl. v. 26. LXX. an 
erster Stelle freilich FW.rc, nicht IW.wv, wie v. 23, an zweiter 
aber %&d§ (oder '.teßsg). Statt h ,rS v. 41 findet sich Num. 33, 42 
*ji?iS; Eusebius Onomast, spricht für die Lesart der Gen. Die 
Form s'jro ist nicht anzufechten, auch wenn ipfS 1 Chr. 4, 15 
dieselbe Person bezeichnen sollte. 



398 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Cap. 37, 2. Die ersten Worte passen schlecht zu der nachfolgen- 
den Erzählung und mögen früher an einer andern Stelle gestan- 
den haben. — Übrigens scheint der Text durch Interpolation 
entstellt zu sein. Die Worte -M »IrtVa ^S"»"** ">?3. WWW können 
nicht füglich heifsen: und er war (als dienender) Bursche 
bei den Söhnen Bilhäs u. s. w. Allerdings ist Geh a zi *ö>3 
wH» puer Elisa e 2 Reg. 5, 20, vgl. 2 Reg. 4, 12. 8, 4 und 
Stellen wie 1 Reg. 20, 15. 17. 19. 2 Reg. 19^ 6, schwerlich aber 
sagte man „Bursche bei jemand". Daher wird "ött hier ledig- 
lich den jungen Menschen bedeuten, die folgenden Worte aber 
(bis T»äN ■'UM einschliefslich) werden als eine nachträglich und 
ungeschickt eingefügte Erläuterung zu dem vorhergehenden 
rruNr^N anzusehen sein, welche wegen v. 21 angemessen scheinen 
konnte. Die noch übrig bleibende auffallende Erscheinung, dafs 
der unbestimmtere Ausdruck "KM auf die genaue Altersangabe 
folgt, läfst sich begreifen, wenn man erklärt: „Josef, siebenzehn- 
jährig, war beschäftigt mit seinen Brüdern das Kleinvieh zu 
weiden, und er war ein junger Mensch und brachte" (d. h. und 
da er eben noch ein junger unerfahrener Mensch war, der die 
Folgen seiner Handlung nicht übersah, so brachte er) „ihren 
Ruf als einen schlechten zu ihrem Vater". Dafs nsn nicht Ad- 
jectiv zu ön^i sein kann, versteht sich von selbst, da ihm der 
Artikel fehlt. 

4. jna'n kann wohl nicht heifsen: mit ihm zu reden, son- 
dern nur: sein Reden. Darnach hat man erklärt: „sie hielten 
sein Gerede nicht aus in Gutem"; was gebilligt werden mufs, 
insofern der Text als unversehrt gelten darf. 

12. Die Praeposition vor ■jk's sollte durch Übersetzen der 
Puncte getilgt werden, was jedoch von der Tradition nicht ge- 
billigt ist. 

17. Vielleicht war statt ^rns in Übereinstimmung mit dem 
Vorhergehenden y^tviA beabsichtigt; doch findet sich die Form 
)rfr\ auch 2 Reg. 6, 13 und ist an sich nicht anstöfsig. 

23. Die letzten Worte vielleicht nur nachgetragene Erläute- 
rung zu ifrata-r'N. 

28. Die hier auftretenden Midianiter sind von den (bereits 
erwähnten) Ismaelitern nicht verschieden, obgleich jenes Volk 
25, 2 nicht zu den Ismaelitern gerechnet wurde. Hier soll dem 
weiteren Begriffe der Ismaeliter der engere midianitischer 



vom 13, Juni 1870. 399 

Ismaeliter substituirt werden, welcher, als bisher nicht erwähnt, 
unbestimmt bleiben mufste, sodafs der Artikel nicht gebraucht 
werden durfte: „die gedachten Ismaeliter waren aber", wie sich 
bald zeigte, „midianitische Kaufleute". 

36. Statt u^DTarn ist wohl nach v. 28 CS^raiTi herzustellen. — 
Der Name is^üiö, hier und 39, 1, scheint nur eine verstümmelte 
Form des Namens »"ito ^tt'iS 41, 45. 46, 20 zu sein. Die LXX. 
haben für beide Namen dieselbe Form ILsrscpgYJs, mit der Variante 
Usi'Tscp^g ; s. de Lagarde, Vorrede zur Genesis, p. 20, welcher 
»nfeiBöö für die ursprüngliche Lesart hält. Doch möchte die 
Umgestaltung der ersten Sylbe bei den Hebräern schon vor Ab- 
fassung dieses Theils der Gen. eingetreten sein. 
Cap. 38, 14. G h 3 h i>, hier ohne Artikel, v. 21 mit demselben, was 
aber gerade bei dem Eigennamen keinen Anstofs giebt. Übri- 
gens ist WnS hier so wenig, wie anderswo, s. v. a. nsiü; man 
würde es etwa durch „Eingang" zu übersetzen haben. 

16. ^r vor T^il! wird mit de Lagarde, Anmerkungen zur 
griech. Übersetzung der Proverbien S. III, zu tilgen sein. 

21. Wahrscheinlich ist zu lesen: Nliirt fittji|?ii; vgl. zu 30, 16. 

28. 1 "P" l ]fi/! ohne nähere Bezeichnung des Subjects, die wohl 
möglich war, aber entbehrlich schien. 

29. 30. Für *nj??l hätte man beide Male vielmehr N'njaM er- 
warten dürfen, wie 4, 25 ü. ö. Indessen wird das Verbum frnp 
im Activ so häufig als Aequivalent einer Passivform gebraucht, 
dafs an eine Entstellung des Textes nicht gedacht werden darf. 

Cap. 39, 4. Vielleicht sollte auch hier, wie v. 5. 8, stehen: Vbl 

8. Statt irpaa-fta war nach v. 6 eher a Jim*imo zu erwarten. 

14. N^aji ohne nähere Bezeichnung des Subjects, die unnö- 
thig schien. 

20. Das K'Si/3 vnöK beruht wohl nur auf zufälliger Ent- 
stellung des Textes. V. 22 ist DPTUDKh die allein beglaubigte 
Lesart, obgleich manche Ausgaben dieselbe auch dort nur als 
Q'ri anmerken. 
Cap. 40, 10. snttS ist bedenklich, da va = fiasa sonst nicht vor- 
kommt und gewifs als Masc. anzusehen wäre. Man hat n^2 zu 
lesen und nach Analogie von Jes. 5, 6. 34, 13. Prov. 24, 31 
zu erklären: „und er" (der Weinstock) „war wie sprossend; 
er ging auf als Blüte" (d.h. in Blüten): „die Traubenkämme 



400 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

brachten" (schliefslich) „Trauben zur Reife". Alles dieses hatte 
sich nach und nach in dem Traume so gezeigt. 

14. Der Anschlufs an das Vorhergehende durch -s ist unge- 
wöhnlicher Art, wird sich aber rechtfertigen lassen; en ist wie 
gewöhnlich Bedingungspartikel: „aber wenn du dich meiner er- 
innert haben wirst, sobald es dir gut geht, dann bitte übe Gnade 
an mir u. s. w." 

15. n'isa mit dem Artikel, insofern das ganze, bereits er- 
wähnte Gefängnifs als ein unterirdisches gedacht werden mochte. 

20. Dafs hier von beiden Beamten gleichmäfsig erzählt wird, 
ihr Haupt sei erhoben worden, ist anstöfsig, da der Zusatz 
rfhs'Q v. 19 von so wesentlicher Bedeutung ist. Doch scheint 
der Text nicht gerade beschädigt zu sein. 
Cap. 41, 3. 4. Zu trip'l'l findet sich die Variante hijPVij wie auch 
der Samarit. hat. Mit Rücksicht auf v. 19. 20 kann diese Lesart 
den Vorzug zu verdienen scheinen; doch ist eine völlige Über- 
einstimmung in den verschiedenen Stellen nicht eben erforderlich. 

8. Statt haprt war nach dem Vorhergehenden und Avegen des 
folgenden üniN der Plural zu erwarten; die Inconsequenz mag 
aber der Redaction zur Last fallen. 

13. Vielleicht ist nbl£ hinter ä^fi ausgefallen; zur Noth kann 
es jedoch entbehrt werden. 

23. nh)?^ stimmt nicht genau zu v. 27, wo r.ip^rt gelesen wird; 
vgl. zu v. 3. 4. — cirnriN in Bezug auf das Feminin ist nur 
deshalb anstöfsig, weil in diesem ganzen Abschnitte sonst be- 
ständig das Suffix b ,ri gebraucht wird. 

26. Vor FhS sollte der Artikel stehn, der wohl nicht ab- 
sichtlich weggelassen ist. 

27. Statt i£"} 1 *:i!3 war wiederum inan E*r:J zu erwarten; es 
wird aber eine Inconsequenz der Redaction sein. 

32. Die mit «M rvDtfän htt beginnende Rede bleibt unvollen- 
det oder wird durch das eintretende ^3 unterbrochen; der Text 
ist aber unversehrt. 

34. Vor »liü5p_ wird etwa r;b herzustellen sein. 

42. Die goldne Kette, richtig; es war diejenige, welche er 
selber trug und die zu den Insignien der Herrschaft gehörte. 

43. ^ä» ist dunkel und der Text vielleicht beschädigt; na- 
mentlich schliefst sich das zweite Hemistich unbequem an. Viel- 
leicht steckt in dem dunkeln Worte der Inf. abs. ?ps, als unter- 



vom 13. Juni 1870. 401 

geordneter Theil eines Satzes, der vor dem Josef ausgerufen 
wurde, Avie etwa: 'iM ^iz tf&t**FH B^'V» T^s. 

45. Dafs die LXX., indem sie msö MafcSjS durch "¥oti&öpcfMVY'% 
ersetzen, eine andere Lesart vor Augen hatten, ist nicht ge- 
wifs. — Wegen des Namens S^£ *b.tö vgl. zu 37, 36. — Das 
zweite Hemistich lassen die LXX. weg, wie es denn wegen 
v. 46 überflüssig ist. Es ist nicht unmöglich, dafs ursprünglich 
CjÖ'p-t'W as*j*i geschrieben war, wozu die Praeposition V^ besser 
pafst, als zu tjöhi liäfli, was durch ein Versehen aus v. 46 her- 
übergenommen wurde. 

48. Für D h 2^ ÄrtÖ wird wie v. 53 zu lesen sein: ^SüS Sfettj 
Sitottj nur dann hat das folgende iäi ^Jn Stöfc* einen Sinn. — 
Das zweite Hemistich mag ursprünglich blofs erläuternde Rand- 
bemerkung gewesen sein. 

50. Warum *&} gesprochen wird und nicht ^V» ist unklar. — 
Ääfiirt msttS im Sing, fällt auf, ohne dafs Grund vorhanden wäre, 
die Richtigkeit des Textes zu bezweifeln. — Das zweite Hemi- 
stich vielleicht späterer Zusatz. 

53. Für J-pri stünde besser rrj, wie v. 48; vielleicht liegt nur 
ein Versehen zum Grunde. 

54. Obgleich die letzten Worte in Widerspruch mit v. 55 zu 
stehn scheinen, wird doch an dem Texte nichts zu ändern sein; 
der Ausdruck ist nur etwas ungeschickt. V. 54 bezieht sich tirb 
auf das v. 49 erwähnte angesammelte Getraide ("te), v. 55 auf 
das den Landesbewohnern wegen Mifswachs fehlende eigne Brod- 
korn. Die Handschriften der LXX. suchen zum Theil dem an- 
scheinenden Widerspruche durch Einfügung einer Negation ab- 
zuhelfen: lv bz KctTy yy Atyvirrov ovk YjTciv ccorot; dadurch wird 
aber wieder nur scheinbar geholfen. 

56. Der Text gewährt mancherlei Anstofs. Die Worte 
Efrja ^äärV3"r« können unmöglich richtig sein; es fehlt eine 
ausdrückliche Bezeichnung der Vorrathshäuser und am Schlüsse 
etwa ^s, wie der Samarit. richtig ergänzt. LXX.: avsta^e §g 
'Iwt^c/j 7ravTccg roCg cri-oßoX^vug. Ferner steht ^äir?" in einer 
ganz ungewöhnlichen Bedeutung; vermuthlich war ^sS^\ beab- 
sichtigt, vgl. 42, 6. Der letzte Satz ist hier störend und fehlt 
bei den LXX.; er hätte den Vers beginnen können und dafür 
das erste Hemistich hier am Ende stehn; dann wäre der Über- 
gang zu v. 57 ein natürlicher gewesen. 



402 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

57. ciö'v-Vn, abhängig von wa, steht nicht an recht geeigne- 
tem Platze und ist wohl erst nachträglich eingeschoben. 
Cap. 42, 13. Die Gestalt des Textes ist sehr unbefriedigend. Der 
Gedanke, der allein beabsichtigt sein kann, war auszudrücken 
entweder durch die Worte: TnwrttS*« •»» b H HN *f*$a3| 1% ^}P.-> 
oder durch dieselben Worte mit ^nSN an Stelle von Tp*taS|. 
Ohne Zweifel ist Wi3« aus v. 32, wo es ganz am Orte ist, hier 
einst am Rande angemerkt und später in den Text gerathen. 

19. inx hätte wohl hier nicht weniger mit dem Artikel ver- 
sehen werden sollen, als v. 33. — Der Ausdruck a "pSSn *Tätt5 
„ Getraide (zur Stillung) des Hungers u fällt auf; einigermafsen 
ähnlich ist der Ausdruck rp-\i -ffi» Jes. 30, 23, „Regen (zum 
Gedeihen) deiner Saat". V. 33 steht sogar blofs a fiäSp. 

25. täi a^TÖrtVl m Abhängigkeit von i:m ist wegen des da- 
zwischen getretenen Satzes sehr unbequem und incorrect; die 
Schuld davon fällt auf die Redaction. — ttäüNi hat hier den Werth 
eines Genitivs, abhängig von fc)p&, welches auszudrücken durch 
das unmittelbar vorhergehende brT%&ä unnöthig wurde. 

28. mN-V» \r s N -i^r^.l i st unbedenklich; gemeint ist fc^ak 

TAI tlTN. 

30. Vielleicht war beabsichtigt: -la^a-V» Wrtt *",£?!; vgl. v. 17. 

33. Vor a "föSh mag -ibtö ausgefallen sein; vgl. v. 19. 

34. Statt bl?i» b^S ^3 wäre eher k ö^EröN zu erwarten ge- 
wesen, wie v. 19; in dieser Fassung würden die Worte dann 
dem zweiten Hemistich angehören. In dem Texte, wie er vor- 
liegt, sind entweder diese Worte oder die zunächst vorhergehen- 
den, ebenfalls durch ^ eingeleiteten, überflüssig. 

35. tt^K steht hier absolute voran und ist entweder als 
Accusativ nach arabischer Weise abhängig von T&n (Silvestre de 
Sacy, gramm. Ar., 2 e edit. II. p. 105), oder — was im Hebr. 
zulässig erscheint — ein von Kiri unabhängiger Nominativ. 

Cap. 43, 11. "p^n l"h»?j bei aer gewöhnlichen Erklärung ein 
kühner Ausdruck, aber doch wohl statthaft. LXX.: äiro twv 
HaoVüSv rr,g yvjg; ob nach andrer Lesart ist zweifelhaft. 

12. H5Sa S)öä hier und tjösrnatt?» v. 15 sind gleich statthaft; 
in keinem von beiden Fällen hängt das zweite Wort von dem 
ersten im Genitiv ab. 

14. ^m ohne Artikel, incorrect. LXX. drücken ^tf» (oder 
"jUnsSi) aus. 



vom 13. Juni 1870. 403 

28. Das K'Si/3 iWnttSM beruht nur auf einem Versehen. 

34. Statt »tö?1 war vielleicht der Plural beabsichtigt. LXX.: 

YlgCtV. 

Cap. 45, 1. Die Worte yfo a^aart hbh schliefsen sich an das 
Vorhergehende zwar nicht mit völlig klarem Sinne an, doch 
scheint der Text unbeschädigt zu sein. 

7. Statt Tltghth wird Htt^B zu lesen sein. LXX. richtig: 

8. Vtt3a*i, nachlässig statt des concinneren VttSaVi. 

19. Der Übergang von JUn-^S ftfriKl zu dem Folgenden ist 
sehr schroff; doch deutet Nichts auf eine Beschädigung des Textes. 
Die LXX., den Übergang erleichternd: crv hl evrsikat rccvrct. 

Cap. 46, 3. Der Infinitiv J-jT-i nur hier; vielleicht ist das gewöhn- 
liche rill herzustellen. 

9 — 24. Auch in diesem Geschlechtsregister weichen die 
LXX. hinsichtlich der Eigennamen mehrfach erheblich ab. 

10. Statt ^Kiiä; geben die Parallelstellen Num.26, 12. 1 Chr. 
4, 24 Vam Ebenda fehlt Itts* ganz. Statt )^ hat 1 Chr. 4, 24 
ii^p. Statt -irpf (hier und Ex. 6, 15) wird Num. 26, 13 rnt ge- 
nannt. Die Divergenz zeigt sich auch bei den LXX. h^5>3SH 
(hier und Ex. 6, 15) mit dem Artikel, indem hinreichende Be- 
kanntschaft mit den Verhältnissen vorausgesetzt wird. 

13. Die Bildung des Namens WS (hier und Num. 26, 23) 
fällt auf, zumal da das Patronymicum ^5 (Num. a.a.O.) lautet, 
zu welchem aber auch die Schreibart fiN^ö 1 Chr. 7, 1 (vgl. 
Jud. 10, 1) nicht pafst; vgl. zu Num. 26, 23. — Für i'-p ist 
ohne Zweifel nach Num. 26, 24. 1 Chr. 7, 1 (im Q'ri) mit Sam. 
LXX. Süitt^ herzustellen. 

15. Die ungeschickte Anfügung der Worte S ftptri riN 1 } und 
die Einschaltung von »httitol fallen der Redaction zur Last. 

16. Statt fi^ä giebt Num. 26, 15 -jteä (LXX.: Xcupuii), statt 
!)&$$ (LXX.: ®«Toßuv) Num.26, 16 ijt«, statt ^'ns Num.26, 17 

17. ftyzi* und ^^ hier und 1 Chr. 7, 30 neben einander, 
während Num. 26, 44 ^ittj? genannt ist. Die Zählung v. 18 setzt 
beide Namen voraus. 

20. Die Worte 'iäi iV-ft'lVi "V&fe bis zum Schlüsse des ersten 
Hemistichs sind unangemessener Weise nachträglich in den ur- 
sprünglichen Text eingefügt. 



404 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

21. *fi» fehlt in der Parallelstelle 1 Chr. 8 und erhält Nuni. 
26, 35 einen Platz unter den Ephraimiten. Umgekehrt fehlt 
JOS Nuni. 26 und erhält 1 Chr. 8, 3. 5 einen andern Platz. Der 
Name ttsitt wird sowohl Num. 26, 40 als 1 Chr. 8, 4 auf andre 
Weise in die Geschlechtstafel eingefügt. Alle diese Verschieden- 
heiten mögen auf abweichender Tradition beruhen. Dagegen 
wird hier CNll TIN (und 1 Chr. 8, 1 hhtltt) aus ursprünglichem 
B^lrra entstanden sein; vgl. Num. 26, 38. Doch setzt schon die 
Zusammenzählung v. 22 zwei Namen voraus. — Auch G H äa 
(LXX.: MtejtMßsfp oder M«/j«/>//.a) ist ohne Zweifel entstellt; 1 Chr. 
7, 12 findet sich statt dessen E&vS (LXX. 2$a<ßcfju oder luntpiv), 
Num. 26, 39 ££i|£ti3 (LXX. Xwfpdv), aber mit dem Patronymicum 
^»STCJ (LXX. 2w«/j«w), und 1 Chr. 8, 5 "jSiiSttj (LXX. %üü(pciv), als 
Enkel Binjamin's. Die richtige Form war vielleicht ESfifcJ. — In 
ähnlicher Weise anstöfsig ist der folgende Name ö^h, 1 Chr. 
7, 12 rtr» geschrieben; dagegen giebt Num. 26, 39 wahrschein- 
lich richtig BB!fl% woraus tlTi 1 Chr. 8, 5 (als Enkel Binjamin's) 
entstellt sein wird. — Mit ^>x, der Num. 26, 40 als Enkel Bin- 
jamin's auftritt, darf vielleicht TW 1 Chr. 8, 3 (ebenfalls Enkel 
B's) znsammengestellt werden. 

22. Für ^V wäre Tfify 1 mehr am Orte gewesen, wie in dem 
eingefügten Satze v. 20. 

23. )*\ ^Din im Plural, obgleich nur ein Name folgt, wird 
doch der Redaction angehören. Der Name ü*wn (1 Chr. 7, 12 
ettJrt, mit der Variante u& : i"i) erregt Bedenken. Num. 26, 42 
giebt dafür drfflöj welche Form den zu v. 21 angeführten Namen 
tÜDiiTÜ und eteiifl gut entspricht. 

24. Statt ^ärr> (hier und Num. 26, 48) liest man 1 Chr. 7, 13 
W^rr; statt B&Ö (hier und Num. 26, 49) ebenda wW. 

26. BjÖ^ scheint unbedenklich, wenn man auch eher ä^S£-£S 
erwartet hätte. — Bei der Zusammenzählung bleiben hier die 
früher eingeschlossenen Personen weg: Jaqob selbst, Jose<p und 
dessen Söhne. Die Wiederholung von s3S5-^3 zu Anfang des 
zweiten Hemistichs ist nicht anstöfsig. 

28. Ein Objectsausdruck zu Vtftfa ist durchaus entbehrlich 
und nicht etwa ausgefallen. 
Cap. 47, 3. Wahrscheinlich sollte }ii2 *3h geschrieben werden und 
das vorhergehende Wort, das mit Wl schliefst, veranlafste einen 
Irrthum. Cap. 46, 34 war tush am Orte. 



vom 13, Juni 1870. 405 

21. Das erste Hemistich ist weder ganz klar, noch dem Zu- 
sammenhange angemessen. Der Samaritanische Text bietet die 
Lesart: a^äsk irt* ^aSFj ögFj"¥*ty womit die LXX. übereinstim- 
men : y.ctt, roi> "kcibv hutsBov?^oü(7-ccto ocvtuj slg tfc£i%cc<?. Josef machte 
ihm (dem Könige) das Volk dienstbar zu Knechten, d. h. sodafs 
sie Knechte, Hörige wurden. Diese Gestalt des Textes wird 
die ursprüngliche sein. 

24. Die Kürze des Ausdrucks Snfctefrs läfst sich kaum recht- 
fertigen und wahrscheinlich ist der Text beschädigt. LXX. 
ohne Praeposition: tea) bttui tu ysi^ara avT^g. — Die Hand- 
schriften der LXX. lassen gröfstentheils die beiden letzten Worte 
weg, vielleicht mit Recht. Sonst fänden dieselben einen sehr 
angemessenen Platz unmittelbar hinter BsVsnV?i, wo sie auch ur- 
sprünglich gestanden haben mögen. 

26. Die Worte ttSah^ fiäp&V schliefsen sich sehr schlecht an 
das Vorhergehende an. LXX.: ct7towsiJ.wtbvv rw Qctgctuo. Schwer- 
lich liegt der Text in seiner ursprünglichen Gestalt vor. 

28. Die Worte v*ft *»att5 sind vielleicht nachträglich einge- 
schoben, und zwar mit Rücksicht auf den Ausdruck v. 8. 9. 
Cap. 48, 1. 2. Die Singulare lafcfrl — "W — und nochmals 'na^l 
scheinen dem sonstigen hebräischen Sprachgebrauche nicht zu 
entsprechen; die Berufung auf den analogen Gebrauch von N^p 
(s. zu 38, 29. 30) genügt nicht ganz zur Rechtfertigung des Tex- 
tes. Vielleicht war auszusprechen: tpfpi ")ök*1 und ^afc^l SjJS^ "fo*!. 

7. Der ganze Vers könnte hier füglich entbehrt werden, die 
Aufnahme desselben ist aber der Redaction zuzuschreiben. — 
Hinter "^öa ist vielleicht Bn« durch Versehen oder in Folge 
einer Beschädigung ausgefallen. — Für tFto& wird ftm£N her- 
zustellen sein; das n scheint auf Anlafs des folgenden Wortes 
ausgefallen zu sein. 

8. Der Übergang zum Gebrauche des Namens ViOb? statt 
ä^S£ beruht auf Verschiedenheit der benutzten Berichte. 

11. Statt jrftjtt war vielleicht rtji (iriKi) beabsichtigt. 

1 2. Für den Sing, tfiSräfrl drücken Sam. LXX. Syr. den Plural 
aus, was nicht gebilligt zu werden verdient. 

14. Die Bedeutung von Vsto ist nicht ganz sicher; LXX.: 
L>a?J.u£ rag y/ioag, unter Weglassung der folgenden Worte, die 
allerdings unter allen Umständen entbehrlich sind und ursprüng- 
lich vielleicht nur eine Randbemerkung waren. 



406 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

16. TjnVsm wäre besser weggeblieben, doch gehört es gewii's 
dem ursprünglichen Texte an. — Der Ausdruck ''»ttj Ejrü Nlpi 
ist kein gewöhnlicher, die Richtigkeit des Textes läfst sich aber 
wohl nicht bezweifeln. 

20. Statt ffi war eher £33 zu erwarten. 
Cap. 49, 3. Für TS erwartete man f$; was die überlieferte Aus- 
sprache veranlafste ist unklar. 

4. Im ersten Hemistich lassen sich die grammatischen Ver- 
hältnisse nicht ganz klar erkennen und ebensowenig der Sinn 
von "irvtiFi genau feststellen. Vielleicht war eine andre Aus- 
sprache beabsichtigt, etwa IMfr^N. Im zweiten Hemistich wird 
durch das letzte Wort ffe$ die Gliederung des Verses wesentlich 
gestört und es ist möglich, dafs dieses Wort einst vor rWj?2 stand 
und fi'lsS zu sprechen war. LXX.: cv uvzß^g. Auch Syr. und 
Andre geben die zweite Person. 

10. Die Varianten in der Schreibung des Ortsnamens fi'VittS 
sind unerheblich, sobald die überlieferte Aussprache festgehalten 
wird. Doch mag die Plenarschreibart erst durch die jetzige 
Aussprache hervorgerufen und srVtt) (oder i>ttj) als die ältere 
Gestalt des Textes anzusehen sein. Da das „ Gelangen nach 
Schilö" für die Geschichte Juda's ganz unerheblich war und 
die Praeposition TS) hier nur den terminus ad quem bezeichnet 
haben kann, so mufs in dem JiVtü die Bezeichnung einer Person 
gefunden werden, welche das Subject des vorhergehenden N3^ 
sein sollte. Gemeint kann nur ein solcher sein, der Juda in 
der Herrschaft ablöste. Hiernach erscheint der Vorschlag de 
Lagarde's (Onomast, sacra II. p. 96) die Schreibart J-fVü bei- 
zubehalten und durch irfV^ttS (is quem Iuda ipse expetit) zu er- 
klären, unannehmbar. Damit könnte doch nur der Messias ge- 
meint sein; dieser aber durfte zur Zeit, wo v. 10 entstand, kaum 
anderswo her erwartet werden, als eben aus Juda, und dann 
war seine künftige Herrschaft doch lediglich die Fortsetzung der 
von Juda mit erhöhtem Ansehen. Dafs Juda's Herrschaft einst 
ein Ende nehmen und auf einen Anderen, Mächtigeren, über- 
gehen werde, ist in dem Segen auch dann nicht befremdlich, 
wenn Letzterer kein Besserer war, als Juda; es mufste eben 
einmal so kommen und es kam so, als Juda von dem ober- 
asiatischen Grofskönige unterworfen wurde. Auf diesen wird 
auch durch das dunkle rfctt) gezielt sein, welches frühzeitig etwa 



vom 13. Juni 1870. 407 

aus ö^Tö (vgl. 42, 6) entstanden sein mag. Der Sinn wäre: 
„bis dafs ein Gewaltiger kommt und ihm" (d. h. diesem) „Na- 
tionen gehorchen". 

13. Die Gliederung des Verses ist gestört; vielleicht genügt 
es die Worte irfa» tftrb NWl auszuscheiden. Übrigens hätte 
wohl Jissäyjir (v. 14. 15) vor Z e bülün erwähnt sein sollen. 

14. Statt M h&n geben die LXX.: rp ieuhov £wä&v'uq&si-, 
Indem sie für *y2ft ohne Zweifel *izfo lasen oder lesen wollten, 
während die Gestaltung des folgenden Wortes bei ihnen nicht 
deutlich zu erkennen ist. Die Richtigkeit des hebr. Textes kann 
allerdings zweifelhaft erscheinen. Geiger (Urschrift und Über- 
setzungen, S. 360) liest, auf den Sam. Text sich stützend, *iart 
c^ia, was durch den Inhalt von v. 15 empfohlen wird. 

17. Statt w liefs sich zwar eher tv;r^ erwarten, doch wird 
auch jenes zulässig sein. 

18. Dieser Stofsseufzer an dieser Stelle fällt mit Recht auf 
und darf für ein späteres Einschiebsel gehalten werden. 

19. Hier war zunächst die Erwähnung Nac/;täli's zu erwar- 
ten, als des jüngeren Sohnes der Bilhä. — Statt ta'jp* wird mit 
Heranziehung des störenden 12 zu Anfang des folgenden Verses 
BäjPSJ zu lesen sein, wie längst vorgeschlagen ist. 

20. Wegen *!&& s. zu v. 19. 

21. Statt fib\H möchte die Punctation fiVäj vorzuziehen sein. 
LXX.: TTiXs%og; vgl. Hieronym. quaestiones Hebr. p. 70 de 
Lagarde. Dann ist aber auch hfcttHjäg zu schreiben: „er, der 
schöne Wipfel treibt". LXX.: imbibove h rw yauur^an y.akhoQ, 
was die Gestalt des Textes, die dabei zum Grunde liegt, nicht 
klar erkennen läfst. 

22. Das zweite Hemistich mufs als beschädigt angesehen 
werden; der Sinn ist ziemlich unklar. LXX.: vlog uov vsu-urog 
7rgog us «i/«'y-££\J/oi'. Sie wollten etwa lesen: fxsttü *hsi TS'Sii S 3S' 
was freilich nicht sonderlich befriedigt. 

23. Die Schroffheit des Überganges kann mit der Zerstörung 
des vorhergehenden Hemistichs zusammenhängen; vielleicht ist 

aber noch eine Lücke zwischen beiden Versen anzunehmen. 

Statt tä-p,, was vermuthlich bedeuten soll „indem sie schös- 
sen", drücken mehrere alte Übersetzungen sö^i aus, von ±1-% 
LXX.: footSogovv. Sam.: ifii^i, wodurch zugleich die ihm 
vielleicht — wenn auch ohne Grund — anstöfsige Perfectform 
[1870] 29 



408 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

beseitigt wurde. Weder der Sinn, noch die ursprüngliche Ge- 
stalt des Textes lassen sich mit Sicherheit feststellen. 

24. Die Worte "itvwpR -irrn, von dem Bogen gebraucht, be- 
friedigen nicht und die Verbindung y"t ^'"11 ist sehr anstöfsig. 
Vielleicht war ursprünglich f*y*\ vs'-it geschrieben. Die LXX. 
beziehen die Pronominalsuffixe auf die Feinde und ändern Ä$M 
in "i-liM ab: nett v\)vsT(3tßi\ \xstu y.zü-o-jQ tu t&^cc ctyr&ju nett ehe- 
^v$Y) rcl usvaa ßcayjovui' yjio£v ctVTtoi', woran sich dann im 
zweiten Hemistich unmittelbar die Worte anschliefsen : h\u %s7§u 
B'Jvcctto'j 'Iqawß. Bei der Unklarheit der überlieferten Gestalt 
des Textes lag es allerdings nahe an Stellen zu denken, wie 
Ps. 37, 15. 46, 10; aber die Art, wie die LXX. den Text um- 
zugestalten versuchten, ist ebenfalls unklar und befriedigt durch- 
aus nicht. Übrigens liegt es auch nicht fern, bei dem ersten 
Hemistich an eine ursprüngliche Fassung zu denken, die etwa 
den Sinn hatte von ippöfe öp^ awätrwfe, vgl. 2 Sam. 1, 22. — 
Das zweite Hemistich ist in seiner jetzigen Gestalt unverständ- 
lich und ohne Zweifel entstellt. Die ersten Worte äj?S>ji T£N **vn 
könnten, mit dem Vorhergehenden verbunden, nur comparativisch 
gefafst werden, was keinen zulässigen Sinn giebt. Das Richtige 
wird sein mit de Lagarde (Onomast, sacra IL p. 96) ^y» in 
"rtnsn zu verwandeln und am Schlüsse zu lesen: ^ä SrftS* latoa 
PJOfcT, so dafs zwei Parallelglieder von befriedigendem Sinne vor- 
liegen. Die Praeposition "pa mufs dann von einem ausgefalle- 
nen Verbum abhängen, etwa von löft-^N ne recedas, dessen 
Ergänzung dann auch in v. 25 fortgesetzt wird und dort den 
Anschlufs von ^7^1 und ^iri verständlich macht. 

25. Vgl. zu v. 24. — Statt fni ist inaa oder ravan oder auch 
mit einigen Handschriften und Versionen V«1, oder dafür Vn» 
oder V*$Q-I, herzustellen. LXX. blofs: y.«i eß'o-ir&Yjfs a-ci o Bsog 
o luog. x-cti svXoyrcrs ts xtX. — Das zweite Hemistich ist eine 
prosaische und dem Text ursprünglich nicht angehörende Er- 
läuterung und zwar weniger des vorhergehenden, als des fol- 
genden Verses. 

26. Für is ^ifi wird ^ iyin zu lesen sein, den öVf fc&ia 
entsprechend. — Der Ausdruck rm.fr ist in befremdlicher Weise 
gebraucht; höchst wahrscheinlich ist dafür tilNiSi (oder rviNätr^s) 
herzustellen, 



vom 13. Juni 1870. 409 

30. Das zweite Hemistich schliefst sich nicht gut an und 
scheint ein ebenso unpassendes als unnöthiges Einschiebsel zu 
sein. Dasselbe wird 50, 13 fast wörtlich wiederholt, schliefst 
sich aber auch dort nicht besser an. Übrigens kann "-flö« in 
dieser Verbindung keinen andren Sinn haben, als den von htt5« 
u£), wie Num. 20, 13. 

32. Der Vers steht aufserhalb aller grammatischen Verbin- 
dung und gehörte gewifs nicht in den Text. 
Cap. 50, 13. Vgl. zu 49, 30. 

23. tj?J¥^? unbedenklich, obgleich der Ausdruck ffitt&tö Enkel 
mit Rücksicht auf Josec/> gewählt ist; dieser sah efraimitische 
Urenkel und auch manassitische, Söhne seines Enkels Machir. 

26. Hier war eher die Passivform bis^j zu erwarten; vgl. 
zu 24, 33. 



16. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Kummer las über die einfachste Darstellung der 
aus Einheitswurzeln gebildeten complexen Zahlen, wel 
che durch Multiplikation mit Einheiten bewirkt werden 
kann. 

Unter den complexen Primfaktoren, welche Hr. Reuschle 
ausgerechnet und der Akademie übergeben hat, befindet sich ein 
idealer Primfaktor, dessen neunte Potenz wirklich ist und zwar 
ist dies ein idealer Primfaktor der Zahl 2, für die aus 31ten Ein- 
heitswurzeln gebildeten complexen Zahlen. Die neunte Potenz die- 
ses idealen Primfaktors der Zahl 2 stellt sich, Weil 2 5 = 1 mod. 31 
ist, als wirklich complexe Zahl dar, welche nur die fünfgliedrigen 
Perioden der 31ten Wurzeln der Einheit enthält. Bezeichnet man 
die 31te Wurzel der Einheit mit a und nimmt die sechs fünfglie- 
drigen Perioden : 

29* 



410 





Gesammtsitzung 


y, — 


a 4- rt 16 4- « s 4- « 4 4- « 2 


r i = 


„3 + «17 4. «24 + «12 _|_ «6 


"2 — 


«9 _|_ «20 _+_ „10 + «5 + „18 


"<3 = 


«27 _!_ „29 _j_ «30 _|_ „15 + «23 


r 4 = 


„19 4_ «25 _|_ «28 + «14 _!_ «7 


*?s = 


«26 _|_ «13 + «22 4_ «11 + «21 



so läfst sich die von Hrn. Reuschle gefundene neunte Potenz des 
idealen Primfaktors der 2 in der einfachsten Form darstellen als: 

/(r)9 = 3 4-r 2 4-r 3 4-r 5 , (1.) 

welche complexe Zahl wirklich die Bedingung erfüllt, dafs ihre 
Norm gleich 2 9 = 512 ist und dafs sie nur einen der sechs con- 
jugirten idealen Primfaktoren neunmal enthält. Ich bemerke noch, 
dafs dieselbe neunte Potenz der idealen Zahl in gebrochener Form 
sich auch so darstellen läfst: 

/(,)• = V— ÜiL . (2.) 

Da dieser eine gefundene ideale Primfaktor zur Auffindung 
aller derjenigen aus 31ten Einheitswurzeln gebildeten idealen Prim- 
faktoren, deren neunte Potenzen wirklich werden, den Weg eröff- 
net, so habe ich versucht mit Hülfe desselben auch einen von den- 
jenigen idealen Primfaktoren auszurechnen, welche nicht aus Perio- 
den, sondern aus den 31ten Einheits wurzeln selbst gebildet sind, 
welche also 30 conjugirte ideale Primfaktoren haben. Nach den 
aus dem Canon arithmeticus zu entnehmenden 30 Congruenzwur- 
zeln, welche für p = 311 den Einheitswurzeln entsprechen, findet 
man sogleich, dafs die complexe Zahl 

1 + ft 6 — « 16 

einen idealen Primfaktor der Zahl 311 enthält. Bildet man nun 
die Norm, so findet man 

N(l 4- «6 — «16) = 2 5 . 311 , (3.) 

woraus folgt, dafs diese complexe Zahl aufser dem einen idealen 
Primfaktor von 311 nur noch einen idealen Primfaktor von 2 



vom 16. Juni 1870. 411 

enthält, und zwar, wie die für diesen vorhandenen Congruenzbe- 
dingungen zeigen, denselben, dessen neunte Potenz oben dargestellt 
ist. Bezeichnet man nun den idealen Primfaktor von 311 mit </>(«), 
so hat man 

(/) («y = — — . (4.) 

Hiermit ist die neunte Potenz des gesuchten idealen Primfak- 
tors als wirkliche complexe Zahl dargestellt, aber noch in gebro- 
chener Form; um dieselbe als ganze complexe Zahl darzustellen, 
mufs man Zähler und Nenner mit der complexen Zahl ^(ji) mul- 
tipliciren, welche das Produkt der fünf zu 3 -f- y S2 -+- y^ -\- Y lh con- 
jugirten complexen Zahlen ist und daher die Eigenschaft hat, dafs 

^W(3 + >: 2 H-v;3 + v; 5 )= 2 9 

ist und ausgerechnet folgenden Werth ergiebt: 

v|/(>,) = 101 -f- blr, _31v7 1 — 6v7 2 — 58^3 + 35*7 4 • (5.) 

Hiernach erhält man 

Ha y = (1 + ««-«")'* fr) , (6) 

2 

Nach Ausführung der Potenzerhebung und Multiplikation im Zäh- 
ler hebt sich der Nenner 2 9 von selbst hinweg und man erhält 
folgendes Resultat: 

</>(a) 9 = — 254 -f- 26« + 792a 2 -f- 135a 3 — 414a 4 — 354a 5 

— 695 a 6 4- 44a 7 + 629 a 8 -f- 10 a 9 — 108 a 10 — 458 a 11 

— 831a 12 -+- 197a 13 -f- 480a 14 -f- 185a 15 -+- 285a 16 (7.) 

— 515a 17 — 634a 18 -f- 316a 19 + 330a 20 + 541 « 21 
-+- 502 a 22 — 521a 23 — 383 a 24 + 172 a 25 + 150a 26 
-+- 801a 27 + 403 a 28 — 517 a 29 — 295 a 30 . 

Die Prüfung der Richtigkeit der numerischen Rechnung er- 
giebt sich zum Theil schon daraus, dafs der Nenner 2 9 sich wirk- 
lich hinweghebt, ich habe aber aufserdem auch in allen einzelnen 
Stadien dieser und auch der folgenden Rechnung die Congruenzen 



412 Gesammtsitzung 

für den Modul 31 angewendet, welche alle Gleichungen erfüllen 
müssen, wenn et = l gesetzt wird. Endlich habe ich das gefun- 
dene Resultat auch dadurch geprüft, dafs (p («) 9 = 0, mod. 311 sein 
mufs, wenn für die Einheitswurzeln die entsprechenden Congruenz- 
wurzeln gesetzt werden. Die wirkliche Berechnung der Norm des 
gefundenen Ausdrucks von r/>(/0 9 würde eine unverhältnifsmäfsig 
grofse Arbeit erfordern. 

Da eine jede complexe Zahl, insofern sie nur durch die in 
ihr enthaltenen (idealen) Primfaktoren bestimmt ist, mit Einheiten 
ganz beliebig behaftet sein, und so in unendlich vielen verschiede- 
nen Gestalten dargestellt werden kann, unter denen diejenigen, 
welche möglichst kleine Zahlen als Coefficienten enthalten, offenbar 
den Vorzug verdienen, so habe ich durch Multiplication mit pas- 
send gewählten Einheiten die gefundene complexe Zahl zu verein- 
fachen gesucht und bin so bis zu folgender einfacheren Darstel- 
lung gelangt: 



</>(r<) 9 = — 5 — 2a H- 5« 2 -f- 8a 3 -f- 7 c£ — 4« 5 -+- 4a 6 -+- a 7 
-f- 5 « 9 -r- 5 et 10 — 6 et 11 — 2 r* 12 -f- « 13 — 2 a u — a lb 
_|_ 4ßl6_ f< l8_ 2 «l 9 -t-2n: 20 — 4« 21 — 10« 22 +2a 23 
_ 2 a 24 — 5« 25 + 3« 26 -h7« 27 — 2« 28 — 2ot 29 — 2« 30 . 



(8.) 



Da auf dem bis dahin von mir eingeschlagenen Wege der 
nach einem bestimmten Principe angestellten Versuche eine weitere 
Vereinfachung sich nicht erreichen liefs, und da ich dessenunge- 
achtet die Überzeugung hatte , dafs dies noch nicht die einfachste 
Form dieser complexen Zahl sei, so suchte ich eine Methode, durch 
welche man in den Stand gesetzt würde in directer Weise die ein- 
fachste Form einer jeden gegebenen complexen Zahl zu finden. 
Diese Methode will ich hier auseinandersetzen. 

Wenn wir in dem Vorhergehenden diejenige complexe Zahl 
als die einfachere angesehen haben, deren Coefficienten kleinere 
Zahlen sind, so ist diese Bestimmung insofern ungenau, als von 
zwei gegebenen Complexen von je n Zahlen sich nicht immer mit 
Bestimmtheit angeben läfst, welcher von ihnen die gröfseren oder 
die kleineren Zahlen enthält; es ist darum zunächst genau zu de- 
finiren, welche Form der complexen Zahl als die einfachere oder 
einfachste anzusehen ist. Diese Bestimmung ist an die wesent- 
licheren Eigenschaften der complexen Zahl anzuknüpfen. 



vom 16. Juni 1870. 413 

Es sei 7. eine Primzahl, re x =1, und /(«) eine aus Aten Wur- 
zeln der Einheit gebildete complexe Zahl, so ist das Produkt 
/(rc)/(« _1 ), sowie auch alle seine conjugirten, stets real und po- 
sitiv. Setzt man nun der Kürze halber = \x und bezeichnet 

2 

mit 7 eine primitive Wurzel der Primzahl A, so ist die Summe 
dieser \x conjugirten complexen Zahlen 

M = /(«)/(«-•) +fW)f{a-y) + ... +/(«>"'-')/(«- 7 "~ , ) (9-) 

als symmetrische Funktion aller Wurzeln «, rc 2 , ... cc x ~ 1 eine nicht- 
complexe ganze Zahl. Diese Summe M nimmt andere und andere 
Werthe an, wenn/(«) mit anderen und anderen Einheiten multiplicirt 
wird, das Produkt dieser \x conjugirten complexen Zahlen, welches 
gleich der Norm iV/(«) ist, ist aber von den Einheiten, mit welchen 
/(«) multiplicirt werden kann, ganz unabhängig. Da das Produkt die- 
ser ix stets positiven Gröfsen unverändert bleibt, so wird nach 
einem bekannnten Satze ihre Summe M den kleinsten Werth er- 
halten, wenn die einzelnen Theile derselben möglichst nahe einan- 
der gleich werden und umgekehrt, wenn M den möglichst klein- 
sten Werth erhält, werden die conjugirten complexen Zahlen, aus 
welchen diese Summe zusammengesetzt ist, möglichst nahe einan- 
der gleich werden. Da die möglichst nahe Gleichheit der Werthe 
dieser conjugirten complexen Zahlen, die wesentlichste Bedingung 
der Einfachheit der complexen Zahl /(«) ausmacht, so definire ich: 
Unter allen complexen Zahlen /(«)? welche nur durch hin- 
zugefügte Einheiten sich unterscheiden, soll diejenige als 
die einfachste betrachtet werden, für welche die Summe 
M der mit /(«)/(« -1 ) conjugirten \x complexen Zahlen 
den kleinsten Werth erhält. 
Nimmt man 

/(«) — a -{- a l ct -\- a 2 cr -h ••• -h a x _ x « x_1 , 
so erhält man für die Summe M folgenden Ausdruck 
2M"== A(a 2 -hal-ha 2 2 -i nLi) 2 - (a+ßi +a 2 -i ha>._i) 2 (10.) 

m. vergl. meine Abhandlung in Lionvilles Journal Bd. XVI p 442, 
welcher auch so dargestellt werden kann: 



414 Gesammtsitzung 

2M = (a — a^Y + (a — a 2 ) 2 -+- (a — a 3 ) 2 H -h (a — flf X -i) a 

4-(a 1 -a 2 ) 2 -l-(« 1 -«3) 2 + --- +K— «x_i) 2 (ll.) 
+ (a 2 — « 3 ) 2 H h(« 2 — a>,_i) 2 

Man hat daher mit der obigen Definition vollkommen übereinstim- 
mend auch die folgende: 

Unter allen complexen Zahlen, welche nur durch hinzuge- 
fügte Einheiten sich unterscheiden, soll diejenige als die 
einfachste betrachtet werden, für welche die Summe der 
Quadrate der Unterschiede je zweier ihrer >. Coefficienten 
den kleinsten Werth hat. 
Die Aufgabe für eine gegebene complexe Zahl /(«) die ein- 
fachste Form zu finden, d. h. eine Einheit J£(«) von der Art zu 
finden, dafs für E(c<)f{a) die Summe der Quadrate der Differen- 
zen je zweier Coefficienten den kleinsten Werth erhalte, wird nun 
durch folgende direkte Methode gelöst: 

Es sei e x , e 2 , e s , ... e jJ ._ l ein System von Fundamentalein- 
heiten, so dafs jede beliebige Einheit sich in der Form 

zb a k e x ^ e x z e x * . .. eVi 

1 2 3 m— 1 

darstellen läfst, so handelt es sich darum die Exponenten #i,# 2 , 
...# M .-i so zu bestimmen, dafs 

die einfachste Form erhalte. Es wird nun, weil die Einheiten un- 
verändert bleiben, wenn et in « _1 verwandelt wird 

und wenn die Logarithmen genommen werden: 






(13.) 



welche Gleichung, da statt der Wurzel u auch u y , (&■"., ... a y 
genommen werden kann, ein System von \j. Gleichungen repräsen- 



vom 16. Juni 1870. 415 

tirt, von denen jedoch nur \x — i unabhängig sind, da die Summe 
aller ^.-Gleichungen identisch = ergiebt. 

Wenn man nun vorläufig darauf verzichtet, dafs die Gröfsen 
# 15 #2, ••• #m-i ganze Zahlen sein sollen, so kann man dieselben 
so bestimmen, dafs die numerischen Werthe der \x conjugirten com- 
plexen Zahlen 

/WA«" 1 ).', /(«*)/(« ~ y ) > • • . /(« y "" 1 )/(«- yMr ' 1 ) (14.) 

nicht nur möglichst nahe, sondern sogar vollständig einander gleich 

werden, dafs also, da ihr Produkt gleich der Norm Nf(a) ist, jede 

i* 

derselben den Werth ]/Nf(u) erhält. Man erhält so zur Be- 
stimmung der \x — \ Gröfsen x 1? x 2 , ... x ß _ x ein System von y.— 1 
unabhängigen linearen Gleichungen, welches durch 

x x l(e\) -f-a? 2 Z(e|) H r- #^ i / (ejL , ) 

1 , tt*0 

= -lNf(«)-l(f («)/(*-*)) 

repräsentirt wird, wo die Einheitswurzel « die /u — 1 verschiede- 
nen Werthe «, ot' y , « y ... « y " annimmt. Da nun die aus die 
sein Systeme von \x — 1 unabhängigen linearen Gleichungen zu be- 
stimmenden, nicht ganzzahligen Werthe der Gröfsen x 1: x 2 , ... x, x _^ x 
die vollständige Gleichheit der \x conjugirten complexen Zahlen (14) 
ergeben, so wird man die nahe Gleichheit derselben und somit 
einen sehr kleinen Werth ihrer Summe M erlangen, wenn man für 
die Exponenten x l9 # 2 , ... x l x_ 1 diejenigen ganzen Zahlen nimmt, 
welche diesen gefundenen nicht ganzzahligen Werthen am nächsten 
liegen, namentlich diejenigen, welche sich nur um weniger als eine 
halbe Einheit von ihnen unterscheiden. Man kann jedoch nicht 
mit Sicherheit darauf rechnen, dafs man durch Multiplikation der 
complexen Zahl /(«) durch die nach dieser Methode bestimmte 
Einheit die absolut einfachste Darstellung derselben erhält, für 
welche M den absolut kleinsten Werth hat, sondern nur darauf, 
dafs man eine Darstellung der complexen Zahl erhält, welche der 
absolut einfachsten sehr nahe liegt. 

Der mehr oder minder günstige Erfolg dieser Methode hängt 
nothwendig auch von der Wahl des Systems der Fundamentalein- 
heiten ab, durch welche die zu findende Einheit ausgedrückt wird. 



416 Oesammtsitzung 

Aus dem Systeme der Gleichungen (13) ersieht man unmittelbar, 
dafs diejenigen Fundamentaleinheiten die vorteilhaftesten sein wer- 
den, für welche kleine Änderungen der Gröfsen #j , a? 3 , .. . .i\,_i 
nur möglichst kleine Änderungen der Werthe von \lNf{c<) 
— /(«)/( rc_1 ) ZIU " Folge haben und dies ist offenbar der Fall, 
wenn die Gröfsen 

Ke\) , l(e\) , ... 7(<-i) 

und ihre conjugirten die möglichst kleinsten Werthe haben, d. h. 
dem Werthe möglichst nahe kommen. Hieraus folgt, dafs die 
Quadrate der zu Grunde zu legenden Fundamentaleinheiten und 
der ihnen conjugirten, welche zum Theil gröfser und zum Theil 
kleiner als Eins sind, alle dem Werthe Eins möglichst nahe liegen 
müssen, dafs also für eine jede dieser Fundamentaleinheiten die 
oben mit M bezeichnete Zahl den möglichst kleinsten Werth er- 
halten mufs, dafs also diejenigen Fundamentaleinheiten zu wählen 
sind, welche in dem oben definirten Sinne selbst als die einfachsten 
anzusehen sind. 

Da man in der Theorie der hier behandelten complexen Zah- 
len bis jetzt noch in keinem einzigen Falle ein fundamentaleres 
System unabhängiger Einheiten kennt, als das der conjugirten 
Kreistheilungseinheiten, so wird man für jetzt nothwendig nur 
ein solches zu Grunde zu legen haben; aber auch diese werden 
nach dem oben Bemerkten nicht alle gleich vortheilhaft sein, und 
man wird in jedem Falle denjenigen den Vorzug zu geben haben, 
für welche die Zahl M, also die Summe der Quadrate der Diffe- 
renzen je zweier Coefficienten den kleinsten Werth erhält. In dem 
Falle, wo ± 2 eine primitive Wurzel der Primzahl a ist, hat man 
das unabhängige System der zu a -f- ar l conjugirten Einheiten zu 
wählen, für welches die Zahl M den Werth >. — 2 hat; wenn dz 3 
die kleinste primitive Wurzel von X ist, so hat man die zu 1 + a 

-+- « -1 conjugirten Einheiten zu wählen, für welche M = 

ist u. s. w. 

Das System linearer Gleichungen, durch welche die Exponen- 
ten x l9 % 2 , ...ßju-i bestimmt werden, hat in dem Falle, wo ein Sy- 
stem conjugirter Kreistheilungseinheiten zu Grunde gelegt wird, 
eine sehr einfache Auflösung. Nimmt man 



vom 16. Juni 1870. 417 



a-^ +1 )(i-«-" + V (160 



(1 -«)(!-«-') 
wo ± 7 eine primitive Wurzel der Primzahl 7. ist, so bilden 
e , ßj , e 2 • • • 6 m— i 

ein System conjugirter Kreistheilungseinheiten , welches, da unter 
denselben nur die eine Gleichung 

e. e, ,e 2 ... e„_ x == 1 

besteht, ein System von \x — l unabhängigen Einheiten ist. Nimmt 
man nun 

E= e*e x ie x 2 ... e*«--i (17.) 

1 2 ij.— 1 v ' 

als die Einheit mit welcher /(«) zu multipliciren ist, damit es in 
der einfachsten Form dargestellt werde , so kann man ohne diese 
Einheit zu ändern die w-Exponenten x, x x , ... x~ l alle um eine 
und dieselbe Gröfse vermehren oder vermindern, sodafs einer der- 
selben, oder wenn man will die Summe aller unbestimmt bleibt 
und beliebig gewählt werden kann. Setzt man nun zur Verein- 
fachung 



h •> 



\x 

50 hat man folgendes System von Gleichungen : 

sx 4- s 1 x 1 4- s%x. z 4- ••• 4- ?,,._! Xp-i = A 

fl« + f 2 ^l 4~ £ 3 #2 H- '•• 4- f^ M -l = ^1 

£ 2 # 4- £3«! + £ 4 ^ 3 4 h ffi* M -i = -4 2 (18.) 



s 4- 2i 4- e» 4 h £„_! = 

^.4-^1 4-^-2 H h -4«-i = 



(19.) 



ist, sodafs nur ;.k — 1 dieser /^-Gleichungen von einander unabhän- 
gig sind und eine derselben eine Folge der übrigen ist. Bezeich- 
net man nun mit ß eine primitive Wurzel der Gleichung 



418 Gesammtsitzung 

fl* = 1 . 



als weicht 



2 TT .2 7C 

= cos — 4- i sin — 



gewählt worden soll, so erhält man durch Multiplikation dieser 
linearen Gleichungen mit 1, ß\ ß 2h ... /3 (M ~ 1)Ä und Addition: 

H^ ,, + - + v^ (M) ' , )(^^^ + '"+v 1 ^ 1 "') 

= A 4- A x ß h H h ^ M _i 0<-'" 1 >* 

also 

x + ß-*x } 4 hö-^- 1 '**^, 

_ A + ß h A x 4 h/3^- 1 ^M,_ 1 

und hieraus, wenn man mit /3 M multiplicirt und für ä = 1, 2,....p — 1 
die Summe nimmt: 



*-* ß kh (A 4- ß h A x 4 1- /B ( ^ 1) M,. 1 



^ - ä = *> :/^: , '" ^.). /" Po.) 



wo S = x -h Xi H- ••-+ j? M -i die Summe aller Exponenten be- 
zeichnet, welche, wie oben gezeigt worden ist, beliebig gewählt 
werden kann. Hieraus folgt weiter, dafs die Werthe der Expo- 
nenten x, x x ,.••• Xp-i in folgende Form gesetzt werden können 

ix x = S -t- CJ.-1-Ci^iH hC^ji,,.! 

^ = S 4 + C,4-rC 2 iiH hCi M 

i (21.) 

Die Coefficienten C, C 1? ...C M .i sind in realer Form durch fol- 
genden Ausdruck gegeben 

2nhTT _ . Inlin '; 

cos Ü7 A -+- sin E\ 

n -* v g * (22.) 

wo 

£ +73^, + ••• 4- ß^~ 1)h e^i = E h 4- t^i . 



vom 16. Juni 1870. 419 

Die Summen von \j. — 1 Gliedern, durch welche die C, C x ... C^-i 
zu berechnen sind, reduciren sich auf die Hälfte der Glieder, weil 
je zwei vom Anfange und Ende gleich abstehende Glieder einander 
gleich sind, welches daraus folgt, dafs 



E IJL _ h = E h cos I ' I = cos 



/2n(w — h)n\ 



2nhn 



2n(u — 1i)tv . 2nJnr 

E' h — — Ei sin ■ — — = — sin . 

Da die GrÖfse S in dem Ausdrucke (22.) ganz beliebig ge- 
wählt werden kann, oder, was dasselbe ist, da man die Werthe 
der x, x x , ... x ix _ 1 alle gleichzeitig um eine und dieselbe beliebige 
Gröfse vermehren und vermindern kann, ohne das Resultat zu än- 
dern, so folgt, dafs es nicht blofs ein einziges bestimmtes System 
von ganzzahligen Werthen dieser Exponenten giebt, welche sich 
von den gebrochenen Werthen um weniger als eine halbe Einheit 
unterscheiden, sondern dafs es im Allgemeinen \x solcher Werth- 
sy steme giebt, welche man mit gleichem Rechte wählen könnte. 
Unter diesen hat man daher schliefslich noch dasjenige auszusu- 
chen, welches den kleinsten Werth der Summe M ergiebt. 

Nach dieser Methode habe ich nun für die oben gegebene 
complexe Zahl, welche die neunte Potenz eines idealen Primfaktors 
von p = 311 für X = 31 giebt, die nöthigen Rechnungen vollstän- 
dig ausgeführt und gefunden, dafs dieselbe folgende sehr einfache 
Form annimmt. 



tp («)9 = 2 * -2ft 2 -2a 3 -ft 4 + 2 u b H- « 6 * — a 8 
* * -h 3« 11 * * + n 14 — « 15 -+- 2« 16 * 
-f- 2 « 18 + «19 -+- « 20 * — « 22 — « 2 3 * — «25 
— «26 + 3a 27 + 2 ^28 + 3f ,29 + 2 «™ . 



(23.) 



Aus der bei (8.) gegebenen schon etwas vereinfachten Form erhält 
man diese einfache durch Multiplikation mit der Einheit 



£j — e ^i ^2^3 e 4 6 5 ^6^7 6 8 e 9 e il 6 12 e i3 ß 14 ' (^"*V 



WO 



<v h -v A 

e h == l -f- a y -h « r* 



420 Gesammtsitzung 

Aus der bei (7.) gegebenen, ursprünglich gefundenen Form geht 
dieselbe einfache Form hervor durch Multiplikation mit der Einheit 

E= e S 44 e 3 e 14«64 e 8 ß 9 e ll e l2 e l3 e 14- (25.) 

Die Zahl M, durch welche der Grad der Einfachheit der com- 
plexen Zahl bestimmt wird, ist für die ursprüngliche Form (7.) 
M = 96625316, für die etwas vereinfachte Form (8.) M = 8039 
und für die einfache Form (23.) M= 987. Wenn durch Multipli- 
kation mit Einheiten die Theile der Summe M nicht blofs ange- 
nähert, sondern vollständig gleich gemacht werden könnten, so 



würde der Werth des M sich bis auf \ Nf(ct) herabbringen las- 

15 

gen, also in dem vorliegenden Falle bis auf ]/(31l) 9 = 496,621... 

F>ei Ausführung der numerischen Rechnungen mit Hülfe der 
Logarithmen hat man nur denjenigen Grad der Genauigkeit einzu- 
halten, welcher dafür bürgt, dafs die gefundenen Werthe der Ex- 
ponenten x,x x , ...^, x _! in den Ganzen, Zehnteln und Hunderteln ge- 
nau erlangt werden, es werden also im Allgemeinen Logarithmen- 
tafeln von einer sehr geringen Stellenzahl ausreichen. Es tritt 
aber, wenn die ursprünglich gegebene complexe Zahl /(«) wenig 
einfach ist, allemal der Umstand ein, dafs von den zu /(«)/(« -1 ) 
conjugirten complexen Zahlen, deren Werthe man berechnen mufs, 
eine oder einige aufserordentlich klein werden, wodurch ihre Be- 
rechnung und die Berechnung ihrer Logarithmen, welche man auf 
einige Stellen genau kennen mufs, aufserordentlich mühsam wer- 
den würde, wenn man ihre Ausdrücke als Summen von \x -h 1 
Gliedern zu Grunde legen wollte. Bei der Durchführung der 
Rechnung, deren Resultat ich hier gegeben habe, liefs sich diese 
Unzuträglichkeit dadurch vermeiden, dafs bei der Berechnung die- 
ser Zahlenwerthe nicht die entwickelte Form (7.), sondern die un- 
entwickelte gebrochene Form (4.) zu Grunde gelegt wurde. 

Schliefslich bemerke ich noch, dafs diese Methode der Reini- 
gung der complexen Zahlen von den sie behaftenden Einheiten 
ohne Schwierigkeit auch auf die nicht aus den Einheitswurzeln 
selbst, sondern aus den Perioden gebildeten complexen Zahlen sich 
anwenden läfst. 



vom IS. Juni 1870. 421 

Hr. W. Peters las über Propilhecus Deckenii, eine 
neue Art von Halbaffen aus Madagascar. 

Als mir die zoologischen Sammlungen, welche der unglück- 
liche Baron C. von der Decken hinterlassen hatte, zur Bearbei- 
tung übergeben wurden, war mir nur eine einzige Art der Gattung 
Propithecus mit Bestimmtheit bekannt, und auch diese, Pr. diadema, 
kannte man nur unvollkommen nach jungen Exemplaren. Erst im 
vorigen Jahre hatte ich durch die Zuvorkommenheit der Hrn. Ed- 
wards Gelegenheit, die schöne Reihe von Pr. Verrauxii Gran- 
didier in Paris zu untersuchen und mich von ihrer Eigenthüm- 
lichkeit zu überzeugen, und ganz neuerdings hat unsere Sammlung 
ein ausgewachsenes Exemplar von dem wahren Pr. diadema Ben- 
nett erworben, wodurch eine genauere Vergleichung dieses letzte- 
ren mit den durch Hrn. von der Decken in Kanatzi erlegten 
Exemplaren ermöglicht wurde. Diese hat gezeigt, dafs die letzte- 
ren nicht allein durch den Mangel jeder schwarzen Färbung der 
Kopfhaare und der Hände, sondern auch durch mehrere Eigen- 
thümlichkeiten im Zahn- und Schädelbau von dem ächten Pr. dia- 
dema abweichen und einer besondern Art angehören, welche ich 
dem Entdecker zu Ehren benannt habe. 
Propithecus Deckenii n. sp. 

Propithecus diadema Peters, C. von der Deckens Reisen III. 1. p. 3 Taf. I. 

(non Bennett). 
Indris diadema St. George Mivart, Proceed. zool. soc. Lond. 18G7. 
p. 247 Taf. XVIII. (Schädel eines jungen Thiers.) 

Behaarung der Hände und des Kopfes von der gelblichweis- 
sen Färbung des übrigen Körpers, Lendengegend und Weichen bei 
einem alten Weibchen grau angelaufen, bei einem jungen Weibchen 
einige Nackenhaare mit schwarzen Spitzen. Gesicht schwarz mit 
weifslichem Fleck auf der Nase oder auf dem Schnauzenrücken. 
Schwanz so lang oder länger als Kopf und Rumpf zusammenge- 
nommen. 

Pr. diadema ist im ausgewachsenen Zustande ein gröfseres 
Thier, hat, wie es die neuerdings nach Europa gebrachten Exem- 
plare zeigen, in der That constant einen viel kürzeren nicht bis zu 
den Hacken reichenden Schwanz und ist auch durch die Färbuno- 
sehr verschieden. 

Zur Vergleichung des Gebisses und Schädels liegt mir der 
Schädel eines ausgewachsenen weiblichen Prop. diadema, die Schä- 



422 Gesammtsitzung 

del eines alten und eines sehr jungen weiblichen und der von 
Hrn. Mivart beschriebene und abgebildete Schädel eines Exem- 
plars unbestimmten Geschlechts von Pr. Deckenii vor. 

Was das Gebifs anbelangt, so stimmen swohl die oberen wie 
die unteren vorderen Backzähne beider Arten so sehr mit einander 
überein, dafs sich keine wesentliche Verschiedenheit daraus ent- 
nehmen läfst. Dagegen sind sowohl die beiden letzten Backzähne 
oben und unten, wie auch die Schneidezähne beträchtlich gröfser 
bei Pr. diadema als bei Pr. Deckenii, wie dieses auch sogleich bei 
einer Vergleichung der Mivartschen Abbildungen mit der Blainville- 
schen in die Augen springt und wie es die folgenden Mafse der 
beiden alten Schädel deutlich zeigen. 

Länge des vorletzten oberen Backzahns . 

„ „ letzten „ „ 

„ „ vorletzten unteren „ 

„ „ letzten „ „ 

„ „ ersten oberen Schneidezahns . 

„ „ zweiten „ „ 

Breite des unteren Eckzahns 

Breite der beiden unteren Eck- und Schneide- 
zähne zusammen 
Distanz der oberen Eckzahnspitzen 

Pr. VerreauxiiGfTSi n d i di e r {Album de Vile de laReunion. 1867.) hat, 
nach der Abbildung zu urtheilen, dieselbe Gröfse der Backzähne 
wie Pr. diadema, indem die Reihe der oberen Backzähne 0™031 
(bei Pr. Deckenii 0™283) lang ist, aber die kleineren Schneidezähne 
von Pr. Deckenii. 

Was den Schädel anbelangt, so sind, bei im Allgemeinen glei- 
cher Gröfse, besonders folgende Unterschiede zu bemerken. Bei 
Pr. Deckenii ist die vordere Nasenöffnung merklich gröfser, die 
Schnauze daher sowohl in senkrechter als in querer Richtung ne- 
ben jener mehr aufgetrieben und zugleich sind die Nasenbeine 
platter, im Ganzen breiter und weniger nach hinten ragend; die 
Stirngegend ist flacher und ohne merkliche Seitengruben über den 
weniger hervorspringenden Supraorbitalbögen; das Foramen lacry- 
male liegt dem Rande der Orbita näher und das Os lacrymale bil- 
det hinter und über demselben eine Crista; die Orbita ist kleiner 
und ihr Abstand von dem dritten Backzahn gröfser als bei Pr. 



diadema 


Pr. Deckenii 


0™008 


O'^OOßö 


O'^OOöS 


0'?0041 


0*?0075 


0™0063 


0'?0075 


0™0063 


0™0064 


0™0036 


0?0035 


0^003 


0™0037 


0™0029 


0™0095 


0™007 


O'PO^ö 


0™016 



vom 16. Juni 1870. 423 

diadema. Über dem Thränenbein findet sich bei Pr. Deckenii eine 
auffallende supraorbitale Einbuchtung, während dieselbe bei Pr. dia- 
dema viel mehr abgeflacht ist. Der Postorbitalfortsatz des Stirnbeins 
ist breiter und sowohl der Oberkieferjochfortsatz <als der Jochbogen 
sind höher und der letztere ist mehr nach aufsen gebogen als bei 
dieser Art. Der Gaumen und der Hirnschädel über der Wurzel des 
Schlaf enjochfortsatzes sind etwas schmäler als bei Pr. diadema. Die 
Choanen und der Abstand des letzten Backzahns von den Gehörbullen 
sind gröfser, die letzteren selbst aber kleiner. Die Ala interna des 
Keilbeins ist merklich breiter und daher ist die Entfernung der 
Hamuli pterygoidei von den Gehörbullen viel geringer als von dem 
hintersten Backzahn, während bei Pr. diadema das Umgekehrte 
statt findet und die Hamuli pterygoidei den Backzähnen viel mehr 
genähert sind. Auch ist die Unterseite des Keilbeinkörpers ganz 
flach, während sie bei Pr. diadema einen mittleren erhabenen Längs- 
kiel bildet und endlich ist der für die Indris characteristische un- 
tere Ausschnitt des Schläfenjochfortsatzes neben der Kiefergelenk- 
grube merklich kleiner. Der Unterkiefer von P. Deckenii hat eine 
längere Symphyse, ist sowohl in seinem horizontalen als in seinem 
aufsteigenden Theile höher und in diesem letztern auch breiter, 
aber von der Basis des Schneidezahnes bis zur Mitte des hintern 
Randes etwas kürzer als der von Pr. diadema. 

Bei den folgenden Mafsen der beiden alten weiblichen Schädel 
ist zu bemerken, dafs an dem von Pr. Deckenii der obere Theil 
des Hinterhaupts fehlt und daher die Totallänge desselben nicht 
angegeben werden kann. 

Pr. diadema Pr. Deckenii 

Totallänge . 0™0875 — 

Distanz vom hintern Rande der Gelenkhöcker 

bis zum vordem Ende des Zwischenkiefers 0™0765 0™075 

Breite der vordem Nasenöffnung .... 0^0118 m 013 

Breite der Schnauze über dem ersten Back- 
zahn neben der Nasenöffnung .... 0™020 m 0215 

Höhe der Schnauze nebst dem ersten Back- 
zahn neben der Nasenöffnung .... 0™023 ni 0255 

Länge der Nasenbeine 0™022 m 016 

Breite beider Nasenbeine zusammen in der 

Mit *e 0™0067 0™0082 

Gröfster Durchmesser der Orbita .... 0™0247 O m 0232 
[1870] 30 



424 Gesammtsitzung 

Pr. diadema Pr. Decken» 7 

Orbitaldistanz 0-0187 0-0178 

Abstand des untern Orbitalrandes von dem 

dritten Backzahn 0-0105 0-012 

H M!tte deS . 0berkie ' erJ " hfOTtSf,UeS " dCT 0'?0093 0-0102 

Höhe des Joehbögens in der Mitte . .. . 0?00G4 0'?0084 

Breite des Postorbitalfortsatzes in der Mitte 0-006 0-0075 
Breite des Schädels über der Wurzel des 

Schläfenjoehfortsatzes 0-045 0-043 

Grörster Abstand der Jochbögen .... 0™0575 0?059 

Länge des Gaumens O?033 0-0315 

Breite des Gaumens zwischen den vorletz- 

ten Backzähnen 0,0iyo v,iu( 

Ab hörbulIa eS !" BaCkZahnS . ^ ^ Ge : 0^0175 0-0195 
Abstand des letzten Backzahns von dem 

Hamulus pterygoideus 0-0055 ü,Ull 

Höhe der Choanen ........ 0-0065 0-008 

Breite des Proc. pteryg. int. in der Mitte . 0?0046 0-0073 

Längsdurchmesser der Gehörbulla . . . 0-0153 0-014 
Länge des Unterkiefers von der Basis der 

Sdmeidezähne bis zur Mitte des hintern ^^ ^ 

Länge" deV Symphyse des Unterkiefers . . 0-0217 0™024 

H BL£^ n ^ rf ?. nn ! er . dem - orkMen °' 0108 °> 0143 

Höhe von dem untersten Theil des Unter- 

kieferwinkels bis zum Gelenkhöcker . . 0™034 0-0387 

Längsdurchmesser des senkrechten Unter- 

kiefertheils über den Backzähnen . . . 0-020 0,02^ 

Der Schädel von Pr. Verrauxii steht, nach der Abbildung zu 
urtheilen, durch die Form des Unterkiefers und die Höhe des 
Joehbögens dem Pr. Deckemi, durch die geringere Höhe des 
Schnauzenendes und die Lage des Foramen lacrymale dem Pr. 
diadema näher. Jedoch würde eine genauere craniologische Unter- 
suchung sowohl von Pr. Verrauxii wie von dem neuerdings bekannt 
gewordenen Pr. demanus Pollen sehr wünschenswert!! sein. 



vom 16. Juni 1870. 425 

An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Comptes rendus de t academie des sciences. Vol. 69, no. 12 — 26. Vol. 70, 

no. 1—19. Paris 1869—70. 4. 
Göteborgs Vet. Samhälles Handlingar. Haftet X. Güteborg 1870. 8. 
Münchener Sitzungsberichte. 1870. I, Heft 2. 
Proceedings of the London Mathematical Society, no. 21 — 24. London 

1870. 8. 
Quarterty Journal of the Geolegical Society. XXV, 4. London 1869. 8. 
Proceedings of the Royal Geographical Society. XVIII, no. 5. London 

1869. 8. 
Zehnter Bericht der Gesellschaft in Offenbach. Offenbach 1869. 8. 
Sands, Reports on the Total Solar Eclipse. Aug. 7. 1869. Washington 

1869. 4. 
Poncelet, Introduction a la mecanique industrielle. Ed. III. Paris 1870. 8. 



23. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Braun theilte eine Abhandlung von Dr. Leopold Kny 
über die Morphologie von Chondriopsis ccerulescens 
Crouan und die dieser Alge eigenen optischen Erschei- 
nungen mit. 

Unter den Florideen der Bucht von Palermo ist Chondriopsis 
ccerulescens *) Crouan durch die Pracht ihres Farbenspieles in ho- 
hem Grade ausgezeichnet. Bei heller Witterung sieht man schon 
aus gröfserer Entfernung die dichten Büschel, welche die Kalk- 
felsen der Küste wenig unterhalb des mittleren Wasserniveaus 
(oft streckenweise) überdecken, in lebhaft stahlblauem Licht er- 



l ) Diese Pflanze wurde von den Brüdern Crouan an der Küste der 
Bretagne entdeckt und in ihren Alg. mar. Finist. edirt. Nach einer gefäl- 
ligen brieflichen Mittheilung von Hrn. Thuret ist sie an der atlantischen 
Küste von Frankreich mehrfach beobachtet worden; sie ist sehr häufig bei 
Biarritz und geht nördlich bis St. Vaast-la-Hougue. Aus dem Mittelmeer ist 
sie meines Wissens noch nicht bekannt geworden. Hr. L. Crouan hatte 
die Güte, die Identität der Art an einem ihm übersandten Exemplar zu con- 
statiren. r - 

30* 



42 G Gesammtsitzung 

glänzen. Betrachtet man einzelne, noch mit Seewasser benetzte 
Exemplare bei auffallendem Licht genauer, so sieht man den 
blauen Metallglanz an vereinzelten Punkten in ein schönes Grün, 
an anderen Stellen in eine violette Nuance übergehen und gegen 
die Astspitzen sich allmälig in einen mattgrauen Ton auflösen. 
An älteren Stammgliedern tritt die Erscheinung im Ganzen viel 
weniger lebhaft hervor. Bei durchfallendem Licht besitzen alle 
erwachsenen Theile der Pflanze eine schmutzig blafsrothe Färbung; 
an den Astspitzen zeigt dieselbe einen Stich in's gelbliche. 

Entwickelte Exemplare, wie ich sie im Laufe des April und 
Mai 1870 in der Nähe des alten Hafens sammelte, sind etwa 
3 — 4 Zoll lang und reich büschelförmig verzweigt. Das Stämm- 
chen ist seiner gesammten Länge nach eylindrisch; die von ihm 
entspringenden Äste, besonders aber die Auszweigungen höheren 
Grades, sind am Grunde deutlich verschmälert. Die jüngsten noch 
unentwickelten Zweige besitzen Keulenform. Über die glatte Ober- 
fläche des Thallus treten flach-warzenförmige Narben hervor, die, 
zusammen mit den Ursprungsstellen der Zweige, eine fortlaufende 
Spirale bilden. Sie bezeichnen die Stelle abortirter oder abge- 
fallener Zweige. Das Stellungsverhältnifs fand ich an einer gröfse- 
ren Anzahl von Exemplaren ziemlich genau -§-. 

Untersucht man einen der jüngeren Zweige bei schwacher 
(etwa 50—100 faeher) Vergröfserung und mittlerer Einstellung, so 
erkennt man unschwer eine Gliederung. Ober- und unterhalb der 
Medianebene wird dieselbe undeutlicher und verrchwindet an der 
äufsersten Rindenschicht vollkommen. Der Vergleich von Längs- 
und Querschnitten erweist, dafs jedes Glied seiner gesammten 
Länge nach aus einer grofsen Centralzelle und 5 um sie geordne- 
ten Zellen von annähernd gleichem Querdurchmesser zusammenge- 
setzt ist. (Fig. 1 nnd 2). Letztere alterniren in den aufein- 
anderfolgenden Gliedern regelmäfsig miteinander. Auf die 5 
peripherischen Zellen folgen ein bis zwei Schichten engerer und 
kürzerer Zellen von unbestimmter Zahl und regelloser Unord- 
nung, die nicht überall lückenlos aneinander schlief sen. Nach aufsen 
wird der gesammte Zellkörper von einer continuirlichen, aus noch 
kleineren Zellen zusammengefügten Rindenschicht umschlossen. 

(Fig. 2). 

Es ist nicht ganz leicht den Ursprung der verschiedenen Ge- 
webselemente im Vegetationspunkt zu ermitteln, da dieser in einer 



vom 23. Juni 1870. 427 

napfförmigen Vertiefung der Stammspitze eingesenkt liegt. Die 
Terminalzelle nimmt den Scheitel eines schlanken Kegels ein, der 
sich aus der Mitte der Einsenk ung bis fast zur Höhe des Walles 
erhebt. (Fig. 1). Durch Behandlung mit Atzkali, unter gleich- 
zeitiger Anwendung eines mäfsigen Druckes, gelingt es zuweilen, 
den Vegetationspunkt aus der Vertiefung hervorzustülpen (Fig. 4). 
Man erkennt dann aufs deutlichste, dafs sich die Scheitelzelle durch 
die wiederholte Bildung horizontaler, einander paralleler Scheide- 
wände verjüngt Bevor die flach -scheibenförmigen Gliederzellen 
weitere Theilungen eingehen, sieht man ihre Seitenwandung sich 
an einer bestimmten Stelle hervorwölben (Fig. 4 u. Fig. 6 bei a). Es 
ist dies die erste Anlage der für Chondriopsis und Polysiphonia 
charakteristischen pseudodichotomen Haare, von Nage li ihres be- 
grenzten Wachsthums wegen als Blätter gedeutet. Bald nach 
ihrem ersten Auftreten gliedern sie sich durch eine schräge Wand 
von ihrer Mutterzelle ab (Fig. 3 bei a.) 1 ). Nach oben setzt sich 
diese Wand der horizontalen Querwand der Gliederzelle auf; nach 
unten trifft sie wenig oberhalb derselben. Erst nachdem sich die 
Anlage des pseudodichotomen Blattes abgesondert hat, beginnt die 
Gliederzelle durch eine Reihe von Längswänden sich in eine 
centrale und 5 peripherische Zellen zu theilen (Fig. 6 bei b.). 
Die erste dieser Längswände entsteht genau unterhalb der jungen 
Haaranlage; von da schreitet ihre Bildung wahrscheinlich, wie 
bei Polysiphonia 2 ), nach beiden Seiten fort, um auf der gegen- 
überliegenden Seite zum Abschluß zu gelangen. Eine direkte Ver- 
folgung dieser Theilungen hat mir bei der grofsen Schwierigkeit, 
Querschnitte durch den eingesenkten Vegetationskegel herzustellen, 
nicht gelingen wollen. 

Während die Centralzelle eines jeden Gliedes zur Dauerzelle 



1 ) Ähnlich, wie bei den Landmoosen; hier wird indefs durch den er- 
sten Theilungsschnitt in jedem Segmente die Mutterzelle des Blattes sammt 
eines Theiles des äufseren Stammgewebes abgetrennt, cf. Pflanzen- 
physiologische Untersuchungen von Nägeli und Cramer 1 Heft p. 76 
und Leitgeb, Wachsthum des Stämmchens von Fontinalis antipyretica 
(Sitzungsberichte der Wiener Akademie 1868) p, 3, wo die einschlägigen 
Angaben der Litteratur besprochen sind. 

2 ) cf. Nägeli in dessen Zeitschrift für wissenschaftliche Botanik, Heft 
III u. IV p. 209. 



428 Gesammtsitzung 

wird, treten in den peripherischen Zellen eine Reihe weiterer, un- 
ter sich übereinstimmender Theilungen auf. Die erste Wand ist 
schräg nach innen und nach abwärts gerichtet; sie setzt sich einer- 
seits der freien Aufsenwand, andererseits der unteren Querwand 
an und trennt eine kleinere, im Seitenprofil dreiseitige Zelle von 
einer gröfseren, fünfseitigen ab (Fig. 6 bei d). In letzterer folgt 
bald darauf eine der Aufsenfläche parallele Wand, welche den klei- 
neren, nach aufsen gelegenen Theil als selbstständige Zelle abglie- 
dert (Fig. ß, bei e.). Die nach innen gelegene Zelle des 3 zelligen 
Complexes wird nun auch ihrerseits zur Dauerzelle; jede der bei- 
den Aufsenzellen dagegen verdoppelt sich durch eine radiale Längs- 
wand. Im weiteren Verlauf wiederholt sich in ihren Tochterzellen 
der Theilungsvorgang, den wir für die Aufsenzellen ersten Grades 
beschrieben haben. Die erste Scheidewand ist ebenso, wie in die- 
sen, schräg nach innen und abwärts gerichtet (Fig. 6 bei f); in 
der oberen der beiden Tochterzellen folgt eine tangentiale Längs- 
wand, und in den neuen Aufsenzellen wechseln hiermit radiale 
Längswände ab. Damit ist das Dickenwachsthum des Stämmchens, 
soweit es eine Folge von Zellvermehrung ist, meist beschlossen. 
Die Aufsenzellen desselben Gliedes halten bei diesen Theilungen 
nicht nothwendig gleichen Schritt; gewöhnlich gehen die oberen den 
unteren um eine Stufe voran (Fig. 6, bei f.). 

Während die letzten Theilungen an der Peripherie, welche 
zur Bildung der definitiven Rindenschicht führen, vor sich gehen, 
strecken sich die fünf um die_Centralzelle liegenden Zellen jedes 
Gliedes schief nach oben und aufsen (Fig. 1), wobei sich ihr seit- 
licher Zusammenhang lockert. Indem die Streckung sich in den 
nächstunteren Gliedern rasch steigert, wird die von ihnen getragene 
junge Epidermis aus der steil absteigenden Richtung, welche sie im 
Vegetationskegel zeigte, in eine entgegengesetzte umgewendet und 
zum Wall der trichterförmigen Vertiefung, in dessen Grunde der 
Vegetationskegel sich erhebt. Die wenigen Stammglieder, welche 
an der Zusammensetzung des Walles Antheil nehmen, stellen ein 
System ineinandergeschachtelter paraboloidischer Schalen dar. Wei- 
ter abwärts flachen sich dieselben rasch ab, indem die Längsdeh- 
nung in allen Zellen eine immer gleichmäfsigere wird. Die Folge 
hiervon ist, dafs die Aufsencontour des Stämmchens von Neuem 
in ihre frühere Richtung nach unten umbiegt (Fig. 1). 

Die Anlagen der pseudodichotomen Blätter, die wir aus den 



vom 23. Juni 1870. 429 

jüngsten Gliederzellen der Stammspitze hervortreten und durch eine 
Scheidewand sich abgliedern sahen, eilen dem Stämmchen in ihrer 
Entwickelung rasch voran. Nachdem sie sich bis auf das Doppelte 
ihres Querdurchmessers verlängert haben, werden sie durch eine 
Querwand zweizeilig (Fig. 4 bei c). Bald darauf stülpt sich die 
Gliederzelle dicht unterhalb der Scheidewand seitlich und zwar, 
mit Rücksicht auf das Stämmchen, in tangentialer Richtung her- 
vor und zerfällt, nachdem sich die junge Scheitelzelle von Neuem 
getheilt hat, in eine freie obere Zelle und eine untere Zelle, welche 
die Dimensionen der ursprünglichen Gliederzelle wiederholt So- 
wohl im Hauptstrahl, als im Zweigstrahl setzt sich Wachsthum 
und Verzweigung fort. Für letztere gilt als Regel, dafs jede 
Gliederzelle (mit Ausnahme derer an den äufsersten Zweigenden 
des entwickelten Haares, welche steril bleiben) je einen Zweig- 
strahl erzeugt; dafs der erste Zweig stets auf der dem Mutterstrahi 
abgekehrten Seite entsteht und sie in den aufeinanderfolgenden 
Gliedern regelmäfsig nach rechts und links aiterniren; endlich, dafs 
sämmtlichen Verzweigungen in derselben u. zw., mit Rücksicht auf 
das Stämmchen, in einer tangentialen 1 ) Ebene liegen. Die 
Theilungen, welche im Haupt- und Seitenstrahl gleichen Schritt 
halten, gelangen schon zum Abschlufs, während sich die Blätter 
noch am inneren Rande der napfförmig vertieften Stammspitze 
befinden. Kurz, bevor sie auf der Höhe des Walles angelangt 
sind, beginnt die Längsdehnung ihrer Zellen, die in geringer 
Entfernung unterhalb desselben schon beendet wird und ihnen die 
charakteristische pseudodichotome Gestalt ertheilt. Ebenso rasch, 
wie sie sich entwickelt haben, gehen sie auch wieder zu Grunde; 
in Entfernung der doppelten Stammdicke unterhalb der Spitze ist 
schon keine Spur mehr von ihnen zu finden. Bei ihrer frühzeiti- 
gen Zerstörung wirken, aufser den inneren, wohl auch noch zwei 
äufsere Ursachen mit; einmal die Entwickelung der sie umschlies- 
senden Rinde, deren Dehnung ihre zarte, bereits ausgewachsene 



J ) Nach Nägeli (Neuere Algensysteme p. 224) ist bei den unserer 
Pflanze nahe verwandten Chondriopsis dasyphyllu (Woodw.) und Ch. tenuissima 
(Good. et Woodw.) die Divergenz der aufeinanderfolgenden Verzweigungs- 
ebenen = £, ebenso wie bei Polysiphonia (vergl. Zeitschr. f. wissensch. Bot., 
Heft III u. IV p. 211). 



430 Gesammt Sitzung 

Basalzelle wahrscheinlich nur noch passiv folgt und das "Wachs- 
thum der in ihren Achseln entspringenden Seitenzweige. a ) 

Es hat mir nicht gelingen wollen, die Seitenzweige bis auf 
ihre einzellige Anlage rückwärts zu verfolgen, da diese in der Ver- 
tiefung der Stammspitze eingesenkt liegt; doch ist es mir aus 
der Untersuchung der frühesten Zustände wahrscheinlich geworden, 
dafs sie aus einer Aufsenzelle des Stammes ihren Ursprung 
nehmen. In der Jugend sind sie schlank, fast spindelförmig und 
gegen den Scheitel des Mutterastes aufgerichtet (Fig. 6). Die 
Scheitelzelle liegt frei an der Spitze und die Gliederung der Zell- 
complexe ist bis zur Basis hin leicht zu verfolgen. Die Entwicke- 
lung der untersten Glieder ist von der der folgenden in mehr, als 
einer Beziehung abweichend. Die ersten Längstheilungen, welche zur 
Bildung einer centralen und 5 peripherischer Zellen führen, heben 
hier stets auf der dem Mutterast abgekehrten Seite an (Fig. 5, 
bei a.) die weiteren Theilungen sind beschränkter, als in den spä- 
teren Gliedern und das Dickenwachsthum der Zweigbasis damit 
ein viel geringeres. Am wichtigsten ist, dafs ihnen die Fähigkeit 
abgeht, pseudodichotome Blätter zu erzeugen. Erst auf dem 6. bis 



l ) Da der gesammte Verlauf ihrer Entwickelung: — die Abtrennung 
ihrer Mutterzelle durch den ersten Theilungschnitt von der Gliederzelle des 
Stammes; ihre frühzeitige Ausbildung, welche der des zugehörigen Stamm- 
gliedes voraneilt, und ihr rasches Absterben — die pseudodichotomen Haare 
als echte Blätter charakterisirt , nehme ich keinen Anstand, die dicht über 
ihrer Basis entstehenden und dem nächsthöheren Gliede angehörigen Zweig- 
anlagen als Achselsprosse zu bezeichnen. Ist diese Deutung richtig, dann 
bezeichnet Chondriopsis die tiefste Stufe des natürlichen Systemes, 
auf welcher sich Axillarknospen entwickeln. Die Gesetzmäfsigkeit 
ihrer Stellung ist gegenüber der scheinbaren Regellosigkeit, die in der Stel- 
lung der Seitenknospen unter den Moosen herrscht, höchst auffällig. (cf. 
Leitgeb 1. c. p. 23 ff. und derselbe: Wachsthum des Stämmchens und Ent- 
wickelung der Antheriden von Sphagnum p. 11). 

Während bei Chondriopsis cxxrulescens Cr. jedes Stammglied normal 
ein pseudodichotomes Blatt und einen in der Achsel desselben entspringen- 
den Seitenzweig erzeugt, tragen bei den Arten der nächst verwandten 
Gattung Polysiphonia die aufeinanderfolgenden Glieder ohne bestimmte Regel 
je ein Blatt oder je einen Zweig, die sämmtlich Glieder derselben Spi- 
rale sind. Dabei bleiben oft ein oder mehrere Stammglieder steril, ohne dafs 
die Schraubenlinie dieserhalb eine Unterbrechung erleidet (cf. Nägeli 1. c. p. 213), 



vom 23. Juni 1870. 431 

12. Gliede und zwar meist, aber durchaus nicht gesetzmäfsig, auf 
der dem Hauptstamm abgekehrten Seite tritt das erste derselben auf 
(Fig 6, bei c; hier ist es dem Hauptstamm zugekehrt); und von 
nun an werden sie ohne Unterbrechung und, soweit ich feststel- 
len konnte, in demselben Stellungsverhältnifs (ohngefähr f) gebildet, 
das ihre Achselsprosse oder deren Narben am entwickelten Stämm- 
chen zeigen. Mit dem Auftreten der Blätter nehmen auch die weite- 
ren Theilungen der Gliederzellen die oben beschriebene Regelmäfsig- 
keit an; die erste Längswand entsteht nun nicht mehr an der 
Aufsenseite des jungen Zweiges, sondern unterhalb der Ursprungs- 
stelle des Blattes. 

Seiner Entwickelung nach läfst sich das Stämmchen von Chon- 
driopsis ccerulescens als aus einer regelmäfsig verzweigten Zellreihe 
aufgebaut betrachten. Die Hauptachse des Verzweigungssystemes 
bildet die Reihe der Centralzellen sämmtlicher aufeinanderfolgender 
Glieder. Von jeder derselben entspringt ein fünfzähliger Quirl 
begrenzter Äste, die mit denen der nächst oberen und unteren 
Wirtel alterniren. Jeder Ast trägt auf seiner einfachen Basalzelle 
4 Zweige, von denen 2 gegen den Scheitel, 2 gegen die Basis der 
Pflanze gerichtet sind. Diese Verästelung wiederholt sich genau 
in der gleichen Weise, aber meist in weniger bestimmtem Zahlen- 
verhältnifs, mindestens noch einmal, seltener noch zweimal. Die 
letzten, der Regel nach einzelligen Zweige legen sich mit ihren 
Nachbarinnen eng zur Rinde zusammen, während der seitliche Zu- 
sammenhang der übrigen Zellen, soweit dieselben nicht aus der 
gleichen Specialmutterzelle hervorgegangen sind, nur ein partieller 
ist und mehr oder weniger weite, mit wäfsrigem Saft erfüllte Lücken 
zwischen ihnen frei bleiben. Fast immer werden diese nachträg- 
lich durch enge verästelte Fäden ausgefüllt, welche aus den inne- 
ren Zellen des Stämmchens ihren Ursprung nehmen (Fig. 2). 

Aus der Rinde der älteren Stammglieder sieht man an ver- 
schiedenen Stellen, besonders häufig auf den warzenförmigen Zweig- 
narben , Büschel einzelliger Wurzelhaare hervortreten. Dieselben 
sind Nichts, als eine Verlängerung der Aufsenzelle, der sie ange- 
hören; ihr freier, äufserer Theil ist von dem der Rindenschicht 
angehörigen inneren Theil durch keine Scheidewand getrennt. 

Alle Theile der Rinde, besonders aber die warzenförmigen 
Narben, besitzen die Fähigkeit, Adventivzweige zu erzeugen. Zu- 
weilen entstehen sie in gröfserer Zahl nebeneinander. Ebenso, wie 



432 Gesammtsitzung 

die normalen Achselsprosse, scheinen sie aus der Theilung einer 
Aufsenzelle hervorzugehen (Fig. 5). 



Chondriopsis coerulescens ist, wie die grofse Mehrzahl 
aller Florideen streng trioecisch. 

Die Tetra sporen -Exemplare sind durch zahlreiche kurze, 
am Ende der Hauptäste zu Büscheln vereinigte Zweige kenntlich, 
die sich, aufser durch matter graue Färbung, von den vegetativen 
Zweigen in Nichts unterscheiden. Die Tetrasporen werden hier 
in grösserer Zahl dicht unter der Rinde gebildet. Sie entspringen 
am oberen Ende der um die Centralzelle geordneten fünf periphe- 
rischen Zellen und nehmen die Stelle einer der nach aufsen ihr 
angrenzenden 4 Tochterzellen sammt dem ihr zugehörigen Rinden- 
stück ein. Ob dieselbe peripherische Zelle mehr, als eine Tetra- 
spore zu erzeugen vermag, lasse ich dahingestellt; sicher dagegen 
ist, dafs in demselben Stammgliede oft mehrere gleichzeitig auf- 
treten, welche dann verschiedenen, auf gleicher Höhe stehenden 
peripherischen Zellen angehören. Die Membran der jungen Sporen- 
mutterzelle zeichnet sich vor denen der ihr benachbarten vegetati- 
ven Zellen durch ihre grofse Quellbarkeit in Ätzkali aus. Die 
Theilung des protoplasmatischen Inhaltes erfolgt stets in tetrae- 
dri scher Richtung und zwar schon in geringer Entfernung unter- 
halb der Spitze des fortwachsenden Tetrasporenastes. Nachdem 
sie vollendet ist, nehmen sämmtliche 4 Tochterzellen sammt ihrer 
Mutterzellmembran noch bedeutend an Umfang zu, ohne dafs die 
Kugelgestalt des Tetrasporencomplexes dadurch geändert wird. 
Vor der Reife werden die Tetrasporen von der Rindenschicht des 
Stämmchens continuirlich bedeckt. Die unmittelbar über ihnen 
liegenden Rindenzellen sind meist gröfser, als die ihnen benach- 
barten. 

Keimfrüchte und Antheridien habe ich nur einmal ge- 
sammelt. Leider versäumte ich diese Gelegenheit, ihre Entwicke- 
lung zu untersuchen. Nur davon überzeugte ich mich, dafs der 
Bau der Antheridien in allen wesentlichen Punkten denen von 
Chrondiopsis tenuissima (Good. et Woodw.) entspricht, welche 
Thuret (Ann. sc. nat. ser. III bot. tome 16 p. 17 et pl. 7) be- 
schreibt und abbildet. Sie entstehen, wie auch bei Pohjsiphonia, 
durch Metamorphose der einen Hälfte eines pseudodichotomen 
Blattes und stellen einen plattenförmigen Körper von unregelmäfsig 



vom 23. Juni 1870. 433 

ovalem Umrifs dar, auf dessen beiderseitigen Flächen die Mutter- 
zellen der Saamenbläschen entspringen. In der Mitte ist ein (nicht 
pseudodichotorn-) verzweigter Zellfaden erkennbar, der das ganze 
Organ als Gerüst stützt; am Rande wird dasselbe von einer ein- 
fachen Reihe gröfserer, steriler Zellen umkränzt. Bemerkenswerth 
ist, dafs die Antheridien-tragenden Haare nicht so früh zu Grunde 
gehen, als die sterilen; sie reichen etwas weiter an den Zweig- 
enden herab und sind schon mit blofsem Auge als weifsliche 
Schüppchen an denselben erkennbar. 



Stellt man durch einen erwachsenen, deutlich blau schimmern- 
den Stammtheil unserer Pflanze eine Anzahl Querschnitte her, 
welche etwas mehr, als die Dicke eines Gliedes besitzen, so dafs 
man sicher ist, über ihre gesammte Fläche unverletzte Zellen zu 
erblicken, so überzeugt man sich leicht, dafs die Farbenerscheinung 
in ihrer vollen Lebhaftigkeit nur den Zellen der äussersten 
Rindenschicht angehört und weiter nach innen höchstens noch 
Spuren davon sichtbar sind. Schon die Betrachtung dieser Quer- 
schnitte macht es mehr als wahrscheinlich, dafs die Eigenschaft, blaues 
Licht zu reflektiren, nicht der Membran der Rindenzellen, son- 
dern ihrem Inhalt angehört. Deutlicher noch wird diefs, wenn 
man durch einen dünnen Oberflächenschnitt einen Theil der äusser- 
sten Rindenschicht abtrennt. Die Zellen derselben lassen sich dann 
sammt ihrem Inhalt bei durchfallendem Licht klar übersehen. Sie 
sind in der Richtung der Stammachse auf das Doppelte bis Sechs- 
fache ihres Querdurchmessers verlängert; ihre Scheidewände sind 
dünn und schwach wellig gebogen. Dem Primordialschlauch, wel- 
cher die Innenseite der Membran auskleidet, liegen zahlreiche lin- 
senförmige, schmutzig - roth gefärbte Plasmakörner eingebettet. 
Weiter nach innen bemerkt man in dem das Lumen erfüllenden 
wasserhellen Zellsaft eine unbestimmte Zahl schwach körniger, 
schmutzig-blafsgelber Körper von etwas stärkerem Lichtbrechungs- 
vermögen und gerundetem, aber selten genau kugeligem Umrifs 
(Fig. 9). Hat man sich in einer bestimmten unverletzten Zelle 
über die relative Anordnung ihrer Inhaltsbestandtheile genau orien- 
tirt und schliefst das vom Spiegel des Mikroskopes zurückgewor- 
fene Licht ab, indem man gleichzeitig ein Objektivsystem benutzt, 
dessen Fokalabstand eine genügende Intensität des von oben auf 
das Objekt fallenden Lichtes gestattet, so überzeugt man sich, dafs 



434 GesammUitzung 

die Fähigkeit blaues Licht zu reflektiren, ausschliefs- 
lich den bl afs- gelb 1 ichen Inhal tskörpern eigen ist. Da- 
mit hängt es zusammen, dafs man bei Anwendung schwacher Ver- 
gröfserungen den Zellinhalt nicht gleichmäfsig, sondern an ge- 
wissen Stellen besonders lebhaft in stahlblauem Licht erglänzen 
sieht und dafs die zu einem Maschennetz vereinigten dunklen Li- 
nien , welche die beleuchteten Zelllumina von einander abgrenzen, 
nicht nur die Dicke der Scheidewand zwischen den einzelnen Ober- 
hautzellen, sondern auch die ihnen anliegenden zwei Primordial- 
schläuche nebst einem Theil des wässerigen Zellsaftes begreifen. 

Diejenigen Zellen des Präparates, welche durch den Schnitt ver- 
letzt wurden, bleiben bei auffallendem Licht vollkommen dunkel. 
Bei näherer Untersuchung zeigt sich, dafs jede Spur der gelblichen 
Inhaltskörper in ihnen verschwunden ist. Das von aufsen einge- 
drungene Seewasser hat dieselben offenbar gelöst. 

Legt man dünne Oberflächenschnitte, deren Rindenzellen gröfs- 
tentheils unverletzt sind, in süfses "Wasser, so sieht man, gleich- 
zeitig mit dem Austritt des rothen Farbstoffes aus den Plasma- 
körnern des Wandbeleges, die gelben Inhaltskörper sich allmälig 
lösen. Die Lösung erfolgt von aufsen nach innen und ist 
meist schon nach 2 — 3 Stunden beendet. Auch nachdem die Kör- 
per schon sehr klein geworden, besitzen die Zellen immer noch, 
wenn auch in geringerem Grade, die Fähigkeit, blaues Licht zu 
reflektiren: ein Beweis, dafs die Eigenschaft, jene Farbenerschei- 
nung hervorzurufen, allen Theilen der Inhaltskörper, auch den in- 
neren, zukommt. 

Ätzkali löst die Körper wenige Sekunden, nachdem es die 
röthlichen Plasmakörner grasgrün gefärbt. Auch nach dieser Um- 
färbung wurden, wie ich mich auf das Bestimmteste überzeugt 
habe, bei auffallendem Licht die blauen Strahlen mit derselben Leb- 
haftigkeit, wie vorher, reflektirt; das Verschwinden der Erscheinung 
ist ein plötzliches und findet gleichzeitig mit der Lösung der be- 
schriebenen Inhaltskörper statt. 

Unter Einwirkung wässriger Jodlösung (1 Th. Jod, 2 Th. 
Jodkalium) nehmen die gelblichen Inhaltskörper eine dunkel roth- 
braune Färbung an. Bei dieser Umfärbung scheint sich, aufser 
dem aus der Lösung aufgespeicherten Jod, auch der aus den Plas- 
makörnern diffundirende rothe Farbstoff zu betheiligen. Ihre Form 
war nach einigen Stunden noch unverändert. 



vom 23. Juni 1870. 435 

Salzsäure und Essigsäure bewirken eine rasche Lösung 
der Inhaltskörper. In beiden Fällen geht ein Erlöschen der op- 
tischen Erscheinung in den Rindenzellen damit Hand in Hand. 

Die angeführten Reaktionen liefern übereinstimmend den Be- 
weis, dafs die Farbenänderung der Rindenzellen ausschliefslich 
durch die eigenthümlichen gelblichen Inhaltskörper derselben her- 
vorgerufen wird. Ein weiterer Beleg hierfür liegt darin, dafs die 
Lebhaftigkeit der Erscheinung genau im Verhältnifs zur Zahl und 
Gröfse dieser Inhaltskörper steht. An jungen Stämmchen, welche 
schon bei diffusem Tageslicht ein intensiv blaues Licht reflektirten, 
fand ich das Lumen der Rindenzellen dicht mit ihnen erfüllt; an alten, 
der Anheftungsstelle nahen Stammgliedern sind meist nur noch Spuren 
von ihnen vorhanden, und auch der von der Rinde zurückgeworfene 
Schimmer ist oft kaum bemerkbar. Exemplare, welche dicht un- 
terhalb des mittleren Meeresniveaus wachsen und, bei niedrigem 
Wasserstande, zeitweise entblöfst sind, verlieren den blauen Me- 
tallglanz vollständig und nehmen eine gleichmäfsig bräunliche 1 ) 
Färbung an. Die mikroskopische Prüfung zeigt, dafs die Inhalts- 
körper ihrer Rindenzellen vollkommen verschwunden sind. 

Es wurde Eingangs erwähnt, dafs das reine Stahlblau an 
manchen Stellen der Pflanze in Violett, an anderen in Grün über- 
geht. Beide Farbennuancen haben eine sehr verschiedene Ursache. 
Die violetten Töne werden stets durch Vermischung des durch- 
fallenden rothen und des reflektirten blauen Lichtes hervorgerufen, 
die sich durch die mannichfachen Spiegelungen innerhalb des Ge- 
webes zur Genüge erklärt. Unter dem Mikroskop, wo sich das 
durchfallende Licht sicherer ausschliefsen läfst, geht das Violett 
stets in reines Blau über. Grüne Töne treten vorzüglich in den 
warzenförmigen Narben, aber auch in einzelnen Zellen sonst auf und 
stehen auch unter dem Mikroskop deutlich von dem Blau der um- 
gebenden Zellen ab. Am wahrscheinlichsten ist es mir, dafs diese 
Änderung der Reflexionsfarbe mit einem langsamen Absterben der 
betreffenden Zellen in Zusammenhang steht. Die charakteristischen 
Inhaltskörper waren in allen Fällen deutlich nachweisbar. 

Die mikroskopische Untersuchung der Rindenzellen legte mir 
die Vermuthung nahe, dafs die optische Eigentümlichkeit der be- 



l ) Dieselbe Färbung, nur noch tiefer schwärzlich braun, ist auch ge- 
trockneten Exemplaren eigen. 



43^ GeSammt&itzung 

schriebenen Inhaltskörper , ihre mattgelbe Farbe bei auffallendem 
Licht in ein lebhaftes Stahlblau umzuwandeln, sich den zahlreichen 
bekannten Fluorescenz -Erscheinungen organischer und un- 
organischer Körper anreiht. Besäfsen die Inhaltskörper krystalli- 
nische oder geschichtete Struktur, so wäre es immerhin denkbar, 
dafs durch Reflexion des Lichtes an den Grenzflächen spaltenför- 
miger, mit Luft oder Flüfsigkeit gefüllter Interstition sich die In- 
terferenzfarben dünner Blättchen bilden könnten. Doch würde man 
sich auch dann kaum vorstellen können, dafs bei so grofser Ver- 
schiedenheit in Gröfse und Form der Körper, die Spalten überall 
dieselbe Weite besitzen sollten, was zur Erklärung der rein blauen 
Reflexionsfarbe unumgänglich nothwendig wäre. Unmöglich wird 
diese Annahme gegenüber der erwiesenen Strukturlosigkeit der In- 
haltskörper, die mit der eines im Zellsafte suspendirten und mit 
deutlicher Contour gegen denselben abgegrenzten Schleimtropfens 
die meiste Ähnlichkeit hat. Weder das aus der wässrigen Lösung- 
begierig aufgenommene Jod, noch Säuren und ätzende Alkalien 
liefsen die geringste Schichtung erkennen. 

Bevor ich indefs die Erscheinung als unzweifelhafte Fluores- 
cenz ansprach, war es nothwendig, sie den bekannten physikali- 
schen Proben zu unterwerfen, um so mehr als die Eigenschaft, zu 
fluoresciren, an einem Inhaltsbestandtheile lebender Zellen bisher 
noch nicht beobachtet worden ist. Ich verdanke die Gelegenheit 
hierzu der Güte der Herren Professoren Blaserna und Caniz- 
zaro, die mir Räumlichkeiten und Instrumente mit freundlichster 
Bereitwilligkeit zur Verfügung stellten. 

Es kam darauf an, zu entscheiden, wie die Erscheinung ge- 
genüber den verschiedenen Strahlen des Spektrums sich verhält. 

Die erste Versuchsreihe wurde mit farbigen Gläsern ausge- 
führt. Ein Oberflächenschnitt, welcher eine gröfsere Zahl unver- 
letzter Zellen enthielt, wurde auf dem Objekttisch des Mikroskopes 
gebracht und, unter Abschlufs des durchfallenden Lichtes, zuerst 
bei weifsem, dann bei gelbem und zuletzt bei blauem Oberlicht 
beobachtet. Bei weifsem und blauem Licht trat der Metallglanz 
mit grofser Lebhaftigkeit hervor, während unter Einflufs der gel- 
ben Strahlen keine Spur davon sichtbar war. 

Um die Wirkung der verschiedenen, insbesondere der brech- 
bareren Strahlen reiner untersuchen zu können, wurden mittels 



vom 23. Juni 1870. 437 

eines Flintglas- und eines Quarzprismas 1 ) Spektren auf dunklem 
Hintergrund entworfen und lebhaft stahlblaue Zweige unserer 
Pflanze in einem Reagensglase unter Seewasser an den einzelnen 
Abtheilungen desselben langsam vorübergeführt. Das Resultat war 
kein befriedigendes. Zwar blieb die Erscheinung im hellleuch- 
tenden Theile des Spektrums weg und trat erst im Blau wie- 
der deutlich hervor; im Violett war die charakteristische blaue 
Farbe aber schon schwierig nachzuweisen, und im Ultraviolett, wo 
eine zum Vergleich mitgebrachte Lösung von schwefelsaurem Chi- 
nin noch deutlich in dem ihr eigentümlichen mattblauen Licht 
erglänzte, waren an den Zweigen von Chondriopsis coerulescens nur 
noch Spuren eines matten Schimmers zu beobachten. Wurden die 
ultravioletten Strahlen, nach Ausschlufs der übrigen Theile des 
Spektrums, mittels einer Quarzlinse auf die Zweige concentrirt, so 
trat zwar der blaue Glanz, wenn auch schwach, doch deutlich 
hervor; da aber keine ganz absolute Dunkelheit im Zimmer her- 
zustellen war, blieb es immer unentschieden, ob derselbe von den 
ultravioletten Strahlen oder von den Spuren diffusen weissen Lichtes 
herrühre, das, wie ich mich überzeugte, von der Quarzlinse zu 
einem matten Fleck vereinigt wurde. 

Durchaus erfolglos war ein letzter, mit einem Rhumkorff- 
schen Inductionsapparat von 8 — 10 Cm. Funkenlänge ausgeführter 
Versuch. Bekanntlich ist das elektrische Licht besonders reich 
an ultravioletten Strahlen, welche Fluorescenz erregen. Im vor- 
liegenden Falle brachte weder der durch Luft, noch der durch eine 
mit Stickstoff gefüllte Geisler'sche Röhre gehende Funke das 
Phänomen zum Vorscheinen. Dieses negative Resultat scheint 
auf den ersten Blick die Möglichkeit vollkommen auszuschliefsen, 
dafs die vorliegende optische Erscheinung Fluorescenz sei. Doch 
möchte ich vor allem daran erinnern, dafs die Intensität der vio- 
letten und ultravioletten Strahlen möglicherweise in beiden Fällen 
eine zu geringe war, um die blaue Eigenfarbe hervorzurufen. Viel- 
leicht tritt aber hierzu noch ein anderes Moment. Man kennt eine 
Reihe von Körpern (z. B. Schwefelkohlenstoff und Benzol 2 ), welche 



J ) Quarzprismen und Quarzlinsen sind für die Untersuchung deshalb 
besonders geeignet, weil der Quarz die ultravioletten Strahlen, welche vor- 
zugsweise Fluorescenz erzeugen, viel weniger stark absorbirt, als Glas. 

2 ) cf. Mülle r's Lehrbuch der Physik und Meteorologie Bd. I. p. 646. 



438 Gesammtsitzung 

die Eigenschaft haben, alle sichtbaren Strahlen des Spektrums un- 
gehindert hindurchtreten zu lassen, für Ultraviolett aber undurch- 
gängig sind. Es wäre nun möglich, dafs der nach aufsen gelegene 
Theil der Rindenzellenmembran , welcher stärker, als die Seiten- 
wände verdickt ist, sich ähnlich verhielte. Ist diese Vermuthung, 
deren Prüfung durch den Versuch wohl mit grofsen praktischen 
Schwierigkeiten verbunden sein würde, richtig, so wäre dadurch 
zur Geniige erklärt, warum die ultravioletten Strahlen, besonders, 
wenn sie mit geringer Intensität auftreten, nicht bis zu den In- 
haltskörpern vordringen und die Erscheinung somit nicht hervor- 
rufen können. 

Eine sichere Entscheidung der Frage, ob die in Rede stehende 
Erscheinug Fluorescenz ist, oder nicht, wäre voraussichtlich durch 
die Untersuchung der Inhaltskörper bei polarisirtem Licht her- 
beigeführt worden. Fluorescirende Körper, besitzen nämlich, ähn- 
lich wie selbstleuchtende, die Eigenschaft, das Licht nach allen 
Richtungen hin auszustrahlen; die von ihnen ausgehenden Licht- 
strahlen sind deshalb nicht polarisirt, während bei einfach reflek- 
tirten Strahlen alle Äthertheilchen iu derselben Ebene schwingen. 
Leider konnte ich diesen Versuch, auf den mich Hr. Professor 
Blaserna freundlichst aufmerksam machte, nicht ausführen, da 
ich versäumt hatte, meinen Polarisationsapparat auf die Reise mit- 
zunehmen. 

Obschon nun durch vorstehende Untersuchung die Natur der 
optischen Erscheinungen bei Chondriopsis coerulescens noch nicht 
vollkommen aufgeklärt ist, glaubte ich, dafs die beobachteten That- 
sachen, auch in dieser unvollständigen Form, einiges Interesse bie- 
ten, um ihre Veröffentlichung zu rechtfertigen. 



Erklärung der Abbildungen. 

Fig. 1. Ende eines erwachsenen Zweiges, nach Behandlung mit Ätzkali, 
bei mittlerer Einstellung (also im optischen Längsschnitt) gezeichnet. 
45 mal vergröfsert. 
Fig. 2. Querschnitt durch ein erwachsenes, lebhaft blau schimmerndes Stämm- 
chen. Bei a ist eine warzenförmige Zweignarbe durch den Schnitt 
getroffen. 

88 mal vergröfsert. 
Fig. 3. Vegetationspunkt eines jungen Astes, nach Behandlung mit Ätzkali. 
480 mal vergröfsert. 



Mma&fa d.K. f&ad d. WJu/ä /<$M 



/ 



n 



f'i 










Uim/ ad nat del. 



CFISckmüit 7?r/< 



vom 23. Juni 1870. 439 

Fig. 4. Vegetationspunkt eines in Fortentwickelung begriffenen Hauptastes, 
nach Behandlung mit Ätzkali durch Druck aus der napfförmigen 
Vertiefung der Stammspitze hervorgestülpt. 
480 mal vergröfsert. 
Fig. 5. Junger Adventivzweig, aus dem obern Theil einer warzenförmigen 
Narbe (10 Mm. unterhalb der Spitze des Mutterastes) hervorbrechend. 
330 mal vergröfsert. 
Fig. 6. Junger Achselsprofs , nach Behandlung mit Ätzkali im optischen 
Längsschnitt gezeichnet. 
480 mal vergröfsert. 
Fig. 7. Dreizellige Anlage eines pseudodichotimen Haares. 

480 mal vergröfsert. 
Fig. 8. Junges Haar, auf weiterer Entwickelungsstufe, als Fig. 7. 

480 mal vergröfsert. 
Fig. 9. Unverletzte Rindenzellen eines blau schimmernden Stämmchens, durch 
einen Oberfiächenschnitt abgetrennt. 

480 mal vergröfsert. (Die Körnelung der gelblichen Inhaltskör- 
per ist in Wirklichkeit matter, als in der Figur). 



Hr. du Bois-Reymond las einen Nachtrag zu seiner Ab- 
handlung über die aperiodische Bewegung gedämpfter 
Magnete (s. Nachtrag). 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wurden 
vorgelegt: 

E. Ketteier, Über den Einfluß der ponderablen Moleküle auf die Dis- 
persion des Lichtes. Berlin 1870. 8. 

F. Rausch, Geschichte der Literatur des Rhäto -Romanischen Volkes mit 
einem Blick auf Sprache und Charakter desselben. Frankfurt a. M. 1870. 
8. Mit Schreiben des Verf. d. d. Frankfurt a. M. vom 20. Juni 1870. 

Verhandlungen des naturhistorisch-medizinischen Vereins zu Heidelberg. 5. 

Bd. 3. Heft. Heidelberg 1870. 8. 
[1870] 31 



440 Sitzung der j)hijsikaUsch-mathematischen Klasse 

Schweizerische Meteorologische Beobachtungen. Juni- August 18G9. Zürich 

1869. 4. 
Nederlandsch Meteorologisch Jaarboek voor 1869. l.Deel. Utrecht 1 809. 4. 
Proceedings of the Asiatic Society, no. 11. 18G9. no. 2. 1870. 
Journal of the Asiatic Society. 18G9, no. 4. Calcutta 1870. 8. 
Numismatic Chronicle. no. 37. London 1870. 8. 
Oversigt over det Kongl. Danske Videnskabernes Selskabs Forhandlinger, 

i aaret 1869. Kjobnhavn 1869—70. 8. 
Proceedings of the Royal Irish Academy. Vol. 10. Edinburgh 1867 — 68. 8. 
Transactions of the Royal Irish Academy. Vol. 24. Dublin 1867—1870. 

9 Hefte 4. 
Breen, On the corrections of Bouvard's Elements of the orbits of Jupiter 

and Sdaturn. (Appendix to the Greenwich Observations for 1868.) 
Verhandlungen der Südslavischen Akademie. 11. Heft. Agram 1870. 8. 
v. Eichwald, Nils von Nordenskiöld und Alexander von Nordmann. 

Petersburg 1870. 8. 
Scriptores verum Lusaticarum. Vol. 4. Görlitz 1870. 8. 



27. Juni. Sitzung der physikalisch -mathemati- 
schen Klasse. 

Hr. C. Rammeisberg las Beiträge zur Kenntnifs der 
Meteoriten. 

Über die Analyse von Meteoriten. 

Berzelius hat in seiner ausgezeichneten Arbeit die Methode 
der Untersuchung vorgezeichnet, welche in ihren Grundzügen noch 
heute besteht. Dennoch ist es für Jeden, der sich mit eigenen 
Forschungen in diesem Gebiet beschäftigt, von grofser Wichtigkeit, 
diese Methode in einzelnen Theilen zu verbessern, da sich nicht 
verkennen läfst, dafs hierin noch viel zu thun übrig bleibt. 

1. Trennung des Nickels vorn Eisen. 
Berzelius bediente sich dazu zweier Methoden. Entweder 
fällte er das Eisenoxyd durch überschüssiges Ammoniak oder er 
setzte nur soviel desselben hinzu, dafs ein basisches Salz entstand 



vom 27. Juni 1870. 441 

und fällte dann mit bernsteinsaurem Ammoniak. Das Nickel wurde 
aus dem Filtrat immer durch Ammoniumhydrosulfür niedergeschla- 
gen. Nach H. Rose ist die erste Methode die ungenauste von 
allen, weil das Eisenoxyd immer nickelhaltig bleibt; man erhält 
also zu wenig Nickel. Und was die zweite betrifft, so giebt sie 
nach H. Rose ein kaum besseres Resultat. 

Sehr allgemein benutzt man die Fällung des Eisens, nachdem 
seine Lösung mit kohlensaurem Natron bis zur Röthung versetzt 
worden, durch essigsaures Natron in der Siedhitze. Allein auch 
von dieser Methode bemerkt H. Rose, dafs sie beim Nickel nicht 
ganz so genau sei wie beim Kobalt. 

Die Scheidung beider Metalle durch kohlensauren Baryt liefert 
nach H. Rose befriedigende Resultate, gelingt besser als beim 
Kobalt, läfst aber doch Spuren von Nickel beim Eisen. 

Bei der Analyse von Meteoreisen können andere Methoden 
kaum in Betracht kommen. 

Nach meinen Erfahrungen ist die Anwendung des kohlensau- 
ren Baryts vorzuziehen, denn selbst wenn man die Fällung durch 
essigsaures Natron wiederholt hat, so läfst sich durch jenen noch 
etwas Nickel in dem Eisen nachweisen. Beispielsweise sei ange- 
führt, dafs bei diesem Verfahren das Meteoreisen von Tula (s. wei r 
terhin) gab: 

durch die erste Fällung 8,18 pc. Ni 

„ „ zweite „ 0,58 „ 

„ kohlensauren Baryt 1,48 „ 
zusammen 10,24 „ 

Man wird bei mehreren Analysen stets das Maximum des 
Nickels als die zuverläfsigste Zahl annehmen müssen. 

Wie grofs die Differenzen lediglich in Folge des Verfahrens 
sind, zeigen folgende Zahlen für den Prozentgehalt von Nickel. 

Meteoreisen von nach meinen Ver- 
suchen 
Tula 9,84— 10,24 2,63 Auerbach, 

Ruffs Mountains 9,65 3,12 Shepard, 

. Lockport 10.73 5,71 Silliman. 

Man mag sich vorstellen, wie viele Angaben in dieser Hinsicht 
weit unter dem wahren Werth geblieben sein mögen. 

31* 



442 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

2. Trennung und Bestimmung des Meteoreisens in Steinmeteoriten. 
Alle, welche sich mit Analysen dieser Art beschäftigt haben, 
wissen, dafs eine mechanische Absonderung des Eisens durch 
Schlämmen und durch den Magnet sehr mangelhaft ist. Deshalb 
hat Wohl er die Anwendung von Kupferchlorid empföhlen, wobei 
nach ihm das Schwefeleisen nicht angegriffen wird. Diese Methode 
entspricht ihrem Zweck, nur mufs das Chlorid säurefrei sein. 
Indessen die nachherige Ausfällung des Kupfers durch Schwefel- 
wasserstoff ist bei der leichten Oxydation des Schwefelkupfers nicht 
angenehm, und selbst möglichst neutrales Kupferchlorid ist nicht 
ohne Wirkung auf Schwefeleisen und die Silikate. 

Von 100 Th. gepulverten Eisensulf urets (aus käuflichem Schwe- 
feleisen durch Schmelzen mit Schwefel) löste Kupferchlorid bei 
zweitägiger Digestion 35,8 auf. 

Bei einer Analyse des Chondrits von Pultusk mittelst Kupfer- 
chlorid enthielten 0,17 Nickeloxyd bei näherer Prüfung 0,048 
Magnesia, d. h. wäre jenes rein, so würde es = 0,13324 Ni ge- 
wesen sein; statt dessen war es = 0,09292 Ni, oder statt 100 Th. 
Ni haben wir nur etwa 70 Ni und mehr als 36 MgO. 

Ich habe mich deshalb des Quecksilberchlorids bedient, 
welches neutral ist und nichts Feuerbeständiges in die Analyse 
bringt. Auch hat die Fällung des Schwefelquecksilbers nichts Un- 
bequemes. Freilich greift es Schwefeleisen ebenfalls, doch weit 
weniger an. 

Von 100 Th. Eisensulfuret wurden unter gleichen Umständen 
nur 6,97 aufgelöst. 

Ja es haben sogar früher schon Grewingk und Schmidt in 
der Auflösung dieses Chlorids ein Mittel finden wollen, die Menge 
nicht blos, sondern auch sogar die Natur des Schwefeleisens zu 
ermitteln, ob Troilit (FeS) oder Magnetkies (Fe 8 S 9 ). Dies beruht 
doch darauf, dafs das Chlorid Schwefeleisen leicht und. vollkom- 
men zersetzen könnte. Ich habe zudem schon vor längerer Zeit 
nachgewiesen 1 ), dafs von Magnetkies nach 6 Tagen nur 30 p. C. 
zersetzt waren, und dafs ebensowenig die hierbei freiwerdende 
Schwefelsäure der von den Urhebern dieser Methode aufgestellten 
Rechnung entspricht. 



!) Zeitschrift der d. geo]. Ges. 18, 691. 



vom 27. Juni 1870. 443 

Selbst auf den Olivin der Meteoriten ist das Quecksilberchlo- 
rid nicht ohne Einwirkung. 100 Th. Nickeloxyd von dem M. von 
Pultusk enthielten 39,3, und von dem von Richmond 41,7 p. C. 
Magnesia. 1 ) 

Chlors über ist nicht gut verwendbar, weil sich basisches 
Eisenchlorid bildet und das pulverige Silber den Silikaten beige- 
mengt bleibt. 

Jod hat Wöhler nicht brauchbar gefunden. Wässeriges 
Brom ist ein vortreffliches Mittel, Eisen aufzulösen (Meteoreisen, 
Roheisen etc.), allein es greift auch die Silikate sehr stark an. 
100 Th. des M. von Pultusk lieferten einen Auszug, aus dem er- 
halten wurden: 

Eisenoxyd 29,07 
Nickeloxyd 2,02 
Magnesia 4,72 

Bei wiederholter Behandlung des Rests mit Wasser und Brom gin- 
gen Magnesia und Eisen von neuem in Lösung. 



3. Die Analyse der Silikate. 

Wie vortrefflich die in neuerer Zeit öfter verdächtigte Tren- 
nung der Silikate durch Säuren in geeigneten Fällen zum Ziele 
führt, habe ich immer wieder bestätigt gefunden. Nur darf man 
nicht vergessen, dafs die Kieselsäure des Olivins aus dem Rest 
noch feucht durch Kochen mit einer Auflösung von kohlensaurem 
Natron zu extrahiren und aus derselben abzuscheiden ist. Ferner 
aber, dafs die Analyse des unzersetzbaren Silikats eine Prüfung 
der Kieselsäure auf ihre Reinheit erfordert, dafs Thonerde und 
Magnesia sich genau nur in der Fluorwasserstoffanalyse bestimmen 
lassen, und dafs ihre Trennung am sichersten durch Glühen mit 
Ätzkali erfolgt, wobei man die Menge der Thonerde aus der Dif- 
ferenz findet und somit von der Reinheit des Kalis unabhängig ist. 



J ) Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, dafs Magnet eisen von beiden 
Chloriden gar nicht angegriffen wird. 



444 



Sitzung der f)lnjsikaUsch-mathematkclien Klasse 



A. Meteoreisen. 
I. Ruffs Mountains, Newberry (oder Lexington County), 
Südcarolina. Feilspähne, z. Th. gerostet, von Shepard mitgetheilt, 
der dieses Eisen beschrieben hat. 1 ) Die Masse wog 53 Kilogr. 
In a mit Chlorwasserstoffsäure, in b mit Quecksilberchlorid auf- 
gelöst. 



Nickel 









Analyse 


a 


b 


Mittel 


von Shepard 


7,6 


9,65 


8,62 


3,12 
96,00 



II. Lockport (Gambria) 



Brom. 



Schwefel 


0,17 1 

0,30 J 


Eisen 


Eisen 


88,76 


Nickel 


10,65 


Kobalt 


0,08 


Kupfer 


0,04 



,47FeS 



99,12 
New -York. Analyse mittelst 

Silliman 



100 



92,58 
Jl 

Rückstan d 1,40 
99,69 



] K 



III. Tula (Netschaevo). Von einem gröfsern, von Dr. Auer- 
bach erhaltenen Stück. Analyse a mittelst Chlorwasserstoffsäure ; 
b mittelst Quecksilberchlorid. 

Nickel (Co) im 

Maximo 
a == 10,24 p. C. 



b = 9,84 
2,63 



nach einer frühern Unter- 
suchung Auerbach' s. 2 ) 



B. Der Pallasit von Brahiri. 

Die im Jahre 1810 bei Brahin im Gouv. Minsk gefundenen 

beiden Stücke (im Gewicht von etwa 200 Pfund) gleichen in jeder 

Beziehung der berühmten Pallasmasse aus Sibirien. Während wir 

aber von dieser, von ihrem Meteoreisen und dem Olivin, durch 



») Am. J. Sc. (2) 10, 128. 15, 5. 
2 ) Pogg. Ann. 118, 363. 



vom 27. Juni 1870. 445 

Berzelius. längst eine genaue Kenntnifs haben, ist die Meteor- 
masse von Brahin nur von Laugier im J. 1823 in höchst unvoll- 
kommener Art untersucht worden. 1 ) Ich theile deshalb hier die 
Resultate meiner Analysen mit, und stelle sie des Vergleiches we- 
gen mit denen der Pallasmasse von Berzelius zusammen. 

A. Das Meteoreisen, durch Hämmern vom anhängenden 
Olivin befreit, wurde mittelst einer Auflösung von Quecksilberchlo- 
rid analysirt. 





Pallaseisen 




Berzelius 


Eisen 


88,17 


Nickel (Co) 


11,04 11,19 




Cu 0,07 




Mg 0,05 




C 0,04 




Rückstand 0,42 



100 

Beide sind gleich zusammengesetzt, etwa NiFe 8 . Die kleine Menge 
des zur Verfügung stehenden Materials gestattete nicht, auf die 
Nebenbestandtheile Rücksicht zu nehmen. 

Der Olivin hat folgende Zusammensetzung: 

Pallasmasse 









Berzelius 


Kieselsäure 


37,58 




40,86 


Magnesia 


43,32 




47,35 


Eisenoxydul (Mn) 


18,85 




12,15 




99,75 


Sn 


O 2 0,17 



100,53 

Hiernach ist der Olivin beider Massen etwas verschieden; der von 
Brahin enthält Fe : Mg im Verhältnifs 1:4, der der Pallasmasse 
beide =1:8. Jener stimmt mit dem O. des Pallasits von Ata- 
cama nach der Analyse von Schmid. 

C. Die Chundrite von Pultusk, Richmond und Jowa. 

Die Chondrite, die bei weitem zahlreichste Abtheilung der 
Steinmeteoriten — 93 unter 109 der Berliner Sammlung oder mehr 



') Gilb. Ann. 75, 264. 



446 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

als 85 p. C. gehören ihr an — haben zahlreiche Analysen hervor- 
gerufen, und man sollte danach glauben, dafs hierdurch bestimmte 
Schlüsse auf ihre mineralogische Natur gegeben seien. 

Wie bekannt enthalten sie Nickeleisen in mehr oder min- 
der feiner Verkeilung in einer überwiegenden Grundmasse. Sehr 
geringfügig und nicht immer nachweisbar ist Seh wefeleisen, aus 
dessen Farbe man auf Magnetkies schliefst, sowie C hrom eisen- 
er z. Jene Grundmasse aber, welche fast immer kleine Kugeln 
von unebenem oder excentrisch faserigem Bruch enthält, mitunter 
ganz aus solchen besteht, ist ein Gemenge von Silikaten, von de- 
nen sich eins durch Beobachtung bei manchen als Olivin in äus- 
serst kleinen Krystallen oder Körnern zu erkennen giebt, während 
seine Gegenwart in allen Chondriten durch die Analyse unzwei- 
felhaft Avird. Welcher Natur aber das Übrige ist, darüber giebt 
die Beobachtung an sich sowohl als auch der Dünnschliffe unter 
dem Mikroskop keinen bestimmten Aufschlufs. G. Rose, dem 
wir die genausten Untersuchungen dieser Art verdanken, konnte 
nur faserige Aggregate und vereinzelte schwarze, grün durchschei- 
nende Körner wahrnehmen. 

Beseitigt man das Nickeleisen eines solchen Meteoriten, indem 
man das Pulver mit einer Auflösung von Quecksilberchlorid er 
hitzt, so bleiben die Silikate nebst Schwefeleisen und Chromeisen 
zurück. Behandelt man dies Gemenge mit Chlorwasserstoffsäure, 
so löst sich das Schwefeleisen auf und etwa die Hälfte der Sili- 
kate wird zersetzt. Der zersetzte Antheil ist in allen Fällen Oli- 
vin, oft ganz rein, bisweilen ein wenig Kalk- und Thonerde ent- 
haltend, weil die Säure auch den Rest nicht unangegriffen liefs. 
Dieser Rest ist es nun, dessen Natur zu ergründen, hauptsächlich 
das Ziel neuer Versuche gewesen ist. 

Alle Analysen dieses Theils haben darin Eisenoxydul 1 ) 
und Magnesia nachgewiesen; von 34, welche mir zur Verglei- 
chung zu Gebote stehen, giebt nur eine (Ch. von Sauguis nach 
Meunier) keine Thonerde, alle übrigen zwischen 1 und 12 p. C, 
meist jedoch nicht über 6 p. C. Vier geben keinen Kalk, die 
übrigen 0,5 — 5 p. C. dieser Erde. Natron und Kali, von ge- 



] ) Kakova und Murcia sind die einzigen, wo das Eisen ganz oder fast 
fehlt. 



vom 27. Juni 1870. 447 

ringen Mengen bis etwa 5 p. C, sind meist aufgeführt, und über- 
haupt wohl stets vorhanden, wenn auch die Untersuchung nicht 
darauf Rücksicht genommen hatte. 

Berzelius äufsert sich in seiner wichtigen Arbeit über die 
Meteoriten, nachdem er die Chondrite von Blansko und Chanton- 
nay untersucht hat, über diesen Silikatrest nur ganz allgemein, in- 
dem er bemerkt, dafs das Ganze ein Bisilikat darstelle, und ver- 
muthlich aus einem augitartigen und einem leucitartigen bestehe, 
wobei er aber nicht an den dnrch Säuren zersetzbaren Leucit denkt, 
sondern einen Kalk- und Alk alifeld Späth von Bisilikatmischung im 
Sinne hat, also einen Körper, wie man ihn als Andesin bezeich- 
net hat. 

Auch später ist die Vorstellung, dieser Theil der Chondrite 
bestehe aus zwei ganz bestimmten Silikaten, die in unseren Gestei- 
nen häufig seien, immer wieder hervorgetreten, und ich suchte im 
J. 1843 durch eine Berechnung der Analysen zur Kenntnifs der 
einzelnen Silikate zu gelangen. 1 ) Eine solche Berechnung schien 
zu beweisen, dafs der Silikatrest der Ch. von Chateau- Renard, 
Blansko und Chantonnay als Labrador und Hornblende gedeutet 
werden könnte. 

Als dann meine eigenen Versuche zeigten, dafs die ältere An- 
sicht über die Zusammensetzung der Hornblende nicht richtig war, 
wies ich nach, dafs jener Rest aus den Ch. von Chantonnay und 
Blansko sich wohl auch als Augit und Labrador auffassen lasse, 
erkannte aber zugleich, wie unsicher bei dem Angriff der Säuren 
auf Labrador die Grundlage solcher Rechnungen sei, welche nur 
dadurch eine Art von Berechtigung erhielten, dafs terrestrische Ge- 
menge von Augit und Labrador, auch mit Olivin, in Basalten und 
Doleriten häufig sind, und dafs die Eukrite gleichfalls, und zwar 
erweislich, aus Augit und einem Feldspath (damals für Labrador 
gehalten, später allerdings als Anorthit erkannt) bestehen. 2 ) 

In der letzten Zeit sind einige wichtige Fortschritte in der 
Kenntnifs der Mineralien, welche andere Klassen von Meteoriten 
bilden, gemacht worden. Wir wissen jetzt mit voller Sicherheit, 
dafs Olivin und Augitsubstanz (Broncit), jede für sich, Meteorite 



J ) Pogg. Ann. 60, 130. 

2 ) Handbuch der Mineraleheinie S. 929 u. f. 



448 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

bilden, dafs ein Gemenge beider den Shalkit, dafs dasselbe Ge- 
menge mit Meteoreisen die Mesosiderite constituirt. 

Die Erfahrungen Daubree's, dafs Chondrite nacti dem Schmel- 
zen zu einem Eisenkörner enthaltenden sehr deutlichen Krystall- 
gemenge von Singulo- und von Bisilikat, d. h. von Olivin- und 
Augitsubstanz erstarren und meine eigene Erfahrung, dafs alle al- 
kalihaltigen Feldspathe (Orthoklas, Albit, Oligoklas, Labrador) 
beim Schmelzen Gläser bilden, dafs Daubree auch die Eukrite 
(Juvinas) zu Glasmassen schmolz, während in den geschmolzenen 
Chondriten nichts davon zu bemerken ist, — diese Thatsachen 
mufsten zu dem Schlufs führen, dafs Feldspathsubstanz in den 
Chondriten überhaupt nicht vorkommt. 

Die Analyse eines Mineralgemenges, wie die Meteoriten ein 
solches bilden, mufs so vollkommen wie möglich sein, wenn sie 
der Berechnung der Gemengtheile zur Grundlage dienen soll. Ber- 
zelius's Arbeiten haben den Weg gebahnt, aber die analytische 
Chemie hat seit 40 Jahren wesentliche Fortschritte gemacht; es 
wird daher heute sogar nöthig, selbst diese anerkannten Unter- 
suchungen zu revidiren, indem man dasselbe Material schärferen 
Trennungsmethoden unterwirft. Bevor dies geschehen ist, wird es 
dem Forscher erlaubt sein, zunächst blos seine eigenen Erfahrun- 
gen und die daraus hergeleiteten Schlüsse darzulegen, und die 
Hoffnung auszusprechen, eine spätere Wiederholung der früheren 
Arbeiten werde das gesetzlich Erkannte als allgemein gültig be- 
währen. 

In diesem Sinne habe ich drei Chondrite speciell untersucht, 
nämlich 1) Pultusk, der reichliches Material bot und weil mit ihm 
gerade in letzter Zeit zwei Untersucher (vom Rath und Werther) 
sich beschäftigt haben; 2) Richmond in Virginien und 3) Linn- 
County, Jowa, weil diese beiden bisher überhaupt nicht zuver- 
läfsig untersucht waren. 



I. Pultusk. 

1. Analyse mittelst Kupferchlorid. 

2. 3. 4. Analyse mittelst Quecksilberchlorid. Das Material 
von 4. war durch Absieben von den grobem Körnern des Meteor- 
eisens getrennt. In Nr. 3 war die Behandlung mit Quecksilber- 
chlorid wiederholt worden. 



vom 27. Juni 1870. 449 

Zwei gesonderte Versuche hatten 0,99 p. C. und 1,00 p. C. 
Schwefel gegeben. 

A. durch die Metallchloride aufgelöst. 

B. durch ChlorwasserstofFsäure zersetzt. 

C. unzersetzbares Silikat. 



B. { 
C. 





1. 


2. 


3. 


4. 


/ Eisen 
Nickel 
*• Magnesia 


13,82 


13,42 


12,96 


4,59 


2,211 
l,llj 


2,90 


2,045 


0,89 


0,96 


0,73 


Schwefel 


0,99 


0,99 


1,00 


1,00 


Eisen 


1,73 


1,73 


1,75 


1,75 


( Kieselsäure 


12,16 


13,04 


12,17 


15,30 


1 Eisenoxydul 


12,12 


11,34 


10,05 


11,68. 


I 






NiO 0,57 




l Magnesia 


13,54 


14,23 


12,88 


16,97 




42,70 


41,04 




45,96 



100,38 98,69 98,87 



Die metallischen Chloride haben ein wenig Olivin zersetzt, 
denn sie haben Magnesia aufgelöst. Man hat daher die Olivinba- 
sen, und zwar, wie wir sehen werden, in dem Verhältnifs Fe:6Mg 
abzuziehen 1 ), und erhält so: 







1. 


2. 


3. 


4. 


A. 


f Eisen 
1 Nickel 


13,31 


12,91 


12,74 


4,25 


2,21 


1,93 


2,045 


0,89 




j- Kieselsäure 
l Eisenoxydul 
*- Magnesia 


12,16 


13,04 


12,17 


15,30 


B. 


12,78 


12,00 


6,73 


12,12 




14,65 


15,20 


13,84 


17,70 



Hiernach würde das Meteoreisen dieses Chondrits 

Nickel 14,24 13,00 13,83 17,31 p. C. 

enthalten, während in A. die Sauerstoffverhältnisse sind: 

1. 2, 3. 4. 

SiO 2 6,48 = 1 6,95 = 1 6,49 = 1 8,16 = 1 

RO 8,70 1,34 8,75 1,26 7,04 1,09 9,77 \ß 



x ) In Nr. 3 das NiO als Ni. überdies (als Nickel) in Rechnung zu bringen, 



450 Sitzung der plnjsikalisch-mathematischen Klasse 

Nun liegt kein Grund vor, in A. aufser Olivin eine andere 
Verbindung anzunehmen, dagegen ist es in hohem Grade wahr- 
scheinlich, dafs etwas Meteoreisen von dem Lösungsmittel nicht 
angegriffen wurde, zurückblieb und die Menge der RO vergrös- 
serte. 1 ) 

Wir berechnen daher aus der Kieselsäure und der Magnesia 
die zum Olivin nöthige Menge FeO, und erhalten: 

1. 2. 3. 4. 

Kieselsäure 12,16 13,04 12,17 15,30 

Eisenoxydul 2,79 3,91 4,27 4,86 

Magnesia 14,65 15,20 13,84 17,70 

Bringt man nun den Rest des Eisens für das Meteoreisen in Rech- 
nung, so folgt 

1. 2. 3. 4. 

Eisen 21,09 19,20 19,705 9,90 

Nickel 2,21 1,93 2,045 0,89 
d. h. 

Nickel 9,49 9,13 9,40 8,25 p. C. 

Nach den früheren Versuchen enthalten die mittelst des Ma- 
gnets ausgezogenen Körner 

6,93 p. C. Nickel nach Rath 
8,0 „ „ „ Werther. 

Rath hat die Zusammensetzung des zersetzbaren Theils in 
dem vom Meteoreisen durch den Magnet befreiten Pulver gefunden. 

Sauerstoff 
Kieselsäure 35,4 18,9 

Thonerde 0,7 * 

Eisenoxydul 24,9 | 21,4 

Magnesia 39,0 ' 

100 

Sehr erklärlich ist auch hier der Überschufs an Eisen. Es 



l ) Diese Annahme wird durch Nr. 3 faktisch bewiesen, wo auf die 
Gegenwart und Menge des Nickels in der Auflösung der Olivinbasen genau 
geachtet wurde. 



vom 27. Juni 1870. 



451 



folgt hier die corrigirte Analyse neben den procentischen Zahlen 
meiner Versuche: 



1. 


2. 


3. 


4. 


Rath Werther 


Kieselsäure 41,08 


40,56 


40,19 


40,41 


39,67 40,53 


Eisenoxydul 9,42 


12,16 


14,11 


12,84 


16,64 13,08 


Magnesia 49,50 


47,28 


45,70 


46,75 


43,69 44,36 


100 


100 


100 


100 


100 Kalk 2,03 



100 



Das Atomverhältnifs ist 



Fe 1 1 1 11 

Mg 9,5 7 5,8 7 4,7 


1 

6,3 


Hiernach scheint 1 : 6 das annehmbarste Verhältnifs, 
mithin 

f Fe 2 SiOM 


der Olivin 



berechnet zu 



l 6Mg 2 SiO* J 

7Si = 196 = SiO 2 40,24 
2Fe = 112 FeO 13,79 

12Mg=288 Mg O 45,97 

28 = 448 



100 



1044 



Wir kommen nun zu dem unzersetzbaren Silikat (C). 
Dasselbe enthält etwas Chromeisenerz, im Mittel 1,26 p. C. Sein 
V.-G. fand ich = 3,20. Die procentische Zusammensetzung die- 
ses Theils, verglichen mit Rath*s und Werther's Resultaten, ist 

2. 3. Werther Rath 



Kieselsäure 


56,93 


55,48 


57,76 


60,1 


Thonerde (Cr) 


4,17 


4,58 


2,70 


1,7 


Eisenoxydul (Mn) 


9,54 


9,01 


10,71 


10,0 


Magnesia 


24,23 


24,14 


22,43 


24,8 


Kalk 


3,10 


3,65 


4,96 


0,6 


Natron 




2,22 


1,44 


2,8 


Kali 




0,92 


— 


— 



100 



100 



100 



Werden die kleinen Mengen Na und K in ihr Äq. von R ver- 
wandelt, so verhalten sich die Atome 



452 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 



R:Si 


AI 


R 


3 = 1 : 1,1 


1 


18,6 


Werther = 1 : 1,16 


1 


: 31,8 


Rath =1:1 ,24 


1 


:47,3 



Es läfst sich hiernach wohl behaupten, dafs das erste Verhältnifs 
= 1:1, das Silikat also ein normales oder Bisilikat ist, bei dem 
ein wenig Kieselsäure vom Olivin zurückgeblieben ist. 

Ist nun AI : R = 1:18, so hat das Ganze den Ausdruck 



r iSRSion 

1 AI O 3 J 



wobei R : R = 1:9, und 

Ca : Fe : Mg = 1:2:9 ist. 

Man wird nicht anstehen, diesen Theil des Chondrits von Pultusk 
für Broncit zu erklären. 

Als Endresultat meiner Versuche folgt für diesen Meteoriten 

2. 3 1 ). 

Nickeleisen 21,13 = 21,78 10,79 == 11,08 

Schwefeleisen 2,69 2,77 2,75 2,82 

Chromeisenerz 1,26 1,30 1,26 1,30 

Olivin 32,15 33,14 37,86 38,89 

Broncit 39,78 41,01 44,70 45,91 

97,01 100 97,36 100 

Beide Silikate stehen in dem Verhältnifs von 

45,3 : 54,7. 
(44 : 56 Werther.) 
(42,6 : 57,4 Rath.) 
(47 :53 Wawnikiewiz.) 2 ) 



a ) Nach Entfernung eines Theils Meteoreisen. 

2 ) Notice sur la meteorite de Pultusk. Publie par la Haute Ecole de 
Varsovie. 



vom 27. Juni 1870, 



453 



II. Richmo n d. 

Dieser am 4. Juni 1828 südwestlich von Richmond in Vir- 
giriien gefallene etwa vier Pfund schwere Stein ist von Shepard 
beschrieben worden. 1 ) 

G. Rose bemerkt hinsichtlich seiner äufseren Beschaffenheit, 
dafs die Kugeln der Masse oberflächlich rauh, selbst drusig seien, 
und dafs sie dichtgedrängt nebeneinander liegen. 

Eine vor Jahren von Shepard erhaltene Quantität kleiner 
Stückchen und groben Pulvers setzte mich in den Stand, diesen 
Meteoriten näher zu untersuchen. 

1. Analyse mittelst Quecksilberchlorid. 

2. direkte Behandlung mit Chlorwasserstoffsäure. 

Eine besondere Schwefelbestimmung gab 1,55 p. C. dieses 
Elements, 

= 4,26 Fe S = 2,71 Fe 
= 3,96 Fe 8 S 9 == 2,41 Fe. 



Quecksilberchlo- 
ridauszug 



Chlorwasserstoff- 
auszug 



Unzersetzb. Silik. 



1. 

Eisen 
Nickel 



JEi 
INi 



Eisen 
Schwefel 



3,74 1 
1,18 J 

2,711 
1,55 I 



Eisenoxydul 12,80' 



Kalk 

Magnesia 
Kieselsäure 

Eisenoxydul 

Kalk 

Magnesia 

Thonerde 

Kieselsäure 



0,27 
18,32 
16,80 

5,37 1 
2,26 
9,07 
2,17 
21,91 



4,92 
4,26 

48,19 



40,78 



2,71 
1,55 

(u. NiO) 17,79 

0,45 

18,83 

18,27 



40,57 



98,15 



100,17 



Zuvörderst ist zu bemerken, dafs das ursprüngliche Nickel- 
eisen sich theilweise oxydirt zu haben scheint; die vielen Rost- 
flecke sprechen dafür, mehr aber noch der Umstand, dafs der 



*) Am. J. Sc. 15, 195. 16, 191. 42, 102. (2) 6, 411. 



454 



Sitzung der j)liysikaHscli-mathematlsclien Klasse 



Chlorwasserstoffauszug in 1., für Olivin zuviel Basen, d. h. FeO 
gegeben hat. Wir werden also diesen Theil als Olivin berechnen 
und das überschüfsige Eisen als ursprünglich metallisch vorhanden 
ansehen: 





1. 


Eisen 


8,27 


Nickel 


1,18 


Eisen 


2.71 


Schwefel 


1,55 


Kieselsäure 


16,80 


Eisenoxydul 


0,98 


Magnesia 


18,32 


Kalk 


0,27 



£}*»-{£!}*■"" 



100 



,2G FeS 



42,37 Olivin 



40,78 Unzersetztes Silikat. 



96,86 



wobei der Verlust eine Folge des nachträglich oxydirten Theils 
Eisen ist. 

In 1. beträgt das Eisen als FeO 20,02, das Nickel als NiO 
1,52, beide zusammen 21,54 p. C. 

In 2. wurde die Gesammtsumme beider = 21,27 p. C. gefun- 
den, also vollkommen übereinstimmend. 

Da auch die Menge des Unzersetzten in beiden Versuchen fast 
dieselbe ist, so wollen wir 2. mit Hülfe des Schwefels und Nickels 
in 1., und unter Annahme von Olivin berechnen: 



6,56 
4,26 

46,91 Olivin 

40,57 Unzersetztes Silikat 
98,30 



Eisen 
Nickel 


2. 
5,74 1 

0,82 J 


Eisen 
Schwefel 


2,71 | 
1,55 J 



Kieselsäure 18,27 
Eisenoxydul 9,36 
Magnesia 18,83 
Kalk 0,45 



vom 27. Juni 1870. 455 

Das Mittel beider Versuche giebt für die Mischung des Steins 
von Richmond : 

Nickeleisen 8,22 

Schwefeleisen 4,37 

Olivin 45,73 1 f 52,32 j 

Unzersetzbares Silikat 41,68 J " ( 47,68 J 
100 100 

Gehen wir jetzt zur näheren Betrachtung der beiden Silikate 
über. 

Das durch Säuren Zersetzbare kann nichts anderes als Oli- 
vin sein, dessen prozentische Zusammensetzung ist: 

1. 2. Mittel 

Kieselsäure 39,65 38,95 39,30 

Eisenoxydul 16,47 19,95 18,21 

Magnesia 43,24 40,14 41,69 

Kalk 0,64 0,96 0,80 



100 100 100 

Der Olivin des Chondrits von Richmond enthält also 1 Ar. 
Eisen gegen 4 At. Magnesium, d. h. er ist eine Mischung 

f Fe 2 SiOM 
1 4 Mg 2 Si O* j 

berechnet zu: 

5Si = 140 = Si O 2 39,27 
2Fe = 112 FeO 18,85 
8Mg = 192 MgO 41,88 
20 O = 320 100 

764 

Er ist also genau derselbe wie derjenige der Pallasite von Brahin 
und Atacama. 

Das unzersetzbare Silikat hat folgende prozentische Zu- 
sammensetzung: 

[1870] 32 



456 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 









Atome 


Kieselsäure 


53,74 = 


= Si 25,08 


17,2 


Thonerde 


5,32 


AI 2,83 


1 


Eisenoxydul 


13,17 


Fe 10,24 


3,5 | 
10,7 | 16 


Magnesia 


22,23 


Mg 13,34 


Kalk 


5,54 


Ca 3,96 


1,8 j 



100 

Da R: Si offenbar = 1:1, so ist es ein normales oder Bi- 
silikat von Magnesium, Eisen und Calcium, d. h. es ist entweder 
ein kalkhaltiger Broncit oder ein Gemenge von kalkfreiem 
Broncit und Kalk-Augit = Diopsid, worüber die Analyse na- 
türlich nicht entscheiden kann. 

Da die Atome von Ca : Fe : Mg = 1:2:6 sind, da ferner 
AI :R = 1 : 16, so ist es im ersten Fall 



16RSi0 3 
AlO 3 



oder vielleicht 



berechnet zu: 



CaSiO 3 
2 | 2FeSi0 3 1 
RSiOM | UMgSiO 3 ^ 

AlO 3 ] ~~ 1 AlO 3 



18Si == 504 = SiO 2 52,36 
AI = 54,6= AlO 3 4,97 

4Fe = 224 == FeO 13,96 
12 Mg = 288 _== MgO 23,28 

2 Ca = 80 == CaO 5,43 



57 = 912 100 

2062,6 

Das Endergebnifs ist mithin : der Stein von Richmond besteht 
im Durchschnitt aus 8 p. C. Nickeleisen, 4 p. C. Schwefeleisen 
und 88 p. C. Silikaten, welche fast zur Hälfte Olivin, zur Hälfte 
Augit, und zwar entweder Broncit oder Broncit und Diopsid sind. 



vom 27. Juni 1870. 457 

Des Contrastes wegen mag angeführt werden, was Shepard 
von der mineralogischen Natur dieses Meteoriten angiebt: Aufser 
einem 6 p. C. Nickel enthaltenden Meteoreisen und etwas Magnet- 
kies 90 p. C. Olivin und das Übrige ein feldspathartiges Mineral, 
Howardit und phosphorsaurer Kalk. 



III. Linn County, Jowa. 

Dieser Meteorit fiel am 25. Februar 1847, im Gesammtge- 
wicht von etwa 65 Pfund. Shepard 1 ) hat den Fall beschrieben 
und den Stein mineralogisch und chemisch untersucht. 

Nach seiner Angabe besteht derselbe aus 10, 4 Nickeleisen, 
welches etwa 14 p. C. Nickel enthält, aus 5 p. C. Magnetkies und 
83 p. C eines einzigen homogenen Silikats, welches er Howardit 
nannte. Dieses Silikat soll v. d. L. leicht zu einem schwarzen 
schlackigen Glase schmelzen, von Chlorwasserstoffsäure unter Ab- 
scheidung flockiger Kieselsäure zersetzt werden, und aus 





Sauerstoff 


Kieselsäure 63,06 


33,63 


Eisenoxydul 24,60 


:£h" 


Magnesia 11,74 


Alkali 0,31 





99,71 
bestehen. 

Da die Sauerstoffproportion = 1 : 3,3, so wäre der Howar- 
dit noch saurer als ein Trisilikat. 

Es ist unverkennbar, dafs diese Angaben Shepards in hohem 
Grade problematisch, ja unwahrscheinlich sind. Die leichte Schmelz- 
barkeit und die Zersetzbarkeit eines so sauren Silikats wäre höchst 
seltsam. 

G. Rose stellt Jowa unter die Chondrite und bemerkt, er sei 
dem von Mauerkirchen im höchsten Grade ähnlich. 

Von Prof. Shepard hatte ich schon vor Jahren ein Stück 
dieses Meteoriten erhalten. Die Masse ist sehr mürbe und enthält 
zahlreiche Rostflecke, wie auch die äufsere Rinde braun aussieht. 



l ) Am. J. of Sc. (2) 4, 288 und Report on American Meteorites 1848. 

32* 



458 



Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 



Beim Pulvern fühlt man nur äufserst wenig metallisches Eisen, 
und es scheint, dafs ein grofser Theil desselben in Oxyd oder 
Oxydhydrat verwandelt ist. In der That giebt der Stein beim Er- 
hitzen nicht unbeträchtlich Wasser. 

Bei der Analyse ist wegen der offenbaren partielien Verände- 
rung des Nickeleisens von einer besonderen Bestimmung desselben 
Abstand genommen; das Pulver wurde mit Chlorwasserstoffsäure 
behandelt, aus der Kieselsäure und der Magnesia wurde der zur 
Olivinmischung erforderliche Eisengehalt berechnet, der Rest des 
letztereen aber als Metall. 

Nach Abzug von 1,84 p. C. Glühverlust ergab sich: 



Eisen 
Nickel 

Eisen 
Schwefel 



1,08 j 10 ' M = 1 10, 



89,75 
25 



100 



4,05 
2,32 



6,37 FeS 



Kieselsäure 16,24 
Eisenoxydul 8,92 
Magnesia 16,69 

Unzersetztes 



38,80 



Sauerstoff 

20,7 



41,85 = { 21,31 4,74 
39,89 15,96 



}»<* 



100 



41,24 
"TÖÖ 



Der Olivin wäre ungefähr 

Fe 2 SiOM 
3Mg 2 Si0 4 J 

Die unzersetzbaren Silikate, deren Menge der des Olivin s fast 
genau gleich ist, bestehen aus: 



Kieselsäure 


55,08 




29,38 


Thonerde 


4,86 




2,27 


Eisenoxydul 


13,58 


3,021 




Magnesia 


22,70 


9,08 


13,15 


Kalk 


2,85 


0,81 


Natron 


0,93 


0,24 j 




Kali 


Sp. 







100 
Das Ganze ist also fast genau Bisilikat. 



vom 27. Juni 1870. 459 

Die prozentische Zusammensetzung der (83,09 p. C. des Me- 
teoriten betragenden) Silikate ist hiernach: 



Kieselsäure 


46,88 


Thonerde 


2,40 


Eisenoxydul 


17,49 


Magnesia 


31,36 


Kalk 


1,41 


Natron 


0,46 



100 

Es ist ersichtlich, dafs diese Resultate nicht die gering 
Ähnlichkeit mit Shepards Angaben zeigen. 
Jowa ist ein Chondrit. 



Es liegen hier nun die Resultate von drei Chondriten vor, und 
es dürfte von Interesse sein, ihre Silikate unter einander zu ver- 
gleichen. Ihnen sei noch beigefügt: der von mir schon früher un- 
tersuchte 1 ) von Klein-Wenden bei Nordhausen (gefallen den 
16. September 1843). 

A. Zusammensetzung des zersetzbaren Silikats (Olivin): 







1. 


( 


2. 


3. 


4. 




Kl. Wenden 


Pultusk 

a 1- 


Richmond 


Jowa 








Rg. 


Werther 






SiO 2 




39,60 


40,48 


40,53 


39,30 


38,80 


FeO(Mn) 


10,91 


12,50 


13,08 


18,21 


21,31 


MgO 




47,37 


47,02 


44,36 


41,69 


39,89 


CaO 




2,12 


— 


2,03 


0,80 


— 



100 100 100 100 100 

Es enthält also der Olivin aus 



l ) Pogg. Ann. 62, 449. 



460 



Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 



Kl. Wenden Fe Mg 8 = O. der Pallasmasse, 

Pultusk Fe Mg 6 

Richmond Fe Mg 4 = O. der Pallasite von 

Brahin, Atacama, 
Jowa Fe Mg 3 = O. des Mesosid. von 

Hainholz. 



B. Zusammensetzung des unzersetzbaren Silikats (Augit = 
Broncit) : 





1. 


2. 


3. 


4. 


SiO 2 


51,01 


55,48 


53,74 


55,08 


AlO 3 


9,08 


4,58 


5,32 


4,86 


FeO 


11,42 


9,01 


13,17 


13,58 


MgO 


22,07 


24,14 


22,23 


22,70 


CaO 


4,79 


3,65 


5,54 


2,85 


Na 2 
K 2 


0,71 
0,92 


2,22 
0,92 


Spuren 


0,93 



100 



100 



100 



100 



Die Berechnung ergiebt für diese vier verschiedenen Chon- 
drite übereinstimmend, dafs das unzersetzbare Silikat 1 At. R ge- 
gen 1 At. Si enthält, d. h. ein Bisilikat ist. Denn man hat die 



e von 






R:Si 


A1:R 




in 1 = 1 : 1,03 


1 : 9,3 


= 1:9 


2 =1 : 1,1 


1: 18,6, 




3 = 1: 1,06 


1:16,1 


= 1 : 18 


4=1: 1,11 


1 :17,5 j 





Der Broncit ist also 





I 


9R SiO 3 




AlO 3 


ferner 


ist < 


3r aus 



2.-3.-4. 
18R SiO 3 
AI 



| 18R Si0 3 l 
1 AlO 3 J 



vom 27. Juni 1870. 461 

Klein Wenden 1 

_. . . > Ca Fe 2 Mg 6 

Richmond J 

Pultusk Ca Fe 2 Mg 9 

Jowa Ca Fe 4 Mg 12 

Das Endresultat der eigenen Untersuchungen ist also: 

Die vier von mir untersuchten Chondrite ent- 
halten nur zwei Silikate: das Singulosilikat 
oder Olivin und das Bisilikat oder Broncit. 
Die Trennung derselben durch Säuren gelingt sehr gut. 
Auch unter den bekannten Analysen anderer Cbondrite finden 
sich solche, die genau dieselben Resultate geben. So der Ch. von 
Ausson (Montrejean). Die von Harris unter Wöhlers Leitung 
ausgeführte Zerlegung ergiebt einen Olivin mit Fe Mg 2 , also gleich 
Chassigny und Alais, und einen Broncit, worin R:Si= 1:1,08, 
frei von Kalk, nahezu 

15RSi O 3 



UM , , f 15RSi O 3 1 

FeMgS und { ^ j 



Abichs Analyse des Steins von Stauropol führt auf einen 
Olivin, der fast Fe Mg 5 enthält, und auf einen Broncit, worin 
R : Si = 1 : 0,95, die At. von Ca : Fe : Mg genau wie in Kl. Wen- 
den, und ebenso die Menge des AI, also 

9R Si O 3 



f 9R Si O 3 | 
1 AlO 3 J 



Es läfst sich hiernach behaupten: 

Mesosiderit und Chondrit sind petrographisch nicht ver- 
schieden. Nur ihre Struktur unterscheidet sie. 



462 Gesammtsitzung 

30. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Weber las 

über das zweite Buch der Atharva-Samhitd. 1 ) 
1. Verherrlichung des Urgrundes aller Dinge, 
l. Das Höchste der Seher schaut, das Verborgne, 
Worin Alles (wieder) wird eingestaltig. I 
Ihm molk Prigni ab, was da ward geboren. 

Zujauchzten die Schaaren, die Himmelskund'gen. II l II 

Dies ganze Stück findet sich, mit erheblichen Varianten indefs, 
wieder als Theil der Mahdndr dyana-Upanishad, resp. in Taitt. Ar. 
10, 1, 3. 4. Vdj.S. 32, 8 — 12; s. die Übersetzung des dortigen Textes 
in Ind. Stud. 2, 84. — Vom ersten Vers findet sich dort nur das 
erste Hemistich 2 ), und zwar mit den Varianten pagyan vigvd 3 ) 
bhuvandni vidvdn in T., nihitam gulxd sad in Vs. (für paramam guhd 
yad) und ekanilam in T., ekanidam Vs. (statt ekarüpam). — veno 
ndma gandharvah, Sdy. zu T. ; vgl. zend. ]/vaen, sehen. — Unter 
prigni ist wohl hier 4 ) die unter dem Symbol einer bunt-gespren- 
kelten Kuh personificirte bunte Naturkraft (mulaprakriti, hier aber 
als Demiurgos wirkend,) zu verstehen, vgl. das über go in dieser 
Beziehung Ind. Stud. 9, 100. Ind. Streif. 2, 462 — 3 Bemerkte. Die 
bunte Sturmeswolke, die das himmlische Nafs melkt (R. 10, 12,3 
dulie yäd e'ni divydm ghritdm vd'Ji), reicht hier jedenfalls nicht aus; 
dagegen ist eben an die gabali b ), s. Ind. Stud. 5, 443 ff., an die ajd 
lohitaguklakrishnd (Taitt. Ar. 10, 12, 5. Qvetdgv. Up. 4, 5. Ind. Stud. 
1, 428), die neben dem brahman als increata gleichberechtigt da- 
steht, zu erinnern. — aduhat mit doppeltem Accusativ der Person und 
der Sache (wie duhe eben). — jdyamdndh fem.; dazu wohl aus dem 
Folgenden vrdh heranzuziehen? — vrdh von l/vrd = var; eig. Um- 



J ) die Übersetzung des ersten Buches s. in den Ind. Stud. 4, 393-430. 

2 ) das zweite Hemistich lautet: tasminn (yasminn T.) idam sarn ca vi cai ti 
sarvam (vi cai 'kam T.), sa otah protac ca vibhuh (vibhu T.) prajdsu „darin 
dies Alles eingehet und herausgeht; er (es) ist gewoben und geflochten in die 
Wesen als ihr Herr." 

3 ) vicvd ist wohl metri caussa zu tilgen.' 

4 ) im Übrigen s. Pet. W. s. v., und Muir Orig. Sansc. Texts 5, 39. 147. 

5 ) vgl. cabalam als Name des brahman Kansh. Upan. p. 24. 149 Cowell. 



vom 30. Juni 1870. 463 

gebung, dann Schaar, vgl. vrdta. Der lobende Zuruf bezieht sich 
wohl nicht auf den Akt der Erkenntnifs von Seiten des Sehers, 
sondern vielmehr auf die Melkung des Absoluten durch die prigni, 
den Akt der Schöpfung also, und die svarvido vrdh sind entweder 
die dadurch eben ins Leben gerufenen Schaaren? oder solche, die 
bereits aus einem früheren dgl. Akte stammen, und, da die Schö- 
pfung immer fort dauert, nun späteren Akten der Art beiwohnen? 

2. Das meld' uns der Weise, des Ew'gen Kund'ge, 

was als höchster Grund im Verborgnen ruhet. I 
Denn seine drei Stufen ruhn im Verborgnen, — 
"Wer sie erkennt, der sei des Vaters Vater! li 2 II 
Dieser Vers kehrt im Wesentlichen identisch an den angege- 
benen Stellen wieder; voce T. (für voced), amritam nu (für amritasyd) 
T. Vs., ndma 1 ) nihitam guhdsu T. dhdma vibhritam {guhd sat) Vs., 
(für dhdma paramam guhd yat), guhdsu T. (für guhd 'sya), yas tad 
veda T. (für yas tdni veda), savituh T. (für sa pituh). — gandharva 
hier in der abgeschwächten Bedeutung: ein Weiser, vgl, Qdnkh. 
12, 20, 2 (Ath. 19, 128, s) yad bhadrasya purushasya putro bhavati 
dddhrishih I tad vipro abravid u tad gandharvah kdmyam vacah; 
die manushya gandharva stehen den deva gandharva gegenüber 
in Taut. Up. 2, 8 (Ind. Stud. 2, 230). — Die drei paddni, Zu- 
stände, Stufen sind nach Mahidhara: Entstehen, Bestehen, Vergehen, 
oder: brahman Absolutes, antarydmin Demiurg, vijndndtman Einzel- 
seele; oder bezieht sich der Ausdruck etwa auf die im purusha- 
sükta (R. 10, 90, 3. Vs. 31, 3) vorliegende Vorstellung, dafs drei 
Viertel 2 ) des Absoluten nicht zur Erscheinung in der Welt 
gelangen, nur ein Viertel desselben deren theilhaftig wird? wozu 
auch die gleiche Vorstellung von den vier Vierteln der vdc (s. Pe- 
tersb. Wort, unter turiya) zu vergleichen ist. — „der sei des 
Vaters Vater!", s. Ind. Stud. 9, 45.46. 

3. Er ist unser Vater, Verwandter, Zeuger. 

Er kennt alle Satzungen, alle Wesen. I 
Er, der allein setzet der Götter Namen, — 
Alle Welten gehen zu ihm als Richter. II 3 II 
Nur das erste Hemistich dieses Verses findet sich an den an- 



*) die in den Ind. Stud. 2, 84 hiebei von mir gemachte Gleichstellung 
von ndma = numen ist nicht als eine etymologische zu fassen. 
3 ) pada = pdda, Fufs, Viertel s. Ind. Stud. 9, 96. 



464 Gesammtsitzung 

gegebenen Stellen 1 ) und zwar mit den Varianten: sä no bandhur 
janitä sa vidhdtd (für sa nah pitd janitd sa Uta 2 ) bandhuh); der ganze 
Vers aber findet sich in Rik-Samh. 10, 82, 3 und Vs. 17, 27 mit den 
Varianten yo vidhdtd (statt: sa Uta bandhiw), ndmadhd (statt: nd- 
madha) und yanty anyd (statt yanti sarvd). — Über Prajdpati als 
den, der allen Wesen ihre Bestimmung zutheilt, s. z. B. Qah 1, 
4, 2, l ff. 

4. Himmel und Erd' hab' ich sofort umschritten, 

nahte mich dem Erstgebornen der Ordnung. I 
Stimme gleichsam ein in den Sprecher setzend 

Steht in der Welt er, wahrlich er ist Agni. II 4 II 
Das erste Hemistich enthält wenigstens einige Anklänge an 
T. Vs. am a. O. — Der Dichter hat Himmel und Erde durchsucht 
und den Prajdpati als den gefunden, der jedes Ding an seine 
richtige Stelle setzt und dem Agni an flammender Majestät gleich- 
kommt. Dieser seiner Kunde rühmt er sich, weil er dadurch von 
der Hoheit des Erkannten selbst bestrahlt wird. So allein schei- 
nen mir die Varianten dieses und des folgenden Verses zu der ur- 
sprünglichen Fassung derselben, in der sie sich blos auf das Ver- 
hältnifs des Demiurgos zum Absoluten beziehen, erklärlich. — Es 
liegt hier resp. in 1. eine ähnliche allgemeine Einleitung für die 
von 2. an folgenden speciellen brah?ndni, Spruchsegen, vor, wie 
beim ersten Buche. 

5. Alle Welten habe ich rings umschritten 

Den durch gehn' den Faden zu schau'n der Ordnung, I 
Unsterblichkeit findend worin die Götter 
zur einigen Quelle empor sich heben. II 5 II 
Das erste Hemistich klingt an T. und Vs. 32, 12 an; das zweite 
findet sich in T. und Vs. 32, 10 wieder (wo aber tritiye dhdmann 
adhy Vs., tritiye dhdmdny abhy T., statt samdne yondv adhy). Der 
Dichter, resp. Priester, rühmt sich seiner Allwissenheit, um da- 
durch seinem Wirken und seinen Sprüchen Ansehen und Vertrauen 
zu sichern. 



1 ) das zweite Hemistich lautet daselbst (s. hier v. 5): yatra devd amri- 
tam dna^dnds tritiye dhdmann (Vs., dhdmdny T.) adhy (Vs., abhy T.) aira- 
yanta „in welchem die Götter Unsterblichkeit erreichend hinauf zur dritten 
(Himmels-)Stätte sich erheben". 

2 ) Metrums halber lies; so 'ta. 



vom 30. Juni 1870. 465 

2. Würfelsegen. 

l. Der himmlische Gändharva, der als Welt-Herr 

einzig zu ehr'n ist, für die Leut' preiswürdig — I 
Dich banne ich, himmlischer Gott, durch's Spruchlied. 
Verneigung sei dir, dessen Sitz am Himmel! II l II 
Dafs dies Lied ein Würfel segen sei, vermuthe ich nur aus dem 
letzten Verse, der dann, wie so häufig im Atharva -Veda, die Pointe 
enthält, um die es sich handelt, während die vorhergehenden Verse 
die feierliche Einleitung dazu bilden. — Ob wirklich ein „Genius des 
Mondes" unter gändharva zu verstehen ist, wie Böhtlingk-Roth 
s. v. wollen, ist wohl noch zweifelhaft. Gemeint jedenfalls ist hier 
damit (so auch das Pet. W.) der in v. 4 ja auch direkt genannte 
Vigvdvasu, der alle Schätze Habende (?), der als König sämmt- 
licher Gändharva und als Gemahl der Apsaras (s. v. 5), speciell aber 
weiter als, nach Soma erster, Gemahl auch jeder menschlichen Jung- 
frau, resp. als Genius der weiblichen Pubertät und Virginität 1 ) 
gilt. In den Brdhmana erscheint er überdem noch als Räuber 
des Soma, den er der gdyatri, als sie ihn vom Himmel holte, 
entwendete und mit dem er sich dann in das Wasser zurückzog, 
s. Qatap. 3, 2, 4, 2. Pahc. 6, 9, 22. Ts. 6, 1, Q, 5. 11, 5. Käth. 24, 1. 
In einer andern gruti im schol. zu Vs. 2, 3 wird er freilich umge- 
kehrt unter den Hütern des Soma genannt, im Text selbst resp. 
als Hüter der paridhi genannten Schutzwehr um das Feuer. Er 
ist jedenfalls ein dämonischer Gesell, und wird daher hier auch 
mit möglichster Unterwürfigkeit angerufen. — Die anakoluthische 
Construction der beiden Hemistiche erhöht die Lebendigkeit des 
Ausdrucks und finden wir sie hier im zweiten Buche noch mehrfach. 

2. Zum Himmel hin reicht er, der Opferwürdge, 

Sonnfarbige, göttlichen Zorn's Abwehrer! I 
Mild sei uns der Gändharva, der als Welt-Herr 
einzig zu ehr'n ist und voll guten Heiles. II 2 II 
Sonnenfarbig, eig. Sonnen(-helle) Haut habend. 

3. Mit den Tadellosen kam ich zusammen; 

Der Gändharva unter den Apsard war. I 



x ) der cunims gilt als sein Mund ^ankhdi/.y. 1, 10. Bei der ersten coha- 
bitatio wird er angewiesen sich wegzubegeben, C'atap. 14, 9, 1, 18. Ath. 14, 
1, 24. 25. Ind. Stud. 5, 185. 191. 



466 Gesammtsitzung 

Im Meere ist, sagt man, ihr Sitz, allwo sie 

beständiglich herwärts und abwärts steigen. II 3 II 
jagme fasse ich jetzt (anders in meiner Abhandl. über Omina 
und Portenta p. 350) als 1 pers. singul. Der Dichter hat eine Er- 
scheinung der Apsarä, die man nicht tadeln darf 1 ), die man stets 
nur loben soll, gehabt, den Gandharva ihren Gemahl (den Elfen- 
könig) mitten unter ihnen gesehen 2 ); daher wendet er sich in v. 1. 2 
an diesen, lobt und preist ihn, um dadurch auch über die Apsard 
Macht und ihren Schutz beim Würfelspiel zu gewinnen. — Ich 
glaube noch immer (s. Vdj. S. spec. prim. p. 18 n.), dafs die Er- 
klärung von a-psara, a-psards aus psdras = rüpa Nigh. 3, 7 die 
richtige ist 3 ). Es sind die gestaltlosen, oder (s. Pet. W.) die 
unheimlichen, unfriedlichen Nebelgestalten der Elfen 4 ) und son- 
stigen Spukgeister der Art, die im schattigen Waldesdunkel (s. v. 4) 
ihr Wesen treiben. In Ts. 3, 4, 8, 4 werden die dichtschattigen 
Bäume nyagrodha, udumbara, agvattha, plalcslia als die Häuser, der 
Aufenthaltsort, der Gandharva und der Apsaras bezeichnet. Auch 
nach Ath. 4, 37 sind es die grofsen, kronenreichen 5 ) Bäume, die 
agvatiha und nyagrodha, wo sich die goldnen und silbernen Schau- 
keln der Apsaras 6 ) finden, und wo ihre Cymbeln (dghdta) und 



1 ) ? an-a-vadya; oder ob an-avadya, und letzteres Wort aus ava-tya ent- 
standen? vgl. die alte Verstümmelung von atibhuta in adbhuta, und die jün- 
gere von prätar, Päli pdtur (pätur ahosi Fausböll Dhamm. p. 204), in prddur 
(so, nicht prädus ist die Form anzusetzen, wie ävir aus ävid, nicht dvis; 
anders M. Müller Einl. zu Buddhagh. Parables p. lviii). 

3 ) vgl. Parte. 12, 11, 10, wo Kalydna Ähgirasa auf den Gandharva 
TJ'rndyu trifft, der sich Unter einer Schaar Apsaras schaukelt (preTikhayamdnam). 

3 ) die Herleitung von dpsas = rüpa (Jat. 9, 4, 1, 4 ist schwerlich 
richtig. Übrigens bedeutet dpsas wohl nicht die Wange, sondern den Bu- 
sen. Statt apsasä 'pso Ath. 6, 49, 2 hat die Parallelstelle im Kdth. 35, 14 
valcshasä vaksho. Ich fasse apsas als „begehrt, ersehnt", von aps, ältere 
Form des späteren ips (vgl. aksh neben iksh). 

4 ) deren Tanz und Gesang sich bei den Apsaras ebenso wieder findet, 
wie die Vogelgestalt der Schwanenjungfrauen (die Apsaras erscheinen als dti- 
Vögel, s. Ind. Stucl. 1, 197). 

5 ) eikhandinah ; oder ist dies etwa Gen. Sgl.? als n. pr. eines Gandharva, 
wie in v. 7 ibid. 

6 ) dies Schaukeln , Tanzen und Hin- und Her-sich-bewegen ist wohl 
auch der Grund, warum die Apsaras mit dem Würfelspiel in Bezug stehen? 



vom 30. Juni 1870. 467 

Lauten (karkari) erklingen. Nach dem Flusse hin, zum Ufer der 
Gewässer sollen sie wie weghaucht sammt ihrem tanzenden 
Herrn Qikhandin verschwinden, durch den starken Geruch des 
Krautes Bockshorn (ajagringt) verscheucht. Es wird dies Kraut 
resp. daselbst auch noch (v. 10) als gegen die hinleuchtenden (? a- 
bhigocds), im Wasser sich spiegelnden (? apsu jyotayamdmaka) Pi- 
gdca wirksam bezeichnet, worunter wohl, s. Pet. W., Irrlichter 
und ähnliche Erscheinungen zu verstehen sind. Diese Zusammen- 
stellung der Gandharva und Apsaras mit den Pigdca erinnert sofort 
an die Bezeichnung der Fata Morgana als ^Gandharva- Stadt", 
die sich neuerdings auch, s. Sachau im Journ. R. As. Soc. 1869. 
4, 251. 257, bei den Pärsi wiedergefunden hat, somit offenbar schon 
der arischen Periode angehört 1 ). — Nach Ath. 7,109,3 treiben 
die Apsaras ihr Wesen zwischen dem Opferplatz, der Erde also, 
und der Sonne, somit in der Luft, und das „im Meere" unsers 
Verses ist daher wohl eben auf das Luftmeer zu beziehen. 

4. O Wolkige, Blitzige du, du Stern' ge, 

Die ihr da folgt Vigvdvasu, dem Gandharv* — I 
Euch Göttinnen bringe ich hier Verneigung. II 4 II 
Diese Namen der Apsard deuten auf leuchtende, elektrische 
Lufterscheinungen, d. i. wohl eben auf die lichten Nebelgestalten 
der Elfen und Irrlichter. 

5. Die ihr da kreischt, im Dunkeln weilt, 

die Würfel liebt, den Geist verwirrt — I 
Diesen Frauen des Gandharva, 

den Apsard ich mich verneig'. II 5 II 
\/kland, krand wohl mit clangor, Klang zusammenzustellen; 
Wechsel im Auslaut wie bei gardabha und Ygarj (Weiterbildung 
auswar). — tamishicayas für °cyas, aus tamisM -f- anc, fem.; oder 
ist etwa direkt eine Weiterbildung daraus: tamisliici anzusetzen? 
tamisM neben tamas, wie tavishi neben tavas. — Unter dem Dun- 
kel ist wohl eben das schattige Dunkel des Waldes zu ver- 
stehen. Vergl. noch Ath. 14, 2, 9, welcher Vers im Kaug. 77, 7 
(s. Ind. Stud. 5, 394. 205) auf das Vorüberziehen des Brautzuges 
bei grofsen Bäumen bezogen wird, und die Gunst der in diesen 



1 ) aus vedischen Texten einstweilen allerdings mir noch nicht direct 
nachweisbar; vgl. aber die goldnen Paläste (hiranyavimitäni) der Gandharva 
im Qat. 11, 5, 1, 11. und das über sobha Ind. St. 2, 38 n. Bemerkte. 



4G8 G es ammt silzung 

weilenden Apsaras und Gandharva auf denselben, insonderheit na- 
türlich auf die Braut herabruft. — akshakdmdh; für die specielle 
Beziehung der Apsaras zum Würfelspiel legt Ath. 4, 38. 7, 109 
lukulentes Zeugnifs ab (s. Muir Original S.Texts 5, 430). — Die geist- 
verwirrende Kraft der Apsaras bezieht sich entweder auch noch 
hierauf, auf die fascinirende dämonische Gewalt des Spieles also, 
oder es ist dabei an die verführerische Buhlkoboldschaft zu den- 
ken, die in 4, 37 von den Gandharva den menschlichen Frauen 
gegenüber, daher wohl auch stillschweigend, wie später, von den 
Apsaras den Männern gegenüber, gefürchtet wird. Sie ist es ja 
eben, die, in poetischer Verklärung, in der späteren Zeit den Apsa- 
ras fast alleinig geblieben ist. Nach Ath. 8, 5, 13 ist von beiden 
Klassen von Genien sogar tödlicher Einflufs auf den Menschen 
ausgehend und auch in 12, 1, so werden sie in Gemeinschaft mit 
anderen bösen Geistern genannt, und um ihre Fernhaltung gebetet. 

3. Wundenbalsam. 

1. Welches Brünnelein dort herab, 

herunter von dem Berge, läuft, 
Das mach' ich dir zum Balsam, dafs 
ein gutes Heilmittel du sei'st. II l II 
Das Quell- Wasser soll sich balsamartig mit den übrigen Stof- 
fen des Heilmittels (s. 3 — 5) vermischen. 

2. Hinzu, wohlan! recht viel, wohlan! 

Welch' hundert Balsam' es dir giebt, I 
Von denen du das beste bist, 

Gebrechen tilgend, tilgend Schmerz II 2 II 
Wird mit pdda 1 etwa ein Zusammengufs verschiedener Stoffe 
vorgenommen? dsrdva Gebrechen; eig. Anflufs, (übler) Einflufs. 

3. Tief ein graben die Asura 

dies mächt'ge Wundenheilende! I 
dies ist Heilmittel gegen jed' 

Gebrechen, dieses tilgt den Schmerz. II 3 II 
nicaih, in dem Schoofse der Erde vergraben sie es, damit es 
nicht an's Tageslicht soll? oder umgekehrt (wie y'khan hier vielfach): 
sie graben es aus? — arussrdnam wird bei Böhtlingk-Roth wohl 
mit Recht als aruh-grdna „die Wunde zerbrechend" {]/gar diffin- 
dere) gefafst; arus, die Wunde, eig. die getroffene Stelle, s. Ind. 
Stud. 8, 276. 



vom 30. Juni 1870. 469 

4. Die Wassernixen 1 ) bringen dies 

Heilmittel aus dem Meer hervor. I 
Dies ist Heilmittel gegen jed' 

Gebrechen, dieses tilgt den Schmerz. II 4 II 

5. Dies mächt' ge Wundenheilende 

wird aus der Erd' hervorgebracht. I 
Dies ist Heilmittel gegen jed' 

Gebrechen, dieses tilgt den Schmerz II 5 II 

6. Die Wasser sei'n heilkräftig uns, die Pflanzen mild! 

Indra's Blitzkeil schlage hinweg die Bakshas all! I 
Fortfliegen soll'n ihre Pfeil' in die Ferne hin! II 6 II 
Statt rakshasdm lies metri caussa: ca, „In die Ferne", nicht 
in unsre Nähe. 



4. Jangida-Amuiett gegen Vishkandha (Reifsen?). 

i. Zur Langlebigkeit und zu hoher Freude, 

beständiglich schadenfrei und gedeihend, I 
tragen wir hier den Jangida 

als Reifsenstill'ndes (?) Amulett. II l II 
In 1, 16, 3 wird Blei, in 4, 9, 5 eine Salbe als Mittel gegen 
das vishkandham bezeichnet. Der jangida, s. Grohmann in den 
Ind. Stud. 9, 417 — 9, stammt nach v. 5 aus den „Säften des Acker- 
baues", scheint somit etwa eine Art Öl (Baumöl) zu sein? Er 
ist nach 19, 34, 7 ein Kraut (oshadhi), resp. ein Baum (baumlan- 
ges Gewächs ?) nach v. 9 ; und zwar haben ihn nach ibid. v. 6 die 
Götter dreimal aus der Erde erzeugt; bezieht sich dies etwa auf 
dreimalige Erndte im Jahre? Er ist gegen eine grofse Zahl von 
Krankheiten wirksam, unter denen neben dem vishkandham, ge- 
gen das er ein Specificum ist (19, 35, 1), auch das samskandham 
(19, 34, 5) erscheint. Weder die Natur der Krankheit, noch die 
des Heilmittels läfst sich einstweilen sicher bestimmen. Meine 
Auffassung von vishkandham als „die Schultern auseinander zie- 
hend", also Rheumatismus in den Schultern, Hexenschufs, Reifsen 
überhaupt, stützt sich besonders darauf, dafs in v. 5 neben dem 
jangida auch Hanf als Mittel dagegen genannt wird. Auch in 



x ) so Böhtlingk Roth irn Pet. W. unter 



upaji 



470 Gesammtsitzung 

3, 9, 2 ist von Bündern als Mittel gegen das vishkandham die 
Rede. In 3, 9, 6 werden aber 101 vishkandhdni als über die Erde 
verbreitet erwähnt. Vgl. noch Ts. 7, 3, 11, l vishkandham tasmin 
hiyatdm yo 'smdn dveshti. — Sollte zu jangida etwa das ingidam 
djyam Kaug. 47 (wo dngirasam genannt, wie der jangida in Ath. 
19,34,6). 116, d. i. doch wohl das Öl der iHguda-Fünnze , ter- 
minalia catappa, eine Nufsart, deren Öl bei Zaubereien dient (s. 
auch Qdkuntal. v. 14 ed. Böhtlingk), zu vergleichen sein? 

2. Jangida schütz' uns allseit vor 

dem Jambha, vor dem Vigara I 
vor Reifsen (?) und vor Anglühen (?) 
als tausendkräftges Amulett. II 2 II 
jambha das Zermalmen, wohl eine Kinderkrankheit, vgl. Kaug. 
32 jambhagrihitäya stanam prayachati; etwa das Zahnen? — Zu vi- 
gara, Zerreifsen, Auflösen vgl. vigarika in 19, 34, 10 (neben aga- 
riJca). — Sollte abhigocana, Anglühen, etwa von einem Sudzauber 
zu verstehen sein? 

3. Er besieget das Reifsen (?) uns, 

er treibt die Fresser (all) hinweg. I 
Für Alles sei uns Heilmittel 

der Jangida, schütz' uns vor Noth! II 3 II 
atrinas (atf), die Fresser, Quälgeister, Krankheitsgenien. 

4. Durch den heilvollen Jangida, 

das gottgegebne Amulett I 
Das Reifsen (?) und die Bakshas all 
besiegen wir im Streite (stets). II 4 II 

5. Der Hanf mich und der Jangida 

Vor dem Reifsen (?) bewahren soll'n! I 
Jener ist aus dem Wald' geholt, 

Der aus des Feldbau's Säften stammt. II 5 II 
Hanf (gana) resp. Hanfwerg dient, um die leidende Stelle ge- 
wickelt, bei uns als Mittel gegen Gicht oder Reifsen. Nach pdda 
3. handelt es sich resp. um wildwachsenden Hanf, während der 
Jangida auf dem Acker gebaut wird. 

6. Zu Schanden macht das Amulett 

die Zauberkunst, den Feindestrug. I 
Der sieggewalt'ge Jangida 

führ' unser Leben weit hinaus ! II 6 II 



vom 30. Juni 1870. 47 1 

5. Einladung an Indra zum soma-Trunk. 

1. Indra! sei günstig — fahr' hervor! 

O Held, komm herwärts — mit Gespann! 

Trinke vom soma — dir 'nen Rausch! 

Am Meth dich letzend, zum Rausch willkommen! II 1 II 

2. Indra, den Leib dir — wie SchifFsbauch l ) 
mit Meth anfülle — wie mit Licht! 

von diesem soma — wie im Glanz 

dir nahten Räusche, mit gutem Klang. II 2 II 

3. Indra rasch siegend — wie Mitra 
erschlug den Vritra — wie Zaubrer; 
spaltet' den Vala — wie Bhrigu, 

besiegt' die Feinde, im Rausch des soma. II 3 II 

4. Eingeh'n soll'n in dich, die Säfte, Indra! 
Füll' deine Mägen! sättge dich, Mächtger! 
ob unsres Lieds komm! 

Auf unsern Ruf hör', nimm unser Lied an! 
Indra! mit Freuden berausche hier dich 
zu grofser Freude ! II 4 II 

5. Nun des Indra männliche That'n ich singe, 

des Blitzführers, die er gethan zu Anfang. I 
Den AU schlug er, machte frei die Wasser, 
Spaltete die Brüste der Wolkenzüge. II 5 II 

6. Schlug den AM, der in Gewölk' sich hüllte, 

Tvashtar schuf ihm dazu den strahl'nden Blitzkeil. I 
Dahinfliefsend, brüllend wie Mutterkühe, 

Zum Meere flugs strömten hinab die Wasser. II 6 II 

7. Zur Kräftigung er sich erkor den soma, 

und trank von dem Saft aus drei braunen Krügen; I 
fafste sodann mächtig den scharfen BlitzkeiJ, 

Und schlug ihn, den Erstgebornen der Schlangen. II 7 II 

Dieser Spruch (dient er etwa, s. v. 7, als Schlangenzauber?) 

ist aus zwei ganz verschiedenen Stücken zusammengesetzt. Das 

zweite zunächst, v. 5—7, ist dem Eingang des bekannten 2 ) Indra- 



1 ) oder: Schiffsraum, Schiffsschlauch? 

2 ) vgl. Qatap. 1, 6, 4, 2, wo sein Vf. Hiranyastupd als Repräsentant 
aller rishi erscheint, offenbar weil dies sein Lied eben in hohen Ehren stand 

[1870] 33 



472 GesammtsUzung 

Liedes im ersten Buch der Eiks. (1, 32, 1—3) entlehnt. Das erste 
dagegen, v. 1 — 4, findet sich nicht in der Eiks. selbst, wohl 
aber im Ritual des Eik (Ägval. 6, 3, 1. gdnkh. 9, b, 3. Br. 17, l), 
v# i_3 reS p. auch in der Sdmasamhitd 2, 302— 4 ! ), vgl. Pa?7c. 12, 
13, 21 sowie -4wwp. 3, 12 (unter Citirung übrigens des Kdthakam, 
der Ätharvan und der Bhdllavin) und iWd. 2, 12 (unter Citirung 
der Bahvricds und Ätharvanikds), wieder; und zwar mit mannich- 
fachen Varianten; es erscheint resp. hier theilweise in ziemlich ver- 
derbtem Text, worüber bereits Roth in seiner Abh. über den Ath. 
Veda (Tüb. 1856) p. 11 gehandelt hat. Das Metrum dieser ersten 
vier Verse 2 ) ist eigentümlich; sie bestehen nämlich aus fünf 5silbigen 
pdda, von denen hier, wie in Sdmas., in v. 1—3, und bei Agval. auch in 
den beiden hier in v. 4 zusammengefafsten Versen, je die drei ersten 
durch eingefügte 3silbigeEinschübe in Ssilbige pdda umgewandelt sind. 
Diese Einschübe lassen sich zum Theil nur schwer, zum Theil 3 ) 
gar nicht mit dem übrigen Texte in Zusammenhang bringen, und 
sind offenbar ganz fremdartige Bestandteile. Das Ritual bezeich- 
net sie denn auch als upasarga (Qänkh. Br. Nid.), resp. als (vgl. 
Ind. Stud. 8, 67. 76) ekapadds tryaksJiard vislinog chando bhurijah 
gakvaryah (Panc.Br.) Sie dienen zu der behufs Herstellung des 
shodagi-gastra, resp. -stotra, nöthigen Wandlung 4 ) der Weise der 
25 silbigen gdyatri in die der 34silbigen anushtubh svardj (Qänkh. 
Br.). Um einen leidlichen Text, resp. doch eine Art Sinn zu be- 
kommen, lese ich in lc statt des viersilbigen, somit offenbar 
falschen mater iha (matir na Äg. S. f.) mader ha; — in 2b resti- 
tuire ich für navyo mit Äg. f. navyam und fasse es als navyam; 



Agni von den Göttern, Hiranyastupa von den rishi, die Irihatt von 
den Metren ziehen aus, den nach dem Todschlage Vritrcts aus Furcht vor 
ihm (dafs er etwa noch lebe) entflohnen Indra zu suchen. 

a ) als stotriyds für das Gaurivitam sdma, schol. zu Panc; s. auch Ait. 
Br. 4, 2 Hang p. 257. 

2 ) resp. aksharapahkti nach Anitp. (sollte padapankti heifsen, vgl. Ind. 
Stud. 8, 152. 155). 

3 ) insbesondere bei der von Äcvaldyana gegebenen Form von v. 4. 

4 ) täh pa/icavmcatyakshard , ekaikd navabhir navabhir aksharair upa- 
srishtd... tag catustringadakshardh sampadyante, svardd vai tac chando yat 
kirn ca catustringadaksharam g. Br. Auf den Sinn kommt es bei diesen 
Verschmelzungen und Neugruppirungen der Verstheile gar nicht an, wenn 
mir die Silbenzahl stimmt, s. Ind. Stud. 8, 24 ff. 



vom 30. Juni 1870. 473 

in 3 ist in a. mit Ag. f. mitro na zu lesen, yo in b. zu streichen 
und yatir na zu lesen; — in 4 ist in d aviddhi aus Äg. zu re- 
stituiren, in f. g. giro nie umzustellen, und in h. wohl sayugbhir mit 
Ag. zu lesen. Auf die andern zahlreichen Varianten lasse ich 
mich hier nicht weiter ein, und bemerke nur zweierlei. Einmal 
nämlich, dafs statt yatir na „wie ein Zauberer" es jedenfalls 
näher läge yatin na {yatir na) zu lesen und dies auf die bekannte 
Bekämpfung der yati (vgl. yatu, ydtu) durch Indra zu beziehen; 
die Analogie mit den übrigen upasarga aber erheischt den Nom. 
Sgl. Wichtiger ist der zweite Umstand. Wir sehen hier in v. 4 
zwei Verse vereinigt, und zwar ohne die bei Ägval. in dieselben 
eingefügten upasarga; nach dem Zeugnisse des Niddna-sütra aber 
standen in dem damaligen Atharvan-Text auch die drei 
ersten Verse, um die allein es sich im Sämaveda handelt, ohne 
die in unserm jetzigen Texte darin aufgenommenen upasarga; es 
heifst nämlich daselbst: athd'pi gagvad end anupasrishtd Äthar- 
vanikd adhiyate; und auch das Anupada scheint Gleiches anzu- 
deuten mit seiner freilich etwas dunklen Redeweise: aksharapank- 
ty-ekapadd-pr ithag dmndn ad Atharvandm sampadvddas (, tarn 
panktishu caikapaddsu ca samsajya stiwata iti Bhällabindm, pra- 
valia hariha matir neti prathamdydm, navyam na divo na svar nett dvi- 
liydydm, mitro na yatir na bhrigur neu tritiydydm). 



6. An Agni. 

1. Dich stärken soll'n, Agni! die Tag', Jahrzeiten, 
Die Jahre, die Seher und die Wahrheiten! I 
Mit himmlischem Glänze erstrahle stetig! 

Die vier Himmelsgegenden all' erleuchte! Hill 
Dieses Stück kehrt, mit mehrfachen Varianten, in allen drei 
ts-Texten wieder, in Ts. 4, 1, 7, 1. 2. Kdth. 18, 16. Vs. 27, 1—3. 
5. 6 1 ). Es wird daselbst beim agnieayana verwandt, resp. zwi- 
schen die zu dem Thieropfer (ishtakdpagu) gehörigen sdmidlieni- 
Verse eingeschoben (s. Mahiali. ad 1.). — Unter samds versteht 
MaMdhara die Monate; s. indefs Ind. Stud. 4,430 (Ath. 1, 34, 5. 



2 ) es gehören daselbst dazu noch 4 trishtubh und eine anushtubh am 
Schlufs; im Kdth. resp. noch eine fünfte trishtubh. 

33* 



474 G es ammt Sitzung 

Kaiig. 102). Das Feuer soll von Tag zu Tag, von Zeit zu Zeit 
an Kraft zunehmen. 

2. Entzünde dich, Feuer! und ihn mach' wachsen! 

Erheb' dich zu mächtiger Glüeksverein'gung! I 
Nicht leiden soll'n deine Beisitzer, Agni! 

Deine Priester ruhmesreich sei'n, nicht Andre! II 2 II 
ihn, den Opfernden. 

3. Die Brdhman' hier haben erwählt dich, Agni! 

Sei hülfreich uns, Agni, bei (Nacht)-Umhüllung! I 
Sieg' Agni! du ob (unsren) Gegnern, Feinden! 
In unserm Haus wache du unablässig! II 3 II 

4. Packe du an, Agni! mit deiner Herrschkraft! 

Gieb Müh', Agni! dir mit dem Freund in Freundschaft! I 
Im Mittelpunkt stehend der Gleichgebornen, 

Erstrahle hier, Agni! als Hort der Kön'ge. II 4 II 
„im Mittelpunkt stehend", d. i. um den sich alle schaaren. — 
vihavyah „als Hort", eig. als der, der von verschiedenen Seiten, 
als Schiedsrichter nämlich, oder als Helfer, angerufen wird. 
5. Über die Neider, die Streiter, die Unbesonn'nen, Hassenden I 
Über alles Ungemach führ hinweg uns, 

o Agni, gieb uns Mannen-reichen Reichthum! II 5 II 
nilio haben alle vier Texte (ni-hantar Mahidh.); und ob auch 
das Wort sonst nirgendwo vorkömmt, so ist doch wohl kaum nido 
zu lesen? Die Wurzel niksh durchbohren, die sich etwa vergleichen 
liefse, ist vielmehr wohl Desid. aus nag (und in der Bedeutung: 
küssen aus nij?), wie nins aus nam, pits aus pat. — Statt sridho 
haben die Yajus-Texte sridho, vgl. lat. stlis, unser Streit. 

7. Gegenzauber gegen Verfluchung. 

i. Dies Gottgeborne, von Bösen 

gehafste, fluchabwehr'nde Kraut I 
Hat alle Flüche von mir weg 

gespült, wie Wasser spült den Schmutz. II l II 
2. Sowohl des Nebenbuhlers Fluch, 

als auch den Fluch der Basenschaft, I 
Od'r wenn im Zorn ein Priester fluch', 
— all das treten mit Füfsen wir. II 2 II 



vom 30. Juni 1870. 475 

sdpatnah könnte hier speciell etwa: der Fluch der Nebenbuh- 
lerin sein, wenn nämlich das Stück, s. v. 4, einem Weibe in den 
Mund zu legen ist. — jdmydh, der Schwester, d. i. wohl allgemei- 
ner : der weiblichen Verwandtschaft. — Das Amulett hebt über dies 
Alles hinweg. 

3. Vom Himmel 'rab die Wurzel hängt, 

aus der Erd' hebt es sich empor. I 
Mit diesen tausend Stängeln du 

beschütze rings uns allseitig! II 3 IL 
Das Amulett ist somit wohl eine Art Schmarotzerpflanze, die 
ihre zahllosen Triebe von dem Mutterbaum nach unten hinab han- 
gen läfst, so dafs sie (wie beim nyagrodha) in der Erde neue 
Wurzeln schlagen. Die Zahllosigkeit der Triebe verbürgt die 
allseitige Wirkungskraft des Amuletts. „Man trinkt (gegen Fie- 
ber) das Wasser von gekochtem Wegerich, weil dieser 99 Wur- 
zeln hat" Wuttke der deutsche Volksaberglaube d. Geg. §. 529. 

4. Ringsum sie, rings die Kinder mein, 

ringsum schütze die Habe uns! I 
Der Unhold komm' nicht über uns! 
nicht uns're Gegner über uns! II 4 II 
Der Text hat parimdm „rings um diese (Frau) hier"; dann 
mufs der Vers in den Mund des Gatten gelegt werden, der für seine 
Frau um Schutz bittet. Oder ist zu lesen: pari mdm, und der 
Vers in den Mund eines Weibes selbst zu legen? s. v. 2. 

5. Dem Flucher kehre heim der Fluch! 

Der's wohl meint, eins sei'n wir mit dem. 
Wer üb'l uns will, mit Blick bespricht, 
Dem zerbrechen die Ribben wir. II 5 II 
„mit dem sei uns Gemeinschaft". — c. Dieselbe Drohung (aber 
vermittelst einer Salbe) gegen den cakshurmantra, der mit bö- 
sem Blick bespricht, behext, findet sich in 19, 45, i; vgl. das gho- 
ram cakshus, den bösen Blick, in 4, 9, 6 (durch das traikakudam 
dnjanam, die Trikakitd-Salbe vom Himavant, abzuwehren). 19, 35, 3 
(durch denJangida zu bekämpfen); besonders an Frauen gefürchtet, 
vgl. aghoracakshur apatighny edhi Pdr. 1, 4. gdnkh. g. 1, 16. Das 
jihmam cakshus schiefe Auge, Qat. 1, 5, l, 20. gdnkh. 1,6,2 ist 
etwas Anderes und bezieht sich auf Übersehen, Nebenhinsehen. 



476 Gesammtsitzuny 

8. Gegen Feldschaden. 

i. Aufgingen die glückbringenden 

Doppelstern', Namens Vicritau, I 
Sie mögen des Feldschadens Band' 

auflösen, untre, obere! II i II 
Der ganze Vers kehrt in 3, 7, 4 und der erste ITalbvers auch 
in G, 121,3 (vgl. Taitt. Ar. 2, 6, 3), beidemale resp. bei andrer Ver- 
anlassung, wieder, s. meine Abh. über die Nakshatra 2, 291. 292. 
vieritau „die beiden Lösenden" ist der alte Name des später 
mülabarhani, resp. mula allein genannten naksliatra, s. ibid. 2, 394. 
Unter kshetriya ist hier offenbar Feldschaden zu verstehen, 
wie der Zusammenhang unsers Stücks erheischt 1 ), während in 
3, 7, 4 es sich wohl (s. unten bei 10) um eine gefährliche Krank- 
heit handelt, vgl. Naksli. 2, 292. Ind. Stud. 5, 145. 2 ). — Nach Kaue. 
26 veranlafst er (der Priester nämlich) unter Recitirung dieses Spru- 
ches den Betreffenden, für den die Ceremonie gilt, „sich aufsen 
(aufserhalb der zu v. 5 genannten edld?) zu baden" (? „zu begies- 
sen"? ud agdtdm ity dplävayati bahili). 

2. Hinschwinden möge jetzt die Nacht, 

die Zauberspinnerinnen hin! I 
Das Feldschaden tilgende Kraut 

den Feldschaden hinschwinden mach'! II 2 II 
Bei Tagesanbruch zu recitiren, vyuchantydm Kaue. — abhikrit- 
varis, von ykart Cl. 7 spinnen, wovon auch krityd, Zaubergespinnst, 
herzuleiten. 

3. Mit dem Strohhalm der rothbraunen 

Gerste, der silberstengligen, 
Mit der Ranke der Sesampflanz — 
das Feldschaden tilgende Kraut 

den Feldschaden hinschwinden mach'. II 3 I! 



1 ) auffällig freilich, dafs es bei Kaue. (26) unter den als bhaishajydni, 
Heilsprüehe, verwandten Stücken (25 ff.) erscheint! 

2 ) in Bezug auf Kdth. 15, 1 ist mir die Sache noch immer zweifelhaft: 
idam aham amushydmushyäyanasya kshetriyam avayaje (resp. apidadhdmi) heifst 
es daselbst, und dies führt eben doch auf eine Krankheit! aber der Spruch 
wird verwendet zur Opferung eines ausgehobenen Ameisenhaufens (val- 
nükavapdm uddhatya, s. hier Raup, zu v. 3) ; und zwar geschieht diese in ein 
Feuer, das auf sväkrita irina, aufgerissenem unfruchtbarem Boden angelegt 
ist , und dies führt auf Feldschaden! 



vom SO. Juni 1870. 477 

„Die im Verse genannten Gegenstände, sowie einen Erdklofs 
und einen Ameisenhaufen, die zu umcirkeln (und auszuheben) 
sind, bindet man in einen Hodensack (?) den man zuvor einem leben- 
digen Thier abgebunden (abgeschnürt) hat (?)" ; mantrokiam dkriti- 
losh1a(?)-valmikau parilikhya jivakoshanydm 1 ) utsivya badlmdti, Kaug. 
Die Castration durch Abschnüren geht auch bei uns wohl jetzt noch 
neben der durch Schneiden einher. Meine obige Übersetzung ist 
übrigens rein konjekturell; über das, was weiter zu geschehen hat, 
s. die Angabe zu v. 5. — Die Construktion des Verses ist ana- 
koluthisch; man erwartet nach pdda 3 etwa: „wir den Feldscha- 
den treiben fort"; der Refrain aber wog vor. Gerste und Sesam 
sind offenbar die Hauptvertreter der Ackerfrüchte. 
4. Verneigung deinen Pflügen sei, 

den Deichseln und den Jochen dein! I 
Das Feldschaden tilgende Kraut 
• den Feldschaden hinschwinden mach'! II 4 II 

„Hiermit begiefst er einen Pflug- Stier, über das Haupt"; iti 
slrayogam (s. Kdty 5, 11, 12 yoga — balivarda) adhigiro 'vasincati, 
Kaug. Und zwar wohl mit dem Wasser, welches beim näch- 
sten Verse erwähnt wird? oder mit dem, welches zu dem Bade 
bei v. 1 diente? Auffällig bleibt, dafs der Text stets nur von 
einem Kraut (virudh), nicht von einer Flüssigkeit spricht; es 
bleibt somit ungewifs, in wie weit die Angaben bei Kaug. wirk- 
lich für die vom Text im Auge gehabte Ceremonie maafsgebend sind. 
5. Den Zwinkernd-äugigen, Auftrag' Ausführenden Verneigung sei! 
Verneigung sei dem Feldes-Herrn ! I 
Das Feldschaden tilgende Kraut 

den Feldschaden hinschwinden mach' ! II 5 II 
„In einer leeren Halle 2 ) thue er (der Priester?) die (in v. 3 
genannten resp. bei Kaug., aufserdem noch dazu aufgeführten) Zu- 
thaten in Wasser hinein, (giefse dies) dann in eine alte Grube 
(Cisterne?), die mit in der Halle gewachsenen (?) Gra